Jyotisha

Jyotisha (Sanskrit, m., ज्योतिष, jyotiṣa) ist eine Lehre des alten Indien, in der es um die Deutung der Stellung bestimmter Himmelskörper zur Ermittlung der günstigsten Jahreszeit und des günstigsten Tages für Opferhandlungen, Rituale, und andere weltliche Aktivitäten geht. Sie wird als Vedanga, Hilfswissenschaft des Veda, und auch als Schwesternwissenschaft des Ayurveda bezeichnet.

Das „Vedanga Jyotisha“ ist einer der frühesten Texte über Astronomie innerhalb der hinduistischen Veden.[1][2][3] Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die auf dem indischen Subkontinent praktizierte Horoskopastrologie auf hellenistische Einflüsse zurückgeht.[4][5] Dies ist jedoch Gegenstand heftiger Debatten, und andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass sich das Jyotisha unabhängig entwickelt habe, auch wenn es möglicherweise mit der griechischen Astrologie in Wechselwirkung stand.[6]

Etymologie

Jyotisha, so der Indologe Monier-Williams, leitet sich vom Wort „Jyotish“ ab, was „Licht“ bedeutet, etwa das Licht der Sonne, des Mondes oder eines Himmelskörpers. Der Begriff „Jyotisha“ umfasst das Studium der Astronomie, der Astrologie und der Zeitmessung anhand ihrer Bewegungen. Ziel war es, Kalender zu führen und günstige Zeitpunkte für vedische Rituale vorherzusagen.[7][8][9]

Die Lehre

Nach Ansicht der Hindus offenbart Jyotisha subtile, aus dem Universum kommende Einflüsse. Die Umstände, in die wir hineingeboren werden, seien das Resultat unseres Karma aus früheren Leben. Äußere Ereignisse unseres Lebens werden demnach von unseren Handlungen aus entfernter Vergangenheit bewegt.[10] Das Wissen um Jyotisha soll helfen, unsere jetzigen Bedingungen zu akzeptieren und danach zu streben, die Zukunft durch die Handlungen in diesem Leben zu formen. Das Ziel des Lebens sei es, zu einem ursprünglichen Selbst, unserer wahren Natur, zurückzukehren. Durch Jyotisha könne man eine bessere Einschätzung bekommen, wie man dieses Ziel erreicht.

Ein wichtiger Unterschied zwischen dem indischen und dem westlichen System ist die größere Bedeutung des Mondes im indischen System. Eines der Grundlagenwerke der vedischen Astrologie ist die Brihat Parashara Hora Shastra.[11] Ein weibliches Prinzip wird postuliert und als höher bewertet. Davon ausgehend wird die vedische Astrologie als Mondastrologie kategorisiert, im Gegensatz zur westlichen, die als Sonnenastrologie bezeichnet wird. Der Hinweis auf die Verwendung des siderischen Tierkreises, der auf der Position des Fixsternes Spica (0° Waage) basiert, während der im Westen benutzte, tropische Tierkreis sich an der Tagundnachtgleiche orientiert, mit welcher der Beginn des Frühjahrs im Sternzeichen Widder markiert wird, soll diese Position veranschaulichen. Der Unterschied, der sich zwischen den beiden Tierkreisen ergibt, beträgt zurzeit (2006) fast 24 Grad und wird als Ayanamsa bezeichnet. Alle Planeten werden also um 24 Grad zurückversetzt.[12]

Aus dem indischen Geburtshoroskop oder Kreis der Wiedergeburt, Kreis des Lichts, (Janma Kundali) mit seinen 12 Rashis, den Zeichen, werden detaillierte Aussagen über verschiedene Lebensgebiete abgeleitet, z. B. karmische Themen, Dharma (Zweck des Lebens) und Moksha.

Die indische Astrologie beobachtet besonders den Stand des Mondes im Tierkreis und unterteilt die 360 Grad in 27 Mondhäuser, die der Mond durchläuft. Jedes dieser Mondhäuser bringt die spezifische Wirkung der dahinter stehenden Sternbilder.[13]

Die Nakshatras, auch „Mondhäuser“ oder „Frauen des Mondes“ genannt, werden als Ausblicke des Mondes auf den Kosmos bezeichnet. Der Mond gilt als Vermittler, der uns erlaubt, die auf die Erde einströmenden kosmischen Kräfte zu erfassen.

Jedes Nakshatra wird in vier gleich große Abschnitte unterteilt: 13° 20′ : 4 = 3° 20′ pro Teil. Diese Abschnitte nennt man Nakshatra Pada, die von eins bis vier nummeriert werden. Jedes Nakshatra Pada hat seine eigene Bedeutung für die Interpretation. Die jedem Pada zugeordnete Sanskritsilbe bestimmt auch den Namen des während dieser Zeit geborenen Kindes.

Die westliche Astrologie mit tropischem Tierkreis befasst sich mit dem Sonnensystem. Die indische Astrologie interpretiert auch Objekte jenseits des Sonnensystems. Ein vedischer Astrologe wird als Jyotishi bezeichnet.

Einzelnachweise

  1. Richard L. Thompson: Vedic Cosmography and Astronomy. 2004, S. 9–240 (englisch).
  2. Āryabhaṭa I and his contributions to mathematics. 1988, S. 282 (englisch).
  3. Michael Witzel: Autochthonous Aryans? The Evidence from Old Indian and Iranian Texts. In: Electronic Journal of Vedic Studies. Band 7, Nr. 3, 25. Mai 2001, S. 1–93 (englisch, Online [abgerufen am 12. Juli 2020]).
  4. David Pingree: Jyotihśāstra: Astral and Mathematical Literature. 1981, ISBN 978-3-447-02165-4, S. 67 ff., 81 ff., 101 ff. (englisch).
  5. Samuel Samuel: The Origins of Yoga and Tantra. Cambridge University Press, 2001 (englisch).
  6. Vijaya Narayan Tripathi: Astrology in India. In: Encyclopaedia of the History of Science, Technology, and Medicine in Non-Western Cultures. Springer, 2008, ISBN 978-1-4020-4425-0, S. 264–267 (englisch).
  7. Monier Monier-Williams: A Sanskrit–English Dictionary. Oxford University Press, 1923, S. 353 (englisch, google.com [abgerufen am 27. Dezember 2020]).
  8. James Lochtefeld: Jyotisha. In: The Illustrated Encyclopedia of Hinduism. Band 1 (A-M). Rosen Publishing, 2002, ISBN 0-8239-2287-1, S. 326–327 (englisch).
  9. Monier Monier-Williams: Jyotisa. 1923, abgerufen am 28. November 2024 (englisch).
  10. Charles F. Keyes, E. Valentine Daniel (Hrsg.): Karma: An Anthropological Inquiry. University of California Press, 1983, ISBN 0-520-04429-0 (englisch).
  11. Maharshi Parāśara: Brihat Parasara Hora Sastra of Maharshi Parasara. Hrsg.: R. Santhanam. Vol. 1. Ranjan Publications, 1984 (englisch, Online).
  12. Michio Yano: Calendar, Astrology, and Astronomy. In: Gavin Flood (Hrsg.): The Blackwell Companion to Hinduism. Wiley, 2008, ISBN 978-81-265-1629-2, S. 376–392 (englisch).
  13. Komilla Sutton: The Essentials of Vedic Astrology. In: The Wessex Astrologer. Bournemouth 1999, ISBN 1-902405-06-4, S. 168 (englisch).



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