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Sterbebettvisionen

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Sterbebettvisionen (auch Sterbebett-Visionen; englisch deathbed visions, in der modernen Hospiz- und Palliativforschung end-of-life dreams and visions, ELDV) sind Wahrnehmungen sterbender Menschen in den Stunden oder Tagen vor dem Tod, bei denen typischerweise bereits verstorbene Angehörige oder nahestehende Personen erscheinen, die den Sterbenden zu „begleiten“ oder „abzuholen“ scheinen. Die Sterbenden erleben sie meist als real und tröstlich; häufig gehen sie mit einer Verringerung der Todesangst einher.[1]

Das Phänomen ist seit dem frühen 20. Jahrhundert Gegenstand parapsychologischer und seit den 2000er Jahren verstärkt palliativmedizinischer Forschung. Über seine Deutung besteht kein Konsens: In der Palliativmedizin werden Sterbebettvisionen als häufiges psychologisches Begleitphänomen des Sterbeprozesses beschrieben und in der Sterbebegleitung berücksichtigt; Vertreter der Survival-Hypothese sehen in bestimmten Fällen einen Hinweis auf ein Fortbestehen des Bewusstseins, während Skeptiker die Erlebnisse durch neurophysiologische Veränderungen des sterbenden Gehirns und durch Erwartungseffekte erklären.[2][3]

Begriff und Abgrenzung

Der deutsche Ausdruck Sterbebettvisionen entspricht dem englischen deathbed visions; in der klinischen Forschung hat sich der wertneutralere Begriff end-of-life dreams and visions (ELDV) bzw. end-of-life experiences durchgesetzt.[1]

Sterbebettvisionen sind von der Nahtoderfahrung abzugrenzen: Bei dieser kehrt ein Mensch aus einem lebensbedrohlichen Zustand zurück und berichtet selbst, während bei Sterbebettvisionen der Sterbende von Angehörigen und Pflegenden beobachtet wird und stirbt. Ebenso werden sie vom Delir unterschieden, das durch Verwirrtheit und Desorientierung gekennzeichnet ist, wohingegen die Visionen als geordnet und klar beschrieben werden; nach mehreren Untersuchungen können die Betroffenen zwischen beidem unterscheiden.[1]

Erforschung

Frühe Sammlungen

Die erste systematische Zusammenstellung legte der irische Physiker William Barrett, Fellow der Royal Society, mit dem postum 1926 erschienenen Buch Death-Bed Visions vor. Anlass war ein 1924 von seiner Frau, der Geburtshelferin Florence Barrett, beobachteter Fall: Eine sterbende Frau habe kurz vor ihrem Tod ihre drei Wochen zuvor verstorbene Schwester wahrgenommen, von deren Tod man sie nicht unterrichtet hatte. Barrett hob hervor, dass Sterbende häufiger Verstorbene als Lebende wahrnähmen.[4][3]

Osis und Haraldsson

Eine erste größere quantitative Erhebung führten die Parapsychologen Kārlis Osis und Erlendur Haraldsson durch. Für ihre Studie At the Hour of Death (1977; deutsch Der Tod – ein neuer Anfang, 1978) versandten sie rund 10.000 Fragebögen an Ärzte und Pflegende in den Vereinigten Staaten und in Nordindien und werteten über tausend Fälle aus. Nach ihrer Darstellung überwogen Erscheinungen Verstorbener, die als „Abholer“ auftraten; die Kerncharakteristik sei weitgehend unabhängig von Fieber, Medikation, Sauerstoffmangel und Diagnose aufgetreten, und das kulturübergreifende Grundmuster habe sich trotz unterschiedlicher Ausgestaltung (etwa hinduistischer Motive in Indien) geähnelt. Die Autoren werteten dies als Argument gegen eine rein physiologische oder kulturell erlernte Deutung.[5] Kritisch angemerkt werden die geringe Rücklaufquote (rund 6 %) sowie der retrospektive, auf Angaben Dritter beruhende Charakter der Daten.[2]

Klinische Forschung

Seit den 2000er Jahren wird das Thema verstärkt prospektiv und palliativmedizinisch untersucht. Der US-amerikanische Palliativmediziner Christopher Kerr und Mitarbeiter befragten am Hospice Buffalo Sterbende begleitend zum Sterbeprozess. In einer 2014 im Journal of Palliative Medicine veröffentlichten Längsschnittstudie berichteten 88,1 % der einbezogenen Hospizpatienten von mindestens einem solchen Traum oder einer Vision; am häufigsten traten bereits verstorbene Angehörige auf, religiöse Motive waren selten, die Erlebnisse nahmen zum Tod hin zu und wurden überwiegend als tröstlich erlebt.[1] Kerr stellte seine Befunde auch in dem populärwissenschaftlichen Buch Death Is But a Dream (2020) dar. Ähnliche prospektive Untersuchungen führte der britische Neuropsychiater Peter Fenwick durch.[6]

„Peak in Darien“

Als „Peak in Darien“-Erfahrungen wird die Untergruppe von Fällen bezeichnet, in denen ein Sterbender eine verstorbene Person wahrnimmt, von deren Tod er zu diesem Zeitpunkt nichts wissen konnte. Der Ausdruck geht auf den gleichnamigen Essayband (1882) der irischen Schriftstellerin Frances Power Cobbe zurück, die ihn einem Sonett von John Keats entlehnte.[7][3] Ein häufig angeführtes Beispiel ist der Fall „Doris/Vida“ aus Barretts Sammlung; einen weiteren Fall schilderte Elisabeth Kübler-Ross.[4] 2010 trug der Psychiater Bruce Greyson von der University of Virginia mehrere solcher Berichte zusammen und argumentierte, sie ließen sich nicht ohne Weiteres durch Erwartung erklären, da die wahrnehmende Person vom Tod der gesehenen Person nichts gewusst habe.[3] Skeptiker wenden ein, dass solche Berichte retrospektiv und anekdotisch seien und der Zeitpunkt des unbekannten Todes nur selten unabhängig dokumentiert sei.[2]

Erklärungsansätze

Für Sterbebettvisionen werden verschiedene Erklärungen diskutiert:

  • Neurophysiologisch: Sauerstoffmangel, Stoffwechselentgleisungen, Medikamentenwirkungen und Fieber im Sterbeprozess können lebhafte Halluzinationen hervorrufen. Der Psychopharmakologe Ronald K. Siegel verwies auf Ähnlichkeiten zwischen Sterbebettvisionen und drogeninduzierten Halluzinationen, in denen ebenfalls Verstorbene vorkommen.[2]
  • Psychologisch: Das Erleben wird als Wunscherfüllung sowie als sinnstiftender Bewältigungsprozess am Lebensende gedeutet; in der Hospizarbeit wird ein verwandtes Konzept als nearing death awareness beschrieben.[8]
  • Survival-Hypothese: Vertreter parapsychologischer Positionen deuten insbesondere die „Peak in Darien“-Fälle als Hinweis auf ein Fortbestehen des Bewusstseins über den Tod hinaus.[3][5]

Ein methodisches Grundproblem besteht darin, dass für die für die Survival-Deutung entscheidende Untergruppe (Wahrnehmung unbekannter Todesfälle) bislang kein prospektives, unabhängig verifiziertes Register vorliegt.[3]

Bedeutung in der Palliativversorgung

Unabhängig von der Deutungsfrage gelten Sterbebettvisionen in der Palliativ- und Hospizversorgung als häufiges und für die Betroffenen bedeutsames Begleitphänomen des Sterbens. Ein wertschätzender, nicht pathologisierender Umgang mit ihnen wird als Bestandteil guter Sterbebegleitung empfohlen, da die Erlebnisse vielen Sterbenden Trost spenden und die Todesangst mindern können.[1][6]

Literatur

  • William F. Barrett: Death-Bed Visions. The Psychical Experiences of the Dying. Methuen, London 1926.
  • Karlis Osis, Erlendur Haraldsson: Der Tod – ein neuer Anfang. Visionen und Erfahrungen an der Schwelle des Seins. Hermann Bauer, Freiburg im Breisgau 1978, ISBN 3-7626-0228-X (Originalausgabe: At the Hour of Death. Avon, New York 1977).
  • Christopher Kerr, Carine Mardorossian: Death Is But a Dream. Finding Hope and Meaning at Life’s End. Avery, New York 2020.

Weblinks

  • Elisabeth Kübler-Ross über ein sterbendes Kind (Interview 1981) auf YouTube

Einzelnachweise

  1. ↑ a b c d e Christopher W. Kerr, James P. Donnelly, Scott T. Wright, Sarah M. Kuszczak, Anne Banas, Pei C. Grant, Debra L. Luczkiewicz: End-of-Life Dreams and Visions: A Longitudinal Study of Hospice Patients’ Experiences. In: Journal of Palliative Medicine. Band 17, Nr. 3, 2014, S. 296–303, doi:10.1089/jpm.2013.0371, PMID 24410369. 
  2. ↑ a b c d Ronald K. Siegel: The Psychology of Life after Death. In: American Psychologist. Band 35, Nr. 10, 1980, S. 911–931, doi:10.1037/0003-066X.35.10.911. 
  3. ↑ a b c d e f Bruce Greyson: Seeing Dead People Not Known to Have Died: „Peak in Darien“ Experiences. In: Anthropology and Humanism. Band 35, Nr. 2, 2010, S. 159–171, doi:10.1111/j.1548-1409.2010.01064.x (virginia.edu [PDF; abgerufen am 15. Juni 2026]). 
  4. ↑ a b William F. Barrett: Death-Bed Visions. The Psychical Experiences of the Dying. Methuen, London 1926. 
  5. ↑ a b Karlis Osis, Erlendur Haraldsson: Der Tod – ein neuer Anfang. Visionen und Erfahrungen an der Schwelle des Seins. Hermann Bauer, Freiburg im Breisgau 1978, ISBN 3-7626-0228-X (englisch: At the Hour of Death. 1977.). 
  6. ↑ a b Sue Brayne, Hilary Lovelace, Peter Fenwick: End-of-life experiences and the dying process in a Gloucestershire nursing home as reported by nurses and care assistants. In: American Journal of Hospice & Palliative Medicine. Band 25, Nr. 3, 2008, S. 195–206, doi:10.1177/1049909108315302. 
  7. ↑ Frances Power Cobbe: The Peak in Darien, with Some Other Inquiries Touching Concerns of the Soul and the Body. An Octave of Essays. Geo. H. Ellis, Boston 1882 (gutenberg.org [abgerufen am 15. Juni 2026]). 
  8. ↑ Maggie Callanan, Patricia Kelley: Final Gifts. Understanding the Special Awareness, Needs, and Communications of the Dying. Poseidon Press, New York 1992, ISBN 0-671-70006-5. 



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Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Sterbebettvisionen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Mortalität

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026
Sterberate je 1000 Einwohner der Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands 2021.

Mortalität (lateinisch mortalitas „Sterblichkeit“), Mortalitätsrate, Sterblichkeit oder Sterberate sind Begriffe aus der Demografie. Sie bezeichnen jeweils die Anzahl der Todesfälle bezogen auf die Gesamtanzahl der Individuen oder – bei der spezifischen Sterberate – bezogen auf die Anzahl in der betreffenden Population, und zwar immer in einem bestimmten Zeitraum (im Gegensatz zur Quote, die sich nicht auf einen Zeitraum bezieht). Die Mortalität im Sinne von Sterbewahrscheinlichkeit findet sich in der ersten Spalte jeder Sterbetafel.

Die Sterbeziffer oder Mortalitätsziffer bezeichnet das Verhältnis der Anzahl der Sterbefälle zum Durchschnittsbestand einer Population.[1]

Die rohe Mortalität ist die Anzahl der Todesfälle pro Gesamtbevölkerung pro Zeit, beispielsweise pro 1000 Personen und ein Jahr. Die altersspezifische Mortalität, zum Beispiel Kindersterblichkeit, gibt die Todesfälle pro Altersklasse pro Zeit an. Letalität (Tödlichkeit) ist die Mortalität bezogen auf die Gesamtzahl der an einer Krankheit Erkrankten. Bei der Säuglings- oder der Müttersterblichkeit bildet die Zahl der Ereignisse (Geburten) die Bezugsgröße, nicht die Bevölkerungsgröße.

In der Epidemiologie ist die (krankheitsspezifische) Mortalität das Verhältnis der Anzahl der in einer Population in einem Zeitraum an einer Krankheit gestorbenen Individuen zur Anzahl der Individuen in der Population (in der Regel auf 100.000 Einwohner bezogen). Die Letalität ist dagegen das Verhältnis der Anzahl der an einer bestimmten Krankheit gestorbenen Individuen zur Anzahl der an dieser Krankheit erkrankten Individuen.[2]

Mortalitätskurve

Altersspezifische Sterberaten in Deutschland der Jahre 1990 und 2010 (log. Skala)[3]

Nach dem Geburtsrisiko sinkt die Sterberate auf ihren Minimalwert für Acht- bis Zehnjährige mit ca. 20 Todesfällen pro 100.000 Personen der Altersklasse pro Jahr (tpj = Todesfälle pro Jahr (pro 100.000 Personen)), siehe Diagramm. Mit fast 50 % sind Unfälle die häufigste Todesursache dieser Altersklasse.[4] Für 15- bis 20-Jährige bilden ebenfalls Unfälle das Hauptrisiko (40 tpj), gefolgt von Mord (ca. 18 tpj für USA, 40 tpj für Südafrika, 5 tpj für Deutschland) und Suizid (12 tpj). Mit zunehmendem Alter bleiben die Suizidrate und die Unfallhäufigkeit nahezu unverändert, während Krankheiten den Hauptanteil an der Sterberate von 800 tpj bei den 50- bis 60-Jährigen darstellen.

Abraham de Moivre (1725) approximierte die altersabhängige Sterblichkeit durch eine hyperbolische Zunahme des Sterberisikos, begrenzt durch ein maximales Lebensalter. Benjamin Gompertz (1824) schlug eine exponentielle Zunahme der Mortalität vor, was die beobachteten Daten ab dem 30. Lebensjahr gut wiedergibt. Verfeinerte Modelle führen weitere Parameter ein.

Modellierung nach Gompertz

Im Gompertz-Diagramm (siehe Mortalitätskurve oben) wird der Logarithmus der Sterberate über dem Lebensalter aufgetragen. In der logarithmischen Darstellung ist zu sehen, dass ab einem Alter von ca. 30 Jahren der Anstieg annähernd linear verläuft: Die Sterberate verdoppelt sich in etwa in konstanten Zeitintervallen. Diese Zeitspanne kürzt man auch als MRDT von mortality rate doubling time ab (oder MRD). Der lineare Anstieg in der logarithmischen Darstellung entspricht einer exponentiellen Zunahme der Sterberate mit dem Lebensalter. Bei der mathematischen Modellierung wird üblicherweise der natürliche Logarithmus verwendet, sodass die Sterberate wie folgt beschrieben wird:

Sterberate ⁡ ( Alter ) = S 30 ⋅ e G ⋅ ( Alter − 30 Jahre ) {\displaystyle \operatorname {Sterberate} ({\text{Alter}})=S_{30}\cdot e^{G\cdot ({\text{Alter}}-30\,{\text{Jahre}})}} {\displaystyle \operatorname {Sterberate} ({\text{Alter}})=S_{30}\cdot e^{G\cdot ({\text{Alter}}-30\,{\text{Jahre}})}}

Dabei bezeichnet S 30 {\displaystyle S_{30}} {\displaystyle S_{30}} die Sterblichkeit im Alter von 30 Jahren. Eine Anpassung für den Parameter G {\displaystyle G} {\displaystyle G} liefert einen Wert von G ≈ 0 , 08 Jahr {\displaystyle G\approx {\tfrac {0{,}08}{\text{Jahr}}}} {\displaystyle G\approx {\tfrac {0{,}08}{\text{Jahr}}}}, das entspricht einer MRDT von ln ⁡ 2 G = 8 , 7 {\displaystyle {\tfrac {\ln 2}{G}}=8{,}7} {\displaystyle {\tfrac {\ln 2}{G}}=8{,}7} Jahren. Der Faktor G {\displaystyle G} {\displaystyle G} heißt Gompertz-Sterbekoeffizient. Studien haben ergeben, dass die MRDT seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute typischerweise in Australien, den USA, Japan und Nordeuropa zwischen 7 und 9 Jahren liegt.[5][6] Daher wird der Wert oft mit 8 abgeschätzt.

Werte des MRDT für andere Tierarten sind zum Vergleich: Labormaus 0,27 Jahre; Laborhamster 0,5 Jahre; Rhesusaffe 15 Jahre; Pferd 4 Jahre; Haushund 3 Jahre; Heringsmöwe 5 Jahre; Königsfasan 1,6 Jahre.[5]

Beispiele für Mortalität

In Deutschland ist die Angabe der Todesursache durch ärztliches Fachpersonal auf dem Totenschein verpflichtend. Idealerweise wird dabei konkret benannt, welche krankhaften Veränderungen zum Tod geführt haben, oder der Grund für tödliche Krankheiten oder Verletzungen waren. Die Angabe erfolgt über eine ICD-10 Ziffer und wird als Todesursachenstatistik erfasst und ausgewertet.[7]

Dennoch wird bereits seit einiger Zeit kritisiert, dass diese Angaben oft ungenau oder vage sind und in vielen Fällen vom Ergebnis einer nachträglich angeordneten Obduktion abweichen[8]. Die Qualität und somit auch Aussagekraft der Todesursachenstatistik steht aufgrund der Qualitätsunterschiede bei den auf Todesbescheinigungen angegebenen Ursachen immer wieder in der Kritik[9]. Ein daraus resultierendes Problem ist zudem die Zuweisung von Forschungsmitteln nach dokumentierter Häufigkeit der möglichen Todesursachen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass es für die Klärung medizinisch unklarer Todesfälle keine bundesweit einheitlichen Regelungen gibt, unter welchen Bedingungen eine Obduktion durchzuführen ist.[10]

Die 10 häufigsten Ursachen die für Mortalitäten in Deutschland angegeben wurden:[11]

  • Chronische ischämische Herzkrankheit (93 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD I25)
  • Akuter Myokardinfarkt (57 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD I21)
  • Bösartige Neubildung der Bronchien und der Lunge (55 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD C34)
  • Nicht näher bezeichnete Demenz (48 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD F03)
  • Herzinsuffizienz (46 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD I50)
  • Sonstige chronische obstruktive Lungenkrankheit (39 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD J44)
  • Hypertensive Herzkrankheit (30 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD I11)
  • Vorhofflattern und Vorhofflimmern (25 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD I48)
  • Pneumonie, Erreger nicht näher bezeichnet (23 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD J18)
  • Bösartige Neubildung der Brustdrüse Mamma (23 Gestorbene je 100.000 Einwohner, ICD C50)

Vergleich von Mortalitäten:

  • Säuglingssterblichkeit um 2013 in Deutschland: Mortalitätsrate 22[12]
  • Müttersterblichkeit bei Geburt 2003 in Deutschland: 12 pro 100.000 Gebärende, bei Geburt 2003 in Kenia: 1300 pro 100.000.
  • Verkehrssterblichkeit 2004: Todesfälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr: in Deutschland 8, in den Niederlanden 5.[13]
  • Todesfälle durch Blitzschlag in Deutschland heutzutage: durchschnittlich drei bis sieben Todesopfer pro Jahr in Deutschland, also unter 0,01 pro 100.000 Einwohner pro Jahr.[14] Im 19. Jahrhundert wurden in Deutschland noch an die 300 Personen jährlich vom Blitz getötet, da wesentlich mehr Menschen auf freiem Feld in der Landwirtschaft arbeiteten und sich nicht in schützende Objekte wie Autos, Traktoren oder Mähdrescher zurückziehen konnten.

Besser als die allgemeine oder rohe Mortalität eignet sich die mittlere Lebenserwartung für den Vergleich unterschiedlicher Regionen, da diese die möglicherweise unterschiedliche altersstrukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung ausgleicht. Bezogen auf die Altersstruktur weisen stark unterschiedliche Bevölkerungen auch sehr unterschiedliche Mortalitätsraten auf.

Oft wird aus der Mortalität/Jahr für eine Risikobewertung eine allgemeine Sterbewahrscheinlichkeit abgeleitet. Beispielsweise sterben in Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern etwa fünf Personen pro Jahr an Blitzschlag. Wird ein Lebensalter von 80 Jahren angenommen, beträgt das Risiko, innerhalb der 80 Jahre am Blitzschlag zu sterben, 1:200.000. Entsprechend liegt das Verkehrsunfallrisiko in Deutschland bei 1:150. Schließlich ist das allgemeine Risiko, innerhalb von 80 Lebensjahren zu sterben, 1:1,25 = 80 %.

Zudem werden Mortalitäten bzw. Mortalitätsraten im Rahmen von medizinischen Behandlungen, etwa in der Anästhesie und Chirurgie erfasst.[15]

Die Mortalitätsrate in der Tierproduktion gibt an, wie viel Prozent der Nutztiere während der Aufzucht verenden. In der Schweizer Geflügelproduktion mit BTS-Standard liegt dieser Wert bei rund 4 %.[16]

Einflussgrößen

Einflussgrößen für die Mortalität sind vor allem:

  • Ökologische Determinanten (insbesondere Umwelt, Vorsorge vor Naturkatastrophen)
  • Sozioökonomische, politische und kulturelle Determinanten (körperliche Arbeit, Arbeitsschutz, Einkommen, Ernährung, Lebensstil, Krieg, Verkehr, …)
  • Medizinische Determinanten (zum Beispiel genetische Faktoren, Qualität der medizinischen Versorgung, Schutzimpfungen, gesundheitliche Aufklärung, Hygienevorschriften etc.)
  • Während er sich statistisch herausmittelt, verbleibt der Zufall als Schicksal für den Einzelnen: Glück und Unglück.

Verwendung

In der Demografie

Geburtenrate und Sterberate bilden wichtige Parameter zur Bestimmung der Altersverteilung einer Gesellschaft und Populationsdynamik im Allgemeinen.

Die Mortalität wird auch in manchen Kriterien der Risikoanalyse verwendet (siehe Minimale endogene Mortalität). In der Technik werden Ausfallwahrscheinlichkeiten im Rahmen der Ereigniszeitanalysen untersucht.

Die Sterberate spielt eine Rolle bei der Einschätzung der saisonalen Grippe und von Pandemien. Dabei wird die Sterblichkeit mit den Mittelwerten vergangener Jahre ohne die Epidemie verglichen. Auf diese Weise werden Übersterblichkeiten festgestellt, die der Epidemie zugeordnet werden können. Ab 2008 unterstützte die GD Sante den Aufbau des Projektes Euromomo[17] zum europaweiten Monitoring der Mortalität. Es sammelt Daten aus 18 europäischen Staaten, den vier Landesteilen des Vereinigten Königreiches sowie zwei deutschen Bundesländern fortlaufend und zeitnah, um auf die saisonale Influenza oder auf eine Pandemie zurückgehende Einflüsse auf die Sterberaten länderübergreifend sichtbar zu machen. Unterstützung erfährt das Projekt inzwischen auch vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

In der Biologie

In der Biologie wird der Begriff auch für nicht-menschliche Populationen verwendet. Dabei wird die Mortalität einer Spezies häufig im Kontext mit dem Gefährdungsstatus (z. B. durch IUCN-Evaluation oder für die Rote Liste) oder in Verbindung mit Tierseuchen erhoben. Dabei bezeichnet die Mortalität auch hier das numerische Verhältnis zwischen der Gesamtindividuenzahl der untersuchten Gruppe und der Anzahl von Todesfällen in derselben Gruppe einer bestimmten Tierart, innerhalb eines definierten Zeitraumes.[18]

Siehe auch

  • Morbidität – Erkrankungshäufigkeiten
  • Relative und absolute Risikoreduktion
  • Anzahl der notwendigen Behandlungen
  • Mikromort, Maßeinheit für Sterberisiko
  • Liste der Länder nach Todesrate
  • Geburtenziffer, das Gegenstück zur Sterberate
  • Liste der Schweizer Kantone nach Lebenserwartung

Literatur

  • Ladislaus von Bortkewitsch: Die mittlere Lebensdauer. Die Methoden ihrer Bestimmung und ihr Verhältnis zur Sterblichkeitsmessung. Gustav Fischer, Jena 1893 (Digitalisat).
  • Rainer Wehrhahn, Verena Sandner Le Gall: Bevölkerungsgeographie. WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-15628-3, S. 36–45.
  • I–Z. In: Wilhelm Kirch (Hrsg.): Encyclopedia of Public Health. 1. Auflage. Band 2. Springer, Berlin 2008, ISBN 978-1-4020-5615-4, Mortality, Mortality Rate – Definition, S. 966 f. (englisch, 1601 S., google.de/books [abgerufen am 26. Januar 2022]). 

Weblinks

Wiktionary: Mortalität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Lebensspanne und Todesursachen früher und heute. (Memento vom 25. November 2012 im Internet Archive). In: Online-Handbuch des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.
  • Sterbefälle, Sterbeziffern je 100.000 Einwohner in Deutschland. Statistisches Bundesamt (Deutschland).
  • Sterblichkeit und Todesursachen in der Schweiz. Bundesamt für Statistik.
  • Mortalitätsatlas von Berlin. nicoleueberschaer.de
  • Mortalität und Todesursachen in den USA 1996. disastercenter.com (englisch).
  • Länderstatistiken. (Memento vom 5. Januar 2010 im Internet Archive) CIA (englisch)
  • Mortalitätskurven. (Memento vom 6. Januar 2010 im Internet Archive) University of Idaho (englisch).
  • Rauchen ist ein wesentlicher Faktor für regionale Unterschiede in der Sterblichkeit. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB); PMID 36180117.

Einzelnachweise

  1. ↑ Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 258. Auflage. De Gruyter, 1998.
  2. ↑ Infektionsschutz und Infektionsepidemiologie. Fachwörter – Definitionen – Interpretationen, Robert Koch-Institut, 2015.
  3. ↑ The Human Mortality Database. University of California, Berkeley und Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Stand 5. Mai 2013.
  4. ↑ Sterberate in den USA.
  5. ↑ a b Finch u. a.: Slow mortality rate accelerations during aging in some animals approximate that of humans. Science 249, 1990, 902–905, doi:10.1126/science.2392680 JSTOR:2877958.
  6. ↑ Finch: The Biology of human longevity. Academic Press, 2007, S. 12.
  7. ↑ Todesursachenstatistik. Statistisches Bundesamt, abgerufen am 19. Mai 2025
  8. ↑ Sterbefälle mit unbekannter oder ungenau bezeichneter Todesursache – attestierte Todesarten und durchgeführte Obduktionen. von 2022 SpringerLink, abgerufen am 19. Mai 2025
  9. ↑ Die Todesursachenstatistik in Deutschland: Probleme und Perspektiven. doi:10.1007/s00103-007-0287-6, Researchgate abgerufen am 19. Mai 2025
  10. ↑ Themen der Zeit. Obduktionen: Unsichere und uneinheitliche Rechtslage. Deutsches Ärzteblatt, abgerufen am 19. Mai 2025
  11. ↑ Die Daten stammen aus dem Statistik-Tool der BinDoc GmbH, das auf Datengrundlage der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (abgerufen am 28. April 2020) erstellt wurde.
  12. ↑ prb.org. (PDF) Abgerufen am 14. April 2021. 
  13. ↑ Unfälle. gbe-bund.de'
  14. ↑ @1@2Vorlage:Toter Link/www.gbe-bund.deSterbefälle nach äußeren Ursachen und ihren Folgen (ab 1998). (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive) Gesundheitsberichterstattung des Bundes (Deutschland).
  15. ↑ Vgl. etwa M. D. Vickers, J. N. Lunn: Mortality in Anaesthesie (= European Academy of Anaesthesiology. Band 3). Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York / Tokyo 1983, ISBN 3-540-12824-7.
  16. ↑ Keine Manipulation beim Hühnerbericht. SRG SSR, 8. Mai 2018, abgerufen am 23. November 2020. 
  17. ↑ euromomo.eu
  18. ↑ Lexikon der Biologie: Mortalität. Spektrum der Wissenschaft, abgerufen am 26. Oktober 2024.
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4057312-6 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)



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Optographie

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026
Optogram eines Hasen, Wilhelm Friedrich Kühne, 1878.

Die Optographie wird auch als „Wissenschaft um die Fixierung des letzten Bildes, das ein Lebewesen vor dem Tod sieht.“[1] bezeichnet.

Die Idee und die ersten Forschungsansätze mit dem Ziel, eine Methode zu erarbeiten, die das letzte Bild auf der Netzhaut eines Toten (Optogramm) wiedergibt, stammen aus dem 19. Jahrhundert.[2] Die Namensgebung Optogramme stammt von dem Heidelberger Professor Wilhelm Friedrich Kühne.

Der wissenschaftliche Stellenwert der Optographie ist aufgrund des fehlenden Nutzens minimal. Historische Überlegungen, sie als forensisches Mittel einzusetzen, waren nie zu realisieren. Heutzutage haben Künstler die Optographie als den magischen Moment des letzten Blickes für sich entdeckt.[3]

Physiologie

Funktionsweise einer Lochkamera

Auf der Netzhaut des Auges entsteht ähnlich wie bei einer Kamera ein auf dem Kopf stehendes Abbild des einfallenden Lichts. In der Netzhaut gibt es Sehzellen, in denen sich der „Sehpurpur“, das Rhodopsin, befindet. Trifft ein Photon mit ausreichend Energie auf das Rhodopsin, ändert dieses seine Konformation. Siegfried Seligmann beschrieb diesen Effekt 1899 als Bleichen des Sehpurpurs.[4] Wenn also helles Licht längere Zeit auf bestimmte Stellen der Netzhaut einwirkt, werden sie heller als die nicht oder weniger belichteten Nachbarbereiche. Die Darstellung dieser Netzhautveränderungen nennt man ein Optogramm. Sein Herstellungsprinzip beruht auch heutzutage noch auf dem Bleichen des Sehpurpurs durch hellen Lichteinfall.[5]

Geschichtliche Aspekte

Die Geschichte der Optographie reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Damals hatte der Jesuiten-Mönch Christoph Scheiner bei einem toten Frosch ein Bild auf dessen Netzhaut gesehen und als den Anblick interpretiert, den der Frosch kurz vor seinem Ableben gesehen hat.[3]

1876 entdeckte Franz Boll das Rhodopsin.

Wilhelm Kühne stellte wenig später optographische Untersuchungen bei einem Kaninchen an und erkannte das Abbild seines Laborfensters. Robert Bunsen war Zeuge der Entdeckung. 1880 konnte Kühne bei dem mittels Guillotine hingerichteten Erhard Reif ein Optogramm auf einer menschlichen Retina erkennen. Es konnte jedoch nicht festgestellt werden, was es darstellte. Später versuchte man Optogramme zur Aufklärung von Mordfällen zu verwenden. Eine Wiener Zeitung will in Erfahrung gebracht haben, dass der Oberstaatsanwalt in einem der sensationellen Massenmord-Prozesse der Weimarer-Zeit neben den Fällen Fritz Haarmann und Peter Kürten 1924/25, dem Fall Fritz Angerstein, den Angeklagten – und das wohl letztmals in der deutschen Strafjustizgeschichte – mit diesem an esoterische Methoden anmutenden Beweismittel konfrontiert haben soll: Ein Optogramm hätte den ohnehin verdächtigen Angerstein als Täter bestätigt. Sämtliche Versuche, das Verfahren kriminaltechnisch nutzbar zu machen, scheiterten allerdings,[2][5] obwohl US-Richter in dem Verfahren Eborn v. Zimpelman zu dem Schluss kamen: „Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass eine perfekte 'Fotografie' eines Objektes, das im Auge eines Sterbenden reflektiert wird, nach dem Tod auf der Retina fixiert bleibt.“

1975 führte der Augenarzt Evangelos Alexandridis an der Heidelberger Universitätsaugenklinik auf Anfrage von Kriminologen erneut ähnliche Versuche durch. Auch dabei konnten erfolgreich Optogramme erstellt werden.[2][1][3] Überlegungen an eine praktische Umsetzung der theoretisch möglichen Verwendung in der Forensik mussten dabei jedoch verworfen werden.[6][5]

Herstellung eines Optogrammes

Aufbau des Auges (Mensch). Netzhaut dunkelgrün.

Erste konkrete Anleitungen zum Erhalt von Optogrammen gehen auf Wilhelm Kühne und August Ewald zurück. Sie führten ihre Untersuchungen an Augen von Fröschen, Kaninchen und Ochsen durch, die noch lebten, oder kurz vorher getötet worden waren. Als wesentlich für den Versuchsaufbau forderten sie dabei, dass das Auge gut fixiert, das Bild scharf und das Licht gut sein müsse. Die Einwirkzeit des Lichtes dürfe gleichzeitig in aller Regel nicht unter drei Minuten liegen.[4]

Die Herstellung des Optogrammes selbst wurde Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise für das Kaninchen beschrieben: Die Augen wurden nach der Belichtung unverzüglich bedeckt, um weiteren Lichteinfall und damit eine zweizeitige Änderung der Netzhaut zu verhindern. Die Arbeit des Eröffnens und Härtens der Augen mittels Alaunlösung wurde in einer Dunkelkammer durchgeführt. Die anschließend abgelöste Netzhaut wurde in einer kleinen konkaven Porzellanschale so ausgebreitet, dass die ursprünglich dem Glaskörper zugewandte Seite oben zu liegen kam. Konserviert wurden die Präparate durch Trocknung mit konzentrierter Schwefelsäure.[4]

In den 1970er Jahren nahm Evangelos Alexandridis diese Experimente wieder auf. Er setzte dabei narkotisierte Kaninchen ebenfalls vor kontrastreiche Bilder, tötete sie anschließend, entnahm die Augen, löste deren hinteren Bereich ab und legte ihn ebenfalls in Alaunlösung (24 Stunden lang). Anschließend entnahm er die Netzhaut, zog sie auf eine kleine Kugel von der Größe eines Augapfels auf und ließ sie im Dunkeln trocknen. Da die Präparate nicht lichtresistent waren, fotografierte er sie zur Dokumentation.[5]

Stellenwert

Der Stellenwert der Optographie als dem magischen Moment des letzten Blickes liegt heutzutage eher im Bereich der Kunst. Schon der Physiologe Wilhelm Kühne stellte seine Optogramme als Lithographien zu Schau.[7]

Rezeption in den Medien

Im Film Wild Wild West wird mit Hilfe der Optographie der Hauptverdächtige eines Mordes ermittelt. Im Krimi Unterholz des Münchner Autors Jörg Maurer wird die Optographie als forensische Ermittlungsmethode und Gefahr für Kriminelle in einem Seminar für Auftragsmörder beschrieben. Im Thriller Totenblick von Markus Heitz wird Optographie ebenfalls angewendet, um einem Mörder, der Kunstwerke in echt „nachstellt“, auf die Spur zu kommen. Im Film Vier Fliegen auf grauem Samt von Dario Argento wird die Methode ebenfalls als möglicher Lösungsansatz, den Mörder zu entlarven, angewandt.

Literatur

  • Bernd Stiegler: Augen-Zeugen. Die Optographie in der Kriminalistik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In: Amelie Rösinger, Gabriela Signori (Hrsg.): Die Figur des Augenzeugen. Geschichte und Wahrheit im fächer- und epochenübergreifenden Vergleich. UVK, 2014, ISBN 978-3-86764-515-7, S. 135–158.
  • Bernd Stiegler: Belichtete Augen. Optogramme oder das Versprechen der Retina. S. Fischer Verlag, 2011, ISBN 978-3-10-075550-6.
  • Derek Ogbourne: Encyclopedia of Optography: The Shutter of Death. The Muswell Press, 2008, ISBN 978-0-9547959-4-8.
  • Derek Ogbourne: Der letzte Blick - Museum of Optography. Katalog zur Ausstellung im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg mit Beiträgen von Frieder Hepp, Kristina Hoge und Stefanie Boos. 2010, ISBN 978-3-938839-89-8.
  • Arthur B. Evans: Optograms and Fiction: Photo in dead Man's Eye. In: Science Fiction Studies. Vol. 20, Part 3, 1993.
  • Richard L. Kremer: The Eye as inscription Device in the 1870s: Optograms, Cameras and the Photochemistry of Vision. In: Brigitte Hoppe (Hrsg.): Biology integrating scientific fundamentals. München 1997, S. 359–381.
  • Georg Popp: Kann man im Auge des Opfers das Bild des Mörders erkennen? In: Die Umschau. 29. Jg., Nr. 5, 1925, S. 85–87.
  • Wilhelm Kühne: Untersuchungen des Physiologischen Instituts der Universität Heidelberg. Band 4, 1881, S. 280ff.
  • Wilhelm Kühne: Vorläufige Mitteilung über optographische Versuche. In: Centralblatt für die medicinischen Wissenschaften. 1877, S. 33, 49.

Einzelnachweise

  1. ↑ a b die-stadtredaktion.de: „Der letzte Blick“ – Derek Ogbournes ‚Museum of Optography‘. (online); zuletzt eingesehen am 23. August 2010.
  2. ↑ a b c Kurt F. de Swaaf: Der letzte Blick. In: Der Spiegel. 13. Juli 2010, eingesehen am 23. August 2010.
  3. ↑ a b c Derek Ogbourne: Der letzte Blick - Museum of Optography. (Memento vom 11. Februar 2013 im Webarchiv archive.today) Ausstellung zur Optografie im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg, eingesehen am 23. August 2010.
  4. ↑ a b c S. Seligmann: Die mikroskopischen Untersuchungsmethoden des Auges. S. Karger Verlag, Berlin 1899, S. 184ff. (Reprint: BiblioBazaar, 2009, ISBN 978-1-110-25650-1, (online))
  5. ↑ a b c d D. Ogbourne: Encyclopedia of Optography. Muswell Press, 2008, ISBN 978-0-9547959-4-8, S. 10ff.
  6. ↑ Wissenschaft im Dialog Der letzte Blick - Museum of Optography. @1@2Vorlage:Toter Link/www.wissenschaft-im-dialog.dewww.wissenschaft-im-dialog.de (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im März 2019. Suche im Internet Archive)
  7. ↑ Instrumente des Sehens. (= Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Band 2,2). Akademie Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-05-004063-7, S. 25.



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Rasselatmung

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Mit Rasselatmung, Rasselatmen, präfinalem oder terminalem Rasseln, auch Todesrasseln (englisch Death Rattle)[1] genannt, wird eine geräuschvolle Atmung von Sterbenden in den letzten Stunden oder Tagen vor dem Tod bezeichnet.

Das Geräusch entsteht dadurch, dass die betroffenen Personen nicht mehr fähig sind, Speichel reflektorisch zu schlucken oder Schleim hochzuräuspern oder abzuhusten. Dies verursacht wiederum eine lockere Obstruktion (Einengung) in den Luftwegen (vom Glottisbereich bis zu den Hauptbronchien).[2][3] Zudem können die schlaffen Schlundwände mit dem Atemstrom aneinander schlagen und für dieses Geräusch mit verantwortlich sein.[1]

Betroffene Patienten sind häufig sehr geschwächt und bewusstseinseingeschränkt bis hin zur Bewusstlosigkeit. Es wird angenommen, dass Rasselatmung vom Sterbenden nicht als belastend wahrgenommen wird.[2] Atemnot oder Erstickungsgefahr besteht nicht, solange die Einatmung frei ist.[4] Angehörige glauben manchmal, in einer länger anhaltenden Rasselatmung den Beleg für Beschwerden und eine Untätigkeit der Behandler zu erkennen. Eine entsprechende, taktvolle Aufklärung ist in aller Regel hilfreich. Da Rasselatmung als Hinweis auf einen baldigen Tod anwesende Mitpatienten sehr belasten kann, ist das mit ein Grund, warum Sterbende in Krankenhäusern in der Regel in Einzelzimmer gebracht werden.

Pathophysiologie

Die Sekretion von Speichel beziehungsweise Schleim erfolgt durch die Speicheldrüsen und die bronchiale Schleimhaut. Der Verlust des Schluck- und Hustenreflexes bewirkt eine Ansammlung der Sekrete in Rachen (Oropharynx) und Bronchien.[2]

Erscheinungsformen

Nach Bennett[5] unterscheidet man zwei Typen des Rasselatmens.

Typ I

Typ I des Rasselatmens entsteht durch eine erhöhte Speichelsekretion in den letzten Stunden eines bewusstlosen oder bewusstseinsgetrübten Patienten. Der Verlust des Schluckreflexes tritt plötzlich ein. Diese Form des Rasselatmens zeichnet sich durch ein besseres Ansprechen auf Anticholinergika aus.[2]

Typ II

Typ II des Rasselatmens zeichnet sich durch eine überwiegend bronchiale Schleim-Sekretion aus, die über mehrere Tage gebildet wird. Der meist wache Patient ist dabei durch die zunehmende Schwäche nicht mehr in der Lage, wirksam zu husten. Die Wahrscheinlichkeit einer Lungenentzündung (Pneumonie) ist dabei sehr groß.[2] Je größer der zeitliche Abstand zwischen der Unfähigkeit des Abhustens und dem Versterben ist, desto eher entwickelt sich der Typ II.

Häufigkeit

Das Rasselatmen ist das am häufigsten beobachtete Symptom während der letzten Stunden im Leben eines Menschen. Etwa 56 bis 92 % der sterbenden Menschen bekommen in dieser Phase Rasselatmung.[6][7][8]

Behandlungsindikationen

Während die Sterbephase unter Exsikkose (Austrocknung durch Flüssigkeitsmangel und als Folge weniger Sekret und Rasselatmung) als nicht quälend beschrieben wird, erzeugt das mitunter laut brodelnde, gurgelnde oder rasselnde Atmungsgeräusch[9] den Anschein eines qualvollen Todeskampfes. Wirken dabei aber die Gesichtszüge entspannt, ist die Atmung frei und nicht angestrengt, so ist eine Behandlung nicht nötig. Zeigen sich dagegen Zeichen von Stress, ist eine palliativpflegerische beziehungsweise palliativmedizinische Behandlung angezeigt.

Auf anwesende Angehörige oder Pflegende können die Geräusche unangenehm, beunruhigend und bedrohlich wirken; manche befürchten, dass der Patient erstickt. So kann sich eine schon bestehende Stresssituation dadurch möglicherweise verschärfen. Aufgabe des betreuenden Personals ist daher vor allem Information über Ursache und Verlauf der Rasselatmung sowie über Belastung und Effektivität bestimmter symptomatischer Behandlungsmöglichkeiten.[4][10]

Behandlung

Eine Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr kann die Dauer bzw. Intensität des Rasselatmens möglicherweise verkürzen bzw. lindern.[11][12]

Es wurde schon sehr früh versucht, die Rasselatmung durch Absaugen einzudämmen. Diese Maßnahme ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn das Einatmen durch starke Sekretion behindert wird. Sonst verursacht das Absaugen möglicherweise mehr Schaden als Nutzen, da mit dem Absaugkatheter das sich tief in der Luftröhre beziehungsweise den Bronchien befindliche Sekret nicht erreicht werden kann. Stetiges Absaugen führt daher lediglich zu einer erhöhten Sekretproduktion und kann zusätzlich Blutungen auslösen. Außerdem ist es eine für den Patienten unangenehme Prozedur.[2][4] Somit ist es wichtig, den Angehörigen zu erklären, dass das Rasselatmen ein typisches Symptom der Endphase ist und der Patient dabei im Allgemeinen keine Luftnot hat.[13]

Eine medikamentöse Therapie beruht vor allem auf der Gabe von Anticholinergika: Die subkutane Gabe von Scopolamin, das neben dem antisalivatorischen Effekt (Hemmung der Speichelproduktion) auch einen sedierenden hat, wird von einigen Autoren[14][15] als Behandlung vorgeschlagen und häufig auch so durchgeführt.[16] Die Ergebnisse zweier Studien sind bezüglich der Wirksamkeit allerdings widersprüchlich. Zumindest für den Typ I des Rasselatmens scheint die Wirksamkeit eher zweifelhaft zu sein. Glycopyrroniumbromid bewirkt offensichtlich eine deutlich stärkere Verringerung des Todesrasselns als Scopolamin.[17] Weitere einsetzbare Medikamente sind Butylscopolamin und Atropin.[15]

Liegt eine Rasselatmung vom Typ II vor, kann eine Umlagerung des Patienten, beispielsweise von der Rücken- in die Seitenlage, durch Umverteilung des Sekrets die Geräuschentwicklung verringern.

Literatur

  • B. Hipp, M. Letizia: Understanding and responding to the death rattle in dying patients. In: Medsurg Nurs, 18, 2009, S. 17–21. PMID 19331295 (Review)
  • B. Wee, R. Hillier: Interventions for noisy breathing in patients near to death. In: Cochrane Database Syst Rev, 2008, CD005177. PMID 18254072 (Review)
  • K. Bickel, R. M. Arnold: Death rattle and oral secretions – second edition #109. In: J Palliat Med, 11, 2008, S. 1040–1041. PMID 18788968
  • B. Wee u. a.: Death rattle: its impact on staff and volunteers in palliative care. In: Palliat Med, 22, 2008, S. 173–176. PMID 18372381
  • B. L. Wee u. a.: The sound of death rattle I: are relatives distressed by hearing this sound? In: Palliative Medicine, 20, 2006, S. 171–175. PMID 16764221
  • B. L. Wee u. a.: The sound of death rattle II: how do relatives interpret the sound? In: Palliative Medicine, 20, 2006, S. 177–181. PMID 16764222
  • E. J. Kompanje: “The death rattle” in the intensive care unit after withdrawal of mechanical ventilation in neurological patients. In: Neurocrit Care, 3, 2005, S. 107–110. PMID 16174877
  • J. L. Spiess, S. D. Scott: Anticholinergic agents for the treatment of “death rattle” in patients with myasthenia gravis. In: Journal Pain Symptom Manage, 26, 2003, S. 684–686. PMID 12850651
  • M. I. Bennett: Death rattle: an audit of hyoscine (scopolamine) use and review of management. In: J Pain Symptom Manage, 23, 2002, S. 310–317. PMID 8898506
  • R. Leinmüller: Schmerztherapie im Alter: Ein Armutszeugnis. In: Deutsches Ärzteblatt, 98, 2001, S. A-801/B-661/C-617
  • S. Eychmüller: Flüssigkeitssubstitution in der Terminalphase – eine kontroverse Diskussion. In: Der Schmerz, 15, 2001, S. 357–361. doi:10.1007/s004820170010
  • S. Kränzle: Atemnot. (PDF; 782 kB)
  • Eberhard Klaschik: Schmerztherapie und Symptomkontrolle in der Palliativmedizin. In: Stein Husebø, Eberhard Klaschik (Hrsg.): Palliativmedizin. 5. Auflage. Springer, Heidelberg 2009, ISBN 3-642-01548-4, S. 207–313, hier: S. 300.

Weblinks

  • Artikel Präfinales_Rasseln bei www.pflegewiki.de
  • Rasselatmung als Audiodatei (WAV; 822 kB) von http://faculty.etsu.edu/arnall/www/public_html/heartlung/breathsounds/contents.html

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Cornelia Knipping (Hrsg.): Lehrbuch Palliative Care. 2. Auflage. Hans Huber, Bern 2007, ISBN 978-3-456-84460-2, S. 472. 
  2. ↑ a b c d e f B. und S. Husebø u. a.: Die letzten Tage und Stunden. Palliative Care für Schwerkranke und Sterbende. (PDF; 246 kB) S. 19–20
  3. ↑ E. Aulert, F. Nauck, L. Radbruch (Hrsg.): Lehrbuch der Palliativmedizin. Schattauer, 2007, ISBN 3-7945-2361-X (S. 386ff). 
  4. ↑ a b c Elisabeth Albrecht: Symptome in der Sterbephase. In: Claudia Bausewein, Susanne Roller, Raymond Voltz (Hrsg.): Leitfaden Palliative Care. Palliativmedizin und Hospizbetreuung. Elsevier, München 2015, S. 349. ISBN 978-3-437-23313-5
  5. ↑ M. Bennett: Death rattle: an audit of hyoscine (scopolamine) use and review of management. In: J Pain Symptom Manage 12, 1996, S. 229–233. PMID 8898506
  6. ↑ R. Fainsinger u. a.: A perspective on the management of delirium in terminally ill patients on a palliative care unit. In: Journ Palliative Care 9, 1994, S. 4–8.
  7. ↑ A. Hughes u. a.: Management of death rattle. In: Palliative Medicine, 11, 1997, S. 80–81.
  8. ↑ S. B. Husebø, S. Husebø: Palliativmedizin – auch im hohen Alter? In: Der Schmerz 2001.
  9. ↑ Ulrike Pribil: Die letzten Stunden – Sterbende Menschen begleiten und pflegen. In: Sabine Pleschberger, Katharina Heimerl, Monika Wild (Hrsg.): Palliativpflege. Grundlagen für Praxis und Unterricht. Facultas Universitätsverlag, Wien 2002, S. 192.
  10. ↑ Rainer Teufel: Richtig sterben? – Pflege in der Finalphase. In: Zeitschrift für Palliativmedizin, März 2017, S. 79
  11. ↑ M. Thöns und M. Zenz: Restriktive Flüssigkeitszufuhr in der Terminalphase kann Leiden reduzieren. In: Palliativmedizin. 7. Jahrgang, 2006, doi:10.1055/s-2006-954155. 
  12. ↑ Praxisorientiertes Palliativwissen für Allgemeinmediziner und Internisten. (PDF) In: dgpalliativmedizin.de. Medical Essentials Media, März 2012, S. 8, abgerufen am 13. Oktober 2021. 
  13. ↑ Gliemann S, 3. Fachtagung der Bayerischen Stiftung Hospiz am 13. Oktober 2003. Workshop „Allgemeine Symptomkontrolle“
  14. ↑ A. C. Hughes u. a.: Management of "death rattle". In: J Pain Symptom Manage 12, 1996, S. 271–272. PMID 8942121
  15. ↑ a b Eberhard Klaschik: Schmerztherapie und Symptomkontrolle in der Palliativmedizin. 2009, S. 300.
  16. ↑ Palliativmedizin für alle alten Menschen. (Memento vom 8. März 2014 im Internet Archive) Abgerufen am 4. August 2016
  17. ↑ E. Rupacher: Ergebnisse von zwei Studien zur Behandlung von Todesrasseln. (Memento des Originals vom 29. Dezember 2009 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.palliativ-medizin.at (PDF; 624 kB)
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Letzte Worte

Noir24admin Sterben 22. Juni 2026

Unter den letzten Worten versteht man das, was ein Mensch im Angesicht seines Todes der Nachwelt hinterlässt. Sie werden seit Jahrtausenden von verschiedenen Völkern für bewahrenswert erachtet. Obwohl sie nicht immer zweifelsfrei verbürgt sind, haben doch einige ihren Weg in den Sprichwortschatz und das Gedächtnis der Welt gefunden. Auch in der bildenden und darstellenden Kunst sowie in Literatur und Musik spielen sie eine große, mitunter tragende Rolle.

Es gibt drei Arten von letzten Worten im engeren Sinne:

  1. Vor dem natürlichen Tod: Weil sich der Tod meist längere Zeit ankündigt, können die letzten Worte wohldurchdacht sein (Beispiele: Berrigan und Luther). Auch eher zufällige letzte Worte sind möglich (Beispiele: Goethe und Schiller).
  2. Vor dem plötzlichen Tod: Tritt das Ende sehr plötzlich ein, bleibt keine Zeit zu ausgefeilten Monologen. Bei Mord oder Herzinfarkt kann man oft nur zufällige letzte Worte beobachten (Beispiele: Caesar und Kennedy).
  3. Vor der Hinrichtung: Stehen Verurteilte vor dem Galgen, der Guillotine oder dem Erschießungskommando, kann man mit gut überlegten letzten Worten rechnen. Dies kann die Beteuerung der Unschuld, eine Bekräftigung der eigenen Auffassung, Galgenhumor oder auch ein Fluch, eine Drohung oder Warnung an die Richtenden sein (Beispiele: Ferrer oder Robert Blum).

Im weiteren Sinne versteht man auch Folgendes unter letzten Worten:

  1. Abschiedsbriefe: Zum Suizid wird häufig ein Abschiedsbrief hinterlassen, in dem auch Motive geschildert sein können (Beispiele: Nicolas Chamfort und Dalida).
  2. Letzte überlieferte Worte: Sind keine letzten Worte im engeren Sinne bekannt, werden mitunter andere Überbleibsel zitiert, zum Beispiel die letzte Eintragung im Tagebuch der Anne Frank, letzte Briefe von Soldaten nach Hause oder von Widerstandskämpfern aus dem Gefängnis (Julius Fučík), letzte Aufzeichnungen von Forschungsreisenden (Robert F. Scott), Grabinschriften oder Testamente („letzter Wille“, Beispiel: Francis Bacon).

Von eigener Hand schriftlich fixierte Worte haben den Vorteil, dass sie verifizierbar sind. Man muss nur das Schriftstück prüfen und beweisen, dass es authentisch und das letzte ist. Bei mündlich überlieferten letzten Worten ist dagegen schwerer zu entscheiden, ob die Überlieferung zuverlässig ist.

Letzte Worte können für deren Urheber auch das Ziel haben, sich für die Nachwelt zu inszenieren, zu stilisieren oder eine Bilanz zu ziehen.[1]

Geschichte

Schon die frühen Hochkulturen zeichneten die letzten Worte bedeutender Persönlichkeiten auf. In der griechischen Mythologie hatten Sterbende die Gabe der Prophetie. So weissagte der sterbende Patroklos seinem Bezwinger Hektor in der Ilias den baldigen Tod. Auch die letzten Worte einiger griechischer Philosophen sind bekannt (Anaxagoras, Archimedes, Epikur, Plotin, Sokrates) und Sueton überlieferte in seinen Büchern über die ersten zwölf römischen Kaiser immerhin fünf letzte Worte (von Augustus, Caesar, Galba, Nero und Vespasian). Aber nicht nur in der westlichen Kultur hatten und haben die letzten Äußerungen Gewicht. Auch die chinesischen und indischen Völker hinterließen einige. Als Beispiele seien Zhuangzi und Buddha erwähnt.

Deutsche ars moriendi aus dem Jahr 1476. In der neunten Zeile stehen die für Christen vorgeschriebenen letzten Worte: „herr meinen geist befilch ich in deine hennd.“

Mit dem Aufkommen des Christentums wurden die letzten Worte vieler Märtyrer als Zeugnisse der Standhaftigkeit im Glauben bis in den Tod aufgezeichnet. Die Aufzeichnung erfolgte jedoch oft erst Generationen nach dem Tod und diente bestimmten Absichten, zum Beispiel der Begründung einer Heiligsprechung oder der Schaffung eines moralisch nachahmenswerten Vorbildes, so dass bei solcher Überlieferung Zweifel begründet sein können. Am Ende des Mittelalters entstanden unter dem Eindruck der damals grassierenden Seuchen und der Angst vor einem unvorbereiteten Tod (Schutzheiliger: Christophorus) so genannte Artes moriendi. Diese lehrten die Kunst, nach dem Vorbild Christi zu sterben. So sollten auch die letzten Worte an seine letzten Worte angelehnt sein: „Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ An diese Worte hielten sich unter anderem Luther und Kolumbus.

Es gab aber auch persönlich gefasste letzte Worte, die dann ihrerseits als beispielgebend betrachtet werden konnten. So äußerte Michel de Montaigne 1595 den Wunsch nach einem Kompendium letzter Worte:

„Et n'est rien dequoy je m'informe si volontiers, que de la mort des hommes: quelle parole, quel visage, quelle contenance ils y ont eu: ny endroit des histoires, que je remarque si attentifvement… Si j'estoy faiseur de livres, je feroy un registre commenté des morts diverses.“[2]
(„Nach nichts erkundige ich mich eingehender als danach, wie ein Mensch gestorben sei: mit welchen Worten, welchem Gesicht und welcher Haltung; und in den Geschichtsbüchern gibt es keine andere Stelle, der ich eine solche Aufmerksamkeit widme … Wenn ich ein Bücherschreiber wäre, legte ich ein kommentiertes Register der verschiedenartigen Tode an.“)

Im 17. Jahrhundert entstanden erste Sammlungen letzter Worte, allerdings zunächst noch sehr spezialisiert auf Märtyrer als gute und Verbrecher als schlechte Beispiele. Erst ab dem 19. Jahrhundert gab es dann allgemeinere Anthologien.

Im England des 18. und 19. Jahrhunderts war es üblich, dass Mörder auf dem Blutgerüst sogenannte dying declarations verlasen, die dann als Einblattdrucke verbreitet wurden. Diese Flugblätter folgten in der Regel einem bestimmten Schema und hatten nicht viel Individualität.

Thomas Alva Edison schuf 1877 seinen Phonographen, um Stimmen zu verewigen, nicht zuletzt auch die letzten Worte:

„For the purpose of the preserving the sayings, the voices and the last words of the dying member of the family – as of great men – the phonograph will unquestionably outrank the photograph.“[3]
(Hervorhebung im Original, „Zum Zwecke der Bewahrung der Reden, der Stimmen und der letzten Worte von sterbenden Familienmitgliedern – wie von großen Männern – wird der Phonograph fraglos die Fotografie an Bedeutung übertreffen.“)

Noch im späten 19. Jahrhundert starb man meist zu Hause im Kreise seiner Familie, die die letzten Worte an die Öffentlichkeit weiterreichen konnte. Im 20. Jahrhundert verlagerte sich das Sterben aus der privaten Sphäre in das Krankenhaus, die Betreuung des Sterbenden geht von den Anverwandten über an technische Apparate und medizinisches Personal, sodass im Zuge der Entpersönlichung des Sterbevorgangs auch letzte Worte seltener vernommen und aufbewahrt werden.

Japan

General Akashi Gidayu hat sein Todesgedicht vollendet (rechts oben abgebildet) und bereitet sich auf das Seppuku vor.

In Japan hat sich eine besondere Tradition der letzten Worte herausgebildet. Dort schreiben Sterbende selbst verfasste Todesgedichte nieder (jisei). In einigen Fällen teilen sie diese auch nur noch mündlich mit. Die ältesten überlieferten Sterbegedichte stammen aus Schriften des achten Jahrhunderts (Kojiki, Man’yōshū, Kokin-wakashū). Diese Tradition wird bis heute gepflegt, so hinterließen im Zweiten Weltkrieg die meisten japanischen Offiziere und viele Kamikaze-Flieger Todesgedichte.

Meist wurden sie in der Tanka-Form niedergeschrieben (31 Silben in fünf Zeilen in der Anordnung 5+7+5+7+7), seit dem 16. Jahrhundert auch als Haiku (Dreizeiler mit 5+7+5 Silben).

Bilder aus der Natur und den Jahreszeiten spielen in Sterbegedichten eine große Rolle. Als Symbole der Vergänglichkeit werden Blumen gewählt, die kaum erblüht wieder verwelken, oder Tau, der verdunstet, wenn die Sonne aufgeht. Weitere oft verwendete Motive sind Wolken und Berge, da sich die Japaner den Tod als Reise in die Berge, in den Himmel oder in die Wolken vorstellten. Auch der Mond als Symbol der Erleuchtung wird gerne verwendet.

Ōta Dōkan (siehe dort) und der buddhistische Mönch Saigyō schrieben ihre Todesgedichte als Tanka:

Negawaku wa
hana no shita nite
haru shinamu
sono kisaragi no
mochizuki no koro
Ich möchte sterben
im Frühjahr
unter Kirschblüten,
wenn der Frühlingsmond
voll ist.

Retsuzan (1789–1826) verwendete die Haiku-Form:

Tsuyu no yo to
satoru sono yo o
nezame kana
In der Nacht, als ich verstand,
dass dies eine Welt des Taus ist,
erwachte ich aus meinem Schlaf.

Mit der Welt des Taus ist die Welt der Menschen gemeint: vergänglich wie ein Traum, aus dem man erwacht und sich im Reinen Land im Westen, also im buddhistischen Paradies, wiederfindet. Als letztes Beispiel das Todesgedicht des Uko (1686–1743):

Yuku kumo ni
made tsuredatan
hototogisu
Wohin die Wolken ziehen,
dorthin nimm mich mit,
Kuckuck.

Eine Schreibweise des hototogisu (Gackelkuckuck, lat. Cuculus poliocephalus) besteht aus den chinesischen Schriftzeichen „Zeit“ und „Vogel“. Der „Zeitvogel“ ist in der Dichtung oft Todesbote.

Redewendungen

Bis ins 17. Jahrhundert hinein verstand man unter dem Sterbenswort noch das „Wort eines Sterbenden“, eben die letzten Worte. Ab dem 18. Jahrhundert wird es nur noch redensartlich verwendet, meist in negativen Wendungen: „kein Sterbenswörtchen sagen“ als Synonym für „gar nichts sagen“.[4]

Der Wendung "Berühmte letzte Worte" wird wörtlich auch als ernste Ermahnung eingesetzt, etwa: "A: Kein Problem, ich habe nur eine Kleinigkeit geändert (und nicht mehr geprüft). B: Berühmte letzte Worte."

Schwarzer Humor

Schwarzer Humor ist ein Genre von Witzen, deren Pointe erst durch Weiterdenken erschlossen werden muss, nutzt die Konsequenz des unmittelbar auf die Rede folgenden Tods: "Ich kenn' mich aus, es ist immer der rote Draht."

Literatur

Allgemein

  • Walter Hömberg: "Letzte Worte", in: Universitas, 70. Jg. 2015, Nr. 830, S. 28–39, ISSN 0041-9079
  • Cornelius Hartz: Sehen Sie, so stirbt man also! 55 beste letzte Worte, Philipp von Zabern, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-8053-4505-7
  • Hans Halter: Ich habe meine Sache hier getan. Leben und letzte Worte berühmter Frauen und Männer, Bloomsbury, Berlin 2007, ISBN 978-3-8270-0697-4
  • Werner Fuld: Lexikon der letzten Worte. Letzte Botschaften berühmter Männer und Frauen von Konrad Adenauer bis Emiliano Zapata, Piper, München 2002, ISBN 3-492-23656-1
  • Michael Augustin: Mehr nicht! Letzte Augenblicke berühmter Frauen und Männer, Sanssouci, Zürich 2000, ISBN 3-7254-1180-8
  • Karl S. Guthke: Letzte Worte. Variationen über ein Thema der Kulturgeschichte des Westens, C. H. Beck, München 1990, ISBN 3-406-34443-7
  • Isabelle Bricard: Dictionnaire de la mort des grands homme. Le Cherche Midi Éditeur, Paris 1995, ISBN 2-86274-391-7

Japan

  • Yoel Hoffmann: Die Kunst des letzten Augenblicks. Todesgedichte japanischer Zenmeister, Herder, Freiberg, Basel, Wien 2000, ISBN 3-451-04965-1

Musik

  • Klaus Langrock: Die sieben Worte Jesu am Kreuz. Ein Beitrag zur Geschichte der Passionskomposition, Verlag Die Blaue Eule, Essen 1987, ISBN 3-89206-203-X
  • Die Sieben letzten Worte Jesu in der Musik. Handschriften und Drucke aus der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg. Schnell & Steiner, Regensburg 2001, ISBN 3-7954-1418-0

Hörfunk

  • Erich Klein: Letzte Worte - das Finale in der Literatur, Langversion eines Beitrags der Ö1 Sendereihe Diagonal, 20. Juni 2020[5]

Weblinks

Wikiquote: Letzte Worte – Zitate
Commons: Letzte Worte – Sammlung von Bildern und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Alfred Sobel: Vom Reiz der Selbstinszenierung. Wenn das 'letzte Stündlein' geschlagen hat: über letzte Worte. In: Neues Deutschland vom 25./26. November 2017, S. 22
  2. ↑ [1] Transkription
  3. ↑ Thomas Edison: The Phonograph and its Future, in: North American Review, Volume 126, Issue 262 (May-June 1878), S. 527–36, insbesondere S. 533f
  4. ↑ Sterbenswort, n. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 18: Stehung–Stitzig – (X, 2. Abteilung, Teil 2). S. Hirzel, Leipzig 1941, Sp. 2438 (woerterbuchnetz.de). 
  5. ↑ "Alles hat ein Ende, nur ..." - "Diagonal" macht Schluss, Radio Ö1, 20. Juni 2020
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