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Atomismus

Noir24admin Buddhismus 21. Juni 2026
Atomare Packung für Tantal in flüssigem Zustand.

Der Ausdruck Atomismus bezeichnet entsprechend seiner griechischen Etymologie (a-tomos, „nicht-teilbar“) ganz allgemein die Annahme, dass ein Bereich aus kleinsten, fundamentalen, nicht teilbaren oder auf andere Elemente reduzierbaren Elementen besteht.

Am verbreitetsten ist die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang der Naturphilosophie, Naturwissenschaft, Metaphysik und Kosmologie, wobei eine gewisse Kontinuität von vorsokratischen Annahmen weniger materieller Elemente bis zum Atombegriff der modernen Teilchenphysik besteht.

Auch in anderen Kontexten wird von Atomismus gesprochen, wenn kleinste, nicht weiter erklärbare oder reduzierbare theoretische Begriffe oder Objekte der Wirklichkeit beschrieben werden, beispielsweise bei einer Annahme fundamentaler semantischer Einheiten, wie dies u. a. der Logische Atomismus entwickelte (siehe auch Elementarsatz).

Einordnung in der Geistesgeschichte

Der philosophische Atomismus ist ein Reduktionismus, der nicht nur voraussetzt, dass alles aus Atomen und Leere besteht, sondern auch, dass nichts, woraus sie bestehen, wirklich existiert: Die einzigen Dinge, die wirklich existieren, sind Atome, die in einer Leere mechanistisch aneinander abprallen. Der Atomismus steht im Gegensatz zu einer Substanztheorie, nach der ein primäres materielles Kontinuum bei einer Teilung qualitativ unveränderlich bleibt (das Verhältnis der vier klassischen Elemente wäre beispielsweise in jedem Teil eines homogenen Materials gleich).

In der Gegenwart wird der Atomismus dem ganzheitlichen Denken beziehungsweise der Ganzheitslehre (Holismus) gegenübergestellt. Beides sind Kategorien zur Beschreibung des Verhältnisses von Gesamtheit und Detail bei der Betrachtung komplexer Systeme. Der auf Aristoteles zurückgehende Satz von der Übersummativität (Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile), weist beispielsweise in der Biologie darauf hin, dass Lebensphänomene nicht auf physikalische und chemische Vorgänge reduziert werden können, also nicht im Sinne des Atomismus zerlegbar seien.

Naturphilosophischer und -wissenschaftlicher Atomismus

Antike

Idealbild von Leukippos
Demokrit, Gemälde von Antoine Coypel (1692), Louvre

Der Atomismus, auch die Atomistik genannt, bezeichnet eine kosmologische Theorie, der zufolge das Universum aus kleinsten Teilchen, den Atomen (griechisch átomos, das Unzerschneidbare, Unteilbare), zusammengesetzt ist, die sich in vollkommen leerem Raum bewegen. Diese Atome wurden als diskret (d. h. voneinander trennbar), unendlich hart, unveränderlich und ewig gedacht. Er steht im Gegensatz zur Auffassung, beispielsweise der Eleaten, der Materie als Kontinuum. Der Atomismus kam im fünften Jahrhundert vor Christus in Griechenland auf, vor allem durch Leukipp und Demokrit (460 oder 459 – 370 v. Chr.). Leukipp war der erste Vertreter der philosophischen Schule von Abdera. Demokrit war der Schüler von Leukipp, der eigentlich den Atomismus begründete, und ihre Beiträge sind schwer zu trennen. Demokrits zentrale Aussage dazu lautet:[1]

„Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und leeren Raum.“

Demokrit glaubte, dass die Atome zu klein sind, um von den menschlichen Sinnen wahrgenommen zu werden, dass sie unendlich zahlreich sind, dass es unendlich viele Arten von Atomen gibt und dass sie schon immer existiert haben. Sie bewegen sich in einem Vakuum, das Demokrit die „Leere“ nannte.[2] Nach Demokrit unterschieden sich die Atome quantitativ in Form und Größe, waren aber aus derselben Ursubstanz. Beobachtbare Veränderungen ergaben sich aus verschiedenen Kombinationen von Atomen, die dabei aber unveränderlich blieben. Im vierten Jahrhundert entwickelte Epikur die Lehre weiter. Lukrez’ Lehrgedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge, um 55 vor Christus) gibt eine zusammenhängende Darstellung dieser materialistischen Weltsicht in lateinischer Sprache.

Andere antike Formen des Atomismus gingen im Gegensatz zu Demokrit von qualitativ verschiedenen Formen der Atome aus, so bei Anaxagoras (um 499–428 v. Chr.), bei dem es so viele verschiedene Atome wie beobachtbare Substanzen gab, oder Empedokles, wo die Atome der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde qualitativ verschieden waren. Diese Idee vertrat auch Platon (ca. 427–ca. 347 v. Chr.).

Geometrische Atome

Platon argumentierte, dass Atome, die einfach auf andere Atome stoßen, niemals die Schönheit und Form der Welt hervorbringen könnten. In Platons Dialog Timaios besteht die Figur des Timaios darauf, dass der Kosmos nicht ewig ist, sondern geschaffen wurde, obwohl sein Schöpfer ihn nach einem ewigen, unveränderlichen Vorbild gestaltet hat.[3]

Die Theorie im Dialog Timaios, nach der es insgesamt vier Elemente gibt, die sich durch die Stereometrie ihrer Grundbausteine unterscheiden, dient als Grundlage für die Erklärung einer Reihe von Naturphänomenen. Diese deutet Timaios als Resultate der Interaktion der Elementarteilchen; beispielsweise wirkt das Feuer durch die Spitzigkeit seiner Teilchen auflösend. Die Erdteilchen sind die einzigen, die eine quadratische Grundfläche aufweisen; daher ist die Erde das stabilste und unbeweglichste Element. Sie kann nicht in ein anderes Element umgewandelt werden. Die anderen drei Elemente, deren Teilchen aus Dreiecken konstruiert sind, können ineinander übergehen; beispielsweise können aus einem Luftteilchen zwei Feuerteilchen entstehen. Bei diesen Prozessen werden die Teilchen zerspalten oder sie treten zu einem neuen Polyeder zusammen. Ausführlich geht Timaios auf Einzelheiten ein. Unter anderem legt er dar, wie kinematische Eigenschaften, Vorgänge wie Schmelzen und Erstarren sowie Wahrnehmungen wie „warm“ und „kalt“, „hart“ und „weich“, „schwer“ und „leicht“ im Rahmen seines physikalischen Weltbilds zu erklären sind.[4]

Die Polyeder sind winzige, für das menschliche Auge unsichtbare Bausteine der Elemente, dreidimensionale symmetrische Körper und aus Dreiecken zusammengesetzt. Für jedes Element gibt es einen dieser geometrischen Körper als Grundbaustein. Drei der Körper, das Tetraeder, das Oktaeder und das Ikosaeder, bestehen aus gleichseitigen Dreiecken. Den vierten, das regelmäßige Hexaeder (Würfel), aus sechs Quadraten, die jeweils aus vier gleichschenklig-rechtwinkligen Dreiecken bestehen. Das Feuer besteht aus den tetraedrischen Bausteinen, die Luft aus den oktaedrischen, das Wasser aus den ikosaedrischen und die Erde aus den würfelförmigen Körpern. Diese Körper werden – in Anknüpfung an den Timaios – als „platonische Körper“ bezeichnet. Die Annahme, dass die Grundbausteine der vier Elemente gerade diese vier Formen aufweisen, ergibt sich für Timaios aus dem Grundsatz, dass der Kosmos optimal erschaffen wurde. Wegen seiner Vollkommenheit muss der Kosmos als Ganzes und hinsichtlich seiner Bestandteile die für ein dreidimensionales Gebilde größtmögliche Schönheit aufweisen, soweit dies mit den Erfordernissen der Zweckmäßigkeit vereinbar ist. Die platonischen Körper bieten ein Höchstmaß an Symmetrie und damit an Schönheit.[5]

  • Tetraeder – Feuer
    Tetraeder – Feuer
  • Oktaeder – Luft
    Oktaeder – Luft
  • Ikosaeder – Wasser
    Ikosaeder – Wasser
  • Würfel – Erde
    Würfel – Erde

Weitere antike Atomisten

Auch bei anderen antiken Atomisten waren die Atome nicht unbedingt unteilbar, sie wurden dabei nur Atome einer anderen Substanz, außer bei Anaxagoras, wo sie beliebig oft geteilt werden konnten, aber von gleicher Art blieben (Homoiomerien).[6] Die historisch wichtigste dieser Varianten ist die der Kommentatoren von Aristoteles (Alexander von Aphrodisias, Themistios, Johannes Philoponos), die Atome als elachista bezeichneten, was in der lateinischen Literatur als minima bezeichnet wurde. Aristoteles unterschied in seiner Naturphilosophie Materie und Form und entsprechend waren bei ihm auch Atome veränderlich. Er veröffentlichte keine eigene Atomtheorie (das übernahmen später seine Kommentatoren, Lehre der minima naturalia), kritisierte aber Anaxagoras unendliche Teilbarkeit, für Aristoteles gab es dabei eine (für die einzelnen Substanzen spezifische) Grenze.

Aristoteles bezeichnete die minima naturalia als die kleinsten Teile, in die eine homogene natürliche Substanz (z. B. Fleisch, Knochen oder Holz) unter Beibehaltung ihres wesentlichen Charakters aufgeteilt werden kann. Im Gegensatz zum Atomismus des Demokrit wurden diese aristotelischen „natürlichen Minima“ nicht als physisch unteilbar gedacht. Stattdessen wurzelte Aristoteles’ Konzept in seiner hylomorphen Weltanschauung, die besagte, dass jedes physische Ding eine Verbindung aus Materie (griechisch hyle) und einer immateriellen substantiellen Form (griechisch morphe) ist, die ihm seine wesentliche Natur und Struktur verleiht. Für einen Hylomorphisten wie Aristoteles wäre ein Gummiball zum Beispiel Gummi (Materie), der durch eine Kugelform (Form) strukturiert ist. Aristoteles’ Intuition war, dass es eine kleinste Größe gibt, jenseits derer die Materie nicht mehr als Fleisch, Knochen, Holz oder eine andere organische Substanz strukturiert werden kann, die für Aristoteles (der vor der Erfindung des Mikroskops lebte) als homogen angesehen werden konnte. Wenn beispielsweise das Fleisch über sein natürliches Minimum hinaus geteilt würde, bliebe eine große Menge des Elements Wasser und kleinere Mengen der anderen Elemente übrig. Aber was auch immer an Wasser oder anderen Elementen übrig bliebe, hätte nicht mehr die „Natur“ des Fleisches: Im hylomorphen Sinne wären sie keine Materie mehr, die durch die Form des Fleisches strukturiert wäre; stattdessen wäre das verbleibende Wasser z. B. eine Materie, die durch die Form des Wassers strukturiert wäre, nicht durch die Form des Fleisches.

Von Einfluss in späterer Zeit (Ausgabe von Federico Commandino, 1575) war auch Heron von Alexandria mit seiner Betonung der Rolle des Vakuums zwischen den Teilchen.

Mittelalter

Im Mittelalter überdauerte die Kunde der griechischen Atomlehre bei arabischen bzw. Arabisch schreibenden[7] und jüdischen Autoren (wie Maimonides, der über die arabische Atomistik berichtete), über christliche Kritik (wie die von Dionysius von Alexandria) und Kopisten antiker Handschriften wie der von Lukrez Über die Natur der Dinge in den Klöstern. Der Enzyklopädist Isidor von Sevilla unterschied im 6. Jahrhundert Atome von Materie, Zeit, Raum und anderem. Bei den Arabern vertrat zum Beispiel Rhazes atomistische Ideen. Insgesamt fand aber bis zur Renaissance keine wesentlich neue Entwicklung in der Atomlehre statt. Entsprechend fanden atomistische Ideen Eingang besonders in Regionen, die Kontakt zum arabischen Raum hatten wie Süditalien, so Alfanus von Salerno (Anwendung auf Medizin) und Pseudo-Geber (Summa perfectionis magisteriis).[8]

Im 15. Jahrhundert wurden durch die Renaissance-Gelehrten antike Schriften wie die von Lukrez neu entdeckt und gedruckt, wobei sie viel größere Verbreitung fanden. Nikolaus von Kues (1401–1464) machte ebenfalls auf die griechischen Atomisten aufmerksam.[9]

Frühe Neuzeit

Während bei Aristoteles und seinen hellenistischen Kommentatoren die minima naturalia einen theoretischen Grenzwert der Teilbarkeit bezeichneten, nahmen sie bei den Averroïsten der Renaissance, wie Agostino Nifo (1453–1538), die Rolle wirklicher Bausteine der Materie an und auch chemische Reaktionen liefen zwischen diesen minima (Atome) ab.[10] In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte sich die Rezeption der antiken Atomistik gegen Theoreme der Magie durch.[11] Julius Caesar Scaliger (1484–1558) führte die verschiedenen Eigenschaften von Regen, Schnee und Hagel auf verschiedene Abstände und Konfigurationen derselben Atome (die des Wassers) zurück. Chemische Reaktionen waren nach Scaliger der Kontakt von Atomen, der zu einer Bindung führt (Exercitationes 1557). Die Atomtheorie (minima) war unter den Aristotelikern der Renaissance weit verbreitet. Während zum Beispiel bei Scaliger aber noch die Unterschiede philosophischer Schulen eine Rolle spielten, war man im 17. Jahrhundert zunehmend an deren Funktion zur Erklärung von Naturerscheinungen interessiert. Unter den frühen Chemikern traten Daniel Sennert (er unterschied zwischen Atomen von Elementen und Atomen von Verbindungen, prima mista) und Robert Boyle (1626–1691) für die Verbreitung der Atomistik ein. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts war die Kenntnis griechischer Atomlehre so verbreitet, dass William Shakespeare um 1601 in Was ihr wollt (Akt 3, Szene 2) Celia sagen lässt: It is as easy to count atomies as to resolve the propositions of a lover (Verweis des Zählens von Atomen als etwas jenseits menschlicher Fähigkeiten). Frühe Vertreter des Atomismus waren Thomas Harriot (Forschungen zur Optik, Kontakte zu Kepler), Giordano Bruno (der Kepler beeinflusste und dessen Monadenlehre Gottfried Wilhelm Leibniz beeinflusste), Francis Bacon (Wärme als Bewegung von Atomen) und Johannes Kepler (in seiner Abhandlung über Schneekristalle, in denen er deren hexagonale Symmetrie auf dichteste Kugelpackungen der sie aufbauenden Atome zurückführt, sich allerdings nicht auf die griechischen Atomisten bezog). Der Arzt Johann Chrysostom Magnenus veröffentlichte 1646 ein Buch über den Atomismus (Democritus reviviscens).

Atomistische Renaissance

Im 17. Jahrhundert erwachte das Interesse am epikureischen Atomismus und dem Korpuskularismus als Hybrid oder Alternative zur aristotelischen Physik. Zu den wichtigsten Vertretern der Wiedergeburt des Atomismus zählen Isaac Beeckman, René Descartes, Pierre Gassendi und Robert Boyle.

Pierre Gassendi folgte Ende der 1640er Jahre den Epikuräern und damit Demokrit, passte die Atomtheorie aber den Erfordernissen der Zeit an, die den Atomen physikalische und chemische Eigenschaften zuweisen wollten. Diese konnten somit qualitativ nicht wie bei Demokrit gleich sein, was Gassendi dadurch erreichte, dass er postulierte, dass sich zunächst Moleküle aus den ursprünglichen Atomen bildeten und diese dann für die qualitativen Unterschiede der verschiedenen Materialien verantwortlich waren. Gassendi befreite die Atomtheorie auch von ihrer Verbindung zum Materialismus und machte sie so für die Zeitgenossen akzeptabler.

René Descartes schlug um 1640 die Verbindung zur Mechanik. Für ihn gab es zwar keine Unteilbarkeit der Materie (die für ihn nichts anderes als räumliche Ausdehnung war), aber unendlich kleine Teilchen im Äther. Er wies diesen Teilen der Materie dynamische Eigenschaften zu (Geschwindigkeit, Masse). Seine Korpuskeln konnten daher in mechanischen Theorien verwendet werden. Robert Hooke führte den regulären Aufbau von Kristallen auf die Anordnung der Atome zurück und Wärme auf deren Bewegung, und Christiaan Huygens (1629–1695) sah Gassendi folgend die Materie aus kleinen, harten Teilchen in schneller Bewegung und wandte dies zum Beispiel auf die Optik an (Licht war für ihn Wellenbewegung von Teilchen) und auf Kohäsion. Isaac Newton trug insbesondere mit seinem Buch Opticks (1704) viel zur Akzeptanz des Atomismus bei. Nach Newton sind die kleinsten Teile der Materie unteilbar, hart und von bestimmter Größe und Form. Ob er sie als untereinander gleich ansah, wird zwar vielfach angenommen, wurde aber von Newton selbst nie so ausgedrückt. Zwischen ihnen ist der leere Raum (Newton besteht im Gegensatz zu den Cartesianern auf einem Vakuum ähnlich bei den griechischen Atomisten) und zwischen ihnen wirken Kräfte repulsiver und attraktiver Art. Über die genaue Natur der Kräfte und kleinsten Teilchen mied Newton meist Spekulationen wie er sie bei den Cartesianern oder Hooke ablehnte, kam aber gelegentlich doch darauf zu sprechen, so in seiner Opticks oder seinem Brief an Boyle 1679. Grundsätzlich hielt er es für die Aufgabe künftiger Generationen, die Natur der Kräfte zwischen den Atomen zu ergründen, und kam nur auf deren Eigenschaften zu sprechen, so weit sie aus der Beobachtung seiner Meinung nach ableitbar waren. In den Principia, Buch III, Regel III heißt es:

Die Ausdehnung, Härte, Undurchdringlichkeit, Mobilität und Trägheit des Ganzen stammt von der Ausdehnung, Härte, Undurchdringlichkeit, Mobilität und Trägheit der Teile und wir schließen deshalb, dass die kleinsten Teilchen aller Körper ebenfalls ausgedehnt, hart, undurchdringlich, beweglich und mit ihrer eigenen Trägheit versehen sind. Und das ist die Grundlage aller Philosophie (The extension, hardness, impenetrability, mobility and inertia of the whole results from the extension, hardness, impenetrability, mobility and inertia of the parts and hence we conclude that the least particles of all bodies to be all extended, and hard and impenetrable and movable and endowed with their proper inertia. And that is the foundation of all philosophy).[12]

Außerdem sind sie der universellen anziehenden Kraft der Gravitation unterworfen, auch wenn er das im Gegensatz zur Trägheit nicht als wesentliche Eigenschaft der Körper sieht.[13] Die Principia galt deshalb als ein Buch, das dem damals schon weitverbreiteten Atomismus Ausdruck verlieh,[14] und gleichzeitig war Newton einer der Ersten, der daraus quantitative Schlussfolgerungen zog. Newton leitete zum Beispiel in seiner Opticks aus den optischen Eigenschaften von Seifenblasen eine obere Grenze von 10 − 5 {\displaystyle 10^{-5}} {\displaystyle 10^{-5}} Zentimeter Durchmesser für Seifenteilchen ab und er meinte, das Gasgesetz von Boyle in seinen Principia[15] aus einem Modell harter Teilchen abgeleitet zu haben, die abstoßende Kräfte aufeinander ausübten. Genaueren Einblick in seine Vorstellung des Aufbaus der Materie gab er in einem Gespräch gegenüber David Gregory[16][17], wonach die grundlegenden Einheiten hierarchisch größere Strukturen aufbauten, was er einer Gitterstruktur vorzog in der Erklärung chemischer Reaktionen. Rugjer Josip Bošković (Philosophiae naturalis theoria) fasste 1758, an Newton anschließend, Atome als mathematische Punkte auf, zwischen denen Kräfte wirken.

Robert Boyle, der von Descartes und Gassendi beeinflusst war und 1670 einen Essay über Atomismus veröffentlichte (About the excellency and grounds of the mechanical hypothesis), war mehr an den chemischen Eigenschaften interessiert, war sich aber auch bewusst, dass die damaligen Kenntnisse der Chemie (wie das Wirken von paracelsischen drei Prinzipien nach den Lehren der Alchemie oder die Lehre von vier Elementen) nicht ausreichten für eine chemische Atomtheorie. Wie Sennert unterschied er Atome der Verbindungen (primary concretions) von elementaren Atomen. Grundsätzlich ging er von einem Aufbau aus elementaren gleichartigen atomaren Bausteinen aus, die sich zu verschieden geformten Gebilden zusammensetzten, die deren chemische und makroskopische Eigenschaften erklärten. Das reichte aber für die Chemiker nicht aus, und es entstanden Theorien, in denen die Atome unterschiedlich waren und spezielle Formen, ja sogar Haken und Ösen hatten (Nicolas Lémery) und auch alte alchemistische Stoffeinteilungen erneut in die Charakterisierung der Atome einflossen. Das geschah auch bei dem Begründer der Phlogistontheorie Georg Ernst Stahl, der wie Boyle Atomist war,[18] und für die Erklärung der Verbrennungsprozesse eine Fluid-artige Substanz einführte, das Phlogiston.

Fortschritte brachte hier die weitere Entwicklung der Chemie im 18. Jahrhundert, insbesondere durch Antoine de Lavoisier mit der heutigen operationalen Bestimmung des Begriffs der Elemente und der Einführung quantitativer Methoden in die Chemie (genaue Wägungen, Wärmemengenbestimmung). Er selber hing auch noch vormodernen Begriffsbildungen wie dem Wärmestoff an und gab in seinem Lehrbuch der Chemie von 1789 noch an, dass alle Aussagen über Atome reine Metaphysik seien, weil man experimentell nichts über deren Natur ausdrücken könne, genauere Untersuchungen seiner nachgelassenen Schriften haben aber inzwischen ergeben, dass auch er auf dem Weg zu einer atomaren Theorie der Materie war und die Wärme auf eine abstoßende Kraft zwischen den Molekülen zurückführte, und einer anziehenden Kraft (Gravitation) entgegenwirkte, die die Körper zusammenhielt.[19]

19. Jahrhundert und danach

Den entscheidenden Schritt zu einer begründeten chemischen Atomtheorie vollzog John Dalton, der das Gesetz der konstanten Proportionen (1797) von Joseph-Louis Proust zum Gesetz der multiplen Proportionen erweiterte. Er zog daraus den Schluss, dass jedes Element aus gleichen, unwandelbaren Atomen bestehe, die sich in festen Zahlenverhältnissen miteinander verbinden können und damit die kleinsten Teilchen der Stoffe bilden (später Moleküle genannt), die keine reinen Elemente, sondern chemische Verbindungen sind. Er publizierte diese Auffassung 1808 mit dem Werk A New System of Chymical Philosophy. Die durch Jahrtausende rein spekulative Atomhypothese war damit auf eine naturwissenschaftliche Grundlage gestellt, denn erstmals konnten den Atomen messbare Eigenschaften zugeschrieben werden. Aus den Gewichtsverhältnissen der miteinander reagierenden Stoffe wurden die ersten relativen Atomgewichte bestimmt (Dalton, Jöns Jakob Berzelius). 1815 leistete William Prout einen bedeutenden Beitrag mit seiner Hypothese, dass die Atommassen ganzzahlige Vielfache der Masse des Wasserstoffs seien und die Atome aller Elemente aus Wasserstoffatomen aufgebaut sein könnten (ein Vorgriff auf den Aufbau des Kerns aus Protonen und Neutronen). Das widersprach aber schon damals den Messungen der Atommassen. Beiträge zur konkreten Bestimmung der Atomgrößen lieferten im 19. Jahrhundert unter anderem Amadeo Avogadro (Avogadrosches Gesetz, Avogadro-Konstante) und Joseph Loschmidt (Loschmidt-Konstante 1865). Eine gewisse Verwirrung bei der Unterscheidung von Atomen und Molekülen in der Atommassenbestimmung wurde durch Stanislao Cannizzaro geklärt. 1834 stellte Michael Faraday mit Hilfe der Elektrolyse fest, dass Atome auch eine bestimmte elektrische Ladung tragen können. Immer neue Elemente wurden durch die Chemiker entdeckt, was schließlich um 1867 im Periodensystem gipfelte, in dem sich ein systematischer Aufbau der Atome andeutete. 1875 schloss Ludwig Boltzmann aus Messungen an Quecksilberdampf, dass dessen Atome sich im Rahmen der kinetischen Gastheorie als perfekte Massenpunkte zeigen. Aus spektroskopischen Untersuchungen an Gasen wurde die Zusammensetzung der Atome aus kleineren Bestandteilen gefolgert, wobei als erstes Elementarteilchen 1897 das Elektron identifiziert wurde (Joseph John Thomson, Hendrik Antoon Lorentz). Im späten 19. Jahrhundert gab es im deutschsprachigen Raum grundsätzliche Kritik am Atomkonzept durch den Energetiker Wilhelm Ostwald und seine Schüler, und den Physiker und positivistischen Philosophen Ernst Mach, was zu einer heftigen Kontroverse mit Boltzmann führte.[20] Erst Anfang des 20. Jahrhunderts erbrachten Albert Einstein und Jean Perrin durch ihre Arbeiten über statistische Schwankungserscheinungen (wie Diffusion und Brownsche Bewegung) den physikalischen Nachweis des Atomkonzepts.

Atommodell nach Rutherford, Elektronen: grün, Atomkern (hier 1000-fach zu groß gezeichnet): rot

Statt einer Beschreibung durch unveränderliche Atome bildete sich in der Physik im 20. Jahrhundert die Beschreibung durch ein System von Elementarteilchen wie Quarks und Leptonen (Beispiel Elektron) heraus. Nachdem schon das Atom als zusammengesetzt erkannt worden war (Rutherfordsches Atommodell), setzte sich das bei weiteren zuvor als elementar betrachteten Teilchen fort. In der Quantenmechanik wurden nach der Ladung und Masse (die von den Chemikern im 19. Jahrhundert gefundenen nicht-ganzzahligen Werte bei den Atommassen hatten sich inzwischen durch die Entdeckung von Isotopen erklärt) auch bei anderen physikalischen Größen ein Aufbau aus jeweils vom System abhängigen kleinsten Einheiten gefunden (Quantisierung). Elementarteilchen wurden nicht mehr als unwandelbar angesehen, zum Beispiel kann das nach heutiger Kenntnis gegen Zerfälle stabile Elektron durch Kollision mit seinem Antiteilchen (Positron) in ein Photon umgewandelt werden und ähnliche Prozesse sind bei anderen Elementarteilchen möglich, eine Erkenntnis, die zeitweilig in den 1960er Jahren dazu führte, dass das Konzept fundamentaler Teilchen insgesamt in Frage gestellt wurde (nukleare Demokratie, Geoffrey Chew). Auch der „Zoo“ der Elementarteilchen erweiterte sich ständig, je höher man in der Energieskala der Stoßprozesse ging, mit denen die Elementarteilchen untersucht wurden. Es ist offen, gilt aber als nicht sehr wahrscheinlich, dass das jetzige Standardmodell der Schlusspunkt der Beschreibung ist.

Indischer Atomismus

Die indische Vaisheshika-Philosophie, eine naturphilosophische Lehre deren Anliegen die Erfassung der natürlichen Phänomene war, die von Kanada (wahrscheinlich um 600 v. Chr.) begründet wurde, enthält eine Atomtheorie. Ihre Abhandlung, die Vaisheshika Sutra, stammt aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung.[21]

Der Atomismus in Indien entwickelte sich über mehrere buddhistische und hinduistische Schulen, die sich jeweils durch ihre eigenen philosophischen Theorien auszeichneten. Der Atomismus hatte trotz der Vielfalt der verschiedenen Perspektiven, zu denen er sich entwickeln konnte, das Ziel, die grundlegende Einheit zu erfassen, die die Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, ausmacht, wobei diese Einheit das Atom ist. Der Sanskritbegriff für dieses Teilchen ist aṇu[22] oder paramanu.[23]

Der indische Naturphilosoph und Naturwissenschaftler Kanada vertrat in seinen Schriften eine Atomlehre kleinster Einheiten der Materie (paramanu), die unvergänglich sind und sich zu komplexeren Formen zusammenfinden. Die Atome werden nach verschiedenen Elementen (Erde, Wasser, Licht und Luft) unterschieden und sind ständig in Bewegung.[24][25] Jedes Objekt der Schöpfung besteht aus Atomen, die sich wiederum miteinander verbinden und Moleküle (aṇu) bilden. Die Atome sind ewig, und ihre Kombinationen bilden die empirische materielle Welt.

Buddhistische Schulen

Der alte kanonische Buddhismus berücksichtigt den Atomismus in seinen Werken nicht. Von den vier kanonischen buddhistischen Schulen geben nur die Schulen des frühen indischen Buddhismus Sarvastivada und die Sautrāntika in ihrer Philosophie die Existenz von Atomen zu. Sie betrachten die Materie als die Vereinigung von vier Substraten: Farbe, Geschmack, Geruch und Tastsinn. Und die Atome sind die kleinste Einheit des rūpa, welches die Fähigkeit hat, die Sinnesorgane zu stimulieren.[26] Für diese Schulen können Atome weder geteilt, noch analysiert, gesehen, gehört oder berührt werden, noch können sie der Prüfung durch direkte Erfahrung unterzogen werden. Es gibt zwei Arten von Atomen, die einfachen (dravyaparamanu) und die zusammengesetzten (samghataparamanu). Materie wird auf unterschiedliche Weise betrachtet, aber im Allgemeinen wird sie als ein Agglomerat unabhängiger Atome gesehen, als eine Wolke, die aus einem zentralen Atom und anderen Atomen, die es umgeben, besteht. Dieses Agglomerat weist keine Löcher auf und die Atome können sich nicht gegenseitig durchdringen.

Der mittelalterliche buddhistische Atomismus, der etwa im 7. Jahrhundert aufblühte, unterschied sich stark von den atomistischen Lehren des frühen Buddhismus. Die mittelalterlichen buddhistischen Philosophen und Logiker Dharmakirti und Dignāga betrachteten Atome als punktgroß, ohne Dauer und aus Energie bestehend. Bei der Erörterung der beiden Systeme betont der russische Indologe Fjodor Ippolitowitsch Schtscherbatskoi (1930) ihre Gemeinsamkeit, das Postulat der „absoluten Qualitäten“ (guna-dharma), die allen empirischen Phänomenen zugrunde liegen.[27]

Noch später, im Abhidhammatthasangaha (wörtlich etwa „Zusammenfassung der Wirklichkeiten“[28]) einem buddhistischen Text aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, wird die Existenz von rupa-kalapa postuliert, die als kleinste Einheiten der physischen Welt mit unterschiedlicher elementarer Zusammensetzung vorgestellt werden.[29] Unter normalen Umständen unsichtbar, werden die rupa-kalapa als Ergebnis von meditativem samadhi sichtbar.[30]

Islamischer Atomismus

Atomistische Philosophien finden sich schon sehr früh in der islamischen Philosophie und stellen eine Synthese aus griechischen und indischen Ideen dar. Wie die griechische und indischen Versionen war der islamische Atomismus ein kontroverses Thema, das mit der vorherrschenden religiösen Orthodoxie in Konflikt geraten konnte. Trotz dieser Spannungen erwies sich diese Idee als äußerst fruchtbar und flexibel und fand, ähnlich wie in Griechenland und Indien, in einigen Schulen des islamischen Denkens Anklang.

Die erfolgreichste Form des islamischen Atomismus fand sich in der ascharitischen Schule der Philosophie, vor allem im Werk des persischen Philosophen al-Ghazali (1058–1111). Im ascharitischen Atomismus sind Atome die einzigen dauerhaften materiellen Bestandteile, während alles andere in der Welt als „zufällig“ betrachtet wird, d. h. nur einen Augenblick lang andauert. Nichts Zufälliges kann die Ursache für etwas anderes sein, außer der Wahrnehmung, die nur einen Augenblick lang existiert. Zufällige Ereignisse unterliegen nicht den natürlichen physikalischen Ursachen, sondern sind das direkte Ergebnis des ständigen Eingreifens Gottes, ohne das nichts geschehen könnte. Die Natur ist also vollständig von Gott abhängig, was sich mit anderen ascharitischen islamischen Vorstellungen von Kausalität bzw. deren Fehlen deckt.[31] Al-Ghazali nutzte diese Theorie auch zur Unterstützung seiner Theorie des Okkasionalismus. In gewisser Weise hat die ascharitische Atomtheorie weit mehr mit dem indischen Atomismus gemein als mit dem griechischen Atomismus.[32]

Geisteswissenschaftliche Formen des Atomismus

Logischer Atomismus

Der logische Atomismus ist eine frühe Position innerhalb der analytischen Philosophie und wurde vor allem von Bertrand Russell vertreten. Nach ihm soll die Welt aus atomaren Tatsachen bestehen, die in atomaren Sätzen abgebildet werden. Seine Hauptaussage ist, dass es eine grundlegende Sprache gebe, auf die gewöhnliche Gesetze zurückgeführt werden könnten und die aus atomischen, nicht weiter reduzierbaren logischen Fakten bestehe. Sein Aufsatz The Philosophy of Logical Atomism (1918/1919) sowie der Tractatus Logico-Philosophicus von Ludwig Wittgenstein, mit dem Russell befreundet war, sind grundlegende Werke jenes logischen Atomismus.

Linguistischer Atomismus

Der Ausdruck linguistischer Atomismus bezeichnet (polemisch) eine nichtstrukturelle Untersuchung sprachlicher Einheiten als isolierte, atomisierte Elemente ohne Berücksichtigung struktureller Zusammenhänge und Abhängigkeiten.[33]

Ontologischer oder Begriffsatomismus (Moore)

George Edward Moore vertrat einen ontologischer Atomismus in Form eines Begriffsatomismus, wonach die Wirklichkeit aus kleinsten, einfachen Bestandteilen in Form von Begriffen (concepts) aufgebaut ist.[34]

„Die wichtigste Erkenntnis der Physik“

Um die Bedeutung des Teilchenmodells gebührend zu würdigen, stellte der US-amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman die Frage, welche Erkenntnis der Physik es wert sei, der Nachwelt überliefert zu werden, wenn man nur Gelegenheit zu einem einzigen Satz hätte. Seine Antwort:[35]

„Alle Dinge bestehen aus Atomen – kleinen Teilchen, die sich ewig bewegen, einander anziehen, wenn sie etwas Abstand haben, jedoch abstoßen, wenn sie gegeneinandergedrückt werden.“

Literatur

  • Antonio Clericuzio: Elements, Principles and Corpuscles. A Study of Atomism and Chemistry in the Seventeenth Century, Springer 2000
  • Robert Hugh Kargon: Atomism in England from Hariot to Newton, Oxford: Clarendon Press 1966.
  • René Kayser: Die Urbewegung der Atome bei Leukipp und Demokrit. Eine Studie über die Zusammenhänge von Ontologie und Physik im abderitischen Materialismus. Publications de la Société luxembourgeoise de philosophie 1997.
  • Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus (1866), Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-518-07670-1.
  • Kurd Laßwitz: Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton. I-II, Hamburg und Leipzig 1890 (Neudruck Darmstadt 1963). Band 1, Archive, Band 2
  • Andrew G. M. van Melsen: Atomism (1967), in: Donald Borchert, Encyclopedia of Philosophy, Macmillan, Thomson/Gale 2006
  • Lancelot Law Whyte: Essay on Atomism, Wesleyan University Press 1961
Quellensammlung zum antiken Atomismus
  • Fritz Jürß, Reimar Müller, Ernst Günther Schmidt (Hrsg.): Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike. Reclam, Leipzig 1973

Weblinks

Wiktionary: Atomismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Ancient Atomism. Eintrag in Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.Vorlage:SEP/Wartung/Parameter 1 und weder Parameter 2 noch Parameter 3
  • Atomism from the 17th to the 20th Century. Eintrag in Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.Vorlage:SEP/Wartung/Parameter 1 und weder Parameter 2 noch Parameter 3

Einzelnachweise

  1. ↑ Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Fragmente und Quellenberichte - Leipzig: Kröner, 1935. (Kröners Taschenausgabe Band 119) - S. 135
  2. ↑ Anthony Kenny: Ancient Philosophy. A New History of Western Philosophy. Vol. 1. Oxford University Press, Oxford, England 2004, ISBN 0-19-875273-3, S. 26–28 (englisch). 
  3. ↑ Platon: Platon: Werke in acht Bänden. Hrsg.: Gunther Eigler. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-19095-5. 
  4. ↑ Platon, Timaios 56c–69a.
  5. ↑ Platon, Timaios 53b–56c.
  6. ↑ Darstellung nach van de Melde, Atomism, Encyclopedia of Philosophy 2006
  7. ↑ Michael E. Marmura: Avicenna and the Kalam. In: Zeitschrift für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften. Band 7, 1991/1992, S. 172–206.
  8. ↑ Bernhard Dietrich Haage: Die Korpuskulartheorie bei Geber latinus. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 12, 1994, S. 19–28.
  9. ↑ Pietro Omodeo, Minimum und Atom: Eine Begriffserweiterung in Brunos Rezeption des Cusanus, in: Tom Müller, Matthias Vollet (Hrsg.): Die Modernitäten des Nikolaus von Kues, Bielefeld 2013, S. 289–308
  10. ↑ Van Melsen, Atomism, in Borchert, Encyclopedia of Philosophy
  11. ↑ Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Zum Magie-Begriff in der Renaissance-Medizin und -Pharmazie. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 99–116, hier: S. 116.
  12. ↑ Newton, Principia, Buch III, Rule III, in der Ausgabe von Florian Cajori, University of California Press 1934, 1973, Band 2, S. 399
  13. ↑ Newton, Principia, Hrsg. Cajori, Band 2, 1934, S. 399
  14. ↑ Kargon: Atomism in England from Hariot to Newton, Oxford: Clarendon Press 1966, S. 131.
  15. ↑ Newton, Principia, Buch 2, Sektion 5
  16. ↑ Gregory, Tagebuch, 21. Dezember 1705. Zitiert in Whyte, Essay on atomism, S. 52
  17. ↑ Ein Beispiel eines hierarchischen Aufbaus von Materie aus Zellen mit Atomen und Leere gibt Newton in Opticks, Buch 2, Teil 3, Proposition 8. Dargestellt in Karin Figala, Newton's alchemical studies and his idea of the atomic structure of matter, Appendix A zu A. R. Hall, Newton, Adventuer in Thought, Cambridge UP 1992, S. 382ff. Dabei spielen in der Verteilung harmonische Verhältnisse eine Rolle.
  18. ↑ Strube, Georg Ernst Stahl, Teubner, 1984, S. 45
  19. ↑ Marco Beretta, Artikel Lavoisier, Dictionary of Scientific Biography, Band 4, 2008, S. 213. Er bezieht sich insbesondere auf die nachgelassenen Memoirs von Lavoisier.
  20. ↑ Engelbert Broda über Ernst Mach: "Noch in seinen letzten Schriften bekämpfte er die Atome" in Franz Kreuzer: Ich bin – also denke ich. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie. Franz Kreuzer im Gespräch mit Engelbert Broda, Rupert Riedl. Wien: Deuticke 1981, S. 17.
  21. ↑ Jean Filliozat: Les philosophies de l'Inde. Hrsg.: QUE SAIS JE. 2012, ISBN 978-2-13-061715-0 (französisch). 
  22. ↑ Roopa Narayan: Space, Time and Anu in Vaisheshika. 2008 (englisch). 
  23. ↑ Victoria Lysenko: Between Materialism and Immaterialism : Atomism in India and Greece. - Materialism and Immaterialism in India and the West. Hrsg.: Partha Ghose. Centre for Studies in Civilizations, Delhi 2010, S. 253–268 (englisch). 
  24. ↑ The Vaisheshika sutras of Kanada. 2. Auflage. BD Basu, 1923 (englisch). 
  25. ↑ THE SACRED BOOKS OF THE HINDUS. In: archive.org. THE PANINI OFFICE, BEUVANE&WARl l^RAMA, BAHADURGANJ, abgerufen am 23. September 2023 (englisch). 
  26. ↑ A Concise History of Science in India. In: D.M. Bose, S. N. Sen, B. V. Subbarayappa (Hrsg.): The Physical World : Views and Concepts. Indian National Science Academy, Calcutta 1971, S. 468 (englisch). 
  27. ↑ Th. Scherbatsky: Papers of Scherbatsky. In: e.scribd.com. Abgerufen am 24. September 2023 (englisch). 
  28. ↑ 'Abhidhamma, die systematische Philosophie und Psychologie des Buddhismus'. Abgerufen am 13. Januar 2025. 
  29. ↑ Anuruddha: Abhidhammattha-sangaha work by Anuruddha. In: britannica.com. Abgerufen am 24. September 2023 (englisch). 
  30. ↑ Richard Shankman: The Experience of Samadhi: An In-depth Exploration of Buddhist Meditation. Shambhala, 2008, S. 178 (englisch). 
  31. ↑ L. Gardet: "djuz’", in der Encyclopaedia of Islam, CD-ROM Edition,. Brill, Leiden 2001 (englisch). 
  32. ↑ Shlomo Pines: Studies in Arabic versions of Greek texts and in mediaeval science. Hrsg.: Brill. Band 2, 1986, ISBN 965-223-626-8, S. 355–6 (englisch). 
  33. ↑ Ulrich, Linguistische Grundbegriffe, 5. Aufl. (2002): Atomismus.
  34. ↑ Vgl. E. Kanterian, Analytische Philosophie, Frankfurt a. M., Campus, 2004, S. 30
  35. ↑ Richard Feynman, Robert Leighton, Matthew Sands:: Feynman-Vorlesungen über Physik. Oldenbourg 1999, ISBN 3-486-25857-5. 



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Drittes Auge

Noir24admin Buddhismus 21. Juni 2026
Statue aus Kambodscha, 9. oder 10. Jahrhundert mit einer Darstellung von Shiva
Darstellung eines Buddha-Kopfes aus Zentralasien mit Urna
Darstellung aus Indien, 18. Jahrhundert

Drittes Auge (auch geistiges Auge, inneres Auge, Auge der Erleuchtung, Auge des Bewusstseins (Urna), Ajna chakra, Brow Chakra, Shiva’s Eye genannt und teilweise gleichgesetzt) ist ein spekulatives unsichtbares Auge, das auf der Stirn, etwa zwischen den Augenbrauen lokalisiert, dargestellt wird. Teilweise wird auch das bei einigen Tieren vorkommende Scheitelauge so genannt.

Wahrnehmungssteigerung

Nach verschiedenen Theorien sollen durch die Öffnung oder Verwendung dieses dritten Auges besondere Wahrnehmungen (z. B. Visionen, Hellsehen) möglich sein, die über das gewöhnliche Sehen hinausgehen. Das dritte Auge wird teilweise auch als Tor bezeichnet, das zu höherem Bewusstsein führe (siehe auch: Bewusstsein in den Religionen oder Bewusstseinsebenen nach David R. Hawkins).

Erlang Shen ist in der chinesischen Mythologie als eine taoistische Schutzgottheit bekannt und mit einem dritten, allsehenden Auge an seiner Stirn ausgestattet (Phönix-Auge oder Himmelsauge).

Symbolischer Hinweis im Alltag

Im Alltag weist eine Markierung zwischen den Augenbrauen bei Personen vor allem mit hinduistischem Glauben unter anderem auf dieses dritte Auge hin. Diese vor allem in Indien und Nepal allgegenwärtige Gesichtsbemalung wird oft als Bindi oder Tilaka (auch: Tika, siehe Tripundra) bezeichnet. Inzwischen wird sie auch als modischer Schmuck von Muslimen und Christen vor allem in Indien getragen.[1][2]

Biologie

(Siehe als Übersicht: Rudimentäre Organe bei Mensch und Tier)

Zirbeldrüse

Teilweise wird die Vorstellung eines Dritten Auges auch mit der Zirbeldrüse (Epiphysis cerebri) im menschlichen Gehirn in Verbindung gebracht.[3] So haben bereits Anhänger der Theosophin Helena Petrovna Blavatsky vorgeschlagen, dass das dritte Auge tatsächlich die Zirbeldrüse sein soll, die sich zwischen den beiden Gehirnhälften befindet,[4] und in vielen Esoterikkreisen wird dies vertreten. Margot Anand hingegen ordnet das Dritte Auge als Ort innerer Lichtvisionen dem Ajna Chakra und dem Bereich der Hypophyse zu. Sie betrachtet das Sahasrar-Chakra als Quelle innerer Erfahrungen "kosmischer Einheit" und als Entsprechung zur Zirbeldrüse.[5]

Bereits im 17. Jahrhundert hatte René Descartes die Ansicht vertreten, dass eine kleine „Eichel“ sich in der Mitte des Gehirns befindet, wo die Lebensgeister besonders aktiv sind und die Seele besonders interagieren könne und ihren Hauptsitz habe[6] (siehe auch: Geschichtliches zur Zirbeldrüse und zum Melatonin und Circadiane Rhythmik bei Tieren).[7]

Scheitelauge

Das Scheitelauge (auch Parietalauge oder -organ) ist ein bei wenigen Tieren noch ausgebildetes nach oben gerichtetes, zentrales drittes Auge auf dem Scheitelbein (Os parietale) des Schädels. Es diente bei ursprünglichen Wirbeltieren als Lichtsinnesorgan zur Wahrnehmung von Helligkeitsunterschieden. Brückenechsen (Sphenodon punctatus) und Neunaugen (Petromyzontiformes) zum Beispiel haben es noch und sehen damit.

Medien

Der Begriff Drittes Auge wird in vielen Medien verwendet (Beispiele):

  • Das dritte Auge, Studioalbum der Hip-Hop-Gruppe Die Firma (2002).
  • Visions of the Third Eye, Jazzalbum von New Life Trio von Brandon Ross, Steve Reid und David Wertman (1978).
  • Third Eye Blind, US-amerikanische Alternative-Rock-Band.
  • Third Eye Machine (TEM), französische Metal-Band.
  • Das dritte Auge (Il terzo occhio), italienischer Horrorfilm von Regisseur Mino Guerrini (1966).
  • Det Tredje Øyet, norwegische Fernsehserie (2014 bis 2016).
  • The Third Eye, US-amerikanische Fernsehserie.
  • Sechster Sinn, drittes Auge, zweites Gesicht, Kurz-Experimentalfilm von Jan Riesenbeck.
  • The Third Eye, Buch von Lobsang Rampa (1956).

Siehe auch

  • Chakra
  • Operculum

Weblinks

Commons: Drittes Auge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Bindi in Indien, der Fleck auf der Stirn, Webseite: wunderindien.com vom 13. März 2020.
  2. ↑ Subhamoy Das: Bindi: The Great Indian Forehead Art, Webseite: learnreligions.com vom 12. Juni 2018.
  3. ↑ Beispiel von Evelyn Schneider-Mark: Zirbeldrüse – eine 360° Analyse: Erfahrungsbericht zum Entkalken, Reinigen, Entgiften und Aktivieren des dritten Auges, Bad Breisig 2021, Expertengruppe Verlag, ISBN 978-3-98559-004-9; oder: Drittes Auge öffnen: wie Sie durch Meditation, Visualisierung und Qi Gong Ihre Zirbeldrüse aktivieren, Ihr Bewusstsein erweitern und Chakren öffnen, Barsinghausen 2019, Vital Experts, ISBN 978-1-70494-760-0 oder von Yannic Hinzfeldt: Drittes Auge öffnen und Zirbeldrüse aktivieren : Die Kunst der Bewusstseinserweiterung durch die Reinigung der Zirbeldrüse - eine praktische Anleitung, Vachendorf 2019, Eigenverlag.
  4. ↑ Helena Blavatsky: Die Geheimlehre, Vol. II, Nachdruck der Ausgabe von 1893, Verlag Norderstedt / Hansebooks GmbH, 2021, ISBN 978-3-348-03504-0.
  5. ↑ Margo Nasledinkov: Tantra: Weg der Ekstase. Herzschlag im Verlag Simon und Leutner, Berlin 1988, 3. Aufl., S. 90–93.
  6. ↑ Les Passions de l’âme (dt.: Die Leidenschaften der Seele), 1649, Teil I, Artikel 30 f.
  7. ↑ Drittes Auge, Webseite: spiegel.de vom 5. Februar 1984.



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Avici

Noir24admin Buddhismus 21. Juni 2026
Avīci, 13. Jahrhundert, aus einer japanischen Sammlung

Avīci (Sanskrit und Pali, adj., अवीचि IAST avīci, für „ohne Wellen“, „ohne Stillstand“, „ohne Erholung“, „keine Ruhepause“, „kein Refugium“ oder „Tiefpunkt“[1] — chinesisch 無間地獄, Pinyin Wújiàn dìyù und 阿鼻地獄, Ābí dìyù) bezeichnet die tiefste Ebene der buddhistischen Hölle (Naraka), auf die jene Verstorbenen gelangen, welche die schwersten Verbrechen begangen haben. Hierunter fallen Verbrechen wie vorsätzlicher Vater- oder Muttermord oder das Blutvergießen eines Buddhas.[2]

Karma zur Wiedergeburt in dieser Hölle sammelt:

  • Wer ein Schisma der Sangha (absichtlich) herbeiführt,
  • Wer absichtlich seinen Vater tötet,
  • Wer absichtlich seine Mutter tötet,
  • Wer absichtlich das Blut eines Buddha vergießt,
  • Wer absichtlich einen Arhat tötet.

Da es in der zyklischen Kosmologie des Buddhismus keine Vorstellung einer ewigen Hölle oder eines ewigen Himmels gibt,[3] gilt die Zeit der Bestrafung in Avici als begrenzt, jedoch wird sie als die am längsten Andauernde gedacht.[4] Avici wird mehrmals im Lotos-Sutra erwähnt.[5]

Einzelnachweise

  1. ↑ Shimin Geng: Eine Buddhistische Apokalypse: Die Höllenkapitel (20–25) und die Schlußkapitel (26–27) der Hami-Handschrift der alttürkischen Maitrisimit, Opladen 1998, S. 9.
  2. ↑ Zur „Beschreibung“ der Schlimmsten (Avici-Unterwelt; 阿鼻地獄) vgl.: Reischauer, A. K.; Genshin’s Ojo Yoshu, Transactions Asiatic Soc Japan II. Ser. (Dec. 1930) S 40-6
  3. ↑ The Thirty-one Planes of Existence, Access to Insight, 2005.
  4. ↑ Kathy Giddins: What does Avicii mean in Buddhism and what was the Wake Me Up DJ’s real name?, The Sun, 20. Februar 2019.
  5. ↑ The Lotus Sutra, übers. u. hrsg. v. Kubo Tsugunari u. Yuyama Akira, 2. Aufl., Berkeley 2007, z. B. S. 268.



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Anatta

Noir24admin Buddhismus 21. Juni 2026

Anatta (Pali) oder Anātman (Sanskrit अनात्मन् IAST anātman, deutsch ‚„Nicht-Selbst“, „Nicht-Ich“ oder auch „Unpersönlichkeit“‘) ist ein Schlüsselbegriff der buddhistischen Lehre. Damit ist grob gemeint, dass keine Existenz ein festes, unveränderliches und unabhängiges Selbst hat. Mit der Anatta-Lehre positionierte sich Buddha gegen die Ātman-Lehre hinduistischer Prägung, oder zumindest gewisse Interpretationen davon.[1] In der buddhistischen Lehre bildet Anatta zusammen mit dukkha und anicca die drei Daseinsmerkmale der bedingten Existenz.[2]

Nicht-Selbst

Die buddhistische Lehre von Anatta (Pāli) bezeichnet das Nichtvorhandensein eines permanenten und unveränderlichen Selbst, eines festen Wesenskerns oder einer Seele (Atta bedeutet „das Angenommene“).[3] Was normalerweise als „Selbst“ betrachtet wird, ist demnach eine Ansammlung von sich konstant verändernden physischen und psychischen Bestandteilen („Skandhas“). Durch das Festhalten an der Vorstellung, der jeweils erlebte, temporäre Zustand bilde eine Art unveränderlicher und dauerhafter Seele, entsteht Leiden. Die Lehre von anatta versucht, die Übenden zu ermutigen, sich von unangebrachtem Anklammern an das zu lösen, was als fester Wesenskern betrachtet wird. Denn erst dadurch – unterstützt durch ethisches Verhalten und Meditation – kann der Weg zur völligen Befreiung („Nirwana“) erfolgreich beschritten werden. Ein Mensch, der sich in dem Zustand der völligen Befreiung befindet, ein Arhat, hat die Vorstellungen und den Antrieb nach Gier, Hass und Verblendung gänzlich überwunden und ist im Zustand des Nirwana, das seine Wiedergeburt aufhebt.[4]

Ein anderes Verständnis dieser Lehre – wie es in den Tathagatagarbha-Schriften des Mahayana als vom Buddha verkündet erläutert wird – beinhaltet, dass zwar die fünf „Skandhas“ kein festes Selbst haben, denn sie sind der Veränderung und dem Verfall unterworfen, sich aber jenseits dessen noch das ewige Buddha-Prinzip, oder die Buddhanatur („Buddha-dhatu“) befindet. Tief in jedem Wesen verborgen ist demnach das überweltliche und unvergängliche Wahre Selbst – dessen volle Wahrnehmung kann jedoch nur durch die Erleuchtung erreicht werden.[5]

In der buddhistischen Lehre bildet Anatta zusammen mit dukkha und anicca die Drei Daseinsmerkmale der bedingten Existenz. Nachdem man die wichtigste Lehre des Buddhismus, das Bedingte Entstehen erkannt hat, sieht man diese drei Wesensmerkmale. Der Buddha wird darum auch als Anatta-vadi bezeichnet, als der Verkünder des Nicht-Selbst.[6]

Bloß Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da.
Bloß Taten gibt es, doch kein Täter findet sich.
Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann.
Den Pfad gibt es, doch keinen Wand'rer sieht man da.
Von Dauer, Schönheit, Glück, Persönlichkeit
Ist leer die erste und die zweite Wahrheit,
Von Ichheit leer das todlose Gebiet,
Und ohne Dauer, Glück und Ich der Pfad.[7]

Erläuterung

Situation im Hinduismus. Abgrenzungen

Der Buddhismus stellte seine neue Anatta-Lehre in einen Gegensatz zu den in der damaligen Zeit vorherrschenden Lehren der Upanischaden, der Ātman-Lehre, die die Existenz einer festen Seele lehren, dar.[8] Hier steht Atman für die unveränderliche und ewige Seele. Sie wird vom Jiva eingehüllt und ist nicht erkennbar. Atman repräsentiert die unsterbliche, immaterielle Seele, die nicht dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen sei. Atman muss daher auch nicht befreit werden, sondern ist ewig frei. In der Erlösung (Moksha) vereinigt sich Atman mit Brahman, dem Absoluten Höchsten, dem alles zugrunde liegt. Die Anhänger „Nicht-Zweiheit“ (Advaita) gehen davon aus, dass Atman und Brahman identisch seien, eine auf ewig unzertrennbare Einheit. „Moksha“, die Erlösung, hieße deshalb, die ewige Einheit zu erkennen. Daraus ergibt sich, dass auch der Mensch Brahman, also göttlich sei, genauso wie jedes andere Lebewesen. Für das Verständnis der Anhänger der Lehre der „Zweiheit“ (Dvaita) sind Atman und Brahman, das höchste Absolut-Göttliche, auf ewig getrennt. Für die Seele ergibt sich das Ziel, nach unzähligen Wiedergeburten, in der Erlösung im bei dem Absolut-Göttlichen zu sein.[9] Um eine gewisse begriffliche Klarheit zu schaffen, wird das in seinem erlebten, illusionierten, temporären Zustand sich darstellende „vorübergehende Selbst“ häufig mit dem Begriffen „Ich/Selbst“ verbunden und das „ewige Selbst“ mit dem Begriff der „Seele“ gleichgesetzt. Mit dem Begriff Maya wird die (negative) Verhüllung der unsterblichen Seele (Atman) beschrieben, die durch die Identifikation mit dem menschlichen Körper, Gedanken und Gefühlen definiert wird.

Die buddhistischen Vorstellungen

Die buddhistische Lehre erklärt, dass alles im Leben einer kontinuierlichen Veränderung unterworfen sei und dass alles, was existiert, in Abhängigkeit von Bedingungen existiere (Bedingtes Entstehen, Pali Pratītyasamutpāda). Diese sind nicht dauerhaft. Daher gilt die Vorstellung als unwissend und illusioniert, dass irgendetwas ein dauerhaftes Selbst[10][11] oder eine Seele habe.

Die Annahme eines dauerhaften und festen Selbsts ist aus buddhistischer Sicht eine der Hauptursachen für das menschliche Leid. Buddha lehrte, dass wir durch das Erkennen der Bedingten Entstehung zur Wahrnehmung der bedingten Existenz des Ichs kommen. Dies geschieht, da die einzeln entstehenden und vergehenden Ereignisse geschaut werden und erkannt wird, dass da kein Selbst vorhanden ist. So können wir unsere weltlichen Begierden loslassen und über das Leid hinauswachsen. Buddha hat oft betont, dass alles Anhaften an die Vorstellung eines festen Selbsts auf der Unwissenheit über die vier Edlen Wahrheiten mit ihren drei Daseinsmerkmalen und zwölf Bestandteilen beruht.

Die Lehren des Buddha beruhen auf der direkten Erkenntnis der Wahrheit und sie beinhalten daher kein Konzept von einem Selbst, welches erschaffen sein könnte durch Geburt, Imagination, Spekulation, metaphysische Studien oder durch eine Selbst-Identifikation. Die fünf Skandhas (Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesformationen, Bewusstsein) sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig, weil ein Individuum ein Begehren, Anhaften, Upadana (Sanskrit उपादान IAST upādāna) an diese Skandhas formt und sich damit identifiziert. Wenn ein Praktizierender sein Begehren nach allen fünf Skandhas durch meditative Einsicht überwunden hat, erlebt er die Freude des Nicht-Anhaftens und verweilt in Weisheit. Buddha hat deutlich erklärt, dass alle fünf Skandhas unbeständig seien, genauso wie eine brennende Flamme unbeständig und dem ständigen Wechsel unterworfen sei.

Im Gegensatz dazu bezieht eine Minderheit innerhalb der Mahayana-Tradition die buddhistische Lehre von Anatta nur auf die kurzlebigen Elemente der fünf Skandhas eines Wesens, jedoch nicht auf die verborgene und unsterbliche Buddha-Natur. Gemäß den Mahayana-Lehren existiert die Buddha-Natur in den Tiefen des Geistes eines jeden Wesens (siehe dazu den Abschnitt „Anatta in den Tathagatagarba Sutras“).

Die Frage, was mit einem Buddha (vollständig erleuchteten Wesen) nach dem Tod geschieht, hat Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) als spekulativ angesehen und nicht beantwortet.[12]

Die drei Wesensmerkmale der Wirklichkeit sind Anatta sowie Anicca, als Vergänglichkeit und Dukkha als Leid, übersetzbar. Im Buddhismus wird eine individuelle Einzelseele negiert, die in ihrer Allumfasstheit als eigenständige (dingliche) Instanz dem gegenübersteht, was sie selbst nicht ist. Hierdurch wird Anatta häufig auch durch den Begriff „Ich-Selbstlosigkeit“ übersetzt. Im umfassenderen Sinne beschreibt Anatta die „Uneigenständigkeit“, also die Abhängigkeit aller objektivierbaren Tatsachen. Hierzu zählen dann die Gedanken, Impulse und Gefühle einer Person die als vergängliche Inhalte des Bewusstseins sichtbar werden können.[13]

Verständnis

Schüler des Buddhismus stehen manchmal vor dem intellektuellen Dilemma, dass die Lehre von Anatta und die Lehre der Wiedergeburt einander auszuschließen scheinen. Wenn es kein Selbst gibt, keine dauerhafte Essenz einer Person, was wird dann wiedergeboren? Buddha diskutierte dies in einem Gespräch mit einem Brahmanen namens Kutadanta (Kūtadanta Sutta, 5. Lehrrede im Dígha Nikaya). Es ist demnach lediglich der karmische Impuls, der die Verbindung zwischen den einzelnen Leben herstellt. Es gibt keine Substanz, die übertragen wird. Wie bei einer brennenden Kerze, der das Wachs ausgeht, wird in dem Moment des Verlöschens eine neue Kerze an der Flamme entzündet. So bleibt die Flamme erhalten, der Brennstoff ist ein neuer.

Einige Buddhisten sagen, dass es nicht schwieriger sei zu verstehen, wie „Ich“ sterben und wiedergeboren werden kann, als zu verstehen, wie „Ich“ noch genau dieselbe Person sein kann, die sie vor ein paar Minuten war. Für Fortgeschrittene in der buddhistischen Geistesschulung besteht keine Identität vom jeweils jetzigen Selbst mit dem Selbst, das es noch vor einigen Minuten gab; und es gibt auch keine Identität des Selbst, das gerade jetzt existiert, mit dem Selbst, das noch vor einigen Leben existierte. Verbunden sind sie nur durch eine Kontinuität der Veränderung, nicht jedoch durch eine feste Substanz. Gleichsam ein fließender Fluss, der schon eine Minute später ein anderer ist.

Eine Schwierigkeit hinsichtlich des Begriffs „Anatta“ besteht darin, dass er einerseits als „direkte Negation eines Ichs/Selbst“ interpretiert und verstanden wird, zum anderen als Ausdruck für die Verneinung nur einer „falschen Vorstellung vom Ich/Selbst“, das von einem „wahren Selbst“ geschieden sei und das durch einen Arhat erlangt werden könne, interpretiert wird.[14]

Eine weitere Schwierigkeit beim Verständnis der Lehre von Anatta ist, dass sie der Vorstellung von der Buddhalehre als einem Pfad der Praxis widerspricht. Aus der Lehre von Anatta kann man ableiten, dass es niemandem möglich sein kann, sich selbst vom Anhaften zu befreien. Da es kein Selbst gibt, kann das Selbst kein Selbst befreien. Man befreit sich also 'bloß' von der Wahrnehmung des Selbst.

Anatta (Anātman) in den Tathagatagarbha Sutras

Das Verständnis des „Nicht-Selbsts“ (hier in Sanskrit Anatman genannt) in den Mahayana-Schriften der „Tathagatagarbha“-Sutras unterscheidet sich von anderen Interpretationen und ist daher bemerkenswert: Die Lehre, die in diesen Texten vom Buddha präsentiert wird, stellt klar, dass es nur die vergänglichen Elemente (Skandhas) eines empfindenden Wesens sind, welche das „Nicht-Selbst“ („Anatman“) darstellen, während die tatsächliche Realität, die innewohnende Essenz (Svabhava) des Wesens nicht weniger ist als das Buddha-Prinzip („Buddha-dhatu“ – „Buddha-Prinzip“ oder „Buddhanatur“): selbst, rein und todlos. Im „Mahayana Mahaparinirvana Sutra“ wird dieses innewohnende, unsterbliche Buddha-Element als das „wahre Selbst“ bezeichnet. Es wird nicht durch die Wiedergeburt beeinflusst, ist immer vollkommen makellos, strahlend rein und wartet auf die Entdeckung in den Tiefen des verunreinigten Alltagsbewusstseins eines jeden Wesens. Im „Tathagatagarbha Sutra“ erklärt der Buddha, dass er mit seinem Buddha-Auge dieses verborgene Buddha-Juwel in jedem Wesen sehen kann. Der Buddha: „Verborgen in den Klesas (mentalen Verunreinigungen) von Gier, Hass und Verblendung sitzt erhaben und unbeweglich die Weisheit des Tathagatas (des Buddha), die Wahrnehmung des Tathagatas und der Körper des Tathagatas [...] alle Wesen, obwohl in ihnen alle Formen der geistigen Verunreinigungen gefunden werden können, haben ein Tathagatagarbha (eine Buddha-Essenz), welches für alle Zeiten vollkommen rein ist, und das gesättigt ist mit Tugenden, welche sich nicht von meinen Tugenden unterscheiden“ (Lopez, 1995, S. 96). Folglich bekommt die Lehre vom „Nicht-Selbst“ eine kontroverse Darlegung in den Tathagatagarbha-Sutras, in denen sie nur als relative Tatsache, aber nicht als absolute Wahrheit dargestellt wird.

Literatur

  • Donald Sewell Lopez Jr.: Buddhism in Practice. Princeton Readings in Religions. Princeton University Press, Princeton 1995, ISBN 0-691-04441-4.
  • Theodor Scheel: Das Nichtselbst. Beyerlein & Steinschulte, Herrnschrot 2004, ISBN 3-931095-46-0.
  • Dhamma-Dana-Projekt der BGM: Die Nicht-Selbst Strategie. Texte zu Anatta. Buddhistische Gesellschaft, München 2008, auf fid4sa-repository.ub.uni-heidelberg.de [9]

Weblinks

Quellentexte
  • Anatta-lakkhana Sutta „Die Merkmale des Nicht-Ich“ (SN 22.59) auf palikanon.de; englische Übersetzungen von Ñanamoli Thera, N.K.G. Mendis, Thanissaro Bhikkhu (Deutsch)
  • Tathagatagarbha Sutra – englische Übersetzung von Buddhabhadra
Weiterführende Links
  • Susan Elbaum Jootla: Die Anatta-Lehre
  • Heng-Ching Shih The Significance Of 'Tathagatagarbha' – A Positive Expression Of 'Sunyata'
  • Aufsatzsammlung zum Thema Anatta (PDF, 3.5MB)
  • Christian Coseru: Mind in Indian Buddhist Philosophy. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.
  • Formen von Selbst und Nicht-Selbst, Die buddhistischen Lehren über Anatta vom Ehrw.Thanissaro Bhikkhu
  • Karl-Heinz Brodbeck: Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel. Buddhismus aktuell, Ausgabe 2017/3, auf buddhismus-aktuell.de [10]

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Zu verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der hinduistischen Position vgl. Werner Scholz: Hinduismus. Ein Schnellkurs. Dumont, Köln 2008, ISBN 978-3-8321-9070-5, S. 47.
  2. ↑ Nguyen Quy Hoang: The Doctrine of Not-self (anattā) in Early Buddhism. International Review of Social Research 2019; 9(1): 18–27, auf archive.sciendo.com [1]
  3. ↑ Charlie Rutz: Rolle und Bedeutung des „Nicht-Selbst“ im frühen Buddhismus. Diplomica, Hamburg 2010, ISBN 978-3-8366-9079-9
  4. ↑ Michael von Brück: Reinkarnation im Hinduismus und im Buddhismus. In: Erik Hornung, Tilo Schabert (Hrsg.): Auferstehung und Unsterblichkeit. Wilhelm Fink, München 1993, ISBN 978-3-770-52806-6, S. 85–122, auf epub.ub.uni-muenchen.de [2] hier S. 98; 105
  5. ↑ Herbert Becker: Der Buddhismus - eine Religion ohne Seele? Betrachtungen zur buddhistischen Anatta-Lehre. Arbeitskreis Schopenhauer und Buddhismus mit Arthur - Schopenhauer -Studienkreis, auf schopenhauer-buddhismus.de [3]
  6. ↑ Franz-Karl Ehrhard, Ingrid Fischer-Schreiber: Das Lexikon des Buddhismus. Wilhelm Goldmann, München 1995, S. 27
  7. ↑ Sacca. Buddhistisches Wörterbuch, auf palikanon.com [4]
  8. ↑ Johann Figl, Hans-Dieter Klein: Der Begriff der Seele in der Religionswissenschaft. (= Band 1, Begriff der Seele), Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 978-3-826-02377-4, S. 20 f., auf books.google.de [5]
  9. ↑ Erich Wahrendorf: Energie, Struktur und Bewusstsein: Sechs Überlegungen zur Thematik Wissenschaft-Esoterik-Evangelium. BoD – Books on Demand, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-837-04955-8, S. 54–55, auf books.google.de [6]
  10. ↑ Whachul Oh: Understanding of Self: Buddhism and Psychoanalysis. J Relig Health 61, 4696–4707 (2022), https://doi.org/10.1007/s10943-021-01437-w
  11. ↑ Ralf Zwiebel, Gerald Weischede: Buddha und Freud - Präsenz und Einsicht. Über buddhistisches und psychoanalytisches Denken. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-40250-4, S. 65 f.
  12. ↑ Hermann Oldenberg: Reden des Buddha. Lehre, Verse, Erzählungen. Verlag Herder im Breisgau 1993, ISBN 3-451-04112-X, S. 163.
  13. ↑ Was sind die Drei Daseinsmerkmale, die Buddha erkannt hat? Buddhastiftung, Heidelberg 2021, auf buddhastiftung.org [7]
  14. ↑ Karl-Heinz Brodbeck: Das Selbst ist kein Sein und kein Nichts, sondern endloser Wandel. Buddhismus aktuell, Ausgabe 2017/3, auf buddhismus-aktuell.de [8]
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4142374-4 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)



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Anicca

Noir24admin Buddhismus 21. Juni 2026

Anicca (Pali, Sanskrit: अिनत्य, anitya) ist eines der drei Daseinsmerkmale (Anicca, Dukkha, Anatta) des Buddhismus und steht für das Konzept der Unbeständigkeit, Vergänglichkeit alles Seienden, eine der wesentlichen Lehren des Buddhismus. Gemäß dieser Lehre befindet sich ausnahmslos alles im Fluss der Vergänglichkeit, sogar Planeten, Sterne und Götter sind ihm unterworfen. Dieses wird im menschlichen Leben im Altern und im Zyklus von Geburt und Wiedergeburt (Samsara) und in jeder möglichen Erfahrung des Verlustes erfahren.

Weil alle Dinge unbeständig sind, ist jedes Upadana („Anhaften“) an ihnen vergeblich und führt zu Leid. Die einzige Möglichkeit, Anicca zu beenden, ist Nirvana zu erlangen. Nirvana gilt als die einzige Form der Existenz, die keine Vergänglichkeit, Verfall oder Tod kennt. Im Nirvana-Sutra wird gesagt, dass alle zusammengesetzten, konstruierten Dinge und Zustände „vorübergehend“ sind – die einzigen Ausnahmen davon sind das Nirvana und der Buddha (die Personifizierung von Nirvana).

Siehe auch

  • Vanitas
  • Memento mori
  • Mono no aware
  • Shunyata
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4401718-2 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

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  1. Apacāyana
  2. Ahimsa
  3. Alte Tantra-Tradition der Nyingma-Schule
  4. Amrita (Trank)

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