Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Mumifizierung (Begriffsklärung) aufgeführt.
Die Mumifizierung ist eine künstlich vom Menschen betriebene Technik zur Konservierung eines Körpers oder Körperteils eines Lebewesens unter bestimmten, meist trockenen Bedingungen. Wird ein ganzer Körper mumifiziert, spricht man von einer Mumie. Entsteht eine Mumie nicht aufgrund menschlichen Eingreifens, sondern aufgrund eines natürlich ablaufenden Prozesses, so spricht man nicht von einer Mumifizierung, sondern von einer Mumifikation. Auch die Herstellung von Trockenfisch oder Backobst ist von ihrem Prinzip her eine Mumifizierung. Die Einbalsamierung repräsentiert bei der Mumifizierung zwar einen wichtigen Schritt, stellt für sich alleine aber nicht die komplette Mumifizierung dar. Eine Gleichsetzung der Begriffe kann deshalb nicht vorgenommen werden, obwohl sie eng miteinander verwandt sind.
Mumifizierung im Alten Ägypten
→ Hauptartikel: Mumifizierung im Alten Ägypten
Die Ägypter glaubten an eine Wiederbelebung nach dem Tod; diese war aber nur möglich, wenn die Seele den Körper wiederfinden und wiedererkennen konnte. Dafür musste der Körper unversehrt sein. So entstand der Brauch der Mumifizierung. Diese Technik, die vor allem mit den alten Ägyptern assoziiert wird, bestand zunächst aus dem Herausziehen des Gehirns durch die Nase mittels Haken und dem Öffnen des Leichnams durch Keilschnitt, abdominal-lateral (Bauch, Unterbauch-seitlich) oder durch Weiten des Anus.
Nun folgte der Schritt der Einbalsamierung. In die geschaffene Öffnung wurde eine Mischung aus Zedernöl, Radieschenpresssaft und Myrrhenöl eingeträufelt, dann der Leichnam mit angewinkelten Knien zusammengebunden und in einen länglichen, großen Tontopf (Pithos) gesteckt, der mit speziellem Öl aufgefüllt wurde. Dort verblieb der Leichnam etwa vier bis sechs Wochen und wurde dann entnommen. Die inneren Organe, die sich durch die Ölmischung verflüssigt hatten, flossen ab; nur das Skelett und die Haut blieben übrig. Der Leichnam wurde gewaschen und äußerlich mit einer Mischung aus Kamel- oder Pferdeurin, speziellen Ölen und manchmal auch Weihrauchharz gegerbt.
Bei hochgestellten Persönlichkeiten war es üblich, die inneren Organe in spezielle Gefäße zu verbringen, den Kanopen. Sie wurden also nicht verflüssigt. Das Herz beließ man zumeist an seinem Platz in der ausgestopften Leiche. Gelegentlich wurde der Leichnam zusätzlich mit einer Mischung aus Wolle, getrockneten, antiseptischen, wohlriechenden Kräutern und Weihrauchharzperlen ausgestopft.
Mumifizierung in Südamerika und Asien
Auch verschiedene Völker Südamerikas (beispielsweise die Chinchorro-Kultur) praktizierten Mumifizierung. Jahrhundertealte Traditionen in ritueller Selbstmumifikation bestanden in Japan in Form des Sokushinbutsu und in Tibet.[1]
Feuer-Mumifizierung
Eine andere Art der Mumifizierung stellt die Feuer-Mumifizierung der Ibaloi-Kultur in der Provinz Benguet, Philippinen, dar. Bei dieser Art der Mumifizierung wurde kurz vor dem Ableben des Betroffenen bereits die Vorbereitungen zur Mumifizierung eingeleitet, indem man dem Betroffenen stark salz- und alkalihaltige Getränke zuführte. Nach dem Ableben wurde der Tote in sitzender Haltung über einem Feuer geringer bis mittlerer Intensität positioniert, bis der Körper vollkommen dehydriert war. Dieser Vorgang konnte bis zu zwei Jahre dauern und zum Abschluss wurde der Körper mit Pflanzenextrakten einbalsamiert. Diese Art der Mumifizierung wurde vom 10. bis 16. Jahrhundert durchgeführt und gilt weltweit als zweites Beispiel für eine aktive Mumifizierung von Toten, die mit einer anderen Technik durchgeführt wurde als die Methode der Mumifizierung im Alten Ägypten. Diese Mumien sind als „Kabayan-Mumien“ bekannt geworden und stehen seit 2006 auf der Vorschlagsliste der Philippinen zur Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO.[2]
Rauchmumifizierung
Bei dieser Technik wird der Leichnam, nachdem er gewaschen und mit bestimmten Substanzen vorbehandelt wurde, zusammengebunden und an einem Ast aufgehängt, unter dem ein stark rauchendes Feuer entzündet wird. Der Leichnam hängt dort mehrere Tage und färbt sich im Verlauf des Vorgangs schwarz. Anschließend wird er begraben. Diese Technik war bei den Ureinwohnern Australiens und Neuseelands Brauch, allerdings finden sich auch im alten Indien Spuren dieser Mumifizierungsmethode.
Diese Technik erlaubt es auch, Lebensmittel haltbar zu machen (siehe auch Räuchern).
Mellifikation
Mellifikation bezeichnet einen Prozess, bei dem eine menschliche Leiche in Honig mazeriert wird. Die konservierende Wirkung von Honig erklärt sich anhand seines geringen Wassergehalts, der durch Osmose austrocknend wirkt, seines relativ niedrigen pH-Werts sowie aus verschiedenen antibiotisch wirkenden Substanzen, die in ihm enthalten sind.[3][4] Honig wurde in der Begräbniskultur verschiedener Kulturen verwendet: So konservieren beispielsweise burmesische Priester berühmte Äbte in mit Honig gefüllten Särgen.[5] Auch Alexander der Große soll nach seinem Tod in Honig konserviert worden sein.
Selbstmumifizierung
Japanischen Mönchen gelang durch die Praxis des Sokushinbutsu eine Selbstmumifizierung durch die Befolgung eines speziellen Ablaufs von Handlungen und Diäten.[6] Ein ähnliches Vorgehen wird aus Tibet berichtet.[7]
Mumifizierung in der Neuzeit
Auch in der Neuzeit wurden Leichname für die Nachwelt konserviert – nicht aus religiösen, wohl aber aus ideologischen Gründen. Beispiele dafür sind die Mumien von Lenin, Mao Zedong, Kim Il-Sung und Kim Jong-il. Die wohl am besten erhaltene Mumie ist die der zweijährigen Rosalia Lombardo, die sich seit 1920 im Gruftgewölbe des Kapuzinerkonvents in Palermo befindet.
Natürliche Mumifizierung
Teils beabsichtigt, teils unbeabsichtigt, können Leichen unter bestimmten Umständen auf natürliche Weise selbst mumifizieren.
Zum einen ist die Mumifizierung durch den Ausschluss von Sauerstoff zu nennen, was zu einer Wachsleiche führt. Der Ausschluss von Sauerstoff verhindert die Verwesungsprozesse. Auch die im Körperinneren stattfindenden Fäulnisprozesse, die ohne Sauerstoff mit Hilfe körpereigener Enzyme stattfinden, werden durch die Abfallprodukte, die sie selbst produzieren und die nicht entweichen können (z. B. Ammoniak), gestoppt. Dadurch wird die Leiche konserviert. Es gibt Berichte, dass auf manchen deutschen Friedhöfen Mumifizierungen bei im Sarg bestatteten Leichen auftreten. Dies stellt ein Problem dar, da sie sich nicht in der vorgesehenen Zeit zersetzen, der Friedhofplatz aber eine festgelegte Liegedauer hat und danach anderweitig freigegeben werden soll. Bei Erdbestattung kommt der Ausschluss von Sauerstoff und damit das unerwünschte Entstehen von Wachsleichen beispielsweise durch eng anliegende Totenkleider aus Kunststofffasern zustande, oder am wenig luftdurchlässigen Boden (z. B. Lehmboden). Auch begünstigt die prämortale Einnahme von Antibiotika oder geringe Mengen radioaktiver Strahlung die Mumifizierung als Wachsleiche.[8][9][10] Ein prominentes Beispiel für Mumifizierung durch Ausschluss von Sauerstoff ist die Marquise von Dai.
Einen zweiten Weg der natürlichen Mumifizierung bildet das Austrocknen. Dabei liegt der Leichnam in einer Umgebung, die gut und trocken belüftet ist und in der idealerweise Flüssigkeiten ablaufen können. Durch den Feuchtigkeitsentzug werden die Fäulnis- und Verwesungsprozesse gestoppt. Als Beispiele können ein heißer windiger Wüstenboden oder eine belüftete Grabstätte genannt werden wie etwa die Michaelergruft in Wien. Natürliche „Konkurrenten“ dieser Mumifizierungsart sind Insekten oder andere Tiere, die ihre Eier auf der Leiche ablegen, bzw. Aasfresser.[11] Als eine besondere Form der Austrocknung kann die Gletscherleiche beschrieben werden, deren Mumifizierung der Gefriertrocknung geschuldet ist. Ein Beispiel ist Ötzi.
Siehe auch
Leichenkonservierung
Plastination
Literatur
Landesmuseum Württemberg, Stuttgart (Hrsg.): Ägyptische Mumien. Unsterblichkeit im Land der Pharaonen. von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3778-6.
Hans Georg Wunderlich: Wohin der Stier Europa trug. Kretas Geheimnis und das Erwachen des Abendlandes. Rowohlt, Hamburg 1976, englisch als: The Secret of Crete. Efstathiadis, Athens 1994, ISBN 960-226-261-3.
Mircea Eliade: Histoire des croyances et des idées religieuses. Edition Pavot, Paris 1976, deutsch als: Geschichte der religiösen Ideen. 5 Bände, Herder, Freiburg.
Jan Assmann: Tod und Jenseits im alten Ägypten. Beck, München 2001, ISBN 3-406-46570-6; Sonderausgabe, 2. Auflage, Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-49707-0.
Milan Racek: Die nicht zu Erde wurden. Kulturgeschichte der konservierenden Bestattungsformen. Böhlau, Wien / Köln / Graz 1985, ISBN 3-205-07244-8.
Renate Germer: Mumien. Patmos, Düsseldorf 2005, ISBN 3-491-96153-X.
Klaus Volke: Die Chemie der Mumifizierung im alten Ägypten. In: Chemie in unserer Zeit. 1993, Band 27, Nr. 1, ISSN 0009-2851, S. 42–47.
Alfried Wieczorek, Michael Tellenbach, Wilfried Rosendahl (Hrsg.): Mumien. Der Traum vom ewigen Leben. von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3779-3.
Leichenkonservierung ist ein Sammelbegriff für verschiedene Verfahren der Haltbarmachung von Überresten menschlicher oder tierischer Körper für eine möglichst lange Zeit.
Herbeigeführt werden kann die Konservierung eines Leichnams durch das natürliche Vorkommen günstiger Gegebenheiten oder durch bewusst eingeleitete künstliche Maßnahmen. Sie verhindern oder verzögern auf physikalische und auch chemische Weise jene natürlichen Zerfallsprozesse, die nach Eintreten des Todes durch verschiedene Faktoren hervorgerufen werden. Das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit der erreichten Konservierung ist dabei stark unterschiedlich.
Begriffliche Bestimmungen
Einbalsamierung, Mumifikation, Mumifizierung
Je nach Ausmaß und Dauerhaftigkeit einer Leichenkonservierung kann man von einer Einbalsamierung beziehungsweise vom Prozess einer Mumifikation oder Mumifizierung sprechen, wobei das Endergebnis insbesondere einer dauerhaften Konservierung als „Mumie“ oder als „mumifiziert“ bezeichnet wird. Obwohl eine Gleichsetzung der genannten Begriffe nicht vorgenommen werden sollte, sind sie eng miteinander verwandt:
Mumifikation bezeichnet an sich den natürlich ablaufenden Prozess einer langfristigen Leichenkonservierung
Mumifizierung bezeichnet an sich eine künstlich durch besondere Verfahren herbeigeführte langfristige Leichenkonservierung
Einbalsamierung beschreibt an sich eine künstlich durch besondere Verfahren herbeigeführte übergangsweise Leichenkonservierung, ohne dass die langfristige Erhaltung dabei von vornherein das Ziel ist.
Im Deutschen werden alle drei Begriffe oft synonym für jede Art von Leichenkonservierung gebraucht, ohne dass eine Unterscheidung der jeweils zugrunde liegenden physikalischen und chemischen Verfahren erfolgt. Der laienhafte Sprachgebrauch kann leicht zu Missverständnissen führen.[1] Aus Gründen der fehlenden sprachlichen Abgrenzung ist daher auch oft umstritten, ab wann ein konservierter Leichnam nun als einbalsamiert oder mumifiziert zu bezeichnen ist. Mitunter haben auch Konservierungsmethoden, die an sich nur übergangsweise wirken sollten, eine dauerhafte Erhaltung bewirkt. Die regelmäßig wiederholte Anwendung von übergangsweise wirksamen Konservierungsmethoden kann ebenfalls zur langfristigen Erhaltung einer Leiche führen (z. B. im Fall Lenins). Schließlich haben sich in vielen Fällen auch natürliche Gegebenheiten für die Leichenkonservierung mit von Menschenhand entwickelten künstlichen Verfahren kombiniert. Wird z. B. ein mittels „Modern Embalming“ auf der Grundlage von Formalin konservierter Leichnam in einer Gruft mit ständiger trockener Luftzirkulation beigesetzt, so werden gewebezersetzende Einflüsse stark eingeschränkt. Der Leichnam kann mit der Zeit austrocknen und damit zu einer Mumie werden, bei der sich die Körperstrukturen weitgehend erhalten.[2] Die Übergänge zwischen Einbalsamierung, Mumifizierung oder Mumifikation sind also fließend. Im Gegensatz dazu können selbst über Jahrtausende gut erhaltene Leichen durch natürliche Zerfallsprozesse rasch zerstört werden, wenn sich die Umwelt- bzw. Umgebungsbedingungen ändern.[3] Eine Definition ist schließlich auch deshalb schwierig, weil ursprünglich nur ägyptische Leichen als Mumien bezeichnet wurden und der Begriff erst später auf anderweitig erhaltene Leichen ausdehnt wurde.
Am längsten eingebürgert ist die Bezeichnung „Mumien“ für die durch Spezialisten künstlich präparierten Leichen aus dem Alten Ägypten. Daneben sind jedoch auch aus Ägypten sogenannte Wüstenmumien bekannt, die nicht von Spezialisten konserviert wurden, sondern – im Gegenteil – ohne besondere Konservierungsmaßnahmen in einfachen Bodengräbern bestattet wurden, wo sie aufgrund der Trockenheit der Umgebung aber rasch austrockneten und sich somit allein aufgrund der günstigen natürlichen Gegebenheiten erhalten haben. Solche auf unterschiedliche Weise natürlich konservierte Leichen finden sich in vielen Gegenden der Welt, zum Beispiel in Hochmooren (sogenannte Moorleichen), in Gebirgen oder Permafrostböden (sogenannte Permafrostleichen) oder auch in Gebäuden, die durch Trockenheit und Luftzug die Erhaltung von Leichen ebenfalls begünstigen (z. B. die Kapuzinergruft in Palermo). Gemeinsames Merkmal solcher Leichen ist, dass die ursprüngliche Konservierung zufällig, also ohne bewusst eingeleitete Erhaltungsmaßnahmen, erfolgte. Viele diese Leichen müssen nach ihrer Entdeckung freilich regelmäßig restauriert werden.
Natürliche und künstliche Konservierungen
Eine scharfe Unterscheidung in natürlich und künstlich konservierte Leichen ist ebenfalls nicht unproblematisch, da Tote seit alters her auch bewusst an Orten bestattet wurden, von denen eine konservierende Wirkung bekannt war, und zwar mit dem Ziel, ihre Leichname für möglichst lange Zeit zu erhalten. Auf diese Weise entwickelte sich z. B. die erwähnte Kapuzinergruft in Palermo zu einem beliebten Begräbnisort für die lokale Oberschicht. Seit Entdeckung der natürlichen Konservierungseigenschaften dieser Gruft im 16. Jahrhundert stieg die Zahl der Bestattungen dort stetig an. Um der wachsenden Zahl an Toten Herr zu werden, verließen sich die Mönche des Kapuzinerklosters in Palermo bald nicht mehr allein auf die natürliche Konservierungseigenschaften der Gruft, sondern wandten zusätzlich auch künstliche Mittel für die Erhaltung der Leichen an. Diese reichen in ihrer Bandbreite vom Bestäuben des Leichnams mit Calciumcarbonat (Kreide, Kalk, Kalkmilch) bis hin zur Behandlung mit Arsenik. Natürliche Gegebenheiten für die Konservierung der Leichen wurden auf diese Weise mit verschiedenen von Menschenhand entwickelten künstlichen Verfahren kombiniert.
Von den rein künstlichen Methoden zur Leichenkonservierung ist die Technik der Mumifizierung im Alten Ägypten heute vermutlich die bekannteste. Aus religiösen Überlegungen sollte der Körper des Verstorbenen auch nach der Beisetzung möglichst dauerhaft „für alle Zeiten“ erhalten bleiben, um damit der Seele auch nach dem Tod ein Wiedererkennen des Körpers zu ermöglichen.[4] Im Rahmen dieses Verfahrens wurde der Leichnam unter anderem mit Gemischen aus Harzen und ätherischen Ölen (Balsame) behandelt, was die natürlichen Zerfallsprozesse zwar verlangsamen konnte, für sich allein genommen aber keine dauerhafte Konservierung darstellte. Die Verwendung von Balsam für Leichen war im Altertum im Orient weit verbreitet; unter anderem wird die Praxis der Salbung Verstorbener auch im Neuen Testament im Zusammenhang mit der Grablegung Jesu Christi erwähnt, z. B.: „Nikodemus […] brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.“ (Joh 19,39-40 EÜ). Davon abgeleitet ist der Begriff der „Einbalsamierung“, womit zwar auf Verfahren zur künstlichen Leichenkonservierung verwiesen wird, die jedoch nicht notwendigerweise auf eine langfristige Erhaltung des Leichnams ausgelegt sein müssen.
Aufbahrung eines Leichnams im offenen Sarg (Josiah Guthrie, Kanada 1923)
Mitunter erfolgen konservierende Maßnahmen aus praktischen Erfordernissen, etwa wenn ein Leichnam vor seiner endgültigen Bestattung über einen längeren Zeitraum transportiert oder öffentlich ausgestellt werden soll, ohne dass sich sein Zustand durch Fäulnis und Verwesung verändert. Eine langfristige Konservierung auch nach der Beisetzung, wie etwa im Alten Ägypten, wird dabei nicht immer angestrebt. Im Vordergrund steht vielmehr, die ästhetisch einwandfreie Aufbahrung eines Verstorbenen durch solche Maßnahmen zu gewährleisten, die man heute als „Thanatopraxie“ oder „praktische Thanatologie“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um Leistungen, die über die hygienische Totenversorgung hinausgehen, beispielsweise die Konservierung eines Leichnams zum Zwecke der Überführung ins Ausland, der Aufbahrung im offenen Sarg über einen längeren Zeitraum und/oder in öffentlichen Gebäuden, die nicht ausschließlich für Verstorbene gedacht sind (z. B. Kirchen, Regierungsgebäude, Theater).[2] Eine übergangsweise Konservierung findet heutzutage hauptsächlich dort statt, wo vor der endgültigen Bestattung eine offene Aufbahrung der Verstorbenen üblich ist, wie etwa in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Russland oder auch Armenien. Um einen Leichnam übergangsweise zu konservieren, wenden Thanatopraktiker heute eine „präventive Behandlung“ an, die in Großbritannien und den USA als „Modern Embalming“ bekannt ist.[1] Die endgültige Bestattung erfolgt nach der Aufbahrung entweder durch Begräbnis oder Kremation.
Ausmaß und Dauerhaftigkeit
Das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit einer Leichenkonservierung kann im Einzelfall je nach Erfordernis variiert werden. Für Beisetzungen in einer Gruft oder einem Mausoleum ist eine Konservierung aus hygienischen Gründen heute nicht unbedingt notwendig, da in der Regel die Verwendung eines Metallsarges, abgedichteten Steinsarkophages oder eines luftdichten Einsatzes aus Zink innerhalb eines hölzernen Übersarges vorgeschrieben ist. In manchen Ländern bestehen außerdem Vorschriften, die im Falle ansteckender Krankheiten Konservierungsmaßnahmen überhaupt verbieten.[5]
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Leichen durch das Injizieren eines Gemisches von Alkohol und Arsen(III)-oxid in den Blutkreislauf konserviert, wozu Herz, Gehirn und Eingeweide entfernt wurden. Die Ergebnisse, die sich so erzielen ließen, sind sehr unterschiedlich. Während in vielen Fällen nur eine vorübergehende Konservierung für mehrere Monate oder Jahre erreicht wurde, erwiesen sich andere Leichen noch im 21. Jahrhundert als trocken und gut erhalten. Dies lässt darauf schließen, dass sich die Körper zu einem erheblichen Teil auch aufgrund günstiger Gegebenheiten erhalten haben, also eine Kombination von natürlicher und künstlicher Leichenkonservierung vorliegt.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte die Entdeckung des Formaldehyds die künstliche Leichenkonservierung, sodass – eine entsprechend hohe Dosierung der Chemikalien vorausgesetzt – damit auch eine langfristige Erhaltung des Leichnams möglich wurde. Mit diesem Verfahren wurden etwa die Leichname der kommunistischen Politiker Lenin, Hồ Chí Minh, Mao Zedong, Kim Il-Sung und Kim Jong-il konserviert, um sie dauerhaft für die Nachwelt zu erhalten. Ihre Körper werden meist als einbalsamiert bezeichnet, obwohl sie aufgrund der künstlich herbeigeführten und auf möglichste Langfristigkeit angelegten Konservierung auch als Mumien gelten könnten.
Zusammenfassung
Die konsequente Abgrenzung der Begriffe Einbalsamierung, Mumifikation und Mumifizierung voneinander scheint trotz der oben diskutierten Verschiedenheit aufgrund ihrer im deutschen Sprachraum verbreiteten synonymen Verwendung nur schwer umsetzbar. In der archäologischen Wissenschaft wird das Problem der fehlenden sprachlichen Abgrenzung zwischen „einbalsamiert“ oder „mumifiziert“ etwa dadurch umgangen, dass der Begriff „Mumie“ nicht verbindlich definiert ist. Eine Definition ist auch deshalb schwierig, weil ursprünglich nur ägyptische Leichen als Mumien bezeichnet wurden und der Begriff erst später auf anderweitig erhaltene Leichen ausdehnt wurde. So werden z. B. auch erhaltene Leichen aus der Paracas-Kultur oder aus der Thule-Kultur als Mumien bezeichnet. Der Begriff ist auch nicht auf künstlich langfristig konservierte Leichen beschränkt, sondern umfasst im weiteren Sinn auch solche, die sich allein aufgrund der günstigen natürlichen Gegebenheiten erhalten haben, wie Moorleichen und Gletschermumien. In Deutschland wird der Begriff von Archäologen daher nach Möglichkeit vermieden, da er zu sehr mit ägyptischen Funden in Verbindung gebracht wird.
Voraussetzungen einer Leichenkonservierung
Siehe auch: Erhaltungsbedingungen für organisches Material
Um einen menschlichen oder tierischen Körper ganz oder teilweise zu konservieren,
müssen am Leichnam jene biologischen Zerfalls- bzw. Abbauprozesse frühzeitig gestoppt und auf Dauer wirkungsvoll unterbunden werden, die nach dem Tod auf natürliche Weise eintreten und insbesondere durch Mikroorganismen wie Schimmel- und Hefepilze oder Fäulnisbakterien, aber auch Autolyse, Insektenbefall, Oxidation, Quellung oder Enzymreaktionen hervorgerufen werden.
Der Zerfall des organischen Materials infolge von Fäulnis oder Verwesung kommt insbesondere dann zum Erliegen, wenn am betreffenden toten Körper solche Umweltbedingungen vorliegen, die für das Leben der beteiligten Organismen ungünstig sind, wie Kälte, Trockenheit, Toxizität und Sauerstoffmangel. So begünstigt Kälte mit tiefen Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt von Wasser die Konservierung von Leichen, da Pilze und Bakterien Wärme brauchen, um sich entwickeln zu können. Trockenheit mit aridem Klima und hohen Verdunstungsraten von Wasser, die zum Verlust der Körperfeuchtigkeit und Austrocknung des Gewebes führen, sind für die Erhaltung ebenfalls förderlich. Die Abwesenheit von Sauerstoff und die Einbettung in giftiges Milieu hemmt den natürlichen Zerfallsprozess ebenfalls.
Für eine Leichenkonservierung günstige Verhältnisse können auf unterschiedlichste Weise zustande kommen, sowohl durch natürliche Bedingungen als auch durch bewusst eingeleitete künstliche Maßnahmen (siehe unten).
Eine erfolgreiche Leichenkonservierung ist bei Menschen oder Tieren in den meisten Fällen durch Abwesenheit von Verwesung und Fäulnis sowie den Erhalt der Weichteile, von Proteinen und manchmal auch von Zellstrukturen gekennzeichnet. Mitunter ergänzen sich natürlich vorkommende Umgebungsbedingungen und durch den Menschen künstlich eingeleitete Maßnahmen gegenseitig, etwa wenn ein mit Chemikalien behandelter Leichnam in einem luftdicht abgeschlossenen Sarg in einer kühlen und trockenen Umgebung aufbewahrt wird.
Bei Vorliegen entsprechend günstiger Bedingungen kann sich ein toter menschlicher oder tierischer Körper über mehrere tausend Jahre in unterschiedlicher Qualität erhalten, reagiert allerdings empfindlich auf Veränderungen wie Feuchtigkeit oder höhere Temperaturen. Ist die Leiche an der Erdoberfläche gelagert, so kommt es bei Wegfall der für eine Konservierung günstigen Bedingungen in der Regel zu einem raschen Zerfall der organischen Substanz, zu Verwitterung oder Zerstörung durch Mikroorganismen.
Natürliche Konservierung von Leichen
Als Mumifikation wird der natürlich ablaufende Prozess einer langfristigen Leichenkonservierung ohne menschliches Zutun bezeichnet. Diese Form der Leichenveränderung und -erhaltung kann dann in Gang kommen, wenn die für eine Konservierung erforderlichen Voraussetzungen (siehe oben) auf natürliche Weise zustande kommen.
Künstliche Konservierung von Leichen
Als Mumifizierung wird der von Menschen durch besondere Verfahren eingeleitete Prozess einer langfristigen Leichenkonservierung bezeichnet. Diese Form der Leichenveränderung und -erhaltung kann dann in Gang kommen, wenn die für eine Konservierung erforderlichen Voraussetzungen (siehe oben) künstlich herbeigeführt werden.
Frühgeschichte bis Mittelalter
Altes Ägypten
→ Hauptartikel: Mumifizierung im Alten Ägypten
Amerika
Verschiedene Völker Südamerikas betrieben ähnlichen Aufwand mit ihren Toten wie die Ägypter. Im Unterschied zu diesen waren ihre Mumien nicht liegend in ausgestreckter Haltung, sondern sitzend-kauernd bestattet.
Strittig ist die Mumifizierung bei den Chinchorro (Chile): Sie entfleischten den Körper, stützten die Knochen mit Stöcken und überzogen sie mit einer Art Gips. Darauf klebten sie die Haut und bestrichen sie schwarz. Dies bedeutet, dass ca. 80 % des ursprünglichen organischen Materials nicht erhalten war bzw. beachtet wurde.
In Mittel- und Südamerika wickelten z. B. in Paracas die Menschen der Cavernen-Kultur ihre Verstorbenen in unzählige Lagen dicker Stoffe und konservierten sie auf diese Weise. Peruanische Mumien finden sich in hockender Stellung, mit beiden Händen das Gesicht verdeckend.[6]
Asien
Die wahrscheinlich am besten erhaltene Mumie der Welt wurde 1972–1973 in China gefunden. In Mawangdui in der zentralchinesischen Provinz Hunan entdeckte man den konservierten Leichnam einer etwa 160 v. Chr. gestorbenen Frau, die unter dem Namen „Lady von Dai“ weltweit bekannt wurde. Ihre Gelenke sind noch weich, eine Blutentnahme ist möglich. Die Mumifizierung wurde jedoch nicht durch Entnahme von Körperteilen oder Austrocknung herbeigeführt und scheint von verschiedenen Faktoren abzuhängen (Bestattung in kühler Erde; mehrere luftdicht abschließende, ineinander verkantete Särge; eine rote Flüssigkeit im Sarg). Sie stammt aus der Han-Dynastie.
Aus China sind außerdem Praktiken der Selbstmumifizierung bekannt, die von daoistischen Mönchen im 5. und 6. Jahrhundert nach Chr. praktiziert wurden. Sie wollten „Unsterblichkeit“ erlangen. Dabei wurden körperliche Vorgänge durch Meditationstechniken zu kontrollieren gelernt und die Ernährung umgestellt. Den Tod führten die Mönche dann herbei, indem sie durch das Trinken von Lackbaumsaft ihre Verdauungsorgane versiegelten. Die Körper wurden danach durch Dämpfe getrocknet und wiederum mit Lack versiegelt.
Aus Japan sind Praktiken der Selbstmumifizierung ebenfalls bekannt. Die hier von buddhistischen Mönchen geübte Praxis des Sokushinbutsu soll eine zu Lebzeiten selbst eingeleitete Leichenkonservierung durch die Befolgung eines speziellen Ablaufs von Handlungen (insbesondere Diäten und Flüssigkeitsverweigerung) erreicht werden. Sokushinbutsu wurde im 19. Jahrhundert verboten; der letzte bekannte Priester verstarb 1903 in der Ausübung des Rituals.
Ansätze zur künstlichen Leichenkonservierung gab es im mittelalterlichen Japan auch unter den Fujiwara-Herrschern, doch gelten diese als weniger erfolgreich.
In Burma besteht die Sitte der Leichenkonservierung bei Priestern, welche meistens mit dem Glauben an ein Wiederaufleben der toten Körper zusammenhängt. Durch das Verfahren der Mellifikation konservieren burmesische Priester berühmte Äbte in mit Honig gefüllten Särgen.[7]
Eine andere Art der künstlichen Leichenkonservierung ist von den Philippinen bekannt: die Feuer-Mumifizierung der Ibaloi-Kultur in der Provinz Benguet. Bei dieser Art der Leichenkonservierung wurde kurz vor dem Ableben des Betroffenen bereits die Vorbereitungen zur Mumifizierung eingeleitet, indem man dem Betroffenen stark salz- und alkalihaltige Getränke zuführte. Nach dem Ableben wurde der Tote in sitzender Haltung über einem Feuer, das eine geringe bis mittlere Intensität hatte, positioniert, bis der Körper vollkommen dehydiert war. Dieser Vorgang konnte bis zu zwei Jahren dauern, und zum Abschluss wurde der Körper mit Pflanzenextrakten einbalsamiert. Diese Art der Mumifizierung wurde vom 10. bis 16. Jahrhundert durchgeführt und gilt weltweit als zweites Beispiel für eine aktive Mumifizierung von Toten, die mit einer anderen Technik durchgeführt wurde als die Methode der Mumifizierung im Alten Ägypten. Diese Mumien sind als „Kabayan-Mumien“ bekannt geworden und stehen seit 2006 auf der Vorschlagsliste der Philippinen zur Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO.[8]
Im alten Indien fanden sich Spuren einer künstlichen Konservierungsmethode durch das Räuchern des Leichnams. Bei dieser Technik wird der Tote, nachdem er gewaschen und mit bestimmten Substanzen vorbehandelt wurde, zusammengebunden und an einem Ast aufgehängt, unter dem ein stark rauchendes Feuer entzündet wird. Der Leichnam hängt dort mehrere Tage und färbt sich im Verlauf des Vorgangs schwarz. Anschließend wird er begraben.
Australien und Ozeanien
Wesentlich häufiger als im alten Indien wurde die Technik der Rauchmumifizierung bei den Ureinwohnern Australiens und Neuseelands, deren Konservierungsmethoden auch diejenigen sind, die am besten erforscht wurden.
Europa
Mädchen von Egtved im Dänischen NationalmuseumGuanchenmumie (Museo de la Naturaleza y el Hombre, Teneriffa)
In Dänemark wurde 1921 der konservierte Leichnam des sogenannten „Mädchens von Egtved (Egtved Pigen)“ gefunden. Der Fund stammt aus der älteren Bronzezeit (etwa 1400 v. Chr.). Das Mädchen lag in einem großen Eichensarg. Durch Untersuchungen der Zähne wurde ihr Alter auf 16 bis 18 Jahre geschätzt. Vom Leichnam sind nur Weichteile und Zähne erhalten.
In Dänemark wurde auch der konservierte Leichnam der sogenannten „Frau von Skrydstrup“ gefunden, die aus der frühen nordischen Bronzezeit (etwa 1300 v. Chr.) stammt. Sie wurde 1935 gut erhalten in einem Eichensarg in der Nähe von Skrydstrup in Jütland gefunden. Der Fund war für die Rekonstruktion der Frauentracht dieser Zeit und Region von Bedeutung.
Auf den Kanarischen Inseln (Spanien) verstanden sich die Guanchen auf die künstliche Konservierung. Ihre Leichen sind in Ziegenfelle eingenäht und gut erhalten. Einige kanarische Mumien sind heute im Museo de la Naturaleza y el Hombre in Santa Cruz de Tenerife und im Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria zu besichtigen. Die einzige kanarische Mumie, die sich in Deutschland befindet, ist seit 1802 Teil der Sammlung des Johann-Friedrich-Blumenbach-Instituts für Zoologie und Anthropologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Es handelt sich dabei um die Überreste einer 30- bis 40-jährigen Frau, die im späten 13. oder im frühen 14. Jahrhundert auf der Insel Teneriffa gelebt hat.[9]
In Russland fanden Archäologen in den ehemaligen Siedlungsgebieten der Skythen große Grabhügel („Kurgane“), die unter anderem Gold, Seide, Waffen, Pferde und Bestattungen enthielten. Ein unversehrter Kurgan wurde im Juli 2001 im Tal der Zaren bei Aržan in der südsibirischen Republik Tuwa entdeckt.[10] Der Fund mit tausenden von Goldobjekten gelang dem deutschen Archäologen Hermann Parzinger.[11][12] Der teilweise sehr gute Erhaltungszustand der Überreste, wie in den Kurganen von Pazyryk, ist Techniken der künstlichen Leichenkonservierung und dem sibirischen Permafrost zu verdanken.
Westliche Verfahren des Mittelalters und der Neuzeit
Im Europa kamen die aufwendigen künstlichen Verfahren zur Leichenkonservierung im Mittelalter und in der Neuzeit in erster Linie bei hochgestellten Verstorbenen des geistlichen und weltlichen Standes zum Einsatz, etwa bei Päpsten und Bischöfen, Monarchen und bedeutenden Adeligen.
Ein frühes Beispiel für ein künstliches Verfahren zur Leichenkonservierung im Mittelalter ist die Heilige Margareta von Cortona († 1297), deren Körper ab 1986 durch den Pathologen Ezio Fulcheri von der Universität Genua untersucht wurde. Fulcheris Team aus Pathologen, Chemikern und Radiologen fand im Zuge der Untersuchung des Körpers tiefe Schnitte entlang der Oberschenkel, im Unterleib und in der Magengegend, die der Heiligen offenkundig nach ihrem Tod beigebracht und anschließend grob vernäht worden waren. Die Konservierung der Leiche geschah vermutlich mit einfachen Mitteln wie „Natron“ (?), das die natürliche Austrocknung künstlich beschleunigt – ähnlich wie im Alten Ägypten. Außerdem entdeckte Fulcheris Team Spuren von Salben, duftenden Gewürzen und Essenzen von Myrrhe und Aloe auf dem Körper, die das Aufkommen von Fäulnisbakterien verhindern. Fulcheri glaubt, dass die Juden das Wissen um die Leichenkonservierung von Ägypten mit nach Palästina genommen haben. Von dort seien entsprechende Ideen dann mit den ersten Christen nach Rom und ins restliche Europa gekommen.[1] Die eingangs bereits zitierte Bibelstelle mit dem Hinweis „Nikodemus […] brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.“ (Joh 19,39–40 EÜ) scheint diese These Fulcheris zu stützen.
Auch die auf den arabischen Arzt Rhazes (864–925) zurückgehenden Methoden zur Konservierung, die im Wesentlichen auf Entfernung der Eingeweide, Waschen der Körperhöhlen mit Essig und Weingeist sowie Ausfüllen des Leichnams mit aromatischen Pulvern und konservierenden Salzen beruhten, waren in Europa bekannt. Seine Methoden zur Leichenkonservierung wurden in Europa nicht nur während des Mittelalters angewendet, sondern konnten sich – mit nachträglichen Verbesserungen – auch während der frühen Neuzeit bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts halten.[13]
Die hier im frühen Mittelalter verfügbaren Methoden zur Leichenkonservierung erreichten das Niveau der antiken Verfahren jedoch nicht. Bei den geringen chemischen Kenntnissen dieser Zeit und den inzwischen in Vergessenheit geratenen Erfahrungen der Ägypter waren die Versuche des Konservierens von Verstorbenen meist nur von kurzer Dauer oder missglückten ganz.[13] Einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen den im Alten Ägypten eingesetzten und den seit dem Mittelalter in Europa üblichen Konservierungstechniken war, dass letztere überwiegend auf der Anwendung von Mitteln beruhten, die bei den Ägyptern nur Beiwerk gewesen waren, wie aromatische Harze, Spezereien und Öle, die keine oder nur sehr geringe desinfizierende Eigenschaften besitzen.[13] Ein anderer Unterschied war, dass der Leichnam bei den antiken ägyptischen Verfahren meist in mehreren Lagen mit Binden umwickelt und diese Bandagierung mit Harz zusammengeklebt wurde. Bei den europäischen Verfahren des Mittelalters und der Neuzeit fehlt die für das äußere Erscheinungsbild altägyptischer Mumien charakteristische Bandagierung hingegen meist völlig, stattdessen scheint es hier wichtiger gewesen zu sein, den Körper des hochgestellten Verstorbenen im Rahmen einer feierlichen Aufbahrung möglichst lange sichtbar in der Öffentlichkeit präsentieren zu können.[3]
Das im Basler Münster erhaltene, jedoch heute leere Grabmal der Gertrud von Hohenberg († 1281)
Gertrud von Hohenberg († 1281), die Gemahlin des römisch-deutschen Königs Rudolf von Habsburg, hatte das Basler Münster zu ihrer Grabstätte bestimmt. Ausführlich schildert der Chronist von Colmar die Umstände ihrer Bestattung: „Ihrem Leichnam wurden die Eingeweide entnommen, die Bauchhöhle wurde mit Sand und Asche gefüllt, das Gesicht einbalsamiert. Dann umgab man den Körper mit einem Wachstuch und hüllte ihn in prächtige seidene Gewänder. Eine goldene Kette zierte das verschleierte Haupt. Dann legte man die tote Königin in den Sarg, der aus Buchenholz gefertigt war, ihre Arme waren über die Brust gekreuzt. So sah der König seine Gemahlin zum letzten Male, ehe der Sarg mit eisernen Bändern verschlossen wurde.“ Der Leichenzug kam am 20. März 1281 in Basel an. „Drei Bischöfe zelebrierten das Totenamt, bei dem der Sarg senkrecht aufgestellt wurde und der Deckel geöffnet war, damit alle Anwesenden die hohe Verstorbene noch einmal sehen konnten.“[14][15] Ihr Grabmal befindet sich noch heute im Chorgang des Basler Münsters, wurde jedoch mehrfach geöffnet,[16] ehe 1770 die Gebeine der Königin sowie ihrer einst mit ihr bestatteten Söhne Karl und Hartmann durch die Feierliche Übersetzung der kaiserlich-königlichen-auch-herzoglich-österreichischen höchsten Leichen in das Kloster St. Blasien im Schwarzwald verlegt wurden. Heute ruhen die Überreste dieser frühen Habsburger im Stift St. Paul im Lavanttal in Kärnten.
Getrennte Bestattung
Bereits im Alten Ägypten war bekannt, dass sich die auf künstlichem Wege eingeleitete Konservierung eines Leichnams durch das Entfernen des Gehirns, der inneren Organe und der Eingeweide erheblich verbessern und vereinfachen lässt. In Europa begünstigten ähnliche Erkenntnisse im Mittelalter die Ausbreitung der getrennten Bestattung von Herz, Innereien und Körper, auch wenn die Herzbestattung ihren Höhepunkt erst im 17. Jahrhundert[17] erreichte. Vielen Fürsten und Monarchen wurde nach dem Tod das Herz und teilweise auch die Eingeweide entnommen und getrennt vom Körper bestattet. Dies kam besonders dann zur Anwendung, wenn zwischen dem Eintreten des Todes und der Beisetzung eine lange Zeitspanne lag. Bei besonders hochgestellten Personen wurde im Hochmittelalter zeitweise das Verfahren des mos teutonicus praktiziert. Da der Körper dabei nicht konserviert, sondern durch Abkochen in das Fleisch und die Knochen zerlegt wurde, handelte es sich bei dieser Technik nicht um eine Leichenkonservierung im eigentlichen Sinn. Immerhin hatte man aber so die Möglichkeit, von einem Verstorbenen wenigstens die Gebeine an ihren Bestimmungsort zu überführen, ohne dass während der Reise noch Verwesung eintreten konnte. Das Verfahren kam vorwiegend bei auf Kriegsschauplätzen gefallenen oder im Ausland sowie auf Reisen verstorbenen Herrschern zum Einsatz, etwa bei Kaiser Lothar III. († 1137). Er starb am 3. Dezember 1137 bei Breitenwang und wurde am 31. Dezember 1137 im Kaiserdom Königslutter begraben.[18] Als Kaiser Friedrich I. († 1190) während eines Kreuzzugs in Kilikien ums Leben kam, wurde sein Leichnam ebenfalls auf diese Weise bestattet. Sein Herz und seine Eingeweide wurden schließlich in Tarsos beigesetzt, sein Skelett in Tyrus und der übrige Körper in Antiochia.[19]
Das 1299 durch Papst Bonifatius VIII. ausgesprochene und im Jahr darauf erneut bekräftigte kirchliche Verbot des mos teutonicus[20] begünstigte in Europa die Suche nach geeigneten Konservierungsverfahren. Die Teilung in Herz, Innereien und Körper blieb in der Praxis weitgehend geduldet, gleichzeitig entsprach sie den praktischen Notwendigkeiten der Konservierung bei Überführungen oder lange dauernden Leichenfeiern.[3] Aus Respekt versuchte man die Körper von Päpsten und Herrschern zumindest für eine gewisse Zeit (lat.: per aliqod tempus) zu erhalten, um sie ausstellen oder an einen anderen Ort überführen zu können.[13] Um die Verwesung des Körpers zu verlangsamen, wurden im Mittelalter und in der Neuzeit meist zunächst die Brust- und Baucheingeweide entnommen. Die Entfernung der Brusteingeweide (Precordia) erfolgte meist durch ein längs aufgeschnittenes Brustbein, die Entfernung der Baucheingeweide (Viscera) durch einen weiteren Längsschnitt vom Schwertfortsatz zum Schambein. Da Leichenöffnungen im Mittelalter einem kirchlichen Verbot unterlagen, wurden diese Maßnahmen meist von Laien aus dem Gefolge des Verstorbenen vorgenommen, manchmal auch von Mönchen, die den Sterbenden begleitet hatten. Erst nachdem Leichenöffnungen während der Renaissance Eingang in die anatomische Praxis gefunden hatten, wurden sie auch von Ärzten, Chirurgen und Badern durchgeführt, bei den Habsburgern zum Teil durch renommierte Ärzte der Wiener Universität.[17] Detaillierte Obduktionsberichte von habsburgischen Hofärzten sind jedoch selten.[21] Die Aufteilung der Körper nahm im mittelalterlichen Europa schließlich institutionelle Formen an, die im Hofzeremoniell besonders der katholischen Herrscherhäuser bis in die Neuzeit weiterlebten. Das Herz als „edelster Teil des Menschen“ sollte dabei stets einen würdigen Platz erhalten. Dem Leichnam selbst war aufgrund der technischen Möglichkeiten hingegen keine dauerhafte Konservierung zugesichert.[22] Mit der unzureichenden Verfügbarkeit dauerhaft wirksamer Konservierungsmethoden ist auch zu erklären, warum es in Europa kaum künstliche Mumien aus dem Mittelalter gibt. Leichname aus dieser Zeit sind allenfalls dann bis heute erhalten, wenn örtliche Zufälligkeiten mitspielten.[13]
Herz- und Eingeweide-Grabstein Kaiser Friedrichs III. in der Stadtpfarrkirche Linz
Abgesehen von der Entfernung von inneren Organen wie Herz und Eingeweiden versuchte man im Mittelalter und zu Beginn der frühen Neuzeit, die Leichen hochrangiger Verstorbener auch mit kostbaren Wässern und Salben wenigstens kurzzeitig zu konservieren. Verwendet wurden Kräuteressenzen, Essigsäure, Harze und aus unterschiedlichen Stoffen hergestellte Parfüme, deren Inhalt häufig als Berufsgeheimnis gehandelt wurde,[1] deren Wirkung auf den solcherart behandelten Leichnam aber freilich mehr von geruchshemmender denn konservierender Art war. Auf diese Weise verfuhr man etwa beim Tod Kaiser Friedrichs III. († 1493).[23] Sein Leichnam wurde danach, auf einem Sessel als Ausdruck der Herrschergewalt sitzend, in der großen Stube des Linzer Schlosses einen Tag lang jedermann gezeigt, dann nach Wien überführt und zusammen mit seinem amputierten Bein im Stephansdom beigesetzt. Das Herz und die Eingeweide Friedrichs III. wurden in der Stadtpfarrkirche Linz bestattet.
Alexander V. († 1410), Gegenpapst zu Gregor XII. in Rom und Benedikt XIII. in Avignon
Nach dem Tod des Gegenpapstes Alexander V. († 1410) übernahm die Konservierung seines Leichnams der an der Universität Bologna Medizin und Philosophie lehrende Chirurg und Avicenna-Kommentator Pietro d’Argellata († 1423), der ihn schon zu Lebzeiten ärztlich betreut hatte:[24] Die Eingeweide der Brust- und Bauchhöhle wurden entfernt, die Körperhöhlen mit Weingeist ausgewaschen, mit Baumwolle und einem Pulver ausgefüllt, welches zu gleichen Teilen aus Myrrhe, Aloe, Acacia, Zypresse, Muskat, Sandelholz, Bolus Armenicus, Terra Sigillata, gebranntem Alaun und „Drachenblut“-Harz bestand. Der Leichnam wurde dann zugenäht, Anus, Mund und Nase mit balsamgetränkter Baumwolle verstopft. Die Extremitäten und der Rumpf wurden in mit Wachs und Terpentin getränktes Leinen (das sogenannte „Sparadrap“) gehüllt. Dieses wurde vernäht, die Nähte mit Pech bestrichen, und schließlich wurde Alexander V. in die Gewänder eines Bischofs gekleidet. Der so vorbereitete Leichnam wurde in den Sarg gelegt und beigesetzt. Konservierend wirkte dabei laut Hawlik allenfalls die geringe Menge Alaun.[13]
Stich (1758) der Herzogsgruft im Wiener Stephansdom. Neben den Sarkophagen sind in der Abbildung auch zahlreiche Urnen für Herz- bzw. Eingeweidebestattungen zu erkennen.
Eine andere im Mittelalter in Europa gebräuchliche Methode war, aromatischen Wein in die Bauch- und Mundhöhle des Leichnams einzuführen, ihn in eine Alaun-Soda-Lösung zu legen und schließlich in ein harz- oder pechgetränktes Sparadrap zu hüllen.[13] Diese oder eine vergleichbare Methode dürfte etwa bei Herzog Rudolf IV. von Österreich († 1365) angewandt worden sein. Nach seinem Tod in Mailand wurde der Leichnam mit Rotwein behandelt[25] und in eine schwarze Rinderhaut eingenäht,[26] mit einem kostbaren Leichentuch bedeckt[27] und anschließend über die Alpen nach Wien überführt, wo er in der Herzogsgruft des Stephansdoms in einem Kupfersarg beigesetzt wurde.
Auch im Fall der Erzbischöfe von Salzburg haben jüngere Forschungen (2009) ergeben, dass die meisten nach ihrem Tod zunächst in lauwarmem Wein gewaschen, anschließend seziert und schließlich mit Balsam behandelt wurden. Die getrennt bestatteten Innereien der Erzbischöfe des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit befinden sich in verschiedenen Kirchen der Stadt Salzburg.[28]
Totenbild Kaiser Maximilians I. († 1519) im Gewand des St. Georgs-Ordens
Bei einem weiteren damals üblichen Verfahren füllte man die Körperhöhlen nach Entfernung der Eingeweide mit einer großen Menge verschiedenartiger Drogen und Heilkräuter, dazu mit Alaun und Kochsalz, worauf ebenfalls ein Einnähen des Leichnams in Sparadrap erfolgte.[13] Kaiser Maximilian I. († 1519) ordnete an, seinen nackten Leichnam in einen Lendenschurz zu hüllen, in die Gewänder des St. Georgs-Ordens zu kleiden und danach unter Beimengung von Kalk und Asche in einen Sack einzunähen, der aus Leinen, Damast und weißer Seide bestand.[29] Der Leichnam wurde so in den Sarg gelegt und unter dem Altar der St. Georgs-Kirche in der Burg in Wiener Neustadt bestattet. Neben religiösen Überlegungen der Buße dürften bei diesem bei Cuspinian überlieferten Vorgang auch die damals üblichen Methoden der Leichenkonservierung eine Rolle gespielt haben, da der Sack offenbar als eine Art Sparadrap konzipiert war.[3]
Exakte Angaben zu den verwendeten Ingredienzien sind selten. Welche Mittel im Einzelfall zur Konservierung eingesetzt wurden, hing auch stark von der Finanzkraft des Verstorbenen ab; bestimmte Zutaten, insbesondere Pflanzenextrakte, Öle und wohlriechende Gewürze, galten als kostbarer als andere und waren dementsprechend teurer. Einig scheinen die Quellen über folgende Zutaten zu sein: Myrrhe, Aloe vera, Tolubalsam, Zimt, Bienenwachs, Elemi (Harzpaste), Palmwein, Zedernöl, Natron, Wacholderöl, Kampheröl, tierische Fette, Pistazienharz und Thymian.
Gelang mit diesen Methoden eine vorübergehende Konservierung, so wird dies laut Hawlik weniger den dabei eingesetzten Kräutermischungen und Drogen, sondern hauptsächlich der Wirkung der verwendeten Salze zuzuschreiben sein.[13] Überhaupt war die genaue Zusammensetzung dieser Mittel hinsichtlich ihrer konservierenden Wirkung auf die Leiche relativ unbedeutend; derartige Spezereien wirkten vor allem gegen den Verwesungsgeruch und vermieden zudem die Einnistung und Entwicklung von Insektenlarven.[13] Nach dem Stand der damaligen Technik war es noch nicht möglich, einen Bakterienbefall auf Dauer zu verhindern. Es genügte, wenn die verstorbenen Herrscher für wenige Tage aufgebahrt werden konnten. Es war somit eine Konservierung auf Zeit, ehe man die Verstorbenen dann in prunkvollen Sarkophagen beisetzte.[22]
Sektion und Desinfektion
Im 16. Jahrhundert verfeinerten Ärzte in den Niederlanden und in Frankreich die auf Rhazes zurückgehenden Techniken zur Leichenkonservierung, wobei die Hauptphasen des Verfahrens mit Aufschneiden des Körpers (Sektion) und Entfernung der Eingeweide, Auswaschen der Körperhöhlen sowie ihr Auffüllen mit aromatischen Pulvern im Wesentlichen gleich blieben. Zur Steigerung der Wirksamkeit dieser Methode veränderten die Niederländer die Zusammensetzung der aromatischen Pulver und die Bereitung des Sparadraps, während die Franzosen hierfür das sogenannte Myrrhaceum entwickelten, das im Wesentlichen aus Salz, Alaun, Balsam und Gewürzen bestand und unter Beigabe von Essig zu Pulver zerstampft wurde. Der Schädel wurde jetzt am Scheitel geöffnet und ebenfalls mit den konservierenden Substanzen ausgefüllt.[13] Der französische Anatom Ambroise Paré beschrieb in seinem 1594 posthum publizierten Werk Opera chirurgica, dass trotz langfristiger Erfolglosigkeit der damals verwendeten Konservierungsmethoden besonders die Päpste sowie die französischen und spanischen Könige an ihnen festhielten.[13]
Aufbahrung des nach der Methode Parés konservierten Leichnams von König Heinrich IV. von Frankreich im Louvre (1610), Darstellung von François Quesnel
Neben seiner Tätigkeit als Leibchirurg des französischen Königs entwickelte Paré ein neues Leichenkonservierungsverfahren, das nach Entfernung der Eingeweide und Anbringung tiefer Schnitte in die Muskulatur daraus bestand, den Leichnam drei Wochen in eine hölzerne Wanne mit einer Lösung zu legen, die aus scharfem Essig, Aloe, Wermut, Koloquinten und Alkohol bestand. Die Trocknung der solcherart behandelten Leiche an einem luftigen Ort schloss das Verfahren ab. Diese Methode wurde schließlich auch am französischen Hof praktiziert, und Paré soll eine auf diese Art präparierte Leiche 25 Jahre in seinem Haus aufbewahrt haben.[13] Paré war in der frühen Neuzeit zudem einer der ersten, der über seine Methode ein umfassendes Werk veröffentlichte. Nach dieser wurde im Wesentlichen noch bis ins 18. Jahrhundert am spanischen und französischen Königshof die Leichenkonservierung vollzogen. Der nach der Methode Parés konservierte Leichnam des französischen Königs Heinrich IV. († 1610) war bei der Plünderung der Königsgräber in der Abtei von Saint-Denis 1793 noch in einem so guten Erhaltungszustand, dass er zusammen mit einigen anderen mumifizierten Leichnamen vor der Kirche den Passanten zur Schau gestellt wurde.[30]
Aufgrund neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wurden die Methoden im Laufe der Zeit beständig weiterentwickelt, unter anderem erkannte man die Bedeutung der Desinfektion. Um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert wurden Techniken der Leichenkonservierung unter anderem von den deutschen Medizinern Melchior Sebisch (1539–1625)[31] und Gregor Horstius (1578–1636) sowie dem Niederländer Louis de Bils (1624–1670) vorgestellt. Letzterer entwickelte als Nichtmediziner ein Verfahren zur Konservierung von Leichen und verkaufte von ihm präparierte Objekte gewinnbringend an anatomische Sammlungen und Museen. Seine Methode, deren Details er nie veröffentlichte, konnte den Verfallsprozess nicht vollständig, aber für einige Jahre aufhalten.[13] Der französische Chirurg Pierre Dionis (1643–1718) entwickelte eine Methode, bei der die Verwendung von Gerbsäure in Pulverform eine wichtige Rolle spielte. Dionis wurde auch damit beauftragt, den Leichnam von König Ludwig XIV. († 1715) zu konservieren.[13] Bei der Plünderung der Königsgräber von Saint-Denis 1793 war sein Körper noch sehr gut erhalten und wurde zusammen mit den Leichen anderer Könige in eine Grube geworfen.[32] Im Falle Ludwigs XIV. war Dionis’ Verfahren zwar erfolgreich, doch stellte sich später heraus, dass die von ihm praktizierte Technik einen dauerhaften Erfolg nicht garantieren konnte, da die nach seiner Methode von anderen Ärzten präparierten Leichen schon nach wenigen Jahren fortgeschrittene Fäulniserscheinungen zeigten.[13]
Aufbahrung der spanischen Königin Marie Louise d’Orléans († 1689) auf einem Paradebett
Wirkliche methodische Fortschritte auf dem Gebiet der Leichenkonservierung gelangen ab Beginn des 18. Jahrhunderts durch die Anwendung von Gefäßinjektionen, da nur durch sie eine gleichmäßige Infiltration des Gewebes durch konservierende Stoffe erreicht werden konnte.[30] Der niederländische Anatom Steven Blankaart (1650–1704) schlug vor, den Leichnam zunächst über mehrere Wochen durch langanhaltende Einläufe mit Weingeist und großen Mengen warmen Wassers von fäulniserregenden Stoffen zu reinigen und den solcherart bewahrten Körper dann in einen Zinn- oder Bleisarg zu legen, um den Alkohol nicht verdunsten zu lassen. Dieses Verfahren gelang jedoch nur teilweise. So war es nicht möglich, den Darminhalt durch Einläufe vollständig zu entfernen, und auch war ein durch Alkohol präparierter Körper nur so lange vor Fäulnis geschützt, bis der Alkohol verdunstet war.[13] Dies war auch die Schwachstelle beim Verfahren des niederländischen Anatomen Frederik Ruysch (1638–1731) zur Herstellung anatomischer Präparate. Er injizierte eine Mischung von Talg, weißem Wachs und Zinnober ins Gefäßsystem und legte seine Präparate dann in Alkohol ein, dem schwarzer Pfeffer zugefügt wurde. Entwich der Alkohol, so war die langfristige Erhaltung des Präparates allerdings nicht mehr gesichert.[13] Hawlik spekuliert darüber, ob die Techniken von Paré und Blankaart zwischen 1640 und 1740 eventuell auch am Wiener Hof angewandt wurden und man danach möglicherweise zum Injektionsverfahren von Ruysch überging, weist jedoch darauf hin, dass Einzelheiten über die in diesem Zeitraum gebräuchlichen Konservierungsmethoden bisher nicht sicher eruiert werden konnten.[13] Der mit Ruysch eng zusammenarbeitende Anatom Theodor Kerckring beschrieb ausführlich die Verwendung von verflüssigtem Bernstein zur Leichenkonservierung.[33]
Darstellung einer Sektion in Die Anatomie des Dr. Tulp (Rembrandt, 1632)
Aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist vom Wiener Hof bekannt, dass ein für konservatorische Maßnahmen bestimmter Leichnam möglichst bald nach dem Tod seziert wurde. Nach Entfernung von Herz, Gehirn und Eingeweiden wurde der verbliebene Körper mit desinfizierenden Lösungen auf Alkoholbasis behandelt, die Hohlräume mit Bienenwachs ausgegossen, anschließend in einen Sarg gebettet und in einer Gruft oder einem ausgemauerten Grab beigesetzt.[3] Statt Wachs gab man in die durch die Exenteration entstandenen Hohlräume oft Tücher, die mit Alkohol und bakterienhemmenden Kräutern wie Thymian oder Wacholder versehen waren[34] – der anhaltende Einfluss der auf Rhazes zurückgehenden Konservierungsmethode ist hier nach wie vor deutlich. Welche chemischen Substanzen im 17. und 18. Jahrhundert zur Haltbarmachung der Leichen verwendet wurden, kann jedoch nur selten festgestellt werden.[35] Mitteilungen in den Zeremonial- und Familienakten beschränken sich meist auf eher unspezifische Aussagen wie „die Einbalsamierung erfolgte mit kostbarsten Ingredienzien“ oder „nach Entnahme der Organe wurde er gewöhnlichermaßen einbalsamieret“. An Hinweisen, welche Hofärzte, Leibchirurgen, Bader, Kämmerer, Diener und Hofbeamte dabei anwesend waren, fehlt es hingegen nicht.[13]
Als der römisch-deutsche König Ferdinand IV. am 9. Juli 1654 in Wien starb, wurde der Leichnam noch am selben Abend seziert, in der zuletzt beschriebenen Weise für die Aufbahrung vorbereitet und auf einem Paradebett öffentlich zur Schau gestellt. Der Becher mit dem Herz war dabei ebenfalls auf dem Schaubett ausgestellt. Einen Tag nach seinem Tod erfolgte um 9 Uhr abends die Übertragung des Herzens in die Augustinerkirche bei der Hofburg, wo es in einer schlichten Feier in der dortigen Loretokapelle beigesetzt wurde.[36] Der Körper wurde nach mehrtägigen Trauerfeiern in der Wiener Kapuzinergruft bestattet.
Beim Tod von Ferdinand Wenzel († 1668), dem erstgeborenen Sohn Kaiser Leopolds I., hielt man sich an ein ähnliches Protokoll. Da er der Thronfolger war, wurde der Leichnam des knapp vier Monate alten Erzherzogs trotz des zarten Alters von den kaiserlichen Leibärzten seziert, in der üblichen Form behandelt und in einem silberdurchwebten Kleid auf einem Paradebett aufgebahrt. Sein Herz und seine Eingeweide wurden in zwei getrennten Behältern in die Herzogsgruft des Stephansdoms überführt,[37] der übrige Körper in der Kapuzinergruft bestattet.
Metallsarkophag Kaiser Leopolds I. in der Wiener Kapuzinergruft.
Auch die Beisetzung Kaiser Leopolds I. ist ein typisches Beispiel für das Bestattungsritual, wie es in der Barockzeit bei hochgestellten Persönlichkeiten praktiziert wurde. Nach seinem Tod im Mai 1705 wurde der verstorbene Habsburger drei Tage lang öffentlich aufgebahrt: Bekleidet mit einem schwarzseidenen Mantel, Handschuhen, Hut, Perücke und Degen wurde sein Körper zur Schau gestellt, neben dem Katafalk standen Leuchter mit brennenden Kerzen. Auch die Insignien der weltlichen Macht, wie Kronen und Ordenszeichen, waren repräsentiert. Nach der öffentlichen Zurschaustellung wurde die Leiche in einen mit kostbaren Stoffen ausgekleideten Holzsarg gelegt, dieser dann nach den öffentlichen Feiern in die Kapuzinergruft überführt und dort in den schon zu Lebzeiten des Kaisers aufwendig gestalteten Metallsarkophag gehoben. Die Konservierung des Leichnams war unmittelbar vor der öffentlichen Aufbahrung vorgenommen worden: Die schnell verwesenden inneren Organe hatte man entfernt, die Hohlräume mit Wachs gefüllt und die Leiche auch an der Oberfläche mit desinfizierenden Tinkturen behandelt. Die aus der Leiche entfernten Körperteile wurden in Seidentücher gehüllt, in Spiritus eingelegt, die Behältnisse dann zugelötet. Das Herz und die Zunge des Kaisers legte man in einen vergoldeten Silberbecher, der in die Loretokapelle der Augustinerkirche kam. Seine Eingeweide, seine Augen und sein Gehirn wurden, wie bei den übrigen Habsburgern, in einem vergoldeten Kupferkessel in der Herzogsgruft des Stephansdoms bestattet.[4]
Beim Tod von Erzherzog Leopold Joseph († 1701), des im Alter von knapp zehn Monaten verstorbenen ältesten Sohnes Kaiser Josephs I., wurde der Körper in Anwesenheit von vier Leibärzten geöffnet, die Organe nach der üblichen Art entnommen und in zwei kupferne Kessel gegeben. Anschließend wurde das tote Kind mit einem Kleidchen und mit Kränzen geschmückt auf einen Polster gebettet. Eine Kammerfrau, von zwei Kammerdienern begleitet, trug den Leichnam zur Hofkapelle, die mit rotem Damast ausgeschlagen war. Dort legte sie ihn auf ein drei Stufen hohes Podest, während die Geistlichen die Gebete verrichteten. Um acht Uhr abends wurden die beiden kupfernen Kessel zum Stephansdom geführt. Kurz darauf wurde der kleine Körper vom Obersthofmeister aufgenommen und durch die Kammerfrau in den Sarg gelegt. Zwei Kammerherren verschlossen die beiden Schlösser des Sarges. Sechs Kämmerer trugen den Sarg auf den Burgplatz, wo ein mit sechs Pferden bespannter Hofwagen wartete. Die Obersthofmeisterin begleitete den Wagen bis zur Kapuzinergruft, wo der Dompropst von St. Stephan, assistiert von anderen Geistlichen, die kirchliche Einsegnung und Beisetzung vollzog.[38]
Ähnlich verfuhr man bei Erzherzog Leopold Johann († 1716), dem mit fast sieben Monaten verstorbenen erstgeborenen Sohn Kaiser Karls VI. Bei der Bestattung richtete man sich nach dem Trauerzeremoniell für Erzherzog Ferdinand Wenzel († 1668), den erstgeborenen Sohn Kaiser Leopolds I.[39] Am Vormittag des 5. November 1716 wurde der Leichnam Leopold Johanns im Beisein des Obersthofmeisters Anton Florian von Liechtenstein, der Hofdame Sabine Christina Gräfin von Starhemberg, dreier kaiserlicher Leibärzte und des Leibchirurgen Heinrich Cöster geöffnet. Dabei wurden die inneren Organe und das Herz entnommen und die Leiche einbalsamiert. Anschließend wurde der Leichnam des Kindes in der Antecamera, dem Tugendsaal der Wiener Hofburg, auf ein Paradebett gelegt und vom Hof- und Burgpfarrer eingesegnet. Er trug eine Blumenkrone und um den Hals die kleine Ordenskette von Goldenen Vlies. Auf einem silbernen Kissen lagen die große Vlieskette und der Erzherzogshut. Die silberne Urne mit dem entnommenen Herz und die kupferne Urne mit den Eingeweiden wurden am gleichen Tag in den Wiener Stephansdom verbracht und in der Herzogsgruft abgestellt. Abends 23:00 Uhr wurde der Leichnam erneut eingesegnet und mit großen Gefolge zur Wiener Kapuzinerkirche geleitet. Zum letzten Mal wurde der Sarg eingesegnet und in Gegenwart des Obersthofmeisters und des Oberstkämmerers geöffnet um den Leichnam vorzuweisen. Sechs Kapuzinerpatres brachten den Sarg dann in die Kapuzinergruft.[39]
Sarkophag der preußischen Königin Sophie Charlotte († 1705) im Berliner Dom
Nachdem die preußische Königin Sophie Charlotte am 1. Februar 1705 in Hannover verstorben war, wurde ihr Leichnam seziert und einbalsamiert und auf einem Paradebett öffentlich ausgestellt. Am 9. März des Jahres erfolgte die Überführung nach Berlin. Der große zeitliche Abstand zwischen Tod und Überführung erklärt sich aus den aufwendigen Vorbereitungen für die Beisetzungsfeierlichkeiten, vor allem der Errichtung von Funeralarchitekturen, die an den Stationen des Leichenzuges zu erbauen waren.[40]
Als der römisch-deutsche Kaiser Franz I. am Abend des 18. August 1765 unerwartet in der Innsbrucker Hofburg starb, wurde das Begräbniszeremoniell nach dem Vorbild der Trauerfeiern für seinen Schwiegervater, Kaiser Karl VI. († 1740), bestimmt. Nach Entnahme der inneren Organe wurde die Leiche vom 21. bis 23. August im Riesensaal (Festsaal) der Innsbrucker Hofburg öffentlich aufgebahrt.[41] Der Raum war dazu mit schwarzem Stoff ausgeschlagen, das Paradebett von vier Altären umgeben, an denen Seelenmessen zelebriert wurden. Der Kaiser lag unter einem schwarzen Baldachin auf dem Paradebett, bekleidet mit einem schwarzseidenen Mantelkleid mit Hut und Allongeperücke. Er hielt einen Rosenkranz und das Sterbekreuz der Habsburger in seinen Händen. Seitlich lagen sechs Kissen aus Goldbrokat mit den ihm zustehenden Kronen, Orden und Ehrenzeichen. Am Fußende waren zwei mit Tüchern verhüllte Urnen für das Herz und die Eingeweide des Toten ausgestellt. Nach der öffentlichen Aufbahrung im Riesensaal der Innsbrucker Hofburg wurde der Leichnam zu Schiff nach Wien überführt, wo die zweite Aufbahrung im Rittersaal der Wiener Hofburg nur mehr bei verschlossenem Sarg stattfand. Die Beisetzung des Körpers in der Wiener Kapuzinergruft erfolgte am Abend des 31. August 1765.[42] Das Herz des Kaisers kam in die Wiener Augustinerkirche, die Eingeweide in die Herzogsgruft des Wiener Stephansdoms.
Doppelsarkophag von Kaiser Franz I. und Maria Theresia in der Kapuzinergruft
Nach dem Tod seiner Gemahlin Maria Theresia am 29. November 1780 gestaltete sich die Bestattung laut dem Hofprotokoll folgendermaßen: „Der entseelte kai[ser]l[iche] allerhöchste Leichnam, welcher indessen in dem kais[erlichen] Zimmer aufbewahrt blieb, wurden den 30. darauf um 7 Uhr abends geöffnet und balsamiert. Die Exenteration dauerte von 7 bis 11 Uhr Nachts, wobey der k.k. Protomedicus Kohlhammer gegenwärtig waren. Die Eröffnung und Einbalsamierung geschah durch die kais[erlich] kön[iglichen] Leib Chirurgen Jos[eph] Vanglinghen, Ferdinand von Leber[43] und Anton Rechberger, wobey sich auch der Hofapotheker Wenzel Czerny brauchen liess. Freitags den 1. December früh morgens wurde der Leichnam in der grossen Hofkapelle auf einem 4 Stufen hohen unter einem schwarzen Baldachin errichteten Trauergerüst in der demüthigen Kleidung eines geistlichen Habites exponiert. Zur rechten Hand war der silberne Becher, worin das Herz; zur linken auf dem 3. Staffel abwärts des Hauptes der Kessel mit den Eingeweiden.“ Weiters heißt es in dem Protokoll: „Sonnabends den 2. [Dezember] wurde nachmittags in feierlicher Weise der Becher mit dem Herzen in die Loretokapelle der Augustinerkirche und nach diesem der Kessel mit den Eingeweiden in die Herzogsgruft zu St. Stephan überbracht. Sonntags den 3. December als an dem zum feierlichen Begräbnis bestimmten Tage“ erfolgte die Beisetzung des Körpers in der Wiener Kapuzinergruft in einem Doppelsarkophag an der Seite ihres 1765 verstorbenen Gemahls.[44] Der vom Wiener Stadtmagistrat organisierte Trauergottesdienst für Maria Theresia im Stephansdom fand hingegen erst im Jänner 1781 statt.[45]
Die Konservierungsergebnisse, die sich durch den Einsatz derartiger Methoden erzielen ließen, sind im Einzelfall sehr unterschiedlich. In der Kapuzinergruft in Wien etwa werden die vorhandenen metallenen Sarkophage der Habsburger regelmäßig bei Restaurierungen geöffnet. So erfolgte bereits im 19. Jahrhundert bei den damals restaurierten metallenen Sarkophagen unabhängig vom Zustand der hölzernen Innensärge in jedem Fall eine Öffnung derselben und eine genaue Beschreibung der vorhandenen sterblichen Überreste.[13] Dabei wurde festgestellt, dass die hölzernen Innensärge der vom Beginn des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts Verstorbenen – soweit noch erhalten – in den meisten Fällen nur Knochen und Hautreste enthielten. Die angewandten Konservierungsmethoden führten also zu keiner dauerhaften Erhaltung.[3] Betrachtet man die Abläufe bei Todesfällen am Wiener Hof im 17. und 18. Jahrhundert, so lässt die relative Eile, mit der die Prozedur des Sezierens, der Entnahme der Organe und der Vorbereitung für die öffentliche Aufbahrung durchgeführt wurde – beim Tod Kaiser Leopolds I. 1705 benötigte man dafür nur wenige Nachmittagsstunden – zusammen mit der Tatsache, dass man bei all jenen Verstorbenen, bei denen eine öffentliche Aufbahrung nicht vorgesehen war, gänzlich auf eine Behandlung des Leichnams verzichtete, laut Hawlik die Annahme zu, dass es sich bei den im Barock bei den Habsburgern eingesetzten Verfahren um keine wirkliche Konservierung handelte, eine solche am Wiener Hof auch nicht angestrebt wurde und mit dem Wissen jener Zeit auch gar nicht erreicht werden konnte.[13] Wäre der Wiener Hof in der Barockzeit nach der Leichenkonservierungsmethode von Paré (1510–1590) vorgegangen, die zur gleichen Zeit am französischen Hof praktiziert wurde, so hätte man dafür zwischen Ableben und Bestattung mehrere Wochen benötigt, und auch das Verfahren von Blankaart (1650–1704) dauerte nicht weniger lange. Zudem hätten die Leichen, wenn sie nach diesen Methoden konserviert worden wären, laut Hawlik auch nicht mehr als 25 Jahre überdauert[13] – ein von Paré überlieferter Wert, der eine präparierte Leiche über diesen Zeitraum in seinem Haus aufbewahrt haben soll.[13] Pater Gottfried Undesser, der Kustos der Kapuzinergruft, berichtete 2001, dass „die meisten [der dort bestatteten] Glieder der Herrscherfamilie sich lieber nicht einbalsamieren ließen, sondern eine Sargbestattung bevorzugten, die einfach den Verfall hinauszögerte.“[46] Im Fall des Wiener Hofes liegt daher die Vermutung nahe, dass man – besonders solange der Entwicklungsstand der Konservierungsmethoden nichts anderes erlaubte – lediglich eine Erhaltung der Leiche auf Zeit beabsichtigte, zunächst für die Dauer der öffentlichen Aufbahrung, die einen bis drei Tage in Anspruch nehmen konnte, und dann bis der Prunksarkophag in der Kapuzinergruft fertiggestellt war. Laut Hawlik muss ein wesentliches Ziel gewesen sein, den Verwesungsvorgang zumindest so lange zu verzögern, bis der kunstvoll gestaltete metallene Übersarkophag dazu bereit war, den hölzernen Innensarg aufzunehmen, was laut den entsprechenden Archivalien Monate, mitunter aber auch einige Jahre dauern konnte.[13] Nur selten dürfte es dabei gelungen sein, die Deckel der Metallsarkophage ohne jede Lötpore zu verschließen, so dass ein Zerfall des Leichnams weiterhin wahrscheinlich war. Die Luftdurchlässigkeit sowohl des inneren Holz- als auch des äußeren Metallsarkophages hat allenfalls Einfluss darauf, ob die Abbauprozesse im Sarginneren unter aeroben oder anaeroben Bedingungen stattfinden.[35]
Das Material des Sarges kann die Konservierung eines Leichnams ebenfalls positiv beeinflussen.[47] Je nach Vermögenslage gab es außer Holzsärgen auch Metallsärge (bzw. metallene Übersärge für die hölzernen Innensärge), die meist aus Zink, Kupfer, Zinn oder Blei gearbeitet waren und besonders im 17. und 18. Jahrhundert überaus prunkvoll ausgeführt sein konnten.[3] Der Bündner Rechtsmediziner Walter Marty stellte fest: „Mit Blei ausgekleidete Särge sind bekannt dafür, dass sie die Zersetzungserscheinungen verhindern.“[47] In den Särgen wurden die Toten in Rückenlage größtenteils auf Hobelspäne gebettet, unter den Schädeln fanden sich bei Gruftöffnungen Reste von mit Hobelspänen gefüllten Leinenkissen. Die Körper waren, sofern nicht aufwendig präpariert und mit Wachs ausgegossen, oftmals mit Kalk überschüttet worden. Die Herzen waren auch bei Angehörigen des niederen Adels häufig entfernt und anderswo bestattet worden. In barocken Kirchengrüften fand man in den Särgen auch Zeitungspapiersäcke mit Kalk zu Desinfektionszwecken.[48] Auch mehrere ineinander gelegte Särge kamen erfolgreich zum Einsatz. Als 1633 die Gemahlin des Grafen Wilhelm von Slavata verstarb, gestatteten die kirchlichen Behörden ihre Bestattung in der Gnadenkapelle in Altötting, welche am Abend des 18. Mai 1633 ganz unauffällig erfolgte. Als Kurfürst Maximilian I. von Bayern davon erfuhr, befürchtete er unter anderem, dass die Leichenausdünstungen schädliche Wirkungen auf die Gesundheit der Kapellenbesucher haben würden. Der für die Gnadenkapelle zuständige Dekan wies jedoch den Kurfürsten darauf hin, „daß gesundheitliche Schäden nicht entstehen könnten, weil die Leiche zuerst in zwei Holzsärge und schließlich auch noch in einen Zinnsarg gelegt und über mannshoch in die Erde versenkt worden“ sei.[49]
In anderen Fällen unterblieben Sektion und konservierende Behandlung infolge besonderer Umstände und Gegebenheiten vollends, meistens wegen ansteckender Krankheiten. Beim Tod der Erzherzogin Maria Josepha († 1703), einer Tochter Kaiser Leopolds I., wurde der Sarg wegen „anhenglichkeit der Krankheit“ sogleich verschlossen und bestattet.[50] Bei den Gemahlinnen Kaiser Josephs II. († 1790), die beide an Blattern starben, wurden Sektion und Konservierung auf Grund der Vorstellungen des Leibarztes van Swieten ausdrücklich verboten.[51] Vorschriften, die im Falle besonders schwerer ansteckender Krankheiten die Durchführung von Konservierungsmaßnahmen verbieten, bestehen in vielen Ländern noch heute. Zu Infektionskrankheiten dieser Art zählen unter anderem Milzbrand, Cholera, virale hämorrhagische Fieber, Pest, Pocken und andere Orthopoxvirosen. In diesen Fällen soll sofort nach dem Ableben und vor dem Verlassen des Sterbeortes das Einlegen des Leichnams in einen hermetisch abdichtenden Sarg mit Gasfiltersystem erfolgen und der Sarg endgültig verschlossen werden.[5]
Aufbahrung des Kurfürsten und Erzbischofs Maximilian Franz von Österreich († 1801) auf einem Paradebett. Frontispiz zur gedruckten Leichenpredigt von Pfarrer Georg Peter Höpfner, Mergentheim. (Radierung und Kupferstich von Gebr. Klauber nach G. Gisser jun. 1801)
Misslungene Konservierungen sind ebenfalls dokumentiert. Während der Trauerfeierlichkeiten für den 1830 verstorbenen britischen König Georg IV. erwies sich sein Körper als so schlecht konserviert, dass er stark anschwoll und Löcher in die Sargwand gebohrt werden mussten, um das sich entwickelnde Verwesungsgas ausströmen zu lassen.[52] Auch beim Tod des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln, Maximilian Franz von Österreich, im Juli 1801 hatte der Leichnam infolge der großen Sommerhitze trotz Konservierungsmaßnahmen so rasch zu verfallen begonnen, dass man bei der Beisetzung in der Wiener Kapuzinergruft nicht die Lieferung des künstlerisch gestalteten Metallsarkophags abwarten konnte, sondern den Holzsarg wegen der fortgeschrittenen Verwesung zunächst für mehrere Jahrzehnte in einer Mauernische einmauern musste.[53][54]
Als hingegen 1782 in der Kathedrale von Palermo der aus dunkelrotem Porphyr gearbeitete Sarkophag Kaiser Friedrichs II. († 1250) geöffnet wurde, fand man den Leichnam unversehrt. Da er nach seinem Tod in Castel Fiorentino bei Lucera zunächst nach Messina überführt und erst im Februar 1251 in Palermo beigesetzt wurde, muss angenommen werden, dass eine Fäulnis verhütende Behandlung des Leichnams erfolgte. Dass der Leichnam noch 500 Jahre später erhalten war, ist jedoch in diesem Fall weniger den verwendeten Konservierungsmethoden, sondern vielmehr den günstigen klimatischen Umständen zuzuschreiben, die eine Erhaltung des Leichnams begünstigten, wie zahlreiche weitere Funde im Raum Palermo belegen.[13]
Auch der Leichnam des 1786 verstorbenen Königs Friedrich II. von Preußen erwies sich als trocken und gut erhalten, als sein Sarg 1952 im Rahmen der Umbettung in die Kapelle der Burg Hohenzollern geöffnet wurde. Der Flaschner Adolf Rudolph, der den acht Zentner (rund 400 kg) schweren Metallsarkophag damals reparierte, beschrieb den Zustand des Leichnams aus der
Erinnerung im Jahr 1991 folgendermaßen: „Er sah bestens aus, man sah keine Verwesung, und gar nix, das Einzige war, daß der Nasenzipfel eingetrocknet war. Seine Uniform war gut erhalten, dem Auge nach, wie sie […] materialmäßig war, das hatten wir nicht geprüft.“[55] Auch der Leichnam des 1794 verstorbenen Fürsten Wenzel Anton Kaunitz, bestattet in einem Holzsarg in der Kaunitz’schen Familiengruft unter der Friedhofskapelle Austerlitz/Slavkov, ist trocken und gut erhalten. Sowohl beim König als auch beim Fürsten waren nach dem Tod konservierende Maßnahmen durchgeführt worden, doch lässt sich aus dem Vergleich mit dem Zustand der Toten aus der Kapuzinergruft in Wien schließen, dass sich ihre Körper zu einem erheblichen Teil auch aufgrund günstiger natürlicher Gegebenheiten erhalten haben. Natürliche Gegebenheiten für die Leichenkonservierung haben sich auch hier mit von Menschenhand entwickelten künstlichen Verfahren kombiniert.[3]
Sarkophag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. († 1797) im Berliner Dom
Dieter Brozat berichtet in „Der Berliner Dom und die Hohenzollerngruft“ (1985) zu den sterblichen Überresten des 1797 verstorbenen Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, dass dessen Sarkophag in der Hohenzollerngruft des Berliner Doms während des Zweiten Weltkrieges schweren Zerstörungen ausgesetzt war. Beim Wiederaufbau des Domes und der Suche nach dem Toten wurden bei „den Nachforschungen in der Domgruft […] in mühevoller Kleinarbeit Skelett-Teile gefunden, teils im Schutt des Domes, so der Kopf mit Haaren […]. Das Gewebe der Füße war noch voll in der Einbalsamierung vorhanden. Die anderen Skelett-Teile weisen in ihrer Beschaffenheit und in der Färbung deutlich auf eine Einbalsamierung hin. Da in Preußen in der Regel nur die regierenden Fürsten einbalsamiert wurden, ist der Verfasser überzeugt, daß es sich bei den Knochenfunden um die Überreste König Friedrich Wilhelms II. handele. Eine genaue medizinische Untersuchung war bisher nicht möglich.“[56] Genauere Angaben zu den bei Friedrich Wilhelm II. eingesetzten Leichenkonservierungsmethoden macht Brozat hingegen nicht.
Arterielle Konservierung
Nach ersten erfolgreichen Versuchen gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann man gegen Anfang des 19. Jahrhunderts, Leichen zusätzlich zu Sektion und desinfizierender Oberflächenbehandlung in zunehmendem Maße auch „aktiv von innen her“ durch das Injizieren eines Gemisches von Alkohol und Arsen(III)-oxid (Arsenik) in den Blutkreislauf zu konservieren, wobei dies meist durch die Halsschlagader geschah. Ein entsprechendes Verfahren war schon mehrere Jahrzehnte vorher durch den britischen Mediziner William Hunter (1718–1783) beschrieben und 1775 durch seinen Bruder John (1728–1793) erstmals in der Praxis angewandt worden.[57] Während der Feldzüge Napoleons begannen französische Militärärzte, die Leichen gefallener Soldaten für die Überführung in die Heimat zu konservieren, so dass ihre Angehörigen Abschied nehmen konnten. Nach Experimenten mit teils gefährlichen Chemikalien begann man hier, das Blut im Dialyseverfahren durch bleihaltige Flüssigkeit zu ersetzen.[58] Jedoch sollten noch mehrere Jahrzehnte vergehen, bis sich Verfahren der „arteriellen Konservierung“ allgemein durchsetzen konnten.
1840 wurde Napoleon Bonapartes Grab vor der Überführung der Leiche nach Frankreich geöffnet. Der Körper befand sich in vier ineinander liegenden Särgen und war 19 Jahre nach dem Tod noch gut erhalten. Napoleons Herz und Eingeweide waren getrennt bestattet worden und befanden sich in zwei Gefäßen am Fußende des Sarges.Kupfersarkophag von Napoleons zweiter Ehefrau Marie-Louise von Österreich († 1847) in der Wiener Kapuzinergruft
Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden einem Leichnam, wenn eine Konservierung durch Einspritzen von Alkohol und Arsenik erfolgte, meist wie bisher üblich das Herz, Gehirn und die Eingeweide entnommen und normalerweise getrennt bestattet. Dieses Verfahren kam z. B. 1821 bei Napoleon Bonaparte, 1832 bei seinem Sohn Napoleon Franz und 1847 bei dessen Mutter Marie-Louise von Österreich zum Einsatz. Nach dem Tod Napoleon Bonapartes auf der Insel St. Helena am 5. Mai 1821 wurde sein Leichnam noch am selben Tag obduziert, dabei Herz und Eingeweide entnommen und in zwei separate Gefäße platziert, die man an das Fußende seiner Leiche in einen Zinnsarg legte. Dieser Zinnsarg wurde verlötet und in einen Sarg aus Mahagoni eingeschlossen, der wiederum in einen verlöteten Bleisarg kam, welcher in einen Übersarg aus Mahagoni gebettet wurde. Im Fall Marie-Louises erfolgte die Konservierung ihres Leichnams nach der Entfernung von Herz, Gehirn und Innereien durch die Einleitung einer Lösung aus einem Kilogramm Arsenik und zehn Litern Alkohol durch die Halsschlagader.[3][59] Der Leichnam wurde dann sechs Tage im Palazzo Ducale in Parma auf einem Paradebett aufgebahrt. Schließlich wurde die Tote in einen mit violettem Samt ausgeschlagenen Holzsarg gelegt, der in einen bleiernen und einen hölzernen Übersarg verschlossen und nach Österreich überführt wurde.[59] In Wien wurde der Körper Marie-Louises in der Kapuzinergruft in einem Kupfersarkophag in der Nähe ihres Vaters beigesetzt.[60]
Aufbahrung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. († 1861) auf einem ParadebettDer konservierte Leichnam Kaiser Maximilians I. von Mexiko († 1867) vor seiner Überführung nach Europa durch Tegetthoff an Bord der Fregatte Novara
Fortschritte in der Chemie ermöglichten im Verlauf des 19. Jahrhunderts einen allmählichen Wandel der Konservierungsmethoden. So setzte sich der erwähnte Trend fort, Leichen zusätzlich zu Sektion, Entfernung der inneren Organe und desinfizierender Oberflächenbehandlung auch von innen her durch das Einspritzen konservierender Flüssigkeiten in den Blutkreislauf zu behandeln. Neue Erkenntnisse in der organischen und anorganischen Chemie und die Verfügbarkeit neuartiger künstlicher Substanzen verlagerten dabei den Schwerpunkt von der bisher dominierenden Weichteil-Entfernung auf den Austausch der Körperflüssigkeiten durch geeignete Chemikalien.[3] Einen wesentlichen Fortschritt erzielte der französische Anatom François Chaussier (1718–1828) durch den Nachweis, dass das auch „Sublimat“ genannte Quecksilber(II)-chlorid den Leichnam vor Fäulnis schützt und seine Austrocknung begünstigt.[13] Der deutsche Chemiker Eduard Tauflieb entdeckte die konservierende Wirkung des Zinkchlorids, während französische Anatomen und Chirurgen neue Erfahrungen beisteuerten und Gelehrte in der Schweiz und in Italien an einer Vielzahl von Präparaten forschten.[13] Bei Experimenten zur Leichenkonservierung benutzte man bis Ende des 19. Jahrhunderts eine Reihe flüssiger, fäulniswidriger und gegen Würmer schützender Substanzen, mit denen nach Entfernung des Darminhalts das Blutgefäßsystem ausgespült wurde. Es eignen sich dazu Lösungen von Quecksilber(II)-chlorid, Arsenik, Phenol, Alaun, Zinkchlorid, Gerbsäure oder eine in Deutschland als „Wickersheimer’sche Flüssigkeit“ in den Handel gebrachte Mischung von mehreren dieser Stoffe mit Wasser und Glycerin, ähnlich die in England gebräuchliche „Garstin’sche Flüssigkeit“, die Glycerin, Arsenik und Phenol enthält. Der französische Chemiker Jean Nicolas Gannal (1791–1852) erzielte für kurze Zeit eine befriedigende Erhaltung von Leichen durch Einspritzen von Aluminiumsulfat oder Aluminiumchlorid. Noch bessere Resultate soll die Methode von Sucquet ergeben haben, der in gleicher Weise Zinkchlorid anwendete. Die „Stirling’sche Flüssigkeit“ besteht aus Kreosot, Methanol und Quecksilberchlorid. Trotz mancher Erfolge blieb die Anwendung dieser Verfahren vielfach auf das Labor beschränkt. So ging man von der alleinigen Verwendung von Quecksilber(II)-chlorid und anderer Metallverbindungen wieder ab, als bemerkt wurde, dass Metall aus der Lösung ausfiel und entstellende Flecken an den solcherart behandelten Leichen hinterließ. Außerdem bewirkte Quecksilber(II)-chlorid eine graue Verfärbung der Haut.[13] Hingegen trug die Verwendung des 1779 entdeckten Glycerins durch den Turiner Anatomen Carlo Giacomini (1840–1898) wesentlich zum Fortschritt in der Leichenkonservierung bei.[13] Die neuen Entwicklungen brachten jedoch mitunter auch Nachteile. So schrieben 1988 die mit der Instandsetzung der Metallsarkophage in der Wiener Kapuzinergruft betrauten Restauratoren: „Es dürften die großen Schäden an den Bodenplatten der Sarkophage und damit auch an den Innensärgen nicht nur durch das Austreten der Leichenflüssigkeit allein entstanden sein, sondern die Leichenflüssigkeit könnte im Zusammenwirken mit den bei der Einbalsamierung verwendeten Chemikalien die Übel verursacht haben.“[61]
Nach der Erschießung Kaiser Maximilians I. von Mexiko (1867) wurde sein Leichnam in das Kapuzinerinnenkloster von Querétaro gebracht, wo ein Militärarzt und ein Gynäkologe die Konservierung der Leiche vornahmen. Sie schlug dermaßen fehl, dass nur Monate darauf eine weitere nötig wurde.[62] Entgegen dem Verlangen des Hingerichteten, dass sein Leichnam unverzüglich nach Europa gebracht werde, konnte Vizeadmiral Wilhelm von Tegetthoff erst nach langen Verhandlungen die vom Transport stark beschädigte Leiche in Empfang nehmen und schließlich auf der Novara nach Triest bringen. Von dort wurde der Sarg im Galatrauerwagen des Hofes nach Wien überführt, wo er – sieben Monate nach Maximilians Hinrichtung – in der Kammerkapelle im Leopoldinischen Trakt der Hofburg aufgebahrt wurde.[63] Die Beisetzung in der Kapuzinergruft erfolgte am 18. Januar 1868.
Detail des konservierten Leichnams von Abraham Lincoln († 1865) während seiner AufbahrungDer durch Einspritzung einer arsenhältigen Lösung[64] konservierte Leichnam von Elmer McCurdy († 1911), Foto aufgenommen vor 1916
In den Vereinigten Staaten waren es im 19. Jahrhundert vor allem Militär- und Landärzte, die sich mit Leichenkonservierung beschäftigten.[65] So forschte der Pathologe Thomas Holmes (1817–1899) ebenfalls an der Weiterentwicklung konservierender Flüssigkeiten. Holmes, der sich auf Erkenntnisse Gannals sowie auf Untersuchungen altägyptischer Mumien stützte, versuchte, die zu seiner Zeit zur Leichenkonservierung üblichen Chemikalien wie Arsenik, Quecksilber und Zink durch alternative Stoffe zu ersetzen. Er brachte später ein Konservierungsmittel und einen Apparat auf den Markt, mit dem die Konservierungsflüssigkeit über die Arterien in den Leichnam eingebracht werden konnte.[66][67] Diese Ausrüstung erlaubte es entsprechend geschultem Personal auch, Konservierungsstoffe in unterschiedlicher Zusammensetzung und Konzentration einzusetzen.[65] Während des Sezessionskrieges diente Holmes als Militärarzt auf Seiten der Union. Er erhielt den Auftrag, gefallene Soldaten für die Überführung zu ihren Familien zu konservieren, wofür er $100 pro Leichnam erhielt. Präsident Abraham Lincoln erteilte schließlich den Auftrag, so viele Gefallene wie möglich an ihre Heimatorte zurückzubringen, und sorgte für die Finanzierung. Laut Holmes’ eigenen Angaben hatte er während des Krieges die Leichen von 4028 gefallenen Soldaten und Offizieren zu konservieren, was ihn zu einem reichen Mann machte. Die häufige Anwendung seines Verfahrens sorgte zudem dafür, dass die übergangsweise Leichenkonservierung zum Zweck der Überführung weitum bekannt und in den USA zu einem allgemein akzeptierten Teil der Bestattungsvorbereitungen wurde. Nach Lincolns Tod 1865 wurde sein Leichnam für die mehrere Wochen dauernden Überführungs- und Beisetzungsfeierlichkeiten ebenfalls konservierend behandelt.[68]
War die Wirksamkeit und Verlässlichkeit von Injektionsverfahren durch diese Erfahrungen auch bereits deutlich belegt, so ermöglichte die Entdeckung des Formaldehyds durch den russischen Chemiker Alexander Butlerow im Jahr 1855 sowie die Schaffung einer technischen Möglichkeit zu seiner Herstellung mittels Dehydrierung von Methanol durch den deutschen Chemiker August Wilhelm von Hofmann im Jahr 1867 nochmals eine Effizienzsteigerung. Trotz aller Nachteile, welche die Behandlung mit Formaldehyd auf wässriger Basis (Formalin) mit sich brachte, wurde sie zur Standardmethode entwickelt.[30] Im Bestattungswesen setzten sich die Konservierungsmethoden auf der Basis von Formaldehyd schließlich allgemein durch.
Einsatz von Formaldehyd
Aufbahrung des konservierten Leichnams von Herzogin Ludovika in Bayern (1892)Konservierung des aufgebahrten Leichnams von Bischof Josip Juraj Strossmayer (1905)Aufbahrung des konservierten Leichnams von Papst Pius X. (1914)
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte die Entdeckung des Formaldehyds (1855) die künstliche Leichenkonservierung, sodass die Entfernung von Herz und Eingeweiden unnötig wurde und sich bei entsprechender Dosierung der Chemikalien auch eine langfristige Erhaltung des Leichnams erreichen ließ.[3] Aufgrund der neuen Methoden verbaten sich am österreichischen Hof die Erzherzoginnen Maria Annunziata († 1871)[69] und Sophie Friederike († 1872)[69] sowie Kaiserin Karoline Auguste († 1873)[69] als erste die Exenteration ihrer Leichen. Letztmals wurde die Entfernung von Herz und Eingeweiden 1878 beim Tod von Kaiser Franz Josephs Vater Erzherzog Franz Karl praktiziert, danach ging man auch bei den Habsburgern in Wien zur ausschließlichen Anwendung von Formaldehyd über. 1903 wurde so der Körper von Erzherzogin Elisabeth Franziska durch Anton Weichselbaum konserviert.[70] Der Vatikan folgte der Entwicklung wenig später. Seit Sixtus V. († 1590) waren die inneren Organe verstorbener Päpste entnommen und in Rom beim Trevi-Brunnen in der Kirche „St. Vinzenz und Anastasius“ aufbewahrt worden, die Körper meist in den Vatikanischen Grotten unter dem Petersdom.[1] Leo XIII. († 1903) wurde noch auf diese Weise bestattet, sein Nachfolger Pius X. schaffte die Organentnahme ab. Bei toten Päpsten wurde das Blut seither ebenfalls durch eine konservierende Flüssigkeit mit Formaldehyd ersetzt.[71]
In der Leichenkonservierung kommt Formaldehyd meist als Formalin (bzw. Formol) in wässriger, gepufferter Lösung mit Methanol zum Einsatz. Das Verhältnis zwischen Formaldehyd und Methanol kann dabei je nach Bedarf und Zielsetzung variiert werden, in der Anfangszeit dieser Technik lag der Formaldehyd-Anteil meist um die 35 Prozent.[72] Da Formaldehyd wie alle Aldehyde ein starkes Reduktionsmittel ist, eignet es sich gut zur Keimabtötung. Es stoppt die Autolyse und Fäulnis von Gewebe und macht es dauerhaft haltbar. Formalin fand trotz mancher Nachteile rasch allgemeine Verwendung in der Leichenkonservierung, da es gut ins Gewebe eindringt und langsamer verdunstet als reiner Alkohol.[13] Bei der Konservierung eines Leichnams wurde im 19. Jahrhundert meist eine Formalinlösung mit einem Formaldehyd-Anteil von 40 % durch die Halsarterie in den Kopf injiziert, damit die Gesichtsweichteile ohne Entstellung rasch erhärteten. Zur Behandlung des übrigen Körpers wurde eine Formalinlösung mit einem Formaldehyd-Anteil von 10 % in der Menge von rund acht Litern durch beide Oberschenkelarterien injiziert. In einem geschlossenen Metallsarg, der die Verdunstung des Formaldehyds und die Eintrocknung verhindert, halten sich derartig behandelte Leichname nahezu unbegrenzt.[13] Die Beigabe von Quecksilber(II)-chlorid, Zinkchlorid oder Phenol (Karbolsäure, kurz Karbol) zum Formalin kann zudem Insektenbefall und das Wachstum von Fäulnisbakterien und Schimmelpilzen verhindern.[13] Phenol war wegen seiner bakteriziden Wirkung zuerst von Lister in der Medizin verwendet worden (1865) und kam besonders im Rahmen von Autopsien häufig zum Einsatz, doch eignete es sich aufgrund seiner ätzenden Eigenschaften mehr als Desinfektionsmittel denn als Grundchemikalie zur Leichenkonservierung.
Aufbahrung des konservierten Leichnams von König Ludwig II. zwischen 16. und 18. Juni 1886
Nach dem Tod König Ludwigs II. von Bayern (1886) wurde sein Leichnam zunächst nach München überführt, wo der Wagen mit dem Sarg am 15. Juni 1886 um 2 Uhr früh in der Residenz eintraf. Die pathologische Untersuchung durch dreizehn Ärzte fand am selben Tag von 8 Uhr bis 13 Uhr in der Residenz statt. Nach der Obduktion wurde sofort die Konservierung der Leiche vorgenommen, die um 20 Uhr beendet war. Danach wurde die Leiche des Königs in den Ornat des Hubertusordens gekleidet und in einem geöffneten Mahagoni-Sarg drei Tage in der Hofkapelle aufgebahrt. Am 19. Juni 1886 wurde Ludwig II. in der Münchner Michaelskirche beigesetzt,[73] sein Herz am 16. August 1886 in der Gnadenkapelle Altötting bestattet. Im Rahmen der Autopsie wurde auch eine Schädelöffnung vorgenommen. Um dem Leichnam für die Aufbahrung ein würdevolles Aussehen zu geben, soll man das Gesicht mit Wachs überzogen haben, ebenso wie die Hände und die übrigen sichtbaren Körperteile.[74] Laut Werner Schubert setzte sich die höchstwahrscheinlich auch im Fall König Ludwigs II. verwendete Konservierungsflüssigkeit folgendermaßen zusammen: 4 Liter Aqua dest, 4 Liter Alkohol 96 %, 500 ml Formaldehyd 40 %, 200 ml Chloralhydrat, 100 ml Sublimat. Die Angaben gelten für eine Leiche mit einem Körpergewicht von 70 kg. Von dieser Flüssigkeit werden fünf Liter direkt in die Arteria femoralis injiziert, der Rest intramuskulär in die großen Muskelpartien der Beine, Arme, des Rückens und des Gesäßes gespritzt. Das Gesicht, die Finger und Zehen müssen mittels einer feinen Kanüle subkutan injiziert werden. In das Gehirn wird die Konservierungsflüssigkeit mit einer langen starken Kanüle durch die Nase injiziert, wobei das Siebbein durchstoßen wird. Ein nach diesem Rezept konservierter Leichnam sei sehr lange haltbar; man könnte an ihm auch nach vielen Jahren noch alle äußeren Details sehen.[75]
Der durch Alfredo Salafia konservierte Leichnam von Rosalia Lombardo († 1920)Aufbahrung des konservierten Leichnams von Hector-Irénée Kardinal Sévin, Erzbischof von Lyon (1916)
Mit Formalin arbeiteten auch der russische Chirurg Nikolai Pirogow und der italienische Chemiker Alfredo Salafia. Das von Pirogow vorgeschlagene Verfahren wurde 1881 für seine eigene Leiche verwendet, die bis heute gut erhalten und im Pirogow-Landgut in Winnyzja zu sehen ist. Es heißt, dass seine erfolgreiche Konservierungstechnik im Wesentlichen jenes Verfahren vorwegnahm, das nach 1924 bei der Leiche Lenins angewandt wurde. Salafia wiederum war schon zu Lebzeiten ein gefragter Spezialist, der unter anderem 1902 den Körper des italienischen Premierministers Francesco Crispi, 1904 den des Erzbischofs von Palermo Michelangelo Kardinal Celesia und 1920 den der jungen Rosalia Lombardo konservierte. Diese Leichen sind so gut erhalten, dass Zeitzeugen bei Exhumierungen berichteten, dass die Personen so aussahen, als seien sie gerade nur eingenickt gewesen. Der Körper Crispis († 1901) war zunächst von Leichenpräparatoren aus Neapel behandelt worden, doch erwiesen sich ihre Methoden als unzureichend. Ein Jahr später erhielt Salafia den Auftrag, den Körper zu retten, was ihm in mehrmonatiger Arbeit auch gelang. Durch Paraffininjektionen konnte er auch die Gesichtszüge Crispis wiederherstellen. Der von Salafia konservierte Körper Celesias († 1904) galt ebenfalls als Sensation. Er war fünf Jahre lang in der Kapuzinergruft von Palermo zu sehen, ehe er in die dortige Kathedrale überführt wurde.[76] Von Salafias Konservierungstechnik war jedoch nur sicher bekannt, dass er das Blut der Leichen gegen eine andere Flüssigkeit austauschte.[72] Jahrzehntelang wurde vermutet, dass er beim Leichnam der Rosalia Lombardo († 1920) ein Nitrat-Nitrit-Gemisch in die Venen injiziert und Hohlräume im Kopf mit Wachs ausgestopft hatte, um die rundlichen Formen ihres Gesichts zu bewahren. Die genaue Methode wurde erst im März 2009 entdeckt. In einem bei Anna Phillipone, einer Großnichte von Salafias zweiter Ehefrau[77], aufgefundenen Nachlasspapier mit dem Titel „Nuovo metodo speciale per la conservazione del cadavere umano interno allo stato permanentemente fresco“ hatte Salafia geschrieben, dass ein Teil Glycerin, ein Teil Formalin, angereichert mit Zinksulfat und Chloriden, dazu ein dritter Teil Alkohollösung mit Salicylsäure die richtige Mischung sei[78] und er diese in Rosalias Adern injiziert hatte. Um die Körperflüssigkeit auszutauschen, stach er die Kanüle in eine Oberschenkelarterie und platzierte den Behälter mit Konservierungsflüssigkeit über dem Leichnam. Das durch die Schwerkraft verdrängte Blut floss über einen Venenschnitt ab.[72] Der Alkohol in der Konservierungsflüssigkeit entwässerte den Leichnam, Formalin tötete Bakterien ab, Glycerin verhinderte ein zu starkes Austrocknen, Salicylsäure tötete Pilze ab, und die Zinksalze halfen, das Gewebe zu fixieren. Salafia vermarktete später ein Konservierungsmittel mit dem Namen „Salafia Perfection Fluid“, doch war es seine Kunst im Abstimmen von Inhaltsstoffen und Injektionen, die seinen Ruf als Leichenpräparator begründeten.[76]
Aufbahrung der konservierten Leichname von Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie im Konak von Sarajevo (1914)
Weil nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 keine Zeit war, einen Professor aus Wien zu holen, wurde der junge Gerichtsmediziner Dr. Paul Kaunic ins Militärspital von Sarajevo gerufen und gefragt, ob er die Leichen von Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie konservieren könnte: „Er mußte alles vorbereiten, und um 10 Uhr abends wurde er mit seinem jüngeren Kollegen Dr. Pollak und dem Prosekturdiener Hecht in den Konak gebracht, wo anschließend die ganze Nacht hindurch gearbeitet wurde. Zuerst wurde die Todesursache festgestellt, dann mußte das Blut aus den Adern entfernt werden. Mit Kochsalz wurden die Adern ausgewaschen und dann wurde eine Lösung aus Glycerin und Formalin eingeführt, um 7 Uhr morgens war alles fertig.“[79] Die Leichen wurden dann im Konak in offenen Metallsärgen aufgebahrt. Am frühen Abend des 29. Juni wurden die Särge geschlossen, nach Österreich überführt und am 4. Juli schließlich in der Gruft auf Schloss Artstetten beigesetzt.
Kaiser Franz Joseph I. auf dem Totenbett (1916)Aufbahrung des konservierten Leichnams von Kaiser Franz Joseph I. in seinem Sterbezimmer in Schloss SchönbrunnAufbahrung Kaiser Franz Josephs I. im geschlossenen Sarg in der Hofburgkapelle
Im ärztlichen Protokoll über die Konservierung des Leichnams von Kaiser Franz Joseph I., gestorben am 21. November 1916 kurz nach 21 Uhr, heißt es: „Protokoll aufgenommen am 23. November 1916 über die Conservierung der Leiche seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. vom Gefertigten in Gegenwart der zwei mitunterschrieben behandelnden Ärzte. Die beiden großen Halsschlagadern werden freigelegt, in dieselben werden Kanülen eingebunden und sodann mit Formalin in concentriertem Zustand in den Kopf einerseits, in den Rumpf anderseits eingespritzt in der Menge von 5 Liter. Schließlich werden die gesetzten Halswunden vernäht.“[80] Unterschrieben ist das Protokoll vom Gerichtsmediziner und Pathologen Alexander Kolisko, vom Leibarzt des Kaisers Hofrat Joseph Ritter von Kerzl und dem damaligen Vorstand der II. Medizinischen Universitätsklinik Norbert Ortner.[80] Edmund Glaise-Horstenau schreibt darüber in seinen Memoiren: „Als ich am 22. [November 1916] vormittags zu Schönbrunn in das Flügeladjutantenzimmer trat, fragte mich Brougier:[81] ‚Willst Du den Kaiser noch einmal sehen?‘ […] Er führte mich in das Sterbezimmer. […] Die Leiche des Kaisers lag, von einem Leintuch bedeckt, auf einem Tische. Sie war für die Einbalsamierung und die Abnahme der Totenmaske bereitgelegt. […] Bei der Abnahme der Totenmaske blieb die eine Hälfte des berühmten Kaiserbartes in der Gipsmaske stecken. Zur Einbalsamierung hatte man sich eines neuen Mittels bedient, einer Injektion, die das Ausnehmen der Leiche ersparen sollte. Die Dosis war vielleicht zu stark, der Bauch des Leichnams schwoll gewaltig auf. Von einer offenen Aufbahrung konnte natürlich nicht mehr die Rede sein, der Sarg wurde ehestens geschlossen und nach dem Zeremoniell bei Dunkelheit im Hof-Leichenfourgon in die Burgkapelle gebracht.“[82] 1955 schrieb Egon Caesar Conte Corti über die Konservierung der Leiche Franz Josephs in seiner Biographie des Kaisers: „Dann wird der Leichnam nach einem neuen Verfahren mit Paraffin einbalsamiert, in einen kupfernen Sarg gelegt und in die Kapelle der Wiener Hofburg überführt. Drei Tage bleibt er dort auf dem Schaubett öffentlich ausgestellt, von den herrlichsten Blumen und Kränzen mit prunkvollen Schleifen umgeben. Während dieser Zeit veränderte sich das Antlitz des Toten und die seinen Untertanen so vertrauten Züge werden kaum noch erkennbar. Die Ärzte haben bei dieser noch nicht sehr oft geübten neuen Balsamierungsart einen Kunstfehler begangen.“[80] Laut Hans Bankl irrte sich Corti in seiner Beschreibung des Verfahrens: Wie man sich aus dem Protokoll überzeugen kann, wurde der Leichnam nicht mit Paraffin, sondern mit Formalin konserviert. Kaiser Franz Joseph wurde neun Tage nach seinem Tod in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt. Dass sich die Gesichtszüge während der Aufbahrung etwas veränderten, hielt Bankl durchaus noch für normal.[80] Auch war die Leichenkonservierung mittels Formalin-Injektion kein neues Verfahren mehr, sondern zum damaligen Zeitpunkt schon seit über dreißig Jahren als gängige Methode in der Praxis etabliert. Andere Details in den Angaben Cortis decken sich ebenfalls nicht mit den Tatsachen. Wie die nebenstehenden Abbildungen zeigen, wurde Kaiser Franz Joseph in seinem Schlafzimmer in Schloss Schönbrunn aufgebahrt. Er war dabei anfangs im Schlafanzug in seinem Sterbebett liegend zu sehen, später in der Galauniform eines k.u.k Feldmarschalls im offenen Sarg. Den Fotos nach zu schließen, dürfte dies derselbe Sarg sein, der – nunmehr geschlossen – auch bei der Aufbahrung in der Kapelle der Hofburg (damals Pfarrkirche der exemten k.u.k. Hof- und Burgpfarre) zu sehen ist. Ein Paradebett, wie es im Barock üblich war und z. B. auch bei der Aufbahrung des bayerischen Königs Ludwig II. († 1886) und des deutschen Kaisers Wilhelm I. († 1888) zum Einsatz kam, scheint dagegen bei Kaiser Franz Joseph nicht verwendet worden zu sein. Widersprüchliche Angaben gibt es in der Presse dazu, ob im Falle Kaiser Franz Josephs eine Herzbestattung vorgenommen wurde: einerseits wird berichtet, dass das Herz entnommen und in der Herzogsgruft des Wiener Stephansdoms (wenn auch nicht mehr in der Herzgruft der Habsburger) bestattet wurde;[83] andererseits heißt es, dass sich Kaiser Franz Joseph vor seinem Tod strikt gegen eine separate Bestattung von Eingeweiden und Körper ausgesprochen hatte (er soll eine Beisetzung in der Kapuzinergruft „ohne Übertragung einzelner Bestandteile in andere Grüfte“ testamentarisch verfügt haben[84]) und daher mitsamt Organen begraben wurde.[85] In den meisten Fällen, in denen die Konservierung mittels Formaldehyd vorgenommen wurde, wurde zu dieser Zeit jedoch auch im Haus Habsburg auf eine Entnahme von Organen verzichtet.
Mit Paraffin und Formalin arbeitete der österreichische Anatom Ferdinand Hochstetter (1861–1954). Bei der von ihm entwickelten Methode der „Paraffindurchtränkung“ wird das Präparat oder der Leichnam zunächst durch Injizieren von Formalin mit Chlor-Zink-Zusatz durch die Arterien fixiert, und danach durch Behandlung mit Alkohol unter Zugabe eines wasserentziehenden Stoffes (geglühtes Kupfersulfat) völlig entwässert. Dieser Teil des Verfahrens wird mit Alkohol in steigender Konzentration durchgeführt und kann mehrere Monate dauern. Anschließend wird der Alkohol im Leichnam durch eine alkohollösliche Flüssigkeit, die zugleich auch paraffinlöslich und wasserfrei sein muss, verdrängt und durch Vorharze wie Terpentin, Xylol, Benzol oder Chloroform ersetzt. Anstelle einer flüssig bleibenden Infusion wird dann in der Hitze verflüssigtes Paraffin eingeführt und das Gewebe des Leichnams so durchtränkt, dass nach Abkühlung und Erstarrung des Paraffins ein unbegrenzt haltbarer Körper entsteht. Diese Methode gestattet es sogar, das Gewebe nach beliebiger Zeit noch histologisch zu untersuchen. Zudem ist ein derartig behandelter Leichnam gegen Verwitterungseinflüsse geschützt.[13] Hochstetters Methode wurde u. a. dazu verwendet, den 1998 vollständig erhalten aufgefundenen Leichnam des Ordensgründers Anton Maria Schwartz († 1929) auch für die Zukunft dauerhaft zu konservieren, so dass er nach seiner Seligsprechung in einem Glassarg beigesetzt werden konnte.[86]
Isaak Brodski, Begräbnis Lenins (1925, Detail)
Der Leichnam des 1924 verstorbenen russischen Politikers Lenin wurde ebenfalls mit Hilfe von Formalin und Paraffin konserviert. Nach seinem Tod wurde der Körper obduziert und das Gehirn sowie die inneren Organe entfernt.[87] Anschließend wurden die Weichteile gleichmäßig mit konservierenden Stoffen durchtränkt, indem man ein durchdachtes System von untereinander verbundenen Schnitten in der Leiche erstellte. Die Oberfläche von Lenins Körper wurde mit einer speziellen Lösung geheimgehaltener Zusammensetzung behandelt, wodurch die Haut wieder eine mehr oder weniger natürliche Farbe bekam und wieder elastisch wurde. Dabei sei Formaldehyd eingesetzt worden, um den Gewebezerfall zu stoppen und dem Körper seine rosige Farbe zurückzugeben, und Glycerin, um die Elastizität des Körpers wiederherzustellen.[87] Der auf diese Weise konservierte Leichnam wurde danach im Lenin-Mausoleum unter Glas sichtbar aufgebahrt und für Besucher zugänglich gemacht. Als der Sarg Lenins 1942 aufgrund des Zweiten Weltkrieges ausgelagert wurde, zeigte sich, dass die 1924 verwendeten Konservierungsmethoden nicht dauerhaft waren. In der Folge wurde die Anwendung der offensichtlich nur übergangsweise wirksamen Chemikalien in regelmäßigen Abständen wiederholt, um eine langfristige Erhaltung der Leiche Lenins zu gewährleisten. Dazu gehören regelmäßige Bäder in einer Formaldehydlösung, die alle 18 Monate wiederholt werden.[87] Die Verantwortung für die Erhaltung von Lenins Leiche wurde kurz nach seinem Tod dem eigens dafür gegründeten „Allrussischen Forschungsinstitut für Heil- und Aromapflanzen“ übertragen.[88] Heute wird Lenins Körper im Mausoleum zweimal pro Woche von einer Gruppe aus zwölf Wissenschaftlern des Instituts kontrolliert. Ende 2003 wurde der Körper abermals in eine Wanne mit einer speziellen Lösung 'aus Glyzerin und Kaliumacetat'[88] gelegt, zudem wurden dabei kosmetische Retuschierungen vorgenommen. Bekleidet war Lenin zunächst mit einer Uniform. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde diese durch Zivilkleidung ersetzt. Jetzt wird Lenin alle drei Jahre mit einem neuen Anzug und Krawatte eingekleidet. Im Laufe der Jahre wurden zerfallene Körperteile immer wieder durch Nachbildungen aus Wachs ersetzt, so dass der Leichnam Lenins heute angeblich zu 60 % aus Wachs bestehen soll.[87]
Der konservierte Leichnam Evita Peróns († 1952) mit dem Pathologen Pedro Ara
Nach dem Vorbild Lenins wurden später auch die Leichen anderer kommunistischer Politiker konserviert und in Mausoleen ausgestellt,[89] wie Georgi Dimitrow († 1949) in Bulgarien, Chorloogiin Tschoibalsan († 1952) in der Mongolei, Stalin († 1953) in der Sowjetunion, Klement Gottwald († 1953) in der Tschechoslowakei, Hồ Chí Minh († 1969) in Vietnam, Mao Zedong († 1976) in der Volksrepublik China, Kim Il-sung († 1994) und Kim Jong-il († 2011) in Nordkorea. Stalins Leichnam wurde im Zuge der Entstalinisierung am Abend des 31. Oktober 1961 aus dem Lenin-Mausoleum entfernt und in der Nekropole an der Kremlmauer in einem Erdgrab beigesetzt, die Leiche Gottwalds 1962 sogar eingeäschert.[90] Dimitrow wurde 1990 auf dem zentralen Friedhof von Sofia beigesetzt, sein Mausoleum 1999 gesprengt. Auch der Leichnam von Evita Perón († 1952) in Argentinien wurde durch regelmäßige Bäder und Nachbehandlungen jahrzehntelang in Form gehalten.[1] Ihr Körper wurde zunächst in Acetat und Nitrat getaucht, anschließend langsam mit Wachs ausgespritzt. Dieser Prozess führte nicht nur zur Erhaltung der inneren Organe, sondern auch dazu, dass ihre Haut durchsichtig wurde.[91] Evita Peróns Leichnam war von 1953 bis 1955 öffentlich in Buenos Aires ausgestellt, 1956 wurde er heimlich nach Mailand ausgeflogen, im September 1971 brachte man ihn nach Madrid. 1974 wurde er nach Argentinien zurückgebracht und im Oktober 1976 auf dem Friedhof Recoleta beigesetzt. Für Evitas Konservierung verantwortlich war der spanische Pathologe Pedro Ara (1891–1973).[92]
Loretokapelle im Kloster Muri: Stele mit Herzurnen von Kaiser Karl I. († 1922) und Zita († 1989) von Österreich
Als 1972 der Sarkophag des letzten österreichisch-ungarischen Monarchen Karl I. († 1922) geöffnet wurde, um einen Einblick in den Zustand der sterblichen Überreste zu bekommen, erwies sich der Leichnam als bemerkenswert gut erhalten. Obwohl die Leiche des im Exil auf Madeira verstorbenen früheren Kaisers vor der Bestattung am 4. April 1922 nur hastig einbalsamiert worden war (der Tod war am 1. April 1922 mittags eingetreten, die Einbalsamierung erfolgte am Abend desselben Tages, anschließend die Exposition des Toten[93] in einer Felduniform mit dem Goldenen Vlies[94]) und durch ein zerbrochenes Sargfenster feuchte Luft eintreten konnte, war der Körper in einem guten Zustand. Nach Abschluss der Untersuchungen wurde Karl I. in eine neue Uniform gekleidet und in einen neuen Sarg umgebettet.[95] Das Herz hatte Kaiserin Zita vor der Beisetzung auf Madeira für eine getrennte Bestattung entnehmen lassen und fast fünfzig Jahre lang an ihre wechselnden Wohnorte mitgenommen.[96] Seit 1971 wird es in einer Stele hinter dem Altar der Loretokapelle im Kloster Muri (Schweiz) aufbewahrt.[97][98]
Leichnam von Papst Johannes XXIII. († 1963) mit dünnen Wachsmasken über Gesicht und HändenLeichnam von Bernadette Soubirous († 1879) mit dünnen Wachsmasken über Gesicht und Händen
Nach dem Tod von Papst Johannes XXIII. (1963) wurde sein Leichnam durch ein Team von Ernesto Signoracci aus der berühmten römischen Leichenpräparator-Familie konserviert, die 1978 auch für die Leichen von Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul I. verantwortlich war.[99] 1963 gehörte dem Team auch Gennaro Goglia an, ein junger Anatomie-Experte der Katholischen Universität in Rom. Anlässlich der Umbettung des Papstes aus den Vatikanischen Grotten in den Petersdom schilderte Goglia 2001 die Bestattungsvorbereitungen. Gemeinsam mit den anderen Fachleuten gelangte er damals in einem privaten Aufzug in die päpstlichen Gemächer. Dort musste die Gruppe eine Stunde warten, bis der Bildhauer Giacomo Manzù die bronzene Totenmaske fertig gestellt hatte.[1] Mit Hilfe einer Pumpe[99] presste Goglia anschließend durch eine Kanüle im Handgelenk des Toten rund fünf Liter eines Gemisches aus Ethanol, Formalin, Natriumsulfat und Kaliumnitrat in den Leichnam. Weil Johannes XXIII. an Magenkrebs gestorben war, mussten weitere fünf Liter direkt in den Magen injiziert werden, um dort den Fäulnisprozess zu stoppen. Die Prozedur dauerte etwa sechs Stunden. Dem Papst wurde kein Blut entnommen, da man befürchtete, es könne in falsche Hände geraten und als Reliquie verkauft werden. Nach der Konservierung wurde der Leichnam in einen luftdicht verschlossenen Dreifachsarg aus Zypressenholz, Blei und Eiche eingeschlossen und in den Vatikanischen Grotten unter dem Petersdom beigesetzt. Seit seiner Umbettung in das Innere des Petersdoms ruht Johannes XXIII. in einem Glassarg, der kugelsicher und mit einem giftigen Stickstoffgemisch belüftet ist, das Bakterien und Schimmel abtötet. Gesicht und Hände des Papstes sind (wie z. B. auch bei Bernadette Soubirous und König Ludwig II.) mit dünnen Wachsmasken überdeckt. Ein Kühlsystem sorgt zusätzlich dafür, dass auch Temperaturen über 36 Grad Celsius keinen Schaden anrichten können.[1] 2005 erklärte der Leichenpräparator Massimo Signoracci, dass das von seiner Familie angewendete Konservierungsverfahren heute im Wesentlichen dasselbe sei wie vor Jahrzehnten, nur dass die Pumpen heute stärker seien: „Man öffnet die Arterien am Hals und in der Schenkelbeuge, zieht das Blut hinaus und injiziert gleichzeitig über die Venen eine präparierende Flüssigkeit, eine 15-prozentige Formalinlösung.“ Bei guter Behandlung könne ein Körper zwanzig, dreißig Jahre lang überdauern. Bei Papst Paul VI. allerdings habe sich das Formalin nicht genügend im Körper verteilt: „Ein Bein begann, sich zu zersetzen. Mein Vater hat getan, was er konnte, aber ohne großen Erfolg.“[99]
Grab Papst Pius’ XII. († 1958) in den Vatikanischen Grotten
Im Fall von Papst Pius XII. († 1958) misslang die Konservierung der Leiche aufgrund eines ungeeigneten Verfahrens in dramatischer Weise. Um die Leichname toter Päpste für mehrere Tage ausstellen zu können und für die Nachwelt zu erhalten, war seit Papst Pius X. († 1914) routinemäßig Formalin verwendet worden. Bei Pius XII. aber folgte sein Leibarzt Riccardo Galeazzi-Lisi nicht der bewährten Methode, sondern wandte ein von ihm und Oreste Nuzzi aus Neapel entwickeltes Verfahren an, für das der Körper nicht geöffnet wurde. Die Konservierung sollte mit Hilfe von Kräutern und ätherischen Ölen erreicht werden, die über mehrere Stunden einwirken mussten. Damit die Wirkstoffe besser einzogen, wurde der Leichnam in Castel Gandolfo zeitweise in Klarsichtfolie gehüllt aufgebahrt, was der Zeremonie ein unwürdiges Aussehen verlieh. Galeazzi-Lisis und Nuzzis Konservierungsmethode erwies sich bald als kompletter Fehlschlag. Die päpstliche Leiche begann sich zu zersetzen, und es entstand ein starker Verwesungsgeruch. Bei der öffentlichen Aufbahrung Pius’ XII. fielen zahlreiche Gardisten der Ehrenwache in Ohnmacht und mussten in immer kürzeren Abständen ausgetauscht werden. Während der Überführung von Castel Gandolfo nach Rom im päpstlichen Leichenwagen trat Verwesungsgas aus dem Körper aus. Im Petersdom wurde Pius XII. auf einem hohen Podest aufgebahrt, damit die Trauernden die Verfärbungen von Gesicht und Händen nicht aus der Nähe sehen konnten. Am Ende soll sogar die Nase abgefallen sein. Galeazzi-Lisi musste sich in einer Pressekonferenz für seine Konservierungsmethode rechtfertigen. Als später außerdem bekannt wurde, dass er der Presse Details aus der Krankengeschichte Pius’ XII. sowie heimlich aufgenommene Fotos des sterbenden Papstes zum Kauf angeboten hatte, wurde er aus dem Vatikan ausgewiesen, und die italienische Ärztekammer entzog ihm die Zulassung.[71]
Heutige Verfahren
Die heute zur Leichenkonservierung verwendeten Lösungen ähneln in ihrer Zusammensetzung stark jenen chemischen Substanzen, wie sie schon um 1900 verwendet wurden, z. B. von Alfredo Salafia. Lediglich Zink wird nicht mehr benutzt, weil es schwierig zu handhaben ist, und Formaldehyd in geringerer Konzentration eingesetzt. Als 35- bis 37-prozentige Lösung, wie für Leichen im 19. Jahrhundert, wird es heute fast nur mehr zur Haltbarmachung von Gewebeproben für anatomische Studien verwendet. Die heute im Bestattungswesen üblichen Formaldehyd-Lösungen enthalten zwischen 5 und 35 Prozent des krebserregenden Stoffes. Die Dosierung kann schwanken, je nachdem, wie lange der Leichnam aufbewahrt werden soll.[72] In den meisten Fällen kommt heute Formalin in 4- bis 8-prozentiger Lösung zum Einsatz.
Um einen Leichnam übergangsweise zu konservieren, etwa zum Zwecke einer längeren Aufbahrung oder einer Überführung ins Ausland, wenden Thanatopraktiker heute eine „präventive Behandlung“ an, die in den USA und Großbritannien als „Modern Embalming“ bekannt ist.[1] Besonders in Großbritannien gibt es durch die Kolonialzeit, in der Verstorbene immer wieder auf langen Reisen in die Heimat überführt werden mussten, besonders fortgeschrittene Leichenpräparatoren. In den USA ist die übergangsweise Leichenkonservierung durch „Modern Embalming“ noch weiter verbreitet. Sie wird heute bei der Mehrzahl aller Todesfälle durchgeführt.[100] Beim „Modern Embalming“ wird eine formaldehydhaltige desinfizierende Lösung mittels einer Kanüle und eines Schlauches ins Arteriensystem gepumpt, zum Beispiel über die Halsschlagader.[1] Es handelt sich dabei praktisch um eine kurzzeitige Konservierung im Dialyseverfahren. Über das arterielle System des Toten wird eine Mischung aus Alkohol, Formalin und Lanolin auf Wasserbasis zugeführt. Über die Venen wird im Austausch dafür das Blut herausgeleitet.[101] Für den Austausch der Körperflüssigkeit eignen sich am besten große Blutgefäße wie die Oberschenkelarterie. Da bei Autopsien oft wichtige Blutgefäße durchtrennt werden, muss die Konservierungsflüssigkeit in solchen Fällen an mehreren Stellen eingeleitet werden, entweder an den Armen oder auch an der Halsarterie.[72] Das Gefäßsystem des toten Körpers wird mit Druck und einem Volumen von etwa elf Litern formalinhaltiger Flüssigkeit ausgespritzt,[80] wofür elektrische Pumpen verwendet werden. Ein Toter kann in etwa zwei bis zweieinhalb Stunden komplett für die Aufbahrung konserviert werden.[72] Durch die Zellwände verbreitet sich die Flüssigkeit im ganzen Körper. Je nach Stärke der Lösung kann der Verwesungsprozess so vier bis sechs Wochen aufgehalten werden.[1]
Mehrtägige Aufbahrung von Papst Johannes Paul II. († 2005)
Mit dieser Methode wurde zum Beispiel 1999 die Leiche der in Münster verstorbenen Raissa Gorbatschowa für die Überführung nach Russland vorbereitet, und 2005 soll Giovanni Arcudi, Chef der Gerichtsmedizin an der römischen Tor-Vergata-Universität, auf diese Weise die Leiche von Papst Johannes Paul II. für die mehrtägige öffentliche Aufbahrung im Vatikan vorbereitet haben.[1] Die Verwesung lässt sich mittels „Modern Embalming“ zwar längere Zeit aufschieben, aber durch diese Methode allein nicht gänzlich verhindern.[80] Durch eine höhere Konzentration der Chemikalien und die regelmäßige Wiederholung des Prozesses (wie z. B. bei der Leiche Lenins, siehe oben) kann jedoch eine längere Erhaltung erzielt werden.
Die vorherige Entfernung der inneren Organe und die luftdichte Lagerung des chemisch konservierten Körpers in kühler, trockener Umgebung begünstigen die Erhaltung zusätzlich. Vor der Bestattung von Zita von Bourbon-Parma 1989 wurden die Modalitäten der Konservierung zunächst zwischen ihrem Sohn Rudolph Habsburg-Lothringen und dem Pathologen Walter Widder besprochen, worauf Widder die Leichenöffnung zusammen mit einem Obduktionsgehilfen im Kantonsspital Graubünden vornahm: „Wir legten an der Beinarterie eine Kanüle, über die wir Formalin in den Körper einleiteten.“[102] Im Körper ersetzte das Formalin innerhalb einer Stunde das Blut. Ein Effekt dieser Vorgangsweise war, dass der Fäulnisprozess fast zur Gänze gestoppt und die eingefallenen Gesichtsweichteile der Toten wieder fülliger wurden. Auch das Herz wurde dem Körper entnommen und konserviert. Es wurde später von einem Mitarbeiter Rudolph Habsburg-Lothringens abgeholt und für eine getrennte Bestattung in einen silbernen Behälter gelegt, der extra dafür angefertigt worden war.[102] Der konservierte Leichnam wurde dann in einen Sarg aus Zedernholz mit metallener Innenauskleidung gelegt und fast einen halben Monat lang im Kloster Muri aufgebahrt, anschließend nach Österreich überführt und in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt. Der Sarg wurde mehrere Monate später, am 8. Mai 1991,[103] in einen Kupfersarkophag gebettet, der luftdicht verschlossen und verlötet wurde.
Während der Leichnam Zitas seit der Beisetzung in einem Metallsarkophag ruht und über den Erhaltungszustand nichts bekannt ist, wurde der chemisch konservierte Leichnam des ebenfalls 1989 verstorbenen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos bis 2016 von seiner Frau Imelda sichtbar in einem gekühlten Glassarg aufgebahrt. Seit der Rückkehr von Imelda Marcos auf die Philippinen 1993 war der Glassarg auf dem Marcos-Familiengrundstück in Batac in einem Mausoleum für die Öffentlichkeit zugänglich. Nachdem die philippinische Regierung die Beisetzung Marcos’ auf dem „National Heroes Cemetery“ in Manila jahrelang verweigert hatte, wurde der Leichnam am 18. November 2016 schließlich doch dort begraben.
Hingegen zeigte der Fall des 2013 verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez die Grenzen selbst moderner Konservierungsverfahren auf. Nach seinem Tod fand eine neuntägige Aufbahrung in der Militärakademie Fuerte Tiuna in Caracas statt, für die sein Leichnam mittels „Modern Embalming“ vorbereitet wurde und durch eine Glasscheibe im Sarg sichtbar blieb. Chávez wurde danach in ein Militärmuseum in Caracas überführt, wo er permanent sichtbar ausgestellt werden sollte. Die dafür nötige dauerhafte Konservierung sollte nach dem Vorbild Lenins das „Allrussische Forschungsinstitut für Heil- und Aromapflanzen“ in Moskau durchführen, wozu die Leiche Chávez’ für sieben bis acht Monate nach Russland gebracht werden sollte. Nach einer Untersuchung der Leiche durch russische und deutsche Experten gab die venezolanische Regierung den Plan jedoch auf, da die Leiche Chávez’ nach Einschätzung der Experten für eine dauerhafte Konservierung schon zu alt war und sich das Verfahren durch den bereits allmählich beginnenden Verwesungsprozess entsprechend schwierig gestaltet hätte. Die Entscheidung für eine derartige dauerhafte Konservierung der Leiche Chávez’ hätte viel früher getroffen werden müssen, um eine Aussicht auf Erfolg zu haben.[88][104]
Außer im Bestattungswesen findet Formaldehyd zur Konservierung auch in der Biologie und Medizin, speziell der Pathologie, Verwendung. Die zur Haltbarmachung histologischer oder anatomischer Präparate verwendeten Fixierungsmittel sind dabei abhängig von der weiteren Verwendung des Präparats.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde mit der Plastination ein weiteres Konservierungsverfahren entwickelt, bei dem die Zellflüssigkeit im Vakuum durch Kunststoff ersetzt wird. Auch über dieses Verfahren ist mittlerweile die langfristige Konservierung von ganzen Leichnamen möglich. Ob die Kryokonservierung von menschlichen Körpern – welche besonders in den USA große Beachtung in den Medien genießt (siehe Kryonik), aufgrund der hohen Kosten aber äußerst selten angewandt wird – im engeren Sinne als Methode der Leichenkonservierung zu zählen ist, ist umstritten.
Siehe auch
Fossilisation
Literatur
Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers (= Mittelalter-Forschungen. Band.48). Thorbecke, Ostfildern 2014, ISBN 978-3-7995-4367-5, besonders S. 165–233 sowie 285–310 und 592–606 (PDF, online).
Einzelnachweise
↑ abcdefghijklBarbara Hartl: Schön für die Ewigkeit. (Memento vom 13. März 2013 im Internet Archive) P.M. Magazin; abgerufen am 4. November 2012
↑ abVgl. Peter T. Schmidt: Alfred Riepertinger: Er balsamierte Moshammer und Franz Josef Strauß ein, www.merkur.de, 1. Juli 2015; abgerufen am 31. August 2021 (online)
↑ abcdefghijkChristopher R. Seddon: Seziert und zugenäht. Überlegungen zur Leichenkonservierung als Teil höfischen Zeremoniells der Habsburger. [Sonderdruck], Linz 2005, S. 12–18.
↑ abAlexander Glück, Marcello LaSperanza, Peter Ryborz: Unter Wien: Auf den Spuren des Dritten Mannes durch Kanäle, Grüfte und Kasematten. Christoph Links Verlag 2001, S. 44 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
↑Wilhelm Reiß, Alphons Stübel: Das Totenfeld von Ancon in Peru. Ein Beitrag zur Kenntnis der Kultur und Industrie des Inca-Reiches. 15 Bände. Asher, Berlin 1880–1887.
↑ abcdefghijklmnopqrstuvwxyzaaabacadaeafagahMagdalena Hawlik-van de Water: Der schöne Tod. Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740, Freiburg/Wien 1989, S. 203–211 (über „Die Methoden des Einbalsamierens vom Altertum bis zur Neuzeit“).
↑Johann Franzl: Rudolf I. Der erste Habsburger auf dem deutschen Thron. Verlag Styria, 1986, S. 60, 201-204; siehe auch manfred-hiebl.de
↑Nach dem Erdbeben von 1356 wurde die Grabstätte auf die linke Chorseite des Basler Münsters verlegt. 1510 wurde die Grabstätte durch die Basler Chorherren geöffnet, wobei die Königskrone, ein Ring und eine Halskette entnommen wurden. Eine weitere Öffnung der Grabstätte folgte 1770 im Zuge der Feierlichen Übersetzung der kaiserlich-königlichen-auch-herzoglich-österreichischen höchsten Leichen in das Kloster St. Blasien im Schwarzwald.
↑ abChristine Pernlochner-Kügler: Herzbestattung: Hintergründe einer bizarren Habsburger-Tradition.aspetos.at (Memento vom 13. August 2012 im Internet Archive) abgerufen am 14. November 2012
↑Siehe hierzu auch Anja Gröber, Der gekochte Kaiser (30. Januar 2009, online)
↑Knut Görich, Die Staufer: Herrscher und Reich, 2. durchges. und aktual. Ausg., C.H.Beck, München 2006 (= C.-H.-Beck-Wissen, 2393; ISBN 3-406-53593-3), S. 67
↑Magdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. 2. Auflage. Wien 1993, S. 72.
↑Zu einem frühen Beispiel siehe Romedio Schmitz-Esser und Elena Taddei: Der Todesfall des Herzogs Severin von Sachsen in Tirol – Ein Obduktionsbericht des habsburgischen Hofarztes Georg Tannstätter von 1533. In: Virus. 5, 2005, S. 9–21.
↑ ab´Alexander Glück, Marcello LaSperanza, Peter Ryborz: Unter Wien: Auf den Spuren des Dritten Mannes durch Kanäle, Grüfte und Kasematten. Christoph Links Verlag 2001, S. 43–44 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
↑Vgl. Wolfgang Wegner: Pietro d’Argellata. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin, New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1162. Vgl. Barbara I. Tshisuaka: Argellata, Pietro d’. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin, New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 97.
↑Die immer wieder zu lesende Aussage, dass der Leichnam Rudolfs IV. angeblich in Rotwein gekocht wurde, dürfte auf eine Verwechslung des Konservierungverfahrens mittels Rotwein mit dem Verfahren des mos teutonicus zurückzuführen sein, dessen Anwendung jedoch bereits 1299 durch Papst Bonifatius VIII. verboten worden war.
↑Annemarie Fenzl: 5. Katechese 2004/05: Wege zum Gebet – Gnadenbilder und Stifter (siehe im Volltext online) schreibt hierzu: „Herzog Rudolf IV., der Stifter starb nur kurz danach, am 27. Juli 1365 in Mailand und wurde, eingehüllt in ein kostbares Leichentuch und eine schwarze Kuhhaut, über die Alpen gebracht, nach Wien, in seinen Dom zu St. Stephan, wo er seine ewige Ruhestätte fand.“
↑Markus Ritter: Kunst mit Botschaft: Der Gold-Seide-Stoff für den Ilchan Abu Sa’id von Iran (Grabgewand Rudolfs IV. in Wien) – Rekonstruktion, Typus, Repräsentationsmedium. In: Beiträge zur islamischen Kunst und Archäologie, Bd. 2, Hrsg. von M. Ritter und L. Korn, Wiesbaden: Reichert, 2010, S. 105–135, hat herausgearbeitet, dass es sich beim kostbaren Leichentuch Herzog Rudolfs IV. um einen kostbaren Gold-Seide-Stoff mit arabischen Inschriften handelte, der ursprünglich im Iran 1319–1335 für den dort herrschenden muslimischen Ilchan-Sultan hergestellt worden war und der heute im Dom- und Diözesanmuseum (Wien) ausgestellt ist.
↑Quelle: Salzburg heute, Beitrag am 21. Februar 2009.
↑Grabmayer Johannes: Krankheit, Sterben und Tod im frühen 16. Jahrhundert. In: Albrecht Classen (Hrsg.): Religion und Gesundheit. Der heilkundliche Diskurs im 16. Jahrhundert. Berlin/New York 2011, S. 49–78, hier 69–70 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
↑ abcMagdalena Hawlik-van de Water: Die Methoden des Einbalsamierens vom Altertum bis zur Neuzeit. In: Die Kapuzinergruft – Zeitschrift der Gesellschaft zur Rettung der Kapuzinergruft, 1/1988, S. 2.
↑Julius Pagel: Sebisch, Melchior I. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 33, Duncker & Humblot, Leipzig 1891, S. 508 f.
↑Das einbalsamierte Herz von König Ludwig XIV. wurde nach seinem Tod in die Jesuitenkirche in der Rue St. Antoine in Paris gebracht, um neben dem Herzen seines Vaters zu ruhen. In der Restaurationszeit wurde es, wie alle Herzbestattungen der Angehörigen des Königshauses, in die Abtei von Saint-Denis verbracht, wo es sich bis heute in der wiederhergestellten Grablege der französischen Könige in der Krypta befindet.
↑Barbara I. Tshisuaka: Kerckring, Theodorus. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 732.
↑Elisabeth Hösl, Die Kapuzinergruft in Wien: Sarkophage aus Zinnlegierungen, Diplomarbeit aus der Studienrichtung Konservierung – Restaurierung, Wien (Universität für Angewandte Kunst) 2005, S. 58.
↑ abElisabeth Hösl, Die Kapuzinergruft in Wien: Sarkophage aus Zinnlegierungen, Diplomarbeit aus der Studienrichtung Konservierung – Restaurierung, Wien (Universität für Angewandte Kunst) 2005, S. 57.
↑Die Herzgruft der Habsburger. (Memento vom 5. Februar 2012 im Internet Archive) augustinerkirche.at; abgerufen am 5. November 2012
↑Beschreibung (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) des Trauerzeremoniells für Erzherzog Leopold Johann († 1716), das nach dem Trauerzeremoniell für Erzherzog Ferdinand Wenzel († 1668) ausgearbeitet war.
↑Aus dem Hofprotokoll zitiert nach Magdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. 2. Auflage. Wien 1993, S. 149.
↑ abMagdalena Hawlik-van de Water: Der schöne Tod. Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740. Herder, Wien 1989, ISBN 978-3-210-24945-2, S. 99–105.
↑Gerhild H. M. Komander: Sophie Charlotte – Porträt einer preußischen Königin. Vortrag am 18. Februar 2005 in der Urania Berlin; diegeschichteberlins.de
↑Walter Koschatzky (Hrsg.): Maria Theresia und ihre Zeit. Zur 200. Wiederkehr des Todestages. Katalog zur Ausstellung 13. Mai bis 26. Oktober 1980 Wien, Schloss Schönbrunn, Salzburg-Wien 1980, S. 188–189.
↑Ernst Gurlt: Leber, Ferdinand Joseph Edler von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 18, Duncker & Humblot, Leipzig 1883, S. 93 f.
↑Aus dem Hofprotokoll zitiert nach Magdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. 2. Auflage. Wien 1993, S. 56.
↑Walter Koschatzky (H.g.), Maria Theresia und ihre Zeit. Zur 200. Wiederkehr des Todestages, Katalog zur Ausstellung 13. Mai bis 26. Oktober 1980 Wien, Schloss Schönbrunn, Salzburg-Wien 1980, S. 202.
↑Stefan von Bergen: „Neun Plätze sind noch frei.“ Die Familiengruft des Hauses Habsburg im Kloster Muri. In: Die Presse, Spectrum – Zeichen der Zeit, 26. Mai 2001, S. 3.
↑ abwww.profil.at (Memento vom 25. November 2012 im Internet Archive)
↑P. Waldemar Posch: Die Michaelergruft in Wien, Wien 1981.
↑Friedrich Leeb: Die Altöttinger Gnadenkapelle als letzte Ruhestätte, in: Ostbairische Grenzmarken 4 (1960), S. 20–25.
↑Magdalena Hawlik-van de Water: Der schöne Tod. Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740. Freiburg/Wien 1989, S. 68.
↑P. Eberhard Kusin: Die Kaisergruft bei den PP. Kapuzinern in Wien. Wien 1949, S. 71.
↑Tom Hickman: Death – A User’s Guide. London 2002, S. 98. Einen ähnlichen Zwischenfall gab es noch 1927 bei den Trauerfeierlichkeiten für Adolphus Cambridge, 1. Marquess of Cambridge, als während des Konduktes Verwesungsgas mit einem Knall aus dem Körper austrat (siehe ebd.).
↑P. Eberhard Kusin: Die Kaisergruft bei den PP. Kapuzinern in Wien. Wien 1949, S. 58.
↑Der Holzsarg des Maximilian Franz von Österreich verblieb bis ins 20. Jahrhundert in jener Nische der „Maria Theresien-Gruft“, wo er 1801 eingemauert worden war. Erst 1960 wurde der Holzsarg in einen Metallsarkophag gebettet und im Zuge der Erweiterung der Wiener Kapuzinergruft in der neu errichten „Neuen Gruft“ aufgestellt. Siehe dazu auch Magdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. 2. Auflage. Wien 1993, S. 254.
↑Angaben von Adolf Rudolph, Hechingen. In: Die Heimkehr des Königs – Die Überführung Friedrichs des Großen (1991, ARD-Dokumentation von Guido Knopp), youtube.com Interview bei 0:12:10 min
↑Heinrich Lange: 204. Todestag: Friedrich Wilhelm II. Abenteuerliche Geschichte eines königlichen Sarkophags. Teil I. In: Das Ostpreußenblatt. Landsmannschaft Ostpreußen e. V., 10. November 2001; webarchiv-server.de (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive)
↑Tom Hickman: Death – A User’s Guide. London 2002, S. 100–101.
↑ abMagdalena Hawlik-van de Water: Die Kapuzinergruft. Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. 2. Auflage. Wien 1993, S. 269.
↑P. Eberhard Kusin: Die Kaisergruft bei den PP. Kapuzinern in Wien. Wien 1949, S. 60.
↑Josef Ziegler, Leonhard Stramitz: Bericht der Restauratoren. In: Die Kapuzinergruft – Zeitschrift der Gesellschaft zur Rettung der Kapuzinergruft, 1/1988, S. 3.
↑Arthur C. Aufderheide: The Scientific Study of Mummies (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche). Christine Quigley: Modern Mummies: The Preservation of the Human Body in the Twentieth Century (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
↑Im Anschluss an die Einsegnungsfeierlichkeiten in der Michaelskirche wurde der Mahagonisarg in die Fürstengruft getragen. In der Gruft stand im abgegrenzten Altarraum ein bereits geöffneter bräunlicher, vergoldeter Zinksarg zur Aufnahme des Mahagonisarges mit dem Leichnam bereit. Nach Verrichtung der letzten Gebete in der Mitte des Altarraumes der Gruft wurde dann der Mahagonisarg in den Zinksarg eingelegt und dieser gemäß einem Protokoll vom 19. Juni 1886 am Kopf- und Fußende von Staatsminister Friedrich Krafft von Crailsheim doppelt versiegelt und mit zwei Schlössern verschlossen; später wurde dann der Zinksarg luftdicht verlötet. Am 22. Oktober 1886, nach Vollendung der notwendigen baulichen Vorarbeiten in der Königsgruft, erfolgte dann die Umbettung in den von J. Rößler geschaffenen Prunksarkophag aus Zinn. Der Prunksarkophag hat ein Gesamtgewicht von ca. 20 Zentner, eine Länge von 2,75 m, eine Breite von 1,18 m und eine Höhe (ohne Königskrone, 50 cm) von 1,25 m. – Werner Schubert: Der Sarkophag König Ludwigs II. von Bayern, koenig-ludwig.org abgerufen am 31. Oktober 2012
↑Werner Schubert: Der Sarkophag König Ludwigs II. von Bayern. koenig-ludwig.org abgerufen am 31. Oktober 2012
↑Angaben nach Werner Schubert: Der Sarkophag König Ludwigs II. von Bayern. koenig-ludwig.org abgerufen am 31. Oktober 2012. Schubert schreibt, dass die angegebene Rezeptur von der Charité Berlin stammt, aber auch den damaligen Instituten in Bayern bekannt war und davon auszugehen ist, dass der Leichnam König Ludwigs II. ebenfalls nach diesem Verfahren (eventuell mit einigen Abweichungen) konserviert wurde. Im Pathologischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main werden noch heute häufig Leichenkonservierungen nach diesem Rezept vorgenommen.
↑Dario Piombino-Mascali, Arthur C. Aufderheide, Melissa Johnson-Williams, Albert R. Zink: The Salafia method rediscovered. In: Virchows Archiv. Band454. Jahrgang, Nr.3, März 2009, S.355–7, doi:10.1007/s00428-009-0738-6, PMID 19205728 (englisch).
↑Angaben von Heda Samanek, Sarajevo. In: Das Attentat von Sarajewo (ORF-Dokumentation), youtube.com Interview bei 03:55 min
↑ abcdefWenn Tote länger leben sollen. (Memento vom 15. August 2011 im Internet Archive) springermedizin.at, 28. März 2007; abgerufen am 7. September 2012
↑Oberst Rudolf Brougier (* 13. April 1877 in Graz, † 13. Dezember 1944 in Wien), der Flügeladjutant Kaiser Karls I.
↑Edmund Glaise-Horstenau. In Peter Broucek (Hrsg.): Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Band 1: K. u. k. Generalstabsoffizier und Historiker. Wien, Böhlau 1980, S. 383–384 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
↑Karl Vocelka, Michaela Vocelka: Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn 1830–1916. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-68286-5, S. 365.
↑Hans Werner Scheidl: Des Kaisers Leibarzt Dr. Kerzl war machtlos. In: Die Presse, 19. November 2016 diepresse.com
↑Tom Hickman: Death – A User’s Guide. London 2002, S. 105.
↑Santa Evita. In: Der Spiegel. Nr.35, 1995 (online).
↑Elisabeth Kovács: Untergang oder Rettung der Donaumonarchie? Band 1: Die österreichische Frage. Kaiser und König Karl I. (IV.) und die Neuordnung Mitteleuropas. Böhlau, Wien 2004, ISBN 3-205-77238-5, Kapitel XXV; elisabethkovacs.com
↑Keine Feiern vor Grabeskirche Karls I. in Funchal. kath.net, 17. August 2016; abgerufen am 10. Juli 2017
Der Birthday effect (deutschGeburtstagseffekt)[1] ist ein statistisches Phänomen, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person stirbt, an oder nahe ihrem Geburtstag zuzunehmen scheint.
Der Effekt wurde in Studien an der Allgemeinbevölkerung in England und Wales,[2] der Schweiz,[3][4] Ukraine,[5] und den Vereinigten Staaten,[6][7] sowie an kleineren Populationen wie zum Beispiel Spielern der Major League Baseball festgestellt.[8] Jedoch zeigen die Studien diesen Effekt nicht durchgängig; einige stellen fest, dass die Sterblichkeitsraten von Männern und Frauen im Vorfeld des Geburtstags divergieren,[6] während andere keinen signifikanten geschlechtsspezifischen Effekt feststellen.[9][10] Hypothesen zur Erklärung des Phänomens beziehen sich auf den erhöhten Alkoholkonsum beziehungsweise psychischen Stress im Zusammenhang mit dem Geburtstag, ein erhöhtes Suizid-Risiko, eine erhöhte Mortalitätssalienz, einen physiologischen Zyklus, der den Körper jährlich schwäche sowie unheilbar kranke Patienten, die versuchen, bis zu ihrem Geburtstag durchzuhalten. Es wurde auch die Vermutung geäußert, dass es sich um ein statistisches Artefakt handeln könnte, vielleicht als Ergebnis von Anomalien bei der Meldung von Todesfällen, der Effekt wurde jedoch auch in Studien beobachtet, in welchen bekannte Anomalien kontrolliert wurden.[6][8]
Untersuchungen
Mit der Einführung von Statistiksoftware, die große Datenmengen leicht verarbeiten kann, wurden mehrere große Studien durchgeführt, um zu untersuchen, ob Geburtstage einen Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Für die erste groß angelegte Studie wurden die Daten von 2.745.149 Kaliforniern verwendet, die zwischen 1969 und 1990 starben. Nach Korrektur von Störfaktoren wie jahreszeitlich bedingten Todesfällen, elektiven Operationen und am 29. Februar geborenen Personen wurde bei Männern ein signifikanter Anstieg der Sterbefälle in der Woche vor dem Geburtstag und bei Frauen in der Woche nach dem Geburtstag festgestellt – in beiden Fällen erreichte die Sterblichkeit ihren Höhepunkt nicht am Geburtstag, sondern in dessen Nähe. Dieser Effekt war in allen Alters- und Ethnienkohorten gleich.[6]
Eine ähnliche Studie unter 12.275.033 Schweizern ergab die höchste Sterblichkeit am tatsächlichen Geburtstag (17 % über dem erwarteten Wert); der Effekt war bei den über 80-Jährigen am größten.[3] Eine andere Studie mit Schweizer Daten ergab eine Überschreitung von 13,8 % und konnte dies mit bestimmten Ursachen in Verbindung bringen: Herzinfarkt und Schlaganfall (vorwiegend bei Frauen) und Suizid und Unfälle (vorwiegend bei Männern) sowie eine Zunahme der Krebstodesfälle.[4] Unter den 25 Millionen Amerikanern, die zwischen 1998 und 2011 starben, starben 6,7 % mehr Menschen als erwartet an ihrem Geburtstag; der Effekt war an den Wochenenden und bei jungen Menschen am stärksten ausgeprägt – bei den 20- bis 29-Jährigen betrug die Überschreitung mehr als 25 %.[7] Eine noch größere Überschreitung wurde bei der Bevölkerung von Kiew festgestellt, wo sich zwischen 1990 und 2000 unter Männern 44,4 % mehr Todesfälle als erwartet und bei den Frauen 36,2 % mehr als erwartet am Geburtstag ereigneten.[5] Kleinere Studien haben auch einen Geburtstagseffekt innerhalb von Teilpopulationen gezeigt, z. B. bei Spielern der Major League Baseball (MLB)[8] und Personen mit Einträgen in der Encyclopedia of American History.[6]
Große Studien, die sich allein auf Suizidfälle konzentrieren, haben Hinweise auf einen Höhepunkt der Zahl der Suizide an oder kurz nach einem Geburtstag in Dänemark[11] und Ungarn[12] gefunden, nicht aber in Bayern[13] oder Taiwan.[13]
Eine Studie hat ergeben, dass das Selbstmordrisiko für Männer an ihrem Geburtstag größer sein kann.[14]
Andere Studien haben jedoch keine solche Korrelation festgestellt. Eine Studie an der Bevölkerung Dänemarks und Österreichs (insgesamt 2.052.680 Todesfälle über den gewählten Zeitraum) ergab, dass die Lebensdauer zwar tendenziell mit dem Geburtsmonat korreliert, es aber keinen konsistenten Geburtstagseffekt gibt, und dass Menschen, die im Herbst oder Winter geboren wurden, eher in den Monaten sterben, die weiter von ihrem Geburtstag entfernt sind.[9] Eine Studie, die alle Krebstodesfälle in Deutschland von 1995 bis 2009 untersuchte, fand keinen Hinweis auf einen Geburtstagseffekt, wohl aber auf einen verwandten „Weihnachtseffekt“.[10] Eine kleine Studie von Leonard Zusne fand Geburtstagseffekte sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Kohorten, wobei Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit unmittelbar vor und Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit unmittelbar nach ihrem Geburtstag starben. Bei einer Durchschnittsbetrachtung der Gesamtbevölkerung wurde aber kein Geburtstagseffekt festgestellt.[15] Das Gleiche wurde bei einer Studie über Sterblichkeitsdaten in England und Wales festgestellt, bei der ein statistisch signifikanter Geburtstagseffekt bei jeder Untergruppe (Männer und Frauen; nie verheiratet, verheiratet, geschieden und verwitwet), aber nicht bei der Gesamtbevölkerung festgestellt wurde.[2]
Siehe auch: Simpson-Paradoxon
Erklärungsansätze
Alkoholkonsum
Geburtstagsfeiern sind oft mit einem starken Anstieg des Alkoholkonsums verbunden. Rauschtrinken kann das Sterberisiko einer Person durch Alkoholvergiftung, Unfälle und Trunkenheit am Steuer sowie durch die Verschlimmerung bestehender Erkrankungen und ein erhöhtes Suizid-Risiko erhöhen.[5][12] In den Vereinigten Staaten, wo das gesetzliche Mindestalter für Alkoholkonsum bei 21 Jahren liegt, ist die Sterblichkeitsrate am 21. Geburtstag und am Tag danach sehr hoch, was fast ausschließlich auf einen Anstieg der Unfälle zurückzuführen ist.[16][17]
Psychosomatische/psychologische Effekte
Es wurden zwei einander widersprechende Erklärungen vorgebracht, die sich auf psychosomatische Effekte stützen. Einerseits bietet ein Geburtstag ein festes Datum, auf das man sich konzentrieren kann und das unheilbar Kranken ermöglichen kann, bis zu diesem Tag durchzuhalten. Andererseits erinnert ein Geburtstag auch an die Sterblichkeit und bietet die Gelegenheit, auf das eigene Leben zurückzublicken.[6][18] Nach der Terror-Management-Theorie verursacht dies Stress, der den Tod beschleunigen kann. Die ungleiche Verteilung der Sterblichkeitsrate zwischen Männern und Frauen sowie zwischen erfolgreicheren und weniger erfolgreichen Baseballspielern deutet darauf hin, dass beides beim Geburtstagseffekt eine Rolle spielen könnte: Menschen, die sich auf die öffentliche Sphäre des Lebens konzentriert haben (z. B. karriereorientierte Menschen oder Berufssportler), werden möglicherweise daran erinnert, dass ihre erfolgreichen Tage vorbei sind, während diejenigen, die eher in der privaten Sphäre gelebt haben (z. B. Hausfrauen und Amateursportler), sich stärker bewusst sind, was sie mit dem Tod verlieren werden, und versuchen, sich dem Tod zu widersetzen.[6][8][18] Damit verbunden ist der „Effekt des gebrochenen Versprechens“, bei dem eine Person, die unter Suizidgedanken leidet, bis zu einem Geburtstag oder einem anderen bedeutenden Ereignis wartet, um zu sehen, ob sich ihre Lebensumstände verbessern werden.[12]
Das psychosomatische/psychologische Modell würde auch den ähnlichen Anstieg der Krebstodesfälle rund um Feiertage wie Weihnachten erklären,[10] und wird durch die Tatsache gestützt, dass solche Phänomene kulturabhängig zu sein scheinen – es gibt einen Pessach-Effekt bei der jüdischen Gemeinschaft und einen Mittherbstfest-Effekt bei den Chinesen.[6][18]
Körperliche Effekte
Es wurde die Vermutung angestellt, dass der Körper neben der circadianen Rhythmik auch einen jährlichen biologischen Rhythmus hat. Vaiserman et al. haben die Vermutung geäußert, dass die klimatischen Bedingungen bei der Geburt als Zeitgeber wirken, der inneren Stress auslöst und das Sterberisiko erhöht.[5]
Statistische Effekte
Bei der Verarbeitung von Sterbeurkunden ist es möglich, die Felder für das Geburts- und das Sterbedatum zu verwechseln, wodurch sich die Zahl der Urkunden, in denen diese übereinstimmen, erhöhen würde.[6] Außerdem werden in Fällen, in denen das genaue Datum nicht bekannt ist, häufig der 1. und der 15. des Monats als Platzhalter verwendet,[19] was zu einem Überschuss an Geburten und Sterbefällen an diesen Tagen führt. In Studien werden jedoch auch Veränderungen der Sterblichkeitsrate in den Tagen unmittelbar davor und danach festgestellt, die wahrscheinlich nicht durch Anomalien bei der Datenverarbeitung verursacht werden, was darauf hindeutet, dass statistische Artefakte allein den Geburtstagseffekt nicht erklären können.[6]
Einzelnachweise
↑Im Deutschen ist der Begriff nicht allgemein eingeführt, daher wird hier der in der englischsprachigen Fachliteratur verwendete Begriff als Artikeltitel benutzt.
↑ abM Anderson: Relationship between month of birth and month of death in the elderly. In: British Journal of Preventive & Social Medicine. 29. Jahrgang, Nr.3, 1975, S.151–156, doi:10.1136/jech.29.3.151, PMID 1191883, PMC 478908 (freier Volltext) – (englisch).
↑ abJ Bovet, J Spagnoli, C Sudan: [Mortality and birthdays]. In: Sozial- und Präventivmedizin. 42. Jahrgang, Nr.3, 1997, S.151–161, doi:10.1007/bf01300566, PMID 9334087 (französisch).
↑ abVladeta Ajdacic-Gross: Death has a preference for birthdays – an analysis of death time series. In: Annals of Epidemiology. 22. Jahrgang, Nr.8, 2012, S.603–606, doi:10.1016/j.annepidem.2012.04.016, PMID 22658822 (englisch).
↑ abcdAlexander Vaiserman, Pavel Grigoryev, Irina Belaya, Vladimir Voitenko: Variation of mortality rate during the individual annual cycle. In: Biogerontology. 4. Jahrgang, Nr.4, 2003, S.221–225, doi:10.1023/A:1025168932058, PMID 14501186 (englisch, researchgate.net).
↑ abcdefghijDavid Phillips, Camilla Van Voorhees, Todd Ruth: The Birthday: Lifeline or Deadline? In: Psychosomatic Medicine. 54. Jahrgang, Nr.5, 1992, S.532–542, doi:10.1097/00006842-199209000-00001, PMID 1438656 (englisch).
↑ abPablo Peña: A not so happy day after all: Excess death rates on birthdays in the U.S. In: Social Science & Medicine. 126. Jahrgang, 2015, S.59–66, doi:10.1016/j.socscimed.2014.12.014, PMID 25528555 (englisch).
↑ abcdErnest Abel, Michael Kruger: Mortality Salience of Birthdays on Day of Death in the Major Leagues. In: Death Studies. 33. Jahrgang, Nr.2, 2009, S.175–184, doi:10.1080/07481180802138936, PMID 19143110 (englisch).
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↑ abcDaniel Medenwald, Oliver Kuss: Deaths and major biographical events: a study of all cancer deaths in Germany from 1995 to 2009. In: BMJ Open. 4. Jahrgang, Nr.4, 2014, S.e004423, doi:10.1136/bmjopen-2013-004423, PMID 24694623, PMC 3987729 (freier Volltext) – (englisch).
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↑Leonard Zusne: Some Factors Affecting the Birthday-Deathday Phenomenon. In: OMEGA: Journal of Death and Dying. 17. Jahrgang, Nr.1, 1987, S.9–26, doi:10.2190/RR4D-4W0L-5QAK-X4YX (englisch).
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↑Christopher Carpenter, Carlos Dobkin: The Effect of Alcohol Consumption on Mortality: Regression Discontinuity Evidence from the Minimum Drinking Age (Web Appendix A and B). In: American Economic Journal: Applied Economics. 1. Jahrgang, Nr.1, 1. Januar 2009, S.164–182, doi:10.1257/app.1.1.164, PMID 20351794, PMC 2846371 (freier Volltext) – (englisch, aeaweb.org [PDF]).
↑Ernest Abel, Michael Kruger: Heaping in Anniversary Reaction Studies: A Cautionary Note. In: Omega: Journal of Death and Dying. 54. Jahrgang, Nr.1, 2006, S.59–65, doi:10.2190/V752-6773-1KMW-3334, PMID 17844772 (englisch).
Lebenserwartung (in Jahren) der Menschen zum Zeitpunkt der Geburt für das Jahr 2021[1]
Der Begriff Lebenserwartung beschreibt die Zeit, die ein Lebewesen voraussichtlich leben wird. Diese Einschätzung kann zum Zeitpunkt der Geburt getroffen werden, oder zu jedem späteren Zeitpunkt. In die Beurteilung fließen verschiedene demografische Faktoren ein, wie auch das Geschlecht.[2] Für die Bestimmung der Lebenserwartung werden bestimmte Annahmen über die Sterberaten zugrunde gelegt. Diese werden in der Regel mit Hilfe einer Sterbetafel ermittelt, die auf beobachteten Sterbehäufigkeiten der Vergangenheit und auf Modellannahmen für deren zukünftige Entwicklung basiert. Dabei werden gewöhnlich sämtliche Arten von Todesfällen eingeschlossen. Grundsätzlich kann der Zeitpunkt, ab dem die restliche Lebenserwartung ermittelt werden soll, beliebig gewählt werden; zum Beispiel die Lebenserwartung, die 90-Jährige an ihrem 90. Geburtstag haben. Dieser Artikel beschreibt die Lebenserwartung ab dem Beginn des eigenständigen Lebens, beim Menschen und den meisten Säugetieren also ab der Geburt.
Die Lebenserwartung von Menschen bei Geburt stieg seit 1950 jedes Jahr an, bis zu einem Höchststand 2019. Damals lag der weltweite Durchschnitt bei 73,4 Lebensjahren.[3] 2020 fiel die Lebenserwartung allerdings erstmals, 2021 erneut auf nur noch 71,4 Jahre, Grund dafür ist die COVID-19-Pandemie.
Für die Zeitdauer von Entstehung bzw. Geburt bis zum Tod ist die Bezeichnung Lebensspanne üblich.[4] In der Psychologie, insbesondere der Entwicklungspsychologie befasst sich die Lebensspannenpsychologie mit den verschiedenen Lebensphasen und deren Dynamiken, auch unter dem Gesichtspunkt von Gesundheit und Wohlbefinden.[5] Die Medizin orientiert sich ebenfalls an der Lebensspanne und hat z. B. entsprechende Fachdisziplinen (von Neonatologie bis Geriatrie). Sie beschäftigt sich beispielsweise damit, die Gesundheitsspanne (engl. healthspan) an die Lebensspanne (engl. lifespan) anzupassen.[6]
Berechnung der Lebenserwartung
Am häufigsten wird die Lebenserwartung ab der Geburt berechnet. Die Lebenserwartung bei der Geburt gibt das Alter an, das die Neugeborenen eines bestimmten Jahrgangs durchschnittlich erreichen würden, wenn die altersspezifische Mortalität künftig konstant bleibt. Häufig wird dabei nicht die Gesamtpopulation der Neugeborenen betrachtet, sondern eine nach gewissen Kriterien ausgewählte Teilpopulation (etwa nach Wohnort, Geschlecht). Interessant sind dabei Angaben über die statistische Streuung der Lebenserwartung.
Menschliche Lebenserwartung
Durchschnittliche Lebensdauer seit 1875 bei der Geburt in den D-A-CH Ländern im Vergleich inklusive USA, China, Spanien und Japan[7]Lebenserwartung der Männer bei der Geburt 2006Lebenserwartung der Frauen bei der Geburt 2006
Allgemeines
Die menschliche Lebenserwartung wird von verschiedenen Einflussfaktoren bestimmt. Statistische Verzerrungen können sich durch die Säuglings- und Kindersterblichkeit und weitere Mortalitätsdaten ergeben. So lag die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr in der Zentralafrikanischen Republik 2010–2015 nach Angaben der UNO bei rund 8,2 Prozent.[8] Die weitere oder durchschnittliche weitere Lebenserwartung gibt an, wie viele weitere Lebensjahre Menschen eines bestimmten Alters nach den in der aktuellen Berichtsperiode geltenden Sterblichkeitsverhältnissen durchschnittlich noch weiterleben.[9]
Die weitere Lebenserwartung wächst mit dem Lebensalter an, da verschiedene Sterberisiken bereits überlebt wurden. Ein neugeborener Junge hat, nach Daten aus 2021/2023, in Deutschland eine Lebenserwartung von gerundet 78 Jahren, im Alter von 5 Jahren sind es auch 78 Jahre (5+73), im Alter von 50 sind es 80 Jahre, mit 60 sind es 81, mit 70 sind es 84, mit 80 sind es 88 und mit 85 sind es 90 Jahre.
Ein neugeborenes Mädchen hat in Deutschland eine Lebenserwartung von gerundet 83 Jahren, also 5 Jahre mehr als ein Junge. Dieser Abstand verringert sich im Laufe des Lebens. Im Alter von 50 beträgt die Lebenserwartung 84 Jahre (50+34) (also noch 4 Jahre mehr als Männer), mit 70 sind es 87 Jahre (3 Jahre mehr), mit 80 sind es 89 Jahre (1 Jahr mehr) und mit 85 sind es 91 Jahre (ein Jahr mehr als Männer).[10]
Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und sauberem Wasser, gute Wohn- und Lebensbedingungen, die öffentliche Gesundheit und Zugang zu medizinischer Versorgung – kurz: gute Lebensbedingungen – führen zur höheren Lebenserwartung einer Bevölkerung. Krieg, Genozid, Naturkatastrophen, Völkerwanderungen, Seuchen, Hungersnöte haben den gegenteiligen Effekt. Der größte Teil der Unterschiede innerhalb einer Bevölkerung werden durch soziale Ungleichheit, Bildung, Gesundheitskompetenz und materielle Sicherheit beeinflusst, das sind die wichtigsten Determinanten des individuellen Lebensstils. Man schätzt, dass 25 Prozent der individuellen Unterschiede in der menschlichen Lebensspanne durch die Gene bestimmt werden, aber welche Gene und wie sie zur Langlebigkeit beitragen, ist unklar. Wissenschaftler vermuten, dass in den ersten sieben oder acht Lebensjahrzehnten der Lebensstil einen stärkeren Einfluss auf die Gesundheit und die Lebensspanne hat als die Gene. Sich gesund zu ernähren, nicht zu viel Alkohol zu trinken, Tabak zu meiden und körperlich aktiv zu bleiben, ermöglicht es Menschen, bis ins Alter gesund zu bleiben; die Genetik scheint dann zunehmend eine wichtige Rolle zu spielen, wenn es darum geht, in den Achtzigern und darüber hinaus gesund zu bleiben. Viele sehr alte Menschen können bis in die letzten Jahre ihres Lebens unabhängig leben und inaktivitätsbedingte Krankheiten vermeiden.[11] Die biologische Zellalterung ist allerdings unvermeidbar. Ein Unfall und seine Folgen können im Einzelfall ein Leben stark verkürzen.
Unter guten Rahmenbedingungen können Menschen 100 Jahre und älter werden. Der bisher älteste Mensch (Jeanne Calment) erreichte ein Lebensalter von 122 Jahren. Die maximale Lebenserwartung von Menschen wird unter Forschern seit vielen Jahren kontrovers diskutiert: Während die einen die Ansicht vertreten, dass Menschen (und die meisten Tiere) theoretisch unbegrenzt leben können, sind viele davon überzeugt, dass es eine natürliche Obergrenze für die maximale Lebenszeit gibt.[12][13][14] Statistische Untersuchungen legen nahe, dass eher Letzteres zutrifft und Menschen – unter natürlichen Umständen – selbst unter optimalen Bedingungen nicht älter als durchschnittlich 115 bis maximal 125 Jahre alt werden können.[15] Als Grund nennen die Forscher in erster Linie die kontinuierliche Anhäufung von DNA-Schäden im Laufe des Lebens eines Menschen – mit der Folge von schädlichen Mutationen und zunehmend defekten Proteinen und Enzymen. Durch eine gesunde Lebensweise, bestimmte Medikamente und mit Hilfe der körpereigenen Reparatursysteme kann dieser Prozess zwar verlangsamt, aber letztendlich nicht aufgehalten werden: Überschreiten die akkumulierten Zellschäden einen bestimmten Schwellenwert, ist der Tod des Individuums unausweichlich. Dies trifft auch dann zu, wenn zuvor keine zwangsläufig zum Tode führende Erkrankung, wie z. B. eine bösartige Krebskrankheit vorhanden war. Im Jahr 2021 berichteten Wissenschaftler, dass die intrinsische maximale menschliche biologische Lebensspanne laut Blutmarkern 120–150 Jahre beträgt.[16][17][18]
Die Angaben zur Lebenserwartung in den Ländern weltweit unterscheiden sich je nach Quelle. Gemäß dem CIA World Factbook, Stand 2024,[19] haben die Menschen in Monaco die höchste Lebenserwartung mit 89,8 Jahren, nach Singapur und Macau folgt auf Rang 4 als erstes größeres Land Japan mit einer Lebenserwartung von 85,2 Jahren; die geringste Lebenserwartung haben die Menschen in Afghanistan mit 54,4 Jahren. Gemäß der UN-Weltbevölkerungsprognose 2024, Daten zum Jahr 2024,[20] ist in Nigeria die Lebenserwartung weltweit am niedrigsten mit 54,6 Jahren; die Lebenserwartung in Afghanistan wird mit 66,3 Jahren angegeben.
2007 hatten noch die höchste Lebenserwartung die Menschen in Andorra mit 83,5 Jahren, die geringste Lebenserwartung im afrikanischen Land Eswatini mit 34,1.[21]
Lebenserwartung ist eine wichtige sozioökonomische Messgröße. Je höher sie für eine bestimmte Gruppe ist, desto höher ist deren Lebensstandard, beispielsweise medizinische Versorgung, Hygiene, Trinkwasserqualität und Ernährungslage. Unterschieden wird die Lebenserwartung häufig nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Berufszugehörigkeit oder nach speziell ausgewiesener Risikogruppe. Während die Statistiken, die sich auf Staaten oder Regionen beziehen, vorwiegend volkswirtschaftliche Indikatoren ausweisen, wird die Unterscheidung nach bestimmten Bevölkerungsgruppen, insbesondere in der Versicherungswirtschaft, zur Berechnung von Risiken und der Bemessung von Prämien oder Renten herangezogen.
Die Berechnung der Lebenserwartung erfolgt anhand von Sterbetafeln, welche die genaue Zahl der Überlebenden und Gestorbenen pro 100.000 Einwohner früherer Jahrgänge nach dem durchschnittlichen Lebens- bzw. Sterbealter in Jahren ausweisen.[22]
Siehe auch: Liste der durchschnittlichen Lebenserwartung in den Staaten der Erde
Beispiel Deutschland
Im Jahr 2015 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung neugeborener Jungen 77 Jahre und 9 Monate (2010: 77 Jahre und 4 Monate). Die entsprechende Zahl für neugeborene Mädchen lautete 82 Jahre und 10 Monate (2010: 82 Jahre und 6 Monate).[23] Die so berechnete durchschnittliche Lebenserwartung ist eine ungenaue Prognose, die im Wesentlichen den jetzigen Trend extrapoliert. Dieser könnte einerseits durch Kriege oder Seuchen abrupt gestoppt oder sogar ins Gegenteil gekehrt werden, aber auch beispielsweise durch medizinische Durchbrüche verstärkt werden.
Im Jahr 2007 hatten Jungen in den alten Bundesländern bei ihrer Geburt eine Lebenserwartung von 76,9 Jahren, in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) eine von 75,5 Jahren. Der Ost-West-Unterschied betrug 1,4 Jahre. Bei den neugeborenen Mädchen betrug der Abstand zugunsten der im Westen geborenen Mädchen 0,3 Jahre.[24]
Die Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verlängert.[25] Faktoren wie Friedenszeit, gestiegenes Einkommen, höherer Lebensstandard, bessere Ernährungslage etc. spielen dabei eine wesentlich größere Rolle als Medizinfortschritt oder Änderung des Zigarettenkonsums in der Gesamtbevölkerung.
In Deutschland im Zeitraum 2016/18 betrug die Lebenserwartung für Männer 78,5 Jahre und für Frauen 83,3 Jahre.[26]
Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 2021 für neugeborene Mädchen 83,2 Jahre und für neugeborene Jungen 78,2 Jahre. Der erstmals seit langem eingetretene Rückgang gegenüber 2019 ist auf die Corona-Epidemie zurückzuführen.[27]
Siehe auch: Abschnitt „Lebenserwartung von 1875 bis 2020“ im Artikel zur Demografie Deutschlands
Risikofaktoren
Genetische Faktoren, unzureichende Ernährung, mangelnde Hygiene, unsauberes Trinkwasser, Stress sowie mangelnde ärztliche Versorgung begrenzen in der Hauptsache die Lebenserwartung. Das galt für die vorindustrielle Zeit und gilt heute noch für viele Entwicklungsländer.[28] Dort, wo diese Verhältnisse auf einem akzeptablen Niveau sind, gelten unter anderem nachstehende Schlüsselfaktoren als bedeutsam.[29]
Bluthochdruck
Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum
Adipositas (Fettleibigkeit) und Übergewicht
Diabetes bzw. hoher Blutzuckerspiegel
Bewegungsmangel
Wie eine amerikanische Studie belegt, geht die gestiegene Lebenserwartung dennoch mit einem verschlechterten Gesundheitszustand der alten Menschen einher. So ist auch die Zahl der Lebensjahre, in denen Menschen eine schwere Erkrankung erleiden, kontinuierlich gestiegen. Auch dafür werden die vorgenannten Risikofaktoren verantwortlich gemacht, da sie bei alten Menschen noch deutlich riskanter sind als bei Jüngeren.[30]
Als Schlüsselfaktoren für krankheitsbedingte Sterblichkeit wurden insbesondere übertragbare und geburtsbedingte Erkrankungen erkannt, die sich in der Kindheit auswirken.[31] Die Ergebnisse der Studie gelten weltweit, da alle übrigen wichtigen Mortalitätsrisikofaktoren (Mangelernährung, ungenügende Wasserversorgung, bauliche, persönliche und häusliche Hygienebedingungen, ungeschützter Geschlechtsverkehr, Tabaknutzung, Alkohol, Arbeitssicherheit, Bluthochdruck, Bewegungsarmut, Drogenverwendung und Luftverschmutzung) in jeder der 107 Weltregionen statistisch getrennt berücksichtigt wurden.
Über 20 % der weltweit 56 Millionen Verstorbenen 2001 waren Kinder unter fünf Jahren.[32] So liegt die Wahrscheinlichkeit einer 70-jährigen Person, 90 Jahre alt zu werden, zwischen 5 % und 54 %, je nachdem wie günstig oder ungünstig vorstehende Faktoren gegeben sind.[33] Alkoholkonsum und Cholesterinspiegel wurden vor dieser Untersuchung als ebenfalls bestimmende Faktoren betrachtet, ihr Einfluss wurde im Vergleich als wesentlich geringfügiger erkannt.
Langlebigkeitsgene
Mit genomweiten Assoziationsstudien und Biodatenbanken können genetische Signaturen, die mit menschlicher Langlebigkeit verbunden sind, identifiziert werden. In Studien wurden dafür etwa die Genome von über 105 Jahre alten Personen untersucht.[34][35] Auch eine genomweite Assoziationsstudie der mitochondrialen DNA – welche von den Müttern vererbt wird – identifizierte mit Daten der UK Biobank Assoziationen mit Lebenserwartung, sowie Risiken für Krankheiten mit erhöhtem Risiko für frühzeitigen Tod wie Typ-2-Diabetes.[36][37]
Rechnet man die Sterbefälle aus äußeren Ursachen (Unfälle, Gewalt, Infektionen) heraus, so ist die Lebenserwartung zu 50 % genetisch festgelegt. Entsprechend begrenzt sind die Möglichkeiten, diese durch Lebensführung oder therapeutische Maßnahmen zu beeinflussen.[38]
Weltweiter Vergleich Männer und Frauen, Weltgesundheitsorganisation 2019
Einfluss des Geschlechts auf die Lebenserwartung
Der Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und dem Geschlecht einer Person ist für Deutschland eindeutig belegt. Eine Untersuchung der Deutschen Aktuarvereinigung e. V. (DAV) aus dem Jahre 2008 belegt für die letzten 130 Jahre, dass die Sterblichkeit von Frauen im Altersbereich von 20 bis 70 nur etwa halb so groß ist wie von Männern.[39] Frauen haben in den meisten Industrieländern eine um vier bis acht Jahre höhere Lebenserwartung (Westdeutschland fünf Jahre, Ostdeutschland sechs Jahre).
Gesundheitsbewusstsein und Lebensweise
Als Ursache für die unterschiedliche Lebenserwartung wird von Wissenschaftlern das geringere Gesundheitsbewusstsein von Männern genannt, das sich unter anderem dadurch äußert, dass Männer mehr rauchen und mehr Alkohol trinken sowie bei Krankheitssymptomen seltener einen Arzt aufsuchen. Eine 2011 veröffentlichte Studie, die Daten aus 30 europäischen Ländern untersuchte, kam zu dem Schluss, dass zwischen 40 und 60 Prozent des Geschlechterunterschieds in der Lebenserwartung auf das Rauchen von Tabak zurückzuführen seien. 10 bis 30 Prozent können dem Genuss von Alkohol zugeschrieben werden.[40] Aber auch die höhere Risikobereitschaft und die potenziell höhere Morbiditätsrate in typischen Männerberufen, die häufig mit gefahrgeneigter Arbeit und körperlich schädigenden oder stressbehafteten Tätigkeiten verbunden sind, werden als Ursachen angeführt. Weitere Ursachen finden sich in den Artikeln Schwerarbeit und Frauenanteil in der Privatwirtschaft.
Die Klosterstudie ergab im Vergleich der Lebenserwartung zwischen Ordensmitgliedern und Allgemeinbevölkerung, dass bei Ordensmitgliedern signifikant geringere Unterschiede bei der geschlechtsspezifischen Lebenserwartung vorliegen. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist die Lebenserwartung von Mönchen um rund 4,5 Jahre signifikant höher als die der männlichen Allgemeinbevölkerung, während solche Unterschiede zwischen den weiblichen Vergleichsgruppen nicht zu verzeichnen sind. Die Ursachen liegen neben dem höheren Tabakkonsum in der ungleichen Verteilung von Stressoren zwischen Frauen und Männern, der ungleichen Selektion durch beide Weltkriege und deren langfristigen Spätfolgen, der geringeren Teilnahme von Frauen am Erwerbsleben und Hausfrauentätigkeit in Kombination mit Mutterschaft. Damit können biologische Ursachen bei der Übersterblichkeit von Männern zu einem wesentlichen Teil ausgeschlossen werden.[41][42][43][44] Insgesamt wird der Beitrag biologischer Ursachen für die männliche Übersterblichkeit auf 0 bis 2 verlorene Lebensjahre geschätzt.[45] Zusammenfassend lässt sich sagen,[46]
„dass Frauen zwar etwas länger leben, aber vor allem die Männer früher sterben“
– Marc Luy 2006 in „Leben Frauen länger oder sterben Männer früher?“
Es scheinen nur bestimmte Gruppen der männlichen Bevölkerung für die geringere Lebenserwartung von Männern verantwortlich zu sein. Paola Di Giulio vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR in Rostock) identifizierte die Gruppen der „Active Bon-Vivants“ (häufig übergewichtige Vielarbeiter und Raucher; überwiegend Männer) und der „Nihilists“ (korpulente Nichtsportler und Gesundheitsvorsorge-Vermeider – in dieser Gruppe zu gleichen Teilen Männer und Frauen). Auf der anderen Seite finden sich in der Gruppe der „Interventionists“ (Nicht-Raucher, Nicht-Trinker mit gesunder Ernährung und ohne Stress-Job) hauptsächlich Frauen.[47]
Hormonelle Faktoren
Für die risikogeneigtere Lebensweise und das geringere Gesundheitsbewusstsein von Männern sind nicht allein kulturelle Faktoren, sondern auch hormonelle und damit biologische Faktoren verantwortlich. Insbesondere bei jungen Männern bewirkt das Sexualhormon Testosteron eine höhere Risikobereitschaft, die zu einer höheren Sterblichkeit, insbesondere durch Unfälle führt. Demgegenüber wirkt das weibliche Geschlechtshormon Östrogen in Frauen gesundheitsfördernd. Es sorgt für eine höhere Zahl von Antikörpern gegen Infektionen. Östrogene bewirken eine höhere Produktion des „guten“ HDL im Blutfett, verbessern entsprechend die Cholesterinwerte und schützen damit vor Herzinfarkten und Schlaganfällen.[48] Eine Übersichtsstudie schlussfolgert allerdings, dass endogene Testosteronspiegel im normalen Bereich für das männliche Herz-Kreislauf-System vorteilhaft sind und bei Männern ein Testosteronmangel mit Gesundheitsproblemen und einer höheren Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit verbunden ist.[49] Nach der „Unguarded X Hypothese“ ist das doppelte X-Chromosom weiblicher Organismen ein Grund dafür, wieso diese – laut einer Studie durchschnittlich um 18 % – länger leben als männliche. Es schütze diese wahrscheinlich vor schädlichen Mutationen in den Genen des jeweils anderen X-Chromosoms.[50]
Genetische Faktoren
Weiterhin relevant sind genetische Faktoren. Frauen haben in ihrem Erbgut zwei X-Chromosomen, Männer ein Y- und ein X-Chromosom. Das Y-Chromosom enthält lediglich die geschlechtsbestimmenden Informationen. Da wichtige Erbfaktoren der Immunabwehr auf dem X-Chromosom liegen, nutzen Frauen im Gegensatz zu Männern das immunologische Potential der X-Chromosomen beider Eltern. Während Erbkrankheiten, die sich auf einem einzigen X-Chromosom befinden, sich bei Männern immer auswirken, kann bei Frauen die Information in diesem Fall vom gesunden X-Chromosom abgelesen werden. Im Alter häufen sich Ablesefehler im Erbmaterial. Altersbedingte Veränderungen des aktiven X-Chromosoms können bei Frauen durch Reaktivierung des jeweils inaktiven zweiten X-Chromosoms kompensiert werden (X-chromosomale Reaktivierung), bei Männern nicht.[51] Tierstudien unterstützen die Bedeutung dieses Zusammenhangs. So verfügen bei Säugetieren immer die männlichen Tiere über die X-Y-Kombination und haben die kürzere Lebenserwartung. Bei Vögeln ist es umgekehrt. Hier weisen die weiblichen Vögel mit der W-Z-Kombination eine kürzere Lebenserwartung auf als die männlichen Vögel mit zwei Z-Chromosomen.[52]
Ereignisse wie Krieg und Umweltkatastrophen
Eine Untersuchung anhand von 141 Ländern im Zeitraum von 1981 bis 2002 hat gezeigt, dass das Geschlecht die Sterberate bei Naturkatastrophen beeinflusst. Demnach senken Naturkatastrophen und ihre Nachwirkungen die Lebenserwartung von Mädchen und Frauen disproportional mehr im Vergleich zur Lebenserwartung von Jungen und Männern. Biologische und physiologische Differenzen zwischen den Geschlechtern, soziale Normen, Rollenverhalten, Diskriminierung beim Zugang zu Ressourcen und der Zusammenbruch der Ordnung, der Mädchen und Frauen stärker häuslicher und sexueller Gewalt ausliefert, und vor allem der im Durchschnitt niedrigere sozio-ökonomische Status von Frauen werden als Erklärungsmöglichkeiten angeführt.[53]
In Kriegen werden signifikant mehr Männer als Frauen getötet, was sich langfristig auf die Zahlen zur statistischen Lebenserwartung auswirkt. „Die bei der Volkszählung 1951 [in Österreich] errechnete Geschlechterproportion von 866 Männern auf 1000 Frauen hat sich bis 2011 auf 950 Männer auf 1000 Frauen erhöht. Ein Grund für den damaligen Frauenüberschuss – die gefallenen Männer beider Weltkriege – hat kontinuierlich an Bedeutung verloren, da die meisten Kriegswitwen inzwischen verstorben sind.“[54]
Andere Erklärungsansätze
Bei vielen Säugetierarten, zum Beispiel bei Labormäusen, leben die Weibchen im Durchschnitt länger als die Männchen. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Männchen haben eine größere Körpergröße, und in einer Säugetierart leben jeweils die kleineren Exemplare im Durchschnitt länger als die großen. Kleine Hunderassen können 16 Jahre erreichen, während große Hunde meist schon nach neun Jahren sterben.[55] Kleine Menschen haben ebenfalls eine höhere Lebenserwartung als große.[56] Obwohl es bislang an die 2000 verifizierte Supercentenarians, also Menschen, die mindestens 110 Jahre alt geworden sind, gibt, liegt nur ein einziger Fall eines verifizierten Supercentenarans vor, dessen Körpergröße mehr als 190 cm betrug (Melvin Campbell).[57] Wenn die geringere Körpergröße allerdings nicht genetisch bedingt ist, sondern aus schlechter Ernährung resultiert, kehrt sich die Regel um: Dann haben größere Menschen die höhere Lebenserwartung.
Eine Studie aus dem Jahr 2005 kam zu der Erkenntnis, dass das Ausmaß der patriarchalen Orientierung einer Gesellschaft mit der Lebenserwartung von Männern zusammenhängt. Demnach leben Männer in egalitären Gesellschaften im Durchschnitt länger als Männer in patriarchalen Gesellschaften. Die Forscher argumentieren, dass das Patriarchat Männern schade, auch wenn es ihnen bestimmte Vorteile gewähre.[58]
Familienstand
Der Familienstand weist ebenfalls Zusammenhänge mit der Lebenserwartung auf. Nach einer Untersuchung von 1993[59] betrug die Lebenserwartung
in dauerhafter Partnerschaft: Männer 71,1 Jahre, Frauen 82,2 Jahre;
bei Verwitwerung über 60 Jahren: Männer 67,8 Jahre, Frauen 77,1 Jahre;
bei Geschiedenen: Männer 59,8 Jahre, Frauen 75 Jahre.
Bei Männern ist das durchschnittlich erreichte Lebensalter bei jeder Form einer Partnerschaft gegenüber dem allgemeinen erreichten Lebensalter vermindert. Zum Vergleich lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer 1991/93 bei rund 72,5 Jahren.[60] Frauen hingegen werden in einer dauerhaften Partnerschaft älter als ihr allgemein erreichtes Alter (1991/93: 79,0 Jahre). Besonders auffällig ist die stark verminderte Lebenserwartung bei geschiedenen Männern.
Elternschaft
Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Elternschaft und Lebenserwartung: Mütter und Väter leben in der Regel länger als Menschen, die keine Kinder haben. Abhängig von der Anzahl der Kinder ist die Lebenserwartung um bis zu 5 Jahre höher als die Lebenserwartung von Menschen, die ohne Kinder sterben. Zuletzt wurde dies von einer Studie mit den Daten von vier Millionen schwedischen Frauen und Männern, die zwischen 1915 und 1960 geboren wurden, belegt.[61]
Der Grund für den Unterschied ist jedoch noch unklar, die meisten gängigen Theorien können nur einen Teil der Unterschiede erklären.[62]
Lebenserwartung Neugeborener
Siehe auch: Liste von Ländern nach durchschnittlicher Lebenserwartung
Deutschland
Siehe auch: Liste der deutschen Bundesländer nach Lebenserwartung und Liste der Landkreise nach Lebenserwartung
Von 1960 bis 2016 hat sich bedingt durch die gestiegene Lebenserwartung die Rentenbezugsdauer verdoppelt.[63]
Die Lebenserwartung in Österreich beträgt für das Jahr 2010 für Männer 77,7 und für Frauen 83,16 Jahre bei der Geburt. Die höchste Lebenserwartung haben Neugeborene in Vorarlberg (78,85 / 84,15 Jahre).
Lebenserwartung ist höher in Ländern mit niedriger Ungleichheit.
Für viele Länder ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung der Menschen und ihrem sozialen Status – gemessen über den Bildungsabschluss, den Berufsstatus oder das Einkommen – dokumentiert.[68] Diese Befunde waren der Ausgangspunkt, um auf europäischer Ebene eine eigene Strategie zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten zu fordern.[69] Für Deutschland weisen Analysen auf Basis des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) je nach Lebenserwartung deutliche Einkommensunterschiede aus.[70] So werden armutsgefährdete Männer durchschnittlich nur 70 und Frauen 77 Jahre alt, während Männer und Frauen mit sehr hohen Einkommen fast 10 Jahre länger leben (81 und 85 Jahre). Die Ergebnisse verweisen zudem darauf, dass der Anteil der in Gesundheit verbrachten Lebensjahre deutlich variiert.
Gemäß Daten aus der privaten Rentenversicherung aus den Jahren 1995–2002 liegt die Sterberate für Bezieher hoher Renten um bis zu 20 % niedriger als für Bezieher geringer Renten. Aus Daten der gesetzlichen Rentenversicherung und des statistischen Bundesamtes geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres zu sterben, für einen 65-jährigen Mann je nach Rentenstatus unterschiedlich ist. Für Versicherte der damals eigenständigen Arbeiterrentenversicherung LVA war sie fast doppelt so hoch wie für Versicherte der damaligen Angestelltenversicherung BfA und für Beamte.[71]
Aktuelle Modelle zur Erklärung des Zusammenhangs gehen nicht von einem direkten Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit und Lebenserwartung aus.[68] Stattdessen wirkt der soziale Status indirekt, weil er ein wichtiger Bestimmungsfaktor für Unterschiede in gesundheitlich relevanten Faktoren – wie materielle und psychosoziale Ressourcen und Belastungen sowie das Gesundheitsverhalten – ist. Die Chancen und Risiken für ein gesundes und langes Leben werden bereits in der Kindheit und Jugend gelegt und verfestigen sich im Lebensverlauf durch Wechselwirkungen zwischen dem sozialen Status und dem Gesundheitszustand.
Soziale Unterschiede in der Lebenserwartung sind auch volkswirtschaftlich relevant. Karl Lauterbach zufolge führen die unterschiedlichen Rentenbezugsdauern von einkommensschwachen und einkommensstarken Rentnern zu einer Umverteilung von unten nach oben im System der gesetzlichen Rentenversicherung.[72]
Siehe auch: Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen
Geschichtliche Entwicklung
Vorhistorische Zeit bis 19. Jahrhundert
Die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung in vorhistorischer Zeit lässt sich nur schwer erfassen. Bemerkenswert ist aber, dass die Körpergröße zu Anfang des Neolithikums stark abnahm. Dies lässt Rückschlüsse auf den Ernährungsstatus zu.
Es wird angenommen, dass paläolithische Jäger und Sammler bei der Geburt eine durchschnittliche Lebenserwartung von rund 30 Jahren hatten, während neolithische Ackerbauern und Viehzüchter nur 20 Jahre alt wurden.[73] Bei diesen Werten spielt jedoch die Kindersterblichkeit eine enorme Rolle. Zieht man sie ab, liegt das Sterbealter erwachsener Wildbeuter zwischen 68 und 78 Jahren.[74] Der amerikanische Anthropologe Marshall Sahlins geht davon aus, dass solch hohe Werte auch für die Wildbeuter früherer Zeiten gelten, und bezeichnete sie als „ursprüngliche Wohlstandsgesellschaften“.
Nach der neolithischen Revolution erkrankten nachweislich wesentlich mehr Menschen als vorher, vor allem an Infektionen. Die meisten dürften durch häufigen engen Kontakt von Ackerbauern mit Vieh nach Einführung der Viehhaltung entstanden sein. Innerhalb größerer Populationen vermehren sich die Erreger und sterben nicht aus wie in kleinen Gruppen. Masern sollen so gesehen ihren Ursprung in der Rinderpest haben.[75] Die Einführung von Ackerbau und Viehhaltung bedeutete für die Menschen zunächst eine schlechtere Gesundheit, mithin eine geringere Lebenserwartung. Dem gegenüber steht eine deutlich höhere Geburtenrate, die Lebenserwartung nahm jedoch nur sehr langsam wieder zu und erreichte wohl erst im 18. Jahrhundert wieder höhere Werte als vor der neolithischen Revolution.[76][77]
Vor 1800 erreichten nur elitäre kleine Gruppen wie etwa der englische Hochadel eine Lebenserwartung der Männer von mehr als 40 Jahren. In Asien lag der Wert knapp darunter. In Europa lag die Lebenserwartung um 1820 bei etwa 36 Jahren. Sie war am geringsten in Spanien und am höchsten in Schweden. In Japan lag sie bei 34 Jahren.[78] Die durchschnittliche Lebenserwartung (zum Zeitpunkt der Geburt) betrug um 1800 weltweit höchstens 30 Jahre, nur selten 35 Jahre. Mehr als die Hälfte der Menschen erreichten nicht das Erwachsenenalter.[79] Seit dem 19. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung immer schneller an.[80] Die Menschen wurden im 19. Jahrhundert schneller älter als materiell reicher. Jürgen Osterhammel bezeichnet diese Demokratisierung der Erwartung eines langen Lebens als „eine der wichtigsten Erfahrungen der neueren Geschichte“.[79] Ausnahme hiervon war Subsahara-Afrika. Gründe für den explosionsartigen Anstieg der Lebenserwartung im 19. Jahrhundert werden in sanitären Fortschritten, in verbesserter Ernährung, in neuen Techniken der Gesundheitspolitik oder in Kombinationen dieser Faktoren gesehen.[81] Keinesfalls verlief die Entwicklung der Lebenserwartung im 19. Jahrhundert stetig ansteigend. Vielmehr nahm sie zu Beginn der Industrialisierung in England zunächst ab. Das materielle Leben der arbeitenden Bevölkerung verbesserte sich zuerst nicht. Auch in Deutschland zeigte sich ab 1820 eine ähnliche Entwicklung in Form von Massenarmut auf dem Land und in den Städten. Die Ernährung konnte nicht mit den steigenden biologischen Energieansprüchen der Industriearbeit Schritt halten. Außerdem waren die wachsenden Städte Brutherde zunehmender Infektionskrankheiten.[81]
Global lag die Lebenserwartung im 18. Jahrhundert bei etwa 29 Jahren.[82] Seither hat sich die Lebenserwartung in jeder Region der Erde mehr als verdoppelt.[83] Insbesondere trug dazu der starke Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit bei.
Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert bis heute
Lebenserwartung in den Jahren 1800, 1950, und 2015 – von Our World in Data
Durch die verschieden ausgeprägten groß- und kleinräumigen Entwicklungen ist die Lebenserwartung heute weltweit unterschiedlich ausgeprägt. Während in den Staaten Subsahara-Afrikas, die von der AIDS-Pandemie am stärksten betroffen sind, die Lebenserwartung oft unter 40 Jahre gefallen ist, beträgt sie in Island und Japan derzeit etwa 80 Jahre. In Mitteleuropa ist sie seit 1840 etwa um 40 Jahre gestiegen. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung spricht von drei Monaten, um die das Leben Jahr für Jahr länger geworden ist.
In Deutschland ist die Sterblichkeit seit 1871 im Mittel um 0,8 % jährlich zurückgegangen. In den Jahren von 1994 bis 2004 hat sich dieser Trend zur Erhöhung der Lebenserwartung verstärkt; in diesem Zeitraum sank die Sterblichkeit sogar um zwei Prozent jährlich.[71] Nach einer Berechnung der Linksfraktion im deutschen Bundestag auf Basis von Zahlen der Deutschen Rentenversicherung soll die Lebenserwartung für Geringverdiener in Deutschland von 2001 bis 2010 von 77,5 auf 75,5 Jahre gesunken sein.[84][85] Aus den Zahlen, auf die sich die Linksfraktion beruft, lässt sich die Sterblichkeit jedoch nicht berechnen. Diese führen die durchschnittliche Rentenbezugsdauer ab dem 65. Lebensjahr für bestimmte in den jeweiligen Jahren Verstorbene auf. Nach den Berechnungen der Linksfraktion wäre auch von 2001 bis 2006 die Lebenserwartung für Geringverdiener gesunken, für diesen Zeitraum liegt eine wissenschaftliche Untersuchung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung vor, in der die Lebenserwartung nach den wissenschaftlich üblichen Methoden berechnet wird und die das Gegenteil belegt. Dagegen vergrößerten sich die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen verschiedenen Einkommensgruppen.[85][86] Demnach ist von 2001 bis 2006 für alle Einkommensstufen die Lebenserwartung gestiegen.
Von 1950 bis 2019 ist die Lebenserwartung in Deutschland sowie weltweit jedes Jahr gestiegen.[87] Durch die COVID-19-Pandemie kam es 2020 weltweit, auch in Deutschland, erstmals zu einem Rückgang der Lebenserwartung,[88] 2021 aufgrund der Auswirkungen der verschiedenen Krisen vor allem auf Menschen aus armen Ländern erneut.[89]
Südkorea, das 1950 noch eine Lebenserwartung von nur 35,4 Jahren hatte, soll gemäß Prognosen bis 2032 das Land mit der höchsten Lebenserwartung der Welt sein (Männer: 84 Jahre; Frauen: 92 Jahre).[90]
Gesundheitserwartung
Weil die Zahl der erreichten Jahre nicht alles ist, stellt man auch Überlegungen zur Erfassung der statistisch zu erwartenden gesunden Lebensjahre an (Healthy life years statistics).[91] Ein weiterer mit der Lebenserwartung eng zusammenhängender Indikator ist die gesunde Lebenserwartung (auch: behinderungsfreie Lebenserwartung oder gesunde Lebensjahre). Damit wird die Zahl der Jahre bezeichnet, „die eine Person voraussichtlich in guter gesundheitlicher Verfassung leben wird“.[92] In Deutschland wurde die „gesunde Lebenserwartung bei Geburt“ mit 68,5 Jahren für Frauen und 64,8 für Männer angegeben (bei großen einkommensabhängigen Unterschieden).[93]
→ Hauptartikel: Gesundheitserwartung
→ Hauptartikel: Krankheitsbereinigte Lebensjahre
→ Hauptartikel: Global Burden of Disease
Lebenserwartung anderer vielzelliger Lebewesen
Die Überlebenskurve für Mensch, Elefant, Krähe, Eidechse und Löwenzahn mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
Die Lebenserwartung kann auch für manche Tiere und Pflanzen ermittelt werden. Sie ist von vielen Faktoren abhängig, von der Spezies, von den Lebensbedingungen, von Krankheiten und Fressfeinden, und beispielsweise von der Temperatur, vom Sauerstoffumsatz und vom Grundumsatz. Für Einzeller, die sich durch Zellteilung vermehren und Sporen bilden können, lässt sich dagegen keine arttypische Dauer für eine durch Geburt und Tod des Individuums bestimmte Lebensspanne angeben.
Beispiele für besondere Kurzlebigkeit
Einige Arten von Bauchhärlingen leben nur etwa drei Tage und gehören damit zu den kurzlebigsten Vielzellern. Manche Insekten (beispielsweise Eintagsfliegen) können zwar insgesamt mehrere Jahre leben, aber als adulte Tiere verbringen sie oft nur Stunden, woraus sich ihr Name ableitet. Sie sind in diesem Stadium nicht einmal zur Nahrungsaufnahme befähigt und tragen keine funktionsfähigen Mundwerkzeuge.
Die vier- bis fünfmonatige Lebensdauer des Chamäleon Furcifer labordi gilt als die kürzeste Lebensdauer, die jemals für ein vierbeiniges Landwirbeltier bestimmt wurde.
Beispiele für besondere Langlebigkeit
Die Langlebigkeit von Elefanten, Schildkröten, Papageien und Kieferngewächsen ist allgemein belegt. Eishaie können über 400 Jahre alt werden.[94] Es wurden Mammutbäume gefällt, für die anhand von Jahresringen (dendrologisch) ein Alter von über 3000 Jahren bestimmt wurde.[95] Von der Langlebigen Kiefer sind über 5000 Jahre alte Exemplare[96] bekannt.
Als langlebigste Tiere gelten Glasschwämme. Für den antarktischen Riesenschwamm Anoxycalyx joubini wurde eine Lebenserwartung von 10.000 Jahren errechnet. Für einen fossilen Glasschwamm Monorhaphis chuni im Ostchinesischen Meer wurde ein Alter von 11.000 ± 3.000 Jahren anhand von ‚Jahresringen‘ seiner Siliziumoxidnadeln geschätzt.[97]
Bakterien können in Form von Sporen mehrere Jahrtausende überdauern. So wurden aus Salzlagerstätten Meeresbakterien in vermehrungsfähiger Form gewonnen. Aus den Sporen im Magen von in Bernstein fossilierten Bienen konnten sogar über 100 vermehrungsfähige Bakterienarten gewonnen und identifiziert werden, die 25 bis 40 Millionen Jahre überdauert hatten.[98] Diese Art der Überdauerung als Sporen hat nichts mit Lebenserwartung zu tun, da Sporen wesentliche Eigenschaften von Leben fehlen (Stoffwechsel).
Durch Knospung auseinander hervorgehende Organismen (Bakterien, Süßwasserpolypen) scheinen prinzipiell unsterblich, jedoch lässt diese Betrachtungsweise außer Acht, dass mit jedem Knospungsereignis ein Generationswechsel erfolgt, damit ein Neubeginn eines Individuums.
Die entdeckten Mikroorganismen
2020 berichteten Meeresbiologen über die Entdeckung von 101,5 Mio. Jahre alten Mikroorganismen in einer Art Winterschlaf etwa 75 m unter dem Meeresboden. Diese Mikroben konnten 2018 im Labor wiedererweckt werden. Seit dem Jahr 2000 gilt ein geschätzt 250 Millionen Jahre altes Bakterium als ältestes Lebewesen auf der Erde. Der Mikroorganismus mit dem heutigen Namen „Bacillus permians“ wurde in einem Labor der West Chester University in Pennsylvania von den Forschern um Russell H. Vreeland entdeckt.[99][100] Das tatsächliche Alter von B. Permians ist aber fraglich.[101]
Einfluss des Menschen
Tiere in Gefangenschaft, den artgerechten Bedingungen nachempfindend gehalten und vor Fressfeinden, extremen Wetterverhältnissen und Nahrungsknappheit geschützt, erreichen oft ein sehr viel höheres Alter als in freier Wildbahn, während Schlachttiere systembedingt ein wesentlich kürzeres Leben haben.
In den industrialisierten Ländern ist die Lebenserwartung bei Heimtieren, insbesondere von Hunden und Katzen, seit dem Ende des 20. Jahrhunderts stark gestiegen. Dies liegt insbesondere an den verfügbaren veterinärmedizinischen Möglichkeiten. Dabei werden auch bei Haustieren zunehmend sogenannte „Wohlstandserkrankungen“ wie Diabetes, Krebs oder selbst Demenz diagnostiziert und behandelt.[102]
Ernährung
Die Menge der konsumierten Nahrung hat Einfluss auf die Lebensdauer. Bei einer Vielzahl von Tierarten konnte nachgewiesen werden, dass ein reduzierter Speiseplan, eine sogenannte Kalorienrestriktion, die Lebensspanne deutlich verlängern kann. In einer Studie konnten 115 Substanzen die Lebenserwartung von Fadenwürmern zwischen 30 % und 60 % verlängern. Eine der wirksamen Substanzen, die in der Struktur einem Antidepressivum ähnelt, wurde näher untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass sie die Reaktion auf den körpereigenen Botenstoff Serotonin beeinflusst, der beim Menschen auch für das Hungergefühl zuständig ist.[103] Nach der Nahrungsaufnahme wird das anabole Hormon Insulin ausgeschüttet, es wirkt stoffwechselanregend und fördert die Teilung mancher Zellen (etwa die Adipozyten). Bei karger Nahrung wird weniger Insulin ausgeschüttet, die Zellen leben länger.
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Allegorische Darstellung des Todes – Grabmal auf dem Nordfriedhof in WiesbadenDer menschliche Schädel ist als Totenkopf weltweit ein Symbol für den Tod.Im Garten des Todes, Hugo Simberg (1906)
Der Tod (wie englischdeath und to die von germanisch dauþus ‚Tod‘, und *dau bzw. dawjan, ‚sterben‘)[1] ist (als sogenannter biologischer Tod bei einem Lebewesen) „das endgültige Versagen aller lebenserhaltenden Funktionsabläufe“,[2] in der Medizin auch definiert als „irreversibler Stillstand von Kreislauf und Atmung“.[3] Insbesondere beim Menschen versteht man unter Tod das „Lebensende eines Individuums, medizinisch beschrieben als irreversibler Hirnfunktionsausfall“.[4][5] Das Adjektiv zu Tod ist tot.
Die aktive Beendigung von Leben wird als Tötung oder Töten bezeichnet. Der Übergang vom Leben zum Tod wird Sterben genannt, der eingetretene Tod auch lateinisch Exitus letalis, kurz auch Exitus (lateinisch für „Ausgang“ oder „Ende“ im Sinne von „schlimmer Ausgang“ oder „Verderben“[6][7]). Die griechische Bezeichnung lautet thánatos (θάνατος), die lateinische mors.
Schwierigkeit einer Definition
„Eine wissenschaftlich exakte Definition des Todes existiert nicht.“[8]
Zur Frage, was der Tod (vereinfacht definiert als das Ende des Lebens) ist, gibt es insbesondere in Religion und Philosophie unterschiedliche Vorstellungen und vielfältige Auffassungen.[9] Die Schwierigkeit einer für alle Lebewesen gültigen Definition lässt sich durch die Beispiele Tod von Einzellern und Tod von Säugetieren verdeutlichen. Im ersten Fall ist der Tod entweder durch den unumkehrbaren Verlust der Zellintegrität (Lyse) oder den unumkehrbaren Verlust der Zellteilungsfähigkeit (durch Zerstörung des Genoms) definiert, im zweiten Fall durch die unumkehrbare Desintegration lebensnotwendiger Organe wie des Herzkreislaufsystems und des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), was wiederum durch das Absterben der einzelnen Zellen ausgelöst wird. Das Sterben ist (als „Todessyndrom“[10]) ein Prozess und das Eintreten des Todes lässt sich selten exakt einem Zeitpunkt zuordnen.
Eine klassische (humanmedizinische) Definition des Todes lautet „irreversibler Stillstand von Kreislauf und Atmung“ und trifft so auch bei 99 % aller Menschen[11] zu. Wenn ein irreversibler Verlust aller Hirnfunktionen vorliegt, „so spricht man vom Hirntod und setzt diesen dem Individualtod (= klinischer Tod) gleich“,[12][13] wobei es sich beim Begriff Hirntod nur um ein Todeskriterium handelt.[14] Ein toter (bzw. verstorbener) Organismus befindet sich in einem Zustand, in dem alle Lebensfunktionen erloschen sind. Bei Menschen wird der Eintritt des (irreversiblen) biologischen Todes, bei dem auch kein Herzschlag mehr nachweisbar ist, klinisch gegen den „Hirntod“ abgegrenzt, den irreversiblen Hirnfunktionsausfall[15] bzw. den „Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“. Ein ohne Großhirn geborenes Kind könnte auch Jahrzehnte am Leben bleiben.[16] Der Philosoph Dieter Birnbacher schrieb 1995: „Ein Mensch kann den ‚Tod‘ seines Herzens überleben, nicht aber den ‚Tod‘ seines Gehirns.“[17]
Geschichte
Seit biblischen Zeiten war der Atemstillstand das primäre Todeskriterium. Dies wurde mit dem Ausbleiben der Bewegung einer Feder oder des Beschlagens eines kleinen Spiegels festgestellt, die vor Mund und Nase gehalten wurden. Im 18. Jahrhundert erkannte man die Unzuverlässigkeit dieser Methode. Wegen der damals verbreiteten Angst vor einer Bestattung als Lebendiger wurden viele ausgefeilte Gerätschaften entwickelt, mit denen Scheintote signalisieren konnten, dass sie noch am Leben waren. 1740 schlussfolgerte ein Buch, dass die Verwesung das einzig sichere Todeszeichen sei.[18]
Mit der Einführung des Stethoskops im 19. Jahrhundert verlagerte sich die Aufmerksamkeit von der Atmung auf den Herzschlag als ein zuverlässigeres Todeszeichen. Daneben wurden folgende Zeichen erkannt: schlaffe Augäpfel, ein fehlender Pupillenreflex, sowie ein Blutstau in den Netzhautvenen, der kurz nach dem Tod mit einer Ophthalmoskopie feststellbar ist und ‘‘railroading’’ oder ‘‘cattle-trucking’’ heißt. In der Praxis werden diese Zeichen nicht immer vollständig untersucht und es kommt gelegentlich zu Fehldiagnosen, die erst in der Leichenschauhalle erkannt werden. Die besondere Gefahr einer Fehldiagnose bzw. einer Simulation des Todes besteht bei Drogenüberdosis, Hypothermie, Elektrokution und dem Ertrinken. Ein Elektrokardiogramm gibt heute zuverlässigeren Aufschluss über die Herzfunktion als ein Stethoskop.[19] Andere Todeszeichen waren die Totenstarre und die Hypothermie des Körpers in warmer Umgebung.
In den 1950er-Jahren entwickelte Wiederbelebungs- und Lebenserhaltungstechniken wie künstliche Beatmung, Defibrillator und Herz-Bypass haben die Situation verkompliziert und eine neue Definition des Todes unter künstlichen Bedingungen erforderlich gemacht - den Hirntod. Der zugleich aufkeimenden Gewebs- und Organtransplantation folgte die Einsicht, dass der Tod ein dynamischer Prozess und kein statisches Ereignis ist, weil nicht alle Organe und Gewebe gleichzeitig absterben. Die 1968 verabschiedete Erklärung von Sidney der World Medical Association hielt die Gewissheit, dass der Todesvorgang unumkehrbar ist, für wichtiger als den Todeszeitpunkt einzelner Organe und Zellen.
Der Tod beginnt meist mit einem Herz- und Kreislaufstillstand, seltener mit einem Atemstillstand. In beiden Fällen kommt es wegen Sauerstoffmangels innerhalb weniger Minuten zum Hirntod. Organe wie die Nieren sind noch eine Stunde nach dem Tod funktionsfähig und können transplantiert werden, die Hornhaut oder Knochen sogar viele Stunden später.
Tod als biologisches Phänomen
Alle einzelligen Lebewesen wurden traditionell als potenziell unsterblich klassifiziert, sie würden nur durch widrige Umwelteinflüsse ums Leben kommen und ohne solche unbegrenzt weiterleben. Einzeller würden demnach nicht aus intrinsischen Gründen sterben, sondern nur durch Unfälle oder Feinde.
Neben dem Tod durch Umwelteinflüsse ist aber zumindest bei einigen Arten, vermutlich aber weit verbreitet oder sogar universell, der Tod auch bei Einzellern unter bestimmten Bedingungen genetisch „programmiert“. Bei einzelligen Organismen gibt es den programmierten Zelltod, der auf ganz ähnlichen genetischen Mechanismen wie bei Mehrzellern beruht. Beschrieben wurde er etwa an der einzelligen Alge Chlamydomonas reinhardtii oder dem parasitischen Protozoen Trypanosoma cruzi und sogar bei dem prokaryotischen Darmbakterium Escherichia coli. Da die Vorgänge anhand mehrzelliger Organismen definiert worden sind, wirft ihr Auftreten bei Einzellern nomenklatorische Probleme auf.[20] Der programmierte Zelltod bei Einzellern beruht, wie bei Mehrzellern auch, auf Kommunikationsvorgängen der Einzelzellen untereinander, er ist also evolutiv entstanden und gesteuert.[21] Dabei kommt der „freiwillige“ Tod von einigen Individuen unter schwierigen Bedingungen anderen derselben Art zugute.[22] Er kann also durch Mechanismen der Verwandtenselektion erklärt werden.[23]
Mit dem Aufkommen der Mehrzelligkeit geht bei den meisten Mehrzellern eine Differenzierung der Zellen in Keimzellen und Körperzellen einher. Die Keimzellen bilden bei vielen Mehrzellern eine Keimbahn. Sie sind wie Einzeller potentiell unsterblich. Die den Körper bildenden Körperzellen können sich zwar teilen, unterliegen aber Alterungsprozessen und sterben ab. Stirbt die Gesamtheit der Körperzellen eines vielzelligen Organismus, dann bilden sie eine Leiche.[24] Die „Erfindung“ der Leiche geht somit mit der Mehrzelligkeit einher.
Die biologische Begründung für den natürlichen Tod – und das Altern – wird von Wissenschaftlern im Mechanismus der Evolution vermutet: Hat ein Lebewesen sein Erbgut erfolgreich weitergegeben (sind die Nachkommen überlebensfähig), dann existiert das Erbgut in den Nachkommen fort. Ereignisse, die erst nach der letzten erfolgreichen Weitergabe des Erbguts auf den weitergebenden Organismus wirken, haben keine direkte Auswirkung auf den Genpool der Art. Folglich können sich im Erbgut Faktoren ansammeln, die das weitere Leben nach der erfolgreichen Erbgutweitergabe bestimmen, ohne dass sie dem Selektionsdruck ausgesetzt sind. Dazu zählen Erbkrankheiten, die erst im fortgeschrittenen Alter ausbrechen, wie die Nervenkrankheit Chorea Huntington. Diese „genetisch unaufgeräumten Winkel“ verursachen, so die Theorie, den Alterstod. Dass der Alterstod nicht zwangsläufig sein muss, zeigen Experimente mit bestimmten Seegurken-Arten: Diese konnten über Jahrzehnte am Leben erhalten werden, ohne dass Alterungserscheinungen auftraten. Voraussetzung für die völlige Aussetzung der Selektion ist, dass es ein Alter gibt, von dem an eine Fortpflanzung nicht mehr möglich ist. Bei Lebewesen, die sich durch Knospung vermehren, ist dies oft nicht gegeben. Diese sollten nach dieser Theorie potenziell unsterblich sein.
Zwei Faktoren können jedoch nach der „Erbgutweitergabe“ einen Selektionsdruck auf Gene bewirken, die sich auf den Todeszeitpunkt auswirken:
Bei höher entwickelten Lebewesen ziehen die Eltern ihre Nachkommen groß. Sterben die Eltern während dieser Zeitspanne, verringern sich die Chancen für das Überleben der Nachkommen und somit auch für die Weitergabe ihres Erbgutes an die nächste Generation.
Andererseits würde ein extrem langes Weiterleben nach der Fortpflanzung oder gar nach dem Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit dazu führen, dass für die Nachkommen weniger Platz und Ressourcen in ihrem Habitat vorhanden sind. In dieser Hinsicht ist der Tod der Eltern nützlich und notwendig für die Nachkommen.
Evolutionsbiologisch betrachtet, hat eine rasche Abfolge der Generationen den Vorteil, dass eine schnellere Anpassung an veränderte Umweltbedingungen möglich ist: Veränderter Selektionsdruck kann dann rasch zu einer Veränderung des Genpools führen. Dem steht entgegen, dass für komplexere Lebewesen längere Entwicklungs- und Lebensspannen (Zeitspannen für die Fortpflanzung) erforderlich sind.
Todesursachen
→ Hauptartikel: Todesursache
„Herzog Friedrich Wilhelm auf dem Totenbett“ von Mathieu Ignace van Brée, einen Tag nach dem Tod des Herzogs in der Schlacht bei Quatre-Bras gemalt
Todesursachen werden in der Medizin im Fachgebiet Epidemiologie behandelt. Es gibt häufige, seltene und geschlechtsspezifische Todesursachen beim Menschen. Die Mortalität drückt die Wahrscheinlichkeit aus, an einer Krankheit zu sterben, unabhängig davon ob man an ihr davor erkrankt ist oder nicht. Sie bezieht sich also auf die Gesamtbevölkerung. Dagegen drückt die Letalität die Wahrscheinlichkeit aus, an einer Krankheit zu sterben unter der Voraussetzung, dass man an ihr davor erkrankt ist. Im engeren Sinne unterscheidet man beim Eintritt des Todes einerseits konkret fassbare Ursachen, andererseits werden aus den jeweiligen Umständen des Todes einer Person abgeleitete, psychogene Faktoren diskutiert, die als Ursache des Todes in Erscheinung treten sollen.
Zu den natürlichen Todesursachen zählen Krankheiten und das Versagen von Körperfunktionen.
Zu den nicht natürlichen Todesursachen rechnet man Verletzungen (Unfälle, Verbrechen, Krieg), Vergiftungen und Suizide. Bei Verkehrsunfällen beispielsweise versterben viele der Unfallopfer an den Folgen eines Polytraumas.
Der Anteil tödlicher (todbringender) Herz-Kreislauferkrankungen, Unfälle und Verletzungen sinkt. In Deutschland ist zwischen 1990 und 2004 die Rate der durch Herz-Kreislauf-Krankheiten und sogenannte äußere Ursachen bedingten Todesfälle deutlich zurückgegangen. Die Sterblichkeitsraten bei Herz-Kreislauf-Krankheiten reduzierten sich zwischen 1990 und 2004 bei Männern um 38,2 und bei Frauen um 33,1 Prozent. Die Sterblichkeit infolge äußerer Ursachen sank bei Männern um 32,7, bei Frauen um 40,1 Prozent. Dagegen ging die Krebssterblichkeit bei Frauen nur um 15,8 und bei Männern um 18,7 Prozent zurück. 2011 waren in Deutschland 40,2 % der Todesfälle auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 26 % auf Krebserkrankungen zurückzuführen.[25]
Der Übergang vom Leben zum Tod
Video: Was im Körper beim Sterben passiert (1:31 min)
Der Sterbevorgang ist der Übergang vom Leben zum Tod. Die genaue Grenze zwischen Leben und Tod ist schwer zu definieren. Je weiter man von der Grenzzone zwischen beidem entfernt ist, desto klarer scheint der Unterschied zwischen Leben und Tod, je näher man an der Grenze ist, desto unschärfer wird sie. So können Lebewesen, die bereits einen Herzstillstand haben, manchmal erfolgreich wiederbelebt werden (s. a. Nahtoderfahrung). In den ersten 20 bis 30 Minuten nach Herzstillstand kann die Todesfeststellung schwierig sein; auch besteht bei Unterkühlungen, Elektrounfällen, metabolischen Komata, Vergiftungen und hypoxischer Hirnschädigung die Möglichkeit eines Scheintodes (Vita minima).[26] Deshalb empfehlen Regeln zur Durchführung der ärztlichen Leichenschau in solchen Fällen Wiederbelebungsmaßnahmen und Einweisung in ein Krankenhaus.[26]
Es können nicht nur einzelne Zellen und Gewebe, sondern auch das Rückenmark (als Teil des Zentralnervensystems) während des „intermediären Lebens“ noch viele Stunden nach eingetretenem Hirntod auf äußere Einflüsse reagieren. Hier hängt das Festlegen des Todeszeitpunkts von der Art und Weise der Definition ab.
Todesfeststellung
In Deutschland ist es Aufgabe eines Arztes, den Tod eines Menschen bei der regulären Leichenschau anhand sicherer Todeszeichen festzustellen[26] und darüber eine ärztliche Bescheinigung auszustellen.[27]
Nach Funktionsverlust von Atmungs-, Kreislauf- und Zentralnervensystem[28] (dem potenziell reversiblen „klinischen Tod“) können gegebenenfalls die körperlichen Funktionen maschinell und medikamentös aufrechterhalten werden. Um in dieser Situation den Tod des Menschen festzustellen, muss der irreversible Hirnfunktionsausfalls (IHA, Hirntod) diagnostiziert werden. Dazu darf unter anderem keine eigenständige Atmung mehr vorliegen und keine neurologische Aktivität (gemessen mittels EEG) mehr nachweisbar sein. Die Definition des Hirntodes gehört in Deutschland zu den Grundlagen des Transplantationsgesetzes und wurde zuletzt 2022 durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer angepasst.[29] Die in Deutschland gültige Richtlinie zur Hirntodfeststellung bietet im internationalen Vergleich eine hohe Diagnosesicherheit ohne bestätigte Fehldiagnosen.[30]
Für eine Organentnahme zur Transplantation wird der diagnostizierte Hirntod des Organspenders vorausgesetzt. Bis zur Entnahme der Organe werden die Organfunktionen durch organprotektive Intensivtherapie aufrechterhalten, da die entnommenen Organe sonst irreversibel geschädigt würden und nicht mehr transplantierbar wären.
Der Tod von Menschen aus rechtlicher Sicht
Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland und der Schweiz dar. Bitte hilf uns dabei, die Situation in anderen Staaten zu schildern.
Gesetzliche Definition
Deutschland
Im deutschen Recht gibt es keine gesetzliche Definition des Todes. In der Regel stellt ein Arzt den Tod eines Menschen bei der Leichenschau anhand sicherer Todeszeichen fest[26] und stellt eine ärztliche Bescheinigung aus.[31]
Der Sterbefall ist spätestens am dritten auf den Tod folgenden Werktag mit Vorlage der Todesbescheinigung dem zuständigen Standesamt anzuzeigen (§ 28 Personenstandsgesetz), welches den Sterbefall beurkundet und eine Sterbeurkunde erteilt. Meldepflichtig sind nach § 29 und § 30 PersStG Mitbewohner der Wohnung, in der der Verstorbene gelebt hat, und Leiter von Anstalten, Kliniken, Heimen, wenn der Verstorbene dort gestorben ist.
Der tote menschliche Körper ist ein Leichnam, der totenfürsorgebedürftig ist. An einer Leiche gibt es kein Eigentum, sondern nur Aneignungsrechte. Die Totenfürsorgepflichtigen sind nach Bestattungsrecht der Bundesländer zur Durchführung der Bestattung verpflichtet (siehe auch Bestattungspflicht). Der Erbe ist nach § 1968 BGB zur Zahlung der Bestattungskosten verpflichtet.
Das Transplantationsrecht verlangt für eine Organentnahme bei einem Menschen (neben anderen Voraussetzungen) kumulativ den Tod des Organspenders (§ 3 Abs. 1 Nr. 2 TPG) sowie den endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms (Gesamthirntod, § 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG). Damit hat der Gesetzgeber keine Definition des Todes vorgenommen, sondern den Gesamthirntod lediglich als notwendige Bedingung für die Organentnahme festgeschrieben. In der Rechtspraxis wird allerdings unter Tod i. S. d. § 3 Abs. 1 Nr. 2 TPG der Gesamthirntod verstanden. In zumeist ausdrücklicher Anlehnung an das Transplantationsrecht greift die Rechtsprechung auch in anderen Rechtsgebieten in Zweifelsfällen auf den Gesamthirntod als Todesdefinition zurück.
Schweiz
Das Schweizer Transplantationsgesetz vom Dezember 2003 definiert in Art. 9 Satz 1 den Tod eines Menschen als den „irreversiblen Ausfall der Funktionen seines Hirns einschließlich des Hirnstamms“.
Erbrecht
Der genaue Todeszeitpunkt kann bei erbrechtlichen Fragen eine Rolle spielen. Mit dem Tod endet die Rechtsfähigkeit des Menschen, wenn auch das postmortale Persönlichkeitsrecht und gewisse weitere Schutzrechte (z. B. in Form der Schweigepflicht) fortdauern.
Rechtsmedizin
Zur Aufklärung von Verbrechen sowie für Erbschaftsfragen ist gelegentlich die Feststellung der Todesursache oder die Feststellung des Todeszeitpunktes von Bedeutung. Dies ist Aufgabe der Rechtsmedizin.
Todesursache
Bei den – zumindest aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht – konkret fassbaren Todesursachen versucht man, die gewaltsamen von den nicht gewaltsamen Todesursachen zu unterscheiden. Diese grobe Unterteilung wird von den für die Untersuchung zuständigen Amtspersonen mit dem Begriff Todesart bezeichnet und kennt die Möglichkeiten natürlich und nicht-natürlich. Die Bezeichnung als ungeklärt benennt ein unvollständiges (manchmal vorläufiges) Untersuchungsergebnis. Eine nach dem Tod eines Individuums letztlich ermittelte „Todesursache“ ist eine rekonstruktive Formulierung, die das Ergebnis eines umsichtigen Einreihens der einzelnen zur Verfügung stehenden Beobachtungen in einen Erfahrungsrahmen ist, die umso besser gelingt, je mehr Beobachtungen zur Verfügung stehen.
Die Formulierung von Todesursachen kann Fehlern unterliegen: beispielsweise ungenügende Untersuchung der verstorbenen Person oder Verkennen kausaler Zusammenhänge. Das Spezifitäts-Paradox ist ebenfalls ein nicht seltener Fehler: Nur weil eine bestimmte Beobachtung besonders genau dokumentiert wurde, ist sie nicht allein deswegen der wichtigste Faktor im pathophysiologischen Sterbeprozess. Die Untersuchung einer Todesursache bedingt, je nach konkreter Fragestellung, eine äußere Leichenschau, eine autoptische Leichenöffnung und eine toxikologische Untersuchung mit der Frage nach Vergiftung. Die Frage nach Vergiftung durch Drogen wie Alkohol oder Medikamente oder durch andere Substanzen kann bei ausschließlich äußerer Untersuchung meist nicht beantwortet werden.
Welche Untersuchungsschritte zur Etablierung einer Todesursache unabdingbar sind, hängt zum einen vom öffentlichen Anspruch an das Ergebnis der Todesursachenbestimmung ab, zum anderen von den konkreten Gegebenheiten. Es gibt Ereignisarten, die im Interesse einer funktionierenden Rechtspflege nicht übersehen werden sollten; dazu gehören Tötungen, Vernachlässigungen, medizinische Behandlungsfehler, Unfälle als Folge technischer Mängel, Unfälle als Folge verantwortungslosen Handelns; und man kennt meldepflichtige infektiöse Erkrankungen, deren Vorliegen mitunter nach Abschluss einer amtlichen Untersuchung konstatiert werden kann.
Die von Amtes wegen vorgeschriebene Strategie zur Untersuchung von Todesursachen unterscheidet sich daher von Gesetzgebung zu Gesetzgebung. Zweckmäßig ist mindestens
das routinemäßige Durchführen einer toxikologischen Untersuchung von Blut und Urin,
die routinemäßige Inspektion der äußeren Körperoberfläche und
die routinemäßige Untersuchung der dem Tod vorausgehenden Umstände und der Auffindesituation bei jedem Todesfall durch
geschultes Personal.
Ohne triftigen Grund sollte keiner dieser vier für die Todesursachen-Untersuchung wichtigen Bereiche ausgelassen werden. Es erstaunt daher nicht, dass Gesetzgebungen, die auf eine oder mehrere dieser vier für die Todesursachen-Untersuchung wichtigen Bereiche verzichten, zu Überraschungen führen können.
Todeszeitpunkt
Bei Menschen ist der Todeszeitpunkt, besonders bei Verdacht auf eine Straftat, für die Rechtsmedizin von juristischer Relevanz. Zur Feststellung des Todeszeitpunktes oder der Leichenliegezeit stehen der Rechtsmedizin verschiedene Methoden zur Verfügung. So geben die Beurteilung der Leichenflecken sowie der Leichenstarre (Beginn der Totenstarre nach 2–4 Stunden, volle Ausprägung nach 6–8 Stunden, Lösung nach 2–3 Tagen) ebenso Anhaltspunkte wie die mechanische und elektrische Erregbarkeit der Muskulatur. Als eine der genauesten Methoden (bei kürzlich Verstorbenen) gilt die temperaturgestützten Todeszeitschätzung, bei der die Körperkerntemperatur bestimmt wird und unter Berücksichtigung der Außentemperatur, des Körpergewichtes und der Auffindungsumstände zur Berechnung der Abkühlzeit und Bestimmung des Todeszeitpunktes benutzt werden.[32]
Zudem gibt es die forensische Entomologie, durch die die langfristige Leichenliegezeit, durch die Auswertung von Insekten, die im Zuge der Verwesung tote Körper besiedeln, eingegrenzt werden kann. Kriterien sind hierbei neben der Intensität der Besiedlung auch die vorhandenen Spezies sowie ihre Entwicklungsstadien.[33]
In der Philosophie und Religion
Video: Der Umgang mit dem Tod in den Religionen
Zu den Konsequenzen des Todes für das betroffene Individuum lassen sich vier philosophische Grundhaltungen unterscheiden:
Der Tod ist das endgültige Ende der körperlich-organischen und der aktiven, physisch feststellbaren geistigen Existenz eines Lebewesens (z. B. Ganztodtheorie)
Der Tod ist nur eine Phase, die schließlich zu einem neuen individuellen Leben führt (Wiederverkörperung durch Reinkarnation)
Der Tod ist der unumkehrbare Übergang in einen anderen Seinszustand (Weiterleben in einem Totenreich, Jenseits, Auferstehung, Himmel, Unsterblichkeit), siehe auch Leben nach dem Tod
Leben und Tod sind indifferent (in einigen mystischen Richtungen, wie im Zen)
Unterschiedliche Auffassungen in Religionen und philosophischen Richtungen werden im Artikel Leben nach dem Tod behandelt (s. a. Nahtoderfahrungen).
Siehe auch: Tod (Judentum)
Nachtod-Kontakt zu toten Menschen und Medium
→ Hauptartikel: Medium (Person)
Manche glauben an Nachtod-Kontakte oder daran, dass ein Medium Kontakte zu verstorbenen Menschen herstellen kann. Dieser „Mediumismus“ ist besonders in England, Wales und in der Schweiz verbreitet.
Rezeption, der Umgang mit dem Tod in der Gesellschaft
Der Umgang mit dem Tod fällt in der heutigen Gesellschaft schwer, so gibt es nur für wenige Begriffe so viele Synonyme und abmildernde Bezeichnungen wie für den „Tod“.
Der direkte Umgang mit dem Tod ist seltener geworden, da er häufig nicht mehr im Kreise der Familie oder inmitten von Gefährten (wie im Krieg oder im Katastrophenfall) eintritt, sondern in Kliniken und der Leichnam daraufhin von Bestattungsunternehmen übernommen wird.
Kultursoziologischer Ansatz
Der soziale Umgang mit dem Tod hängt zunächst stark davon ab, ob eine Kultur den „Tod“ als Tatsache verneint oder bejaht.[34] Sie betonen damit eine der beiden Möglichkeiten, die in jedem einzelnen Menschen psychisch präsent sind, denn einerseits lernt er glaubhaft bereits im Jugendalter „Alle Menschen sind sterblich“ und andererseits hat er bis an die Schwelle von schwerer Krankheit oder Alter die innerliche Überzeugung, er lebe immer weiter.
Verneint eine Kultur die Endgültigkeit des Todes, so müssen bereits die Lebenden einerseits mit dem Weiterwirken der Verstorbenen rechnen und diese eventuell fürchten, andererseits sich auf ihren eigenen physischen Tod einstellen, um ihr andersartiges Weiterleben zu optimieren, beispielsweise, um Strafen für diesseitige Schuld im Jenseits zu vermeiden. Entsprechend entwickeln solche Kulturen Konzepte des körperlichen oder geisterhaften Weiterlebens, der Wiedergeburt, des Ewigen Lebens und entsprechende Bräuche und Rituale, wie behausende Bestattungsformen, Ahnenkulte, Opfer und Fürbitten.
Verneint eine Kultur jedes diesseitige oder jenseitige Weiterleben, sieht sie also den Tod als endgültig an – wie die alten Griechen den Hades –, so sind ihre Mitglieder ganz darauf verwiesen, ihr Diesseits zu gestalten und ihr Weiterleben im Diesseits zu beeinflussen, vor allem also für ihr Angedenken, im stärksten Fall für ihren Nachruhm zu sorgen. Hier finden sich darauf abgestimmte Bräuche und Rituale (Trauer, erinnernde Grabmale, regelmäßige Gedenktermine, Gedenkstätten).
Psychoanalytischer Ansatz
Hier wird mit der Entgegensetzung und -wirkung des Sexual- und des Todestriebs in jedem Einzelnen gearbeitet.[35] Beide Triebe sind nicht auslebbar, also müssen sie minder oder mehr unterdrückt werden. Dies geschieht nicht nur bewusst, sondern – angesichts der Stärke dieser Triebe vorhersehbar – auch unbewusst. Entsprechend wird der Tod verdrängt oder so verarbeitet, dass er ins Vorbewusste zurücktritt und alltags den Menschen nur gelegentlich behelligt. Doch verschwindet er nicht völlig, sondern macht sich in Gewohnheiten, wie regelmäßigen angstvollen Gebeten, Träumen oder Neurosen, bemerkbar.
Wie viel Triebunterdrückung nötig erscheint, hängt wiederum von der jeweiligen Kultur ab – von der vorherrschenden Todesbejahung (als Heldentod) bis zur vorherrschenden Todesverneinung (als Höllenangst).
Forschung und Wissenschaft
Mehrere Wissenschaften befassen sich direkt mit dem Tod und, im Zusammenhang damit, mit den Sterbenden und Hinterbliebenen:
Thanatologie
Thanatosoziologie (als spezielles Teilgebiet der Soziologie)
Palliativmedizin
Psychologie
Theologie
Philosophie
Pädagogik
Der Tod des Menschen gehört zum Forschungsbereich der Sterbeforschung und dort insbesondere die Nahtoderfahrung.
In der Kunst
Der Tod, Kupferstich um 1494 bis 1496.[36]Verstorbenes Liebespaar, Gemälde eines unbekannten oberrheinischen Künstlers, um 1470 (Straßburg, Frauenhausmuseum)Hans Baldung Grien: „Tod und Frau“ (1518–1520)
Oftmals wird der Tod in der Kunst personifiziert, etwa als Sensenmann (manchmal mit Stundenglas), oft als Skelett („Knochenmann“), gelegentlich auch als halbverweste Leiche dargestellt. Von Künstler geschaffene Personifizierungen finden sich etwa
in Albrecht Dürers Der Tod
in sogenannten Totentänzen wie bei Hans Holbein der Jüngere
in der Reihe Totentanz von Daniel Chodowiecki von 1791
in Johannes von Tepls Der Ackermann aus Böhmen,
im Märchen der Gebrüder Grimm Der Gevatter Tod,
in Hugo von Hofmannsthal Jedermann,
in Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür,
in Woody Allens Einakter Death Knocks („Der Tod klopft“, vertont von Christian Jost) oder
in Terry Pratchetts Mort („Gevatter Tod“).
in Paul Celans Gedicht Todesfuge heißt es: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.
in Michael Köhlmeiers Novelle Sunrise.
Ein zentrales Thema bildet der Tod bei Thomas Mann, so bereits in seinen frühen Erzählungen (Der Weg zum Friedhof, Der Kleiderschrank), vor allem aber in Der Tod in Venedig und Der Zauberberg.
Zentrales Thema ist der Tod auch in den Werken vieler anderer Autoren, wie in:
Lew Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch (1886)
Eyal Meggeds Unter den Lebenden (2015)
In der darstellenden Kunst wird die Vergänglichkeit des Lebens mit Hilfe verschiedener Vanitas-Symbole dargestellt. Der Tod wird oft als Skelett mit Sense (Sensenmann) oder Schädel gezeigt. Die Sense dient dazu, die Seele vom Körper zu trennen.
Das Faktum, das Jahr oder das Datum des Todes eines Menschen, aber auch das Ausgestorben-Sein einer Tier- oder Pflanzenart wird häufig, insbesondere in christlich dominierten Kulturen mit dem Schriftzeichen Kreuz † dargestellt. Für Bergleute und geschlossene Bergwerke gibt es die gekreuzten „Hämmer“ in der Orientierung der Hammerköpfe nach unten. Pfadfinder kennen dafür das Kreissymbol mit fettem Punkt in der Mitte mit der allgemeinen Bedeutung als Bodenzeichen „Ich habe meine Aufgabe getan“.
In der Alltagssprache
Abgestorbener Kameldornbaum im Sossusvlei
Der Tod von Menschen ist oft ein Tabuthema. Daher haben alle Sprachen euphemistische Ausdrücke, um den Tod zu umschreiben. Oft handelt es sich dabei um Ausdrücke, die anstelle der Endgültigkeit des Todes einen Übergang in ein potentielles Jenseits betonen. In der deutschen Sprache sind Euphemismen wie Verlassen, Heimgehen, die letzte Reise antreten gebräuchlich. Regional wird auch häufig „Abberufen werden“ (zum christlichen Gott) verwendet. Ein Soldat, der bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen ist, wird als Gefallener bezeichnet.
Bezeichnungen für den Tod, die auf einen eher familiären Umgang mit ihm hinweisen, sind: Boanlkramer, Freund Hein, Schlafes Bruder, Gevatter Tod, der Schnitter oder Hein Klapperbein.
Direkte Darstellungen des Todes als Wesen sind des Weiteren Boandlkramer, Charon, Dengelgeist, Shinigami, Davy Jones’ Locker oder Todesengel.
Es gibt verschiedene Vorstellungen, was nach dem Tod passiert: Fegefeuer, Limbus (Theologie), Partikulargericht, Leben nach dem Tod, Reinkarnation, Hölle oder Nichts.
Durchschnittswerte auf ganze Zahlen gerundet. Altersangaben: von … bis unter … Jahren. Überdurchschnittliche Zahlen sind rot markiert, unterdurchschnittliche grün. Je höher die Abweichung, desto kräftiger der Farbton.
Siehe auch
Portal: Tod – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Tod
Literatur
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Richard Béliveau, Denis Gingras: Der Tod. Das letzte Geheimnis des Lebens. — Daten, Fakten, Unerklärliches. München 2012, ISBN 978-3-466-34570-0.
Thorsten Benkel, Matthias Meitzler (Hrsg.): Zwischen Leben und Tod. Sozialwissenschaftliche Grenzgänge. Springer VS, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-22277-2.
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↑Vgl. auch Willibald Pschyrembel (Begründer), Christoph Zink (Bearbeiter): Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. 255. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1986, ISBN 3-11-007916-X, S. 1676 (Tod: irreversible Schädigung eines oder mehrerer der 3 lebenswichtigen Systeme (Atmungs-, Kreislauf- und Zentralnervensystem); der T. eines Menschen wird heute als Organtod des Gehirns aufgefaßt.)
↑Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage, besorgt von Johann Baptist Hofmann, I–III. Heidelberg 1938–1965, Band I, S. 406–409 (zu ire „gehen“, und exire „herausgehen“).
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↑Ernst Engelke: Die Wahrheit über das Sterben. Wie wir besser damit umgehen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2015, ISBN 978-3-499-62938-9, S. 21–24 (Was ist der Tod`?).
↑Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheintod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 118.
↑Hans-Peter Schlake, Klaus Roosen: Der Hirntod als der Tod des Menschen. 2. Auflage. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Neu-Isenburg 2001, ISBN 3-9807327-0-3, S. 16.
↑Wolfgang Schwerd: Forensische Thanatologie. In: Wolfgang Schwerd (Hrsg.): Kurzgefaßtes Lehrbuch der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln-Lövenich, 3., überarbeitete und ergänzte Auflage 1979, ISBN 3-7691-0050-6, S. 199–221, hier: S. 199.
↑Vgl. auch J. Gerlach: Individualtod – Partialtod – Vita reducta. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. 16, 1968.
↑Hans-Peter Schlake, Klaus Roosen: Der Hirntod als der Tod des Menschen. 2. Auflage. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Neu-Isenburg 2001, ISBN 3-9807327-0-3, S. 68.
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↑Hans-Peter Schlake, Klaus Roosen: Der Hirntod als der Tod des Menschen. 2. Auflage. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Neu-Isenburg 2001, ISBN 3-9807327-0-3, S. 7 und 14.
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↑Leiche. In: spektrum.de. Abgerufen am 9. Februar 2023.
↑Dazu Franz Borkenau: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Vorwort und Herausgeber Richard Löwenthal. Stuttgart 1995, ISBN 3-608-93032-9 (mit kritischer Behandlung zentraler Thesen Sigmund Freuds zum „Todestrieb“).