Das Orakel von Siwa oder auch Orakel des Ammon war eine antike Orakelstätte in der Oase Siwa (heute Ägypten).
Geschichte der Orakelstätte
Eingang zur Orakelstätte
Seit wann und wie die Oase Siwa zu einer Orakelstätte wurde, ist bislang unbekannt. Herodot schrieb im 5. Jh. v. Chr. zwei Entstehungslegenden: „Die Priesterinnen erzählten mir Folgendes: Zwei schwarze Tauben sind einst von Theben aufgeflogen. Eine Taube flog zu ihnen nach Dodona, wo sie sich auf einer Eiche niederließ und mit menschlicher Stimme rief, es müsse hier ein Orakel des Zeus gestiftet werden! Die andere Taube ist nach Libyen geflogen und forderte die Libyer auf, ein Orakel des Amon zu gründen.“ In der zweiten Entstehungsgeschichte entführten Phönizier zwei Priesterinnen aus Theben. Eine wurde nach Libyen verkauft und die andere nach Griechenland.
Das Orakel von Siwa war neben dem Orakel von Delphi (Apollo) und Dodona (Zeus) die bekannteste Orakelstätte in der Antike. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. befand es sich in einem erst in dieser Zeit gebauten Tempel (Ammonion), der dem altägyptischen Gott Amun geweiht war. Die Archäologen sind sich jedoch heute einig, dass Siwa bereits vor dem Bau dieses Amun-Tempels schon als Orakelort bekannt war. Ferdinand Tönnies vermutete bereits 1876, dass sich das Orakel von Siwa vor der Errichtung des Amun-Tempels am selben Platz in einem ursprünglichen Heiligtum des Apollon Karneios befand.[1]
Der bekannteste Besucher des Orakels ist zweifellos Alexander der Große, der wohl Macht und Einfluss des Orakels nutzte und sich in Siwa vom Oberpriester als „Sohn des Gottes“ (Zeus-Amun) begrüßen ließ.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Oase Siwa von Rommels Afrikakorps insgesamt dreimal besetzt. Dabei badeten einige seiner Soldaten nackt in dem steingefassten Becken des berühmten heiligen Brunnens in der Nähe des Amun-Tempels, was den Einheimischen als Sakrileg und böses Omen galt.
Ablauf eines Orakels
Anders als in Delphi oder Dodona gab es in Siwa keine Orakelsprüche, sondern nur Ja- und Nein-Antworten. Bewegte sich die Amun-Figur auf den Fragensteller zu, so lautete die Antwort „Ja“. Bewegte sich die Figur vom Fragesteller weg, so lautete die Antwort „Nein“. Die Amun-Figur wurde von den Priestern bewegt.
Königsorakel hatten jedoch einen anderen Ablauf: Könige oder Priester stellten ihre Fragen alleine im Allerheiligsten des Tempels. Anschließend erhielten sie ein göttliches Orakelschreiben vom Oberpriester oder der Oberpriester verkündete Amuns Antwort auf die Fragen, die vorgeblich ja keinem Menschen außer dem Fragesteller bekannt sein konnten. Es wurde aber archäologisch eine Geheimkammer über dem Allerheiligsten nachgewiesen, in der ein versteckter Priester die Fragen hören konnte.[2]
Bekannte Orakelsprüche
Kambyses II., 523 v. Chr.
siehe auch: Verlorene Armee des Kambyses
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass der persische König Kambyses II., der Sohn von Kyros dem Großen, 523 v. Chr. das heilige Orakel von Siwa mit 50.000 Mann plündern wollte, da es den Niedergang des Königs prophezeit hatte. Bevor er und seine Männer jedoch ihr Ziel erreicht hatten, wurden sie von einem Sandsturm überrascht.
Kimon, 449 v. Chr.
Kimon, der Sohn von Miltiades dem Jüngeren, schickte seine Boten nach Siwa, um „bestimmte geheime Angelegenheiten“ zu klären. Das Orakel gab den Boten keine Antwort. Es schickte sie zurück, da Kimon bereits bei Amun war. Als sie ihre Heimat wieder erreichten, erkannten die Boten den Sinn der Antwort: Kimon war an dem Tag gestorben, an dem sie die Frage gestellt hatten.
Alexander der Große, 331 v. Chr.
Nachdem Alexander der Große Ägypten erobert und die Rolle des Pharaos übernommen hatte, indem er in Heliopolis dem Re und in Memphis im Tempel des Ptah dem Apis geopfert hatte, reiste er mit seinem Gefolge durch die Wüste nach Siwa. Begleitet wurde Alexander u. a. von Kallisthenes von Olynth, dessen Überlieferung[3] später als Quelle für die drei Geschichtsschreiber Strabon,[4] Diodor[5] (beide im 1. Jh. v. Chr.) und Plutarch[6] (1. Jh.) diente. Er wollte das Orakel sowohl über die Zukunft als auch über die eigene Herkunft befragen, denn:
er führte einen Teil seiner Entstehung auf Ammon zurück, ähnlich wie die Mythen Herakles und Perseus von Zeus abstammen lassen.[7]
In Siwa angekommen musste Alexanders Gefolge entsprechend dem Ablauf eines Königsorakels außerhalb des auf dem Hügel von Aghurmi gelegenen Tempels warten und Alexander betrat allein das Allerheiligste, wo er vor dem Kultbild seine Fragen stellte. Diodor schreibt, dass der Oberpriester ihn fragte, ob er sich als Sohn Amuns fügen möchte. Alexander bejahte dies und fragte ihn, ob sein Vater (Amun) ihm die Herrschaft über die Welt genehmigt. Dieser rief, dass Amun ihm den Wunsch mit absoluter Gewissheit gewährt. Nach Plutarch fragte Alexander erst nach dem Mörder seines Vaters.
Als Alexander aus dem Tempel kam, sagte er zu seinen Begleitern, er habe gehört, was er habe hören wollen. Die Anerkennung Alexanders als Sohn Amuns durch das Orakel verschaffte der Legitimation seiner Herrschaft über Ägypten zweifellos eine noch festere Basis.
Anschließend erfolgte das öffentliche Prozessionsorakel für das Gefolge Alexanders. Achtzig Priester trugen das Kultbild des Amun auf einer Barke von Aghurmi auf der geraden Straße zum gegenüberliegenden Amun-Tempel von Umm Ubayda. Dabei beantwortete die Barke Fragen der Zuschauer durch entsprechende Neigung. Das Bild wird als einem „Nabelstein“ (Omphalos) ähnlich beschrieben.[8] Möglicherweise handelte es sich um das bis auf den Kopf verhüllte Bildnis des Min-Amun.[9]
Die Griechen identifizierten Amun mit Zeus-Amun, der als libyscher Amun auch in Griechenland verehrt wurde. Seit dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. ist eine bedeutende Kultstätte im makedonischen Aphytis auf der Halbinsel Chalkidike belegt.[10] Alexander konnte sich also dem Gott des Orakels besonders verbunden fühlen.
Literatur
Kai-Christian Bruhn: Ammoniaca I. „Kein Tempel der Pracht“ Architektur und Geschichte des Tempels aus der Zeit des Amasis auf Aġūrmī, Oase Siwa. Harrassowitz, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-447-05713-4.
Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-10422-6, S. 10f.
Klaus-Peter Kuhlmann: Das Ammoneion : Archäologie, Geschichte und Kultpraxis des Orakels von Siwa (= Archäologische Veröffentlichungen. Band 75). von Zabern, Mainz 1988, ISBN 3-8053-0819-1.
Richard Pietschmann: Ammoneion. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I,2, Stuttgart 1894, Sp. 1858–1860.
Synkretismus bedeutet in der ägyptischen Mythologie, dass zwei oder mehr Götter zu einem einheitlichen Ganzen verschmelzen, wie beispielsweise Atum-Re oder Amun-Re, wobei der überregionale Sonnengott Re mit dem heliopolitanischen Schöpfungsgott Atum oder dem thebanischen Amun (dem Verborgenen) eine Verbindung eingeht und so zu einer eigenen neuen Gottheit wird, die neben die beiden ursprünglichen Götter treten kann. So bezeichnet Atum–Re den Aspekt des abendlichen Sonnengottes, während Re den Sonnengott generell meint.
Voraussetzungen
Die Verschmelzbarkeit der Götter hängt ursächlich mit der dreitausendjährigen ägyptischen Religionsgeschichte zusammen, dem Wandel des Gottesbildes, dem Aufkommen neuer Götter wie Osiris ab dem Ende der 4. Dynastie, des thebanischen Amun ab dem Ende der Ersten Zwischenzeit und der Übernahme asiatischer Gottheiten im Neuen Reich. Es kommt hinzu, dass es keine theologische Festschreibung gibt, so dass die Charaktere der Götter fließend bleiben. Dies macht sich auch in der Ikonografie bemerkbar.
Die mögliche Gleichsetzbarkeit der Götter hängt von ihrem Geschlecht, ihren Merkmalen und Funktionen ab. Manche, zunächst nur lokale Gottheiten, werden durch die Verschmelzung mit einem überregionalen Gott aufgewertet, bevor sie wie Amun-Re im Neuen Reich zu einem übermächtigen Gott werden.
Beispiele für Götterverschmelzungen
Altes Reich
Ptah-Sokar (Verschmelzung des memphitischen Schöpfergottes mit dem memphitischen Nekropolengott)
Mittleres Reich
Amun-Re ab der 12. Dynastie
Sobek-Re ab der 12. Dynastie Verschmelzung und Aufwertung des krokodilgestaltigen Hauptgottes des Fayum mit dem überregionalen Sonnengott Re
Chnum-Re (Chnum als ursprünglich lokale Gottheit von Esna und im Gebiet des 1. Katarakts)
Das Neue Reich ist gekennzeichnet durch die Expansion nach Vorderasien und die Übernahme kanaanäischer Götter. So verehrt man in der Großen Sphinx von Gizeh den Sonnengott Re in seiner Manifestation als Harmachis (Horus im Horizont), gleichzeitig aber auch den kanaanäischen Gott Hauron, so dass es zu einer Verschmelzung Hauron-Harmachis kommt.
Im Neuen Reich ab Tutanchamun, der von Amarna nicht mehr nach Theben, sondern nach Memphis übersiedelt, kommt es zu einer zunächst politisch begründeten Gleichsetzung von Amun–Re-Ptah, der nun als Weltgott gilt.[1]
Die Bedeutung der Dreiheit Amun, Re und Ptah geht auch aus dem Leidener Amunhymnus hervor:
Drei sind alle Götter: Amun, Re und Ptah, keinem gibt es ihresgleichen. Verborgen ist sein Name als Amun, als Re wird er wahrgenommen, sein Leib ist Ptah. Ihre Städte auf Erden bleiben immerdar: Theben, Heliopolis und Memphis, bis ans Ende der Zeit.[2]
Spätzeit
Erst in der Spätzeit kommt es auch zu Verschmelzungen von männlichen und weiblichen Gottheiten. In der Ptolemäerzeit kommt Serapis (Osiris–Apis) als neuer synkretistischer Gott hinzu, indem Osiris eine Verbindung mit Apis, dem memphitischen Stiergott eingeht, dionysische Züge übernimmt und auch Eingang in das römische Pantheon findet.
Besonderheiten
Auch der Sonnengott Re kann zum Totengott Osiris werden und mit diesem verschmelzen. Dies wird dadurch möglich, dass Re auf seiner nächtlichen Fahrt durch die Unterwelt stirbt und am Morgen als Chepre (auch: Chepri) neu geboren wird.
Literatur
Jan Assmann: Re und Amun. Die Krise des polytheistischen Weltbilds im Ägypten der 18.-20. Dynastie (= Biblicus et Orientalis. Band 51). Universitätsverlag / Vandenhoeck & Ruprecht, Fribourg / Göttingen 1983, ISBN 3-7278-0278-2.
Jan Assmann: Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur (= Urban-Taschenbücher. Band 366). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1984, ISBN 3-17-008371-6.
Erik Hornung: Der Eine und die Vielen: altägyptische Götterwelt. 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Primus-Verlag, Darmstadt 2005, ISBN 3-89678-539-7.
Wolfgang Schenkel, In: Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band II: Stichwort :Götterverschmelzung. Harrassowitz, Wiesbaden 1977, Spalten 720–725.
Einzelnachweise
↑Jan Assmann: Ägyptische Hymnen und Gebete. Eingeleitet, übersetzt und erläutert (= Bibliothek der alten Welt.). Artemis, Zürich 1975.
↑Zitiert nach Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottesvorstellungen. 1. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971, S. 215.
Der Tagewählkalender existierte im Alten Ägypten als sogenannter Schicksalskalender, der die Monats- oder Jahrestage omenähnlich positiv oder negativ einstufte und teilweise für entsprechende Tage auch Empfehlungen zum Verhalten sowie Prophezeiungen gab. Die spezielle Form der Tagewählerei verschmolz in der Spätzeit mit dem babylonischen Zodiak und legte als astronomisches Instrument höchstwahrscheinlich den Grundstein zur späteren Sieben-Tage-Planetenwoche, die ebenfalls astrologische Aussagen über die Auswirkungen von Unternehmungen an betreffenden Tagen, Stunden, Monaten und Jahren macht.[1]
Hintergrund
In der altägyptischen Geschichte kann der Tagewählkalender dem Mittleren Reich (2010 bis 1793 v. Chr.) und während des Neuen Reiches (1550 bis 1069 v. Chr.) verstärkt der Ramessidenzeit (1188 bis 1076 v. Chr.)[2] zugeordnet werden. Der aus der Ramessidenzeit stammende Kalender pTurin CGT 54016 vso mit dem Titel „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ ist der am vollständigsten erhaltene Papyrus, der aus drei Büchern besteht. Im zweiten Buch werden alle Tage des Jahres, einschließlich der Heriu-renpet und des Schaltmonats aufgelistet.[3]
Die zusätzliche Drittelung der Tage ist in der ägyptischen Mythologie begründet, in der die drei Wandlungsphasen des Sonnengottes Re am Taghimmel eine wichtige Rolle spielen und Re im Verlauf des Tages mehrere Erscheinungsformen annehmen ließ; kurz vor Sonnenaufgang als Horus im Horizont, mit den ersten Strahlen der Sonne in der Mesqet als Chepre, mittags als Horus-Falke und abends als untergehende Sonne Atum. Die Nacht, in der Re im Innern der Göttin Nut in der Duat weilte, galt immer als ungünstig.[4] Jedes Tagesdrittel war mit einer Prophezeiung versehen, die jeden Zeitabschnitt mit „gut“ oder „schlecht“ einstufte.
Die Tageseinteilung unterlag einzelnen Götterfesten, die als Grundlage mythologische Erzählungen und Empfehlungen sowie Schicksalsvorhersagen für den jeweiligen Zeitabschnitt hatten, die genauestens regelten, was zu tun und was zu unterlassen war. Zu Beginn eines jeden Jahres wurde der zuständige Tagewählkalender präsentiert. Bekanntes Beispiel ist der Schicksalskalender aus dem neunten Regierungsjahr des Amenophis I., der die Festtage und die zugehörigen Anfänge der Monate des ägyptischen Mondkalenders den entsprechenden Tagen im ägyptischen Verwaltungskalender gegenüberstellt.
Der Tagewählkalender zeigt die Beziehung der Götter zu den Monaten und deren Zuordnungen. Der Name der jeweiligen Gottheit bezeichnete daher nicht den Monat selbst, sondern das Fest, welches den Göttern gewidmet wurde.[5] Im weiteren Verlauf der altägyptischen Geschichte haben sich diese Götter zu „Herren und Schutzgötter der Monate“ entwickelt.[6] Herodots Berichte bestätigen ergänzend die Inhalte der religiösen Texte:
„Ferner ist von den Ägyptern auch zuerst festgestellt worden, welcher Monat und Tag den
einzelnen Göttern heilig ist und welche Schicksale, welches Ende und welchen Charakter die
an diesem oder jenem Tage Geborenen haben werden. Griechische Dichter haben diese Dinge
ebenfalls übernommen. Und Vorzeichen haben die Ägypter weit mehr herausgefunden als
alle anderen Völker. Wenn etwas Auffälliges geschieht, achten sie auf dessen Folgen
und schreiben sie auf. Bei einem ähnlichen Vorfall in der Zukunft glauben sie dann, es müssten
wieder die gleichen Folgen eintreten.“
Traditionell wurde bisher die Entstehung von astrologischen Konzepten mit Mesopotamien und Griechenland verbunden, jedoch Ägypten marginalisiert. Das analysierte ägyptische Textmaterial weist ebenso in eine andere Richtung wie Herodots Aussagen. Die mesopotamischen Schriften gelangten zunächst nach Ägypten und vermischten sich mit religiös-astronomischen Vorlagen aus Alexandria. Die ägyptisch-astrologische Terminologie ist sehr gut in demotischer, griechischer und lateinischer Sprache sowie im Sanskrit bezeugt. Im mesopotamischen Raum sind dagegen diese Formen unbekannt. Formulierungen und Satzbau verweisen zudem auf die typischen Muster in den Pyramidentexten. Der Befund des Nutbuches zeigt weitere Gemeinsamkeiten. Hinzu kommt der Umstand, dass die antiken astrologischen Traktate die Lehren ebenfalls stets auf ägyptische Autoren zurückführen.[1]
Hans Bonnet: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. (Früher: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte.) Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-08-6.
Friedrich Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Band 1 – Zeitrechnung der Babylonier, Ägypter, Mohammedaner, Perser, Inder, Südostasiaten, Chinesen, Japaner und Zentralamerikaner. Deutsche Buch-Ex- und Import, Leipzig 1958 (Nachdruck Leipzig 1906).
Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0.
Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 6, Harrassowitz, Wiesbaden 1986, ISBN 3-447-02663-4.
Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne – Das sogenannte Nutbuch. The Carsten Niebuhr Institute of Ancient Eastern Studies (u. a.), Kopenhagen 2007, ISBN 978-87-635-0406-5.
Einzelnachweise
↑ abAlexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne – Das sogenannte Nutbuch. The Carsten Niebuhr Institute of Ancient Eastern Studies (u. a.), Kopenhagen 2007, S. 146–147.
↑Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie'. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, S. 241–243.
↑ abcdefghijVgl. Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 6, Harrassowitz, Wiesbaden 1986, Spalte 153–154.
↑Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 5, Harrassowitz, Wiesbaden 1985, Spalte 1088.
↑Friedrich-Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Band 1, S. 166.
↑Vgl. Hans Bonnet: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte (Früher: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte), Nikol, Hamburg 2005, S. 470.
Als Papyrus Westcar oder Westcar-Papyrus wird eine 1823/1824 von Henry Westcar erworbene ägyptische Papyrusrolle bezeichnet. Es ist das bislang älteste erhaltene Dokument, in dem von Zauberern berichtet wird. Die Papyrusrolle befindet sich seit 1886 unter der Bezeichnung Papyrus Berlin P 3033 in der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums Berlin und wird meist in das späte Mittlere Reich (ca. 1837–1760 v. Chr.)[1] oder in die 13. Dynastie (ca. 1759–1630 v. Chr.)[2] datiert.
Der Text des Schriftstücks umfasst insgesamt fünf Erzählungen, von denen die erste nur noch in ihrem Abschluss erhalten ist und die fünfte möglicherweise unvollendet blieb. Die Texte beziehen sich auf den ägyptischen Herrscher Cheops (4. Dynastie, Altes Reich), der sich von seinen Söhnen Berichte über Wunder erzählen lässt, die unter seinen Vorgängern geschehen sein sollen, bis er selbst Zeuge eines Wunders wird.
Der Westcar-Papyrus ist bis heute Gegenstand intensiver ägyptologischer Forschung und voneinander abweichender Deutungen, da die im Text behandelten Fabeln Anspielungen auf die Persönlichkeit der ägyptischen Könige Cheops, Snofru und Nebka enthalten. Sie präsentieren daneben eine interessante Chronologie hinsichtlich der Herrscherfolge des Alten Reiches und gewähren Einblicke in sozial-kulturelle Strukturen, beispielsweise in das altägyptische Gerichtswesen.
Entdeckungsgeschichte
Karl Richard Lepsius (1810–1884)
Henry Westcar erwarb den Papyrus auf seiner Ägyptenreise 1823/1824. Die genauen Fundumstände sind Westcars Tagebuch nicht zu entnehmen, weil er nicht jedes Detail der Kaufabwicklungen vermerkt hat. Da aber alle seine Ankäufe aus Gräbern stammen, geht man mitunter davon aus, dass auch dieser Papyrus aus einem Grab stammt. Verena Lepper kommt in der neuesten Bearbeitung des Papyrus zu dem Schluss, dass der Papyrus Westcar möglicherweise in el-Qurna gekauft wurde oder sogar aus einem dortigen Grab stamme. Sie betont jedoch, dass die Ursprungsbestimmungen in diesem besonderen Fall mit Vorsicht zu betrachten sind.[3]
1838/39 erhielt Karl Richard Lepsius den Papyrus nach eigener Aussage als Geschenk von Mary Westcar, einer Nichte Henry Westcars. Da Lepsius erste Zeichen Hieratisch lesen und zumindest die Kartuschennamen (Thronname und Eigenname) ägyptischer Könige im Text identifizieren konnte, datierte er das Schriftstück ins Alte Reich. Allerdings gibt es Unstimmigkeiten bei den überlieferten Daten über den weiteren Verbleib des Papyrus: Lepsius gibt an, der Papyrus sei in der Oxford Bodleian Library ausgestellt worden. Jedoch sind Ausstellungen dort erst ab 1860 belegt, ohne dass Lepsius dabei in Erscheinung tritt. Lepsius bewahrte den Papyrus auf seinem Dachboden auf, wo er erst nach seinem Tod 1884 wiedergefunden wurde. Die zahlreichen Ungereimtheiten und Widersprüche in Lepsius Aussagen führten im Laufe der Forschung zu Spekulationen, wonach Lepsius den Papyrus gar gestohlen haben könnte.[3] 1886 erwarb der Ägyptologe Adolf Erman den Papyrus von Lepsius’ Sohn und übergab das wertvolle Schriftstück dem Berliner Museum. Da die Hieratische Schrift bis zu diesem Zeitpunkt noch immer kaum erforscht war, wurde der Papyrus als Kuriosum ausgestellt.[4]
Seit der Erstveröffentlichung 1890 durch Erman wurde der Text wiederholt mit unterschiedlichen Ergebnissen übersetzt. Auch die Datierung schwankte mehrfach zwischen der 5. Dynastie und der Zweiten Zwischenzeit. Häufig gilt er als Literaturstück aus der Zeit des späten Mittleren Reiches, die jüngste Bearbeitung durch Verena Lepper datiert ihn nach umfangreichen Untersuchungen in die frühe 13. Dynastie. Dabei orientiert sie sich an bestimmten Ausdrucksweisen und Stilnoten, die im Text des Westcar-Papyrus zutage treten und typisch für diese Epoche waren.[5]
Beschreibung
Der Westcar-Papyrus besteht heute aus drei Teilen. Zur Zeit von Lepsius und Erman bestand er noch aus zwei Hälften. Der erste Teil enthält auf seinem Recto (Vorderseite) die Kolumnen eins bis drei, der zweite Teil auf seinem Recto die Kolumnen vier und fünf und der dritte Teil enthält rückseitig die Kolumnen sechs bis neun. Auf der Vorderseite des dritten Teils befinden sich die Kolumnen zehn bis zwölf. Wann und warum der Papyrus in drei Teile geteilt wurde, ist unbekannt. Der Papyrus ist dünnfaserig, von grau-hellbrauner Farbe und von seiner Beschaffenheit her sehr zerbrechlich. Der erste Teil wurde auf Leinen aufgezogen und zwischen zwei Glasscheiben geklemmt, an fünf Stellen wurde der Papyrus mit Methylzellulose festgeklebt. Der zweite Teil liegt heute auf einem Karton und einer Holzplatte und wurde mit einer Glasscheibe abgedeckt. Der dritte Teil schließlich ist ebenfalls zwischen zwei Glasplatten geklemmt worden, allerdings wurde hier der komplette Papyrus an der hinteren Scheibe festgeklebt. Das hierfür verwendete Bindemittel hat seine Durchsichtigkeit größtenteils eingebüßt, sodass ein weißer Schleier entstand. Bei allen Teilen wurden die Ecken offengelassen, um eine Durchlüftung zu gewährleisten. Durch die bereits im 19. Jahrhundert vorgenommene Papierkaschierung ist der Papyrus verzerrt, gerissen und gequetscht. Einige der Fasern kleben mitten über der Schrift. Das Artefakt weist zahlreiche Löcher und Brüche auf, der Rand des Papyrus ist stark ausgefranst. Durch die Kaschierungsarbeiten sind Teile der Schrift verloren gegangen. Alle drei Teile haben zudem Lacküberzüge erfahren.
Die Schriftrolle bestand ursprünglich aus fünf zusammengeklebten Einzelblättern von unterschiedlicher Größe und Breite, von denen heute nur noch drei erhalten sind. Sie haben folgende Restmaße:
Blatt 3: 16–19 cm lang
Blatt 4: 17–18 cm lang und 15–20 cm breit
Blatt 5: 21 cm lang und 18 cm breit
Die verlorenen zwei Anfangsblätter hatten folgende, geschätzte[6] Maße:
Blatt 1: 13–16 cm lang
Blatt 2: 17–18 cm lang
Bei Papyrus Westcar handelt es sich möglicherweise um ein Palimpsest, da beinahe alle Kolumnen zusätzliche rote Schreibspuren aufweisen, die nicht auf ein Durchscheinen der wechselseitig aufgetragenen Tinte oder auf mögliche versehentliche Tintenkleckse zurückzuführen sind. Interessanterweise lassen die Reste den Schluss zu, dass der antike Schreiber versucht hatte, ebendiese in Rot gehaltenen Notizen wegzuwischen, was ihm letztendlich nicht vollständig gelang.
Für die neu aufgetragene Schrift wurden Rußtinte, eine Mischtinte sowie Eisengallustinte verwendet. Der Text des Westcar-Papyrus ist durch Rubra in zehn „Kapitel“ unterteilt und umfasst fünf erhaltene Erzählungen, die sich wie folgt über die Kolumnen verteilen:
Geschichte 1: Kolumne 1, Zeile 12–Kolumne 1, Zeile 17, Vers 1 (Rest verloren)
Geschichte 2: Kolumne 1, Zeile 17, Vers 2–Kolumne 4, Zeile 17, Vers 2 (teilweise beschädigt)
Geschichte 3: Kolumne 4, Zeile 17, Vers 2–Kolumne 6, Zeile 22, Vers 1
Geschichte 4: Kolumne 6, Zeile 22, Vers 2–Kolumne 9, Zeile 21, Vers 1
Geschichte 5: Kolumne 9, Zeile 21, Vers 2–Kolumne 12, Zeile 26
Die neuesten Rekonstruktionen lassen den Schluss zu, dass der Papyrus Westcar tatsächlich nur die fünf Erzählungen umfasste. Die Paläographie des Textes sowie die Restmaße des erhaltenen Materials deuten darauf hin, dass die Handschrift des Papyrus Westcar in die Zweite Zwischenzeit datiert, da sie in ihrer Ausübung vergleichbaren Schriftwerken wie zum Beispiel dem Papyrus Ebers oder dem mathematischen Papyrus Rhind ähnelt. Die gleichmäßige Kalligraphie des Textes lässt auf einen hoch geschulten Schreiber als Verfasser schließen.[7]
Inhalt
Porträt des Cheops auf einer Elfenbeinfigurine aus der 4. Dynastie (aus Abydos)
Die Rahmenhandlung spielt am Hof von König (Pharao) Cheops, der sich von seinen Söhnen verschiedene Wundergeschichten erzählen lässt. Hauptakteure sind zumeist Vorlesepriester, die am Schluss jeder Erzählung vom König mit einer Opferspende geehrt werden. Während des Vortrags der vierten Geschichte wird Cheops schließlich selbst Zeuge eines Wunders.
Erste Geschichte
Von der ersten Erzählung sind aufgrund starker Schäden am Papyrus nur noch die letzten Zeilen erhalten. Diese deuten darauf hin, dass das Ereignis unter König Djoser stattfand, da Cheops für den obersten Vorlesepriester des Djoser eine Opferehrung veranlasste. Der Name des Vorlesepriesters ist nicht überliefert.[8][9]
Zweite Geschichte
In der zweiten Geschichte tritt Prinz Chephren vor seinen Vater und spricht: „Ich lasse Seine Majestät ein Wunder vernehmen, das zur Zeit Eures Ahnen, König Nebka, dem Gerechtfertigten, geschah, als jener zum Tempel des Ptah, des Herrn von Anch-taui, ging.“ Dann erzählt Chephren von einem Vorlesepriester namens Ubaoner und dessen untreuer Ehefrau. Diese betrügt Ubaoner mit einem Bürger aus Memphis und schickt diesem regelmäßig teure Kleidung und Geschenke. Als Ubaoner verreist, um König Nebka zu treffen, lädt die Frau ihren Liebhaber zu sich nach Hause ein und der Liebhaber spricht: „Es gibt doch einen Pavillon in Eurem See?“ Die Frau entgegnet: „Lass uns Zeit darin verbringen.“ Dann trägt sie dem Hausmeister auf: „Veranlasse, dass man den Pavillon ausrüstet, der im Garten-See ist. Siehe, ich bin gekommen, um in ihm zu sitzen“. Anschließend verbringen die Frau und der Bürger den ganzen Tag trinkend im Pavillon. Der Hausmeister und eine Dienerin des Liebhabers warten am Ufer des Sees auf die Rückkehr ihrer Meister. Der Hausmeister aber, der seinem Herrn treu ergeben ist, sagt zu sich selbst: „Das will ich Ubaoner berichten.“ Kaum ist Ubaoner heimgekehrt, unterrichtet der Hausmeister seinen Herrn von den Affairen. Der Hausmeister spricht: „Siehe, Deine Frau war es, die einen Tag verbracht hat in Deinem Pavillon. Sie war zusammen mit diesem einfachen Menschen, den Du kennst. Ehebruch war es, was er begangen hat, gleich zwei Mal, in Deinem Garten-See.“ Ubaoner sagt daraufhin zu seinem Diener: „Bring mir ein Paar von [...]!“. Dann fertigt er ein Wachskrokodil mit einer Länge von sieben Fingern (entspricht 12,95 cm) an, belegt die Figurine mit einem Zauber[10] und beauftragt seinen Hausmeister, das Krokodil nach dem Bürger zu werfen, wenn dieser das nächste Mal zum Baden in den See hinabsteigt. Am nächsten Morgen verreist Ubaoner wieder und die Ehefrau sagt zum Hausmeister erneut: „Veranlasse, dass man den Pavillon ausrüstet, der im Garten-See ist. Siehe, ich bin gekommen, um in ihm zu sitzen“. Wieder verbringt sie den ganzen Tag mit dem Bürger im Pavillon. Gegen Abend steigt der Bürger in den See, um zu baden. Als der Hausmeister wie vereinbart dem Fremden das Wachskrokodil nachwirft und dieses ins Wasser fällt, verwandelt es sich in ein echtes Krokodil mit einer Länge von sieben Ellen (entspricht 3,64 Metern). Es verschlingt den Bürger und verschwindet für sieben Tage mit ihm in der Tiefe des Sees. Ubaoner aber geht zu seiner Majestät, Pharao Nebka. Als die Sieben-Tage-Frist verstrichen ist, kommt Ubaoner zusammen mit Pharao Nebka zum See, damit dieser Gericht halte. Ubaoner ruft das Krokodil zu sich, worauf Nebka ausruft: „Das ist doch gefährlich!“ Ubaoner befiehlt dem Krokodil, den Bürger wieder auszuspeien und fasst das Tier an, worauf es wieder zur Wachsfigurine wird. Dann berichtet Ubaoner, was der Bürger und seine Frau getan haben. Mit den Worten „Bringe hinfort, was Dein ist!“, befiehlt Nebka nun dem Krokodil, den Bürger endgültig zu verschlingen und im See zu verschwinden. Ubaoners untreue Frau aber wird zu einer Richtstätte nördlich der königlichen Residenz gebracht, verbrannt und ihre Überreste werden in den Nil geworfen.[11][12]
Dritte Geschichte
Kalksteinstatue des Snofru im Ägyptischen Museum Kairo
Die nächste Erzählung trägt Prinz Bauefre vor. Er tritt vor seinen Vater und spricht: „Ich möchte die Majestät von einem Wunder hören lassen, das zur Zeit Eures Vaters, Snofru des Gerechtfertigten, geschehen ist. Hell ist das Gestern, frisch ist die Erinnerung. Gelobt sei doch der Tag dieser Dinge, die nie zuvor gemacht wurden oder geschehen sind.“ Dann berichtet Bauefre, wie König Snofru gelangweilt und betrübt durch seinen Palast streift, auf der Suche nach Zerstreuung. Er kann jedoch nichts finden, das ihn ablenken würde. Da befiehlt Snofru schließlich: „Bringt den Obersten Vorlesepriester und Schreiber des Buches, Djadjaemanch, zu mir!“ Der König klagt dem Priester sein Leid: „Ich habe jede Kammer meines Palastes durchschritten, um für mich eine Erquickung zu suchen. Aber ich kann sie nicht finden.“ Djadjaemanch unterbreitet dem Herrscher folgenden Vorschlag: „Möge Deine Majestät sich zu den Ufern des heiligen Sees von Dahschur begeben, nachdem ein Boot mit den Schönsten aus dem Inneren Deines Palastes ausgestattet wurde. Das Herz Deiner Majestät wird sich erfreuen, wenn es sieht, wie sie eine Ruderfahrt hin und her auf dem See unternehmen. Du kannst dann die schönen Vogelsümpfe Deines Sees erkennen und seine vollkommenen Gestade und Ufer betrachten. Auch dies wird gewiss Dein Herz erfreuen.“ Snofru spricht daraufhin: „Ich werde wahrlich die für mich bestimmte Ruderfahrt machen. Veranlasse, dass man mir dies bringt: 20 Ruder aus Ebenholz, belegt mit Gold, die Griffe daran aus Hell-Holz, verziert mit Dja'am. Veranlasse, dass man mir 20 Frauen bringt, vollkommen in Bezug auf ihre Körper, mit Brüsten, die mit Haarlocken versehen sind und die noch nicht durch Geburt geöffnet wurden. Veranlasse, dass man mir 20 Netze bringt. Man gebe diese Netze den Frauen, nachdem diese ihre Kleidung abgelegt haben.“. Nachdem alles hergerichtet ist, wie Snofru es befohlen hatte, genießt er die Ruderpartie auf dem See. Da geschieht es, dass der Schlagdame ein Fischanhänger[13], gefertigt aus Malachit,[14][15] ins Wasser fällt und sie sich vor Schreck weigert, weiter den Rudertakt vorzugeben. Sofort hören alle Frauen auf ihrer Seite der Barke auf zu rudern. Snofru fragt daraufhin: „Solltet ihr nicht rudern?“ Die Mädchen antworten: „Unsere Schlagdame schweigt, ohne zu rudern.“ Snofru fragt diese: „Dass Du nicht mehr weiterruderst, ist weswegen?“ Die Schlagdame entgegnet: „Mein Fischamulett aus frisch geschlagenem Malachit ist ins Wasser gefallen.“. Snofru schlägt vor, ihr den Fischanhänger zu ersetzen. Die Frau aber sagt: „Ich möchte mein Eigentum lieber als ein Duplikat.“ Snofru lässt daraufhin seinen Vorlesepriester Djadjaemanch kommen und spricht: „Siehe, mein Bruder, ich habe getan, wie du mir geraten hast, und das Herz Seiner Majestät war froh, als er sie rudern sah. Dann ist ein Fischanhänger der Schlagdame ins Wasser gefallen, da hat sie geschwiegen ohne zu rudern. So kam es, dass sie ihre ganze Reihe störte. Ich fragte ‚Warum ruderst du nicht?‘ Da hat sie geantwortet: ‚Dieser Fischanhänger aus frischem Malachit ist ins Wasser gefallen.‘ Ich sagte ihr: ‚Rudere! Ich bin einer, der es dir ersetzt!‘ Aber die Frau sagte, sie wolle ihr Eigentum lieber als ein Duplikat.“ Mit einem Zauberspruch schichtete Djadjaemanch daraufhin das Wasser der einen Hälfte des Sees auf die andere, so dass das Wasser auf der einen Seite des Sees doppelt so hoch steht (24 anstatt 12 Ellen) und die andere Hälfte des Sees trocken liegt. Die Barke des Pharao gleitet auf den trockenliegenden Seegrund und Djadjaemanch holt das auf einer Tonscherbe liegende Amulett, das er der erfreuten Ruderin zurückgibt. Djadjaemanch bringt das Wasser wieder in die Ausgangsposition zurück und die Ruderinnen setzen ihre Partie fort, was Snofru sehr erfreut. Snofru entlohnt Djadjaemanch großzügig und veranstaltet mit dem gesamten Hofstaat ein Fest.[16][17]
Vierte Geschichte
Prinz Djedefhor tritt nun vor seinen Vater und spricht: „Bisher haben wir weise Kunde erlangt nur aus den Dingen, welche die Dahingegangenen gewusst haben und wir können nicht Richtigkeit von Falschheit unterscheiden. Es gibt aber jemanden unter Deiner Majestät, den keiner kennt. Denn es ist nur ein Wissender, der es vermag, einen Unwissenden wissend zu machen.“ Cheops wird neugierig und fragt: „Was bedeutet das, Djedefhor, mein Sohn?“ Djedefhor antwortet: „Es gibt einen einfachen Menschen namens Dedi, er wohnt in Djed-Snofru.[18] Ein einfacher Bürger von 110 Jahren, er verzehrt täglich 500 Brote, die Hälfte eines Rindes an Fleisch und er trinkt 100 Djes-Krüge voll Bier. Er soll einem Tier den Kopf abtrennen und anschließend wieder aufsetzen können, ohne dass es dabei sterbe. Auch kann er wilde Löwen so gehorsam machen, dass sie hinter ihm hergehen, während der Strick auf dem Boden schleift. Des Weiteren kennt er die Anzahl der Iput[19] im Heiligtum des Thot.“ Cheops ist begeistert, denn er hatte viel Zeit damit verbracht, Näheres über das Wenet-Heiligtum des Thot zu erfahren, da er etwas Ähnliches für seine zukünftige Grabanlage errichten lassen wollte. Er spricht zu seinem Sohn: „Du selbst, Djedefhor, mein Sohn, sollst ihn zu mir bringen!“
Und so unternimmt Djedefhor seine Reise während des ersten Monats der Schemu-Jahreszeit[20] und fährt nach Djed-Snofru. Er findet Dedi vor dessen Haus und lädt den alten Mann in den Palast des Königs ein mit den Worten: „Dein Zustand gleicht einem Menschen, der vom Altern lebt und jemanden, der bis zum Morgengrauen schläft, frei von Krankheiten und Seuchen. Denn 'Altern' ist die Zeit des Sterbens, die Zeit der Vorbereitung der Bestattung und die Zeit des Bestattetwerdens. Dies ist die Befragung über den Zustand eines edlen Mannes. Ich bin gekommen, um Dich zu meinem Vater zu bringen, dass Du von den Köstlichkeiten isst, die mein Vater gibt, das Essen seiner Gefolgsleute. Und dann möge er Dich zu den göttlichen Ahnen führen, die nun in der Nekropole sind.“ Dedi antwortet: „Willkommen, willkommen, Djedefhor, Sohn des Königs, geliebt von seinem Vater! Mögest du von deinem Vater, Cheops dem Gerechtfertigten, gelobt werden. Er lasse Deinen Platz an der Spitze aller Altehrwürdigen sein. Möge dein Ka erfolgreich siegen über jeden Feind. Möge dein Ba die Wege kennen, die zu den Toren des mumifizierten Verstorbenen führen. Dies ist das Befragen nach dem Befinden des Königssohns.“ Djedefhor bringt Dedi zum Hafen und macht ein Boot für die Reise fertig. Der alte Mann verspricht, Djedefhor zu folgen, allerdings unter der Bedingung, seine Bücher und Schüler mitnehmen zu dürfen. Djedefhor willigt ein und beide Männer reisen zum königlichen Palast von Cheops.
Im Palast angekommen, eilt Djedefhor sogleich zu Cheops und sagt: „Oh Herrscher, möge Er leben, heil und gesund sein, mein Herr! Ich habe Dedi hergebracht.“ Cheops entgegnet: „Geh und hol ihn mir!“ Der Herrscher begibt sich in die Empfangshalle und empfängt Dedi mit den Worten: „Wie kommt es, Dedi, dass ich Dich noch nie sehen konnte?“ Dedi antwortet darauf: „Nur einer, der gerufen wird, ist jemand, der kommen wird. Es wurde nach mir gerufen und siehe, nun bin ich gekommen.“ Cheops fragt schließlich: „Ist es wahr, was man mir sagte? Dass Du einen abgeschlagenen Kopf wieder anbringen kannst?“ Und Dedi entgegnet: „Ja, oh König, ich kann es, mein Herr.“ Der Herrscher sagt daraufhin: „Veranlasse, dass mir ein Gefangener gebracht wird, damit seine Hinrichtung vollzogen werde.“ Dedi lehnt empört ab: „Doch nicht zum Schaden an einem Menschen! Noch nie war es je erlaubt, etwas Derartiges zu tun am vornehmen Vieh!“[21] Stattdessen enthauptet er eine Gans und legt den Kopf an die östliche Seite, den Körper an die westliche Seite des Audienzsaals. Nun spricht Dedi einen Zauberspruch, woraufhin sich die beiden Körperteile aufeinanderzubewegen und miteinander verschmelzen, dann verlässt das Tier schnatternd den Saal. Dedi köpft danach einen Chet-Aa-Vogel[22] und schließlich gar einen Stier und ruft beide auf gleiche Weise wieder ins Leben zurück.
Als Nächstes fragt Cheops Dedi: „Nun dies! Was hat es damit auf sich, dass Du die Anzahl der Iput kennst?“ Dedi antwortet: „Mögest du gelobt sein, oh Herrscher! Ich weiß deren Anzahl nicht. Aber ich weiß, wo sie zu finden ist.“ Cheops fragt: „Wo ist dies?“ Dedi sagt: „Es ist ein Kästchen aus Feuerstein voll von Schriftrollen, welches in einem Raum namens ‚Archiv‘ in Heliopolis aufbewahrt wird.“ Der König befiehlt: „Nimm diesen Kasten und bring ihn mir!“ Dedi antwortet: „Möge Deine Hoheit wohlhabend und gesegnet sein, ich bin nicht derjenige, der es Dir bringen kann.“ Cheops fragt: „Wer wird derjenige sein, der es mir bringen kann?“ Dedi entgegnet: „Der älteste der drei Kinder im Leibe der Rededjet, er wird es Dir bringen.“ Der König sagt: „Ich wünsche all diese Dinge, die Du sagst. Wer ist es, diese Rededjet?“ Dedi antwortet: „Es ist die Frau eines Wab-Priesters des Gottes Ra, Herr von Sachebu. Der Gott hat angekündigt, dass der Älteste der drei als Hohepriester von Heliopolis über das ganze Königreich herrschen werde.“ Der König ist nach diesen Worten sehr betrübt. Dedi fragt: „Was ist das Herz von Dir, oh Herrscher, mein Herr, so traurig! Ist es wegen der Kinder, die ich angekündigt habe? Zuerst Dein Sohn, dann sein Sohn und dann einer von ihnen.“ Cheops hakt nach: „Wann wird diese Rededjet gebären?“ Dedi sagt: „Es wird während der ersten Monate der Peret-Jahreszeit[23] geschehen, und zwar am fünfzehnten Tage.“ Cheops entrüstet sich: „Aber es ist ja dann, wenn der Kanal-der-Zwei-Mugiliden[24] abgeschnitten ist? Ich würde sogar mit meinen eigenen Händen arbeiten, um sie zu betreten! Und dann werde ich den Tempel des Ra, des Herrn von Sachebu, besuchen.“ Und Dedi sagt: „Dann werde ich das Wasser an den seichten Stellen des Kanal-der-Zwei-Mugiliden vier Ellen in der Höhe für Dich ansteigen lassen.“ Cheops steht auf und befiehlt: „Bringt Dedi zu einem Ort innerhalb des Palastes meines Sohnes Djedefhor, wo er von nun an leben und wohnen möge. Seine tägliche Vergütung sollen 1000 Brote, 100 Krüge Bier, und 100 Bündel Lauch sein.“ Und alle Dinge wurden ausgeführt, wie Cheops es angeordnet hatte.[25][26]
Fünfte Geschichte
Rededjet hat starke Wehen und die Geburt ist schwierig, weil sie Drillinge erwartet. Der Gott Ra, Herr von Sachebu, sagt zu den Göttern Isis, Nephthys, Meschenet, Heqet und Chnum: „Mögt ihr alle zu Rededjet gehen und sie von ihrer Dreiheit an Kindern, die noch in ihrem Schoß sind, befreien, damit sie ihr prächtiges Amt ausüben können im ganzen Reich. Dann können sie Tempel bauen für Euch, sich um die Altäre kümmern, Eure Getränketische gedeihen lassen und Eure Opfergaben vervielfältigen.“ Und so begeben sich die Göttinnen zu Rededjets Haus, nachdem sie sich in Musikantinnen und Tänzerinnen verwandelt haben. Der Gott Chnum selbst verwandelt sich in einen Gepäckträger. Vor Rededjets Haus treffen sie ihren Mann Ra-User an der Schwelle, er trägt seinen Rock falsch herum und jammert. Die Göttinnen zeigen ihm ihre Menite und Sistren. Daraufhin sagt Ra-user: „Seht, da ist eine Frau, deren Leiden groß ist, denn ihre Geburt ist problematisch.“ Die Göttinnen entgegnen: „Veranlasse, dass wir sie sehen. Siehe, wir wissen zu entbinden.“ Ra-User antwortet: „Tretet ein!“ Die Götter folgen ihm und gehen sofort zu Rededjet, die im Obergeschoss ist. Sie verriegeln den Raum und dann stellt sich Isis vor Rededjet, um die Babys aufzufangen, Nephthys steht hinter Rededjet, während Heqet die Geburt beschleunigt. Isis sagt: „Mögest Du, der Du User-Re-ef bist, nicht zu stark sein in ihrem Schoß.“ Und das Baby kommt schnell heraus, ein gesundes Kind, etwa eine Elle groß. Seine Knochen sind solide, seine Gliedmaßen sind wie Gold. Seine Kopfbedeckung ist aus echtem Lapislazuli. Nach dem Durchtrennen der Nabelschnur, der Reinigung des Babys und nachdem es in ein aus Backsteinen gemachtes Bett, das mit weichen Tüchern bedeckt ist, gelegt wurde, macht Chnum den Körper des Säuglings stark. Meschenet tritt an das Kind heran und sagt: „Dies ist ein König, der die Herrschaft über das ganze Land ausüben wird.“ Danach steht Isis wieder vor Rededjet und sagt: „Mögest du, dessen Name Sahure sei, aufhören zu treten in ihrem Schoß.“ Und auch dieses Baby kommt schnell zur Welt. Es hat die gleiche außergewöhnliche Erscheinung wie das Baby davor. Und wieder segnet Meschenet das Kind mit den Worten: „Dies ist ein König, der die Herrschaft über das ganze Land ausüben wird.“ Ein drittes und letztes Mal steht Isis vor Rededjet und sagt: „Mögest du, dessen Name Keku sei, aufhören, blind in ihrem Schoß zu sein.“ Und auch das dritte Baby wird von Meschenet gesegnet. Nun verlassen die Götter den Raum, treffen Ra-User und verkünden: „Oh Freude! Drei Kinder wurden Dir geboren!“ Ra-User entgegnet: „Meine Damen! Was könnte ich für Euch tun? Ich weiß, gebt diese Gerste Eurem Träger, akzeptiert es bitte als ein Trinkgeld für die Herstellung von Bier.“ Chnum schultert sich mit den Krügen voll Gerste und die Götter begeben sich auf den Weg nach Hause. Auf ihrem Weg, ermahnt Isis ihre Begleiter mit den Worten: „Sind wir nicht hierher gekommen aus einem ganz bestimmten Grund? Was würde das für ein Grund sein, wenn wir keine Wunder für diese Kinder vollbringen! Es gäbe nichts, was wir ihrem Vater, der uns herkommen ließ, erzählen könnten.“ Die Götter erschaffen drei herrschaftliche Kronen für die Kinder und verstecken sie in den Krügen mit Gerste. Dann beschwören sie einen Platzregen herauf, als Vorwand, um umzudrehen, zurück zu Ra-Users Haus. Sie sagen zu Ra-User: „Bitte bewahre die Gerste in einem verschlossenen Abstellraum für uns auf, bis wir wieder von der Musik im Norden zurückkommen.“ Und die Krüge mit Gerste werden in einem Lagerraum verstaut.
Einige Wochen später fragt Rededjet ihre Magd: „Ist unser Haus ausgestattet mit allen guten Dingen?“ Die Magd antwortet: „Es ist mit allen guten Dingen ausgestattet, außer einigen Krügen Bier. Sie waren noch nicht hergebracht worden.“ Rededjet fragt: „Warum ist das nicht so, dass die Krüge mit Bier gebracht wurden?“ Und die Magd sagt: „Es gibt nichts, womit man es hätte herstellen können, außer der Gerste jener Musiker; die Gerste, die gespeichert und versiegelt wurde.“ Rededjet trägt ihr auf: „Geh und bringe mir davon, Ra-User wird sie ersetzen, wenn er nach Hause kommt.“ Und das Dienstmädchen öffnet den Abstellraum und plötzlich hört sie Musik, Feiern und Jubeln wie aus weiter Ferne – Feststimmung wie für eine königliche Krönungszeremonie. Die Magd ist ratlos und erzählt alles Rededjet. Rededjet betritt den Raum und hört ebenfalls die festlichen Geräusche. Neugierig geworden, legt sie ihre Ohren auf jede Truhe und jeden Krug, bis sie herausfindet, dass die Geräusche aus den Krügen der Musiker kommen. Als ihr die Bedeutung des Wunders bewusst wird, eilt Rededjet zu Ra-User, um ihm davon zu erzählen und beide verbringen den Rest des Tages feiernd.
Eines Tages streitet Rededjet mit der Magd und Letztere wird mit Schlägen bestraft. Erbost sagt die Magd: „Ist es deswegen? Ist es wirklich, weil sie drei Könige geboren hat? Ich werde gehen, um es dem König von Ober- und Unterägypten, Cheops dem Gerechtfertigten, zu sagen!“ Das Dienstmädchen verlässt das Haus und geht zu ihrem älteren Bruder. Er sitzt neben seiner Mutter und hilft ihr, Flachsfasern zu Garn zu binden. Als er seine Schwester sieht, fragt er: „Wohin willst Du gehen, kleine Schwester?“ Und die Magd erzählt ihm, was sie vorhat. Der Bruder sagt: „Soll es wirklich getan werden, um zu mir zu kommen, nur um mich mit Verrat zu verbrüdern?“ Er wird wütend und schlägt sie ebenfalls. Die Magd geht weg, um Wasser zu holen und ein Krokodil schnappt sie. Der Bruder geht zu Rededjet um ihr zu sagen, was passiert ist. Rededjet sitzt auf der Schwelle ihres Hauses und weint. Der Bruder fragt: „Weshalb weinst Du, Herrin?“ Rededjet antwortet: „Es geht um dieses kleine Mädchen, das in diesem Haus aufgewachsen ist. Schau, sie ging fort um Anzeige zu erstatten [...] vor dem König.“ Und der Bruder entgegnet: „Siehe, sie kam zu mir um zu sagen, [...] ich würde mit ihr gehen, aber ich schlug sie und schickte sie weg. Als sie losging, um etwas Wasser zu holen, wurde sie von einem Krokodil geschnappt.“[27][28]
An dieser Stelle endet der Text.
Deutungen
Die Erzählungen des Papyrus Westcar werden innerhalb der Ägyptologie verschieden diskutiert, da sie vornehmlich Bezug auf die Person des Cheops nehmen und den Herrscher in ein widersprüchliches Licht rücken. Hintergrund der unterschiedlichen Auslegungen sind besonders die griechischen Rezeptionen der antiken Historiker Herodot und Diodor, die Cheops als grausam, volksfeindlich und ketzerisch beschreiben[29][30], dabei aber den jahrhundertelang gehegten Totenkult um den Herrscher ignorieren, der den antiken Charakterbeschreibungen widerspricht.[31]
Adolf Erman (Fotografie von 1929)
Eine zentrale Rolle in den Auswertungen von Cheops’ Charakterbeschreibung im Westcar-Papyrus spielen die Zauberer (eigentlich Vorlesepriester) Dedi, Ubaoner und Djadjaemanch. Historiker wie Udo Bartsch, die sich mit der Zauberei und Magie in der Geschichte beschäftigen, und Ägyptologen wie zum Beispiel Adolf Erman, Hans Goedicke und Kurt Sethe halten die Berichte über Helden mit angeblichen Zauberkräften für reine Folklore. Sie stellen die Frage, ob Zauberkunststücke, bei denen scheinbar Köpfe von Tieren abgetrennt und wieder angesetzt werden, tatsächlich schon zu Cheops’ Zeit bekannt waren. Heute werden solche Tricks aus ästhetischen Gründen kaum noch gezeigt.[32][33] Verena Lepper und Miriam Lichtheim widersprechen einer Bewertung als „Folklore“ entschieden. Sie erinnern an bekannte Papyri wie die Prophezeiung des Neferti, Die Lehre des Ptahhotep und Papyrus Athen (alle drei datieren in die Ramessidenzeit), in denen von Weisen mit Zauberkräften berichtet wird und deren Wundertaten verblüffende Ähnlichkeiten mit denen des Dedi – aber auch der anderen Figuren – aus dem Westcar-Papyrus aufweisen: Sie alle verstehen es, abgetrennte Köpfe wieder anzubringen, künftige Dinge zu prophezeien und/oder durch Zaubereien Fluten heraufzubeschwören. Da die Neferti-Erzählung, die Lehre des Ptahhotep und der Papyrus Athen jünger sind als der Papyrus Westcar, alle drei aber auf die Helden des letztgenannten, älteren Schriftstücks abzielen, müssen Dedi, Ubaoner und Djadjaemanch den Autoren der späteren Erzählungen bekannt gewesen sein. Eine derartig lange Verehrung um bloße literarische Figuren spreche gegen einen reinen Unterhaltungswert, wie er Papyrus Westcar nachgesagt wird.[34][35]
Adolf Erman tat sich seinerzeit schwer mit der Einordnung von Cheops’ Charakter. So kritisierte er einerseits des Herrschers Vorschlag, Zauberkünste an einem zum Tode Verurteilten vorzuführen, gestand Cheops andererseits Einsichtigkeit zu, da Letzterer der Ablehnung des besagten Vorschlags zustimmte und sich mit Alternativen begnügte.[36] Ägyptologen wie Dietrich Wildung sehen in der Enthauptung des Gefangenen gar einen Akt der Gnade, da dieser ja zum Tode verurteilt war und durch den Zaubertrick sein Leben zurückerhalten hätte. Den vermuteten Verrat der Rudj-Djedet durch ihre Dienerin hält Wildung für unbelegbar, da Cheops deren Wohnort ja bereits kennt und auch die Absicht der Dienerin nicht eindeutig zu bestimmen ist.[37]
Die Erzählungen um die Heldenfigur des Ubaoner sind ebenfalls für die Ägyptologie von einiger Bedeutung, da hier ein klassischer Fall von Ehebruch seitens der Ehefrau und eine für das Alte Ägypten übliche Bestrafung – nämlich Hinrichtung – dafür geschildert werden. Dabei wird ein auffallend positives Charakterbild von König Nebka gezeichnet: Er, Nebka, ahndet in seiner Rolle als gerechter Richter konsequent begangenes Unrecht beziehungsweise unethisches Verhalten.[38]
Auch die literarische Figur des Djadjaemanch ist für die Ägyptologie von einigem Interesse, da sein im Papyrus geschilderter Zaubertrick mit der späteren Rezeption der Persönlichkeit des Königs Snofru zusammenhängt: Durch die Erzählung von Djadjaemanchs Wundertat wird Snofru als ungewöhnlich mildtätig und leutselig dargestellt. So spricht er zum Beispiel seinen Untergebenen Djadjaemanch mit „mein Bruder“ an. Vergleichbares findet sich unter anderem in der Prophezeiung des Neferti. Damit bildet Snofrus Charakter das absolute Gegenteil von Cheops’ Persönlichkeit.[39] Verena Lepper macht jedoch darauf aufmerksam, dass Snofru ebenso – in gewisser Weise – als unzüchtig dargestellt wird, als er seinem Vorlesepriester schildert, wie er sich die Ruderinnen vorstellt. Der Autor des Westcar-Papyrus übt also Kritik am Pharao.[40]
Die Figur der Rudj-Djedet, die in der vierten und fünften Geschichte als Mutter der ersten drei Könige einer neuen Dynastie beschrieben wird, ist vermutlich durch die Königin Chentkaus I. inspiriert worden, die als Mutter der ersten Könige der 5. Dynastie – Userkaf, Sahure und Neferirkare – gilt.[41]
Die meisten Ägyptologen gehen davon aus, dass der Text des Westcar-Papyrus unvollendet blieb, da auf dem Papyrus noch genügend Platz für weitere Anekdoten vorhanden gewesen wäre. Die jüngste Bearbeitung durch Verena Lepper sieht hingegen einen Abschluss der Geschichte, was sie inhaltlich und stilistisch begründet. Sie identifizierte in dem Text diverse Motive und Muster, die in dem Schlusssatz „wie eine Art Refrain“ wiederholt werden.[42]
Der Papyrus Westcar ist jedoch auch deshalb von großer Bedeutung für die Ägyptologie, da er die chronologische Thronfolge ägyptischer Herrscher anders verlaufen lässt als es beispielsweise die Königsliste in Abydos von Sethos I., die Aegyptiaca des Manetho und der Turiner Königspapyrus tun. Hauptaugenmerk gilt dabei König Nebka, der im Westcar-Papyrus chronologisch zwischen Djoser und Snofru platziert wird, in den bereits genannten Königslisten dagegen stets als Begründer der 3. Dynastie und als Vorgänger von Djoser beschrieben wird. Der Westcar-Papyrus ist daher für Ägyptologen wie Toby Wilkinson die Grundlage für ihre Überzeugung, dass Nebka tatsächlich zwischen Djoser und Snofru regierte. Allerdings sind diese Darlegungen nicht unwidersprochen.[43][44]
Literatur
Aylard M. Blackman: The Story of King Kheops and the Magicians. Transcribed from Papyrus Westcar (Berlin Papyrus 3033). Hrsg. v. W. V. Davies. Whitstable 1988.
Günter Burkard, Heinz J. Thissen: Einführung in die altägyptische Literaturgeschichte I. Altes und Mittleres Reich. Lit, Münster / Hamburg / London 2003, S. 177–187.
Adolf Erman: Die Literatur der Ägypter. Gedichte, Erzählungen und Lehrbücher aus dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. Hinrichs, Leipzig 1923, S. 64–77.
Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. In: Mitteilungen aus den Orientalischen Sammlungen. Heft V, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 1890.
Adolf Erman: Die Sprache des Papyrus Westcar. Eine Vorarbeit zur Grammatik der ägyptischen Sprache. In: Abhandlungen der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Band 36, Göttingen 1889. Nachgedruckt in: Adolf Erman: Akademieschriften (1880–1928). Teil I: 1880–1910. Opuscula 13. Leipzig 1986.
Harold M. Hays: The Historicity of Papyrus Westcar. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 129, 2002, S. 20–30.
Hanna Jenni: Der Papyrus Westcar. In: Studien zur altägyptischen Kultur. Band 25, 1998, S. 113–141.
Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. (= Ägyptologische Abhandlungen. Band 70). Harrassowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05651-9.
Miriam Lichtheim: Ancient Egyptian literature : a book of readings. Vol. 1 The old and middle kingdoms. 2. Auflage. University of California Press, Berkeley 2000, ISBN 0-520-02899-6.
Jenny Berggren: The Ipwt in Papyrus Westcar. Master’s Thesis, Uppsala 2006 (PDF; 2,57 MB (Memento vom 9. Juni 2007 im Internet Archive)).
I. E. S. Edwards, Carl-Johan Gadd, Nicholas G. L. Hammond: The Cambridge Ancient History. Band 1, Teil 1: Prolegomena and Prehistory. 3. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1970, ISBN 0-521-07051-1.
↑Erik Hornung, Rolf Krauss, David A. Warburton (Hrsg.): Ancient Egyptian Chronology (= Handbook of Oriental studies. Section One. The Near and Middle East. Band 83). Brill, Leiden / Boston 2006, ISBN 978-90-04-11385-5, S. 491–492 (Online).
↑Erik Hornung, Rolf Krauss, David A. Warburton (Hrsg.): Ancient Egyptian Chronology (= Handbook of Oriental studies. Section One. The Near and Middle East. Band 83). Brill, Leiden / Boston 2006, ISBN 978-90-04-11385-5, S. 492 (Online).
↑ abVerena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 15–17.
↑Adolf Erman: Mein Werken und mein Wirken. Erinnerungen eines alten Berliner Gelehrten. Quelle & Meyer, Leipzig 1929, OCLC 8079895, S. 262.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 317–320.
↑zu den Schätzungen siehe Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 19.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 17–21.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 29–30.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890. S. 7.
↑Verena M. Lepper macht darauf aufmerksam, dass aufgrund der Schäden am Papyrus nicht mehr feststellbar ist, ob nur ein Spruch aufgesagt wurde oder ein magisches Werkzeug zum Einsatz kam (vergl. Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 81.)
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 30–35.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890, S. 8–9.
↑Solche Fischanhänger sind typisch für das späte Mittlere Reich, was die Datierung des Werkes in diese Zeit bestätigt; siehe: Henry G. Fischer: Some Iconographic and Literary Comparisons. In: Jan Assmann; Erika Feucht, Reinhard Grieshammer (Hrsg.): Fragen an die altägyptische Literatur; Studien zum Gedenken an Eberhard Otto. Wiesbaden 1977, S. 155–170; Bild eines Fischanhängers (Memento vom 12. November 2014 im Internet Archive)
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890, S. 36.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 37.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890, S. 9–10.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 36–41.
↑Antiker Name von Dahschur im Alten Reich (vergl. Jean-Claude Goyon, Christine Cardin: Proceedings of the Ninth International Congress of Egyptologists, Band 1, S. 1128).
↑Am ehesten mit „Schrein“ oder „Versiegelte Kammer“ zu übersetzen, da dem Heiligtum des Thot auch in späteren Sargtexten „magische Kammern“ nachgesagt wurden (siehe hierzu Jenny Berggren: The Ipwt in Papyrus Westcar. Uppsala 2006, S. 46–48).
↑Zeit der alljährlichen Überschwemmung, beginnt im Februar (vergl. Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 115).
↑Es ist unsicher, ob Dedi mit „vornehmes Vieh“ tatsächlich den Menschen meint, obgleich es logisch erscheint (siehe hierzu Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 112).
↑Nach Verena M. Lepper ist eine Rohrdommel gemeint, die in Opferlisten des Alten Reiches erwähnt wird (vergl. Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 115).
↑Zeit der Ernte, beginnt im Oktober; siehe Rolf Krauss: Sothis- und Monddaten: Studien zur astronomischen und technischen Chronologie Altägyptens. Gerstenberg, Hildesheim 1985, ISBN 3-8067-8086-X.
↑So wurde zu Cheops’ Zeit der Zweifischekanal im 2. unterägyptischen Gau genannt (vergl. Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 119).
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 41–47.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890, S. 10–11.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 48–54.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890, S. 11–14.
↑Friedrich Lange: Die Geschichten des Herodot. Band 1. 2. berichtigte Auflage, Reclam, Leipzig 1929, OCLC 833741999, S. 188–190.
↑Michael Haase: Eine Stätte für die Ewigkeit: Der Pyramidenkomplex des Cheops aus baulicher, architektonischer und kulturgeschichtlicher Sicht. Mainz, Zabern 2004, ISBN 3-8053-3105-3, S. 124–126.
↑Udo Bartsch: Unterhaltungskunst von A–Z (= Taschenbuch der Künste.). Henschel, Berlin 1975, OCLC 251748774, S. 85.
↑Alan B. Lloyd: Herodotus, book II (= Études préliminiaires aux religions orientales dans l'Empire romain. Band 43) Brill, Leiden 1975–1976, OCLC 871377120, S. 104–106.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 308–310.
↑Miriam Lichtheim: Ancient Egyptian literature : a book of readings. Vol. 1 The old and middle kingdoms. Berkeley 1975, S. 211.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890, S. 52, 56.
↑Dietrich Wildung: Die Rolle ägyptischer Könige im Bewußtsein ihrer Nachwelt. Band 1: Posthume Quellen über die Könige der ersten vier Dynastien (= Münchner ägyptologische Studien. Band 17, ZDB-ID 500317-9). Hessling, Berlin 1969, (Zugleich: gekürzte Dissertation, Universität München, 1967) S. 160.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 146, 299.
↑Wolfgang Helck, Eberhard Otto, Wolfhart Westendorf: Lexikon der Ägyptologie. Band 4: Megiddo-Pyramiden. Harrassowitz, Wiesbaden 1982, ISBN 3-447-02262-0, S. 151.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 95.
↑Adolf Erman: Die Märchen des Papyrus Westcar I. Einleitung und Commentar. Berlin 1890.
↑Verena M. Lepper: Untersuchungen zu pWestcar. Eine philologische und literaturwissenschaftliche (Neu-)Analyse. Wiesbaden 2008, S. 142.
↑Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt. Routledge, London 1999, S. 103.
↑Iorwerth E. S. Edwards, Carl-Johan Gadd, Nicholas G. L. Hammond: The Cambridge Ancient History. Band 1, Teil 1, Cambridge 1970, S. 177.
Der ptolemäische Alexanderkult war eine religiöse Einrichtung in der hellenistischen Ära Ägyptens, die vom frühen 3. bis in das 1. vorchristliche Jahrhundert hinein existierte. In ihm manifestierte sich die Verehrung des zum Gott erhobenen Alexander des Großen als staatliche Institution, die ein wichtiger Bestandteil des von den Ptolemäern betriebenen Herrscherkults war.
Hintergrund
Nach dem Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. sicherte sich einer seiner Feldherren, Ptolemaios, in den langwierigen Nachfolgekämpfen, den Diadochenkriegen, aus der Erbmasse des „Alexanderreichs“ das wohlhabende Ägypten als Herrschaftsgebiet und baute dieses Land zur Ausgangsbasis seines eigenen Königreichs aus. Zur Legitimierung seiner Machtübernahme im Nilland berief er sich, wie jeder andere Diadoche auch, neben seinem Kriegsglück auch auf die rechtmäßige Nachfolge (diadochē) Alexanders, als dessen engster Freund er sich selbst in seinem Geschichtswerk stilisierte. Von den Ägyptern war Alexander einst als Befreier von der persischen Fremdherrschaft begrüßt worden und hatte ihnen gegenüber durch seine, nach altägyptischem Ritus erfolgte, Inthronisierung zum Pharao als „Sohn des Ammun-Re“ außerdem einen göttlichen Status erlangt. Die Inanspruchnahme seiner Nachfolge konnte zur Machtübernahme in Ägypten folglich nur dienlich sein.
Im neuen Ptolemäerstaat wurde die herrschende Klasse nun allerdings von den Hellenen gestellt, den makedonischen und griechischen Gefolgsmännern Alexanders und deren Nachkommen, zu denen nicht zuletzt auch das ptolemäische Königshaus gehörte. Bestärkt von seinen bis dahin nie gesehenen Erfolgen, hatte Alexander in seinem letzten Lebensjahr von all seinen griechischen Untertanen die Apotheose verlangt, die Anerkennung als lebender Gott. In der griechischen Welt war dieses Ansinnen widersprüchlich und tendenziell ablehnend aufgenommen worden, doch hatten allein die zahlreichen Stadtgründungen Alexanders seine nachhaltige Verehrung als Gott gesichert, da die Bürger einer hellenischen Stadt von je her ihrem Gründer (ktistes) göttliche Ehren entgegenbrachten. So auch in dem „bei“ Ägypten gegründeten Alexandria, welches Ptolemaios zur Hauptstadt seines Königreichs erkor. Wie kein anderer Diadochenherrscher vereinnahmte Ptolemaios das ideelle Erbe Alexanders für sich und verknüpfte dieses propagandistisch mit der von ihm gegründeten Dynastie. Dazu sollte Alexander über den Status eines bloßen Stadtgottes hinaus zu einem Reichsgott erhoben werden, den alle Hellenen des sich auch jenseits der Grenzen Ägyptens erstreckenden Ptolemäerreichs verehren mussten.
Alexander als Hauptgott der Ptolemäer
Wohl um das Jahr 290 v. Chr. begann Ptolemaios in Alexandria den Bau des Tempelgrabes für Alexander, den sogenannten „Körper“ (sēma), und stellte ihm einen Priester (ἱερεύς / hiereus) zur spirituellen Führung und Habhaltung der religiösen Handlungen bei. Das alexandrinische Priesteramt avancierte schnell zur höchsten religiösen Würde des Ptolemäerreichs. Seine Bedeutung wurde durch seinen eponymen Charakter unterstrichen, das heißt, das Herrscherjahr eines Königs wurde nach dem Namen des Priesters benannt, Dokumente griechischer und demotischer Schrift wurden nach ihm datiert. Zum ersten Amtsinhaber wurde sogleich Menelaos bestellt, der Bruder des Königs. Unter Ptolemaios I. konnten die Priester offenbar mehrere Jahre das Amt bekleiden, während ab Ptolemaios II. die Amtszeit, mit wenigen Ausnahmefällen, auf ein Jahr beschränkt war.
Die erfolgreiche Etablierung des Alexanderkults in Alexandria wurde zweifelsohne durch die Inbesitznahme des Leichnams Alexanders erleichtert, die bereits 321 v. Chr. durch die listenreiche Umleitung des Leichenzugs von Babylon nach Ägypten bewerkstelligt wurde. Ptolemaios I. ließ die Leiche des Eroberers zunächst in Memphis beisetzen, unter Ptolemaios II. wurde sie dann nach Alexandria überführt. Die Anwesenheit des Leichnams des Stadtgründers in seiner ägyptischen Stadt erhöhte deren Prestige wie auch das der ptolemäischen Dynastie über jenes der anderen Diadochendynastien und festigte den Glauben an den neuen Reichskult zusätzlich. Alexanders sterbliche Hülle wurde übrigens nicht dem griechisch-makedonischen Brauch gemäß eingeäschert, sondern in einem goldenen Sarkophag aufgebahrt, der später durch einen lichtdurchlässigen Behälter ersetzt wurde. Sie wurde so zu einer der meistbesuchten Pilgerstätten der antiken Mittelmeerwelt, die noch die römischen Kaiser zu Wallfahrten animierte.
Im Pantheon der griechischen Gottheiten wurde Alexander von den Ptolemäern den olympischen und damit führenden Gottheiten beigesellt. Dies erklärt unter anderem die bei ihm angewandte Weglassung der Gott-Bezeichnung in den Dokumenten und Urkunden, da bei einem olympischen Gott der Individualname ausreichte, um seinen Status zu kennzeichnen, so dass sich das „Gott“-Epitheton (theos) vor dem Namen erübrigte. Wie Zeus oder Apollon war nun auch „Alexander“ ein göttlicher Name.
Die Ptolemäer als tempelteilende Götter
Während unter Ptolemaios I. der Alexanderkult etabliert wurde, vollzog sein Sohn und Nachfolger Ptolemaios II. dessen Verknüpfung mit dem dynastieeigenen Herrscherkult. Der ptolemäische Kult wurde 283/282 v. Chr. mit der Erhebung des verstorbenen Elternpaares des Ptolemaios II. als „rettende Gottheiten“ (theoi soteres) begründet. Die herausragende Bedeutung des Alexanderkultes für die Dynastie wurde zu diesem Anlass zusätzlich bekräftigt, indem die Kultstatuen der Ptolemäer auch in seinem Tempel aufgestellt wurden und der Alexanderpriester nun auch jene Kulthandlungen übernahm, die den vergöttlichten Ptolemäern darzubringen waren. Damit unterstrichen die Ptolemäer die Vorrangstellung Alexanders als Hauptgott und zugleich auch ihre Unterordnung gegenüber diesem, da sie sich als „Götter, die den Tempel [des Alexander] teilen“ (theoi synnaoi) dem Hauptgott zur Seite stellen ließen. Alexander blieb der Hauptempfänger aller Opfergaben, während die Ptolemäer an ihnen nur partizipierten.
Die Erhöhung Alexanders über die Ptolemäer und deren Verbindung zu ihm wurde später durch die institutionelle Erweiterung seines Kultes vertieft. So wurde 269 v. Chr. das Priesterinnenamt der „Korbträgerin“ (kanēphóros) der „Geschwistergöttin“/Arsinoë II., 211 v. Chr. jenes der „Preis –bzw. Kronenträgerin“ (athlophoros) der „Wohltätergöttin“/Berenike II. und 199 v. Chr. ein Priesterinnenamt für die „vaterliebende Göttin“/Arsinoë III. eingerichtet. Alle diese Ämter waren dem Alexanderpriester untergeordnet zur Seite gestellt. Kleopatra III. gesellte ihnen drei weitere Priesterämter für ihren eigenen persönlichen Kult als „wohltätige und mutterliebende Göttin“ hinzu: jene des „geheiligten Fohlens“ (hieros pōlos), der „Kranzträgerin“ (stephanēphoros) und der „Lichtträgerin“ (phōsphoros).
Auch der Status als „tempelteilende Gottheiten“ wurde weiter verfestigt, nachdem unter Ptolemaios IV. die Unterbringung der sterblichen Überreste der Ptolemäer in das Sema erfolgt war, die im Gegensatz zum Leichnam Alexanders dem griechischen Brauch gemäß eingeäschert und in Urnen aufbewahrt wurden.
Liste der Alexanderpriester
Ptolemaios I. Soter I. (305–282 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
006
Menelaos, Sohn des Lagos
285/284 v. Chr.
39.
P. Hib. I 84a.
Bruder des Ptolemaios I. 4. Amtszeit
007
Menelaos, Sohn des Lagos
284/283 v. Chr.
40.
P. Eleph. 2.
5. Amtszeit
008
Eureas, Sohn des Proitos
283/282 v. Chr.
41.
P. Eleph. 3.
amtierte drei Amtszeiten
Ptolemaios II. Philadelphos (285/282–246 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
Für die Priester Nr. 9–16 vom 4. bis 11. Herrscherjahr des Ptolemaios II. Philadelphos liegen zwei Papyrusfunde samt Priesternamen vor, die aber nicht datiert werden können.
?
Athenaios oder Limnaios, Sohn des Apollonios
?
?
P. Hib. I 97.
?
Philiskos, Sohn des Spoudaios
?
?
P. Hib. I 30.
017
Leontiskos, Sohn des Kallimedes
274/273 v. Chr.
12.
P. Cair. Zen. I 59001. P. Hib. I 110.
018
Nearchos oder Neomedes, Sohn des Neokles oder Philokles
273/272 v. Chr.
13.
P. Hib. I 110; II 199.
019
Kallikrates, Sohn des Boiskos
272/271 v. Chr.
14.
P. Hib. II 199. PP VI 14607.
Von Samos. Erster Priester des Alexander und der vergöttlichten Ptolemäer.
020
Patroklos, Sohn des Patron
271/270 v. Chr.
15.
P. Hib. II 199. PP VI 15063.
Für die Priester Nr. 21–25 vom 16. bis 20. Herrscherjahr des Ptolemaios II. Philadelphos liegen keine Papyrusfunde oder Inschriften vor.
026
Timarchides, Sohn des Asklepiodoros
265/264 v. Chr.
21.
P. Strasb. V 641.
027
Pelops, Sohn des Alexandros
264/263 v. Chr.
22.
P. Hib. I 92. PP VI 14618.
aus Makedonien, Vater des Pelops
028
Kineas, Sohn des Alketas
263/262 v. Chr.
23.
P. Hib. I 88; II 209. PP VI 17215.
aus Thessalien
029
Aristonikos, Sohn des Perilaos
262/261 v. Chr.
24.
P. Hib. I 85 und 190. PP VI 14897.
030
Ptolemaios, Sohn des Aratokles
261/260 v. Chr.
25.
P. Hib. I 143. P. Osl. II 16. PP III/IX 5236.
031
Taurinos, Sohn des Alexandros
260/259 v. Chr.
26.
BGU VI 1226.
aus Makedonien, Bruder des Pelops
032
Medeios, Sohn des Lampon (oder Laagon)
259/258 v. Chr.
27.
BGU VI 1227. P. Petrie III 56b.
033
Antiphilos, Sohn des Lykinos
258/257 v. Chr.
28.
BGU VI 1228. P. Hib. I 94.
034
Antiochos, Sohn des Kebbas
257/256 v. Chr.
29.
BGU VI 1229; X 1979, 1980. P. Cair. Zen. I 59133. P. Hib. I 95.
aus Thessalien
035
?
256/255 v. Chr.
30.
036
Glaukon, Sohn des Eteokles
255/254 v. Chr.
31.
PP IX 5203. P. Cair. Zen. II 59173, 59182.
Bruder des Chremonides aus Athen
037
?
254/253 v. Chr.
32.
038
Aetos, Sohn des Apollonios
253/252 v. Chr.
33.
P. Cair. Zen. II 59248. PP IX 4988.
aus Aspendos
039
Neoptolemos, Sohn des Kraisis
252/251 v. Chr.
34.
P. Hib. I 98.
aus Pisidien
040
Ptolemaios, Sohn des Andromachos
251/250 v. Chr.
35.
P. Cair. Zen. II 59289.
vielleicht mit Ptolemaios Andromachou identisch
041
Epainetos, Sohn des Epainetos
250/249 v. Chr.
36.
P. Cornell 2.
042
?
249/248 v. Chr.
37.
P. Cornell 2.
043
Antiochos, Sohn des Kratidas
248/247 v. Chr.
38.
PP III/IX 4999. P. Petrie III 54a.
044
Tlepolemos, Sohn des Artapates
247/246 v. Chr.
39.
P. Cair. Zen. III 59340.
aus Xanthos
Ptolemaios III. Euergetes I. (246–222 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
044
Tlepolemos, Sohn des Artapates
246/246 v. Chr.
1.
045
Tlepolemos, Sohn des Artapates
246/245 v. Chr.
2.
P. Petrie III 43. PSI IV 385.
2. Amtszeit
046
Archelaos, Sohn des Damas
245/244 v. Chr.
3.
BGU X 1981. P. Hib. I 145. PP III/IX 5040.
047
Archelaos, Sohn des Damas
244/243 v. Chr.
4.
BGU X 1981. P. Hib. I 145. PP III/IX 5040.
2. Amtszeit
048
Aristobulos, Sohn des Diodotos
243/242 v. Chr.
5.
P. Hib. I 171. PSI IV 389.
049
Tantalos, Sohn des Kleonikos
242/241 v. Chr.
6.
P. Petrie II 44 = III 54b.
050
Archibios, Sohn des Pheidon
241/240 v. Chr.
7.
P. Hausw. 2; 8; 9.
051
Onomastos, Sohn des Pyrgon oder Pyrrhon
240/239 v. Chr.
8.
P. Hib. I 89; II 261, 262.
052
Apollonides, Sohn des Moschion
239/238 v. Chr.
9.
OGIS I 56.
053
Apollonides, Sohn des Moschion
238/237 v. Chr.
10.
P. Petrie IV 1.
2. Amtszeit
054
Seleukos
237/236 v. Chr.
11.
P. Petrie III 58d.
055
Eukles, Sohn des Eubatas
236/235 v. Chr.
12.
BGU X 1982. P. Petrie IV 16.
056
Sosibios, Sohn des Dioskourides
235/234 v. Chr.
13.
P. Petrie III 55a; IV 22. PP VI 14631.
057
Hellanikos, Sohn des Hellanikos (oder Euphragoras?)
234/233 v. Chr.
14.
P. Amsterdam Inv. 250.
058
?, Sohn des Leon
233/232 v. Chr.
15.
P. dem. Cair. II 30604.
059
Aristomachos, Sohn des Timandros
232/231 v. Chr.
16.
P. Hamb. Inv. 676.
060
Menneas, Sohn des Menoitios
231/230 v. Chr.
17.
P. dem. Berl. 3089.
061
?
230/229 v. Chr.
18.
062
Philon, Sohn des Antipatros
229/228 v. Chr.
19.
P. dem. Cair. II 31208; 31210.
063
Ikatidas, Sohn des Ikatidas
228/227 v. Chr.
20.
SB V 7631.
064
Galestes, Sohn des Philistion
227/226 v. Chr.
21.
P. Petrie III 21a–b. SB III 6277; 6301. P. dem. Cair. 30624.
065
Alexikrates, Sohn des Theogenes
226/225 v. Chr.
22.
P. Petrie I 19; III 19c.
066
Ptolemaios, Sohn des Chrysermos
225/224 v. Chr.
23.
PP III/IX 5238; VI 14624.
067
Archeteas, Sohn des Iasios
224/223 v. Chr.
24.
P. Hamb. Inv. I 24.
068
Dositheos, Sohn des Drimylos
223/222 v. Chr.
25.
CPJud. I 127d–e. 3. Buch der Makkabäer 1, 3.
ein gebürtiger Jude
069
?
222 v. Chr.
26.
Ptolemaios IV. Philopator (222–205 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
069
Nikanor, Sohn des Bakchios
222/221 v. Chr.
1.
BGU VI 1273; X 1983.
070
Pytheas, Sohn des Apollodoros
221/220 v. Chr.
2.
P. Hausw. 16. SB X 10450; XII 10859.
071
Demetrios, Sohn des Apelles
220/219 v. Chr.
3.
BGU X 1984.
072
Demetrios, Sohn des Apelles
219/218 v. Chr.
4.
SB XII 11061.
073
Mnasiades, Sohn des Polykrates
218/217 v. Chr.
5.
BGU VI 1274.
aus Argos, Vater des Polykrates
074
Ptolemaios, Sohn des Aeropos
217/216 v. Chr.
6.
PP III/IX 5239; VI 15168 und 15237.
aus Argos
075
Agathokles, Sohn des Agathokles
216/215 v. Chr.
7.
BGU VI 1262; X 1958; 1986.
076
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
215/214 v. Chr.
8.
BGU VI 1264; 1275; 1276; 1277; 1278; X 1943; 1959; 1969.
077
Andronikos, Sohn des Nikanor
214/213 v. Chr.
9.
BGU X 1944; 1945; 1960; XIV 2397.
078
Pythangelos, Sohn des Philokleitos
213/212 v. Chr.
10.
BGU X 1946; 1947. SB III 6289.
079
Eteoneus (?, Sohn des Eteoneus?)
212/211 v. Chr.
11.
BGU X 1963; 1965. SB III 6288.
080
Eteoneus (?, Sohn des Eteoneus?)
211/210 v. Chr.
12.
P. dem. Berl. 3075.
081
Antiphilos, Sohn des Agathanor
210/209 v. Chr.
13.
P. BM Andrews 18.
082
Aiakides, Sohn des Hieronymos
209/208 v. Chr.
14.
P. Hausw. 14.
083
Demosthenes oder Timosthenes, Sohn des Kratinos
208/207 v. Chr.
15.
P. BM Andrews 28.
084
?
207/206 v. Chr.
16.
085
?
206/205 v. Chr.
17.
086
Asklepiades, Sohn des Asklepiades
205 v. Chr.
18.
P. KölnÄgypt. 7.
Ptolemaios V. Epiphanes (205–180 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
086
?
205/204 v. Chr.
1.
087
Aristomenes, Sohn des Menneas
204/203 v. Chr.
2.
P. dem. Cair. 30660, 30700.
aus Alyzeia
088
Satyros, Sohn des Eumenes
203/202 v. Chr.
3.
PP III/IX 5263.
089
Adaios, Sohn des Gorgias
202/201 v. Chr.
4.
P. Tebt. III 820.
090
Pausanias, Sohn des Demetrios
201/200 v. Chr.
5.
P. Tebt. III 1003.
091
Andromachos, Sohn des Lysimachos
200/199 v. Chr.
6.
092
Twnn, Sohn des Ptolemaios
199/198 v. Chr.
7.
P. dem. Louvre 2435.
093
Demetrios, Sohn des Sitalkes
198/197 v. Chr.
8.
P. dem. Louvre 3266.
094
Aetos, Sohn des Aetos
197/196 v. Chr.
9.
Stein von Rosette = OGIS I 90.
095
Zoilos, Sohn des Andros
196/195 v. Chr.
10.
London, BM EA 10624, 10629.
096
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
195/194 v. Chr.
11.
PP IX 5240a.
097
?
194/193 v. Chr.
12.
098
?, Sohn des Eumelos
193/192 v. Chr.
13.
P. Tebt. III 816.
099
Theon, Sohn des Zenodotos
192/191 v. Chr.
14.
BGU XIV 2388.
100
Antipatros, Sohn des Dionysios
191/190 v. Chr.
15.
London, BM EA 10560.
101
?
190/189 v. Chr.
16.
102
?
189/188 v. Chr.
17.
103
Charileos, Sohn des Nymphion
188/187 v. Chr.
18.
P. Mich. Inv. 928.
104
Aristonikos, Sohn des Aristonikos
187/186 v. Chr.
19.
aus Alexandria
105
Timotheos, Sohn des Timotheos
186/185 v. Chr.
20.
P. Mich. Inv. 3156. P. BM. Reich 10226.
106
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
185/184 v. Chr.
21.
PP III/IX 5241, VI 14946.
107
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
184/183 v. Chr.
22.
PP III/IX 5241, VI 14946.
2. Amtszeit
108
Ptolemaios, Sohn des Pyrrhides
183/182 v. Chr.
23.
Stele 5576.
109
Hegesistratos, Sohn des Hegesistratos
182/181 v. Chr.
24.
P. BM Andrews 10.
110
?, Sohn des Zenodoros
181/180 v. Chr.
25.
Ptolemaios VI. Philometor (180–170 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
110
?
181/180 v. Chr.
1.
111
Poseidonios, Sohn des Poseidonios
180/179 v. Chr.
2.
P. Amh. II 42.
112
Philon, Sohn des Kastor
179/178 v. Chr.
3.
P. dem. Cair. 30783, 30968.
aus Alexandria
113
?
178/177 v. Chr.
4.
114
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
177/176 v. Chr.
5.
London, BM EA 10518.
115
Ptolemaios, Sohn des Philokrates
176/175 v. Chr.
6.
116
Philostratos, Sohn des Asklepiodotos
175/174 v. Chr.
7.
P. Tebt. III 818, 979.
117
Herakleodoros, Sohn des Apollophanes
174/173 v. Chr.
8.
P. Amh. II 43.
118
Apollodoros, Sohn des Zenon
173/172 v. Chr.
9.
P. BM Siut 10594. P. Mich. Inv. 190.
119
Demetrios, Sohn des Demokles
172/171 v. Chr.
10.
P. Tebt. III 819.
120
Alexandros, Sohn des Epikrates
171/170 v. Chr.
11.
London, BM EA 10675.
Ptolemaios VI. Philometor / Ptolemaios VIII. Euergetes II. / Kleopatra II. (170–145 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
121
Pyrrhos, Sohn des Pyrrhos
170/169 v. Chr.
12. / 1.
London, BM EA 10513.
122
?
169/168 v. Chr.
13. / 2.
123
?
168/167 v. Chr.
14. / 3.
124
?
167/166 v. Chr.
15. / 4.
125
Melagkomas (Sohn des Philodamos?)
166/165 v. Chr.
16. / 5.
PP III/IX 5194.
aus Aitolien
126
Polykritos, Sohn des Aristodemos
165/164 v. Chr.
17. / 6.
127
Herakleides oder Herakleitos, Sohn des Philoxenos
164/163 v. Chr.
18. / 7.
128
Isidotos, Sohn des Theon oder Thyion
163/162 v. Chr.
19. / 8.
129
?
162/161 v. Chr.
20. / 9.
130
?
161/160 v. Chr.
21. / 10.
131
?
160/159 v. Chr.
22. / 11.
132
?
159/158 v. Chr.
23. / 12.
133
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
158/157 v. Chr.
24. / 13.
P. dem. Cair. 30606. London, BM EA 10561, 10618.
Ältester Sohn des Ptolemaios VI. und der Kleopatra II.
134
?
157/156 v. Chr.
25. / 14.
135
Kaphisodoros, Sohn des Kaphisodoros
156/155 v. Chr.
26. / 15.
PP III/IX 5167.
136
?
155/154 v. Chr.
27. / 16.
137
?
154/153 v. Chr.
28. / 17.
138
Demetrios, Sohn des Stratonikos
153/152 v. Chr.
29. / 18.
139
?
152/151 v. Chr.
30. / 19.
140
?
151/150 v. Chr.
31. / 20.
141
Epitychos oder Epidikos
150/149 v. Chr.
32. / 21.
London, BM EA 10620.
142
?
149/148 v. Chr.
33. / 22.
143
Kallikles, Sohn des Diokrates oder Theokrates
148/147 v. Chr.
34. / 23.
P. dem. Cair. 31179.
144
?, Sohn des Zoilos
147/146 v. Chr.
35. / 24.
London, BM EA 10620(b).
145
Tyiywns, Sohn des Xanthippos
146/145 v. Chr.
36. / 25.
P. dem. Cair. 30605.
Ptolemaios VIII. Euergetes II. / Kleopatra II. (145–141 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
145
Tyiywns, Sohn des Xanthippos
145 v. Chr.
25.
P. dem. Cair. 30605.
146
?
145/144 v. Chr.
26.
147
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
144/143 v. Chr.
27.
P. Köln VIII 350.
Der zweite Sohn des Ptolemaios VI. und der Kleopatra II., welcher nach älterer aber widerlegter Auffassung 145 v. Chr. kurzzeitig als „Ptolemaios VII.“ geherrscht habe.
148
?
143/142 v. Chr.
28.
149
?
142/141 v. Chr.
29.
Ptolemaios VIII. Euergetes II. / Kleopatra II. / Kleopatra III. (141–116 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
150
?
141/140 v. Chr.
30.
151
?
140/139 v. Chr.
31.
152
?
139/148 v. Chr.
32.
153
Dionysios, Sohn des Demetrios
138/137 v. Chr.
33.
P. dem. Cair. 30619.
154
?
137/136 v. Chr.
34.
155
Antipatros, Sohn des Ammonios
136/135 v. Chr.
35.
P. Tebt. III 810.
156
Ptolemaios, Sohn des Ptolemaios
135/134 v. Chr.
36.
P. Tebt. III 810.
Sohn des Ptolemaios VIII., entweder Memphites oder Ptolemaios IX.
Für die Priester Nr. 157–171 vom 37. bis 50. Herrscherjahr des Ptolemaios VIII. Euergetes II. liegen keine Papyrusfunde oder Inschriften vor.
172
Apollonios, Sohn des Eirenaios
120/119 v. Chr.
51.
London, BM EA 10398.
173
Ptolemaios, Sohn des Kastor
119/118 v. Chr.
52.
PP III/IX 5251. P. Hamb. Inv. 12.
174
?
118/117 v. Chr.
53.
175
?
117/116 v. Chr.
54.
Kleopatra III. / Ptolemaios IX. Soter II. (116–107 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
?
116 v. Chr.
1.
Ptolemaios IX. Philometor Soter
116/115 v. Chr.
2.
P. dem. Cair. 30602; 30603.
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
115/114 v. Chr.
3.
P. Genf. I, 25. P. Strasb. 81, 83, 84.
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
114/113 v. Chr.
4.
P. Genf. II, 20. P. Strasb. 85. BGU 944.
Ptolemaios X. erhebt sich 114 v. Chr. in Zypern zum König.
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
113/112 v. Chr.
5.
P. Lond. III 1204.
Artemidor, Sohn des Sation Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
112/111 v. Chr.
6.
P. Strasb. 86.
Artemidor hatte das Priesteramt in den ersten Monaten des Herrscherjahres bekleidet. Vermutlich war er ein Anhänger der Kleopatra III.
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
111/110 v. Chr.
7.
?
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
110/109 v. Chr.
8.
BGU III 995.
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
109/108 v. Chr.
9.
P. Lond. III 881.
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
108/107 v. Chr.
10.
?
Ptolemaios IX. Theos Philometor Soter
107 v. Chr.
11.
BGU III 996.
Kleopatra III. / Ptolemaios X. Alexander I. (107–101/88 v. Chr.)
Priester
Amtsjahr
Herrscherjahr
Belege
Bemerkungen
Ptolemaios X. Theos Neos Alexandros
107/106 v. Chr.
11. / 8.
P. Bruxelles Inv. E. 7155, 7156A.
Ptolemaios X. Theos Neos Alexandros
106/105 v. Chr.
12. / 9.
P. Tebt. I 166.
Kleopatra III. Thea Euergetis Philometor
105/104 v. Chr.
13. / 10.
P. Köln II 81.
Ämtervereinigung
Ptolemaios, Sohn des Kastor, ist der letzte namentlich bekannte Alexanderpriester, bevor diese Würde mit dem Königsamt vereint wurde. Da der Priestertitel erstmals im zweiten Herrscherjahr des Königspaars Ptolemaios IX. und Kleopatra III. (116/115 v. Chr.) in der Königstitulatur nachgewiesen werden kann, bleibt es vorerst unklar, ob die Ämtervereinigung noch in den letzten beiden Jahren des Ptolemaios VIII. geschehen war oder erst mit dem Herrschaftsantritt seines Nachfolgepaares vollzogen wurde. Möglich ist aber, dass erst Ptolemaios IX. diesen Schritt als notwendig erachtete, um seinen Vorrang im Königtum gegenüber seiner mitregierenden Mutter Kleopatra III. zu demonstrieren. Damit hatte jedenfalls das Priesteramt einen Bedeutungswandel vollzogen, indem es seinen eponymen Charakter verloren und einen propagandistischen angenommen hatte. Als das Königsamt im Ptolemäerstaat seit dem frühen 2. Jahrhundert v. Chr. von mehreren, untereinander konkurrierenden Mitgliedern der Herrscherdynastie zeitgleich in Beschlag genommen wurde, musste sich zwangsläufig der Vorrang des Einen gegenüber dem Anderen öffentlich artikulieren. Die Übernahme des nicht teilbaren Priesteramtes muss von Ptolemaios IX. als die geeignete Maßnahme erachtet worden sein, um sich von seiner mitregierenden aber verhassten Mutter abzusetzen, zumal diese im selben Zeitraum ihren höchst eigenen Personenkult mit eigenen Priesterämtern begründete. Einzig die Inhaberschaft des Alexanderkultes konnte dies noch übertreffen und demonstrieren, wer die tatsächliche Herrschaft in Alexandria und damit im Ptolemäerreich innehatte.
Die neue Bedeutung des Amtes ist auch in seiner weiteren Geschichte nachzuverfolgen. In den ersten Monaten des Jahres 112/111 v. Chr. amtierte kurzzeitig mit Artemidor eine Privatperson als Alexanderpriester. Wahrscheinlich war dieser ein Gefolgsmann der Kleopatra III., die ihn in dieses Amt einsetzen konnte, nachdem ihr die zeitweilige Vertreibung ihres Sohnes aus Alexandria gelungen war. Da das Bekleiden einer Hohepriesterwürde durch eine Frau mit der religiösen Vorstellungswelt der Hellenen nicht zu vereinbaren war, wird sie notgedrungen zur Besetzung des Amtes mit einem ihrer Anhänger gezwungen gewesen sein, doch letztlich dürfte sie mit dieser Handlung ihre Herrschaft in Alexandria öffentlich demonstriert haben. Der Name des Ptolemaios IX. ist allerdings im betreffenden Papyrus zu diesem Jahr nachträglich hinter dem des Artemidor im Priesteramt eingesetzt worden, ihm muss also noch im selben Jahr die Rückkehr nach Alexandria mit der Machtübernahme gelungen sein.
Im Jahr 107 v. Chr. konnte Kleopatra III. dann doch ihren ältesten Sohn dauerhaft aus Alexandria vertreiben und ihren Zweitgeborenen, Ptolemaios X. († 88 v. Chr.), als ihren Mitherrscher und Alexanderpriester einsetzen. Als sich mit ihm aber der innerdynastische Machtkampf fortsetzte, fasste sie 105 v. Chr. den Entschluss zur persönlichen Übernahme der Priesterwürde, um ihren Vorrang in der Herrschaft zu unterstreichen. Ptolemaios X. musste sich fortan mit der Rolle des untergeordneten Mitkönigs zufriedengeben. Dieser eklatante Verstoß gegen die religiösen Traditionen wurde von Kleopatra III. wahrscheinlich als Dauerlösung ersonnen, doch dürfte sie damit ihr Ansehen gegenüber den Hellenen nachhaltig beschädigt haben. Die letzten Jahre ihres Lebens war sie mit einem andauernden Krieg gegen Ptolemaios IX. beschäftigt, bis sie 101 v. Chr. wohl nach einem Mordanschlag von Ptolemaios X. verstarb, der nun die Alleinherrschaft übernehmen konnte. Priester- und Königsamt blieben unter den Nachfolgern Ptolemaios’ X. weiter bis zum Ende der Ptolemäer miteinander vereint, wenngleich die Nennung der Priestertitel auf Papyri nun nur noch selten erfolgte. Durch den Verlust ihres eponymen Charakters hatten sie ihre Bedeutung für die Datierung eingebüßt.
Abkürzungen
BGU = Ägyptische Urkunden aus den Staatlichen Museen zu Berlin, Griechische Urkunden. (bisher 13 Bände seit 1895; Neudruck von Bd. I–IX, Mailand 1972).
CPJud = Victor A. Tcherikover, Alexander Fuks: Corpus Papyrorum Judaicarum. Vol. I, Cambridge (Massachusetts) 1957.
London, BM EA = Inventarsnummern der Papyri und Inschriften des British Museum in London.
OGIS = Wilhelm Dittenberger: Orientis Graeci inscriptiones selectae. Band I, Leipzig 1903.
P. Amh. = B. P. Grenfell und A. S. Hunt: The Amherst Papyri. 2 Bände. London 1900–1901.
P. Amsterdam inv. = Papyrus-Inventar der Universität von Amsterdam.
P. BM Andews = C. A. R. Andrews: Ptolemaic Legal Texts from the Theban Area. London 1990.
P. dem. Berl. = Demotische Papyri aus den Staatlichen Museen zu Berlin., 3 Bände, Berlin 1978–1993.
P. Bruxelles Inv. = Papyri-Inventar des königlichen Museums für Kunst und Geschichte von Brüssel.
P. Cair. Zen. = C. C. Edgar: Zenon Papyri. Vols. I–V, Cairo 1925–1931.
P. Cornell = W. L. Westermann, C. J. Kraemer Jr.: Greek Papyri in the Library of Cornell University. New York 1926.
P. dem. Cair. = Wilhelm Spiegelberg: Die Demotischen Denkmäler. Bd. I: Die demotischen Inschriften. Leipzig 1904; Bd. II: Die demotischen Papyri. Straßburg 1908; Bd. III: Demotische Inschriften und Papyri. Berlin 1932.
P. Eleph. = Otto Rubensohn: Aegyptische Urkunden aus den königlichen Museen in Berlin. In: Griechische Urkunden. Sonderheft: Elephantine Papyri. Berlin 1907.
P. Genf. I = J. Nicole: Les Papyrus de Genève. Vol. I, Genf 1896–1906.
P. Hamb. Inv. = P. Meyer: Griechische Papyrusurkunden der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek. Leipzig/Berlin 1911–1924.
P. Hib. I = Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt: The Hibeh Papyri. Part I, London 1906.
P. Hib. II = E. G. Turner: The Hibeh Papyri. Part II, London 1955.
P. Hausw. = Wilhelm Spiegelberg, Josef Partsch: Die demotischen Hauswaldt Papyri: Verträge der ersten Hälfte der Ptolemäerzeit (Ptolemaios II–IV) aus Apollinopolos (Edfu). Leipzig 1913.
P. KölnÄgypt. = D. Kurth, H.-J. Thissen und M. Weber (Hrsg.): Kölner ägyptische Papyri. Opladen 1980.
P. Köln II = B. Kramer und D. Hagedorn: Kölner Papyri. Band 2, Opladen 1978.
P. Köln VIII = M. Gronewald, K. Maresch und C. Römer: Kölner Papyri. Band 8, Opladen 1997.
P. Lond. III = F. G. Kenyon, H. I. Bell: Greek Papyri in the British Museum. Vol. III, London 1907.
P. Mich. Inv. = Papyrus-Inventar der Universität von Michigan.
P. Osl. = S. Eitrem, L. Amundsen: Papyri Osloenses. Vols. II–III, Oslo 1931–1936.
P. Petrie = J. P. Mahaffy, J. G. Smyly: The Flinders Petrie Papyri. Vols. I–III, Dublin, 1891–1905.
P. BM. Reich = Nathaniel Reich J.: Papyri juristischen Inhalts in hieratischer und demotischer Schrift aus dem British Museum. Wien 1914.
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P. Tebt. III = Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt, J. Gilbart Smyly: The Tebtunis Papyri. Vol. III, London 1933.
PP VI = Willy Peremans, Edmond Van‘t Dack, Leon Mooren, W. Swinnen: Prosopographia Ptolemaica VI: La cour, les relations internationales et les possessions extérieures, la vie culturelle (Nos 14479-17250). In: Studia Hellenistica. Bd. 21, Löwen 1968.
PP III/IX = Willy Clarysse: Prosopographia Ptolemaica IX: Addenda et Corrigenda au volume III. In: Studia Hellenistica. Bd. 25, Löwen, 1981.
PSI = Papyri Greci e Latini. Vols. I–XIV, Firenze 1912–1957.
SB = Hans A. Rupprecht, Joachim Hengstl: Sammelbuch griechischer Urkunden aus Ägypten. Band I–XXVI, 1903–2006.
Stele 5576 = Urbain Bouriant: La Stèle 5576 du Musée de Boulaq et l’Inscription de Rosette. In: Recueil de travaux, Vol. 6, Paris 1885, S. 1–20.
Literatur
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S. R. K. Glanville, T. C. Skeat: Eponymous Priesthoods of Alexandria from 211 B.C. In: The Journal of Egyptian Archaeology. Band 40, 1954, S. 45–58.
J. IJsewijn: De sacerdotibus sacerdotiisque Alexandri Magni et Lagidarum eponymis. Brüssel 1961, OCLC 3747093.
L. Koenen: Kleopatra III. als Priesterin des Alexanderkultes (P. Colon. inv. nr. 5063). In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 5, 1970, S. 61–84.
W. Clarysse, G. van der Veken: The Eponymous Priests of Ptolemaic Egypt. Brill, Leiden 1983, ISBN 90-04-06879-1.