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Hasentabu

Noir24admin Judentum 21. Juni 2026

Ein Hasentabu ist ein religiös oder symbolisch begründetes Tabu, das sich auf den Verzehr von Hasenfleisch als Spezialfall eines Nahrungstabus oder den Kontakt mit Hasen bezieht. Hasentabus kommen bei vorderasiatischen, dem Islam nahestehenden Glaubensgemeinschaften wie den Aleviten vor, in Form eines Speisegesetzes auch im Judentum, an dieses angelehnt auch bei den Alawiten, sowie im Volksglauben der Bauern und Nomaden Kleinasiens.[1]

Hasentabu der keltischen Britannier

Gaius Iulius Caesar berichtet in Buch V, Kapitel 12 von De bello Gallico über ein Hasentabu bei den keltischen Britanniern:[2]

„Leporem et gallinam et anserem gustare fas non putant; haec tamen alunt animi voluptatisque causa.“

„Hase, Huhn und Gans gelten als unerlaubte Speisen, doch hält man diese Tiere zu Lust und Vergnügen.“

Da Caesar humorvollen keltischen Gesprächspartnern gelegentlich auf den Leim gegangen ist,[3] ist diese Überlieferung cum grano salis zu betrachten.

Judentum

Das Verbot des Verzehrs von Hasenfleisch gehört zu den verbindlichen jüdischen Speisegesetzen. In der Tora wird im 3. Buch Mose über reine und unreine Tiere geschrieben:

„Die Kaninchen[4] wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäut auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht; darum soll’s euch unrein sein. Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.“

– 3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 5–8 (Lutherbibel, 1912)[5]

Damit wird der Verzehr von Tieren, die „keine gespaltenen Klauen haben oder nicht wiederkäuen“, untersagt.

Mary Douglas hat aus der Exegese des 3. Buch Mose weitere, für die Begründung eines Nahrungstabus wichtige Regeln extrahiert. Sie listet Folgende: „Heilig zu sein, bedeutet vollendet zu sein, eins zu sein; Heiligkeit ist Einheit, Integrität, Perfektion des Individuums und seiner Art. Die Speisevorschriften entwickeln lediglich diese Regeln als Metapher von Heiligkeit auf der gleichen Linie weiter.“[6] Nutztiere, die zum klassischen Viehbestand der Israeliten gehörten, galten, ebenso wie das Land, als von Gott gesegnet. Dagegen stünden die Wildtiere in keinem gottgegebenen Bund mit den Menschen. Allerdings können Wildtiere verzehrt werden, solange sie Klauen haben und wiederkäuen. Die Gewohnheit bei Hasen und Kaninchen, ihren Kot zu verzehren, wird zwar als Wiederkäuen gedeutet, allerdings haben sie keine Klauen. Auf der anderen Seite fallen Schweine unter die jüdischen Speiseverbote, da sie zwar Klauen haben, aber nicht wiederkäuen.[6] „Diejenigen Tierarten sind nicht koscher, die mängelbehaftete Mitglieder ihrer Klasse sind oder deren Klasse selbst die generelle Vorstellung der Welt durcheinanderwirft.“[7] Hasen fallen hier aus dem Raster der damaligen religiösen Welterklärung und damit aus dem Speiseplan.

Islam

In einigen Zweigen des islamischen Glaubens gibt es ein Hasentabu. Ein aus dem jüdischen Gesetz abgeleitetes Speisetabu kennen auch die Alawiten.[1] Bei den Aleviten der Bektaschi-Tarīqa, einer islamischen Glaubensrichtung, die mit der Einwanderung turkmenischer Stämme nach Anatolien im 13./14. Jahrhundert entstand, und den alevitischen Tahtacı ist der Verzehr von Hasenfleisch rituell untersagt.

Schalenfragment mit Darstellung eines Hasen, Ägypten, 14. Jh.
Hase und Elefant, syrische Miniaturmalerei, 1354

Das Hasentabu der Aleviten bietet zu vielfältigen Spekulationen und Begründungsversuchen Anlass.[8] Für die Aleviten gelten Hasen und Kaninchen als „unheilvolle Tiere“, das Verbot ihres Verzehrs soll die rituelle „Gemeindereinheit vor dem Einfluss der Außenwelt“ bewahren.[9] Ein weiterer Ansatz führt den unreinen Charakter der Hasen darauf zurück, dass „sie eine vielfältige, aus Merkmalen sieben verschiedener Tiere zusammengesetzte Natur besitzen“.[10] Dies lässt sie außerhalb der biblischen Tierkategorien des Buchs Genesis stehen und knüpft an die Tabubegründungen im Judentum an.

Möglicherweise haben sich in diesem Speisegebot auch ältere Traditionen des turkmenischen Kizilbasch-Ordens erhalten, von der das Alevitentum seine Herkunft ableitet.[11] Der formal schiitische Glaube der Kizilbasch war bis zu ihrer endgültigen Unterwerfung und Zerstreuung, sowie der Durchsetzung des orthodox-schiitischen Islam durch den Safawidenschah Abbas I.[12] durch eine eher oberflächliche Bindung an den Islam und durch bleibende Beziehungen zu einer schamanisch beeinflussten Volksfrömmigkeit gekennzeichnet.[13]

In der bildenden Kunst des Islam, auch des späteren Osmanischen Reiches, spielte die bildliche Darstellung des Hasen eine wichtige symbolische, mythologisch begründete Rolle. Hierauf berufen sich türkische Autoren,[14] mit dem Ziel, die Gemeinschaft der Aleviten in die türkische Nation zu integrieren.[11]

Das Verbot des Essens von Hasenfleisch gilt nicht für die Mehrheit der Muslime, die sich auf das Fehlen eines solchen Verbots berufen. In der Sure 6: Al-An'am des Koran heißt es:

„Sprich: Ich finde in dem, was mir offenbart worden ist, nichts, was einem Speisenden, der es speist, untersagt worden ist, es sei denn von selbst Verendetes oder ausgeflossenes Blut oder Schwein, denn das ist Befleckung oder Frevel.“

– Koran, Sure 6, 145[15]

Die Zulässigkeit des Verzehrs von Hasenfleisch findet in der hadithischen Überlieferung ihre Fortsetzung:

„Hammad Ibn Uthman berichtete, dass Imam Ja’far As-Sadiq sagte: Der Prophet Muhammad war von zurückhaltender Natur und er pflegte es etwas zu verabscheuen ohne dass er es für verboten erklärte. Als ihm der Hase gebracht wurde, verabscheute er ihn, doch er selbst erklärte ihn nicht für verboten.“

– Wasā'il asch-Schīʿa, Band 16, S. 319, Hadith 21

Christentum

Den Nestorianern gilt der Hase als unrein.[16] Die Chaldäer sehen die Begegnung mit einem Hasen als ungünstiges Vorzeichen an. Schwangere Frauen sollten die Begegnung mit Hasen möglichst vermeiden, damit ihren Kindern später beim Schlafen nicht die Augen offen stehen bleiben.[17]

Ansonsten kennt das Christentum unter Berufung auf das Markusevangelium (Mk 7,18–19 EU) und die Paulusbriefe (1 Kor 10,25 EU, 1 Tim 4,4 EU) keine Speisegesetze. Zur Symbolik des Hasen im Christentum siehe Osterhase. In Deutschland kommen Kaninchen vor allem in der Osterzeit auf den Speisetisch.[18]

Hasenfleisch aus medizinischer Sicht

Eine mögliche medizinische Erklärung für eine Tabuisierung von Hasenfleisch ist das Risiko einer Übertragung von bakteriellen Infektionen oder Parasitosen. Der Verzehr von nicht ausreichend gegartem Fleisch wild lebender Kaninchen oder Hasen birgt das Risiko einer Erkrankung an Tularämie („Hasenpest“).[19] Die – im Zusammenhang mit den alttestamentlichen Speisegesetzen oft angeführte – Gefahr einer Trichinellose ist dagegen eher für den Verzehr fleischfressender Tiere oder von Allesfressern wie dem Schwein relevant.

Ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr bestimmter Fleischsorten und dem Auftreten von Krankheitssymptomen wurde wahrscheinlich schon beobachtet, als die Menschen noch als Jäger und Sammler lebten. Bei Jägern und Sammlern in der gemäßigten Klimazone und in kälteren Regionen drohte besonders im Spätwinter und im Frühjahr Nahrungsmangel und einseitige Ernährung mit fettarmem Fleisch. Eine solche Mangelernährung mit zu wenig Fett und zu viel Eiweiß kann beispielsweise beim ausschließlichen Verzehr von Bison- oder Hasenfleisch auftreten.[20] In der modernen Zeit beschrieb der Polarforscher Vilhjálmur Stefánsson erstmals den überwiegenden Verzehr von Kaninchenfleisch als Ursache für den sogenannten Kaninchenhunger.

Literatur

  • Klaus E. Müller: Kulturhistorische Studien zur Genese pseudo-islamischer Sektengebilde in Vorderasien. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1967, „Das Hasentabu“, S. 331–333. 

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Klaus E. Müller: Kulturhistorische Studien zur Genese pseudo-islamischer Sektengebilde in Vorderasien. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1967, S. 331–333. 
  2. ↑ Gaius Iulius Caesar: Der Gallische Krieg. Artemis & Winkler, Düsseldorf & Zürich 1999, ISBN 3-7608-1718-1, S. 204. 
  3. ↑ Vgl. die Schilderung der Elchjagd durch Absägen des Schlafbaums, Bellum Gallicum VI, 27. Siehe auch Herkynischer Wald#Fauna
  4. ↑ Im biblischen Buch der Psalmen (Ps 104,18 EU) und der Sprüche (Spr 30,26 EU) wurde seit der spätantiken Vulgata-Übersetzung des Hieronymus vom „Hasen“ gesprochen, der seine Zuflucht im Felsen suche. Im hebräischen Urtext steht hier „schafan“ (wörtlich: Klippschliefer), Hieronymus übersetzte diesen Begriff mit „lepusculus“ (Häschen). Entscheidend für seine Wortwahl dürfte die Tatsache gewesen sein, dass Klippschliefer nördlich der Alpen nicht vorkommen, und die Übersetzer – darunter später auch Martin Luther – Begriffe verwenden wollten, die bei ihren Lesern bekannt waren. Erst in der Textrevision der Lutherbibel von 1987 wurde aus dem Kaninchen wieder der Klippschliefer.
  5. ↑ Quelle der Übersetzung online
  6. ↑ a b Mary Douglas: Purity and Danger – Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo. (PDF) 1966, S. 55, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. August 2013; abgerufen am 27. März 2016 (englisch): „To be holy is to be whole, to be one; holiness is unity, integrity, perfection of the individual and of the kind. The dietary rules merely develop the metaphor of holiness on the same lines.“ 
  7. ↑ Mary Douglas: Purity and Danger – Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo. (PDF) 1966, S. 56, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. August 2013; abgerufen am 27. März 2016 (englisch): „Those species are unclean which are imperfect members of their class, or whose class itself confounds the general scheme of the world.“ 
  8. ↑ Langer, Robert, Alevitische Rituale, S. 65–108, in: Sökefeld, Martin: Aleviten in Deutschland: Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora, Bielefeld 2008, S. 77
  9. ↑ Gümüs, Burak: Türkische Aleviten – Vom Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei, Konstanz 2001, S. 54
  10. ↑ Bumke, Peter J.: Kızılbaş-Kurden in Dersim (Tunceli, Türkei): Marginalität und Häresie, S. 530–548, in: Anthropos, Bd. 74, H. 3./4. (1979), S. 535
  11. ↑ a b Krisztina Kehl-Bodrogi: Die Kisilbaş/Aleviten. Untersuchungen über eine esoterische Glaubensgemeinschaft in Anatolien. Dr. Klaus Schwarz, Berlin 1988, ISBN 3-922968-70-8, S. 233. 
  12. ↑ Sholeh A. Quinn: Iran under Safawid rule. In: David O. Morgan, Arthur Reid (Hrsg.): New Cambridge History of Islam. Band 3: The Eastern Islamic world – Eleventh to Eighteenth Centuries. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2000, ISBN 978-0-521-83957-0, S. 218–223. 
  13. ↑ Hans Robert Roemer: Die turkmenischen Qizilbas: Gründer und Opfer der safawidischen Theokratie. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Bd. 135, 1985, S. 227–240, hier speziell S. 236 (PDF-Datei; 1,49 MB, abgerufen am 29. März 2016).
  14. ↑ Pervin Ergun (2011): Alevilik Bektaşilikteki Tavşan İnancının Mitolojik Kökleri Üzerine (Mythologische Wurzeln der Ansichten der Bektaschi-Aleviten über den Hasen). In: Turkish Culture & Haci Bektas Veli Research Quarterly 60 (Oktober 2011), S. 281 online (Paywall, englische Zusammenfassung), abgerufen am 29. März 2016
  15. ↑ Quelle der Übersetzung online
  16. ↑ C. Sandreczki: Reise nach Mosul und durch Kurdistan nach Urumia, Band 2. Nabu Press (fotomechanische Reproduktion), Charleston, South Carolina, ISBN 978-1-276-02149-4, S. 138. 
  17. ↑ Basile Nikitine: Superstitions des Chaldéens du plateau d'Ourmiah. Société Française d'Ethnographie, 1923, S. 172–173. , zitiert nach Müller, 1967
  18. ↑ Die meisten Kaninchen werden zu Ostern verspeist welt.de, 21. April 2014.
  19. ↑ Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 07/2007 PDF (204 kB), abgerufen am 29. März 2016
  20. ↑ J. D. Speth, K. A. Spielmann (1983): Energy Source, Protein Metabolism, and Hunter-Gatherer Subsistence Strategies (PDF; 2,0 MB, abgerufen am 29. März 2016), in: Journal of Anthropological Archaeology 2, 1983, S. 1–31, zu Hasenfleisch: S. 3



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Hasentabu aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Hasentabu

Noir24admin Judentum 21. Juni 2026

Ein Hasentabu ist ein religiös oder symbolisch begründetes Tabu, das sich auf den Verzehr von Hasenfleisch als Spezialfall eines Nahrungstabus oder den Kontakt mit Hasen bezieht. Hasentabus kommen bei vorderasiatischen, dem Islam nahestehenden Glaubensgemeinschaften wie den Aleviten vor, in Form eines Speisegesetzes auch im Judentum, an dieses angelehnt auch bei den Alawiten, sowie im Volksglauben der Bauern und Nomaden Kleinasiens.[1]

Hasentabu der keltischen Britannier

Gaius Iulius Caesar berichtet in Buch V, Kapitel 12 von De bello Gallico über ein Hasentabu bei den keltischen Britanniern:[2]

„Leporem et gallinam et anserem gustare fas non putant; haec tamen alunt animi voluptatisque causa.“

„Hase, Huhn und Gans gelten als unerlaubte Speisen, doch hält man diese Tiere zu Lust und Vergnügen.“

Da Caesar humorvollen keltischen Gesprächspartnern gelegentlich auf den Leim gegangen ist,[3] ist diese Überlieferung cum grano salis zu betrachten.

Judentum

Das Verbot des Verzehrs von Hasenfleisch gehört zu den verbindlichen jüdischen Speisegesetzen. In der Tora wird im 3. Buch Mose über reine und unreine Tiere geschrieben:

„Die Kaninchen[4] wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäut auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht; darum soll’s euch unrein sein. Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.“

– 3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 5–8 (Lutherbibel, 1912)[5]

Damit wird der Verzehr von Tieren, die „keine gespaltenen Klauen haben oder nicht wiederkäuen“, untersagt.

Mary Douglas hat aus der Exegese des 3. Buch Mose weitere, für die Begründung eines Nahrungstabus wichtige Regeln extrahiert. Sie listet Folgende: „Heilig zu sein, bedeutet vollendet zu sein, eins zu sein; Heiligkeit ist Einheit, Integrität, Perfektion des Individuums und seiner Art. Die Speisevorschriften entwickeln lediglich diese Regeln als Metapher von Heiligkeit auf der gleichen Linie weiter.“[6] Nutztiere, die zum klassischen Viehbestand der Israeliten gehörten, galten, ebenso wie das Land, als von Gott gesegnet. Dagegen stünden die Wildtiere in keinem gottgegebenen Bund mit den Menschen. Allerdings können Wildtiere verzehrt werden, solange sie Klauen haben und wiederkäuen. Die Gewohnheit bei Hasen und Kaninchen, ihren Kot zu verzehren, wird zwar als Wiederkäuen gedeutet, allerdings haben sie keine Klauen. Auf der anderen Seite fallen Schweine unter die jüdischen Speiseverbote, da sie zwar Klauen haben, aber nicht wiederkäuen.[6] „Diejenigen Tierarten sind nicht koscher, die mängelbehaftete Mitglieder ihrer Klasse sind oder deren Klasse selbst die generelle Vorstellung der Welt durcheinanderwirft.“[7] Hasen fallen hier aus dem Raster der damaligen religiösen Welterklärung und damit aus dem Speiseplan.

Islam

In einigen Zweigen des islamischen Glaubens gibt es ein Hasentabu. Ein aus dem jüdischen Gesetz abgeleitetes Speisetabu kennen auch die Alawiten.[1] Bei den Aleviten der Bektaschi-Tarīqa, einer islamischen Glaubensrichtung, die mit der Einwanderung turkmenischer Stämme nach Anatolien im 13./14. Jahrhundert entstand, und den alevitischen Tahtacı ist der Verzehr von Hasenfleisch rituell untersagt.

Schalenfragment mit Darstellung eines Hasen, Ägypten, 14. Jh.
Hase und Elefant, syrische Miniaturmalerei, 1354

Das Hasentabu der Aleviten bietet zu vielfältigen Spekulationen und Begründungsversuchen Anlass.[8] Für die Aleviten gelten Hasen und Kaninchen als „unheilvolle Tiere“, das Verbot ihres Verzehrs soll die rituelle „Gemeindereinheit vor dem Einfluss der Außenwelt“ bewahren.[9] Ein weiterer Ansatz führt den unreinen Charakter der Hasen darauf zurück, dass „sie eine vielfältige, aus Merkmalen sieben verschiedener Tiere zusammengesetzte Natur besitzen“.[10] Dies lässt sie außerhalb der biblischen Tierkategorien des Buchs Genesis stehen und knüpft an die Tabubegründungen im Judentum an.

Möglicherweise haben sich in diesem Speisegebot auch ältere Traditionen des turkmenischen Kizilbasch-Ordens erhalten, von der das Alevitentum seine Herkunft ableitet.[11] Der formal schiitische Glaube der Kizilbasch war bis zu ihrer endgültigen Unterwerfung und Zerstreuung, sowie der Durchsetzung des orthodox-schiitischen Islam durch den Safawidenschah Abbas I.[12] durch eine eher oberflächliche Bindung an den Islam und durch bleibende Beziehungen zu einer schamanisch beeinflussten Volksfrömmigkeit gekennzeichnet.[13]

In der bildenden Kunst des Islam, auch des späteren Osmanischen Reiches, spielte die bildliche Darstellung des Hasen eine wichtige symbolische, mythologisch begründete Rolle. Hierauf berufen sich türkische Autoren,[14] mit dem Ziel, die Gemeinschaft der Aleviten in die türkische Nation zu integrieren.[11]

Das Verbot des Essens von Hasenfleisch gilt nicht für die Mehrheit der Muslime, die sich auf das Fehlen eines solchen Verbots berufen. In der Sure 6: Al-An'am des Koran heißt es:

„Sprich: Ich finde in dem, was mir offenbart worden ist, nichts, was einem Speisenden, der es speist, untersagt worden ist, es sei denn von selbst Verendetes oder ausgeflossenes Blut oder Schwein, denn das ist Befleckung oder Frevel.“

– Koran, Sure 6, 145[15]

Die Zulässigkeit des Verzehrs von Hasenfleisch findet in der hadithischen Überlieferung ihre Fortsetzung:

„Hammad Ibn Uthman berichtete, dass Imam Ja’far As-Sadiq sagte: Der Prophet Muhammad war von zurückhaltender Natur und er pflegte es etwas zu verabscheuen ohne dass er es für verboten erklärte. Als ihm der Hase gebracht wurde, verabscheute er ihn, doch er selbst erklärte ihn nicht für verboten.“

– Wasā'il asch-Schīʿa, Band 16, S. 319, Hadith 21

Christentum

Den Nestorianern gilt der Hase als unrein.[16] Die Chaldäer sehen die Begegnung mit einem Hasen als ungünstiges Vorzeichen an. Schwangere Frauen sollten die Begegnung mit Hasen möglichst vermeiden, damit ihren Kindern später beim Schlafen nicht die Augen offen stehen bleiben.[17]

Ansonsten kennt das Christentum unter Berufung auf das Markusevangelium (Mk 7,18–19 EU) und die Paulusbriefe (1 Kor 10,25 EU, 1 Tim 4,4 EU) keine Speisegesetze. Zur Symbolik des Hasen im Christentum siehe Osterhase. In Deutschland kommen Kaninchen vor allem in der Osterzeit auf den Speisetisch.[18]

Hasenfleisch aus medizinischer Sicht

Eine mögliche medizinische Erklärung für eine Tabuisierung von Hasenfleisch ist das Risiko einer Übertragung von bakteriellen Infektionen oder Parasitosen. Der Verzehr von nicht ausreichend gegartem Fleisch wild lebender Kaninchen oder Hasen birgt das Risiko einer Erkrankung an Tularämie („Hasenpest“).[19] Die – im Zusammenhang mit den alttestamentlichen Speisegesetzen oft angeführte – Gefahr einer Trichinellose ist dagegen eher für den Verzehr fleischfressender Tiere oder von Allesfressern wie dem Schwein relevant.

Ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr bestimmter Fleischsorten und dem Auftreten von Krankheitssymptomen wurde wahrscheinlich schon beobachtet, als die Menschen noch als Jäger und Sammler lebten. Bei Jägern und Sammlern in der gemäßigten Klimazone und in kälteren Regionen drohte besonders im Spätwinter und im Frühjahr Nahrungsmangel und einseitige Ernährung mit fettarmem Fleisch. Eine solche Mangelernährung mit zu wenig Fett und zu viel Eiweiß kann beispielsweise beim ausschließlichen Verzehr von Bison- oder Hasenfleisch auftreten.[20] In der modernen Zeit beschrieb der Polarforscher Vilhjálmur Stefánsson erstmals den überwiegenden Verzehr von Kaninchenfleisch als Ursache für den sogenannten Kaninchenhunger.

Literatur

  • Klaus E. Müller: Kulturhistorische Studien zur Genese pseudo-islamischer Sektengebilde in Vorderasien. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1967, „Das Hasentabu“, S. 331–333. 

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Klaus E. Müller: Kulturhistorische Studien zur Genese pseudo-islamischer Sektengebilde in Vorderasien. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1967, S. 331–333. 
  2. ↑ Gaius Iulius Caesar: Der Gallische Krieg. Artemis & Winkler, Düsseldorf & Zürich 1999, ISBN 3-7608-1718-1, S. 204. 
  3. ↑ Vgl. die Schilderung der Elchjagd durch Absägen des Schlafbaums, Bellum Gallicum VI, 27. Siehe auch Herkynischer Wald#Fauna
  4. ↑ Im biblischen Buch der Psalmen (Ps 104,18 EU) und der Sprüche (Spr 30,26 EU) wurde seit der spätantiken Vulgata-Übersetzung des Hieronymus vom „Hasen“ gesprochen, der seine Zuflucht im Felsen suche. Im hebräischen Urtext steht hier „schafan“ (wörtlich: Klippschliefer), Hieronymus übersetzte diesen Begriff mit „lepusculus“ (Häschen). Entscheidend für seine Wortwahl dürfte die Tatsache gewesen sein, dass Klippschliefer nördlich der Alpen nicht vorkommen, und die Übersetzer – darunter später auch Martin Luther – Begriffe verwenden wollten, die bei ihren Lesern bekannt waren. Erst in der Textrevision der Lutherbibel von 1987 wurde aus dem Kaninchen wieder der Klippschliefer.
  5. ↑ Quelle der Übersetzung online
  6. ↑ a b Mary Douglas: Purity and Danger – Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo. (PDF) 1966, S. 55, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. August 2013; abgerufen am 27. März 2016 (englisch): „To be holy is to be whole, to be one; holiness is unity, integrity, perfection of the individual and of the kind. The dietary rules merely develop the metaphor of holiness on the same lines.“ 
  7. ↑ Mary Douglas: Purity and Danger – Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo. (PDF) 1966, S. 56, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. August 2013; abgerufen am 27. März 2016 (englisch): „Those species are unclean which are imperfect members of their class, or whose class itself confounds the general scheme of the world.“ 
  8. ↑ Langer, Robert, Alevitische Rituale, S. 65–108, in: Sökefeld, Martin: Aleviten in Deutschland: Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora, Bielefeld 2008, S. 77
  9. ↑ Gümüs, Burak: Türkische Aleviten – Vom Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei, Konstanz 2001, S. 54
  10. ↑ Bumke, Peter J.: Kızılbaş-Kurden in Dersim (Tunceli, Türkei): Marginalität und Häresie, S. 530–548, in: Anthropos, Bd. 74, H. 3./4. (1979), S. 535
  11. ↑ a b Krisztina Kehl-Bodrogi: Die Kisilbaş/Aleviten. Untersuchungen über eine esoterische Glaubensgemeinschaft in Anatolien. Dr. Klaus Schwarz, Berlin 1988, ISBN 3-922968-70-8, S. 233. 
  12. ↑ Sholeh A. Quinn: Iran under Safawid rule. In: David O. Morgan, Arthur Reid (Hrsg.): New Cambridge History of Islam. Band 3: The Eastern Islamic world – Eleventh to Eighteenth Centuries. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2000, ISBN 978-0-521-83957-0, S. 218–223. 
  13. ↑ Hans Robert Roemer: Die turkmenischen Qizilbas: Gründer und Opfer der safawidischen Theokratie. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Bd. 135, 1985, S. 227–240, hier speziell S. 236 (PDF-Datei; 1,49 MB, abgerufen am 29. März 2016).
  14. ↑ Pervin Ergun (2011): Alevilik Bektaşilikteki Tavşan İnancının Mitolojik Kökleri Üzerine (Mythologische Wurzeln der Ansichten der Bektaschi-Aleviten über den Hasen). In: Turkish Culture & Haci Bektas Veli Research Quarterly 60 (Oktober 2011), S. 281 online (Paywall, englische Zusammenfassung), abgerufen am 29. März 2016
  15. ↑ Quelle der Übersetzung online
  16. ↑ C. Sandreczki: Reise nach Mosul und durch Kurdistan nach Urumia, Band 2. Nabu Press (fotomechanische Reproduktion), Charleston, South Carolina, ISBN 978-1-276-02149-4, S. 138. 
  17. ↑ Basile Nikitine: Superstitions des Chaldéens du plateau d'Ourmiah. Société Française d'Ethnographie, 1923, S. 172–173. , zitiert nach Müller, 1967
  18. ↑ Die meisten Kaninchen werden zu Ostern verspeist welt.de, 21. April 2014.
  19. ↑ Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 07/2007 PDF (204 kB), abgerufen am 29. März 2016
  20. ↑ J. D. Speth, K. A. Spielmann (1983): Energy Source, Protein Metabolism, and Hunter-Gatherer Subsistence Strategies (PDF; 2,0 MB, abgerufen am 29. März 2016), in: Journal of Anthropological Archaeology 2, 1983, S. 1–31, zu Hasenfleisch: S. 3



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Goi

Noir24admin Judentum 21. Juni 2026

Goi ist ein aus dem Jiddischen stammendes Fremdwort hebräischer Herkunft, das einen Nichtjuden bezeichnet, manchmal auch einen Juden, der sich nicht an die Vorschriften des jüdischen Gesetzes hält. Es bedeutet ursprünglich „(fremde) Nation“ oder „Volk“.[1] Der Begriff Goi hat eine teilweise abfällige Konnotation.[2]

Formen, Bedeutungsentwicklung

Das Wort גּוֹי goj ist in der hebräischen Bibel eines der vier Wörter mit der Bedeutung „Volk“ oder „Nation“; die anderen drei sind עַם ʿam, לְאֹם leʾom und viel seltener אֻמָּה ʾummah[3]. Es gibt zahlreiche Parallelismen zwischen diesen Wörtern: z. B. Hab 2,13 EU (ʿam, leʾom), Ps 2,1 EU (goj, leʾom), Ps 33,10 EU und Zef 2,9 EU (goj, ʿam), Ps 117,1 EU (goj, ʾummah). Sie sind also soweit als synonym empfunden worden, gerade in der Bedeutung „Vielzahl der Völker oder Nationen der Welt“. Daraus, dass „mein Volk“ (gemeint ist Gottes Volk) als עַמִּי ʿammi wiedergegeben wird,[4] hat sich wohl die Wortverwendung ergeben, dass goj eher andere Völker als das jüdische bezeichnet; ausschließlich ist diese Bedeutung aber nicht. Insofern ist die Übersetzung „Heiden“ wie bei Luther zu eng und irreführend. Ein spezielles Wort für einen einzelnen Nichtjuden gibt es in der hebräischen Bibel nicht. Ein im jüdischen Gebiet lebender Nichtjude wird als גֵּר ger ‚Siedler‘, ‚Migrant‘ bezeichnet, und die außerhalb lebenden zusammenfassend als gojim ‚Völker‘.

Die hebräische Form für eine nichtjüdische Frau ist גּוֹיָה gojah (Plural: גּוֹיוֹת gojoth; jiddisch: goje, gojte; Plural: gojes, gojtes), die adjektivische jiddische Form ist gojisch (גוייִש); für nichtjüdische Frauen existiert auch der Ausdruck שיקסע Schickse. Heute wird Goj meist als generelle Bezeichnung der Nichtisraeliten (לֹא־יְהוּדִים lo-jehudim ‚Nichtjuden‘) verwendet, obwohl der Begriff auch in der ursprünglichen Bedeutung („Volk“, „Nation“) gebräuchlich ist.

Symbolische Bedeutungen des Wortes aus der Zeit der Entstehung des Tanach sind weiterhin „Heuschreckenschwarm“ und „alle Arten von Bestien“.[5] In Joel 1,6 EU wird der „Heuschreckenschwarm“ offensichtlich als Metapher für eine einfallende Armee verwendet.[6] Entsprechend wird עם י z. B. als den goyim entgegenstehend und als „Menschen unter Waffen“, „mächtige Kraft“, „kämpfen“ und „im Konflikt [mit Übeltätern]“ wiedergegeben.[7] גּוֹי (Goi) kann auch mit „Herden“[8] oder „Tierschar“ übersetzt werden.[9]

Die Bezeichnung Goj tritt erstmals in der Tora in Gen 10,5 EU auf, wo es alle Völker bezeichnet. In Gen 12,2 EU erfährt Abraham, dass er Stammesvater eines גּוֹי גָּדוֹל goj gadol, eines „großen Volkes“, sein wird, was unter anderem die späteren Israeliten einschließt. An diesen Stellen hat das Wort Goj also keine Bedeutung, die im Gegensatz zu Israeliten steht. In den Hallel-Psalmen 113–118 kommen sowohl einschließende (Ps 113,4 EU, Ps 117,1 EU) als auch abgrenzende (Ps 115,2 EU, Ps 118,10 EU) Verwendungen vor.

Als שבת גוי Schabbesgoi, Shabbesgoi oder auf Deutsch auch Sabbat-Goi, im Hebräischen גּוֹי שֶל שַׁבָּת goj schel schabbath, wird ein nichtjüdischer Bediensteter bezeichnet, der in einem jüdischen Haushalt oder einer jüdischen Einrichtung am Schabbat die für Juden untersagten Arbeiten ausführt.[10]

Wenn der Ausdruck Goj von Juden auf andere Juden angewendet wird, ist dies gleichfalls ein pejorativer Hinweis auf „unjüdisches“, gemeint unkorrektes Verhalten wie etwa schwarzfahren, die jiddische Zeitung nicht teilen wollen oder unfreundlich zum Nachbarn sein.[11]

Literatur

  • Hans Peter Althaus: Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49437-4, S. 86f., 174f.
  • Leo Rosten, Lutz-Werner Wolff: Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie. (Aktualisiert und kommentiert von Lawrence Bush, illustriert R. O. Blechman). dtv 24327, München 2002, ISBN 3-423-24327-9. Neuausgabe als dtv 20938, München 2006, ISBN 978-3-423-20938-0.
  • Gary G. Porton: Goyim: Gentiles and Israelites in Mishnah-Tosefta (= Brown Judaic studies 155), Scholars press 2020, ISBN 978-1555402785.
  • Judith Coffey, Vivien Laumann: Gojnormativität: Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen. Berlin 2021, ISBN 978-3957325006.

Weblinks

  • Hans Peter Althaus: Mauscheln: ein Wort als Waffe. S. 193 ff.
  • Die Nichtjuden aus jüdischer Perspektive (mit ausführlicher Abhandlung zum Begriff „Goj“)

Einzelnachweise

  1. ↑ Ernest Klein: A comprehensive etymological dictionary of the Hebrew language for readers of English. Carta u. a., Jerusalem 1987, ISBN 965-220-093-X, S. 94 (englisch, archive.org). 
    Für das hebräische Wort goj wird dort als ursprüngliche biblische Bedeutung „Nation“ oder „Volk“ angegeben. Die Bedeutung „Nichtjude“ ist nachbiblisch (PBH), die Bedeutung „nicht religiöser Jude“ modern (NH). Das Wort gojut (Goi-Eigenschaft, „Goiheit“) entstammt dem mittelalterlichen Hebräisch (MH). Die entsprechenden Lexikoneinträge lauten:
    גּוֹי m.n. 1 nation, people. 2 PBH Gentile. 3 NH an irreligious Jew. [Of uncertain origin: possibly related to גֵּו (= body), and properly denoting an ethnic ‘body’.] Derivatives: גּוֹיָה, גּוֹיוּת, גּוֹיִי.
    גּוֹיָה f.n. PBH a Gentile woman, [f. of גּוֹי.]
    גּוֹיוּת f.n. MH state of being a Gentile;heathenism. [Formed from גּוֹי with suff. ־וּת […].]
    גּוֹיִי adj. Gentile. [Formed from גּוֹי with suff. ־י.]
  2. ↑ Beispiel: „Auch voll assimilierte Juden, die sich nichts mehr gewünscht hätten als Anerkennung seitens der Nichtjuden, konnten bei Gelegenheit, etwa bei einer Provokation – wenn auch nur bei sich – das Wort Goi murmeln, jene verächtliche Bezeichnung für den Nichtjuden, den Außenstehenden, die stumpfe Seele.“ Fritz Stern: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Ullstein 1978. S. 573.
  3. ↑ Zu den hebräischen Wörtern kann man in der Blue Letter Bible die Vorkommen in der hebräischen Bibel sowie die zugehörigen Artikel in folgender englischen Übersetzung des Gesenius’schen Wörterbuches nachschlagen: Samuel Prideaux Tregelles: Gesenius‘s Hebrew and Chaldee Lexicon to the Old Testament Scriptures: With Additions and Corrections From the Author’s Thesaurus an Other Works. London 1857. Direkte Links zu den Wörtern sind ʾummah, goj, leʾom, ʿam, ger.
  4. ↑ Gesenius (auch online verfügbar) nennt im Artikel goj die Stelle Zef 2,9 EU (in der EÜ 2016 „meiner Nation“, in der EÜ 1980 und bei Luther nur das zweite Vorkommen von „meines Volkes“) als einzigen Beleg für die Form goji (mein Volk). Dort finden sich im masoretischen Text die Konsonanten von goj, jedoch die Vokalzeichen von goji, nämlich ein Chireq als Vokal beim Jod und der Akzent Tipcha ebenfalls beim Jod, als wäre es der Konsonant der betonten Silbe. Die Stelle wurde also von den Masoreten wie ein Ketib goj mit dem Qere goji behandelt, allerdings ohne Kennzeichnung und Fußnote. Die meisten Übersetzer folgen der Korrektur und schreiben „meines Volkes“.
  5. ↑ „גּוֹי (goy)“, in: Francis Brown, S. Driver & C. Briggs, Brown-Driver-Briggs Hebrew and English Lexicon, Hendrickson Publishers (1996); ähnlich: „גּוֹי (gowy)“, in: King James Version Old Testament Hebrew Lexicon (online)
  6. ↑ Irene Belyeu: Revelation in Context: A Literary and Historical Commentary on the Book of Revelation with Supporting Referents and Notes. Xulon Press 2006, S. 205.
  7. ↑ So im Brown-Driver-Briggs-Lexikon.
  8. ↑ „גּוֹי (gowy)“, in: Robert L. Thomas, New American Standard Exhaustive Concordance of the Bible/Hebrew-Aramaic and Greek Dictionaries, Holman Bible Publishers (1981)
  9. ↑ „גּוֹי (goy)“, in: S.T.D. James Strong und L.L.D. Strong, Strong’s Exhaustive Concordance of the Bible with Dictionaries of the Hebrew and Greek Words, MacDonald Publishing (1974/2006).
  10. ↑ Petra van der Zande: Gedenke, beobachte und erfreue dich. Lulu.com, ISBN 978-965-7542-55-2, S. 12 (google.com). 
  11. ↑ Good Goy, Bad Goy: The Portrayal of Gentiles in Sketches from the London Yiddish Press. In: YIVO. Ankündigung eines Vortrags vom 26. Januar 2023 (abgerufen am 31. Januar 2023).
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4670965-4 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)



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Gott der Vater

Noir24admin Judentum 21. Juni 2026
Gottvater ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Gottvater (Begriffsklärung) aufgeführt.

Gott der Vater oder Gott-Vater (auch: Gott Vater, Gottvater, der Vater Jesu Christi, der Vater) heißt im Christentum die erste Hypostase Gottes in ihrer Beziehung zur zweiten Hypostase, Jesus Christus, der als Sohn Gottes bezeichnet wird. Nicht-trinitarische Zweige des Christentums identifizieren Gott in der Regel nur mit dem Vater und nicht mit dem Sohn (oder dem Heiligen Geist als der dritten Hypostase).

Gott wird im Tanach, in anderen Schriften des Judentums und im jüdischen Gebet als (mein, unser) „Vater“ angesprochen und bezeichnet. Damit ist vor allem sein Handeln als den Menschen zugewandter Schöpfer der Welt und barmherziger Erhalter seines von ihm erwählten Volkes gemeint. Damit steht das Judentum in Gegensatz zu polytheistischen Religionen, die einen „Göttervater“ als Hauptgottheit eines Pantheons oder einer göttlichen Trias (Dreiheit), einen männlichen „Himmelsvater“ gegenüber einer weiblichen „Erdmutter“, oder einen menschlichen Gottkönig (Pharao) als „Vater“ seiner Untertanen verehrten. In diesem Sinne sind nach jüdischer Tradition alle Menschen Söhne und Töchter Gottes, (göttliche) Personen werden nicht angebetet und Ruach HaQodesh (der Heilige Geist, wörtlich „Heiliger Atem“) wird nicht in den Stand eines Gottes erhoben.

Die Christologie lehrt, dass Jesus Christus an diese Tradition angeknüpft habe, indem er Gott vertraulich, in der aramäischen Sprache, als Abba („Papa“) anredete und seine Jünger das Vaterunser lehrte.[1] Die Urchristen bezeichneten Gott als „Vater Jesu Christi“ und betonten damit seine Identität mit dem Bundesgott der Israeliten.[2] Daher trat der Ausdruck „Gott der Vater (Jesu Christi)“ im Christentum an die Stelle des Gottesnamens.

Im Anschluss an diesen Sprachgebrauch im Neuen Testament (NT) beschreibt die christliche Trinitätslehre Gottes Wesen in den drei göttlichen Personen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Tertullian führte die lateinische Wortneubildung „trinitas“ ein. Die Alte Kirche hat die Trinitätslehre im 4. Jahrhundert dogmatisiert, um die Einheit und Einzigartigkeit Gottes der christlichen Bibel zu wahren. Damit schloss sie christliche Richtungen, die den Schöpfergott Israels vom Erlösergott Jesu trennen wollten (Marcion, Gnosis, Doketismus), als Häresien aus. Die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse und meisten christlichen Konfessionen vertreten die Trinitätslehre.

Außerbiblische Analogien

Die ägyptische Mythologie kannte eine Urgottheit, die mit einer Vielzahl von Attributen, darunter auch „Vater der Götter“ (… und Göttinnen / und Menschen) im Sinne einer Theogonie („der den erzeugt, der ihn erzeugt“) umschrieben wurde.[3]

Die griechische Mythologie nannte den Hauptgott Zeus öfter „Vater“, um seine höchste Autorität über Götter und Menschen auszudrücken. An eine Schöpfertätigkeit war dabei nicht gedacht. Der Titel erscheint in den beiden Hauptwerken Homers, Ilias und Odyssee, vor allem als direkte Anrede an Zeus. Dieses Herrschaftsattribut ging auf den Hauptgott der römischen Religion namens Jupiter (von iu- für „Tag“, „hell“ und pater für „Vater“) über.[4]

Carl Emil Doepler: Odin, der Göttervater (Gemälde von 1880)

Die germanische Mythologie der Edda kannte einen „Gott-Vater“ oder „Vater-Gott“ Tyr. Sein Name wird wie die Namen Zeus und Jupiter etymologisch auf den indogermanischen Himmelsgott Dyaus Pita zurückgeführt. Seine Eigenschaften gingen später auf die germanische Hauptgottheit Odin (Wodan) über.[5]

Einige Götterbilder des Alten Orients zeigen Merkmale, die als Hinweise auf einen „Vatergott“ gedeutet werden: einen Bart, Sitzposition und einen Kalathos in Form eines Zylinders als Kopfbedeckung. Diese Merkmale hat zum Beispiel die Marmorskulptur eines Götterkopfes aus der römischen Kaiserzeit, die mangels weiterer typischer Indizien auf Amun, Asclepius, Jupiter, Neptun, Saturn oder Serapis gedeutet wurde.[6] Serapis wurde auf Münzen der Ptolemäerzeit in Alexandria ebenso dargestellt. Vermutet wird, dass solche Bilder die spätere Vorstellung von Gott als bärtigem, weisen alten Mann mit angeregt haben.[7]

Das Pantheon von Ugarit kannte neben dem Hauptgott El auch einen mit ihm verwandten El-ib. Unklar ist, ob dieser Titel als Genitiv „Gott des Vaters“ (des Ahnen einer semitischen Sippe) oder als Apposition „Gott-Vater“ (vergöttlichter Ahnherr) zu deuten ist. Hier wird eine Vorform des „Gottes der Väter“ vermutet, der in den Erzväter-Geschichten der Bibel (Gen 12-50) erscheint.[8] El wurde in Ugarit auch als „Schöpfer des Himmels und der Erde“, „König“, „Vater“ und „Erschaffer der Götter“ bezeichnet. Abraham, der Stammvater Israels, übertrug das Schöpferattribut laut Gen 14,22 EU auf seinen Gott.[9]

Judentum

Für den Monat des jüdischen Kalenders, siehe Aw (Monat).

Das Wort Av oder Ab (heb., Einzahl אָב, „Av“, Mehrzahl אבות, „Avot“ oder „Abot“) bedeutet „Vater“ in der Hebräischen Sprache. Als Adonai (hebr. אֲדֹנָי ădonāy „mein Herr“) ist es eine der Umschreibungen für JHWH, um Hochachtung auszudrücken. Das moderne Ivrit in Israel benutzt heute das Wort אבא abba. Av oder Ab tritt als Teil von Namen auf, z. B. Ab-ram, Av-i-ram, Ah-ab, Jo-ab.

Das Mischnatraktat „Sprüche der Väter“ (heb. פרקי אבות Pirqe Avot) in der Ordnung Nesikin des Talmud behandelt ethisch-moralische Prinzipien.

Christentum

Die Erschaffung Adams. Dargestellt wird, wie Gottvater mit ausgestrecktem Zeigefinger Adam zum Leben erweckt

Neues Testament

JHWH wird im NT meist als Kyrios oder Theos bezeichnet, in der Regel der Vater als Theos und Jesus als Kyrios, was zugleich der häufigste Titel für Jesus ist. In Eigenaussagen Jesu taucht jedoch oft die Anrede „Vater“ oder „mein Vater“, in Reden an seine Jünger auch „euer Vater“ auf.

Viele dieser Aussagen, besonders in den Ich-bin-Reden des Johannesevangeliums, wurden Jesus nachösterlich in den Mund gelegt. Doch die Paulusbriefe legen nahe, dass die Vater-Anrede der Urchristen für Gott auf Jesu eigene aramäische Gebetsweise zurückgeht:[10]

NT-Vers Kontext Zitat
Mk 14,36 EU Gebet in Getsemani Abba, Vater, alles ist dir möglich.
Lk 23,34 EU Fürbitte des Gekreuzigten Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Joh 8,38 EU Auftrag Jesu als Offenbarer Gottes Ich sage, was ich beim Vater gesehen habe, und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.
Joh 11,41 EU Dankgebet für die Auferweckung des Lazarus Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.
Joh 12,27 EU Letzte öffentliche Rede Jesu Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.
Mt 28,19 EU Missionsauftrag des Auferstandenen …tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…
Gal 4,6 EU Erinnerung der Galater Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.
Röm 8,15 EU Leben im Geist Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet,
sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!
1 Joh 3,1 EU Die Liebe des Vaters Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.

Deuterokanonische und apokryphe Bücher des Alten Testaments

In einigen Gebeten deuterokanonischer bzw. apokrypher Bücher des Alten Testaments wird JHWH als Vater angeredet, etwa in Weish 14,3 EU und Sir 23,1 EU, dort verbunden mit Adonaj („Herr“). Im apokryphen Ezechiel heißt es betont: „Wenn ihr umkehrt und sagt: ‚Vater‘, werde ich euch erhören.“ Auch die Anrede Gottes als „mein Vater“ war im vorchristlichen Judentum üblich (Sifra Lev 20,16; Mekh Y Ex 20,6).[10]

Literatur

  • Felix Albrecht, Reinhard Feldmeier (Hrsg.): The Divine Father: Religious and Philosophical Concepts of Divine Parenthood in Antiquity. Brill, Leiden 2014, ISBN 90-04-25625-3.
  • Frances Back: Gott als Vater der Jünger im Johannesevangelium. Mohr Siebeck, Tübingen 2012, ISBN 3-16-152262-1.
  • Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 2007, De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020778-1:
Hermann Spieckermann: Gottvater. Religionsgeschichte und Altes Testament. S. 401–406 (Volltext online).
Reinhard Feldmeier: Gottvater. Religionsgeschichte und Neues Testament. S. 407–412 (Volltext online).
  • Christiane Zimmermann: Die Namen des Vaters: Studien zu ausgewahlten neutestamentlichen Gottesbezeichnungen vor ihrem fruhjudischen und paganen Sprachhorizont. Brill, Leiden 2007, ISBN 90-04-15812-X (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Edith Zingg: Das Reden von Gott als „Vater“ im Johannesevangelium. Herder, Freiburg im Breisgau 2006, ISBN 3-451-28950-4.
  • D. Martyn Lloyd-Jones: Gott der Vater. 3 L, 2. Auflage 2005, ISBN 3-935188-00-5.
  • Annette Böckler: Gott als Vater im Alten Testament. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zur Entstehung und Entwicklung eines Gottesbildes. Gütersloher Verlag-Haus, Gütersloh 2002, ISBN 3-579-02664-X.
  • Bernd Willmes, Josef Zmijewski, Karlheinz Diez: Gott als Vater in Bibel und Liturgie. Fuldaer Hochschulschriften 34. Knecht, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-7820-0842-1.
  • Helmut Jaschke: Gott Vater? Matthias-Grünewald-Verlag, 1997, ISBN 3-7867-2051-7.

Weblinks

Commons: God the Father – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Gottvater – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 205
  2. ↑ K. W. Niebuhr: Grundinformation Neues Testament. 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht/UTB, Göttingen 2011, ISBN 3-8252-3594-7, S. 30 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. ↑ Lothar Goldbrunner, Christian Leitz: Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Peeters, 2004, ISBN 90-429-1376-2, S. 57 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. ↑ Ken Dowden: Zeus (Gods and Heroes of the Ancient World). Routledge Chapman & Hall, 2006, ISBN 978-0-415-30502-0, S. 9 (eingeschränkte Vorschau) und S. 29 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. ↑ Otto Höfler: Herkunft und Ausbreitung der Runen. In: Die Sprache 17 (1971), S. 134–156, hier S. 146. Erneut in: Helmut Birkhan (Hrsg.): Otto Höfler: Kleine Schriften: Ausgewählte Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Religionsgeschichte, zur Literatur des Mittelalters, zur germanischen Sprachwissenschaft sowie zur Kulturphilosophie und -morphologie. Helmut Buske, Hamburg 1992, ISBN 3-87548-015-5, S. 285–307, hier S. 297 (Textarchiv – Internet Archive).
  6. ↑ Irene Romano (Hrsg.): Classical Sculpture. Catalogue of the Cypriot, Greek, and Roman Stone Sculpture in the University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology. University of Pennsylvania Press, 2006, S. 182 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. ↑ Manfred Görg: Religionen in der Umwelt des Alten Testaments III: Ägyptische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 3-17-014448-0, S. 161 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. ↑ Eckart Otto (Hrsg.): Studien zur alttestamentlichen und altorientalischen Religionsgeschichte: Zum 60. Geburtstag von Klaus Koch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53579-1, S. 22 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. ↑ Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie, Mystik Band 1: Vom Gott Abrahams zum Gott Aristoteles. Campus, ISBN 3-593-37512-5, S. 58 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. ↑ a b Klaus Berger: Gebet IV: Neues Testament. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 12, de Gruyter, Berlin / New York 1984, ISBN 3-11-008579-8, S. 47–60 (hier: S. 49).



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Gott der Vater

Noir24admin Judentum 21. Juni 2026
Gottvater ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Gottvater (Begriffsklärung) aufgeführt.

Gott der Vater oder Gott-Vater (auch: Gott Vater, Gottvater, der Vater Jesu Christi, der Vater) heißt im Christentum die erste Hypostase Gottes in ihrer Beziehung zur zweiten Hypostase, Jesus Christus, der als Sohn Gottes bezeichnet wird. Nicht-trinitarische Zweige des Christentums identifizieren Gott in der Regel nur mit dem Vater und nicht mit dem Sohn (oder dem Heiligen Geist als der dritten Hypostase).

Gott wird im Tanach, in anderen Schriften des Judentums und im jüdischen Gebet als (mein, unser) „Vater“ angesprochen und bezeichnet. Damit ist vor allem sein Handeln als den Menschen zugewandter Schöpfer der Welt und barmherziger Erhalter seines von ihm erwählten Volkes gemeint. Damit steht das Judentum in Gegensatz zu polytheistischen Religionen, die einen „Göttervater“ als Hauptgottheit eines Pantheons oder einer göttlichen Trias (Dreiheit), einen männlichen „Himmelsvater“ gegenüber einer weiblichen „Erdmutter“, oder einen menschlichen Gottkönig (Pharao) als „Vater“ seiner Untertanen verehrten. In diesem Sinne sind nach jüdischer Tradition alle Menschen Söhne und Töchter Gottes, (göttliche) Personen werden nicht angebetet und Ruach HaQodesh (der Heilige Geist, wörtlich „Heiliger Atem“) wird nicht in den Stand eines Gottes erhoben.

Die Christologie lehrt, dass Jesus Christus an diese Tradition angeknüpft habe, indem er Gott vertraulich, in der aramäischen Sprache, als Abba („Papa“) anredete und seine Jünger das Vaterunser lehrte.[1] Die Urchristen bezeichneten Gott als „Vater Jesu Christi“ und betonten damit seine Identität mit dem Bundesgott der Israeliten.[2] Daher trat der Ausdruck „Gott der Vater (Jesu Christi)“ im Christentum an die Stelle des Gottesnamens.

Im Anschluss an diesen Sprachgebrauch im Neuen Testament (NT) beschreibt die christliche Trinitätslehre Gottes Wesen in den drei göttlichen Personen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Tertullian führte die lateinische Wortneubildung „trinitas“ ein. Die Alte Kirche hat die Trinitätslehre im 4. Jahrhundert dogmatisiert, um die Einheit und Einzigartigkeit Gottes der christlichen Bibel zu wahren. Damit schloss sie christliche Richtungen, die den Schöpfergott Israels vom Erlösergott Jesu trennen wollten (Marcion, Gnosis, Doketismus), als Häresien aus. Die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse und meisten christlichen Konfessionen vertreten die Trinitätslehre.

Außerbiblische Analogien

Die ägyptische Mythologie kannte eine Urgottheit, die mit einer Vielzahl von Attributen, darunter auch „Vater der Götter“ (… und Göttinnen / und Menschen) im Sinne einer Theogonie („der den erzeugt, der ihn erzeugt“) umschrieben wurde.[3]

Die griechische Mythologie nannte den Hauptgott Zeus öfter „Vater“, um seine höchste Autorität über Götter und Menschen auszudrücken. An eine Schöpfertätigkeit war dabei nicht gedacht. Der Titel erscheint in den beiden Hauptwerken Homers, Ilias und Odyssee, vor allem als direkte Anrede an Zeus. Dieses Herrschaftsattribut ging auf den Hauptgott der römischen Religion namens Jupiter (von iu- für „Tag“, „hell“ und pater für „Vater“) über.[4]

Carl Emil Doepler: Odin, der Göttervater (Gemälde von 1880)

Die germanische Mythologie der Edda kannte einen „Gott-Vater“ oder „Vater-Gott“ Tyr. Sein Name wird wie die Namen Zeus und Jupiter etymologisch auf den indogermanischen Himmelsgott Dyaus Pita zurückgeführt. Seine Eigenschaften gingen später auf die germanische Hauptgottheit Odin (Wodan) über.[5]

Einige Götterbilder des Alten Orients zeigen Merkmale, die als Hinweise auf einen „Vatergott“ gedeutet werden: einen Bart, Sitzposition und einen Kalathos in Form eines Zylinders als Kopfbedeckung. Diese Merkmale hat zum Beispiel die Marmorskulptur eines Götterkopfes aus der römischen Kaiserzeit, die mangels weiterer typischer Indizien auf Amun, Asclepius, Jupiter, Neptun, Saturn oder Serapis gedeutet wurde.[6] Serapis wurde auf Münzen der Ptolemäerzeit in Alexandria ebenso dargestellt. Vermutet wird, dass solche Bilder die spätere Vorstellung von Gott als bärtigem, weisen alten Mann mit angeregt haben.[7]

Das Pantheon von Ugarit kannte neben dem Hauptgott El auch einen mit ihm verwandten El-ib. Unklar ist, ob dieser Titel als Genitiv „Gott des Vaters“ (des Ahnen einer semitischen Sippe) oder als Apposition „Gott-Vater“ (vergöttlichter Ahnherr) zu deuten ist. Hier wird eine Vorform des „Gottes der Väter“ vermutet, der in den Erzväter-Geschichten der Bibel (Gen 12-50) erscheint.[8] El wurde in Ugarit auch als „Schöpfer des Himmels und der Erde“, „König“, „Vater“ und „Erschaffer der Götter“ bezeichnet. Abraham, der Stammvater Israels, übertrug das Schöpferattribut laut Gen 14,22 EU auf seinen Gott.[9]

Judentum

Für den Monat des jüdischen Kalenders, siehe Aw (Monat).

Das Wort Av oder Ab (heb., Einzahl אָב, „Av“, Mehrzahl אבות, „Avot“ oder „Abot“) bedeutet „Vater“ in der Hebräischen Sprache. Als Adonai (hebr. אֲדֹנָי ădonāy „mein Herr“) ist es eine der Umschreibungen für JHWH, um Hochachtung auszudrücken. Das moderne Ivrit in Israel benutzt heute das Wort אבא abba. Av oder Ab tritt als Teil von Namen auf, z. B. Ab-ram, Av-i-ram, Ah-ab, Jo-ab.

Das Mischnatraktat „Sprüche der Väter“ (heb. פרקי אבות Pirqe Avot) in der Ordnung Nesikin des Talmud behandelt ethisch-moralische Prinzipien.

Christentum

Die Erschaffung Adams. Dargestellt wird, wie Gottvater mit ausgestrecktem Zeigefinger Adam zum Leben erweckt

Neues Testament

JHWH wird im NT meist als Kyrios oder Theos bezeichnet, in der Regel der Vater als Theos und Jesus als Kyrios, was zugleich der häufigste Titel für Jesus ist. In Eigenaussagen Jesu taucht jedoch oft die Anrede „Vater“ oder „mein Vater“, in Reden an seine Jünger auch „euer Vater“ auf.

Viele dieser Aussagen, besonders in den Ich-bin-Reden des Johannesevangeliums, wurden Jesus nachösterlich in den Mund gelegt. Doch die Paulusbriefe legen nahe, dass die Vater-Anrede der Urchristen für Gott auf Jesu eigene aramäische Gebetsweise zurückgeht:[10]

NT-Vers Kontext Zitat
Mk 14,36 EU Gebet in Getsemani Abba, Vater, alles ist dir möglich.
Lk 23,34 EU Fürbitte des Gekreuzigten Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Joh 8,38 EU Auftrag Jesu als Offenbarer Gottes Ich sage, was ich beim Vater gesehen habe, und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.
Joh 11,41 EU Dankgebet für die Auferweckung des Lazarus Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.
Joh 12,27 EU Letzte öffentliche Rede Jesu Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.
Mt 28,19 EU Missionsauftrag des Auferstandenen …tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…
Gal 4,6 EU Erinnerung der Galater Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.
Röm 8,15 EU Leben im Geist Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet,
sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!
1 Joh 3,1 EU Die Liebe des Vaters Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.

Deuterokanonische und apokryphe Bücher des Alten Testaments

In einigen Gebeten deuterokanonischer bzw. apokrypher Bücher des Alten Testaments wird JHWH als Vater angeredet, etwa in Weish 14,3 EU und Sir 23,1 EU, dort verbunden mit Adonaj („Herr“). Im apokryphen Ezechiel heißt es betont: „Wenn ihr umkehrt und sagt: ‚Vater‘, werde ich euch erhören.“ Auch die Anrede Gottes als „mein Vater“ war im vorchristlichen Judentum üblich (Sifra Lev 20,16; Mekh Y Ex 20,6).[10]

Literatur

  • Felix Albrecht, Reinhard Feldmeier (Hrsg.): The Divine Father: Religious and Philosophical Concepts of Divine Parenthood in Antiquity. Brill, Leiden 2014, ISBN 90-04-25625-3.
  • Frances Back: Gott als Vater der Jünger im Johannesevangelium. Mohr Siebeck, Tübingen 2012, ISBN 3-16-152262-1.
  • Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 2007, De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020778-1:
Hermann Spieckermann: Gottvater. Religionsgeschichte und Altes Testament. S. 401–406 (Volltext online).
Reinhard Feldmeier: Gottvater. Religionsgeschichte und Neues Testament. S. 407–412 (Volltext online).
  • Christiane Zimmermann: Die Namen des Vaters: Studien zu ausgewahlten neutestamentlichen Gottesbezeichnungen vor ihrem fruhjudischen und paganen Sprachhorizont. Brill, Leiden 2007, ISBN 90-04-15812-X (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Edith Zingg: Das Reden von Gott als „Vater“ im Johannesevangelium. Herder, Freiburg im Breisgau 2006, ISBN 3-451-28950-4.
  • D. Martyn Lloyd-Jones: Gott der Vater. 3 L, 2. Auflage 2005, ISBN 3-935188-00-5.
  • Annette Böckler: Gott als Vater im Alten Testament. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zur Entstehung und Entwicklung eines Gottesbildes. Gütersloher Verlag-Haus, Gütersloh 2002, ISBN 3-579-02664-X.
  • Bernd Willmes, Josef Zmijewski, Karlheinz Diez: Gott als Vater in Bibel und Liturgie. Fuldaer Hochschulschriften 34. Knecht, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-7820-0842-1.
  • Helmut Jaschke: Gott Vater? Matthias-Grünewald-Verlag, 1997, ISBN 3-7867-2051-7.

Weblinks

Commons: God the Father – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Gottvater – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 205
  2. ↑ K. W. Niebuhr: Grundinformation Neues Testament. 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht/UTB, Göttingen 2011, ISBN 3-8252-3594-7, S. 30 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. ↑ Lothar Goldbrunner, Christian Leitz: Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Peeters, 2004, ISBN 90-429-1376-2, S. 57 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. ↑ Ken Dowden: Zeus (Gods and Heroes of the Ancient World). Routledge Chapman & Hall, 2006, ISBN 978-0-415-30502-0, S. 9 (eingeschränkte Vorschau) und S. 29 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. ↑ Otto Höfler: Herkunft und Ausbreitung der Runen. In: Die Sprache 17 (1971), S. 134–156, hier S. 146. Erneut in: Helmut Birkhan (Hrsg.): Otto Höfler: Kleine Schriften: Ausgewählte Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Religionsgeschichte, zur Literatur des Mittelalters, zur germanischen Sprachwissenschaft sowie zur Kulturphilosophie und -morphologie. Helmut Buske, Hamburg 1992, ISBN 3-87548-015-5, S. 285–307, hier S. 297 (Textarchiv – Internet Archive).
  6. ↑ Irene Romano (Hrsg.): Classical Sculpture. Catalogue of the Cypriot, Greek, and Roman Stone Sculpture in the University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology. University of Pennsylvania Press, 2006, S. 182 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. ↑ Manfred Görg: Religionen in der Umwelt des Alten Testaments III: Ägyptische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 3-17-014448-0, S. 161 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. ↑ Eckart Otto (Hrsg.): Studien zur alttestamentlichen und altorientalischen Religionsgeschichte: Zum 60. Geburtstag von Klaus Koch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53579-1, S. 22 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. ↑ Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie, Mystik Band 1: Vom Gott Abrahams zum Gott Aristoteles. Campus, ISBN 3-593-37512-5, S. 58 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. ↑ a b Klaus Berger: Gebet IV: Neues Testament. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 12, de Gruyter, Berlin / New York 1984, ISBN 3-11-008579-8, S. 47–60 (hier: S. 49).



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

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