Die literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wiedererzählen und Übersetzen ist ein in der germanistischen Mediävistik und darüber hinaus weit verbreitetes Paradigma, das auf einen Forschungsaufsatz des Mediävisten Franz Josef Worstbrock zurückgeht. Es geht dabei um den Unterschied zwischen der Art, wie (antike) Texte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in andere Sprachen übertragen werden.
In einem 1999 veröffentlichten gleichnamigen Artikel[1] erläutert Worstbrock, dass literarisches Erzählen im Mittelalter nicht auf Originalität, sondern auf der Überliefertheit des Erzählstoffes basiere. Im deutschsprachigen Mittelalter wurden vor allem bereits vorhandene Geschichten nacherzählt, etwa die Artusliteratur, deren deutsche Versionen auf den französischen Texten von Chrétien de Troyes beruhen, oder antike Stoffe wie der Trojanische Krieg. Dabei stehe der Erzählstoff (die materia) im Vordergrund, der Stil und die Form der Erzählung seien zweitrangig.[1.1] So wurden die Erzählungen stark an zeitgenössische Vorstellungen angepasst (mediävalisiert).[2] In modernem Erzählen findet sich diese Art der Adaption etwa im Witz, der weitererzählt wird, ohne dass auf den genauen Wortlaut geachtet wird, und in dem einzelne Elemente angepasst werden können, solange die Pointe stimmt.[3] Für diese Art der Adaption von Erzählungen wählt Worstbrock den Begriff Wiedererzählen.
Dagegen grenzt er Übersetzen ab, das sich erst in der Frühen Neuzeit (ab dem späten 15. Jahrhundert) entwickle, sodass „Wiedererzählen und methodisches Übersetzen [...] demgemäß, ungeachtet aller Fälle von Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, historisch einander inkompatibel, Positionen verschiedener Historizität sind.“[1.2]
Übersetzen wird als „präzise Wiederholung eines Originals“ aufgefasst.[1.3] Als Merkmale des Übersetzens beschreibt Worstbrock, dass eine Reflexion über die Frage der Äquivalenz, also der Übereinstimmung von Ausgangs- und Zieltext stattfinden müsse, der Ausgangstext den Zieltext bestimmen müsse und der Autor des Ausgangstexts genannt werde.[1.3] Deshalb sei für Übersetzen ein moderner Werk- und Autorbegriff nötig, der sich erst mit dem Humanismus entwickle.[1.4] Vorbilder für diese Kriterien sind die frühneuzeitlichen Antikenübersetzungen von Niklas von Wyle und Matthias Ringmann. Die Beobachtung, dass Erzählen im Mittelalter nicht mit Neuschöpfung und Originalität verbunden wird, wie es (spätestens) seit der Goethezeit passiert, wurde bereits vor Worstbrock gemacht. Seine Begriffsprägung als Wiedererzählen hat dem Phänomen jedoch einen kanonischen Namen gegeben.[4]
Insbesondere das Konzept Wiedererzählen wird bei der Erforschung mittelalterlicher Texte bis heute verwendet und ist „in den letzten 20 Jahren zum wichtigsten, wenn auch zum Teil erheblich kritisierten Ansatz für die Erforschung der Erzählverfahren sowie der Poetologien der mittelhochdeutschen Erzähldichtung avanciert“[5]. Neuere Konzepte wie das Wiederdichten bauen wesentlich auf dem Wiedererzählen auf und leiten sich auch sprachlich davon ab.[6] Über das Mittelalter hinaus wird es auch im Bereich der Fanfiction genutzt.[7] Im Englischen wird der Begriff „retelling“ verwendet, um vor allem moderne Neuerzählungen klassischer Texte zu beschreiben, beispielsweise die Nacherzählungen antiker Mythen wie in Madeline Millers Romanen.[8]
Wiedererzählen bzw. retelling ist als Begriff nach wie vor verbreitet, auch wenn es sowohl Kritik als auch Versuche gab, begriffliche Alternativen wie Anders- oder Neuerzählen zu etablieren.[9]
Dagegen wurde die Abgrenzung zum Übersetzen vor allem von Frühneuzeit-Forschenden als reduktionistisch kritisiert.[10][11][12][13][14] Es wurde angemerkt, dass die Gegenüberstellung von Wiedererzählen und Übersetzen einen sehr engen Übersetzungsbegriff verwendet.[15][12] Dem steht der Begriff der kulturellen Übersetzung gegenüber, der auch freiere Übertragungen zwischen Kulturen mit einschließt, zum Beispiel durch Kunst oder Musik, und der vor allem in den Geschichts- und Sozialwissenschaften angewandt wird.[16] Außerdem beschreibe das Modell nur zwei äußere Pole einer Skala. Es sei aber schon im Mittelalter „die Pluralität der Strategien und Prinzipien des Übersetzens auffällig“ gewesen,[17] und auch in der Frühen Neuzeit werde „[d]ie Praxis des Wiedererzählens […] nicht vollständig von einem formbewussten Übersetzen abgelöst, sondern sie wird parallel dazu fortgeführt.“[18]
Auch in den Translation Studies betonen viele Forschende die Kontinuität in der Übersetzungspraxis zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit.[19][20]
- ↑ Franz Josef Worstbrock: Wiedererzählen und Übersetzen. In: Walter Haug (Hrsg.): Mittelalter und frühe Neuzeit. Übergänge, Umbrüche und Neuansätze. Niemeyer, Tübingen 1999, ISBN 3-484-15516-7 (128-142 S.).
- ↑ Elisabeth Lienert: Deutsche Antikenromane des Mittelalters (= Grundlagen der Germanistik. Band 35). Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 978-3-503-06116-7.
- ↑ Johannes Klaus Kipf: Zwischen Wiedererzählen und Übersetzung. Übertragungen frühneuhochdeutscher Schwänke in neulateinische Fazetien und umgekehrt im Vergleich. In: Britta Bußmann (Hrsg.): Übertragungen. Formen und Konzepte von Reproduktion in Mittelalter und Früher Neuzeit. De Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 978-3-11-018339-9, S. 219 (219-251 S.).
- ↑ Friedrich Michael Dimpel: Freiräume des Anderserzählens im "Lanzelet" (= Beihefte zum Euphorion. Heft 73). Winter, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-8253-6224-9, S. 9 f.
- ↑ Jan Stellmann: Artifizialität und Agon. Poetologien des Wi(e)derdichtens im höfischen Roman des 12. und 13. Jahrhunderts. De Gruyter, Berlin / Boston 2022, ISBN 978-3-11-071995-6, S. 16, doi:10.1515/9783110719956.
- ↑ Jan Stellmann: Artifizialität und Agon: Poetologien des Wi(e)derdichtens im höfischen Roman des 12. und 13. Jahrhunderts (= Andere Ästhetik. Studien. Nr. 3). De Gruyter, Berlin; Boston 2022, ISBN 978-3-11-069266-2, S. 42–52.
- ↑ Thalia Vollstedt: Wiedererzählen von Mittelalter bis Gegenwart: Albrechts "Jüngerer Titurel" als Fanfiction (= Populäres Mittelalter. Band 8). transcript, Bielefeld 2025, ISBN 978-3-8394-0604-5.
- ↑ ERC Project DERIVATE – Chair of English Literature including the Literatures of the Middle Ages. Abgerufen am 8. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Jan Stellmann: Artifizialität und Agon: Poetologien des Wi (e) derdichtens im höfischen Roman des 12. und 13. Jahrhunderts. Berlin 2022, ISBN 978-3-11-069266-2, S. 16 f. (De Gruyter).
- ↑ Regina Toepfer: Frühneuzeitliche Konzepte und Reflexionen des Übersetzens: Prinzipien. In: Handbuch Übersetzen in der Frühen Neuzeit. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-662-68654-6, S. 6, doi:10.1007/978-3-662-68654-6_19-1 (1-8 S.).
- ↑ Regina Toepfer, Johannes Klaus Kipf, Jörg Robert: Einleitung: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). In: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). De Gruyter, 2017, ISBN 978-3-11-052723-0, S. 11–13, doi:10.1515/9783110527230-001 (1–24 S.).
- ↑ a b Jan-Dirk Müller: Parameter des Übersetzens. In: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). De Gruyter, 2017, ISBN 978-3-11-052723-0, S. 33 f., doi:10.1515/9783110527230-003 (33–56 S.).
- ↑ Elisabeth Schmid: Erfinden und Wiedererzählen. In: Renate Schlesier und Beatrice Trînca (Hrsg.): Inspiration und Adaptation. Tarnkappen mittelalterlicher Autorschaft (= (Spolia Berolinensia 29)). Weidmann, Hildesheim 2008, S. 41–55.
- ↑ Ludger Lieb: Die Potenz des Stoffes. Eine kleine Metaphysik des Wiedererzählens. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. 124 (Sonderheft), 2005, S. 356–379.
- ↑ Regina Toepfer: Translationsanthropologie. Philologische Übersetzungsforschung als Kulturwissenschaft: mit einer exemplarischen Analyse der ersten deutschen 'Odyssee' von Simon Schaidenreisser (1537/38) (= Neue Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Band 7). 1. Auflage. Wehrhahn Verlag, Hannover 2022, ISBN 978-3-86525-952-3, S. 18 f.
- ↑ Peter Burschel: Sektionseinleitung III: Kulturelle Zugehörigkeiten und Gesellschaft. In: Übersetzen in der Frühen Neuzeit – Konzepte und Methoden / Concepts and Practices of Translation in the Early Modern Period. Band 1. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-662-62561-3, S. 259 f., doi:10.1007/978-3-662-62562-0_17 (357–364 S.).
- ↑ Regina Toepfer, Johannes Klaus Kipf, Jörg Robert: Einleitung: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). In: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). De Gruyter, 2017, ISBN 978-3-11-052723-0, S. 11, doi:10.1515/9783110527230-001 (1–24 S.).
- ↑ Regina Toepfer, Johannes Klaus Kipf, Jörg Robert: Einleitung: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). In: Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). De Gruyter, 2017, ISBN 978-3-11-052723-0, S. 12, doi:10.1515/9783110527230-001 (1–24 S.).
- ↑ Hans J. Vermeer: Das Übersetzen in Renaissance und Humanismus: 15. und 16. Jahrhundert. 2: Der deutschsprachiger Raum: Literatur und Indices (= Reihe Wissenschaft. Band 7). TextconText-Verl, Heidelberg 2000, ISBN 978-3-9805370-9-4, S. 121–124.
- ↑ Susan Bassnett: Translation studies (= New accents). Vierte Auflage. Routledge, London New York 2014, ISBN 978-0-415-50670-0, S. 52 f. (englisch).
🔮 Noir24 Archiv-Hinweis
Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Wiedererzählen und Übersetzen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.
