Die Irreligiosität in Frankreich weist eine lange historische Tradition und eine bedeutende demografische Basis auf. Die Entwicklung des Atheismus sowie die abnehmende Bedeutung organisierter Religionen lassen sich bis in die Zeit der Französischen Revolution zurückverfolgen.[1]
Laut Schätzungen aus dem Jahr 2023 zeichnet sich die französische Gesellschaft durch einen hohen Grad an Säkularisierung aus:
| Kategorie[2] | Anteil an der Bevölkerung (ca.) |
| gläubig[2] | 37 % |
| nicht gläubig[2] | 45 % |
Obwohl Frankreich ein laizistischer Staat ist, stellt das Christentum, insbesondere der Katholizismus, weiterhin die größte Religionsgemeinschaft dar.[3]
Laut einer Erhebung des Statistikamtes INSEE aus dem Jahr 2023 (bezogen auf den Zeitraum 2019–2020) ergab sich für die Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen folgendes Bild:
- 51 % gaben an, keiner Religion anzugehören.[3]
- 29 % bezeichneten sich als katholisch.[3]
- 10 % identifizierten sich als muslimisch.[3]
- 10 % gehörten anderen Religionsgemeinschaften an (darunter Protestanten, Evangelikale, Orthodoxe, Buddhisten und Juden).[3]
In Frankreich gibt es keine staatlich geführten Register über die Religionszugehörigkeit der Bürger.[4] Das Verbot solcher Statistiken dient dem Schutz der Privatsphäre und der Wahrung der staatlichen Neutralität. Wissenschaftliche Studien wie jene des INSEE oder des INED füllen diese Datenlücke durch freiwillige Befragungen und repräsentativen Studien.[3][5]
| Katholische Religion | Islam | Jüdische Religion | Buddhismus | Andere |
|---|---|---|---|---|
| 48 % | 6 % | 1 % | 1 % | 1 % |

- Renaissance und Reformation
Der Begriff „Atheist“ (vom französischen athée) im Sinne einer Person, welche die Existenz Gottes verneint oder bezweifelt, ist im Englischen seit etwa 1571 nachweisbar.[7] Das davon abgeleitete Substantiv atheism (vom französischen athéisme) folgte um 1587.[8]
- Verfolgung und Repression
Vor der Aufklärung galten kirchenkritische oder nicht-theistische Überzeugungen oft als unmoralisch; das Bekenntnis zum Atheismus war in vielen europäischen Ländern strafbar.[9]
- Frühe Neuzeit: Der Gelehrte Étienne Dolet wurde 1546 wegen Atheismus-Vorwürfen hingerichtet.
- 18. Jahrhundert: 1766 wurde der französische Adlige François-Jean de la Barre wegen der mutmaßlichen Beschädigung eines Kruzifixes gefoltert und hingerichtet. Der Fall erlangte Bekanntheit, da Voltaire sich vergeblich für eine Begnadigung eingesetzt hatte.[10]
- Aufklärung: Auch prominente Vertreter der Aufklärung wie Denis Diderot (1713–1784), Herausgeber der Encyclopédie, sahen sich Verfolgung ausgesetzt. Diderot, der die Vernunft als maßgebliche Instanz gegenüber dem religiösen Glauben positionierte, wurde aufgrund seiner Schriften zeitweise inhaftiert; Teile seines Werkes wurden verboten oder öffentlich verbrannt.[11]
Während der Französischen Revolution gewann der Atheismus als weltanschauliche und kulturelle Position an Bedeutung, insbesondere in Abkehr von der päpstlichen Autorität und den Strukturen des Heiligen Römischen Reiches. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Kult der Vernunft (Culte de la Raison), eine atheistische Weltanschauung, die von Jacques-René Hébert, Pierre Gaspard Chaumette und deren Anhängern initiiert wurde.[12]
Der Kult war als säkularer Ersatz für das Christentum konzipiert und durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- Dechristianisierung: Die systematische Entfernung oder Zerstörung christlicher Reliquien und Symbole.[13]
- Umwidmung: Die Umwandlung von Kirchen in „Tempel der Vernunft“.[14]
- Symbolik: Die Personifizierung der Vernunft, oft dargestellt durch eine Göttin.[14]
- Feierlichkeiten: Das „Fest der Vernunft“ (oder „Fest der Freiheit“) am 10. November 1793 (20. Brumaire II) in der Kathedrale Notre-Dame de Paris.[14]
Der Kult der Vernunft verfolgte das Ziel, christliche und theistische Einflüsse – teils unter Anwendung von Zwang – vollständig zu verdrängen. Dies führte zum Konflikt mit Maximilien Robespierre, der den radikalen Atheismus der Hébertisten ablehnte. Er etablierte stattdessen den Kult des Höchsten Wesens (Culte de l’Être suprême), eine deistische Strömung, die sich zwar vom organisierten Christentum distanzierte, aber den Glauben an eine höhere Macht behielt.[15]
Die Vorherrschaft des Kults der Vernunft währte nur etwa sieben Monate. Das Ende der Bewegung wurde durch Robespierre und den Wohlfahrtsausschuss herbeigeführt: Am 24. März 1794 wurden Hébert und seine engsten Unterstützer hingerichtet, woraufhin der Kult der Vernunft an politischem Einfluss verlor.[14]
Auch nach dem Ende der radikalen kirchenfeindlichen Phase der Französischen Revolution durch die Thermidorianer-Reaktion setzte sich der Prozess der Säkularisierung während der napoleonischen Ära und im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts fort. Französische Atheisten beteiligten sich verstärkt an politischen Bewegungen, die auf soziale und wirtschaftliche Gleichstellung abzielten. Besondere Bedeutung erlangten sie dabei im Rahmen der Februarrevolution 1848 sowie während der Pariser Kommune von 1871.[16]
Ein markanter Wendepunkt in der institutionellen Geschichte des Atheismus war das Jahr 1877. Auf Initiative des protestantischen Pastors Frédéric Desmons schaffte der Grand Orient de France (GOdF), die damals größte Freimaurerorganisation des Landes, die Verpflichtung zum Glauben an ein höheres Wesen („Allmächtiger Baumeister aller Welten“) als Aufnahmebedingung ab.[17]
Diese Entscheidung führte zu einem bis heute andauernden Schisma innerhalb der internationalen Freimaurerei:
- Die United Grand Lodge of England (UGLE) und ihre angeschlossenen Logen brachen die Beziehungen zum GOdF ab.[18]
- Grund für den Bruch war die Abkehr des GOdF vom theistischen Prinzip, das in der regulären Freimaurerei die Anerkennung eines Schöpfers für alle Mitglieder vorschreibt.[19][20]
Mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 wurde das Prinzip der Laizität in Frankreich rechtlich verankert. Das Gesetz beendete die staatliche Anerkennung und Finanzierung von Religionsgemeinschaften und legte fest, dass die Interaktion zwischen Staat und Religion ausschließlich über privatrechtliche Kultvereine (associations cultuelles) erfolgt.[21][22]

In der Nachkriegszeit prägten atheistische und säkular-humanistische Strömungen maßgeblich den philosophischen Diskurs über die menschliche Existenz. Ein prominenter Vertreter dieser Entwicklung war der Existentialist Jean-Paul Sartre, dessen Werk: Die Autonomie des Individuums ohne religiösen Bezug thematisierte.[23]
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts – verstärkt durch die globalen Debatten im Kontext des „Krieges gegen den Terror“ – stehen Themen wie Religionsfreiheit, öffentliche Religionsausübung und atheistische Rationalität erneut im Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses in Frankreich.[24][25]
Die Freimaurerloge Grand Orient de France (GOdF) vertritt weiterhin eine strikt laizistische Position. Vonseiten römisch-katholischer Apologeten und Kleriker wird der Organisation in diesem Zusammenhang regelmäßig eine antichristliche Grundhaltung vorgeworfen.[26]
Auch in der politischen Führung Frankreichs spiegelt sich die Vielfalt säkularer Positionen wider:
- Der ehemalige Präsident François Hollande bezeichnet sich als Atheist (mit katholischer Erziehung)[27].
- Präsident Emmanuel Macron identifiziert sich als Agnostiker, trat jedoch als Jugendlicher zum Katholizismus über.[28]
- Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo bekennt sich öffentlich zum Atheismus.[29]
- Unione degli Atei e degli Agnostici Razionalisti
- Grand Orient de France
- Vereinigte Großloge von England
- Masonic Encyclopedia
- ↑ La carte de l’athéisme dans le monde : la France numéro 4. In: L'Obs. 18. Januar 2015, archiviert vom am 16. Januar 2025; abgerufen am 21. März 2026 (französisch).
- ↑ a b c Level of religiosity among French people 2023. In: Statista. 28. November 2025, archiviert vom am 14. September 2025; abgerufen am 21. März 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e f Frank Tétart: Quel paysage religieux en France en 2023? In: CAIRN.INFO. 17. Mai 2024, archiviert vom am 22. März 2026; abgerufen am 22. März 2026 (französisch).
- ↑ État des lieux de la laïcité en France. Étude d’opinion réalisée par Viavoice pour l’Observatoire de la laïcité. 2021, archiviert vom am 18. Januar 2024; abgerufen am 27. März 2026 (französisch).
- ↑ FRENCH RELIGIOUS GEOGRAPHY AND POLITICAL CHANGES SINCE THE 2010s: VOTE HYPOTHESIS BASED ON FOURQUET-LEBRAS 2014 REPORT. (PDF) 2019, archiviert vom am 30. Juni 2025; abgerufen am 24. März 2026 (englisch).
- ↑ https://www.statista.com/statistics/936532/religion-distribution-population-france/. In: Statista. 1. November 2014, archiviert vom am 3. Dezember 2020; abgerufen am 24. März 2026 (englisch).
- ↑ Richard Faber, Susanne Lanwerd: Atheismus. Ideologie, Philosophie oder Mentalität? Königshausen und Neumann, 2006, ISBN 978-3-8260-2895-3, S. 46.
- ↑ Rendered as Atheistes: Arthur Golding: The Psalmes of David and others, with [[John Calvin|J. Calvin]]'s commentaries. 1571, S. Ep. Ded. 3 (englisch): “The Atheistes which say..there is no God.” Translated from French.
- ↑ Rendered as Athisme: Arthur Golding, Philip Sidney: Woorke concerning the Trewnesse of the Christian Religion, written in French; Against Atheists, Epicures, Paynims, Iewes, Mahumetists, and other infidels. London, 1587, OCLC 1554179730, S. xx. 310 (englisch): “Athisme, that is to say, vtter godlesnes.” Translation of De la verite de la religion chrestienne (1581).
- ↑ Daniela Wakonigg: Freidenker ehren letzte Person, die in Frankreich wegen Blasphemie hingerichtet wurde. In: Humanistischer Pressedienst. 17. Mai 2023, archiviert vom am 8. November 2025; abgerufen am 22. März 2026.
- ↑ "The Philosophe". In: www.pinzler.com. Abgerufen am 28. August 2021 (englisch).
- ↑ Hermann Ley: Geschichte der Aufklärung und des Atheismus. VEB deutscher Vlg der Wissenschaften, Berlin 1989, ISBN 978-3-326-00307-8, S. 112 ff. (573 S.).
- ↑ Georg May: Das Recht des Gottesdienstes in der Diözese Mainz zur Zeit von Bischof Joseph Ludwig Colmar (1802-1818). B.R. Grüne, Amsterdam 1987, ISBN 978-90-6032-289-5, S. 197 ff. (762 S.).
- ↑ a b c d Die Entchristianisierung unter der Schreckensherrschaft (1793-1794). In: Virtuelles Museum des Protestantismus. Archiviert vom am 16. Oktober 2025; abgerufen am 23. März 2026.
- ↑ Dimitri Almeida: Laizität im Konflikt. Religion und Politik in Frankreich. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2016, ISBN 978-3-658-14424-1, S. 31 ff.
- ↑ ANITA ANAND, ARTURO ESCOBAR, JAI SEN, PETER WATERMAN: Eine andere Welt Das Weltsozialforum. (PDF) 2004, archiviert vom am 4. September 2024; abgerufen am 24. März 2023.
- ↑ Grand Orient de France. In: Anthro Wiki. Archiviert vom am 6. Juli 2022; abgerufen am 24. März 2026.
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- ↑ Robert Freke Gould: The history of freemasonry : its antiquities, symbols, constitutions, customs. Thomas C. Jack, London 1887, OCLC 695736373, S. 146 (englisch).
- ↑ Rudi Rabe: England und Frankreich - zwei freimaurerische Rivalen. In: Freimaurer Wiki. Archiviert vom am 22. Dezember 2025; abgerufen am 24. März 2026.
- ↑ Janine Ziegler: Das Ideal einer neutralen Öffentlichkeit: Die Trennung zwischen Staat und Religion in Frankreich. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 21. Januar 2013, archiviert vom am 15. Januar 2026; abgerufen am 24. März 2026.
- ↑ Das Gesetz von 1905. In: Virtuelles Museum des Protestantismus. Archiviert vom am 14. Januar 2026; abgerufen am 24. März 2026.
- ↑ Sven Kramer: Die Subversion der Literatur. Christian Geisslers "kamalatta", sein Gesamtwerk und ein Vergleich mit Peter Weiss. M&P Schriftenreihe. J.B. Metzler, 2016, ISBN 978-3-476-04253-8, S. 165 ff. (466 S.).
- ↑ Hollande vor dem Kongress. Frankreich rüstet sich für den Krieg gegen den Terror. In: Deutschlandfunk. 17. November 2015, archiviert vom am 10. Februar 2026; abgerufen am 26. März 2026.
- ↑ Frankreichs Innenminister sieht „Krieg“ gegen den Islamismus. In: Frankfurter Allgemeine. 30. Oktober 2020, archiviert vom am 28. September 2025; abgerufen am 26. März 2026: „Gérald Darmanin bezeichnet den Islamismus als „Form des Faschismus im 21. Jahrhundert“. Nizzas Bürgermeister sagt, dieser „Krieg“ könne nicht mit „den Gesetzen des Friedens“ gewonnen werden.“
- ↑ Hermann Julius Meyer: Meyers Lexikon. Bibliographisches Institut, Leipzig 1936, OCLC 968509.
- ↑ Martina Zimmermann: Die geheime Herkunft des François Hollande. In: evangelisch.de. 11. Mai 2012, archiviert vom am 23. Mai 2025; abgerufen am 26. März 2026: „Ich praktiziere keine Religion, aber ich achte alle Konfessionen. Meine Konfession ist es, keine zu haben.“
- ↑ Ein Blick auf Macron und die Religion. Laizität und guter Wille. In: Domradio.de. 25. April 2022, archiviert vom am 8. Juni 2025; abgerufen am 27. März 2026.
- ↑ Anne Hidalgo. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 4. Februar 2022, archiviert vom am 12. November 2025; abgerufen am 27. März 2026.
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