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Totemismus

Noir24admin Naturreligionen 21. Juni 2026
Typisch für die Nordwestküstenkultur Nordamerikas sind die so genannten „Totempfähle“: plastische Darstellungen der Clan-Abzeichen mit politischen, sozialen und mythologischen Bedeutungen – jedoch keine Totems im religiösen Sinne

Totemismus ist ein ethnologischer (manchmal auch religionswissenschaftlicher) Überbegriff für verschiedene gesellschaftliche Konzepte oder Glaubensvorstellungen, bei denen Menschen eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zu bestimmten Naturerscheinungen (Tiere, Pflanzen, Berge, Quellen u. v. m.) – den Totems – haben, denen als Symbole eine wichtige Bedeutung für die Identitäts­findung zukommt.[1]

Der Begriff „Totem“ steht dabei für das Symbol entweder im Sinne eines profanen metaphorischen Namens oder Gruppenabzeichens – oder eines geheiligten Sinnbildes.[2] Demzufolge unterscheidet man im Totemismus sowohl soziale als auch religiöse Aspekte. Die Bedeutung der Totems ist von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich: Bei vielen Aborigines sind (beziehungsweise waren) es krafttragende spirituelle Abzeichen, die die Menschen mit der Umwelt und der Traumzeit verbinden und die mit heiligen Orten, Zeiten, Symbolen oder Handlungen verbunden werden. Bei vielen Ethnien anderer Kontinente werden Totems zwar magisch-mythologisch erklärt, sind jedoch im Alltag oft „nur“ profane Namen zur Klassifizierung und Wiedererkennung sozialer Gruppen in Anlehnung an die natürliche Ordnung und zur Erhaltung der kosmisch-verwandtschaftlichen Beziehungen.[3] Dabei ist ein Totem psychologisch betrachtet in jeder Form deutlich „wirkungsvoller und tiefer gehend“ als jegliches moderne Erkennungszeichen. Die Zuordnung und/oder Verbindung „religiös oder sozial“ ist allerdings ein häufiges Streitthema unter Ethnologen, da eine scharfe Trennung in der Regel nicht möglich ist.[4]

Bei fast allen totemistischen Ideen sind zwei grundsätzliche Verbote verknüpft:[1]

  • Die „verwandten“ Naturobjekte dürfen weder getötet noch beschädigt oder gegessen werden (in Zeiten großer Not dürfen Totem-Tiere bei einigen Ethnien hingegen nur von Personen getötet werden, die diesem Totem angehören).
  • Sexuelle Beziehungen innerhalb eines Totem-Clans unterliegen einem strengen Tabu.

Jede totemistische Vorstellung erweitert das Konzept der Verwandtschaft auf Naturzusammenhänge, um das Fremde und Bedrohliche in die Welt des Menschen zu integrieren.[5][6][3]

Diese „Verwandtschaft“ wird nicht im biologischen, sondern im rein mythologischen Sinn gesehen;[7] dabei jedoch je nach Ethnie sehr unterschiedlich interpretiert: Einige australische Aborigines und die südafrikanischen Khoisan[8] sehen im Totem zum Beispiel eine direkte gemeinsame Abstammung, während bei zentralafrikanischen Stämmen nur eine entfernte verwandtschaftliche Beziehung angenommen wird.[9]

Totemistische Vorstellungen wurden weltweit beschrieben, vor allem bei denjenigen indigenen Völkern, die sich in verschiedene Abstammungsgruppen (Lineages) oder Clans gliedern.[10]

Aufgrund der wissenschaftlichen Unklarheiten bei religiös motivierten Vorstellungen, die zumeist den Einzelnen betreffen, betrachten viele moderne Ethnologen den Totemismus nur noch in seiner kollektiven Ausprägung,[1] bei der das Totem als Symbol für die Zusammengehörigkeit von sozialen Gruppen steht (Gruppentotemismus).[11] Das Totem repräsentiert hier bestimmte wünschenswerte – oft vermenschlichte – Eigenschaften oder Verhaltensweisen der Tiere, Pflanzen oder anderen Naturobjekte, die auf diese Art und Weise in das kulturelle Verhaltensrepertoire übernommen werden.[1] Oftmals ist schwer zu erkennen, ob ein Totem zu den schon vorhandenen Eigenheiten der Gruppe passend gewählt wurde; oder ob sich diese Eigenheiten erst im Laufe der Zeit durch die Auswahl des Totems und den Glauben an die mythische Verwandtschaft entwickelten.[12]

Totemistische Vorstellungen kommen heute noch vor allem im zentralen und südlichen Afrika bei einigen traditionellen Gesellschaften,[1] bei einigen australischen und melanesischen Stämmen und bei nicht christianisierten naturnah lebenden Indigenen Mittel- und Südamerikas vor.[1]

Etymologie und ursprüngliche Idee

Piktogramme der Anishinabe, von denen der Ausdruck „Totem“ stammt

Die unkorrekte Interpretation der Begriffe ototeman (Ojibwe-Sprache: blutsverwandte Geschwister) und nintotem (Familienabzeichen nach Tiernamen) der fünf Clans der Anishinabe (Ojibwa) Südost-Kanadas führte in Verbindung mit der Vorstellung persönlicher Schutzgeister in der frühen Völkerkunde zu der Idee, dass es sich bei einem Totem immer um ein spirituelles Geistwesen in Gestalt eines Tieres, einer Pflanze oder eines Minerales handele.[9] Diese verfälschte Vorstellung wurde alsbald recht willkürlich kulturvergleichend auf ähnliche Phänomene bei anderen Völkern übertragen.[1] In der Völkerkunde des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entstand daraus die Idee eines weltweit verbreiteten Totemismus als „universaler Urreligion“ (→ auch: Animistische Religionstheorie). In dieser Tragweite gilt das Konzept des Totemismus heute als überholt.[3]

Arten des Totemismus

Künstliche Kulthügel (Mounds) in Bärengestalt (Effigy Mounds National Monument, Iowa). Ein totemistischer Zusammenhang liegt nahe.

Totemistische Vorstellungen unterscheiden sich von Kultur zu Kultur beträchtlich und sind nach moderner Auffassung kein universelles religiöses oder soziales Phänomen der frühen Menschheitsentwicklung.[10] Dies drückt sich deutlich in den vielfältigen Problemen aus, Totemismus klar zu definieren, abzugrenzen und zu untergliedern: Es handelt sich in erster Linie um ein künstliches, wissenschaftliches Konstrukt.

Man unterscheidet gemeinhin zwischen Individual-, Geschlechter- und Gruppentotemismus, je nachdem ob ein Individuum, eine Geschlechtergruppe oder eine ganze Sippe mit dem Totem in Beziehung steht.[3] Die letztgenannte Form ist bei weitem die häufigste.[13]

Bereits diese Unterscheidung ist nicht immer einfach. So findet man in Nordamerika, Australien und Afrika Beispiele für Ethnien mit kollektivem und individuellem Totemismus.[14]

Wie bereits beschrieben ist auch eine Unterscheidung nach religiöser oder sozialer Bedeutung schwierig: In Polynesien oder bei den Yanomami besteht nahezu kein sozialer Aspekt, in Afrika sind soziale und religiöse Funktionen erkennbar und in Nordamerika liegt der Schwerpunkt fast überall auf der sozialen Bedeutung.[15]

Einige Autoren betonen, dass man die spirituellen Schutzgeistvorstellungen nicht isoliert vom Clan-Totemismus betrachten darf: Das eine wie das andere sei in der Mythologie verwurzelt und jede begriffliche Trennung damit künstlich.[16]

Individual-Totemismus

Tjuringa-Schwirrholz der Aborigines mit aufgemaltem Totem

Persönlicher Totemismus ist weitgehend religiös motiviert, auch wenn dies nur bei wenigen Ethnien unstrittig ist:[17] Dabei handelt es sich in der Regel um die Vorstellung eines persönlichen Schutzgeistes in Gestalt eines Tieres. Ein klassisches Beispiel aus Australien sind die Arrernte: Nach ihrem Glauben empfängt man sein Totem von den Tjuringas des heiligen Ortes, an dem die Mutter vorbeikam, kurz bevor sie schwanger wurde. Ein Tjuringa ist in diesem Fall ein Steinobjekt eines Ahnen, in dem sich dessen Seele manifestiert hat.[10] Bei vielen nordamerikanischen Prärie-Indianern erschien der persönliche Tiergeist bei der Visionssuche (Übergangsritus).[18]

„Alter Ego-Doppelgängerseelen“ in Gestalt eines konkreten Tieres (seltener einer Pflanze) hingegen – wie bei den Yanomami[19] oder den Völkern Mesoamerikas (→ Nagual) – behandeln viele Autoren nicht als totemistische Phänomene, sondern stellen sie in schamanistische beziehungsweise animistische Zusammenhänge.[20][3] Alter Ego-Vorstellungen werden nur dann zu den totemistischen Konzepten gerechnet, wenn gleichzeitig eine direkte Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen angenommen wird und entsprechende Tabus für sexuelle Kontakte mit Menschen desselben Totems bestehen. Bei den afrikanischen Kpelle beispielsweise straft das Alter Ego seinen Besitzer, sobald dieser eines der Totemverbote übertritt.[21]

Totemistische Clans

Pass der Irokesen mit den neun totemistischen Clan-Symbolen des Stammes

Profan motivierte Gruppentotems dienen zur Klassifizierung und Wiedererkennung sozialer Gruppen in Anlehnung an die natürliche Ordnung und zur Stärkung der kosmisch-verwandtschaftlichen Beziehungen.[3] So etwa bei den Maya-Volksgruppen im Hochland von Chiapas, bei denen bis heute jede Abstammungsgruppe den Namen eines Tieres, einer Pflanze oder eines Naturobjektes trägt. Die Clan-Mitglieder dürfen einander nicht heiraten und leben getrennt von anderen Clans. Der Clanname symbolisiert den gemeinsamen Vorfahren, an den zumeist keine konkrete Erinnerung mehr besteht.[22]

Totemistische Clans sind:[1]

  • biologisch näher oder entfernter miteinander verwandte Menschen oder solche, die sich für blutsverwandt halten,
  • die ein Naturobjekt als gemeinsames Identitätssymbol nutzen, das die individuellen Besonderheiten der Gruppe metaphorisch repräsentiert,
  • deren Clantotem als emotionales Symbol für oft rigorose Verhaltensvorschriften und Regeln steht
  • deren Totem und gemeinsame Abstammung mythologisch mit der Vorzeit und den Ahnen verknüpft wird
  • und die häufig nicht separat wohnen, sondern unter Angehörigen anderer Clans.

Ein Clantotem hat ein Mensch immer von Geburt an. Je nachdem, ob die Verwandtschaftszurechnung patrilinear oder matrilinear ist, erbt man das Totem von der väterlichen oder der mütterlichen Linie. In Zentralafrika kommt es jedoch bei matrilinearen Clans auch vor, dass zwar das Totem vom Matriklan übernommen wird, dass aber das wichtigere Totem vom Patriklan kommt.

In der Regel ist es keinem Gruppenmitglied gestattet, geschlechtliche Beziehungen zu einem Angehörigen desselben Totems aufzunehmen, unabhängig davon, ob die beiden tatsächlich miteinander verwandt sind. Diese als Exogamie bezeichnete Begattungsvorschrift ergibt sich daraus, dass die Totemzugehörigkeit ursprünglich – bevor man den Zusammenhang zwischen Begattung und Schwangerschaft entdeckte – nur von der Mutter auf ihre Kinder 'vererbt' wurde, so dass, bei einer solchen matrilinearen Clanzugehörigkeit, die geschlechtliche Beziehung zwischen dem 'Vater' und den Töchtern der Mutter ausdrücklich keinem Tabu unterliegt. Das Inzesttabu im heutigen Verständnis des Begriffes setzt also die Erkenntnis der Vaterschaft und die erst davon ermöglichte Einführung einer patrilinearen Erbfolge voraus.

Die über das bloße Abzeichen hinausgehende kollektiv-religiöse Verehrung eines bestimmten Totemtieres wird für das Alte Ägypten, Neuseeland und Afrika beschrieben.[23]

Entwicklung des Totemismus

Vermutlich ein „tanzender Schamane“ in Hirschgestalt: Höhlenmalerei in der Drei-Brüder-Höhle in Frankreich

Die enge Mensch-Totem-Beziehung ist uralt und könnte in Zusammenhang mit frühen politischen Bündnissen stehen, in denen eine Verteilung der Lebensquellen (auch Frauen als Quelle der Nachkommen) vereinbart wurden; dies würde bestimmte Verbote und Regeln des Frauentausches erklären (siehe Claude Lévi-Strauss).

Der Totemismus ist vor allem in animistischen Jäger- und Sammlerkulturen verankert, die erwartungsgemäß eine starke Bindung an Tiere haben.[13] Diese Wildbeuter-Kulturen werden zusehends zurückgedrängt, so dass die Bedeutung des Totemismus immer geringer wird. Der Kolonialismus und die christliche Missionierung haben bereits in der Vergangenheit einen drastischen Kulturwandel eingeleitet. Totemistische Vorstellungen kommen heute noch vor allem im zentralen und südlichen Afrika bei einigen traditionellen Gesellschaften,[1] bei einigen australischen und melanesischen Stämmen und bei (noch) nicht christianisierten naturnah lebenden Indigenen Mittel- und Südamerikas vor.[1]

Forschungsgeschichte

Totemismus und Religion

Siehe auch: Sackgassen der ethnologischen Religionsforschung

Mensch oder Schamane verbunden mit seinem Tiergeist (Coyote), vielleicht auf einer Schlange reitend. (Petroglyph, Petrified Forest, Arizona, USA)

John Ferguson McLennan brachte 1869 als erster den Totemismus mit Religion in Zusammenhang. Er sah darin ein Überbleibsel des Fetischismus.[11] William Robertson Smith ging noch weiter und erblickte im Totemismus den Ursprung der Religion überhaupt. Fast alle Autoren des 19. Jahrhunderts übernahmen diese Lehrmeinung oder hielten den Totemismus zumindest für die früheste bekannte Religionsform. Alle diese Theorien basieren auf dem Evolutionismus oder haben sich in kritischer Auseinandersetzung von ihm weiterentwickelt.

Smith (und später Sigmund Freud, der allerdings keinen religiösen Hintergrund sah[1]) führten das Opfer auf den Totemismus zurück. Das Totem sei streng tabuisiert, werde aber bei feierlichen Anlässen geschlachtet und gemeinsam aufgegessen. F. B. Jevons vermutete 1896 eine lineare Entwicklung vom Totemismus zur Religion. Der Animismus sei eher eine primitive Philosophie als eine Form religiöser Vorstellungen.

Der Völkerpsychologe Wilhelm Wundt schrieb 1912, „es ergebe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluss, dass die totemistische Kultur überall einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe zwischen dem Zustand der primitiven Menschen und dem Helden- und Götterzeitalter gebildet hat“.[24]

Da es äußerst selten vorkommt, dass das Totemtier getötet und gegessen wird, entbehrt die Opfertheorie von Freud und Smith ihrer wichtigsten Grundlage. Der Totemismus ist zwar weltweit verbreitet, aber zahlreiche wildbeuterische „Altvölker“ (z. B. Pygmäen, paläosibirische Ethnien) kennen den Totemismus nicht. Daher ist die These Wundts, der Totemismus sei eine allgemeine Durchgangsstufe, nicht stichhaltig.

Émile Durkheim

Émile Durkheim erhob den Totemismus zur Urreligion

Émile Durkheim erforschte intensiv den Totemismus der australischen Arrernte und übernahm von Smith vier Grundgedanken:

  1. dass die primitive Religion ein Clankult sei,
  2. dass dieser Clankult totemistisch sei (er glaubte, Totemismus und das Einteilungssystem der Clans bedingten einander automatisch),
  3. dass der Gott des Clans der spiritualisierte Clan selbst und
  4. dass der Totemismus die elementarste und in diesem Sinne ursprünglichste uns bekannte Form der Religion sei.

Er sah Religion als einheitliches System von Glaubensvorstellungen und Praktiken, die auf heilige Dinge bezogen sind, d. h. auf isolierte und verbotene Dinge. Nach diesem Kriterium kann Totemismus als Religion definiert werden. Welches Objekt wird nun in der totemistischen Religion verehrt? Es ist nach Ansicht von Durkheim die Gesellschaft selbst, was die Menschen verehren. Das Totem ist zugleich Symbol für den Gott oder das Lebensprinzip wie für die Gesellschaft, denn Gott und Gesellschaft sind das gleiche. In den Totemsymbolen drücken die Clanangehörigen ihre Identität und ihre Gruppenzugehörigkeit aus.[25]

Sozio-kulturelle Deutungen

James George Frazer vertrat 1910 in Totem und Exogamie den gegenteiligen Standpunkt: „Reiner Totemismus ist in sich selbst ganz und gar keine Religion, denn die Totems werden nicht verehrt, sie sind in keinem Sinne Gottheiten.“ Deshalb sei nur von einer Verehrung von Totems zu sprechen. W. H. Rivers sah darin eine Kombination von Elementen sozialer Bindung, psychologischer und ritueller Natur.[11] Radcliffe-Brown betonte 1929, dass totemistische Kategorisierungsprinzipien an moderne wissenschaftliche Klassifizierungen erinnern.

Claude Lévi-Strauss

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hatte maßgeblichen Einfluss auf totemistische Theorien

Claude Lévi-Strauss gründete seine Überlegungen auf die Interpretation des Alt-Philologen Andrew Lang, der bereits 1911 den ersten Bericht über den Totemismus – den der Pelzhändler John Long 1791 von den Anishinabe-Indianern mitgebracht hatte – als falsche Übersetzung und Verwechslung bezeichnete. Lévi-Strauss ging demnach davon aus, dass nur das Clan-Tiernamensystem des Stammes als Totemismus zu bezeichnen sei, nicht jedoch die individuellen Schutzgeister in Tiergestalt. Letzteres stellte er separat zum religiösen „System Manitu“ – wie er es nannte.[26] Lévi-Strauss baute 1962 die mythologisch-soziale Erklärung aus und erkannte im mythischen Denken des Totemismus die universale menschliche Fähigkeit, natürliche und sozio-kulturelle Ordnungsmuster herstellen zu können.[1] Lévi-Strauss gilt als der heftigste Kritiker der Idee eines religiösen Totemismus[3] und seine umfangreichen kritischen Schriften haben immer noch große Bedeutung.

Vermittelnde Theorien

Manche Ethnologen kritisieren heute die rein sozio-kulturellen Ansätze, die auf der Theorie von Lévi-Strauss basieren: Die unterstellte Begriffsvermischung von Schutzgeist-Idee und Clansymbol sei nur formal-sprachlich und die Trennung daher künstlich.[27] Tatsächlich bestehe zweifellos ein Zusammenhang zwischen beiden Vorstellungen, denn solche elementaren weltanschaulichen Ideen seien immer Teil einer mythisch verankerten Kosmologie, die soziale und religiöse Aspekte vielfach miteinander „verwebe“.[28]

Siehe auch

  • Ethnische Religionen
  • Krafttier
  • Kalte und heiße Kulturen oder Kulturelemente
  • Roman: Anima von Wajdi Mouawad, Kanada. Im Roman sind Totems ein durchgehendes Stilmittel

Literatur

  • Claude Levy-Strauss: Das Ende des Totemismus. Suhrkamp, Frankfurt/M., 1965. (Original: Le totemisme aujourd'hui. Paris, PUF 1962).
  • Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. Totemismus: Institution oder Illusion?. In: Yumpu.com, Online-PDF-Dokument, abgerufen am 23. Januar 2015.
  • Sigrid Westphal-Hellbusch (Hrsg.): Tier und Totem: Naturverbundenheit in archaischen Kulturen; Texte zum Totemismus. Ed. Amalia, Bern 1998, ISBN 3-905581-03-5.
  • Philippe Descola, übersetzt von Eva Moldenhauer: Jenseits von Natur und Kultur. Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-58568-9.
  • E. E. Evans-Pritchard: Theorien über primitive Religionen. (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. 359). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-07959-X.

Einzelnachweise

  1. ↑ a b c d e f g h i j k l Gerhard Kubik: Totemismus: ethnopsychologische Forschungsmaterialien und Interpretationen aus Ost- und Zentralafrika 1962–2002. (= Studien zur Ethnopsychologie und Ethnopsychoanalyse. Band 2). LIT Verlag, Münster 2004, ISBN 3-8258-6023-X, S. 4–9.
  2. ↑ Ditmar Brock: Leben in Gesellschaften: Von den Ursprüngen bis zu den alten Hochkulturen. 1. Auflage. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14927-X, S. 187.
  3. ↑ a b c d e f g Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage. Reimer, Berlin 2005, S. 377–378.
  4. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 33ff.
  5. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 172.
  6. ↑ Claude Lévi-Strauss: La pensée sauvage. 1962, deutsche Ausgabe: Das wilde Denken. Übersetzung von Hans Naumann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968.
  7. ↑ Thomas Schweer: Stichwort Naturreligionen. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08181-1, S. 22.
  8. ↑ Markus Porsche-Ludwig, Jürgen Bellers (Hrsg.): Handbuch der Religionen der Welt. Bände 1 und 2, Traugott Bautz, Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-727-5, S. 917.
  9. ↑ a b Josef F. Thiel: Totem/Totemismus. In: Horst Balz, James K. Cameron, Stuart G. Hall, Brian L. Hebblethwaite, Wolfgang Janke, Hans-Joachim Klimkeit, Joachim Mehlhausen, Knut Schäferdiek, Henning Schröer, Gottfried Seebaß, Hermann Spieckermann, Günter Stemberger, Konrad Stock (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 33: Technik – Transzendenz. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2002, ISBN 3-11-019098-2, S. 683–686.
  10. ↑ a b c Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff. Campus, Frankfurt / New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 292–293.
  11. ↑ a b c Dieter Haller u. Bernd Rodekohr: dtv-Atlas Ethnologie. 2. vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. 2010, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-03259-6, S. 235.
  12. ↑ Birgit Recki (Hrsg.) Ernst Cassirer (Autor): Philosophie der symbolischen Formen: Zweiter Teil: Das mythische Denken. Band 2, Meiner Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1954-1, S. 218.
  13. ↑ a b Waldemar Stöhr: Lexikon der Völker und Kulturen. Westermann, Braunschweig 1972, ISBN 3-499-16160-5, S. 116.
  14. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 168.
  15. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 172–173.
  16. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien: Totemismus: Institution oder Illusion?. In: Yumpu.com, Online-PDF-Dokument, abgerufen am 23. Januar 2015, S. 39–43.
  17. ↑ Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7, S. 102.
  18. ↑ Wolfgang Lindig: Geheimbünde und Männerbünde der Prärie- und der Waldlandindianer Nordamerikas: untersucht am Beispiel der Omaha und Irokesen. (= Studien zur Kulturkunde. Band 23). F. Steiner, Wiesbaden 1970, ISBN 3-515-00857-8, S. 36.
  19. ↑ Alcida Rita Ramos: Indigenism: Ethnic Politics in Brazil. University of Wisconsin Press, 1998, S. 192.
  20. ↑ Claudia Müller-Ebeling u. Christian Rätsch: Tiere der Schamanen: Krafttiere, Totem und Tierverbündete. Auflage, AT Verlag, Aarau u. München 2011, ISBN 978-3-03800-524-7, S. 61.
  21. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 162.
  22. ↑ Wolfgang Lindig u. Mark Münzel (Hrsg.): Die Indianer. Band 2: Mark Münzel: Mittel- und Südamerika. 3. durchgesehene und erweiterte Auflage. der 1. Auflage von 1978, dtv, München 1985, ISBN 3-423-04435-7, S. 39–40.
  23. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 11.
  24. ↑ Herman Westerink (Hrsg.): Totem und Tabu. (= Sigmund Freuds Werke. Band 1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8470-0021-1, S. 144.
  25. ↑ Georg W. Oesterdiekhoff (Hrsg.): Lexikon der soziologischen Werke. 2. Auflage. Springer-Verlag, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-02377-5, S. 172.
  26. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 41.
  27. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 43.
  28. ↑ Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 39–41.
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🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

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Shintō

Noir24admin Naturreligionen 21. Juni 2026
Shinto ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Shinto (Begriffsklärung) aufgeführt.

Shintō (jap. 神道, wird im Deutschen meist übersetzt mit „Weg der Götter“) – auch als Shintoismus bezeichnet – ist die ethnische Religion der Japaner (siehe auch Religion in Japan). Shintō und Buddhismus, die beiden in Japan bedeutendsten Religionen, sind aufgrund ihrer langen gemeinsamen Geschichte nicht immer leicht zu unterscheiden. Als wichtigstes Merkmal, das die beiden religiösen Systeme trennt, wird oft die Diesseitsbezogenheit des Shintō angeführt. Darüber hinaus kennt der klassische Shintō keine heiligen Schriften im Sinne eines religiösen Kanons, sondern wird weitgehend mündlich überliefert. Die beiden Schriften Kojiki und Nihonshoki, die von einigen shintoistisch geprägten Neureligionen Japans als heilig angesehen werden, sind eher historisch-mythologische Zeugnisse.[1]

Überblick

Torii am Itsukushima-Schrein, im Hintergrund die Insel Miyajima

Shintō besteht aus einer Vielzahl von religiösen Kulten und Glaubensformen, die sich an die einheimischen japanischen Gottheiten (kami) richten. Kami sind zahlenmäßig unbegrenzt und können die Form von Menschen, Tieren, Gegenständen oder abstrakten Wesen haben. Man spricht daher auch von Shintō als einer polytheistischen und animistischen oder auch theophanischen Religion.

Die Gebäude oder Verehrungsstätten des Shintō bezeichnet man als Shintō-Schreine. An der Spitze der Schreinhierarchie steht der Ise-Schrein, wo die Sonnengottheit Amaterasu, zugleich die mythische Urahnin des japanischen Kaisers, des Tennō, verehrt wird. Dementsprechend gilt der Tennō auch als Oberhaupt des Shintō. Während diese religiöse Führungsrolle des Tennō heute nur noch nominelle Bedeutung besitzt, erreichte sie in der Ära des Nationalismus vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt. Dem Tennō wurde damals ein göttlicher Status zugeschrieben. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Staats-Shintō.

Historisch betrachtet war der Shintō jahrhundertelang eine uneinheitliche und mit Elementen des Buddhismus und Konfuzianismus verbundene religiöse Tradition, die erst mit Beginn der Meiji-Restauration aufgrund neuer politischer Ideologien von Staats wegen als einheitliche und rein japanische „Urreligion“ gedeutet wurde.[2] Hinsichtlich einer genauen Definition besteht nach wie vor keine Einigkeit. So bemerkt z. B. der japanische Religionshistoriker Ōbayashi Taryō:

„Shintō … [ist] im weitesten Sinne die Urreligion Japans, im engeren Sinne ein aus Urreligion und chinesischen Elementen zu politischen Zwecken ausgebautes System.“[3]

Wichtige Gottheiten des Shinto sind das Urgötterpaar Izanagi und Izanami, die im japanischen Mythos über die Entstehung der Welt eine maßgebliche Rolle spielen. Aus ihnen heraus entstanden die Sonnengöttin Amaterasu, der Sturmgott Susanoo, der Mondgott Tsukuyomi und viele weitere Kami. Die meisten Shintoschreine sind heute jedoch Gottheiten wie Hachiman oder Inari geweiht. Beide Gottheiten kommen nicht in den klassischen Mythen vor und wurden stark vom Buddhismus beeinflusst.

Etymologie

Das Wort shintō entstammt dem Chinesischen, wo es shéndào (chin. 神道) – Standardchinesisch – ausgesprochen wird. Dabei hat shen hier die Bedeutung von „Geist, Gott bzw. Gottheit“, während dao hier vereinfacht mit „Weg oder Pfad“ übersetzt werden kann.[4]

Im Japanischen wird das Zeichen für shin 神 im Wort shintō je nach Lesung (読み yomi, deutsch ‚Aussprache‘) als shin, jin (sinojapanische Klang-Lesung) oder kami (japanische Begriffs-Lesung) ausgesprochen. Kami ist die japanische Bezeichnung für Gottheit und besitzt eine andere Nuance als das chinesische shen. Der Begriff kami kann sich auch auf Gottheiten anderer Religionen, z. B. den christlichen Gott beziehen. Das Kanji tō 道 in shintō wird je nach Lesung tō, dō (Klang-Lesung) oder michi (Begriffs-Lesung) gelesen und kann, ähnlich wie im Chinesischen, im übertragenen Sinne für Begriffe wie „Lehre“ oder „Schule“ stehen (siehe dō in Aikidō, Judō, Kendō, …).

Schon in der zweitältesten japanischen Reichsgeschichte, dem Nihonshoki (720), ist shintō erwähnt, allerdings nur insgesamt viermal. Auch ist bis heute strittig, was das Wort im damaligen Sprachgebrauch genau bezeichnete (s. u.). Als Bezeichnung für ein eigenständiges religiöses System im Sinne des heutigen Wortgebrauchs taucht shintō erst in Quellen des japanischen Mittelalters auf.

Identitätsmerkmale

Die vieldeutige, polytheistische Natur der einheimischen Götter (kami) macht es schwer, einen gemeinsamen religiösen Kern im Shintō zu finden. Shintō besitzt weder eine Gründerfigur noch ein konkretes Dogma. Die einheitlichen Merkmale des Shintō liegen in erster Linie auf dem Gebiet des Ritus und der Architektur. Der „Shintō-Schrein“ ist daher eines der wichtigsten identitätsstiftenden Merkmale der Shintō-Religion. Dem Ausdruck „Schrein“ entsprechen verschiedene japanische Ausdrücke (jinja, yashiro, miya, ...), die aber alle eindeutig auf ein shintoistisches Bauwerk hinweisen und nicht etwa auf ein buddhistisches. Im engeren Sinn ist ein Schrein ein Bauwerk, in dem ein göttlicher Verehrungsgegenstand (shintai) aufbewahrt wird. Im weiteren Sinn bezeichnet der Ausdruck eine „Schrein-Anlage“, die eine Anzahl von Haupt- und Nebenschreinen, sowie andere religiöse Gebäude umfassen kann. Es gibt bestimmte optische bzw. bauliche Erkennungszeichen, anhand derer sich ein Shintō-Schrein identifizieren lässt. Dazu zählen:

  • torii („Shintō-Tore“): schlichte, markante Tore aus zwei Grundpfeilern und zwei Querbalken, die zumeist frei stehen und den Zugang zu einem für die kami reservierten Areal symbolisieren.
  • shimenawa („Götterseile“): Seile unterschiedlicher Stärke und Länge, meist aus geflochtenem Stroh, die entweder ein numinoses Objekt (oft Bäume oder Felsen) umgeben oder als dekoratives Element auf torii oder Schreingebäuden angebracht sind.
  • Zickzackpapier (shide, gohei): Ein meist aus weißem Papier hergestelltes Dekorelement, das auch als symbolische Opfergabe dienen kann. Oft an Götterseilen oder an einem Stab angebracht.

Schreine können darüber hinaus durch einen charakteristischen Dachschmuck gekennzeichnet sein: Er besteht zumeist aus X-förmigen Balken (chigi), die an den beiden Enden des Dachfirstes angebracht sind, sowie aus einigen ellipsoiden Querhölzern (katsuogi, wörtlich „Hölzer [in Form] des Bonito-Fisches“), die zwischen den chigi entlang des Firstes aufgereiht sind. Diese Elemente sind aber meist nur auf Schreinen im archaischen Stil zu finden.

Die in den Schreinen aufbewahrten Verehrungsgegenstände (shintai) gelten als „Sitz“ oder „Wohnort“ der verehrten Gottheit und werden niemals hergezeigt. Typische shintai sind Gegenstände, die in der japanischen Frühzeit, als deren jeweilige Herstellung im Land selbst noch nicht beherrscht wurde, in geringer Zahl vom asiatischen Festland nach Japan gelangten und hier als Wunderwerke galten, etwa Bronzespiegel oder Schwerter. Andere shintai sind die sogenannten „Krummjuwelen“ (magatama), die seit alters her in Japan hergestellt wurden. Schließlich können aber auch Statuen oder andere Objekte als shintai dienen. In manchen Fällen ist das Aussehen des shintai selbst den Priestern des jeweiligen Schreins unbekannt.

Die Schreinpriester selbst tragen Zeremonialgewänder, die sich von den Amtsroben höfischer Beamter des japanischen Altertums herleiten. Sie sind u. a. durch Kopfbedeckungen aus schwarz gefärbtem Papier (tate-eboshi, kanmuri) charakterisiert. Ein spezifisches rituelles Instrument ist das shaku, eine Art Zepter aus Holz, das ehemals auch als Symbol weltlicher Herrschaft fungierte. All diese Elemente kennzeichnen auch die traditionellen Zeremonialgewänder des Tennō.

Anhängerschaft

Eine offizielle Statistik nennt für das Jahr 2012 etwa 100 Millionen Gläubige, was etwa 80 % der japanischen Bevölkerung entspricht.[5] Nach einer anderen Quelle beträgt die Zahl der Gläubigen jedoch lediglich 3,3 % der japanischen Bevölkerung, also etwa vier Millionen.[6]

Die Differenz zwischen diesen Angaben spiegelt die Schwierigkeit wider, Shintō genauer zu definieren: Die erste Umfrage basiert auf der Anzahl der Menschen, die von den Schreinen selbst als Gemeindemitglieder (ujiko) gesehen werden, welche sich aus der Beteiligung an religiösen Ritualen im weitesten Sinn (wie dem traditionellen Schreinbesuch zu Neujahr) ergibt. Dies entspricht (soziologisch betrachtet) der gefühlten Zugehörigkeit zu einer ethnisch-religiösen Gruppe, die viele shintoistische Aspekte wie etwa Ahnenkult oder Geisterglaube als untrennbaren Bestandteil der japanischen Kultur auffasst.[7] Eine tatsächliche Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft lässt sich daraus nicht herleiten. Fragt man explizit nach dem Bekenntnis zur shintōistischen Religion, wie bei der zweiten Umfrage, muss das Ergebnis zwangsläufig deutlich geringer ausfallen.

Geschichte

Prähistorie

→ Hauptartikel: Japanische Mythologie

Die ältesten Mythen Japans, die als wichtigste Quelle des Shintō gelten, legen nahe, dass sich die religiösen Riten sowohl auf Ehrfurcht-gebietende Naturerscheinungen (Berge, Felsen oder Bäume) als auch auf Nahrungsgottheiten und elementare Naturkräfte bezogen, die für die damals vorwiegend agrarisch geprägte Gesellschaft von Bedeutung waren. Um die Gesamtheit aller Gottheiten zu beschreiben, verwenden die Mythen den Ausdruck yao yorozu, welcher wörtlich übersetzt zwar „acht Millionen“ bedeutet, tatsächlich aber im Sinne von „unzählbar“, „unüberblickbar“ zu verstehen ist. Daraus ergibt sich ein Hinweis, dass es sich bei der damaligen Religion nicht um ein geschlossenes, einheitliches Glaubenssystem handelte.

Wie die ganze altjapanische Kultur war diese Religion wahrscheinlich mit der Jōmon-Kultur, der Yayoi-Kultur und den austronesischen Religionen verwandt, die ihren Weg vorwiegend über eine Landbrücke von Taiwan ausgehend über die Ryūkyū-Inseln im Süden nach Japan fanden. Daneben werden auch frühe koreanische- und klassisch-schamanistische Kulte aus Sibirien (über Sachalin) sowie Einflüsse des chinesischen Volksglaubens vermutet, die über die Koreanische Halbinsel nach Japan kamen.[8] Laut Helen Hardacre leitet sich der Shintoismus sowie die japanische Kultur von der Yayoi-Kultur und Religion ab.[9] Es muss bedacht werden, dass Japan in prähistorischer Zeit nicht von einer einzigen, ethnisch homogenen Gruppe bevölkert wurde und dass noch in historischer Zeit Einwanderungswellen vom Kontinent zu lokalen kulturellen Differenzierungen führten. Der sogenannte „Ur-Shintō“ bestand daher aus lokalen Traditionen, die wesentlich unterschiedlicher gewesen sein dürften, als dies heute der Fall ist. Zu einer gewissen Vereinheitlichung kam es erst im Zusammenhang mit der Errichtung des frühen japanischen Staatswesens, dessen formative Phase um das Jahr 700 abgeschlossen war. Die frühesten schriftlichen Quellen stammen aus der unmittelbar auf die politische Konsolidierung folgenden Nara-Zeit (Kojiki: 712, Nihon shoki: 720). Viele Fragen zur prähistorischen japanischen Religion bleiben daher wegen mangelnder Quellen offen. All dies hat dazu geführt, dass die Forschung den Begriff „Shintō“ im Zusammenhang mit der prähistorischen, vor-buddhistischen Religion (oder besser: den Religionen) Japans kaum mehr verwendet, sondern sich neutraler Begriffe, wie zum Beispiel „kami-Verehrung“, bedient. In vielen einführenden Werken ist die Gleichung „Shintō = japanische Urreligion“ dagegen nach wie vor häufig zu finden.

Mythologie und kaiserlicher Ritus

Einer der Schreine (betsugū) des Ise-Schreins

Als sich im 5. und 6. Jahrhundert eine hegemoniale Dynastie in Zentraljapan etablierte, entstand ein höfischer Kult, der sich zunehmend am chinesischen Staatswesen und an der chinesischen Kultur orientierte. Dabei spielten sowohl die Ahnenverehrung und die Moralvorstellungen des chinesischen Konfuzianismus als auch die Kosmologie des Daoismus und der Erlösungsglaube des Buddhismus eine Rolle. All diese Traditionen wurden mit den Kulten indigener Territorial- und Klangottheiten (Ujigami) zu einem neuartigen staatlichen Zeremoniell verbunden.

Der frühe japanische Staat entstand aus Bündnissen einzelner Klans (uji), die jeweils eigene Ujigami verehrten. Als sich der Klan der späteren Tennō („Kaiser“) innerhalb dieses Bündnisses als führende Dynastie durchsetzte, entstand eine Mythologie, die die Geschichten der einzelnen Klangottheiten zu einer einheitlichen mythologischen Erzählung verschmolz. Die bereits genannten frühesten Textquellen dieser Mythologie aus dem achten Jahrhundert schildern die Weltentstehung und den Ursprung der Dynastie des Tennō: Ein Urgötterpaar (Izanagi und Izanami) kreiert die japanischen Inseln und alle übrigen Gottheiten. Amaterasu Omikami (Himmelsscheinende große Gottheit) ist die wichtigste ihrer Schöpfungen: Sie beherrscht die „himmlischen Gefilde“ (Takamanohara) und wird mit der Sonne gleichgesetzt. In ihrem Auftrag steigt ihr Enkel zur Erde herab, um hier die ewig andauernde Dynastie des Tennō-Geschlechts zu begründen. Diese mythologische Vorstellung vom Ursprung Japans und seiner kaiserlichen Linie bildet in allen späteren Systematisierungsversuchen des Shintō (z. B. im Yoshida-Shintō, in der Kokugaku oder im Staats-Shintō) eine zentrale Idee. Der Begriff „Shintō“ selbst taucht zwar bereits in dieser Zeit auf, wird aber nicht im Sinne einer systematischen Religion verwendet.[10] Das sogenannte „Götteramt“ (神祇官, Jingi-kan), die einzige antike Regierungsinstitution, die keinem chinesischen Vorbild entspricht, trägt eben nicht die Bezeichnung „Shintō-Amt“ (wie manchmal in der westlichen Literatur angegeben), sondern ist wörtlich die „Behörde für Götter des Himmels (神, jin bzw. shin) und der Erde (祇, gi)“ – wiederum ein letztlich chinesisches Konzept.

Shintō-buddhistischer Synkretismus

→ Hauptartikel: Shinbutsu-Shūgō

Der im 6. und 7. Jahrhundert neu eingeführte Buddhismus stieß zwar anfangs im Rahmen der einheimischen Götterverehrung auf Widerstand, fand aber rasch Wege, die kami in sein Weltbild zu integrieren, und beeinflusste unter anderem die Bauwerke und später auch die Ikonografie der kami-Verehrung. Während der meisten Epochen der bekannten japanischen Religionsgeschichte herrschte daher zwischen Buddhismus und Shintō keine klare Trennung. Vor allem innerhalb der einflussreichen buddhistischen Richtungen Tendai und Shingon wurden Shintō-Gottheiten als Inkarnationen oder Manifestationen von Buddhas und Bodhisattvas aufgefasst. Buddha-Verehrung und kami-Verehrung diente somit – zumindest auf theoretischer Ebene – dem gleichen Zweck. Diese theologische Entwicklung begann in der Heian-Zeit und erreichte im japanischen Mittelalter (12.–16. Jahrhundert) ihren Höhepunkt. Sie ist als Theorie von „Urform und herabgelassener Spur“ bekannt, wobei die „Urform“ (本地, honji) den Buddhas, die „herabgelassene Spur“ (垂迹, suijaku) den kami entspricht.

Die meisten kami-Schreine standen zwischen der späteren Heian-Zeit (10.–12. Jahrhundert) und dem Beginn der japanischen Moderne (1868) unter buddhistischer Supervision. Die großen shintōistischen Institutionen waren zwar in den Händen von erblichen Priester-Dynastien, die ursprünglich dem kaiserlichen Hof unterstellt waren, mit dem Niedergang des Hofes traten jedoch buddhistische Institutionen an seine Stelle. Lediglich der Ise-Schrein behielt dank seiner privilegierten Beziehung zum Hof eine Sonderstellung und entzog sich dem unmittelbaren Einfluss der buddhistischen Geistlichkeit. Kleinere Schreine wiederum hatten meist keine eigenen Shintō-Priester, sondern wurden von buddhistischen Mönchen oder von Laien betreut.

Erste Shintō-Theologien

Obwohl die meisten Shintō-Priester in dieser Zeit selbst gläubige Buddhisten waren, gab es einzelne Abkömmlinge der alten Priester-Dynastien und auch einige buddhistische Mönche, die sich mit der Idee, die kami unabhängig vom Buddhismus zu verehren, befassten. Auf diese Weise entstanden im japanischen Mittelalter die Richtungen Ise- bzw. Watarai-Shintō, Ryōbu-Shintō und Yoshida-Shintō. Besonders die letztgenannte Richtung präsentierte sich als rein auf die kami bezogene Lehre und stellt damit die Grundlage des modernen Shintō dar, buddhistische Vorstellungen spielten aber tatsächlich auch im Yoshida-Shintō eine zentrale Rolle. Eine fundamentale Kritik an den religiösen Paradigmen des Buddhismus wurde erst unter dem sogenannten shintō-konfuzianischen Synkretismus denkbar.

Im Laufe der Edo-Zeit kam es immer wieder zu anti-buddhistischen Tendenzen, die auch den Ideen einer eigenständigen einheimischen Shintō-Religion immer stärkeren Zulauf bescherten. Im 17. Jahrhundert waren es vor allem konfuzianische Gelehrte, die nach Wegen suchten, die Lehren des chinesischen Neo-Konfuzianers Zhu Xi (auch Chu Hsi, 1130–1200) mit der Verehrung einheimischer Gottheiten zu kombinieren und so eine Alternative zum Buddhismus zu entwickeln. Im 18. und 19. Jahrhundert entstand schließlich eine Denkrichtung, die bemüht war, den Shintō von allen „fremden“, das heißt indischen und chinesischen Ideen zu reinigen und zu seinem „Ursprung“ zurückzufinden. Diese Schule heißt auf Japanisch Kokugaku (wörtlich Lehre des Landes) und gilt als Wegbereiterin des Staats-Shintō, wie er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts im Zuge der Neuordnung des japanischen Staates herausbildete. Auf die allgemeine religiöse Praxis der Edo-Zeit hatte die Kokugaku allerdings nur geringen Einfluss. Somit blieb der shintō-buddhistische Synkretismus bis ins 19. Jahrhundert die vorherrschende Strömung innerhalb der japanischen Religion. Auch der zwanglose Zugang zu beiden Religionen im heutigen Japan fußt auf dieser Tradition.

Moderne und Gegenwart

Die Meiji-Restauration 1868 beendete die feudale Herrschaft der Tokugawa-Shōgune und installierte an ihrer Stelle einen Nationalstaat mit dem Tennō als oberste Instanz. Shintō wurde als nationaler Kult definiert und als ideologisches Instrument zur Wiederbelebung der Macht des Tennō eingesetzt. Zu diesem Zweck wurde eigens ein Gesetz zur „Trennung von kami und Buddhas“ (Shinbutsu Bunri) erlassen, das die gemeinsame Verehrung von buddhistischen und shintōistischen Heiligtümern verbot. Im Gegensatz zu den meist lokal begrenzten Schreintraditionen wurden Shintō-Schreine nun landesweit zu Verehrungsstätten des Tennōs umgedeutet und jeder Japaner, ungeachtet seiner religiösen Überzeugung, war angehalten, dem Tennō in Form von Schreinbesuchen seine Reverenz zu erweisen. Aus Rücksicht auf die unter westlichem Einfluss verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit wurde dieser Schreinkult aber nicht als religiöser Akt, sondern als patriotische Pflicht definiert. Diese Form der Verehrung wurde in der Zwischenkriegszeit als „Schrein-Shintō“ (jinja shintō), in der Nachkriegszeit dagegen zumeist als „Staats-Shintō“ (kokka shintō) bezeichnet. Daneben gab es aber auch die Kategorie „Sekten-Shintō“ (shuha shintō), in der verschiedene neureligiöse Bewegungen, die im Zuge der Modernisierung entstanden waren und sich selbst als shintōistisch definierten (Tenri-kyō, Ōmoto-kyō u. a.),[11] zusammengefasst wurden.

Im aufkeimenden Militarismus der Shōwa-Zeit wurde Shintō dann weiter für nationalistische und kolonialistische Zwecke instrumentalisiert. Auch in den besetzten Gebieten Chinas und Koreas wurden Schreine errichtet, in denen die lokale Bevölkerung dem Tennō ihre Reverenz erweisen sollte. Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg 1945 kam es zu einem offiziellen Verbot des Shintō als Staatsreligion, im Jahre 1946 verzichtete der Tennō auf jeden Anspruch auf Göttlichkeit. Einzelne Institutionen, denen eine politische Nähe zum Staats-Shintō nachgesagt wird, etwa der Yasukuni-Schrein in Tokyo, existieren jedoch heute noch.

Ethik

Shintō weist in seiner gesamten Geschichte nur wenige klar umrissene Konzepte religiöser Ethik auf. Es gibt keine schriftlich fixierten Gebote, die für alle Gläubigen oder gar alle Menschen jederzeit gültig gewesen wären. So ist die Ausrichtung auf den Tennō als oberste Autorität selbst im sog. Schrein-Shintō nicht unumstritten, während die Richtungen des sogenannten Sekten-Shintō meist eigene Gründerfiguren als oberste religiöse Instanz verehren. Auch ist ein Unterschied zu buddhistischer, konfuzianischer oder bloß säkularer Ethik oft nicht auszumachen. Einige generelle Tendenzen werden jedoch allgemein der ethischen Praxis aller Richtungen zugerechnet:

  • Befürwortet wird eine Lebensführung in Übereinstimmung mit den Kami, die sich in Verehrung und Dankbarkeit ihnen gegenüber, sowie allen voran in Streben nach Harmonie mit ihrem Willen äußern kann (insbesondere durch gewissenhafte Ausführung der Shintō-Rituale). Insbesondere im Schrein-Shintō gehört dazu auch eine Rücksichtnahme auf die natürliche sowie die eigene soziale Umwelt und Ordnung. In dieser Betonung einer auf gegenseitiger Hilfe beruhenden Harmonie, die auch auf die Welt als Ganzes ausgedehnt werden kann, lässt sich ein Bekenntnis zu menschlicher Solidarität finden, wie es auch den universalistischen Weltreligionen zu eigen ist.
  • Die Kami sind zwar wesentlich „perfekter“ als Menschen, aber nicht perfekt in einem absoluten Sinne, wie etwa im Monotheismus. Kami begehen Fehler und sogar Sünden.[12] Dem entspricht, dass es im Shintō keine moralischen Absoluta gibt. Der Wert oder Unwert einer Handlung ergibt sich aus der Gesamtheit ihres Kontextes heraus; schlechte Handlungen sind allgemein lediglich jene, welche die gegebene Harmonie beschädigen oder gar zerstören.[13]
  • Reinheit ist ein erstrebenswerter Zustand. Dementsprechend sind Beschmutzungen (kegare 穢[14]) sowohl physischer als auch spiritueller Natur zu vermeiden und regelmäßige Reinigungsrituale (harai 祓[15]) abzuhalten. Reinigungsrituale stehen daher auch immer am Beginn aller anderen religiösen Zeremonien des Shintō. In der geschichtlichen Entwicklung des Shintō hat dies zu einer generellen Tabuisierung des Todes und aller damit zusammenhängenden Phänomene geführt. Daher obliegen auch Begräbniszeremonien in Japan meist eher buddhistischen Institutionen und Geistlichen. Darüber hinaus kommt es mitunter auch zur Ablehnung von Organspenden oder der postumen Freigabe der toten Körper von Angehörigen z. B. zur Obduktion, um die spirituelle Verbindung des Toten zu den Trauernden nicht zu stören und den Körper nicht zu verletzen.[16][17] Gegen letztgenannte Tendenzen werden in den letzten Jahren aber auch Stimmen hoher Geistlicher laut.[18]

Religiöse Praxis

Traditionelle Eheschließung im Meiji-Schrein, Tōkyō 2002
Gebet eines Mannes vor einem japanischen Shintō-Schrein, 2007

Im modernen Alltagsleben der Japaner spielen sowohl Shintō als auch Buddhismus eine gewisse Rolle, wobei die Mehrzahl keinen Widerspruch darin sieht, sich zu beiden Religionen zu bekennen. Allgemein tendiert man dazu, shintōistische Riten für freudige Anlässe (Neujahr, Hochzeit, Gebet um Alltagsdinge), buddhistische dagegen für traurige und ernste Anlässe (Todesfall, Gebet um Wohlergehen im Jenseits) heranzuziehen. In neuester Zeit kommt noch eine Art säkulares Christentum dazu, wenn etwa junge Japaner eine White Wedding (ホワイトウエディング, howaito uedingu), eine weiße Hochzeit im amerikanischen Stil, feiern.

Regelmäßige Zusammenkünfte der gesamten religiösen Gemeinde entsprechend den christlichen Messen sind dem Shintō (ebenso wie dem japanischen Buddhismus) fremd. Üblicherweise werden Schreine individuell aufgesucht. Die Gottheiten werden dabei mit einigen einfachen, rituellen Gesten des Respekts (Verbeugen, Händeklatschen, Spenden kleiner Geldsummen) verehrt, eine Betreuung durch einen Priester findet nur auf besonderen Wunsch statt.

Besondere Zeremonien werden von Mikos und Shintō-Priestern, den Shinshoku (神職; „Gottesdiener“), durchgeführt und haben zumeist mit Reinheit und Schutz vor Gefahren zu tun. Shinshoku werden in Japan z. B. immer gerufen, bevor ein neues Gebäude errichtet wird, um den Boden zu weihen. Beliebt sind auch Weiheriten für Autos analog den westlichen Schiffstaufen. Rund um das Shichi-go-san-Fest am 15. November lassen viele Japaner in den Schreinen Reinigungszeremonien (harai) für ihre Kinder abhalten.

Höhepunkt des religiösen Lebens der Shintō-Schreine sind periodisch veranstaltete Matsuri, Volksfeste, die lokalen Traditionen folgen und daher von Region zu Region, ja von Dorf zu Dorf ganz unterschiedlich sein können. Viele Matsuri haben mit dem agrarischen Jahreszyklus zu tun und markieren wichtige Ereignisse wie Saat und Ernte (Fruchtbarkeitskulte), in anderen Matsuri zeigen sich Elemente der Dämonenbeschwörung und -abwehr. Viele Matsuri sind auch mit lokalen Mythen und Legenden verbunden. Ein typisches Element sind Schreinumzüge. Das Hauptheiligtum (shintai) des betreffenden Schreins wird dabei in einen tragbaren Schrein umgeladen, den sogenannten Mikoshi, der dann in einem lauten und fröhlichen Festumzug durch das Dorf/Stadtviertel getragen oder gezogen wird. Feuerwerke (花火, hanabi), Taiko-Trommeln und natürlich Sake begleiten zumeist diese Umzüge. Oft sind Matsuri auch mit quasi-sportlichen Wettkämpfen verbunden. Der moderne Sumō-Sport dürfte beispielsweise seinen Ursprung in derartigen Festen haben.

In der heutigen Praxis spielt der Tennō-Kult nur noch in wenigen Schreinen eine zentrale Rolle. Diese Schreine werden im Allgemeinen als jingū (神宮) (im Gegensatz zu jinja (神社)) bezeichnet, der wichtigste ist der Ise-Schrein. Obwohl das „Gesetz zur Trennung von Buddhas und Shintō-Göttern“ einschneidende Veränderungen mit sich brachte, sind die Spuren der einstmaligen shintō-buddhistischen Vermischung noch heute in vielen religiösen Institutionen zu bemerken. Es ist nichts Ungewöhnliches, auf dem Gelände eines buddhistischen Tempels einen kleinen Shintō-Schrein zu finden oder einen Baum, der mit einem Shimenawa als Wohnort eines kami markiert ist. Umgekehrt haben viele Shintō-Gottheiten indisch-buddhistische Wurzeln.

Wichtige Gottheiten und Schreine

Izumo-Taisha

Die meisten Shintō-Schreine sind heute der Gottheit Hachiman geweiht, geschätzt etwa 40.000 landesweit. Hachiman war der erste einheimische Gott, der vom Buddhismus gefördert wurde, erhielt aber auch als Ahnengottheit mehrerer Shōgun-Dynastien einflussreiche Unterstützung durch den Kriegeradel (die Samurai). Auch die Gottheit Inari, eine Reisgottheit, deren Schreine meist von Füchsen (kitsune) bewacht werden, bringt es auf eine ähnliche Anzahl von meist sehr kleinen Schreinen. Die dritthäufigste Kategorie sind Tenjin-Schreine, in denen der Heian-zeitliche Gelehrte Sugawara no Michizane als Gott der Bildung verehrt wird. Auch Amaterasu, die wichtigste Ahnengottheit des Tennō, besitzt außerhalb ihres Hauptheiligtums von Ise ein verhältnismäßig großes Netzwerk von Zweigschreinen, alle anderen in den alten Mythen erwähnten Gottheiten sind hingegen in wesentlich weniger Schreinen vertreten. Andererseits sind zahlreiche Schreine ursprünglich buddhistischen Gottheiten geweiht, allen voran die Schreine der Sieben Glücksgötter. Die prächtigste Schreinanlage aus der Edo-Zeit, der Tōshōgū in Nikkō, ist ein Mausoleum des ersten Tokugawa-Shōguns Tokugawa Ieyasu.

Der Ise-Schrein in der Stadt Ise gilt im Schrein-Shintō als das höchste Heiligtum Japans. Ein weiterer bedeutsamer und alter Schrein ist der Izumo-Großschrein (Izumo-Taisha). Der populärste Schrein in Tōkyō ist der Meiji-Schrein, der Kaiser Meiji und seine Gattin birgt.

Ein umstrittenes Politikum ist der Yasukuni-Schrein in Tōkyō, in dem alle Gefallenen von japanischen Kriegen seit zirka 1860 verehrt werden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg zum Tode verurteilte Kriegsverbrecher wie etwa Tōjō Hideki wurden in den Yasukuni-Schrein als Kami aufgenommen. Das wichtigste Schreinfest des Yasukuni-Schreins findet jedes Jahr am 15. August statt, dem Jahrestag des Kriegsendes in Ostasien, und wird zu diesem Anlass bisweilen von führenden Politikern besucht. Diese indirekte Negierung der Kriegsschuld Japans ruft gewöhnlich Proteste innerhalb Japans, vor allem aber in China und Korea hervor.

Literatur

  • Klaus Antoni: Shintō und die Konzeption des japanischen Nationalwesens (kokutai): Der religiöse Traditionalismus in Neuzeit und Moderne Japans. In: Handbuch der Orientalistik. Fünfte Abteilung, Japan. Band 8. Brill, Leiden/Boston/Köln 1998. 
  • Ernst Lokowandt: Shintō. Eine Einführung. Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-727-0. 
  • Nelly Naumann: Die einheimische Religion Japans. 2 Bände, 1988–1994. Brill, Leiden. 
  • Bernhard Scheid: Shintō Shrines: Traditions and Transformations. In: Inken Prohl, John Nelson (Hrsg.): Handbook of Contemporary Japanese Religions. Brill, Leiden 2012, S. 75–105. 
  • S. Noma (Hrsg.): Shintō. In: Japan. An Illustrated Encyclopedia. Kodansha, 1993. ISBN 4-06-205938-X, S. 1384–1390.

Siehe auch

  • Staats-Shintō | Schrein-Shintō | Sekten-Shintō | Yoshida-Shintō
  • Religion in Japan | Japanische Götter | Japanische Mythologie
  • Sindo (koreanisch: 신도 oder 神道)

Weblinks

Commons: Shintō – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Shinto – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Bernhard Scheid: Religion in Japan, ein digitales Handbuch mit zahlreichen Shintō-relevanten Beiträgen.
  • Mark Schumacher: Photo Dictionary of Japanese Shintoism, Guide to Shinto Deities (Kami), Shrines, and Religious Concepts (englisch)
  • Andrea Kath: 15.12.1945 - Shintoismus nicht mehr Staatsreligion WDR ZeitZeichen vom 15. Dezember 2015 (Podcast)
  • Encyclopedia of Shinto. In: kokugakuin.ac.jp. Kokugakuin University – Shintō-Universität; abgerufen am 13. Mai 2021 (englisch, Online-Lexikon). 
  • Glossary of Shinto Names and Terms. In: kokugakuin.ac.jp. Kokugakuin University – Shintō-Universität; abgerufen am 13. Mai 2021 (englisch, Wörterverzeichnis). 

Einzelnachweise

  1. ↑ Rabbi Marc Gellman u. Monsignor Thomas Hartman: Religionen der Welt für Dummies. 2., aktualisierte Auflage, Wiley-VCH, Weinheim, Sonderausgabe 2016, ISBN 978-3-527-69736-6. Teil V, Kapitel 13: Texte des Shintoismus. (E-Book).
  2. ↑ Vgl. Klaus Antoni: Shintō. in: Klaus Kracht, Markus Rüttermann: Grundriß der Japanologie. Wiesbaden 2001, S. 125 ff.
  3. ↑ Ōbayashi Taryō: Ise und Izumo. Die Schreine des Shintoismus, Freiburg 1982, S. 135.
  4. ↑ Der Begriff shendao findet sich unter anderem im I Ging. Im heutigen Chinesisch kann shendao auch den Zugangsweg zu einem Tempel bezeichnen. Der berühmte Himmelstempel in Peking besitzt beispielsweise einen shendao.
  5. ↑ 第六十四回日本統計年鑑 平成27年-第23章 文化 (64. Statistisches Jahrbuch Japans, 2015, Abschnitt 23 Kultur). 23-22 宗教 (Religion). Büro für Statistik, Ministerium für Inneres und Telekommunikation, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 24. September 2015; abgerufen am 25. August 2015 (japanisch). 
  6. ↑ adherents.com (Memento des Originals vom 29. Januar 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.adherents.com: Major Religions Ranked by Size (Memento des Originals vom 29. Januar 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.adherents.com - Englisch; abgerufen am 10. Juni 2006
  7. ↑ Inoue Nobutaka, Shinto, a Short History (2003) S. 1
  8. ↑ Shamanism in Japan; By William P. Fairchild (Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 31. Juli 2021 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/nirc.nanzan-u.ac.jp)
  9. ↑ Hardacre, Helen (2017). Shinto: A History. Oxford: Oxford University Press. ISBN 978-0-19-062171-1
  10. ↑ Eine epochemachende Erörterung dieses Themas findet sich im Aufsatz „Shinto in the History of Japanese Religion“ von Kuroda Toshio, Journal of Japaneses Studies 7/1 (1981); ähnliche Überlegungen enthalten aber bereits die „Bemerkungen zum sogenannten Ur-Shinto“ (PDF-Datei; 1,2 MB) von Nelly Naumann, MOAG 107/108 (1970), S. 5–13
  11. ↑ Insgesamt wurden vor 1945 dreizehn neureligiöse Sekten offiziell als Sekten-Shintō bezeichnet.
  12. ↑ Shinto Online Network Association: Jinja Shinto: Sins and the Concept of Shinto Ethics (Memento vom 7. Januar 2007 im Internet Archive) - Englisch; abgerufen am 10. Juni 2006
  13. ↑ BBC: BBC - Religion & Ethics - Shinto Ethics (Memento vom 11. April 2005 im Internet Archive) - Englisch; abgerufen am 10. Juni 2006
  14. ↑ Basic Terms of Shinto: Kegare - Englisch; abgerufen am 14. Juni 2006
  15. ↑ Traditionelle Aussprache: harae, s. Basic Terms of Shinto: Harae - Englisch; abgerufen am 14. Juni 2006
  16. ↑ BBC: BBC - Religion & Ethics - Organ Donation (Memento vom 2. September 2005 im Internet Archive) - Englisch; abgerufen am 10. Juni 2006
  17. ↑ California Transplant Donor Network - Resources - Clergy (Memento vom 21. Juni 2006 im Internet Archive) - Englisch; abgerufen am 10. Juni 2006
  18. ↑ Yukitaka Yamamoto, Oberpriester des Tsubaki-O-Kami-Yashiro: Aufsatz zur 2.000-Jahr-Feier des Schreins im Jahr 1997 (Memento vom 25. September 2006 im Internet Archive) - Englisch; abgerufen am 10. Juni 2006
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Sonnentanz

Noir24admin Naturreligionen 21. Juni 2026
Sonnentanz der Shoshonen, ca. 1925

Als Sonnentanz werden religiöse Zeremonien verschiedener Indianervölker der nordamerikanischen Prärien und Plains bezeichnet.

Beschreibung

Sonnentänze fanden in der Regel im Sommer statt und standen meist mit saisonalen Ereignissen wie der jährlichen Jagd auf Bisons oder der Reifung von Feldfrüchten in Verbindung. In Oklahoma war der Sonnentanz einer der Höhepunkte der sommerlichen Zusammenkünfte der Cheyenne, Ponca und Kiowa. Angehörige der südlichen Arapaho zogen nach Norden, um das Ritual gemeinsam mit ihren nördlichen Verwandten abzuhalten.

Je nach Volk wurden unterschiedliche Formen der Ausführung beschrieben. Der Ethnologe George A. Dorsey beschrieb ein Ritual der Ponca, das er 1902 beobachtet hatte. Dabei wurde zeremoniell ein Baum gefällt und im Lager in einer nach oben offenen Laube aufgestellt. Die Spitze des Baumes wurde mit einem symbolischen Nest des Donnervogels geschmückt. Dies bildete den Mittelpunkt des viertägigen Rituals, bei dem die Teilnehmer unter den Augen des versammelten Volks unter großen Strapazen und körperlichen Entbehrungen fasteten, beteten und tanzten. Die Körper der Tänzer waren dabei gelb bemalt, sie trugen Bänder mit Krähen- oder Falkenfedern und hielten aus Salbei geflochtene Kränze in der Hand. Am letzten Tag bohrten sie sich Holzspieße durch die Haut am Oberkörper und verbanden diese mit Lederschnüren mit dem Baum. Dann tanzten sie, den Blick auf das Nest gerichtet, um den Baum.

Bei den Cheyenne war der Sonnentanz mit dem Ritual der Erneuerung der Heiligen Pfeile oder „Medizinpfeile“ verbunden. Der Sonnentanz war dabei eine Zeremonie der Erneuerung der Welt, bei der die Indigenen für das Wohlergehen ihres Volks und seiner Jagdbeute beteten. Männer mit aufwendigen Körperbemalungen tanzten und fasteten vier Tage lang. Neulinge wurden dabei von Tänzern, die bereits vier Sonnentänze absolviert hatten, in der korrekten Ausführung des Rituals unterwiesen. Bei den Kiowa konnte ein einzelner Tänzer etwa nach einer Vision einen Sonnentanz ausführen. Häufiges Motiv war die Visionssuche. Dabei tanzte der Tänzer vier Tage fastend, ohne Trinkwasser und unter großen körperlichen Strapazen um einen Baumstamm, an dessen Spitze ein Büffelschädel befestigt war. Dieses Ritual wurde schon seit 1860 durchgeführt und sollte dem Erhalt des Stammes und der Bisonherden dienen.[1]

vergrößern und Informationen zum Bild anzeigen
Sonnentanzversammlung der Cheyenne, ca. 1900.

Geschichte

Das Ritual verbreitete sich ab 1800 in den Great Plains. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts unternahm die Regierung der Vereinigten Staaten Versuche, das Ritual zu verbieten und die Durchführung zu verhindern. Die ablehnende Haltung stützte sich auf verschiedene Berichte von Missionaren und Indianerbeauftragten, so zum Beispiel auf den Jahresbericht des Board of Indian Commissioners für das Jahr 1900. Darin war von „barbarischen Festen und Zeremonien“ die Rede, die nach christlichen Maßstäben „abscheulich“ seien, der Wirtschaft schadeten und den Wert des Landes senkten.[2]

Sonnentänze wurden jedoch teilweise im Untergrund weitergeführt oder durch andere, ähnliche Rituale ersetzt. 1890 brachen die Kiowa einen Sonnentanz ab, als Patrouillen der US-Armee in der Gegend vermutet wurden. Die Ponca führten den letzten Sonnentanz 1908 durch. Mit dem Rundschreiben Nr. 2970 („Indian Religious Freedom and Indian Culture“) durch John Collier, Commissioner of Indian Affairs von 1933–1945, trat ab 1934 eine Liberalisierung ein.[1] Darin wird erklärt: „Einmischungen in das religiöse Leben und die zeremoniellen Ausdrucksformen der Indianer werden nicht mehr geduldet. Die kulturelle Freiheit der Indianer ist in jeder Hinsicht jeder nicht-indianischen Gruppe gleichgestellt.“[3] Daraufhin wurden wieder traditionelle Sonnentänze abgehalten. Eine völlige rechtliche Gleichstellung wurde jedoch erst 1978 durch das Bundesgesetz American Indian Religious Freedom Act geschaffen.

Wie andere indianische Rituale ist auch der Sonnentanz Gegenstand kultureller Aneignung und Entfremdung durch indigene und nicht-indigene Personen und Gruppen, häufig zum Zweck kommerzieller Ausbeutung, geworden. Dies stößt bei Vertretern der indigenen nordamerikanischen Spiritualität auf scharfe Ablehnung. Bereits 1993 gaben 500 Repräsentanten indigener Gruppen, überwiegend der Lakota, Nakota und Dakota, eine symbolische Kriegserklärung gegen die Ausbeutung der Lakota-Spiritualität ab. Darin verurteilten sie die Kommerzialisierung von Zeremonien durch „pseudo-indianische Scharlatane und New-Age-Möchtegerne“[4] (siehe auch „Plastikschamane“). 2003 verkündeten Medizinleute verschiedener Nationen, so der Arapaho, Cheyenne, Cree, Sioux, unter der Leitung von Arvol Looking Horse den Beschluss, Nichtindianer von heiligen Riten einschließlich des Sonnentanzes auszuschließen.[5]

Literatur

  • George A. Dorsey: The Ponca Sun Dance, (Chicago: Field Museum of Natural History, 1905)
  • Clyde Holler: Black Elk's religion. The sundance and Lakota Catholicism. University Press, Syracuse 2000, ISBN 0-8156-0364-9.
  • Thomas E. Mails: Oyate wica'ni ktelo. Der Sonnentanz der Sioux. Arun Edition, Engerda 1999, ISBN 3-927940-57-7.
  • Margot Liberty: The Sun Dance, Anthropology on the Great Plains, ed. W. Raymond Wood and Margo Liberty (Lincoln: University of Nebraska Press, 1980)
  • Leslie Spier: Notes on a Kiowa sun dance. In: Anthropological Papers of the American Museum of Natural History, Bd. 16 (1921), Heft 6, S. 433–450.
  • Leslie Spier: The sun dance of the Plain Indians. The development and diffusion. In: Anthropological Papers of the American Museum of Natural History, Bd. 16 (1907), Heft 7, S. 453–527.
  • Gloria A. Young: Intertribal Religious Movements, in Handbook of North American Indians, Vol. 13, Plains, ed. Raymond J. DeMallie (Washington, D.C.: Smithsonian Institution, 2001).

Weblinks

Commons: Sonnentanz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Sonnentanz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Dale Stover: Sun Dance. Eintrag bei Encyclopedia of the Great Plains.

Anmerkungen

  1. ↑ a b Gloria A. Young: Sun Dance. Oklahoma Historical Society, abgerufen am 31. August 2021 (englisch). 
  2. ↑ Thirty-second Annual report of the Board of Indian Commissioners. Washington: Government Printing Office, 18691932, abgerufen am 31. August 2021 (englisch). 
  3. ↑ Native Americans and Freedom of Religion. National Geographic Resource Library, abgerufen am 31. August 2021 (englisch). 
  4. ↑ Suzanne Owen: Native American Spirituality: Its Appropriation and Incorporation Amongst Native and non-Native Peoples. The University of Edinburgh, 2007, abgerufen am 31. August 2021 (englisch). 
  5. ↑ Chief Arvol Looking Horse: Looking Horse Proclamation on the Protection of Ceremonies. In: Indian Country Today. 25. April 2003, abgerufen am 31. August 2021. 



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Tchitcherik

Noir24admin Naturreligionen 21. Juni 2026

Ein Tchitcherik oder Tchitcherik Sakwa (plural: Tchitcheri Sakab) ist eine Statue der Moba in Nord-Togo und Ghana.

Tchitcheri Sakab

Die Tchitcheri Sakab sind Holzskulpturen unterschiedlicher Größe (in der Regel um einen Meter), die Abbildungen von Vorfahren darstellen. Das Wort Sakab bedeutet „Vorfahren“ in Moba-Sprache. Sie werden in den Boden gepflanzt, manchmal bis die Leistengegend, was erklärt, warum die Beine oft von Insekten zerfressen werden. Die Tchitcheri werden nach dem Namen des Clans der Vorfahren benannt, die sie ehren sollen.[1] Nur die Wahrsager können die Steuerung einer solchen Skulptur anordnen, sie bestimmen deren Größe und Geschlecht.[2] Die Tchitcheri sind minimalistische Skulpturen, die an die abstrakte Kunst erinnern, ein zylindrischer Stamm mit geraden Armen und Beinen, und rundem Kopf und ohne Hals.[3]

Einzelnachweise

  1. ↑ African Arts, Volume 20, 1986, p.54
  2. ↑ Alisa LaGamma, John Pemberton, Art and Oracle: African Art and Rituals of Divination, Metropolitan Museum of Art (New York, N.Y.), 2000, p. 63
  3. ↑ Frederick Lamp, See the Music, Hear the Dance: Rethinking African Art at the Baltimore Museum of Art, 2004, p.184

Literatur

  • Dieter Gleisberg, Merkur & die Musen: Schätze der Weltkultur aus Leipzig, 1989
  • Mein Afrika: die Sammlung Fritz Koenig, 2000
  • Douglas Newton, African and Oceanic Art in Jerusalem : The Israel Museum, Muzeʼon Yiśraʼel (Jerusalem), 2001
  • Annie Dupuis, Jacques Ivanoff, Ethnocentrisme et création, 2014

Weblinks

Commons: Tchitcherik – Sammlung von Bildern



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Regenmacherritual

Noir24admin Naturreligionen 21. Juni 2026
Regentanz, aufgeführt in Harar im Südosten Äthiopiens.
Dodola (Paparuda) in Bulgarien um 1950

Ein Regenmacherritual, auch Regenmachertanz oder Regenmacherzeremonie, ist ein agrarischer Fruchtbarkeitskult in Form eines Tanzes oder einer anderen Ritualhandlung, der in der Hoffnung aufgeführt wird, Regen auszulösen, um damit z. B. die nächste Ernte zu garantieren.

Regenmacherrituale können als Tanz eines einzelnen hierauf spezialisierten Regenmachers, als Gruppentanz der Gemeinschaft mit Musikbegleitung, als Opferzeremonie oder als Prozession durchgeführt werden. Regentänze finden sich in vielen Kulturen, etwa im Alten Ägypten, bei amerikanischen Indianern und in Afrika. Auf dem Balkan gibt es ein Regentanzritual namens Paparuda (Rumänisch) bzw. Perperuna (Slawisch).

Cherokee-Indianer aus dem Südosten (Appalachen) der USA führten Regentänze durch, um Niederschlag auszulösen und böse Geister zu vertreiben.[1] Die Legenden des Stammes besagen, dass der beschworene Regen die Geister der früheren Stammesführer enthält und dass diese das Böse zwischen Realität und Geisterwelt bekämpfen.[2] Die Cherokee waren der Ansicht, dass besonders aufwändige Regentänze die Teilnehmer und das Publikum zu ungewöhnlichen und extremen Akten der Anbetung befähigen würden.

Eine Geschichte der indigenen Bevölkerung der USA berichtet, wie der Ausdruck „Regentanz“ entstand. Während der Tage der Indianer-Umsiedlung wurden verschiedene religiöse Zeremonien, darunter der Sonnentanz und der Geistertanz, von der Regierung verboten. Die Windigokan, eine indianische Geheimgesellschaft, wurde bekannt, weil sie den Bundesvertretern mitteilten, sie würden nicht den Sonnentanz, sondern den Regentanz aufführen, und somit nicht ungesetzlich handeln.

Julia M. Butree (eine Frau von Ernest Thompson Seton) beschreibt in ihrem Buch[3] unter anderen Tänzen der Ureinwohner auch den Regentanz der Zuni.[4]

Während des Tanzes wurden Federn und Türkise getragen, um Wind und Regen symbolisch darzustellen. Die speziellen Abläufe während des Tanzes wurden über Generationen mündlich weitergegeben.[5]

Im Norden Bulgariens und im Süden Rumäniens soll der von Frauen praktizierte Kult um die Idolpuppe German für Regen sorgen.

Der Mensch hatte vor der Aufklärung generell die Tendenz, physikalischen Phänomenen eine mystische Bedeutung zuzumessen (Mystizismus). Ein anderes Beispiel dafür sind die Wetterheiligen.

Weblinks

Wiktionary: Regentanz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Rain’s Dance Group. (Memento vom 13. Mai 2008 im Internet Archive)
  2. ↑ dizzy.library.arizona.edu. Archiviert vom Original am 15. Juli 2004; abgerufen am 2. September 2018. 
  3. ↑ Julia M. Butree (Julia M. Seton): The Rhythm of the Redman: in Song, Dance and Decoration. A. S. Barnes, New York 1930
  4. ↑ Rain Dance of Zuni (Memento vom 2. Januar 2015 im Internet Archive)
  5. ↑ Rain Dance: The history and ritual of the rain dance is still followed today. www.indians.org



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  1. Romuva
  2. Sarnaismus
  3. Mutter Erde
  4. Ngara Modekngei

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