Yamani (Schia)

Der Yamani (arabisch اليماني, DMG al-Yamānī) ist eine Figur der schiitischen Eschatologie. Nach schiitischer Überlieferung soll er vor dem Erscheinen des verborgenen Mahdi auftreten, um die Menschen auf dessen Ankunft vorzubereiten und sie zu unterstützen. Er gilt neben dem Sufyani als eines der zentralen „Vorzeichen“ (Ayat) für das Ende der Zeit und die Wiederkehr des zwölften Imams.[1]

Identität und Rolle in schiitischen Quellen

In der schiitischen Eschatologie herrscht Uneinigkeit über die genaue Herkunft des al-Yamani.[2][3] Während Einigkeit darüber besteht, dass er ein Nachfahre des Propheten Muhammad ist, variieren die Angaben darüber, ob er von Hasan ibn Ali oder Husayn ibn Ali abstammt.[4] Eine dem Imam Dschaʿfar as-Sādiq zugeschriebene Überlieferung besagt zudem, dass der Yamani ein Nachkomme seines Onkels Zayd ibn Ali sei und aus dem Jemen stammen werde.[5]

Namensvarianten und Beinamen

Die Hadith-Literatur führt unterschiedliche Namen für diese Figur an, darunter:

  • Hassan oder Hussein
  • Saeed
  • Mansour (der Siegreiche)
  • Nasr (der Helfer)

Der Beiname „Nasr“ wird in einigen Traditionen darauf zurückgeführt, dass er dem Imam al-Mahdi unmittelbar vorausgeht.[6] In seiner Funktion als „Mansour“ wird ihm zugeschrieben, den Mahdi in militärischen Auseinandersetzungen zu unterstützen.[7]

Religiöse Bedeutung

Der Yamani wird primär als ein Wegbereiter charakterisiert. Seine zentrale Aufgabe besteht laut den Quellen darin, die Menschen zur Gefolgschaft des Imam al-Mahdi aufzurufen und dessen Ankunft vorzubereiten.[7]

Erscheinen des Yamani

In der schiitischen Eschatologie gilt das Erscheinen des Yamani (arabisch: اليماني) als eines von fünf „sicheren Zeichen“ (al-ʿalāmāt al-ḥatmiyya), die unmittelbar vor der Ankunft des verborgenen zwölften Imams, Muhammad al-Mahdi, eintreten sollen.[6][8]

Kontext und Überlieferung

Nach schiitischer Tradition, insbesondere basierend auf Hadithen, die dem sechsten Imam Dschaʿfar as-Sādiq zugeschrieben werden, ist der Yamani eine Figur, die aus dem Jemen stammt und die Menschen zur „Wahrheit“ führt. Er gilt als ein Verbündeter des Mahdi und als Gegenspieler des Sufyani, einer ebenfalls eschatologischen Figur, die als Tyrann beschrieben wird.[6]

Die fünf Zeichen

Die Überlieferungen nennen fünf spezifische Ereignisse, die der Rückkehr des Mahdi vorausgehen:[8]

  1. Das Erscheinen des Sufyani.
  2. Das Erscheinen des Yamani.
  3. Ein göttlicher Ruf oder Schrei (Saih) vom Himmel.
  4. Die Ermordung des an-Nafs az-Zakiyya („die reine Seele“).
  5. Das Versinken einer Armee in der Wüste von al-Bayda (al-Chasf bi-l-Baydāʾ).

Merkmale des Yamani

In den religiösen Quellen werden bestimmte Attribute des Yamani hervorgehoben:

  • Herkunft: Er soll aus dem Jemen hervorgehen.
  • Symbolik: Einigen Überlieferungen zufolge führt er eine weiße Flagge, die als Symbol der Leitung und Rechtleitung interpretiert wird.[9]
  • Rolle: Er wird oft als derjenige beschrieben, dessen Banner unter den verschiedenen Aufständischen der Endzeit am rechtmäßigsten sei, da er direkt zur Gefolgschaft des Imams aufrufe.[10]

Zeit und Ort des Erscheinens

In der schiitischen Eschatologie wird die Ankunft des al-Yamani als eines der „fünf sicheren Zeichen“ vor der Wiederkunft des verborgenen Imams Mahdi betrachtet. Gemäß der Mehrheit der Überlieferungen (Hadithe) wird sein Aufbruch im Jemen verortet.[11][12]

Geografische und zeitliche Einordnung

Nach schiitischer Tradition – insbesondere basierend auf Aussagen, die dem sechsten Imam Dschafar as-Sadiq zugeschrieben werden – erfolgt der Aufstand des Yamani zeitgleich mit dem des Sufyani aus Syrien (Scham). Einige Auslegungen unterscheiden dabei zwischen zwei verschiedenen „Yamanis“: Einer, der im Jemen erscheint und gegen den Sufyani kämpft, sowie ein weiterer, der den Mahdi direkt unterstützt.[13][5]

Mehrere Überlieferungen, darunter solche von Muhammad al-Baqir und Ali ar-Rida, betonen die zeitliche Übereinstimmung der Ereignisse:

  • Synchronität: Der Aufbruch des Yamani, des Sufyani und des Chorasani soll demnach im selben Jahr, im selben Monat und am selben Tag stattfinden.[7]
  • Zeitpunkt: Als spezifischer Monat für dieses Erscheinen wird häufig der Monat Radschab genannt.[14]

Religiöse Bedeutung und Bündnisse

Innerhalb der schiitischen Lehre wird die Flagge des Yamani als die „am meisten rechtleitende“ beschrieben. Gläubige werden in den Überlieferungen dazu aufgerufen, sich ihm anzuschließen, da er den Weg zum Mahdi bereite.[15]

In der eschatologischen Literatur wird zudem oft ein Bündnis zwischen dem Yamani und dem Chorasani gegen ihren gemeinsamen Gegner, den Sufyani, thematisiert. Während die Bewegung des Sufyani als zerstörerisch und abtrünnig gilt, wird die Rolle des Yamani als eine der Führung und des Heils (Huda) dargestellt.[16][17]

Ende der Mission und Ausgang des Konflikts

Über den Abschluss des Wirkens von al-Yamani finden sich in den klassischen Überlieferungen vergleichsweise wenige detaillierte Angaben. Ein zentrales Motiv in der schiitischen Tradition ist jedoch der militärische Sieg über den Gegenspieler des Mahdi. Gemäß einem Hadith, der dem sechsten Imam Dschafar as-Sadiq zugeschrieben wird, soll al-Yamani nach einer Phase zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen und Rückschläge den Sufyani schließlich besiegen und töten. Damit gilt seine Mission in der eschatologischen Erzählung als vorbereitender Wegbereiter für die endgültige Herrschaft des Mahdi.[10]

Moderne Interpretationen und politische Rezeption

In der jüngeren Geschichte und Gegenwart werden die Überlieferungen über den al-Yamani immer wieder herangezogen, um aktuelle politische Konflikte im Nahen Osten religiös zu deuten:

  • Jemen-Konflikt: Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jemen (insbesondere seit 2015) gibt es innerhalb bestimmter schiitischer Kreise Tendenzen, zeitgenössische Akteure mit der Figur des Yamani zu identifizieren. Dies dient oft der religiösen Legitimation von Kampfhandlungen oder Bündnissen.[18]
  • Die „Ahman al-Hassan“-Bewegung: Eine moderne Gruppierung, die sich auf diese Endzeitfigur bezieht, ist die des Irakers Ahmad al-Hassan. Er behauptet seit den frühen 2000er Jahren, selbst der verheißene Yamani und Gesandte des Mahdi zu sein.[19] Diese Bewegung wird von der traditionellen schiitischen Geistlichkeit in Nadschaf und Qom jedoch überwiegend abgelehnt und als häretisch eingestuft.[20]
  • Geopolitische Deutung: Die in den Hadithen beschriebene Allianz zwischen dem Yamani (Jemen) und dem Chorasani (oft mit dem Iran identifiziert) gegen den Sufyani (Syrien/Suntiten) wird von einigen Kommentatoren als religiöses Spiegelbild der heutigen geopolitischen Achsen im Nahen Osten interpretiert.

Kritische Betrachtung der Quellen

Islamwissenschaftler und Historiker weisen darauf hin, dass die Hadithe über den Yamani, wie viele eschatologische Texte, oft in Zeiten großer politischer Umbrüche entstanden sind oder verbreitet wurden.[21] Die Vielfalt der teils widersprüchlichen Überlieferungen – etwa die Erwähnung von zwei verschiedenen „Yamanis“ – wird in der Forschung oft als Resultat unterschiedlicher politischer Interessen während der Umayyaden- und Abbasidenzeit gedeutet.[22]

Anspruchsteller (Prätendenten)

Im Laufe der Zeit gab es verschiedene Personen, die behaupteten, die Figur des al-Yamani zu verkörpern. Der bekannteste zeitgenössische Fall ist der des Irakers Ahmed al-Hassan.[19]

Der aus Basra stammende schiitische Geistliche trat in den frühen 2000er Jahren mit dem Anspruch auf, der verheißene Yamani und ein direkter Gesandter des Mahdi zu sein. Infolgedessen nahm er den Beinamen Ahmed al-Hassan al-Yamani an. Seine Bewegung geriet in gewaltsame Konflikte mit irakischen Sicherheitskräften, insbesondere während der Schlacht von Nadschaf im Januar 2007. Seit diesen Ereignissen gilt al-Hassan als untergetaucht; sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt.[23]

Einzelnachweise

  1. Muhammad Baqir al-Majlisi: Bihar Al-anwar. The Promised Mahdi. Lantern Publications, 2022, ISBN 978-1-92258337-6 (englisch).
  2. Muhammad Baqir al-Majlisi: Bihar Al-Anwar. Vol 51-53 (PART 1). 2022, ISBN 978-1-92258336-9 (englisch).
  3. The Shi’a of Samarra. The Heritage and Politics of a Community in Iraq. Bloomsbury Publishing, 2012, ISBN 978-0-85772-145-7 (englisch, 296 S.).
  4. Shaykh Hamid Waqar: The white flags of Yamani. Archiviert vom Original am 23. Juni 2020; abgerufen am 14. September 2015 (englisch).
  5. a b Omid Ghaemmaghami: Encounters with the Hidden Imam in Early and Pre-Modern Twelver Shīʿī Islam. 2020, ISBN 978-90-04-41315-3 (englisch, 288 S.).
  6. a b c Wilhelm Eppler: Fundamentalismus als religionspädagogische Herausforderung. V&R Unipress, 2015, ISBN 978-3-8470-0419-6, S. 148 (nordsamisch, 281 S.).
  7. a b c Login Search English دوشنبه 17 دي 1403 - 5 رجب 1446 - 6 ژانوِيه 2025 The Yemeni Uprising. 18. März 2012, archiviert vom Original am 21. Januar 2025; abgerufen am 20. Januar 2025 (englisch).
  8. a b Abu Hadi Sa’id Haydar: Die Zeichen der Wiederkehr von Imam al-Mahdi. (PDF) 2024, archiviert vom Original am 21. Juni 2025; abgerufen am 20. Januar 2026.
  9. Muhammad ibn Ibrahim ibn Ja'far Nu'mani: Ghaybah of Nu'mani. chapter14, S. 252 (englisch).
  10. a b Yusuf ibn Yahya ibn Ali ibn Abdul Aziz al-Muqaddasi al-Shafi'i al-Salmi: Die Hochzeit von Al-Darr in Akhbar Al-Muntazar. Erzählungen über den Verheißenen Mahdi (a.s.), seine äußeren, inneren und moralischen Eigenschaften sowie die Zeichen vor und nach seinem Wiedererscheinen. Archiviert vom Original am 10. August 2019; abgerufen am 22. Januar 2026 (arabisch).
  11. Ali Al-Kourani: Epoch of Appearance. S. 30 (englisch, readbook.ir (Memento des Originals vom 16. April 2015 im Internet Archive) [abgerufen am 14. September 2015]).
  12. Baqir Sharif al-Qarashi: The life of Imam al-Mahdi. Ansariyan Publications, Qum 2007, ISBN 978-964-438-806-4, S. 321 (englisch, coiradio.com (Memento des Originals vom 23. Juni 2020 im Internet Archive) [abgerufen am 14. September 2015]).
  13. Jassim M. Hussain: The Occultation of the Twelfth Imam. A Historical Background. Muhammadi Trust, ISBN 978-0-90779401-1 (englisch, 221 S.).
  14. Ali al-Kourani: Mu'jam al-Ahadith al-Imam al-Mahdi. َAl-Ma'arif al-Islamiyah, S. v3 p 478 (englisch, harfeakhar24.com (Memento des Originals vom 6. Oktober 2015 im Internet Archive) [abgerufen am 14. September 2015]).
  15. Muhammad Baqir Majlisi: Bihar al-Anvar. Band 52, S. 232 (englisch).
  16. Aqd al-Durar (= عقد الدرر في أخبار المنتظر (عج)). Jamkaran mosque, 1428, S. 90 (arabisch, noorlib.ir).
  17. Sheikh Mansour Leghaei. Ask the Sheikh, 7. März 2012; (englisch).
  18. Mahdi Ahouie: Messianism and Political Action. (PDF) How Utopianism and Nationalism Merge in Contemporary Shi’ite and Jewish Political Theologies. Archiviert vom Original am 25. Januar 2026; abgerufen am 25. Januar 2026 (englisch).
  19. a b Ahmed Al-Hassan. Archiviert vom Original am 5. Dezember 2021; abgerufen am 25. Januar 2026 (englisch).
  20. Cara Hinkson: The messianic idea in Shi’i Islam and its modern politicization. In: Arena. 2015, archiviert vom Original am 25. Januar 2026; abgerufen am 25. Januar 2026 (englisch).
  21. Guido Steinberg: Fünf Thesen zur Anhörung des Ausschusses für Inneres und Heimat zum Thema „politischer Islamismus“. (PDF) Dr. Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin. 19. September 2022, archiviert vom Original am 3. August 2025; abgerufen am 25. Januar 2026.
  22. Trending Reports. In: MEMRI. Archiviert vom Original am 21. Januar 2026; abgerufen am 25. Januar 2026 (englisch).
  23. Massimo Introvigne, Karolina Maria Kotkowska: The Ahmadi Religion of Peace and Light: An Introduction. In: The Journal of CESNUR. 8. Jahrgang, Nr. 3, 10. Mai 2024, ISSN 2532-2990, S. 33–51, doi:10.26338/tjoc.2024.8.3.2 (englisch).



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Yamani (Schia) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.