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Himmelfahrt des Mose

Noir24admin Apokryphen 21. Juni 2026

Die Himmelfahrt des Mose (lateinisch Assumptio Mosis oder Testamentum Mosis, Abkürzung: AssMos oder TestMos) ist die bekannteste unter mehreren apokryphen Schriften, deren Hauptperson Mose als Empfänger von Offenbarungen ist. Die Abschiedsrede des Mose an Josua enthüllt im typischen Stil einer Apokalypse, was in ferner Zukunft geschehen wird, und steht dabei unter starkem Einfluss der Theologie des Deuteronomiums.[1]

Textüberlieferung

Es gibt eine einzige lateinische Handschrift der Assumptio Mosis. Antonius M. Ceriani entdeckte sie 1861 in der Biblioteca Ambrosiana (Mailand).[2] Ambrosianus C 73 inf. ist eine Abschrift eines lateinischen Textes des 5. Jahrhunderts.[3] Dieser war eine Übersetzung einer verlorenen griechischen Vorlage. Hinter dem griechischen Text wird eine hebräische, möglicherweise aramäische Urfassung vermutet. Johannes Tromp plädiert dagegen für ein griechisches Original.[4] Ceriani publizierte den Text unter dem Titel Fragmenta Assumptionis Mosis, „Fragmente der Himmelfahrt des Mose“. Im erhaltenen Text ist aber von keiner Himmelfahrt die Rede.

Inhalt

Nach Gerbern S. Oegema lässt sich die Assumptio Mosis folgendermaßen gliedern:[3]

Kapitel Rahmenhandlung Geschichtlicher Rückblick Gegenwarts- und Zukunftsdeutung
1 Mose im Gespräch mit Josua
2 Einzug der Israeliten ins Land Kanaan, Königreiche Israel und Juda bis zum Exil
3 Israel in der Babylonischen Gefangenschaft
4 Fürbitte Daniels, Rückkehr einiger Exilierter zur Zeit des Kyros
5 Israels religiöse Verfehlungen im Seleukidenreich
6 Gottlose Priesterkönige aus der Dynastie der Hasmonäer; Herrschaft des Herodes; Einmarsch des Varus in Judäa
7 Zunehmende Ungerechtigkeit
8 Zorngericht
9 Schreckenszeit unter einem Weltherrscher; Taxo und seine Söhne
10 Leiden der Gerechten; Gottes Eingreifen; Erlösung Israels
11–12 Josua im Gespräch mit Mose

Die Assumptio Moysis knüpft an das Buch Deuteronomium an (Dtn 31,14 EU) und ist insofern auch eine Rewritten Bible. Mose ruft an seinem Lebensende seinen Nachfolger Josua zu sich und übergibt ihm eine geheime Schrift, die erst in der Endzeit gelesen werden soll. Josua soll sie in Krüge legen und an einem von Gott offenbarten Ort verbergen. (Für den Leser der Assumptio Mosis ist damit zugleich klar: Seine eigene Gegenwart ist diese Endzeit.[5]) Was darin steht, erklärt Mose sodann dem Josua:

In einem ersten Teil weissagt Mose die Geschichte Israels von der Landnahme in Kanaan bis zur Herrschaft des Herodes (vom Standpunkt des Verfassers aus ist das ein Geschichtsrückblick). Bund und Gebote sind zentral für die Identität Israels. In Kapitel 4 wird ein machtvoller Fürsprecher Israels erwähnt (unus qui supra eos est); hier denkt man teils an den biblischen Daniel, teils an Israels Schutzengel im Hofstaat Gottes.[6]

Im zweiten Teil prophezeit Mose das, was auch für den Verfasser der Assumptio Mosis Zukunft ist: Ein Weltherrscher (rex regnum terrae, womit nur ein römischer Kaiser gemeint sein kann, der allerdings mit Zügen des Antiochos IV. Epiphanes ausgestattet wird[7]) wird ein Schreckensregiment errichten, aber ein Levit namens Taxo wird ihm entgegentreten. Anders als die Makkabäer, wird Taxo aber nicht kämpfen, sondern sich mit seiner Familie in eine Höhle zurückziehen und dort verhungern. Taxo ist bereit, mit seinen sieben Söhnen zu sterben, denn Gott wird ihn rächen. Taxo sagt seinen Söhnen voraus, dass Gott in der Endzeit die Bösen bestrafen und ganz Israel erhöhen werde. In der Gestalt des Taxo und seiner sieben Söhne sind einerseits die Gestalt des Mattatias und seiner Söhne aus dem 1. Buch der Makkabäer, andererseits die sieben Märtyrerbrüder aus dem 2. Buch der Makkabäer verarbeitet.[8] Möglicherweise wird mit dem Namen Taxo auf eine historische Persönlichkeit angespielt, was aber heute nicht mehr verständlich ist. Taxo ist als jüdischer Männername jedenfalls sonst nicht bezeugt.[9] Es gibt zahlreiche Vorschläge, wobei eine vermutete hebräische oder aramäische Namensform spekulativ ist. Siegfried Mowinckel schlug eine Transkription von altgriechisch τάξων táxōn „Ordner“ (im Sinne von Gesetzgeber, daher vergleichbar mit Mose) vor; Karl Wieseler verwies darauf, dass taxo (spät)lateinisch den Dachs bezeichne; dieser Name passe zur Flucht des Taxo und seiner Familie in eine Höhle (vgl. auch 2 Makk 10,6 EU).[10]

Josua, der Adressat dieser Offenbarungen, ist angsterfüllt. Mose ist für ihn so erhaben, dass kein Ort würdig ist, sein Grab zu werden („Die ganze Welt ist dein Grab“, AssMos 11,8), und kein Mensch, Moses Leichnam zu bestatten. Mose tröstet ihn. Hier bricht der Text ab.

Verfasser, Entstehungszeit und -ort

Nahezu alle Einleitungsfragen wie die nach der Herkunft des Verfassers, der Abfassungszeit und der Sprache, in der das Werk ursprünglich verfasst war, sind umstritten. Es werden Datierungen zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. vorgeschlagen, mit einer Präferenz für das 1. Jahrhundert n. Chr.[11]

Eine Datierung kann von Kapitel 6 ausgehen: Der Verfasser der Assumptio Moysis weiß, dass ein „frecher König“ (rex petulans) 34 Jahre herrschen wird. Das passt auf Herodes den Großen. Dass seine Söhne nur kurze Zeit regieren würden, passt für Herodes Archelaos, aber nicht für die beiden anderen Erben des Herodes, Philippus und Herodes Antipas. Damit kommt man auf eine Entstehungszeit zwischen 4 v. Chr. und 30 n. Chr.[2] Für diese zeitliche Ansetzung spricht, dass die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jüdischen Krieg (70 n. Chr.) in der Assumptio Mosis nicht erwähnt wird.[12] Dies ist umso markanter, als der Tempel für die Assumptio Mosis zentrale Bedeutung hat: „Alle Angriffe der Heiden gelten dem Tempel, und auch die makkabäische Verteidigung gilt dem Tempel; das Volk steht aber meistens auf der Seite der Heiden, hat die Verunreinigung des Tempels zumindest mitverursacht, ist somit mitschuldig.“[13]

Solomon Zeitlin schlug dagegen eine Datierung in die Regierungszeit Kaiser Hadrians, nach dem Scheitern des Bar-Kochba-Aufstands (132–135 n. Chr.), vor.[14]

Entstanden ist die Assumptio Mosis wahrscheinlich in Judäa/Palästina, man vermutet den Verfasser in pharisäischen oder essenischen, bei späterer zeitlicher Ansetzung auch rabbinischen Kreisen (d. h. Sadduzäer oder Zeloten sind als Verfasser unwahrscheinlich).[15] Einige Ähnlichkeiten mit jachadischen Schriften sind auffällig: die antihasmonäische Einstellung bei gleichzeitigem priesterlich-kultischem Interesse, die Bundestheologie, die Erwartung, dass Gott rächend in die Geschichte eingreifen werde, das alles in einem eschatologisch-apokalyptischen Weltbild.[16]

Wirkungsgeschichte

Im Judasbrief (Judas 1,9 EU) wird ein Streit zwischen Michael und dem Teufel um den Leichnam des Mose erwähnt. Origenes schrieb, dass dieser Streit zwischen Engel und Teufel in einer Schrift mit dem Titel „Himmelfahrt des Mose“ stehe (De principiis, III,2,1; In Iosuam hom. 2,1). Ob dies heißt, dass es eine nicht erhaltene Fassung gab, die diese Szene enthielt, oder ob Origines eine ungenaue bzw. fehlerhafte Quellenangabe gemacht hat, ist nicht sicher.

Gelasios von Kyzikos erwähnt in seiner Kirchengeschichte ein Werk mit dem Titel „Himmelfahrt des Mose“, das den Anfang der Assumptio Mosis enthielt sowie den Streit zwischen Michael und dem Teufel.[17]

Textausgaben

Lateinischer Text

  • Johannes Tromp: The Assumption of Moses: a critical edition with commentary. Brill, Leiden / New York / Köln 1993 (=Studia in Veteris Testamenti Pseudepigrapha. Band 10). ISBN 90-04-09779-1.

Englische Übersetzung

  • John Priest: Testament of Moses. In: Charlesworth, James Hamilton (Hg.): The Old Testament Pseudepigrapha. Vol. 1: Apocalyptic Literature and Testaments. Garden City, New York 1983, 919–934.

Deutsche Übersetzungen

  • Egon Brandenburger: Himmelfahrt Moses. In: Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit V/2, 1976, 57–84.
  • Carl Clemen: Die Himmelfahrt Moses. In: Emil Kautzsch (Hrsg.): Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, Bd. 2, Tübingen (Mohr) 1900, S. 311–331.
  • Paul Rießler: Himmelfahrt des Moses. In: ders.: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel. Augsburg 1928, S. 485–495.
  • Abraham Schalit: Untersuchungen zur Assumptio Mosis (= Arbeiten zur Literatur und Geschichte des hellenistischen Judentums. Band 17). Brill, Leiden 1989. ISBN 90-04-08120-8.

Literatur

  • Irina Wandrey: Himmelfahrt des Mose. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 3, Mohr-Siebeck, Tübingen 2000, Sp. 1753.
  • Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Moseschriften III. Apokalyptische und jüdisch-hellenistische Literatur. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 23, de Gruyter, Berlin / New York 1994, ISBN 3-11-013852-2, S. 347–357.
  • Gerbern S. Oegema: Apokalypsen. (=Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit, Band 6: Supplementa. Einführungen.) Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, S. 33–48
  • Norbert Johannes Hofmann: Die Assumptio Mosis. Studien zur Rezeption massgültiger Überlieferung. Journal for the Study of Judaism, Supplements 67. Leiden u. a. 2000. ISBN 90-04-11938-8
  • Edna Israeli: “Taxo” and the Origin of the Assumption of Moses. In: Journal of Biblical Literature 128 (2009), 735–757.
  • Günter Reese: Die Geschichte Israels in der Auffassung des frühen Judentums: eine Untersuchung der Tiervision und der Zehnwochenapokalypse des äthiopischen Henochbuches, der Geschichtsdarstellung der Assumptio Mosis und des Esrabuches. Berlin u. a. 1999. ISBN 3-8257-0134-4.
  • Axel Graupner, Michael Wolter (Hrsg.): Moses in Biblical and Extra-Biblical Traditions (= Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Band 372). De Gruyter, Berlin / Boston 2007. ISBN 978-3-11-019460-9.
  • Stefan Schreiber: Hoffnung und Handlungsperspektive in der Assumptio Mosis. In: Journal for the Study of Judaism in the Persian, Hellenistic, and Roman Period 32/3 (2001), S. 252–271.

Weblinks

Wikisource: Himmelfahrt des Moses in der Übersetzung von Paul Rießler – Quellen und Volltexte
  • Ulrich Dahmen: Mose-Schriften, außerbiblische. In: Michaela Bauks, Michael Pietsch, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2007 ff.
  • website Michael.Luetge: Himmelfahrt des Mose (deutsche Übersetzung aus Emil Kautzsch)
  • Thomas Knittel: Bibliographie zur Assumptio Mosis

Einzelnachweise

  1. ↑ Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 40.
  2. ↑ a b Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Moseschriften III. Apokalyptische und jüdisch-hellenistische Literatur. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 23, de Gruyter, Berlin / New York 1994, ISBN 3-11-013852-2, S. 347–357., hier S. 347.
  3. ↑ a b Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 34.
  4. ↑ Johannes Tromp: The Assumption of Moses: a critical edition with commentary, Leiden 1993, S. 116–118.
  5. ↑ Stefan Schreiber: Hoffnung und Handlungsperspektive in der Assumptio Mosis, 2001, S. 253.
  6. ↑ Stefan Schreiber: Hoffnung und Handlungsperspektive in der Assumptio Mosis, 2001, S. 255.
  7. ↑ Stefan Schreiber: Hoffnung und Handlungsperspektive in der Assumptio Mosis, 2001, S. 259.
  8. ↑ Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 41.
  9. ↑ Stefan Schreiber: Hoffnung und Handlungsperspektive in der Assumptio Mosis, 2001, S. 263.
  10. ↑ Stefan Schreiber: Hoffnung und Handlungsperspektive in der Assumptio Mosis, 2001, S. 264f.
  11. ↑ Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 33.
  12. ↑ Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 35.
  13. ↑ Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 46.
  14. ↑ Solomon Zeitlin: The Assumption of Moses and the Revolt of Bar Kokba: Studies in the Apocalyptic Literature. In: The Jewish Quarterly Review 38/1 (1947), S. 1–45.
  15. ↑ Gerbern S. Oegema: Apokalypsen, Gütersloh 2001, S. 37.
  16. ↑ Norbert Johannes Hofmann: Die Assumptio Mosis. Studien zur Rezeption massgültiger Überlieferung, Leiden u. a. 2000, S. 38.
  17. ↑ Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Moseschriften III. Apokalyptische und jüdisch-hellenistische Literatur. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 23, de Gruyter, Berlin / New York 1994, ISBN 3-11-013852-2, S. 347–357., hier S. 348.



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Nowgoroder Kodex

Noir24admin Apokryphen 21. Juni 2026
Nowgoroder Kodex
Nowgoroder Kodex, Ps 75

Nowgoroder Kodex (russ. Новгородский кодекс, wiss. Transliteration Novgorodskij kodeks) ist die Bezeichnung für ein Wachstafelbuch in altkirchenslawischer Sprache aus dem späten 10. und frühen 11. Jahrhundert. Es besteht aus einem Triptychon aus drei aneinander gebundenen Lindenholzplatten mit insgesamt vier mit Wachs ausgefüllten Seiten und wurde am 13. Juli 2000 bei Ausgrabungen bei Nowgorod gefunden. Es ist der älteste erhaltene Kodex der Kiewer Rus.

Der ehemalige Besitzer hatte im Verlaufe von zwei bis drei Jahrzehnten Dutzende, ja vermutlich Hunderte von Texten aufgeschrieben, indem er jeweils den vorangehenden Text überschrieb.

Entstehungszeit

In den Texten selbst wird mehrfach das Jahr 999 als Datum erwähnt. Nach aus der Stratigraphie (gestützt durch die Dendrochronologie), durch die Radiokohlenstoffmethode und aus dem Text selbst gewonnenen Daten wurde der Wachskodex im ersten Viertel des 11. Jahrhunderts und wahrscheinlich auch schon in den letzten Jahren des 10. Jahrhunderts benutzt, so dass er um einige Jahrzehnte älter ist als z. B. das Ostromir-Evangelium.

Psalmen

Auf dem Wachs des Kodex selbst ist der Text der Psalmen 75 und 76 (sowie ein kleiner Teil von Psalm 67) erhalten; dies ist der so genannte Grundtext (russ. osnownoj tekst) des Nowgoroder Kodexes, nach dem das Sprachdenkmal bisweilen auch Nowgoroder Psalter genannt wird. Dieser Text ist ebenso leicht zu lesen wie sonstige Dokumente auf Pergament und war der Forschung sofort zugänglich. Die Psalter-Übersetzung spiegelt eine etwas andere Übersetzungstradition wider als die bisher bekannten ältesten Texte des slawischen Psalters (besonders das Psalterium sinaiticum).

Sprache

Die Sprache des Nowgoroder Kodex ist ein vor allem im Grundtext sehr regelmäßiges Kirchenslawisch, wenn auch mit einigen „Fehlern“ bei der Wiedergabe der Nasalvokale, die die ostslawische Herkunft des Schreibers offenbaren. Der gesamte Text ist von ein und derselben Hand geschrieben, und zwar in einer so genannten Ein-Jer-Orthographie (russ. odnojerowaja sistema), bei der an der Stelle der beiden Jer-Buchstaben ь und ъ einheitlich nur der Buchstabe ъ benutzt wird.

Verborgene Texte

A. A. Salisnjak (russ. А. А. Зализняк) ist es in außerordentlich mühevoller Arbeit gelungen, bisher einen kleinen Teil der dem Grundtext vorangehenden, gelöschten („verborgenen“) Texte anhand der Abdrücke und Kratzer des Stylus auf den unter dem Wachs befindlichen Holzbrettchen zu rekonstruieren. Die Schwierigkeit dieser Arbeit besteht vor allem darin, dass die meist sehr schwachen und kaum von einer natürlichen Maserung im Holz zu unterscheidenden Abdrücke Zehntausender Buchstaben sich gegenseitig überlagern und so ein undurchschaubares Gewirr von Linien ergeben (Salisnjak spricht von einem Hyperpalimpsest). Dadurch bedingt kann das „Lesen“ einer einzelnen Seite eines „verborgenen“ Textes mitunter Wochen dauern.

An „verborgenen“ Texten wurden bisher unter anderem gefunden:

  • eine Vielzahl von Psalmen, die jeweils mehrfach aufgeschrieben wurden
  • der Anfang der Offenbarung des Johannes
  • der Beginn einer Übersetzung des Traktats „Über die Jungfräulichkeit“ des Johannes Chrysostomos, das bisher nicht in slawischer Übersetzung bekannt war
  • eine Vielzahl von Schreibungen des Alphabets, und zwar in einer Kurzform (а б в г д е ж ѕ з и ї к л м н о п р с т оу ф х ц ч ш щ ѿ) und einer Vollform (а б в г д е ж ѕ з и ї к л м н о п р с т оу ф х ц ч ш щ ѿ ъ ѣ ѫ ѭ ю я ѧ ѿ) sowie mit einer Aufzählung der Buchstabennamen (азъ боукы вѣдѣ глаголи…)
  • die Tetralogie „Vom Heidentum zu Christus“ (so der von Salisnjak vergebene Titel): vier bisher unbekannte Texte mit den Titeln „Das Gesetz Moses“ (russ. „Sakon Mojissejew“), „Die Entkräftenden und Entfriedenden“ („Rasmarjajuschtschije i rasmirjajuschtschije“), „Der Erzengel Gabriel“ („Archangel Gawriil“) und „Das Gesetz Jesu Christi“ („Sakon Iissussa Christa“).
  • ein Fragment des bisher unbekannten Textes „Über die verborgene Kirche unseres Erlösers Jesu Christi in Laodikeia und über das laodikeische Gebet unseres Herrn Jesu Christi“
  • ein Fragment des bisher unbekannten Textes „Bericht des Apostels Paulus über das geheime Paterikon Moses“
  • ein Fragment des bisher unbekannten Textes „Anweisung Alexanders von Laodikeia über die Vergebung der Sünden“
  • ein Fragment des bisher unbekannten Textes „Geistliche Unterweisung vom Vater und von der Mutter an den Sohn“
  • die Notiz „Въ лѣто ҂ѕ҃ф҃з҃ азъ мънихъ исаакии поставленъ попомъ въ соужъдали въ цръкъве свѧтаго александра арменина…“ („Im Jahr 6507 [nach byzantinischer Zählung, d. h. 999 n. Chr.] wurde ich, der Mönch Isaaki, Hieromonach in Susdal, in der Kirche des Heiligen Alexander des Armeniers…“); die Jahreszahl 6507 bzw. 999 wiederholt sich noch etliche Male auf den Rändern, so dass man annehmen darf, dass dieser Mönch Isaaki der Schreiber des Kodexes selbst ist, zumal dessen Sprache keine typischen Nowgoroder Merkmale aufweist, so dass es gut möglich ist, dass er aus Susdal kam.

Die große Zahl bisher unbekannter Texte im Nowgoroder Kodex erklärt sich vermutlich dadurch, dass der Schreiber einer christlichen Gemeinschaft angehörte, die von der „Amtskirche“ für häretisch erklärt wurde – vermutlich eine dualistische, den Bogomilen nahestehende Gruppe. Nachdem die „Amtskirche“ sich durchgesetzt hatte, wurden die Texte der Sekte nicht mehr weiter abgeschrieben und sogar die Spuren der Existenz einer solchen Gruppe verwischt. Besonders bezeichnend ist in dieser Hinsicht ein Abschnitt aus der „Geistlichen Unterweisung vom Vater und von der Mutter an den Sohn“:

[…] […]
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве еретикы. Die Welt ist eine Stadt, in der Häretiker aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы неразоумъны. Die Welt ist eine Stadt, in der unverständige Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы непокоривы. Die Welt ist eine Stadt, in der ungehorsame Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы непорочъны. Die Welt ist eine Stadt, in der tadellose Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы невиновъны. Die Welt ist eine Stadt, in der unschuldige Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы непрѣломъны. Die Welt ist eine Stadt, in der unbeugsame Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы недостоины такоѩ кары. Die Welt ist eine Stadt, in der diese Strafe nicht verdienende Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы недостойны такого отълѫчения. Die Welt ist eine Stadt, in der diesen Ausschluss nicht verdienende Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы прѣчистыѩ вѣры. Die Welt ist eine Stadt, in der Menschen reinen Glaubens aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы достоины хвалы. Die Welt ist eine Stadt, in der des Lobes würdige Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы достоины прославления. Die Welt ist eine Stadt, in der verehrungswürdige Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Миръ естъ градъ въ немъ же отълѫчаѭтъ отъ цръкъве чловѣкы неотъстѫпъны отъ правыѩ вѣры х҃совы. Die Welt ist eine Stadt, in der nicht vom wahren Glauben Christi weichende Menschen aus der Kirche ausgeschlossen werden.
[…] […]

Literatur

  • Зализняк А. А., Проблемы изучения Новгородского кодекса XI века, найденного в 2000 г. (Probleme bei der Erforschung des Nowgoroder Kodex), in: Славянское языкознание. XIII Международный съезд славистов. Любляна, 2003 г. Доклады российской делегации. — Москва, 2003. — С. 190—212.
  • Зализняк А. А., Азъ архангѣлъ Гавриилъ пишѭ молитвѫ. In: Русистика · Славистика · Лингвистика. Festschrift für Werner Lehfeldt zum 60. Geburtstag., Red. Sebastian Kempgen, Ulrich Schweier, Tilman Berger. München, 2003, S. 296–309.



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Papyrus Chester Beatty XII

Noir24admin Apokryphen 21. Juni 2026
Fragment aus dem Henochbuch, P. 5552

Papyrus Chester Beatty XII sind 14 Blätter und Fragmente eines Papyruskodex aus dem 4. Jahrhundert, die zu den biblischen Chester-Beatty-Papyri gehören. Sie enthalten Teile des pseudepigraphischen Henochbuches, des Apokryphon des Ezechiel und einer Osterhomilie, die Melito von Sardes zugeschrieben wird, in griechischer Sprache. Acht Blätter und ein Fragment befinden sich in der Chester Beatty Library in Dublin mit der Signatur BP XII, die anderen in der Universitätsbibliothek der University of Michigan in Ann Arbor mit den Signaturen P. 5552 und 5553.

Die Blätter sind leicht beschädigt und jetzt etwa 23,8 × 13,5 cm groß. Der Text ist einspaltig in 36 bis 44 Zeilen mit etwas unregelmäßigen Unzialen geschrieben.

Die Blätter wurden 1930 oder 1931 vom amerikanischen Sammler Alfred Chester Beatty in Ägypten erworben. Sie befanden sich zuerst alle in der Chester Library in Dublin, einige wurden dann an die University of Michigan gegeben.

Texteditionen

  • Albert Pietersma: New Greek Fragments of Biblical Manuscripts in the Chester Beatty Library. In: Bulletin of the American Society of Papyrologists, Band 24, 1987, S. 40–45, Nr. 3.
  • Campbell Bonner (Hrsg.): The Homily on the Passion by Melito, Bishop of Sardis, and Some Fragments of the Apocryphal Ezekiel. (= Studies and Documents. Band 12). Christophers, London 1940.
  • Champbell Bonner, Herbert Chayyim Youtie: The last chapters of Enoch in Greek (= Studies and Documents- Band 8). Christophers, London 1937 (pdf).

Literatur

  • Lynn H. Cohick: The peri pascha attributed to Melito of Sardis. Setting, Purpose and Sources. (= Brown Judaic Studies. Band 327). Scholars Press, Atlanta (Ga) 2000, ISBN 1-930675-03-8.
  • Kurt Aland: Repertorium der griechischen christlichen Papyri I. Biblische Papyri: Altes Testament, Neues Testament, Varia, Apokryphen (= Patristische Texte und Studien. Band 18). De Gruyter, Berlin / New York 1975, ISBN 3-11-004674-1, Nr. 204, Apokryphe 2, Apokryphe 3.
  • Kurt Aland u. a. (Hrsg.): Kirchenväter-Papyri. Band 1: Beschreibungen (= Repertorium der christlichen griechischen Papyri. Band II/1). De Gruyter, Berlin / New York 1995, ISBN 3-11-006798-6. KV 54.
  • Edoardo Crisci: I più antichi codici miscellanei greci. Materiali per una riflessione. In: Segno et testo. Band 2: Il codice miscellaneo. Tipologie e funzioni. Atti del Convegno internazionale, Cassino 14-17 maggio 2003. Università degli studi di Cassino, Cassino 2004, ISBN 2-503-51738-2, S. 127–129, Abbildung 11.

Weblinks

  • CBL BP XII. – Digitalisat der Chester Beatty Library (8 Blätter + 1 Fragment) Auf: csntm.org; zuletzt abgerufen am 1. Juli 2024.
  • P. Mich. inv. 5552. – Digitalisat der University of Michigan Auf: quod.lib.umich.edu; zuletzt abgerufen am 1. Juli 2024.
  • P. Mich. inv. 5553. – Digitalisat der University of Michigan Auf: quod.lib.umich.edu; zuletzt abgerufen am 1. Juli 2024.
  • TM 61462 / LDAB 2608. – P. Chester Beatty XII, Auf: trismegistos.org; zuletzt abgerufen am 1. Juli 2024.



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Psalmen 152–155

Noir24admin Apokryphen 21. Juni 2026

Die Psalmen 152–155 sind außerkanonische Psalmen, die in der syrischen Peschitta überliefert sind. Zwei von ihnen (Ps 154 und 155) finden sich auch in der großen Psalmenrolle vom Toten Meer in hebräischer Sprache. Zusammen mit Psalm 151 bilden sie die so genannten „fünf apokryphen Psalmen“.

Psalm 152

Titel: „Von David, als er mit dem Löwen und dem Wolf kämpfte, der ein Schaf aus seiner Herde stahl“. Dieser Text überlebte nur in der Peschitta. Er war möglicherweise ursprünglich auf Hebräisch verfasst worden. Wahrscheinlich wurde er in Israel in hellenistischer Zeit geschrieben. Er ist in nicht-rabbinischem Stil gehalten.

Psalm 153

Titel: „Von David, als er Gott dankte, der ihm rettete vor dem Löwen und dem Wolf, und er erschlug sie beide.“ Entstehung und Herkunft des Dankliedes sind wie bei Psalm 152 zu bestimmen.

Psalm 154

Der Psalm ist in der syrischen Peschitta und in der großen Psalmenrolle 11Q5 überliefert. Hauptthema ist die Aufforderung, „sich dem Guten und Vollkommenen anzuschließen, um so den Allerhöchsten zu verherrlichen“. Der Psalm enthält einen Hinweis auf Gemeinschaftmähler, wie sie für die Essener typisch waren: „Und bei ihrem Essen soll Sättigung in der Wahrheit sein, wie auch bei ihrem Trinken, wenn sie es gemeinsam tun“.

Psalm 155

Der Psalm ist in der syrischen Peschitta und in der großen Psalmrolle überliefert. Thematisch ist eine große Ähnlichkeit mit Psalm 22 festzustellen. Mangels Besonderheiten können weder Entstehungszeit noch -ort angegeben werden.

Siehe auch

  • Biblischer Kanon
  • Psalm 151
  • Pseudepigraphie (Bibel)

Literatur

  • Herrie F. van Rooy: Studies On The Syriac Apocryphical Psalms (PDF; 951 kB). (Journal of Semitic Studies Supplement 7), Oxford University Press: Oxford 1999.
  • William Wright: Some Apocryphal Psalms in Syriac, Proceedings of the Society of Biblical archaeology, 9 (1887), S. 257–266.

Weblinks

  • William Wright Some Apocryphal Psalms in Syriac, Proceedings of the Society of Biblical archaeology, 9 [1887] S. 257–266
  • Die fünf apokryphen Psalmen Davids, Englisch
  • Fünf apokryphen Psalmen
Psalm 1
Die Psalmen (Zählung nach der hebräischen Bibel)

Rahmen: 1 • 2

1. Buch: 3 • 4 • 5 • 6 • 7 • 8 • 9 • 10 • 11 • 12 • 13 • 14 • 15 • 16 • 17 • 18 • 19 • 20 • 21 • 22 • 23 • 24 • 25 • 26 • 27 • 28 • 29 • 30 • 31 • 32 • 33 • 34 • 35 • 36 • 37 • 38 • 39 • 40 • 41

2. Buch: 42 • 43 • 44 • 45 • 46 • 47 • 48 • 49 • 50 • 51 • 52 • 53 • 54 • 55 • 56 • 57 • 58 • 59 • 60 • 61 • 62 • 63 • 64 • 65 • 66 • 67 • 68 • 69 • 70 • 71 • 72

3. Buch: 73 • 74 • 75 • 76 • 77 • 78 • 79 • 80 • 81 • 82 • 83 • 84 • 85 • 86 • 87 • 88 • 89

4. Buch: 90 • 91 • 92 • 93 • 94 • 95 • 96 • 97 • 98 • 99 • 100 • 101 • 102 • 103 • 104 • 105 • 106

5. Buch: 107 • 108 • 109 • 110 • 111 • 112 • 113 • 114 • 115 • 116 • 117 • 118 • 119 • 120 • 121 • 122 • 123 • 124 • 125 • 126 • 127 • 128 • 129 • 130 • 131 • 132 • 133 • 134 • 135 • 136 • 137 • 138 • 139 • 140 • 141 • 142 • 143 • 144 • 145

Schluss: 146 • 147 • 148 • 149 • 150

Außerhalb der Zählung: 151 • 152 • 153  • 154 • 155




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Deuterokanonisch

Noir24admin Apokryphen 21. Juni 2026
Beziehungen verschiedener Manuskripte des AT untereinander verdeutlichen das original griechische Kompilat. Einzelne Buchstaben stehen für Siglen besonders prominenter Handschriften: א, α', A, B, Q. Daneben stehen die Abkürzungen MT und LXX.[1] Die svg-Grafik zeigt weitere Details, wenn sie hinreichend groß dargestellt wird. Grundlage dieses Stemma ist die Urtext-Theorie von Paul de Lagarde, wie sie in der Encyclopaedia Biblica von 1899 referiert wurde

Deuterokanonisch (von griechisch δεύτερος deúteros, deutsch ‚zweiter‘, und griechisch κανών kanṓn, deutsch ‚gerader Stab‘, daraus lateinisch canon ‚Maßstab‘) ist ein Begriff, mit dem bestimmte Schriften des Alten Testaments (AT) bezeichnet werden, die von der römisch-katholischen Kirche und von den orthodoxen Kirchen sowie den altorientalischen Kirchen als integraler Bestandteil der Bibel angesehen werden, also als kanonisch gelten, vom Judentum und von den Kirchen der Reformation jedoch für apokryph gehalten werden. Im protestantischen Raum ist auch der Begriff Apokryphen und in der ökumenischen Zusammenarbeit Spätschriften des Alten Testaments mit fast demselben Inhalt üblich.

Als protokanonisch (von griechisch πρῶτος prō̂tos, deutsch ‚erster‘) werden dagegen die auch im jüdischen und evangelischen Kanon enthaltenen Schriften des Alten Testaments bezeichnet. Die deuterokanonischen Bücher werden, um zusätzliche Schriften ergänzt, von den orthodoxen Kirchen als Anaginoskomena (griechisch ἀναγινωσκόμενα anaginōskómena, „Lesenswerte“) bezeichnet.

Begriffe

Die Bezeichnungen deutero- und protokanonisch gehen auf Sixtus von Siena (1520–1569) zurück, der sie im ersten Band seiner Bibliotheca Sancta (Venedig 1566) zum ersten Mal verwendete. Die Bezeichnungen spielen auf die Geschichte der Kanonentwicklung an, in der es zu Zweifeln am kanonischen Charakter der deuterokanonischen Schriften kam. Da es keine solchen Zweifel in Bezug auf die protokanonischen Schriften gab, kamen diese als erste in den Kanon, die deuterokanonischen dagegen als zweite nach Überwindung dieser Zweifel; in der lateinischen Kirche geschah das im 4. Jahrhundert nach Christus.

Kurz vor dieser Begriffsbildung hatte Luther bei seiner Bibelübersetzung die deuterokanonischen Texte in einen separaten Bibelteil verlegt, den er „Apokryphen“ nannte, weil er sie als außerkanonisch ansah. Der Begriff „deuterokanonisch“ war eine Reaktion auf diese für Katholiken unzutreffende Bezeichnung. Dadurch hat sich eine Palette fast, aber nicht ganz synonymer Begriffe entwickelt:

apokryph
Das Adjektiv bezeichnet Texte, die nach Form, Inhalt und – oft unzutreffender – Verfasserangabe Bibeltexte sein könnten, die aber nicht zum Bibelkanon gehören (siehe Artikel Apokryphe jüdische Schriften, Apokryphen). Da der Bibelkanon in verschiedenen Konfessionen und Traditionen unterschiedlich ist, ist die genaue Bedeutung von der Haltung des Sprechers abhängig. Das Wort kann, muss aber nicht, auch eine Missbilligung der Herkunft oder des Inhalts des Textes mit ausdrücken. Apokryphe Texte heißen auch kurz „Apokryphen“.
Die Apokryphen
Die Bezeichnung „Die Apokryphen“ für eine eindeutig abgegrenzte Gruppe von Texten bezeichnet diejenigen Texte, die Luther bei seiner Bibelübersetzung in einen separaten Bibelteil zwischen Altes und Neues Testament gesetzt hat, um zu verdeutlichen, dass sie seinem Urteil nach apokryph im eben genannten Sinne sind. Eine inhaltliche Missbilligung ist mit dieser Bezeichnung nicht verbunden. Es handelt sich um eine Auswahl aus den alttestamentlichen Texten der Septuaginta, die nicht im Tanach enthalten sind, und zwar (mit einer Ausnahme) gerade diejenigen, die von der katholischen Kirche als kanonisch angesehen werden.
deuterokanonisch
Das Adjektiv bezeichnet diejenigen Texte aus der voranstehenden Gruppe, die zum katholischen Bibelkanon gehören. Siehe dazu den Anfang dieses Abschnitts und die unten stehende Definition.
Spätschriften des Alten Testaments
Dieser Begriff an Stelle der konfessionell besetzten „deuterokanonische Schriften“ und „Apokryphen“ entstammt einer Vereinbarung der deutschsprachigen Bibelgesellschaften und katholischen Bibelwerke anlässlich der gemeinsam verantworteten Neuübersetzung der Bibel in heutigem Deutsch (1982, später umbenannt in Gute Nachricht Bibel). Allerdings macht auch er eine Aussage zum Kanon, nämlich dass es sich um „Schriften des Alten Testaments“ handelt, also der Bibel.[2]

Das Wort „deuterokanonisch“ wird auch von protestantischen Autoren verwendet, wohl im ursprünglich nicht beabsichtigten Verständnis, dass „einem zweiten, späteren Kanon zugehörig“ nicht bedeuten muss, dass man diesem Kanon selbst zustimmt. Es ist wegen seiner Anwendbarkeit als Adjektiv auch handlicher als die Alternativen („deuterokanonisch“ statt „alttestamentlich-spätschriftlich“).

Die drei letzten Begriffe bezeichnen also im Großen und Ganzen dieselben Texte mit folgenden Unterschieden:

  • Sie enthalten unterschiedliche Wertungen hinsichtlich der Zugehörigkeit zum Bibelkanon, wie oben dargestellt.
  • Vor allem soweit es um einen separaten Bibelteil geht, sind die Bezeichnungen „Apokryphen“ und „Spätschriften des Alten Testaments“ vorherrschend.
  • Strenggenommen gehört das Gebet des Manasse zu den Apokryphen und zu den Spätschriften, nicht aber zu den deuterokanonischen Schriften, weil es dem katholischen Kanon nicht angehört. In den meisten Zusammenhängen kommt es darauf aber nicht an.

Definition

Bei den deuterokanonischen Schriften handelt es sich um Bücher oder Zusätze zu Büchern, die in der Septuaginta überliefert wurden, nicht aber in der masoretischen Texttradition. Diese Bücher sind in griechischer Sprache überliefert, aber z. T. sind hebräische Originale anzunehmen. Die Entstehungszeit sind die letzten beiden Jahrhunderte v. Chr., daher werden sie in der Gute Nachricht Bibel als „Spätschriften des Alten Testaments“ bezeichnet. Sie bieten wertvolle Einblicke in die Zeit des Judentums kurz vor der Entstehung des Christentums. In diesen Büchern wird oft erwähnt, dass Menschen zu Gott beteten – und diese Gebete werden ausführlich wiedergegeben. In den meisten deuterokanonischen Büchern sind mehr als zehn Prozent des Inhalts solchem Beten gewidmet. Dagegen sind es im Tanach nur einige wenige Prozent des Inhalts, und das gilt auch für das Neue Testament.[3]

Im Einzelnen handelt es sich um die folgenden Texte; hier ist „in evangelischen Bibeln“ zu verstehen als „in Bibeln mit evangelischem oder ökumenischem Hintergrund, soweit diese einen Abschnitt ‚Apokryphen‘ bzw. ‚Spätschriften des Alten Testaments‘ enthalten“.

Deuterokanonische Bücher
  • Judit
  • Tobit
  • Baruch
  • Jesus Sirach
  • Weisheit Salomos
  • 1. Makkabäer
  • 2. Makkabäer
Diese Bücher sind in katholischen Bibeln unter den Büchern des Alten Testamentes mit eingereiht, in evangelischen Bibeln stehen sie im Abschnitt „Apokryphen“ als Anhang zum Alten Testament.
Deuterokanonische Textpassagen zu protokanonischen Büchern
  • Zusätze zum Buch Daniel
  • Zusätze zum Buch Ester
Diese Texte sind in katholischen Bibeln Bestandteile des protokanonischen Buches. In evangelischen Bibeln werden sie wie Bücher unter den Apokryphen eingereiht, obwohl sie sich nicht alle fortlaufend lesen lassen, sondern stückweise an unterschiedlichen Stellen des protokanonischen Buches einzufügen sind.
In katholischen Bibeln nicht enthaltener Text
  • Gebet des Manasse
Dieses kurze Gebet ist in evangelischen Bibeln unter den Apokryphen eingereiht und findet sich nicht in katholischen Bibeln, weil es nicht als (deutero)kanonisch anerkannt ist.

Die übrigen Teile der Septuaginta, die sich nicht im jüdischen und evangelischen Kanon befinden (3. Buch Esra, 3. und 4. Buch der Makkabäer und die Psalmen Salomos), werden auch von der katholischen Kirche als apokryph abgelehnt. Sie finden sich aber vereinzelt in den Kanones der orthodoxen oder anderer Kirchen. Die einzelnen Handschriften der Septuaginta aus dem 4. und 5. Jh. haben unterschiedlichen Umfang, also kann man nicht von einem klaren „Septuaginta-Kanon“ sprechen. Der Codex Alexandrinus etwa beinhaltet alle vier Makkabäerbücher, der Codex Sinaiticus 1. Makkabäer und 4. Makkabäer, und der Codex Vaticanus überhaupt keines von diesen vier Makkabäer-Büchern.

Kirchliche Rezeption

Die ersten Christen hatten ein unbefangenes Verhältnis zur Septuaginta (LXX). Aus ihr stammen im Neuen Testament die meisten Zitate des Alten Testaments. Das Neue Testament zitiert einige Male aus Texten, die nicht in der hebräischen Bibel (Tanach) zu finden sind, allerdings auch nicht in den deuterokanonischen Büchern. Beispielsweise zitiert Judas 14 Henoch, und Titus 1,12 einen griechischen Dichter (wahrscheinlich Epimenides). Das zeigt, dass ein solches Zitiertwerden nicht unbedingt auf eine kanonische Anerkennung hinweist. Mehrmals wird „die Schrift“ zitiert, ohne dass das Zitat klar zugeordnet werden kann (Joh. 7,38, 1.Kor. 2,9; Jak. 4,5). Im Neuen Testament finden sich ungefähr 300 klare Bezugnahmen auf das Alte Testament (darin keine einzige auf ein deuterokanonisches Buch). Manche Ausgaben des Neuen Testaments haben Register mit Tausenden Parallelen; solche sind aber – als mögliche, nicht sichere Bezugnahmen – wenig aussagekräftig. (Solche Parallelen lassen sich zu vielen Texten finden, wobei unklar ist, ob der spätere Autor den früheren Text gemeint oder auch nur gekannt hat.)

Gelegentlich zitieren die apostolischen Väter und frühen Kirchenväter aus deuterokanonischen Schriften. Der unbekannte Autor des Barnabasbriefes zitiert u. a. aus dem Buch Jesus Sirach,[4] Polykarp von Smyrna zitiert Tobit,[5] die Didache zitiert Weisheit Salomos und Sirach.[6] Clemens von Rom zitiert im 1.Clemensbrief die Weisheit,[7] preist die Taten Judits und stellt sie in eine Reihe mit Ester.[8] Das Schwergewicht bei ihren Zitaten liegt aber immer auf einigen protokanonischen Büchern, nämlich auf Jesaja, dem Buch der Psalmen, dem Zwölfprophetenbuch und dem Pentateuch. Die übrigen Bücher werden seltener verwendet, und aus solchen gelegentlichen Bezugnahmen lässt sich kaum Sicherheit über deren kanonische Geltung gewinnen.[9]

Diskussionen über die kanonische Anerkennung bestimmter Bücher wurden von Theologen geführt. Für die Gemeinden waren solche Abgrenzungen „Grenzfragen“, die sie insbesondere beim Alten Testament selten betrafen. Denn die Gemeinden besaßen – bis weit ins 4. Jh. hinein – bloß einen Teil der Bücher des Alten Testaments, etwa Pentateuch, Psalter und Jesaja. Die Frage, welche Geschichtsbücher des Alten Testaments (die sie ohnehin nicht besaßen) kanonisch sind und welche nicht, war für die Gemeinden daher nicht so relevant.

Durch Melito von Sardes († um 190) wurde erstmals im Christentum eine genaue Liste der Bücher des Alten Testamentes bekannt gemacht. Er hatte im Heiligen Land Erkundigungen eingeholt und kam zu dem Schluss, dass nur die Bücher des jüdischen Kanons zum Alten Testament gehören. In der Folge schlossen sich eine Reihe von – vor allem östlichen – Kirchenvätern dieser Position mit kleinen Variationen an. Dazu gehörten die hebräischkundigen Kirchenväter: Origenes, der Kommentare zur Mehrzahl der biblischen Bücher verfasste, aber zu keinem einzigen deuterokanonischen Buch, und der einflussreiche Hieronymus. Dieser sah die nicht im hebräischen Kanon befindlichen Schriften als außerkanonisch an, nahm sie aber dennoch in seine Bibelübersetzung, die in der lateinischen Kirche später über mehrere Jahrhunderte verbindliche Vulgata, auf und zitierte auch aus ihnen, zum Teil als „heiliger Schrift“. Er prägte auch den Begriff „apokryph“: Hieronymus bezeichnete damit die deuterokanonischen Schriften, die durchaus „zur Erbauung des Volkes“ gelesen werden können, auch wenn sie seiner Auffassung nach nicht der Bibel angehörten, im Gegensatz zu Athanasius vor ihm, der die Bezeichnung für als häretisch angesehene Bücher verwendete, welche biblischen Status beanspruchten.

Am Ende des 4. Jahrhunderts (um 375) entstand erstmals ein Kommentar zu einem deuterokanonischen Buch: Ambrosius von Mailand schrieb De Tobia. Überhaupt wurden im Westen die deuterokanonischen Schriften, insgesamt gesehen, sehr geschätzt. Bestimmend wurde die Position von Augustinus, der ihre Kanonizität gegen Hieronymus verteidigte. Seine Position wurde in einer Reihe von afrikanischen Plenarkonzilien, an denen Augustinus teilnahm, beginnend mit dem Plenarkonzil in Hippo 393, und einigen päpstlichen Schreiben bestätigt.

Damit war in der lateinischen westlichen Kirche die Diskussion um den Kanon des Alten Testaments nach etwa 400 n. Chr. im Grunde abgeschlossen, und bis zur Reformation wurde bis auf wenige Ausnahmen der heute in der römisch-katholischen Kirche gültige Kanon vorausgesetzt.

Auch in den östlichen Kirchen setzte sich später die Überzeugung von der Kanonizität deuterokanonischer Schriften durch. Sie werden dort „Anaginoskomena“ genannt. Allerdings werden dabei zum Teil noch zusätzliche Schriften der Septuaginta, vor allem 3. Makkabäer und 1. Esra – von katholischen Autoren 3. Esra genannt –, und im Falle der äthiopischen Kirche zudem die in der Septuaginta nicht enthaltenen Bücher Henoch und 4. Esra.[10]

Reformation

Im Rückgriff auf Hieronymus lehnten die Reformatoren den kanonischen Status der deuterokanonischen Schriften ab. Hier machte sich der Einfluss des Humanismus auf die Reformatoren geltend. Das Bestreben war, ad fontes, also zu den ursprünglichen Quellen zu gelangen, insofern wurde die hebräische Tradition wiederentdeckt. Einige, wie vor allem Luther, folgten Hieronymus auch in der Verwendung des Begriffes „apokryph“ und ihrer durchaus positiven Einschätzung. So fügte Luther sie – mit dem Gebet des Manasse – seiner Bibelübersetzung mit der Überschrift „Apocrypha: das sind Bücher: so der heiligen Schrifft nicht gleich gehalten /vnd doch nützlich vnd gut zu lesen sind“ als Anhang an das Alte Testament an.

Später setzte sich die Ablehnung konsequenter durch, und die apokryphen Bücher wurden in evangelischen Bibelübersetzungen zum Teil nicht mehr aufgenommen. In heutigen Bibelübersetzungen sind sie teilweise wieder enthalten, werden jedoch kritisch kommentiert.

Vor allem in Reaktion auf die Position der Reformatoren wurde auf dem Konzil von Trient am 8. April 1546 für die katholische Kirche der Kanon – einschließlich der deuterokanonischen Schriften – verbindlich festgelegt. Dabei wurde auch geregelt, dass sie den übrigen Büchern der Heiligen Schrift als gleichrangig zu betrachten sind.

Literatur

  • Otto Kaiser: Grundriss der Einleitung in die kanonischen und deuterokanonischen Schriften des Alten Testaments, 3 Bände; Gütersloher Verlags-Haus, Gütersloh 1992 / 1994, ISBN 3-579-00058-6 (Band 1); ISBN 3-579-00053-5 (Band 2); ISBN 3-579-00054-3 (Band 3).
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Das betende Volk Gottes vor Jesu erstem Kommen. Die große Bedeutung des Gebets in den Deuterokanonika. In: Erbe und Auftrag, Jg. 76 (2000), S. 149–152.
  • Andreas Hahn: Canon Hebraeorum – Canon Ecclesiae: Zur deuterokanonischen Frage im Rahmen der Begründung alttestamentlicher Schriftkanonizität in neuerer römisch-katholischer Dogmatik. Lit, Münster et al. 2009, ISBN 978-3-643-90013-5 (= Studien zu Theologie und Bibel, Band 2, zugleich Dissertation an der Evangelischen Theologischen Fakultät Löwen [Leuven, Belgien] 2005).

Fußnoten

  1. ↑ In diesem Diagramm ist mit LXX die originale Version der Septuaginta, bestehend aus den 5 Büchern Mose in griechischer Übertragung, in Autorschaft der Rabbinen, gemeint, sie ist bis auf seltene Fragmente verloren. Im Gegensatz dazu ist die Septuaginta, die auch griechisches Altes Testament genannt wird, oder andere Manuskripte, die in der Tradition der Kirche stehen, wie Lucian, Heysicius, Hexaplar, A, B, א [aleph] etc., nicht gemeint.
  2. ↑ Siegfried Meurer: Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont die Stellung der Spätschriften des Alten Testaments im biblischen Schrifttum und ihre Bedeutung in den kirchlichen Traditionen des Ostens und Westens. Stuttgart 1989, ISBN 978-3-438-06222-2, S. 7–12. , zitiert nach: Christoph Böttigheimer: Die eine Bibel und die vielen Kirchen. Die Heilige Schrift im ökumenischen Verständnis. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2016, ISBN 978-3-451-34166-3, S. 143 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche). 
  3. ↑ Auch die im 1. Jh. v. Chr. entstandenen Psalmen Salomos widmen sich stark dem Gebet. – Zu diesen Beobachtungen siehe Graf-Stuhlhofer: Das betende Volk Gottes.
  4. ↑ Barnabas 19,9 zitiert Sirach 4,31; Barnabas 19,2 zitiert Sirach 7,32.33. Siehe Andreas Lindemann, Henning Paulsen (Hrsg.): Die Apostolischen Väter. Griechisch-deutsche Parallelausgabe. JCB Mohr, Tübingen 1992. S. 69–71.
  5. ↑ Polykarp 10,2 zitiert Tobit 4,10. Siehe Andreas Lindemann, Henning Paulsen (Hrsg.): Die Apostolischen Väter. Griechisch-deutsche Parallelausgabe. JCB Mohr, Tübingen 1992. S. 253.
  6. ↑ Did. 10,3 zitiert u. a. Weisheit 1,14, Did. 4,5 zitiert Sir. 4,31. Siehe Andreas Lindemann, Henning Paulsen (Hrsg.): Die Apostolischen Väter. Griechisch-deutsche Parallelausgabe. JCB Mohr, Tübingen 1992. S. 9 und S. 15.
  7. ↑ 1.Clem. 27, 4.5 zitiert Weisheit 9,1 und 12,12. Siehe Andreas Lindemann, Henning Paulsen (Hrsg.): Die Apostolischen Väter. Griechisch-deutsche Parallelausgabe. JCB Mohr, Tübingen 1992. S. 111.
  8. ↑ 1. Clem. 55, 4–6.
  9. ↑ Dazu Franz Stuhlhofer: Der Gebrauch der Bibel von Jesus bis Euseb. Eine statistische Untersuchung zur Kanonsgeschichte. R. Brockhaus: Wuppertal 1988, insb. Kap.VII und XII.
  10. ↑ Die äthiopisch orthodoxe Tewahido-Kirche „Farch and Order“, Liste biblischer Bücher der Äthiopischen Kirche (AT & NT).
Deuterokanonische Schriften im Alten Testament

Judit | Tobit | 1. Makkabäer | 2. Makkabäer | Weisheit | Jesus Sirach | Baruch inklusive Brief des Jeremia | Zusätze Ester | Zusätze Daniel




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  1. Dialogevangelium
  2. Gebet des Apostels Paulus (NHC)
  3. Aristeasbrief
  4. Altäthiopische Bibel

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