Jewno Fischelewitsch Asef (auch Evno Asew[1], auch Eugen Asef,[2]russischЕвно Фишелевич Азеф; * 1869 in Lyskowo, Gouvernement Grodno; † 24. April 1918 in Charlottenburg)[2] war ein russischer Terrorist und Polizeispitzel. Er war Mitbegründer der gegen das Regime des Zaren gerichteten Sozialrevolutionären Partei und war an einer Vielzahl von Attentaten gegen Repräsentanten der zaristischen Regierung beteiligt. Gleichzeitig war er insgeheim als Agent Provocateur für die zaristische Geheimpolizei Ochrana tätig, an die er seine Komplizen auslieferte.
Leben
Asef wurde 1869 als Spross einer armen jüdischen Familie geboren. Nachdem er die Volksschule abgeschlossen hatte, arbeitete er zunächst als Journalist und als reisender Händler. Während dieser Zeit schloss er sich offenbar der revolutionären Opposition gegen das Zarenregime an. Als er 1892 verhaftet werden sollte, veruntreute er einen Betrag von 800 Rubeln und setzte sich nach Deutschland ab, wo er zunächst in Karlsruhe lebte und danach in Darmstadt ein Studium der Elektrotechnik begann. Zudem lernte er dort Sergei Subatow, einen Oberst der Ochrana, kennen, der ihn als Polizeispitzel anwarb.
Gleichfalls in Deutschland machte er die Bekanntschaft einiger Mitglieder der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die aus Russland hatten fliehen müssen. Er schloss sich dieser Partei an und reiste bald durch ganz Europa, um andere Mitglieder zu treffen. 1899 kehrte er nach Russland zurück und trat dort in die Sozialrevolutionäre Partei ein. Innerhalb der Partei stieg er schnell auf und wurde Mitglied des Zentralkomitees. 1903 trat er schließlich die Nachfolge Grigori Gerschunis als Kopf des bewaffneten Arms der Partei an, dem auch Boris Sawinkow angehörte. Asef wurde so der Anführer des terroristischen Ablegers der Sozialrevolutionären Partei. In dieser Position war er an der Organisation von Mordanschlägen beteiligt. Die bekanntesten Attentate unter seiner Führung sind die Ermordung des russischen Innenministers Wjatscheslaw von Plehwe im Jahre 1904 und das von Iwan Kaljajew verübte Attentat auf den Großfürsten Sergei Romanow, einen Onkel des Zaren, im Jahre 1905.
Bis 1908 spielte Asef eine Doppelrolle als revolutionärer Mörder auf der einen und als Polizeispitzel mit einem Gehalt von 1000 Rubel pro Monat auf der anderen Seite. Zwar wiesen Sympathisanten innerhalb der Polizei die Genossen Asefs auf dessen Rolle hin, doch wurde diesen Informationen kein Glauben geschenkt; sie wurden als schädliche Propaganda abgetan.
Entdeckung
Letztlich beschloss der Sozialrevolutionär Wladimir Burzew, der wahrscheinlich von einem abtrünnigen Polizisten misstrauisch gemacht wurde, der Sache auf den Grund zu gehen. Er begann eine eingehende Untersuchung, die am Ende zu einem Gespräch mit dem ehemaligen Leiter einer Abteilung der Polizei führte. Dieser bestätigte, dass Asef bereits seit Jahren für die Polizei tätig war.
Als Burzew das Ergebnis seiner Untersuchungen gegen Asef im Februar 1909 innerhalb der Partei bekannt machte, wurde in Paris ein Ehrengericht gegen Asef einberufen, um über dessen Vergehen zu befinden. Man ließ ihn jedoch für eine Nacht nach Hause gehen, nachdem er versprochen hatte, am nächsten Tage Beweise vorzulegen, die seine Unschuld belegen sollten. Statt am nächsten Morgen wieder vor dem Gericht zu erscheinen, entzog sich Asef der drohenden Rache seiner Genossen durch eine erneute Flucht nach Deutschland. Seine Ehefrau Ljuba Mankin, die nichts von seiner Arbeit für die Polizei geahnt hatte, ließ sich daraufhin von ihm scheiden und reiste in die Vereinigten Staaten.
Letzte Jahre
In Deutschland lebte Asef mit einer Sängerin zusammen und schlug sich als Miederwarenhändler und Börsenspekulant durch. Während des Ersten Weltkrieges wurde er als feindlicher Ausländer interniert. In der Gefangenschaft entwickelte sich bei ihm eine Nierenkrankheit und er wurde im Dezember 1917 aus der Haft entlassen.
Asef starb völlig verarmt am 24. April 1918 im Krankenhaus Westend.[2] Er wurde in einem unmarkierten Grab auf dem Friedhof Wilmersdorf bestattet.
Bewertung
Die Hintergründe für Asefs Handeln und seine wahren Absichten bleiben im Dunkeln. Zwar verriet er seine Parteigenossen gegen Geld, doch wirkte er auch bei der Ermordung hochrangiger Mitglieder des Zarenregimes mit. Selbst nach den Maßstäben der Ochrana dürfte die Ermordung eines Onkels des Zaren für eine verdeckte Operation zu weit gegangen sein. Dennoch hielt die Ochrana an Asef fest; vielleicht weil auch sie von Asef betrogen wurde. Bei einer Beurteilung wäre wohl zu berücksichtigen, dass bei einem Leben im Untergrund auch Kontakte zur Gegenseite nützlich sein können. So wurden auch Stalin und sogar Lenin Kontakte zur Ochrana nachgesagt. Nach seiner Enttarnung als Polizeispitzel soll Asef sich gegenüber einem Komplizen dahingehend geäußert haben, dass er auch den Zaren getötet haben würde, wenn er auch nur den Hauch einer Chance dazu gehabt hätte. Ein ähnlicher Erfolg gelang der Ochrana mit der Anwerbung Roman Malinowskis, der die Bolschewiki unterwanderte.
Hannah Arendt führt Asef in ihrem Buch Element und Ursprünge totaler Herrschaft als beispielhaft für die Karriere von Doppelagenten an: Diese benutzten ihre Stellung in illegalen Organisationen und andererseits im Polizeiapparat, um mithilfe der einen Seite Rivalen auf der jeweiligen gegnerischen Seite auszuschalten.[3]
Literatur
Leo Deutsch: Der Lockspitzel Asew und die terroristische Taktik. Deutsch von S. Grumbach. Verlag der Buchhandlung Volksstimme, Maier, Frankfurt am Main 1909.
G. Pevsner: La Doppia Vita di Evno Azev (1869–1918). Milano: Mondadori. 1936. 315 S.
Anna Geifman: Entangled in Terror. The Azef Affair and the Russian Revolution. Scholarly Resources, Wilmington DE 1999, ISBN 0-8420-2650-9.
Harald Harden: Lockspitzel Asew. Geschichte eines Verräters. Verlag der Freizeit-Bibliothek, Hamburg 1962.
Jean Longuet, Georgi Silber: Die Bombe tötete den Grossfürsten auf der Stelle. Terroristen und Geheimpolizei im alten Russland (= AtV 8019)Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Hans-Jürgen Lehnert. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-7466-8019-0.
Boris Nikolajewski: Asew. Die Geschichte eines Verrats. Der Bücherkreis GmbH, Berlin 1932.
Richard E. Rubenstein: Comrade Valentine. Harcourt Brace and Company, New York NY 1994, ISBN 0-15-152895-0.
Boris Sawinkow: Erinnerungen eines Terroristen. bahoe books, Wien 2017, ISBN 978-3-903022-42-3
Film
Lockspitzel Asew, 1934 (Fritz Rasp in der Hauptrolle. Regie: Phil Jutzi)
↑Leo Deutsch: Der Lockspitzel Asew und die terroristische Taktik. 1909.
↑ abcStA Charlottenburg III, Sterbeurkunde Nr. 855/1918
↑Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. 10. Auflage. Piper Verlag München GmbH, München 2005, ISBN 3-492-21032-5, Kap.12, S.894 (englisch: The Origins of Totalitarianism. New York 1951. Erstausgabe: Harcourt Brace Jovanovic, New York 1951).
Yizhak Ahren, auch Jizhak Ahren (geboren 16. Dezember 1946 in Jerusalem), ist ein deutscher Psychologe und ehemaliger Hochschullehrer an der Universität zu Köln.
Leben und Wirken
Yizhak Ahren, Sohn von Rückkehrern aus Israel und praktizierender orthodoxer Jude,[1] absolvierte ab 1966 ein Studium der Psychologie an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln, das er 1972 mit einem Diplom abschloss. Im Jahr 1976 folgte mit einer Arbeit zum Thema Gemeinschaftsleben als Konstruktionsproblem. Psychologische Untersuchung einer Gruppe der amerikanisch-jüdischen Gegenkultur seine Promotion zum Dr. phil.[2] Seine Habilitationsschrift Psychoanalytische Behandlungsformen. Untersuchungen zur Geschichte und Konstruktion der analytischen Kurzpsychotherapie verfasste er 1996 ebenfalls an der Universität zu Köln.
Anschließend arbeitete Ahren als Schulpsychologe an der Anna-Freud-Schule des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Köln und als Lehrender an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Ahren ist ein Vertreter der psychologischen Morphologie. Als Professor für Psychologie setzte er sich insbesondere mit Kulturpsychologie und Medienpsychologie auseinander.[2]
Während seiner Jahre in Deutschland war Ahren aktives Mitglied in der Synagogen-Gemeinde Köln und wirkte dort ehrenamtlich als Tora-Lehrer.
Er hielt zahlreiche Vorträge über die jüdische Religion und die Stationen im jüdischen Lebenszyklus, so beispielsweise im Februar 2010 im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen, einer profanierten Landsynagoge, die erst wenige Monate zuvor als Kulturhaus wiedereröffnet worden war.[3] Im März 2010 lautete das Thema seines Vortrags in der Gedenkstätte Landjuden an der Sieg in Windeck-Rosbach „Kaschrut und Schächten“.[4] Ahren verkörpere „vorbildhaft die jüdische Verpflichtung zu lebenslangem Lernen und Lehren“, so die Judaistin Monika Grübel.[3]
Nach seiner Emeritierung verlegte Ahren seinen Wohnsitz nach Jerusalem.[2] Er beschäftigt sich weiterhin mit jüdischer Religionslehre und schreibt regelmäßig für die Jüdische Allgemeine.[5]
Schriften (Auswahl)
Als Autor
Aufsätze
Rabbi Israel Salanter und das Unbewusste. In: Udim, Band 6 (1975/76), S. 9–11, ISSN 0342-2348
Rabbiner Breuers Frankfurter Jeschiwa. In: Udim, Band 14/15 (1990), S. 28–37, ISSN 0342-2348
Monographien
Gemeinschaftsleben als Konstruktionsproblem. Psychologische Untersuchung einer Gruppe der amerikanisch-jüdischen Gegenkultur. Dissertation, Universität Köln 1976.
zusammen mit Christoph B. Melchers, Werner Seifert und Werner Wagner: Das Lehrstück „Holocaust“. Zur Wirkungspsychologie eines Medienereignisses. Westdeutscher Verlag, Opladen 1982, ISBN 3-531-11544-8.
zusammen mit Stig Hornshøj-Møller, Christoph B. Melchers: „Der ewige Jude“. Wie Goebbels hetzte. Untersuchungen zum nationalsozialistischen Propagandafilm. 1. Aufl. Alano-Verlag, Aachen, 1990, ISBN 3-89399-110-7.
Psychoanalytische Behandlungsformen. Untersuchungen zur Geschichte und Konstruktion der analytischen Kurzpsychotherapie. (Schriften zur psychologischen Morphologie; Bd. 5). Bouvier Verlag, Bonn 1996, ISBN 3-416-02659-4 (zugl. Habilitationsschrift, Universität Köln).
Verknüpfungspunkte. Warum gerade dieser Psalm? Aaronis-Collection, Aspach 2010, ISBN 978-3-936524-23-9.
Als Herausgeber
Warum sehen wir Filme? Materialien zur Filmpsychologie. Alano-Herodot-Verlag, Aachen 2000, ISBN 978-3-89399-243-0.
↑Eva-Maria Schrage: Jüdische Religion in Deutschland. Springer-Verlag, 2018, ISBN 3-658-23074-6, S. 26 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
Der Davidstern (hebräisch magen david „Schild Davids“) ist eines der Symbole des Judentums.
Als Judentum (hebräisch יַהֲדוּת jahadut, griechisch ἰουδαϊσμόςioudaismos; veraltet auch Mosaismus) werden einerseits die Gesamtheit der Juden (das jüdische Volk, die Judenheit) sowie andererseits die jüdische Religion und jüdische Kultur als für die jüdische Identität maßgebliche Konzepte bezeichnet.
Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und Islam hervorgingen. Die jüdische Eingottlehre wird auch als ethischer Monotheismus bezeichnet.[1]
Nach dem Verlust des Jerusalemer Tempels (70) entstand in der Spätantike das Rabbinische Judentum. Seit der frühneuzeitlichen Haskala (der jüdischen Aufklärung) bestehen als Hauptströmungen ein Orthodoxes Judentum und ein Konservatives Judentum, seit dem 19. Jahrhundert kam ein Liberales Judentum dazu.
Ihre gemeinsame Grundlage ist die schriftliche Tora[2] („Weisung“), der erste und wichtigste Teil der hebräischen Bibel (Tanach). Die rabbinische Literatur legt die Tora vor allem mit Mischna und Talmud aus.
Begriff
Das deutsche Wort „Judentum“ geht auf das griechische Substantiv Ioudaismos zurück. Es ist abgeleitet vom Wort Ioudaioi für die Personengruppe, das das hebräische Original Jehudi übersetzt. So nannten sich zunächst die Angehörigen des Stammes Juda, dann die des ehemaligen Königreichs Juda. Im Perserreich (ab ~539 v. Chr.) umfasste Jehudi tendenziell alle exilierten Nachfahren der Israeliten und die Bewohner der persischen Provinz Jehud, behielt also seine ethnische und territoriale Bedeutung.[3]
Das Nomen Ioudaismos erschien erstmals in den Makkabäerbüchern (2 Makk 2,21 EU; 8,1 EU; 14,38 EU; 4 Makk 4,26 EU) als Antonym zu Hellenismos. Es drückte die Ablehnung griechischer kultureller Normen seitens der Makkabäer und ihrer Anhänger in Judäa aus.[4] Das zugehörige Verb ioudaizein bezeichnete ein Verhalten, das Judäer dazu bringen sollte, sich von griechischen Praktiken abzuwenden und zu ihren eigenen Praktiken zurückzukehren, nämlich den damals in Judäa gültigen Torageboten und dem Jerusalemer Tempelkult.[5] Der Makkabäeraufstand (ab 168 v. Chr.) richtete sich sowohl gegen die von hellenisierten Judäern übernommenen kulturellen Normen als auch gegen den Versuch des Seleukidenherrschers Antiochus IV., den Judäern den Zeus-Kult aufzuzwingen und das Befolgen wesentlicher Toragebote zu verbieten. Mit der Wortschöpfung Ioudaismos stellten die Makkabäer ihren Glauben an den einzigen Gott JHWH und die Tora jenen Herrschern gegenüber, die damals ihr Volk und dessen Religionsausübung in Judäa bedrohten. In dieser Selbstbezeichnung waren also ethnische, kultische, rechtliche und politische Aspekte untrennbar verbunden.[6]
Der urchristliche Missionar Paulus von Tarsus erinnerte seine Adressaten mit dem Wort Ioudaismos (Gal 1,13f. EU) an seine Treue zu den „väterlichen Überlieferungen“: Gemeint ist die Tora-Auslegung der Pharisäer, in der er ausgebildet worden und für die er vor seiner Berufung zum Völkerapostel Jesu Christi besonders eingetreten war. Die Stelle wurde früher oft als Abkehr des Paulus vom Judentum fehlgedeutet; dagegen sprach er hier präsentisch von „meinem Volk“.[7] In Gal 2,14 EU lehnte Paulus als ioudaizein ab, Heidenchristen zum Einhalten jüdischer Speisegebote zu zwingen. Der Kontext lässt nicht erkennen, dass der kritisierte Simon Petrus dies getan hatte.[8]
Die Ignatiusbriefe (~100) verwenden Ioudaismos erstmals als negativen Gegenbegriff zu Christianismos („Christentum“). Die Gegenüberstellung spiegelte die vollzogene Trennung der Christen vom Judentum. Als christliche Fremdbezeichnung war das Wort „Judaismus“ fortan stets abwertend konnotiert (Antijudaismus).[9] Ab dem 3. Jahrhundert bezeichnete es in christlichen Texten ein von den Realitäten im Raum Israel abstrahiertes, dem Christentum gegenübergestelltes Gesamtkonzept und Glaubenssystem. Das englische Wort „Judaism“ und das deutsche Wort „Judentum“ folgen dieser Konstruktion, die ein einheitliches Religionsmodell unterstellt.[5]
Der neuzeitliche Begriff einer „Religion“ war in der Antike unbekannt. Die als Ioudaismos bezeichnete Lebensweise war nicht auf religiöse Aspekte im heutigen Sinn begrenzt, sondern umfasste alle Verhaltensweisen, die Judäer zu Judäern bzw. Juden zu Juden machten. Darum meinte Shaye J. D. Cohen, das griechische Wort sei auf Englisch eher mit “Judaeaness” oder „Jewishness“ („Jüdischkeit“) zu übersetzen.[10]
Geschichte
→ Hauptartikel: Geschichte des Volkes Israel und Geschichte der Juden
Das Judentum entstand ab ~1200 v. Chr. im Bergland Samarien als Stämmebund namens „Israel“ und bildete bis etwa 900 v. Chr. zwei Kleinstaaten mit einer Königsdynastie, das Nordreich Israel mit Samaria und das Südreich Juda mit Jerusalem als Hauptstadt. Nach Israels Eroberung durch das Großreich Assyrien (720 v. Chr.) und Judas durch Babylonien (586 v. Chr.) entfaltete das Judentum im babylonischen Exil seinen exklusiven JHWH-Monotheismus und verankerte diesen mit dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels als gemeinsame Religion der Juden in Israel und der Diaspora.
Auf den Hellenismus (seit 332 v. Chr.) reagierten Teile der jüdischen Oberschicht mit Anpassung. In Alexandria entstand ein hellenistisches Judentum. Aus dem Widerstand der Makkabäer entstand der teilautonome Staat Judäa der Hasmonäer (ab 141 v. Chr.). Das Römische Reich machte ihn 63 v. Chr. zum Vasallenstaat und wandelte ihn 6 n. Chr. in eine römische Provinz um. Die Widerstandsbewegung der Zeloten gegen die römische Besatzungsmacht scheiterte mit verheerenden Niederlagen: Der Jüdische Krieg (66–70) endete mit der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels, der Bar-Kochba-Aufstand (132–136) mit der Vertreibung großer Teile der Juden aus der Region, ihrer Versklavung oder Zerstreuung.
In den Lehrzentren Javne und Tiberias sowie einigen babylonischen Diasporagemeinden entwickelten Pharisäer und Tannaiten aus der in Halacha, Mischna und Talmud verschrifteten Toraauslegung bis etwa 500 das rabbinische Judentum. Bis zum Mittelalter bildeten sich in großen Teilen Europas jüdische Gemeinden, die ab dem Hochmittelalter immer wieder starken Verfolgungswellen unter dem herrschenden Christentum ausgesetzt waren. Durch die erzwungenen Fluchtbewegungen verbreitete sich das Judentum auch im Bereich des Islam, in Nordafrika und Osteuropa.
Unter dem Druck des Antisemitismus, der die in einigen Nationalstaaten begonnene jüdische Emanzipation revidieren und Juden aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgrenzen wollte, entstand im 19. Jahrhundert die jüdische Nationalbewegung des Zionismus. Dieser wurde im Judentum erst durch den Holocaust (1941–1945) an rund sechs von damals 17 Millionen Juden mehrheitsfähig.
1948 gründeten Zionisten im Anschluss an den UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 den Staat Israel, der sich seitdem gegen mehrere Angriffskriege arabischer Nachbarstaaten und zahlreiche Terroranschläge verschiedener Gruppen behaupten musste.
Jüdische Religion
→ Hauptartikel: Jüdische Religion
Eine Torarolle
Die jüdische religiöse Tradition ist eine monotheistische Religion, deren Gott auch als der Gott Jisraels bezeichnet wird. Dieser Gott wird im orthodoxen Verständnis als Schöpfer des Universums angesehen, der noch aktiv in der Welt handelt (Theismus). Einige wenige jüdische Philosophen des Mittelalters (Gersonides, Abraham ibn Daud), beeinflusst durch die Kabbala und Neu-Aristotelismus, und der Neuzeit, Harold Kushner (insbesondere nach dem Holocaust) tendieren allerdings zu einer eher distanzierten Positionierung dieses Gottes (Deismus), der sich von seiner Schöpfung entfernt habe.
Die jüdische Religion basiert auf den religiösen Überlieferungen der Juden. Diese Überlieferungen teilen sich auf in eine schriftliche Lehre, die in der Tora niedergelegt ist (schriftliche Tora), und eine mündliche Lehre, auch: mündliche Tora, die im Talmud diskutiert wird. Dieser ist historisch gesehen in Mischna und Gemara aufgeteilt. Auf beiden beruht die Halacha, das jüdische Gesetz. Die Halacha beruht aber auch auf rabbinischen Gesetzgebungen und Responsen, die im Laufe der Zeit gefällt wurden. Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Versuche unternommen, die Halacha zusammenzufassen; eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der Schulchan Aruch.
Glaube
Der Begriff Jüdischer Glaube bezieht sich auf die religiösen Traditionen des Judentums in der jüngsten Geschichte, in der biblischen und vorbiblischen Zeit und in der Vielfalt seiner Strömungen. Das diese religiösen Traditionen tragende, bewahrende und lehrende Judentum der Gegenwart wird rabbinisch genannt. Häufig wird im Sinne dieses Begriffs von den jüdischen Glaubensprinzipien gesprochen, die im angelsächsischen Raum Jewish principles of faith genannt werden. Diese sind jedoch im Unterschied zum Christentum nicht allgemeingültig definiert und somit nicht dogmatisch. Der Glaube an die Existenz Gottes ist im Judentum nicht dogmatisch, im Gegensatz zum Beispiel zum islamischen Glaubensbekenntnis, der Schahāda. Das Judentum kennt keinen Katechismus.
Glaubensprinzipien
In der Geschichte des Judentums entstand eine Reihe grundlegender Glaubensprinzipien, deren Einhaltung von Juden mehr oder weniger erwartet wird, um in Einklang mit der jüdischen religiösen Gemeinschaft und ihrem Glauben zu sein, deren genaue Anzahl jedoch nicht feststeht und immer noch diskutiert wird. Die Strenge und der Umfang dieser Forderungen variieren unter den verschiedenen jüdischen Gemeinden. Siehe Strömungen des Judentums, insbesondere Orthodoxes Judentum, Liberales Judentum und Rekonstruktionismus. Rabbiner Josef Albo zählt im Sefer ha-Ikkarim drei Glaubensprinzipien.
Maimonides hat in seiner halachischen Sammlung Mischne Tora wie auch in seinem religionsphilosophischen Führer der Unschlüssigen einige Grundprinzipien des jüdischen Glaubens formuliert, darunter der Glaube an Gott als höchste und erste Ursache und Schöpfer von Allem, an Gottes Einheit und Unkörperlichkeit. Diese Kodifikation wurde breit rezipiert. Ähnliche Hervorhebungen treffen andere Autoren der jüdischen Scholastik vor und nach Maimonides. Die 13 Glaubenssätze des Maimonides sind unter anderem im Hymnus Jigdal und an weiteren Stellen des jüdischen Gebetbuchs schriftlich niedergelegt, haben jedoch keine kanonische Bedeutung.
Es wird darauf verwiesen, dass ein ganzes, gerade gewordenes Volk Zeuge Gottes bei der Schneidung des Bundes am Berg Sinai war (im Christentum: etwa ein Dutzend Apostel, im Islam nur Mohammed, auch bei den Mormonen nur ein Mensch, deren Begründer).
Im Gegensatz zum Christentum und zum Islam hat das Judentum bis auf eine kurze Ausnahme in der antiken Geschichte auf Missionierung Andersgläubiger verzichtet. Das Judentum betrachtet es nicht als eine Sünde oder zum Beispiel als Ausschlusskriterium für die Empfängnis des Heils durch Gott (siehe: Auferstehung), wenn Nicht-Juden und andere Völker ihre abweichenden Religionen bzw. Glaubensvorstellungen pflegen. Das Judentum ist der Ansicht, dass auch Angehörige anderer Religionen Anteil am Leben nach dem Tode haben können, wenn sie ein ethisches Leben geführt haben. Siehe hierzu Noachidische Gebote.
Die Beschneidung an Jungen ist ein elementares Gebot des Judentums und konstitutives Merkmal der jüdischen Identität.[11]
Religiöse Führung
Jüdische Gemeinden werden geistlich und rechtlich von einem Rabbiner geleitet. Sephardische Juden sowie die Karäer bezeichnen ihren geistlichen Leiter auch als Chacham (Weiser). Bei jemenitischen Juden ist der Begriff Mori (mein Lehrer) gebräuchlich. Die Gottesdienste werden im Allgemeinen von einem Kantor (Chasan) oder allgemeiner gesagt von einem Vorbeter geleitet; zu ihrer Durchführung wird ein Quorum bzw. (hebräisch) Minjan, das heißt, die Versammlung von zehn religiös volljährigen jüdischen Personen (in der Orthodoxie nur Männer), benötigt. Die allgemeine, weltliche Leitung einer jüdischen Gemeinde hingegen liegt bei einem von den Gemeindemitgliedern zu wählenden Gemeindevorstand.
Strömungen
In der Gegenwart gibt es verschiedene Strömungen innerhalb des religiösen Judentums. Die Gruppierungen unterscheiden sich nicht in erster Linie, aber auch in Hinblick auf Gottesvorstellungen und Glauben. Es werden orthodoxe und nicht-orthodoxe jüdische Strömungen unterschieden. In einem weiteren Sinn können die nicht-orthodoxen Strömungen auch als progressiv, reformiert oder liberal (wobei hier liberal nicht vom politischen Liberalismus abgeleitet ist) bezeichnet werden. Eine Mittelstellung zwischen Orthodoxie und dem liberalen Judentum nimmt das im 19. Jahrhundert sich formierende konservative Judentum ein.
Einer der grundlegenden Unterschiede zwischen orthodoxem Judentum und den nicht-orthodoxen Strömungen ist das Verständnis der Offenbarung am Berg Sinai, wobei die Orthodoxie vom buchstäblichen Sinn der von Moses empfangenen Tora als unbedingt gültiger Weisung ausgeht. Das nicht-orthodoxe Judentum versteht diese Offenbarung nicht als absolut, sondern als einen fortdauernden Prozess des Dialoges Gottes mit seinem Volk, in der Zeit und in den Kulturen. Im Kontext dieser historisch-kritischen Auslegung der Offenbarung entstanden alle nicht-orthodoxen Strömungen des Judentums. Da sie alle die Entwicklung betonen, gehören sie zum progressiven Judentum im weitesten Sinne. Im engeren Sinne gehören zum progressiven Judentum alle Gruppen des Reform-Judentums, die sich im Verband Weltunion für progressives Judentum zusammengeschlossen haben.
Alle religiösen jüdischen Strömungen der Gegenwart haben ihren Ausgang in den Impulsen der Geistesgeschichte vor allem Deutschlands und Europas ab Ende des 18. Jahrhunderts. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich der Schwerpunkt der wissenschaftlichen und theologischen Entwicklung des Judentums in die USA verlagert. Aus Deutschland sind die Beiträge zur Entwicklung jüdischen Denkens und Geistesleben nach der Schoah unbedeutend. Langsam entwickelt sich dieses aber zunehmend unter der Zuwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen UdSSR, aus der Diaspora Osteuropas und Asiens. In Israel identifizieren sich die meiste jüdischen Israelis mit einer von vier Gruppen, den Haredi (ultraorthodoxen), den Religiösen (Orthodoxen, „Dati“), den Masorti (“Traditionellen”) und den Hiloni („Säkularen“).[12]
Wichtigste religiöse Strömungen des Judentums
Strömung
Anteil
in Israel
in DE
Orthodoxes Judentum
Ultraorthodoxes Judentum (englisch auch Haredi Judaism)
Liberales Judentum (auch Reformjudentum oder progressives Judentum)
Konservatives Judentum
Rekonstruktionismus
< 1 %
Traditionalisten (Masortim) (vor allem in Israel).[13]
25 %
Religiöse Zionisten
Jewish Renewal
Humanistisches Judentum (Jüdischer Säkularismus)
Unter Einfluss einiger Freikirchen entstand in den USA die Gruppe der so genannten messianischen Juden (Eigenbezeichnung) oder modernen Judenchristen, die sich zum Christentum bekennt. Meist sind dies konvertierte Juden evangelikaler Prägung, die an ihrer jüdischen Identität festhalten sowie ein paar jüdische Traditionen pflegen und hauptsächlich in den USA zu finden sind. „Messianisches“ Judentum ist nach dem Verständnis aller anderen Strömungen des Judentums (orthodox, konservativ, liberal, reformiert) im religiösen Sinn kein Judentum, da seine Interpretation der Tradition christlich ist. Hier unterscheiden sich Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung.
Aktueller Kontext
Das Judentum ist seit Jahrtausenden häufig religiösen, ideologischen und politischen Anfeindungen und dabei Pogromen und Verfolgungen ausgesetzt. Einmalig in der Geschichte ist dagegen die Schoah, der Versuch der planmäßigen und quasi-industriellen Ausrottung der „jüdischen Rasse“ durch das nationalsozialistische Deutschland.
1934 wurden 17 Millionen jüdische Menschen auf der Welt gezählt. Sechs Millionen Menschen, die zuvor von Nationalsozialisten als „Juden“ eingestuft worden waren, fielen dem Holocaust zum Opfer. Dies beschleunigte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs die Umsetzung der zionistischen Bestrebungen und führte 1948 zur Gründung und internationalen Anerkennung des Staates Israel als jüdische Heimstätte.
Der heutige Staat Israel ist eine säkulare Demokratie nach westlichem Vorbild, seine Innenpolitik ist jedoch in einigen Bereichen weiterhin stark religiös geprägt. So ist eine bürgerliche Heirat in Israel nach wie vor nicht möglich, da das Familienrecht den jeweiligen Religionsgruppen unterstellt ist. Dies kann zum Beispiel bei einer Scheidung zu Problemen für Frauen führen, wenn sich der Ehemann weigert, der Frau den Scheidebrief (Get) zu überreichen. Gegen einen Ehemann, der eine Scheidung dauerhaft grundlos verhindert, kann zwar vom Rabbinatsgericht eine Erzwingungshaft angeordnet werden, doch ohne einen Get bleibt nach traditionellem jüdischen Recht die von ihrem Mann getrennte Frau „gebunden“ und kann nicht erneut heiraten.
Aufgrund der besonderen Geschichte und Tradition des Judentums ist das Verständnis einer jüdischen Identität ausgeprägt, die sich auf ein gemeinsames Schicksal bezieht und nicht notwendigerweise religiös begründet wird. Viele Juden betrachten sich gleichzeitig zum Beispiel als Briten oder US-Amerikaner, bis 1933 auch als patriotische Deutsche, die im Ersten Weltkrieg kämpften.
Aufteilung in ethnische Gruppen
Die Juden als ethnisch-religiöse Gruppe lassen sich in verschiedene ethnische Untergruppen unterteilen, die sich hinsichtlich Kultur, Sprache und Geschichte unterscheiden.
Ethnische Hauptuntergruppen
Aschkenasim, deren Vorfahren in Deutschland oder Frankreich lebten, bevor sie nach Osteuropa und teilweise später in die USA auswanderten,
Sephardim, deren Vorfahren auf der iberischen Halbinsel (Spanien, Portugal) lebten. Sie flohen 1492 vor der spanischen Inquisition und siedelten sich überwiegend im Mittelmeerraum, teilweise aber auch in Mittel- und Westeuropa an (zum Beispiel Hamburg oder Amsterdam),
Mizrachim (orientalische Juden, ein Sammelbegriff für alle nicht aschkenasischen und sephardischen kleineren Gruppen), die im Nahen Osten und in Nordafrika lebten, aber auch nach Mittel- und Südasien wanderten. Sie werden oft auch als Sepharden bezeichnet,
jemenitische Juden (Teimanim), die lange von den übrigen Juden isoliert waren und dadurch teilweise eigene Bräuche entwickelten,
Tzabar, die in Eretz Israel geborenen Juden.
Kleinere ethnische Untergruppen
Neben den genannten großen Gruppen gibt es verschiedene kleinere Gruppen, die meistens zu den Mizrachim gezählt werden:
die Beta Israel (andere Bezeichnung Falaschen und Falascha Mura) aus Äthiopien,
die persischen Juden (Region Iran), die auf den antiken Stamm Ephraim zurückgehen sollen,
die bucharischen Juden (Mittelasien, meistens in Usbekistan und Tadschikistan),
die georgischen Juden,
die indischen Juden,
die Bnei Menashe (auch Shinlung in Nordostindien und Burma, sie stammen angeblich vom jüdischen Stamm der Menaseh (Manasse) ab),
die Romanioten, die seit der Antike (Apostel Paulus) autochthonen Juden Griechenlands und seiner Grenzstaaten,
die Bergjuden des Kaukasus (Dagestan, Aserbaidschan), siehe auch Schalbusdag und Tat,
die Krimtschaken auf der Krim,
die kurdischen Juden (als einzige Gruppe über die Antike hinaus noch bis in die Gegenwart im Alltag aramäisch sprechend)
Gruppen, deren Stellung umstrittenen ist
die Karäer,
die Samaritaner,
die afrikanischen Neujuden (Lemba, Abayudaya)
die schwarzen Hebräer afroamerikanischer Herkunft
die Dönme
die Subbotniki
Historische Gruppierungen
Fast alle Juden der Neuzeit folgen dem in Mischna und Talmud enthaltenen mündlich überlieferten Gesetz; sie werden als Rabbinisches Judentum bezeichnet. Innerhalb des rabbinischen Judentums gibt es verschiedene Richtungen, wie das Orthodoxe oder das Reformjudentum.
Die kleine Gruppe der Karäer stellt eine Abspaltung von der Mehrheit der Juden dar. Sie lehnt die in Mischna und Talmud enthaltenen Lehren ab.
Die Samaritaner haben als heilige Schriften eine Version der Tora, die Memar Markah sowie eine eigene Liturgie, Gesetze und Auslegungsschriften. Ein Großteil des Tanach (jüdische Bibel) gilt ihnen nicht als inspiriert. Im Gegensatz zum Judentum hat der Psalter der Samariter 155 Psalmen; Judentum und Christenheit kennen nur 150. Die Autorität von Mischna und Talmud lehnen sie ebenfalls ab. Es gibt nur noch wenige Anhänger der samaritischen Religion.
Kultur
Die jüdische Kultur steht in starker Wechselwirkung zu den Kulturen, in denen die jeweilige jüdische Gemeinschaft ihr kulturelles Leben entfaltet, so dass sie kaum isoliert betrachtet werden kann. Dabei spielt die Religion eine unterschiedlich große Rolle.
Durch die Spaltung des Europäischen Judentums in die Aschkenasim und Sephardim haben sich hier zwei auch durch die Sprache unterschiedene Kulturräume entwickelt.
Siehe auch: Schabbat, Jüdische Speisegesetze und Liste jüdischer Feste
Siehe auch: Jüdischer Kalender, Jüdische Küche und Kippa
Siehe auch: Medizin in der jüdischen Kultur
Sprachen
Hebräisch ist die Sprache der ältesten jüdischen Schriften und war Umgangssprache der Juden in der antiken Periode ihrer Unabhängigkeit. Es wurde als Umgangssprache nach Jahrhunderten vom Aramäischen verdrängt, blieb aber bis in unsere Tage hinein Gottesdienstsprache, zum Teil auch Gelehrtensprache. Das Aramäische ist eine dem Hebräischen sehr ähnliche Sprache, die das schriftliche Hebräisch späterer jüdischer Schriftwerke beeinflusst hat. Einige Passagen in den Schriften des Tanach wurden schon auf Aramäisch verfasst, so wechselt beispielsweise das Buch Daniel vom Hebräischen ins Aramäische. Jesus und seine jüdischen Landsleute sprachen aramäisch. Die Bibel der äthiopischen Juden ist auf Altäthiopisch verfasst.
In der Diaspora nahmen die Juden die Sprachen der Länder an, in denen sie lebten (siehe Jüdische Sprachen). In einigen Fällen haben die jüdischen Gemeinschaften diese Sprachen aufgrund der historischen und kulturellen Umstände teils zu eigenständigen Ethnolekten, teils zu selbständigen Sprachen weiterentwickelt; Beispiele sind:
Jiddisch, die Sprache der Aschkenasim.
Judenspanisch (oder sephardische Sprache oder Ladino), die Sprache der Sephardim.
Jevanisch, die Sprache der seit der Antike im griechischsprachigen Raum lebenden Juden (Romanioten).
Knaanisch, ein auf slawischen Sprachen basierendes Idiom der Juden Osteuropas im Mittelalter
Judäo-Berberisch, die Sprache jüdischer Berber in Marokko.
Judäo-Arabisch
Judäo-Persisch
die neuaramäischen Sprachen der kurdischen Juden.
Judäo-Georgisch, Sprache der georgischen Juden.
die tatische Sprache der Tāt (auch: Judäo-Tat, Juhuri oder Juvuri); die Sprache der Bergjuden des Kaukasus (Dagestan, Aserbaidschan), eine iranische Sprache.
das Judäo-Tadschikisch oder Buchori, die Sprache der Bucharischen Juden, ebenfalls eine iranische Sprache.
die krimtschakische Sprache der Krimtschaken.
die karaimische Sprache der Karäer auf der Krim und in Osteuropa.
Judäo-Malayalam, die Sprache der südwestindischen Cochin-Juden.
Im Alltag sprechen Juden heute in ihrer großen Mehrheit die Sprache des Landes, in dem sie leben, in Afrika auch die Sprache der jeweiligen Volkszugehörigkeit.
Siehe auch: Afrikanische Sprachen
Das Ivrit, welches heute in Israel gesprochen wird, stellt eine gelungene Wiederbelebung des antiken Hebräisch dar, das um einen modernen Wortschatz erweitert wurde und in der Grammatik einige Anpassungen erfuhr. Es entwickelt sich heute im lebendigen Gebrauch weiter wie andere Sprachen auch.
Literatur
Einführungen
Allgemein
Andreas Brämer: Die 101 wichtigsten Fragen. Judentum. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-59984-2.
Arthur Hertzberg: Wer ist Jude? Hanser, München 2000, ISBN 3-446-19760-5.
Jonathan Magonet: Einführung ins Judentum. Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2003, ISBN 3-934658-43-1.
Johann Maier: Judentum (UTB). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 3-8252-2886-X.
Norman Solomon: Das Judentum. Eine kleine Einführung. 5. Auflage. Reclams Universal-Bibliothek, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-018653-4.
Michael Tilly: Das Judentum. 7. Auflage. Marix, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-86539-910-6.
Andreas Nachama, Walter Homolka, Hartmut Bomhoff: Basiswissen Judentum. Herder, Freiburg, 2015, ISBN 978-3-451-32393-5.
Reformjudentum
Max Dienemann: Liberales Judentum. Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2000, ISBN 3-934658-13-X.
Jonathan A. Romain, Walter Homolka: Progressives Judentum. Knesebeck, München 1999, ISBN 3-89660-046-X.
Gilbert S. Rosenthal, Walter Homolka: Das Judentum hat viele Gesichter. Knesebeck, München 1999, ISBN 3-89660-045-1.
Religionen
Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums, Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums. Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 3-16-150256-6.
Monika, Udo Tworuschka: Religionen der Welt. Grundlagen, Entwicklung und Bedeutung in der Gegenwart. Orbis, München 1996, ISBN 3-572-00805-0.
Geschichte
Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte. Beck, München 2008, ISBN 3-406-57668-0.
Micha Brumlik: Kurze Geschichte Judentum. Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2009, ISBN 978-3-941087-53-8.
Nachum T. Gidal: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Gütersloh 1988, ISBN 3-89508-540-5.
Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie – Philosophie – Mystik. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY:
Band 1, 2004: Vom Gott Abrahams zum Gott des Aristoteles. ISBN 978-3-593-37512-0.
Band 2, 2006: Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus. ISBN 978-3-593-37513-7.
Band 3, 2009: Von der Religionskritik der Renaissance zu Orthodoxie und Reform im 19. Jahrhundert. ISBN 978-3-593-37514-4.
Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte (Informationen). 5. Auflage, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, ISBN 3-89331-501-2.
Dietmar Pertsch: Jüdische Lebenswelten in Spielfilmen und Fernsehspielen. Filme zur Geschichte der Juden von ihren Anfängen bis zur Emanzipation 1871. Niemeyer, Tübingen 1992 (= Medien in Forschung und Unterricht. Band 35), ISBN 3-484-34035-5.
M. Brenner, A. Kauders, G. Reuveni, N. Römer (Hrsg.): Jüdische Geschichte lesen. Texte der jüdischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert. Beck, München 2003, ISBN 978-3-406-50960-5.
Mordechai Breuer, Michael Graetz (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit (4 Bände). Sonderausgabe, Beck, München 2000:
Band 1. Tradition und Aufklärung: 1600–1780, ISBN 3-406-39702-6.
Band 2. Emanzipation und Akkulturation: 1780–1871, ISBN 3-406-39703-4.
Band 3. Umstrittene Integration: 1871–1918, von Steven M. Lowenstein, übersetzt von Holger Fliessbach, 1997, ISBN 3-406-39704-2.
Band 4. Aufbruch und Zerstörung: 1918–1945, von Avraham Barkai und Paul Mendes-Flohr. Mit einem Epilog von Steven M. Lowenstein, übersetzt von Holger Fliessbach, 1997, ISBN 3-406-39706-9.
Ḥayim Hilel Ben-Śaśon (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes – von den Anfängen bis zur Gegenwart (autorisierte Übersetzung von Siegfried Schmitz). 5. erweiterte Auflage, Beck, München 2007, ISBN 3-406-55918-2.
Monika Richarz (Hrsg.): Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart:
Band 1, 1976: 1780–1871. ISBN 3-421-01769-7.
Band 2, 1978: Im Kaiserreich. ISBN 3-421-01842-1.
Band 3, 1982: 1918–1945. ISBN 3-421-06094-0.
Israel Finkelstein/Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. dtv, München 2001, ISBN 978-3-423-34151-6.
Biografien
Julius Carlebach, Michael Brocke (Hrsg.): Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und grosspolnischen Ländern 1781–1871 (Biographisches Handbuch der Rabbiner 1). Bearbeitet von Carsten Wilke. K.G. Saur, München 2006, ISBN 3-598-24870-9.
Julius Carlebach, Michael Brocke (Hrsg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945 (Biographisches Handbuch der Rabbiner 2). Bearbeitet von Katrin Nele Jansen, Jörg H. Fehrs, Valentina Wiedner. K.G. Saur, München 2006, ISBN 3-598-24874-1.[14]
Salomon Wininger: Große Jüdische National-Biographie. 1925–1936.
Nachschlagewerke
Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica (22 Bände). 2. Auflage. Macmillan Reference USA, Detroit 2007, ISBN 978-0-02-865928-2.
Johann Maier: Judentum von A bis Z. Glauben, Geschichte, Kultur. Herder, Freiburg im Breisgau 2001, ISBN 3-451-05169-9.
Jewish Encyclopedia (seit 1901)
Jewish Virtual Library (seit 1998)
Andreas B. Kilcher (Hrsg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02457-2.
Andreas Kilcher, Otfried Fraisse (Hrsg.): Metzler Lexikon jüdischer Philosophen. Metzler, Stuttgart / Weimar 2003, ISBN 978-3-476-01707-9.
Charles Cutter: Judaica Reference Sources: A Selective, Annotated Bibliographic Guide. 3rd Revised and Expanded Edition 2004, Libraries Unlimited, ISBN 1-59158-133-8.
Sonstige Literatur
Dorothea Bohnekamp: Penser les identités juives dans l’espace germanique. XIXe-XXe siécle. Presses Universitaires de Rennes, Rennes 2015, ISBN 978-2-7535-4064-4.[15]
Leonard H. Ehrlich: Fraglichkeit der jüdischen Existenz. Philosophische Untersuchungen zum modernen Schicksal der Juden (Fermenta philosophica). Alber, Freiburg / München 1993, ISBN 3-495-47750-0.
Michael Landgraf, Stefan Meißner: Judentum. Einführung – Materialien – Kreativideen. 2. Auflage. Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7668-4218-3.
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band 3: Das antike Judentum. Tübingen 1921, ISBN 3-8252-1490-7.
Zeitschriften
Das Internetarchiv compactmemory stellt mehr als 80 jüdische Periodika des 18., 19. und 20. Jahrhunderts zur Verfügung.
Jüdische Allgemeine, seit 1946. Die Zeitung steht in der Tradition der 1837 gegründeten Allgemeinen Zeitung des Judenthums.
Der Aufbau. (Neue, europäische Ausgabe seit 1999) [1] Hrsg. Jüdische Medien AG, Zürich. Alle älteren Ausgaben sind über die Suchmaschine als Text lesbar.
Tachles ist eine jüdische Wochenzeitung in der Schweiz (seit 2001)
Judentum.online. Deutschsprachiges Portal zum Thema Judentum aus jüdisch-orthodoxer Perspektive, mit vielen Rabbinern als Autoren. Tora online lesen, aktuelle Kommentare zum jüdischen Leben, jüdisches Gesetz.
↑Louis Jacobs: Judaism. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica. Band 11. 2. Auflage, Macmillan, Detroit 2007, S. 511–520.
↑Norman Solomon: Torah from Heaven. The Reconstruction of Faith. Littman Library of Jewish Civilization, Oxford 2012, ISBN 978-1-906764-13-5, S. 19–31.
↑Shaye J. D. Cohen: The Beginnings of Jewishness: Boundaries, Varieties, Uncertainties. University of California Press, Berkeley 1999, ISBN 0-520-21141-3, S. 69ff. und 82f.
↑ abSteve Mason: Jews, Judaeans, Judaizing, Judaism: Problems of Categorization in Ancient History. In: Journal for the study of Judaism in the Persian, Hellenistic and Roman period 38 / Nr. 4–5. Brill, Leiden 2007, S. 457–512, hier besonders S. 511
↑Gershom Scholem: Judaismus. In: Arthur A. Cohen, Gershom Scholem (Hrsg.): Contemporary Jewish Religious Thought: Original Essays on Critical Concepts, Movements, and Beliefs. Scribner, New York 1987, S. 505–508
↑Axel Wiemer: Der Galaterbrief im Religionsunterricht: Die Theologie des Paulus in ihrer Zeit und im Dialog mit Jugendlichen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-7887-3148-9, S. 38 und Fn. 104
↑Axel Wiemer: Der Galaterbrief im Religionsunterricht, Göttingen 2017, S. 52 und Fn. 147
↑Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Brüchen im 1. und 2. Jahrhundert. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2021, ISBN 978-3-579-07176-3, S. 327–331, hier S. 329
↑Shaye J. D. Cohen: The Beginnings of Jewishness: Boundaries, Varieties, Uncertainties. University of California Press, Berkeley 1999, ISBN 0-520-21141-3, S. 105
↑Travis Mitchell: Israel’s Religiously Divided Society. In: Pew Research Center's Religion & Public Life Project. 8. März 2016, abgerufen am 4. Februar 2023 (amerikanisches Englisch).
↑Vgl. Nathanael Riemer: M. Brocke u. a. (Hrsg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945. In: H-Soz-Kult. 17. März 2010, abgerufen am 6. Januar 2020. Rezension zu Michael Brocke, Julius Carlebach (Hrsg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945 (= Biographisches Handbuch der Rabbiner. Band2). Saur, München 2009, ISBN 978-3-598-24874-0.
Der Aaron des Y-Chromosoms ist der angenommene früheste Vorfahre der Kohanim, einer patrilinearen Priesterkaste innerhalb des Judentums und Untergruppe der Leviten. Im jüdischen Tanach wird dieser Vorfahre mit Aaron identifiziert, dem Bruder des Moses.
Die Techniken, die verwendet wurden, um den Aaron des Y-Chromosoms zu finden, wurden zunächst vor allem in Bezug auf die Suche nach dem paternalen Vorfahren aller Menschen popularisiert, dem Adam des Y-Chromosoms.
Hintergrund
Genetisch besitzt jeder gesunde Mensch 46 Chromosomen, jeweils 23 von jedem Elternteil. Zwei Chromosomen, X-Chromosom und Y-Chromosom, legen das Geschlecht fest. Frauen haben zwei X-Chromosomen, eins von der Mutter und eins vom Vater. Männer haben ein X-Chromosom von der Mutter und ein Y-Chromosom vom Vater übernommen.
Männer mit gemeinsamen paternalen Vorfahren müssen demnach auch ein gemeinsames Y-Chromosom aufweisen, das nur hinsichtlich bestimmter Mutationen Abweichungen aufweist. Mutationen des Y-Chromosoms treten mit einer verhältnismäßig konstanten Rate auf, die den Wissenschaftlern eine Berechnung erlauben, bis zu welcher Generation die Träger der ähnlichen Y-Chromosomen einen gemeinsamen Vorfahren hatten (siehe molekulare Uhr).
Eine andere Art DNA, mitochondriale DNA (mtDNA), befindet sich nicht auf einem Chromosom, sondern wird über das Zytoplasma der Eizelle von der Mutter auf das Kind übertragen. Die mtDNA stammt nahezu vollständig von der Mutter und bleibt ebenfalls – bis auf angesammelte Mutationen – unverändert.
Die Hypothese
Die Zugehörigkeit zum Judentum verläuft traditionsgemäß über die mütterliche Linie. Die Zugehörigkeit zur spezifischen Gruppe der jüdischen Priester (Kohanim) definiert sich jedoch patrilinear. Die Kohanim behaupten, die direkte Nachkommenschaft Aarons, des Mosebruders zu sein. Da männliche Kinder das Y-Chromosom immer vom Vater erhalten, lässt sich vermuten, dass alle Kohanim das gleiche Y-Chromosom gemeinsam haben müssten, abgesehen von Mutationen seit Aaron.
Test der Hypothese
Diese Hypothese wurde zunächst von Karl Skorecki und Mitarbeitern in Haifa, Israel, getestet. Dabei entdeckten sie 1997 bei den Kohanim einen auffällig hohen Anteil bestimmter Y-Chromosom-Marker, was als Bestätigung der Hypothese gilt. Andere Studien stützten die Entdeckung und datierten den Ursprung der gemeinsamen DNA auf ungefähr vor 3000 Jahren (mit aus der unterschiedlichen Generationendauer herrührenden Abweichungen).[1] Dies führte zur Entwicklung des Cohen Modal Haplotype (CMH), eines Satzes von Y-Chromosom-Markern (DNA Y-chromosome segment, DYS), die auf den biblischen Aaron zurückgehen könnten.
Cohen Modal Haplotype
Der Cohen Modal Haplotype sieht folgendermaßen aus:
Der Cohen Modal Haplotype gehört zur Haplogruppe J (Y-DNA).
Kritik und Erwiderung
Die Entdeckung führte zu hoher Aufregung bei religiösen Kreisen, wo man eine Art „Beweis“ der historischen Wahrheit der Bibel feierte;[2] sie löste andererseits aber auch Kritik aus.[3]
Andere Träger der DNA
Es gibt auch nichtjüdische Populationen, bei denen der Cohen Modal Haplotype in auffälliger Zahl gefunden wurde. So etwa bei Italienern. Denkbarer Zusammenhang ist die geschichtlich belegte Verschleppung jüdischer Sklaven nach Rom, bzw. dem heutigen Italien, insbesondere in Verbindung mit dem Bau des Kolosseums.
Die in Südafrika und Simbabwe beheimateten Lemba führen ihre Herkunft auf das Judentum zurück. Die genetischen Befunde vor allem im Priesterclan der Lemba bestätigen diese Überlieferung.[4] In einigen Gruppen von Kurden kommt der CMH ebenfalls vor.
Levi des Y-Chromosoms?
Während man annimmt, die Kohanim seien patrilineare Abkömmlinge des Mosebruders Aaron (Aaroniten), gelten die Leviten (die nächste Ebene der jüdischen Priesterschaft) traditionsgemäß als patrilineare Abkömmlinge von Levi, dem Sohn von Jakob und Urgroßvater von Aaron. Folglich müssten auch die Leviten eine gemeinsame Y-Chromosom-DNA aufweisen.
Eine Untersuchung von Männern, die sich zu den Leviten zählten, fand in großer Zahl eindeutige Marker als Hinweis, dass vielfach Nicht-Aaroniten der levitischen Herkunft zuzurechnen sind. Ein bestimmter Marker weist bei den gegenwärtigen osteuropäischen (aschkenasischen) Juden zu über 50 Prozent auf die Leviten, also auf einen gemeinsamen männlichen Vorfahren innerhalb der letzten 2000 Jahre, außerdem auf einen hohen Anteil der Leviten innerhalb der Gruppe der Aschkenasim. Dieser Marker gehört allerdings der Haplogruppe R1a1-Z93 an, einem speziell orientalisch-asiatischen Zweig, dem auch die osteuropäischen Juden (Aschkenasim) einschließlich der deutschen Juden angehören. Im Orient tritt die Haplogruppe R1a1-Z93 (neben anderen) auch bei Iranern, Persern, Paschtunen, Kurden, Arabern sowie im Kaukasus und in Anatolien auf, grob gesagt also bei Orientalen mit indoarischer Herkunft. Auch in der indischen Brahmanenkaste gibt es einen erhöhten Anteil indoarischer Herkunft.[5]
Die Haplogruppe R1a wird mit der Wanderbewegung der Indogermanen nach Osten in Verbindung gebracht und steht in direktem Zusammenhang mit der Verbreitung der Schnurkeramiker und der Kugelamphoren-Kultur, kurz gesagt vom Rhein bis zum Uralgebirge mit Ausdehnung bis nach Asien. Der Zusammenhang der europäischen mit der orientalisch-asiatischen Haplogruppe und ihre Trennung ist noch nicht geklärt.
Siehe auch
Mitochondriale Eva
Genetische Genealogie
Literatur
K. Skorecki, S. Selig u. a.: Y chromosomes of Jewish priests. In: Nature. Band 385, Nr. 6611, Januar 1997, ISSN 0028-0836. doi:10.1038/385032a0, PMID 8985243, S. 32.
A. Nebel, D. Filon u. a.: The Y chromosome pool of Jews as part of the genetic landscape of the Middle East. In: American Journal of Human Genetics. Band 69, Nr. 5, November 2001, ISSN 0002-9297, doi:10.1086/324070, PMID 11573163, PMC 1274378 (freier Volltext), S. 1095–1112.
O. Semino, C. Magri u. a.: Origin, diffusion, and differentiation of Y-chromosome haplogroups E and J: Inferences on the neolithization of Europe and later migratory events in the Mediterranean area. In: American Journal of Human Genetics. Band 74, Nr. 5, Mai 2004, ISSN 0002-9297, doi:10.1086/386295, PMID 15069642, PMC 1181965 (freier Volltext), S. 1023–1034.
↑
M. G. Thomas, K. Skorecki u. a.: Origins of Old Testament priests. In: Nature. Band 394, Nr. 6689, Juli 1998, ISSN 0028-0836, doi:10.1038/28083, PMID 9671297, S. 138–140 (englisch).
↑Rabbi Yaakov Kleiman: The Cohanim – DNA Connection. In: Aish.com: Your Life, Your Judaism. Israel, 12. Januar 2000, abgerufen am 10. Februar 2014 (englisch).
↑
M. G. Thomas, T. Parfitt u. a.: Y chromosomes traveling south: the cohen modal haplotype and the origins of the Lemba–the „Black Jews of Southern Africa“. In: American Journal of Human Genetics. Band 66, Nr. 2, Februar 2000, ISSN 0002-9297, doi:10.1086/302749, PMID 10677325, PMC 1288118 (freier Volltext), S. 674–686 (englisch).
↑
D. M. Behar, M. G. Thomas u. a.: Multiple origins of Ashkenazi Levites: Y chromosome evidence for both Near Eastern and European ancestries. In: American Journal of Human Genetics. Band 73, Nr. 4, Oktober 2003, ISSN 0002-9297, doi:10.1086/378506, PMID 13680527, PMC 1180600 (freier Volltext), S. 768–779 (englisch).