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Mikromort

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Ein Mikromort ist eine Maßeinheit für das Risiko und bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von 0,000001 (eins zu einer Million) zu sterben. Die Risikobehaftetheit von Tätigkeiten oder Umständen kann in Mikromort angegeben werden. Eine Mikrowahrscheinlichkeit (microprobability) ist eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt; ein Mikromort ist entsprechend die Mikrowahrscheinlichkeit des Todes. Der Mikromort wurde 1980 durch den Entscheidungstheoretiker Ronald A. Howard vorgeschlagen.[1]

Entscheidungsanalytische Anwendung

Risikoeinschätzung

Eine Anwendung von Mikromorts ist die Messung von durch Personen getroffenen Risikoeinschätzungen. So lässt sich beispielsweise die finanzielle Summe betrachten, für die eine befragte Person bereit ist, mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million zu sterben (oder auch die Summe, die jemand zu zahlen bereit ist, um eine solche Wahrscheinlichkeit zu vermeiden). Auf solche direkten Nachfragen hin werden hohe Summen genannt; doch aus Alltagsentscheidungen (z. B. dem Preis, den Menschen für zusätzliche Sicherheit ihres Autos zu zahlen bereit sind) lassen sich Werte um etwa 50 Dollar ableiten (im Jahr 2009).[2][3]

Baseline

Das durchschnittliche Risiko, an einem bestimmten Tag zu sterben, lässt sich aus der durchschnittlichen Lebensspanne ableiten. Beträgt sie beispielsweise 80 Jahre, so kommt auf diese etwa 29.200 Tage ein Tod. Daraus folgen durchschnittlich etwa 34 Mikromort pro Tag, bei durchschnittlich 90 Lebensjahren wären es etwa 30 Mikromort pro Tag. Solche Werte gelten für einen Bevölkerungsquerschnitt; die Anzahl Mikromort pro Tag variiert jedoch für Bevölkerungsgruppen unterschiedlichen Alters, Geschlechts oder Lebensstils.

Bei Betrachtung einer gesamten Population lässt sich die Anzahl der Personen, die pro Tag sterben, ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzen. Beispielsweise wurden 2019 im Vereinigten Königreich etwa 605.000[4] von rund 66.834.000[5] Einwohnern als tot registriert, also durchschnittlich täglich etwa 1657 Personen. Hierbei wurden alle Todesarten berücksichtigt; rückblickend lässt sich damit die durchschnittliche allgemeine Sterberate für das Jahr mit etwa 9 je 1 Tausend, für einen Tag mit etwa 25 je 1 Million angeben. Durch Klärung aller Todesfälle und Ausschluss der Fälle natürlichen Todes lässt sich das Risiko eines nicht natürlichen Todes berechnen. Im Vereinigten Königreich hatten durchschnittlich etwa 50 Todesfälle pro Tag keine natürliche Todesart,[6] das allgemeine durchschnittliche Risiko für einen nicht natürlichen Tod lag damit bei etwa 0,8 Mikromort pro Tag (höher lag es z. B. 2010[7] in den Vereinigten Staaten).

Risikofaktoren

Folgende Risikofaktoren entsprechen etwa einem Mikromort, weil sie mit einer gewissen messbaren Wahrscheinlichkeit die nachstehend genannten Todesursachen auslösen:[8][9]

  • 1,4 Zigaretten rauchen (Krebs, Herzerkrankungen)
  • 0,5 Liter Wein trinken (Leberzirrhose)
  • eine Stunde in einem Kohlebergwerk verbringen (Staublunge)
  • drei Stunden in einem Kohlebergwerk verbringen (Unfall)
  • zwei Tage in New York oder Boston leben (1979) (Luftverschmutzung)
  • zwei Monate in Denver leben (Krebs durch kosmische Strahlung)
  • zwei Monate mit einem Raucher zusammen leben (Krebs, Herzerkrankungen)
  • ein Jahr lang das Trinkwasser von Miami trinken (Krebs durch Chlor)
  • 100 über Kohle gebratene Steaks essen (Krebs durch Benzopyren)
  • 40 Esslöffel Erdnussbutter essen (Leberkrebs durch Aflatoxin B)
  • 6 Minuten Kanu fahren (Unfall)
  • 10 km mit dem Motorrad fahren (Unfall)[10]
  • 32 km mit dem Fahrrad (Unfall)[10]
  • 370 km mit dem Auto fahren (Unfall)[10]
  • 1609 km mit dem Flugzeug fliegen (Unfall)
  • 9656 km mit dem Flugzeug fliegen (Krebs durch kosmische Strahlung)
  • 9656 km mit dem Zug fahren (Unfall)[10]
  • sich einer modernen Röntgenuntersuchung unterziehen (Krebs durch Strahlung)
  • eine Tablette MDMA (Ecstasy) konsumieren[10]

Ein Tauchgang mit Atemgerät entspricht etwa fünf Mikromorts, ein Fallschirmsprung (in den USA) etwa 7.[10][11] Ein Kaiserschnitt zählt 170, eine Bypassoperation 16.000 Mikromorts. Das Risiko einer Besteigung des Mount Everest wurde mit 35.000 Mikromorts berechnet.[12]

Weitere Vergleiche:

  • Ein Marathonlauf: 7 Mikromorts
  • vier Tage Skifahren: 3 Mikromorts
  • eine Vollnarkose: 80–90 Mikromorts[13]

Einzelnachweise

  1. ↑ R. A. Howard: On making life and death decisions. In: Richard C. Schwing, Walter A. Albers (Hrsg.): Societal Risk Assessment: How Safe Is Safe Enough? General Motors Research Laboratories. Plenum Press, New York 1980, ISBN 0-306-40554-7. 
  2. ↑ Ronald A. Howard: Microrisks for Medical Decision Analysis. In: International Journal of Technology Assessment in Health Care. Band 5, Nr. 3, 1989, S. 357–370, doi:10.1017/S026646230000742X, PMID 10295520. 
  3. ↑ Stuart Russel, Peter Norvig: Artificial Intelligence. 3rd Auflage. Prentice Hall, 2009, ISBN 978-0-13-604259-4, S. 616. 
  4. ↑ Vital statistics in the UK: births, deaths and marriages 2019, Office of National Statistics; abgerufen am 23. April 2021.
  5. ↑ Population: United Kingdom 2019, The World Bank; abgerufen am 23. April 2021.
  6. ↑ Deaths registered in England and Wales: 2019, Office of National Statistics; abgerufen am 23. April 2021.
  7. ↑ S. Murphy, J. Xu, K. Kochanek: Deaths: Final Data for 2010. In: National Vital Statistics Reports. Band 61, Nr. 4, Mai 2013, Tafel 18; abgerufen am 23. April 2021.
  8. ↑ stanford-online.stanford.edu (Memento des Originals vom 14. Juli 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/stanford-online.stanford.edu (englisch)
  9. ↑ tobaccodocuments.org (Memento des Originals vom 15. Juni 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/tobaccodocuments.org (englisch)
  10. ↑ a b c d e f David Spiegelhalter: 230 miles in a car equates to one micromort: The agony and Ecstasy of risk-taking. The Times, 10. Februar 2009, abgerufen am 19. April 2009. 
  11. ↑ uspa.org (Memento des Originals vom 23. August 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.uspa.org (englisch)
  12. ↑ Der Spiegel 22/2016, S. 70: Eins zu einer Million
  13. ↑ Vollnarkose (Allgemeinanästhesie). Abgerufen am 5. Februar 2025. 

Literatur

  • Ronald A. Howard: On Fates Comparable to Death. In: Management Science. Band 30, Nr. 4, 1984, S. 407–422, doi:10.1287/mnsc.30.4.407. 
  • What is a MicroMort?
  • Understanding Uncertainty: Micromorts



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Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Mikromort aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Kirchhofrose

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Als Kirchhof-Rosen (zu Kirchhof als Synonym für Friedhof) werden Totenflecke verstanden, die bei sterbenden Menschen mit nachlassender Herzkraft bereits zu Lebzeiten auftreten.[1]

Ursächlich sind sie auf den erlahmenden Blutumlauf zurückzuführen. In der Phase der Agonie sinkt das Blut in tiefere Körperpartien ab und kann zu rosettenartigen Verfärbungen der Haut führen.[2]

Sie treten in erster Linie an den unteren Wangenanteilen und hinter den Ohren auf.

Einzelnachweise

  1. ↑ Burkhard Madea: Praxis Rechtsmedizin: Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-09424-2, S. 35 (google.de). 
  2. ↑ Prokop/Göhler, Forensische Medizin (1975) 31.



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Kodokushi

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Kodokushi (japanisch 孤独死, deutsch „einsames Sterben“ oder „einsamer Tod“) bezeichnet das Versterben von zumeist vereinsamten Personen, bei denen das Ableben längere Zeit unbemerkt bleibt.[1] Der Leichnam des Verstorbenen bleibt dabei oft für Monate oder Jahre unentdeckt, ebenso wird die Person nicht vermisst.

Der Begriff Kodokushi wurde in Japan in den 1980er Jahren geprägt. Inzwischen (Stand 2015) sterben allein im Großraum Tokio jährlich 3.000 Menschen in Einsamkeit.[2] Die hohe Zahl der in sozialer Isolation lebenden Personen führte auch dazu, dass Todesfälle nicht bemerkt wurden. Nach Yōkō Kadoya sind zwei charakteristische Merkmale des Kodokushi auszumachen:[3]

  • Vor allem Männer mittleren und gehobenen Alters sind von dem Phänomen betroffen. Bei Frauen ist Kodokushi demgegenüber bei höherem Lebensalter wahrscheinlicher. Nicht nur in Japan verbringen Männer viel Zeit bei der Arbeit und haben kaum zu anderen Menschen außerhalb der Familie Kontakt. Bei mangelnder sozialer Kompetenz kann das Ausscheiden aus dem Berufsleben auch zu sozialer Isolation führen.[4]
  • Oft tritt Kodokushi in Verbindung mit anderen sozialen Problemen auf wie Alkoholismus oder dem Messie-Syndrom.

In Europa ist das Phänomen vereinsamter Personen, deren Tod nicht bemerkt wird, zwar auch bekannt, ein Begriff wie Kodokushi hat sich hier allerdings nicht dafür durchgesetzt. Meist spricht man von Fundleichen.[5]

Ein Beispiel einer literarischen Adaption des Themas bietet der Roman „Oben Erde, unten Himmel“ von Milena Michiko Flašar.[6] Auch im Filmdrama Plan 75 von Chie Hayakawa wird das Phänomen bzw. die Angst davor thematisiert.

Einzelnachweise

  1. ↑ Gestorben wird zunehmend allein und unbemerkt, Telepolis. Abgerufen am 12. August 2010.
  2. ↑ [Der Standard]: Kodokushi: Der einsame Tod in Japan vom 8. Juni 2015, abgerufen am 8. Juni 2015
  3. ↑ Youkou Kadoya, Kodokushi -- Solitary Death, erschienen in Lessons from the Great Hanshin Earthquake, Hrsg. Yoshimitsu Shiozaki, 2005
  4. ↑ Japan's 'Lonely Deaths': A Business Opportunity, Time. Abgerufen am 12. August 2010.
  5. ↑ Der einsame Tod: Das Kölner Ordnungsamt bei der Arbeit. In: Spiegel Online. 6. Januar 2006, abgerufen am 27. Januar 2024. 
  6. ↑ Lisette Gebhardt: Die Fundortreinigerin. Milena Michiko Flašar findet in „Oben Erde, unten Himmel“ über Leichen zu mehr Leben. In: Literaturkritik. 5. Februar 2024, abgerufen am 5. August 2024. 



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Letalität

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Die Letalität (von lateinisch letum ‚Tod‘ bzw. letalis ‚tödlich‘)[1] einer Krankheit bezeichnet den Anteil aller Erkrankten, der irgendwann an der Krankheit stirbt. Die Letalität beschreibt also die „Tödlichkeit“ einer Erkrankung, ohne die „Geschwindigkeit“ des Sterbens abzubilden. Man kann die Letalität auch als die Wahrscheinlichkeit interpretieren, an der Krankheit zu sterben, unter der Bedingung, erkrankt zu sein. Die Letalität ist bei Pandemien im Gegensatz zur Fallsterblichkeit schwer zu ermitteln, da nicht alle Erkrankten bekannt sind. Bei der Berechnung der Letalität einer Erkrankung wird die Anzahl der krankheitsbedingten Todesfälle ins Verhältnis zur Anzahl der Erkrankten gesetzt;[2] bei der Mortalität hingegen werden die während einer bestimmten Zeitspanne auftretenden Todesfälle auf die Population bezogen betrachtet. Unter der Letalitätsrate wird das Verhältnis der Anzahl der an einer bestimmten Krankheit Verstorbenen zur Anzahl neu auftretender Krankheitsfälle in einer bestimmten Zeitspanne verstanden; sie ist nur bei akuten Fällen sinnvoll zu berechnen.[3]

Im medizinischen Sprachgebrauch bedeutet letal so viel wie „tödlich“ (siehe letale Dosis); mit Exitus letalis wird der „tödliche Ausgang (einer Krankheit)“ bezeichnet.[3] Bei Gendefekten, die bei Menschen oder Tieren zum Absterben des Embryos oder des Neugeborenen führen, spricht man auch von Letalfaktoren. Ist eine Krankheit sehr schwer, aber nicht tödlich, spricht man von subletal.

Letalitätsrate

Zur Ermittlung der Letalitätsrate berechnet man das Verhältnis der Menschen aus einer ausgewählten Population, die an einer bestimmten Krankheit in einem ausgewählten Zeitraum (z. B. einem Jahr) verstorben sind, zur Anzahl derer, die innerhalb derselben Population und desselben Zeitraumes an der Krankheit neu und akut erkrankt sind.

Meist wird dieses Verhältnis als Prozentzahl oder in Promille angegeben, seltener als Wert zwischen 0 und 1. „Null“ bedeutet in beiden Fällen, dass niemand an dieser Krankheit stirbt.

Letalitätsrate = Anzahl der Todesfälle an einer spezifischen Erkrankung innerhalb einer bestimmten Zeitspanne Anzahl der spezifischen Erkrankungen innerhalb der gleichen Zeitspanne {\displaystyle {\text{Letalitätsrate}}={\frac {\text{Anzahl der Todesfälle an einer spezifischen Erkrankung innerhalb einer bestimmten Zeitspanne}}{\text{Anzahl der spezifischen Erkrankungen innerhalb der gleichen Zeitspanne}}}} {\displaystyle {\text{Letalitätsrate}}={\frac {\text{Anzahl der Todesfälle an einer spezifischen Erkrankung innerhalb einer bestimmten Zeitspanne}}{\text{Anzahl der spezifischen Erkrankungen innerhalb der gleichen Zeitspanne}}}}

Zur Ermittlung des individuellen Sterberisikos einer betroffenen Person ist die Letalitätsrate jedoch weniger geeignet, da sie z. B. stark von der Auswahl der Population oder des Zeitraumes abhängig sein kann. Eine alternative Bezeichnung für die Letalitätsrate für dasselbe Konzept, die aber fast ausschließlich in der Infektionsepidemiologie verwendet wird, lautet case fatality rate[4] (deutsch Fall-Verstorbenen-Anteil).[5]

Des Weiteren ist der Kontagionsindex (Wahrscheinlichkeit einer Infektion nach Kontakt mit einem spezifischen Erreger) zu beachten. Bei Kinderlähmung z. B. wird die Letalität mit 0,0002 bis 0,002 (0,02–0,2 %) angegeben. Diese Zahl bezieht sich auf die Anzahl der Erkrankten und nicht auf die Anzahl derjenigen, die mit dem Virus in Kontakt gekommen sind. Der Kontagionsindex ist 0,001–0,003. Das bedeutet, dass nur 0,1–0,3 % der (nicht geimpften) Menschen nach Kontakt mit dem Virus überhaupt erkranken. Die Letalität aufgrund Kontakt beträgt demnach max. 0,002 · 0,003 = 0,000006 (= 0,0006 % oder 6 von 1.000.000 oder 480 von 80 Millionen).

(Beispiel)
Lungenkrebsfälle in den USA im Jahr 2001
Anzahl der Fälle: 79200
Anzahl der verstorbenen Fälle: 65700
Daraus folgt L = 65700 79200 = 83 % {\displaystyle L={\frac {65700}{79200}}=83\,\%} {\displaystyle L={\frac {65700}{79200}}=83\,\%}

Die Angabe der Letalität eignet sich vornehmlich für akute Erkrankungen, denn prinzipiell müssen alle diagnostizierten Fälle bis zum Tod oder zur definitiven Heilung des einzelnen Patienten verfolgt werden.

Neue Diagnosemöglichkeiten und Heilverfahren können bei einer bestimmten Krankheit zu einer Abnahme der Letalität führen. Umgekehrt kann durch eine drastische Verschlechterung in einem bestimmten Gesundheitssystem die Letalität einer Erkrankung zunehmen.

Entscheidende Bedeutung bei der Bestimmung der Letalität hat oft das Stadium, in dem eine Erkrankung diagnostiziert wird.

Probleme der Interpretation

Schwachpunkt „Alter“

Bei Angaben zur Letalität muss das Alter der Erkrankten berücksichtigt werden. Während die Letalitätsrate bei einer Pneumokokken-Bakteriämie bei über 65-Jährigen bei 30–50 % liegt, beträgt diese für alle Altersgruppen zusammen nur 16–36 %. Die Letalität einer Erkrankung in der Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen ist vor allem beim Vorhandensein von Begleiterkrankungen wesentlich höher als in jüngeren Vergleichsgruppen (mit Ausnahme der Säuglinge).

Beispiel: Das Prostata-Karzinom ist eine Erkrankung mit hoher Letalität, tritt allerdings in der Regel im höheren Mannesalter auf. Weil die Zeit vom Beginn einer Krankheit bis zum Tod mit der Angabe der Letalität nicht erfasst wird, erleben die meisten Patienten den Tod an dieser Erkrankung gar nicht, sondern sterben mit dieser an anderen Todesursachen.

Die ermittelten Werte zur Letalität sind relative Häufigkeiten. Sie beziehen sich auf eine definierte Population und einen definierten Zeitraum.

Schwachpunkt Dynamik

Die Letalität einer Krankheit ist nur dann eine Aussage zur Sterbewahrscheinlichkeit bei Erkrankung, wenn der erfasste Zeitraum deutlich größer ist als die zeitlichen Veränderungen der Krankheit und wenn die Kenntnisse über die Krankheit groß genug sind, um die statistischen Fehler kleinzuhalten. Insbesondere folgende Punkte sind bei der Interpretation der Letalität einer dynamischen Krankheit (Seuchenzug, Epidemie) besonders zu beachten, da sie sich von einer stabilen Krankheit (Endemie) deutlich unterscheiden:

  1. Unbekannte Infektionsrate bzw. unbekannte Erkrankungsrate nach Infektion: Nicht jeder Infizierte wird krank, nicht jeder Erkrankte wird als solcher erkannt.
  2. Unbekannte Tote: Nicht jeder an einer Krankheit Gestorbene wird in der Statistik erfasst.
  3. Veränderungen des Krankheitserregers, der hygienischen Bedingungen, der Behandlung: Die epidemiologischen Kennzahlen können sich deutlich ändern.
  4. Schwankende Fallzahlen innerhalb des erfassten Zeitraumes: Durch eine Basisreproduktionszahl größer oder kleiner als 1 kommt es zu statistischen Verzerrungen.
  5. Der erfasste Zeitraum ist nicht deutlich größer als die Inkubationszeit bzw. die durchschnittliche Zeit bis zum Tod.

Beispiel: Tritt eine Krankheit epidemisch neu auf, kann es dazu führen, dass zunächst Kranke ermittelt sind, jedoch kaum Tote, da die Todesursache nicht oder falsch ermittelt wurde oder beide Zahlen eine hohe Dunkelziffer aufweisen. Unbekannt mag auch die Anzahl jener sein, die zwar infiziert sind und auch erkranken, aber so schwach, dass keine oder die falsche Diagnose gestellt wird. Zudem wächst die Anzahl der Erkrankten, während die Anzahl der an der Krankheit Verstorbenen um den Zeitraum der durchschnittlichen Zeit zwischen Erkrankung und Tod hinterherläuft.

  • Zu Beginn sind kumulativ 10 Kranke und 2 Tote registriert, wobei nur jeder 10. Fall erfasst wird.
  • Nach 30 Tagen sind 90 Kranke und 22 Tote registriert, wobei 40 % in diesem Zeitraum erfasst wurden.
  • Nach 60 Tagen sind 370 Kranke und 92 Tote registriert, wobei 70 % in diesem Zeitraum erfasst wurden.
  • Nach 90 Tagen sind insgesamt 1090 Kranke und 272 Tote registriert und die Erfassungsquote im letzten Zeitraum ist auf 90 % gestiegen.

In diesem Beispiel wäre die Letalität am Anfang 20 %, nach 30 Tagen 24,4 %, nach 60 Tagen 24,8 % und nach 90 Tagen 24,9 %. Diese Zahlen gelten jedoch nur, wenn die Dunkelziffer vernachlässigbar ist bzw. die Dunkelziffer der Erkrankten und der Toten einander wie in diesem Beispiel nahezu aufheben; ohne Dunkelziffer wäre die Letalität in diesem Rechenbeispiel konstant 25 %. Da die durchschnittliche Zeit zwischen Erkrankung und Tod in diesem Rechenbeispiel jedoch 30 Tage beträgt, liegt die Sterblichkeit nach Erkrankung tatsächlich bei 50 %.

Siehe auch

  • Lebenserwartung
  • Morbidität

Weblinks

Wiktionary: Letalität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Duden – Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. 4. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, ISBN 978-3-411-04164-0. „letal“, S. 805.
  2. ↑ Herbert Assmann, Gustav von Bergmann, Hans Eppinger, Wilhelm Nonnenbruch, Richard Siebeck, Rudolf Staehelin, Hermann Straub u. a.: Lehrbuch der inneren Medizin. 4. Auflage. 1. Band, Verlag von Julius Springer, Berlin 1939, S. 159.
  3. ↑ a b Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 261. Auflage. De Gruyter, Berlin/New York 2007.
  4. ↑ Hans J. Trampisch, Jürgen Windeler (Hrsg.): Medizinische Statistik. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2000, ISBN 3-540-66824-1, S. 95.
  5. ↑ RKI – Coronavirus SARS-CoV-2 – SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19). Abgerufen am 28. April 2020. 
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4236133-3 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)



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Facies hippocratica

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Die Facies hippocratica (lateinisch für Hippokratisches Gesicht, ein „nach Hippokrates benannter Gesichtsausdruck“ eines Sterbenden[1][2][3]) ist ein typischer Gesichtsausdruck bei sterbenden (moribunden) oder schwerst kranken Patienten.[4] Die bereits in der Antike beschriebene Facies hippocratica ist neben den sogenannten Kirchhofrosen ein bekanntes prognostisches Anzeichen für einen kurz bevorstehenden Tod, wenn diesem eine längere Agonie vorausging.[5] Früher nannte man die Facies hippokratica auch Facies decomposita und verglich sie mit der Facies cholerica (Choleragesicht).[6]

Bedeutung

Die Facies hippocratica resultiert aus einer Erschlaffung der Gesichtsmuskulatur („Hippokratische Züge“[7]) und einer zunehmenden Drosselung der Durchblutung in den peripheren Körperteilen (Zentralisierung). Eine blasse Gesichtshaut, eingefallene Wangen und Augen und eine „spitze Nase“ sind Charakteristiken dieses Gesichtsausdruckes.[8] Oft werden auch ein gelbliches Gesicht, bläulich anlaufende Lippen und allgemeine Blässe beschrieben.[9]

Häufig findet man die Facies hippocratica bei einer schweren Bauchfellentzündung (Peritonitis abdominalis), weshalb diese besondere Form der Facies auch als Facies abdominalis[10][11] oder Facies peritonealis bezeichnet wurde.

Beschreibung

Beschrieben wird das „typische Gesicht des Moribunden mit spitzer, blasser kühler Nase, vorstehender, blasser Kinnpartie, eingefallenen Schläfen, kühlen Ohren, fahlgrauer Hautfarbe und kaltem Schweiß auf der Stirn.“[10] Früher war man deutlicher: „Kurz vor dem Tode nämlich tritt gewöhnlich in dem Gesicht eine auffallende Veränderung ein. Die Gesichtsfarbe wird plötzlich bleich und fahl, an Wangen und Lippen bläulich oder schwärzlich, die Stirnhaut glatt; die Weichtheile des Gesichts sinken ein; die Nase und das Kinn werden spitzig; die Augen sinken tiefer in ihre Höhlen, verlieren den Glanz und sehen stier durch die halbgeöffneten Augenlider.“[12] „Der Unterkiefer fällt herab, der Mund bleibt offen stehen, das obere Augenlid sinkt hernieder, die Nase wird spitz, die Nasenflügel fallen zusammen. Auch der Augapfel kann nicht mehr eingestellt werden, die Augenachsen stehen häufig parallel. Das Gesicht ist überdies meist mit kaltem, klebrigen Schweiß bedeckt.“[13] „Die Augen sind eingesunken infolge von Wasserverarmung.“[14] Außerdem wurden „eine fahle Gesichtsfarbe, eingesunkene halonierte Augen, ein ängstlicher Gesichtsausdruck“,[15] „vortretende Kiefer, brechende Augen, kühle und abstehende Ohren, ein fahles oder bleifarbenes Aussehen“[16] sowie „ein Verlust der Mimik“[17] beobachtet. Das Totengesicht spiegelt die Gesichtsverzerrungen Sterbender wider.[18]

Herkunft

Die noch heute gebräuchliche und von frühen Ärzten wie Galenos eingeführte Bezeichnung geht auf die angeblich von Hippokrates verfasste Schrift Prognostikón (Προγνωστικόν, „Prognosen“) aus den hippokratischen Schriften zurück, wo dieser Gesichtsausdruck im zweiten Kapitel genau beschrieben wird.[19][20] Es wird hier auf verschiedene Anzeichen eingegangen, die einen nahen Tod vermuten lassen und sich an den Augen, Lippen, Ohren und der Gesichtshaut erkennen ließen. Auch der bisherige Verlauf der Erkrankung und mögliche andere Umstände werden hier neben dem Blick des Kranken in die Prognose einbezogen:

„Zuerst beobachte man das Gesicht des Kranken, ob es so wie bei Gesunden ist, besonders ob es so wie sonst aussieht, denn in diesem Fall stünde es am besten; ist es aber ganz gegenteiliger Art wie sonst, dann steht es am schlimmsten. Das wäre folgender Fall: Spitze Nase, tiefliegende Augen, eingesunkene Schläfen, kalte und geschrumpfte Ohren, zurückgebogene Ohrläppchen, spröde, gespannte und trockene Gesichtshaut, gelbe oder dunkle, bläuliche oder bleierne Farbe des ganzen Gesichts. Wenn nun das Gesicht im Beginn der Krankheit so aussieht und es nach den sonstigen Anzeichen noch nicht derart zu vermuten ist, so muß man fragen, ob der Kranke schlaflos war oder ob die Darmentleerungen sehr flüssig waren oder ob er etwas Hunger leide. Bejaht er irgendetwas davon, so hat man den Zustand für weniger schlimm zu halten, denn wenn das Gesicht infolge dieser Ursachen so aussieht, so entscheidet es sich binnen Tag und Nacht zum Besseren. Falls er hingegen all das verneint und die Krankheit auch in der genannten Zeit nicht zum Stillstand kommt, so muß man wissen, daß der Kranke dem Tode nahe ist.“

– Hippokrates: Prognostikon[21]

Die Prognostik der Erkrankungen hatte in der früheren Medizin einen sehr hohen Stellenwert, insbesondere die Einsicht, wann ärztliches Handeln sinnlos sei und ob der hinzugezogene Arzt dies auch erkenne. In der Vorhersage eines baldigen Todes ersparte sich der Heilkundige den Vorwurf offensichtlichen Versagens, falls der Patient alsbald verstirbt. Die Kenntnis der genauen Anzeichen des Todes oder unheilbaren Krankheit war eine der Grundlagen für die vertrauensvolle Stellung des Arztes; sie wurde auch als „weltliche Version der Weissagungen“[22] konnotiert: „Prognostisches Gespür machte einen guten Eindruck und erhob den begabten Heiler über Quacksalber und Wahrsager“.[23]

Siehe auch

  • Kachexie
  • Marasmus

Einzelnachweise

  1. ↑ Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 7. Band. 19. Auflage. Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1988, ISBN 3-7653-1107-3, S. 56.
  2. ↑ Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. 1. Auflage. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 564.
  3. ↑ Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771). 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 193, Anmerkung 2 (zu Hippokrates, Prognostikon, Kapitel 1. 2. 25).
  4. ↑ Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 470; archive.org.
  5. ↑ Facies Hippocratica. In: Dietrich Wilhelm Busch, Carl Ferdinand von Gräfe, Christoph Wilhelm von Hufeland, Heinrich Friedrich Link, Johannes Müller: Encyclopädisches Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften. 11. Band: Encanthisma – Fallkraut. Verlag von Veit et Comp., Berlin 1834, S. 701; Textarchiv – Internet Archive.
  6. ↑ Otto Roth: Klinische Terminologie. 10. Auflage. Hrsg.: Karl Doll und Hermann Doll. Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 168.
  7. ↑ Maria Bruckmann, Friedrich Mai: Über die Akademie von Athen. Firma Robugen, Esslingen ohne Jahr, S. 95.
  8. ↑ Facies hippocratica. In: flexikon.doccheck.com. Abgerufen am 5. Februar 2024. 
  9. ↑ Hippokratisches Gesicht. In: Herders Conversations-Lexikon. 1. Auflage. Band 3: G – Lindenau. Herder, Freiburg im Breisgau 1855, S. 315 (Digitalisat. zeno.org). 
  10. ↑ a b Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg. München / Berlin / Wien 1969, ISBN 3-541-84005-6. Loseblattsammlung 1966–1977, 3. Ordner (F–Hyperlysinämie), S. F 8.
  11. ↑ Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 268. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 512.
  12. ↑ Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände – Conversations-Lexikon. 7. Band. 11. Auflage. Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Leipzig 1866, S. 939 f.
  13. ↑ Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 1. Band. 2. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1885, S. 220.
  14. ↑ Hans Julius Wolf: Einführung in die innere Medizin. 7. Auflage. VEB Georg Thieme Verlag, Leipzig 1960, S. 387.
  15. ↑ Alexander von Domarus, Hans Freiherr von Kress: Grundriss der inneren Medizin. 22. Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1957, S. 409.
  16. ↑ Herbert Volkmann (Hrsg.), Walter Guttmann, Kurt Hoffmann: Medizinische Terminologie. 35. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1951, Spalte 316.
  17. ↑ Duden – Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 293.
  18. ↑ Wilhelm Kühn: Neues medizinisches Fremdwörterbuch. 3. Auflage, Verlag von Krüger & Co., Leipzig 1913, S. 50.
  19. ↑ Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin. 16. Auflage. Ullstein Medical Verlag, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X, S. 604.
  20. ↑ T. E. Page (Hrsg.): Hippocrates. With an english translation by W. H. S. Jones. Volume II Prognosticon. London / Cambridge 1923, S. 8–15. 
  21. ↑ Zitiert nach Henry E. Sigerist: Der Arzt in der griechischen Kultur. Zürich 1963, S. 58.
  22. ↑ Roy Porter: Die Kunst des Heilens. Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2003, ISBN 3-8274-1454-7, S. 62.
  23. ↑ T. E. Page (Hrsg.): Hippocrates. With an english translation by W. H. S. Jones. Volume II Prognosticon. London / Cambridge 1923, S. 6–9. 



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