Eine Kapala (Sanskritकपाल IAST kapāla, tibetischཐོད་པ Wylie thod pa) ist eine Schädelkalotte, vorwiegend für rituelle, tantrische Praktiken. Historisch wurde dafür das ovale Schädeldach eines menschlichen Totenschädels abgesägt, der oft einer Stätte für Himmelsbestattung entnommen wurde, und umgedreht als Opferschale verwendet. Sie gilt als einer der bedeutungsvollsten Kultgegenstände im esoterischen Buddhismus.
Gebrauch
Eine Kapala wird immer in der linken Hand gehalten, die im Buddhismus den weiblichen Aspekt symbolisiert. Bei rituellen Handlungen wird sie vor der Brust auf Höhe des Herzens gehalten.
Wesentliche Verwendungszwecke einer Kapala sind:
als Opferschale für Speisen und Getränke für Gottheiten
als Gegenstand der Verehrung auf einem Tempel-Altar
als Meditationshilfsmittel für Meditationen
als Almosen- und Trinkschale für tantrische Asketen
als zeremonielles Objekt bei Initiations- und Ermächtigungsriten
als rituelles Hilfsmittel um Anerkennung, Weisheit oder ein langes Leben zu erbitten
Tibetische Kapala (Schädelschale) auf Sockel (Britisches Museum)
Die Präsentation einer Kapala als Altargegenstand in buddhistischen Tempeln ist in der Regel dreiteilig. Sie wird auf einem aufwendig verzierten Sockel platziert, und mit einem gleichartig gearbeiteten, kuppelförmigen Deckel abgedeckt, meistens oben mit einem Halbvajra als Griff. Die Kapala selbst wurde bisweilen auch noch mit Schnitzereien und Bemalungen verziert, die der Gottheit der Verehrung dieses Tempels gewidmet sind. Auch Metallapplikationen sind belegt. Sockel und Deckel sind meist aus Bronze gegossen und oft feuervergoldet. In den Schatzkammern bedeutender Klöster Tibets befinden sich aber auch viele hochwertige Goldschmiedearbeiten solcher Altargegenstände.
Der tantrische Stab Khatvanga, die Handtrommel Damaru und die Schädelschale Kapala waren die drei wichtigsten Attribute der Hindu Kapalika Yogins. Von dort wurden sie in den tantrischen Buddhismus als Symbole für Körper, Sprache und Geist übernommen. Die Kapala repräsentiert dabei Reinheit des Denkens.
Darstellung
Eine Kapala ist in vielen Darstellungen von hinduistischen und buddhistischen Gottheiten ein wesentliches, kennzeichnendes Attribut. Wegen der großen Zahl können hier nur einige exemplarisch genannt werden. Bei friedvollen Gottheiten ist sie mit dem lebensverlängernden Elixier Amrita gefüllt, bei den eher zornvollen Gottheiten mit Blut. Die zornvolle Gottheit Mahakala wird in der Regel mit einer Kapala in einer seiner linken Hände dargestellt. Der hinduistische Todesgott Yama hält immer in der linken Hand eine mit Blut gefüllte Kapala.
Bei Dakinis ist sie neben dem rechts gehaltenen Kartika das zweite, kennzeichnende Attribut.
Material
Echte Kapalas aus den Knochen eines menschlichen Totenschädels sind heute im Handel für Kultobjekte und Sakrale praktisch nicht mehr zu bekommen. Sie werden aber oft in Museen mit Sammlungen zur tibetischen Kulturgeschichte ausgestellt. Eine Kapala wurde vorzugsweise aus dem Schädel einer hohen, ordinierten Person oder einer anderen Person von hohem sozialem Rang hergestellt. Weitere Kriterien für die Auswahl eines Schädels waren die Anzahl und Form der Knochennähte, die einen menschlichen Schädel in mehrere Segmente teilen. Je geringer die Anzahl, desto höher wurde eine Kapala geschätzt. Nach dem Schneiden der Kalotte in die endgültige Form wurde diese gereinigt und mit vorgeschriebeneb Substanzen behandelt, bevor sie mit heiligen Formeln geweiht wurde.
Neben echten Kapalas wurden aber schon im Altertum kapalaförmige Opferschalen aus verschiedensten Materialien geformt. Exemplare aus Ton, Holz, Horn, Stein, aber auch aus Silber und Gold sind erhalten geblieben und in der Literatur dokumentiert.
Heute als Kapala angebotene Objekte bestehen in der Regel aus Kunstharz (Resin) und sind beschnitzt oder bemalt, oder sind aus Bronze gegossen und vielleicht feuervergoldet. Das Innere einer solchen Kapala ist häufig mit Tibetsilber ausgekleidet, einer Legierung mit sehr geringem Silberanteil von nicht mehr als 250/1000.
Literatur
Robert Beer: The Handbook of Tibetan Buddhist Symbols Serindia Publications Inc., Chicago 2003, ISBN 1-932476-03-2, S. 110
Michael Henss: Buddhist Ritual Art of Tibet Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-89790-567-2, S. 208
Gerd-Wolfgang Essen, Tsering Tashi Thingo: Die Götter des Himalaya (Tafelband) Prestel Verlag, München 1989, ISBN 3-7913-0994-3, S. 271
Museum für Asiatische Kunst Berlin: TIBET-Klöster öffnen ihre Schatzkammern Hirmer Verlag, München 2006, ISBN 978-3-88609-566-7, S. 514
Weblinks
Commons: Kapala – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Jiva (Sanskritजीवjīva, wörtl. Leben/Lebewesen) oder Jivatman ist in der indischen Philosophie das individuelle Selbst oder die Seele. Es bezeichnet den Atman, der dem physischen und feinstofflichen Körper Leben verleiht. Der Jiva ist nicht das mentale Ich-Empfinden, das von der Natur für ihren zeitbegrenzten Zweck konstruiert wurde, sondern ist der Natur übergeordnet, erhaben über Geburt und Tod. Dieses individuelle Selbst gilt als das ewige, wahre Wesen des Individuums, das nicht geboren wird und auch keine Evolution durchläuft. Vielmehr lenkt es die individuelle Geburt und Evolution.
Das Verhältnis zwischen Jiva, Gott und der Welt wird von den einzelnen philosophischen Schulen unterschiedlich beschrieben:
Der Advaita-Vedanta des Shankara behauptet in seiner monistischen Lehre, dass der Jiva kein wirkliches Sein habe, da das Göttliche unteilbar sei. Für diese Lehre ist der Jiva mit Gott identisch, jedoch hindern Nichtwissen, Begierde, Karma usw. den Menschen daran, dies zu erkennen.
Für die Anhänger der Lehre Ramanujas, die als Vishishtadvaita (qualifizierter Monismus) bezeichnet wird, besitzt Gott die Einzelseelen (Jivatman) und die Natur als Qualitäten (Vishesha). Sie sind also wirklich, besitzen aber kein unabhängiges Sein.
In der Lehre des Madhva, als Dvaita-Vedanta (Dualismus) bezeichnet, gibt es drei ewige Entitäten, die im Weltgeschehen zusammenwirken:
1. der allgegenwärtige Gott (Paramatman);
2. die unendliche Vielheit der Einzelseelen (Jiva) und
3. die Natur (Prakriti) aus der sich in der Evolution alles Unbeseelte entwickelt.
Siehe auch
Atman
Quellen
Helmuth von Glasenapp: Die Philosophie der Inder. Eine Einführung in ihre Geschichte und ihre Lehren. 4. Aufl. Kröner Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-520-19504-6 (= Kröners Taschenausgabe, Bd. 195).
Jivanmukta ist ein Begriff, mit dem die hinduistische Philosophierichtung des Advaita Personen bezeichnet, die wahre Selbsterkenntnis und schon in diesem Leben Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten erlangt haben.
Etymologie
Das Sanskritwort Jivanmukta leitet sich ab von Jivanmukti, eine Zusammensetzung der Substantive Jiva und Mukti. Jiva – जीव – (jīva) bedeutet Leben oder Lebewesen bzw. die unsterbliche Essenz oder Seele eines lebendigen Organismus, welche seinen physischen Tod überdauert.[1] Mukti – मुक्ति – meint Befreiung oder Erlösung.
Hintergrund
Reinkarnationen des Jiva
Jivanmukti, die Befreiung aus dem perfiden Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt, ist ein bedeutendes philosophisches Konzept im Hinduismus, insbesondere im Advaita. Das letztliche Ziel im Hinduismus besteht in der Befreiung aus den Zyklen des Samsara. Diese Befreiung wird als Moksha bezeichnet. Mit Ausnahme der Advaita-Schule sind sämtliche Schulen des Hinduismus jedoch der Ansicht, dass diese Befreiung notgedrungen nur außerhalb direkten menschlichen Erfahrens stattfinden kann. Gemäß der Lehre des Vedanta resultiert spirituelle Befreiung aus dem Verschmelzen von Jivatman und Paramatman, dem höchsten transzendentalen Selbst. Die Advaita-Schule Shankaras hingegen betrachtet menschliche Seelen als befreit, sie müssen diese Tatsache aber erst erkennen und auch akzeptieren. Individuen, denen dies gelungen ist, werden folglich als Jivanmukti bezeichnet.
Standpunkt des Advaita
Shankara führt aus, dass nichts jemanden zu Handlungen veranlassen kann, der dabei nicht auch seinen eigenen Wünschen nachgehen will. Die höchste Stufe von Vairagya (Loslassen) kann erreicht werden, wenn in Bezug auf Sinnengenuss die Vasanas (aus der Vergangenheit stammende, im Geist verbleibende Sinneseindrücke) nicht länger zum Tragen kommen. Auch bei höchster Uparati (Abstinenz) werden zum Erliegen gekommene Modifikationen des Geistes nicht wiederbelebt.
Da der Jivanmukta die Brahmannatur in sich trägt, wird seine Bewusstheit von Objekten der Außenwelt nicht mehr in Beschlag genommen.
„Vijnatabrahmatattvasya yathapurvam na samsrtih – für jemanden, der die Natur des Brahman erkannt hat, gibt es kein Samsara mehr.“
Der Advaita unterscheidet drei Arten von Prarabdha Karma (aus der Vergangenheit stammendes, noch wirksames Karma):
Ichha – selbst herbeigewunschen
Anichha – unbeabsichtigt
Parechha – beruhend auf den Wünschen anderer.
Der selbstverwirklichte Jivanmukta kennt kein Ichha-Prarabdha, wohl aber Anichha-Prarabdha als auch Parechha-Prarabdha, deren karmischen Auswirkungen auch er unterliegt.[3]
Laut Advaita kann bei weisen Menschen Prarabdha Karma nur durch ein Durchleben seiner Auswirkungen aufgelöst werden. Sancita (angehäuftes Karma) und Agami (zukünftiges Karma) werden im Feuer des Jnana (Wissen) zerstört.[2]
Traditionen, die dem Shramana folgen, bezeichnen einen Jivanmukta als Arhat.
Folgerung
Die Advaita-Schule ist der Ansicht, dass diese phänomenale Welt auf Avidya (Unwissen, Ignoranz) beruht, aber dennoch die Kraft besitzt, Irreales auf Reales (Adhyasa) zu projizieren bzw. Illusorisches der Realität überzustülpen. Diese Fähigkeit, die tiefgründige Wahrheit zu verbergen, führt den Jiva in die Irre. Er hält von seinem Geist geschaffene Eindrücke für Realität, meint, in dieser Welt Unterschiede erkennen zu können und trennt zwischen individuellem Selbst (Atman) und Höchstem Selbst (Brahman). Dieser durch Unwissenheit entstandene Irrglauben fällt der Zerstörung anheim, sobald Ignoranz echtem Wissen weicht. Wenn die letzten Täuschungen gewichen sind, vergeht auch die auf Abgesondertheit beruhende Bewusstheit. Ein Jivanmukta sieht keine Unterschiede mehr. Auf Unterschieden beruhendes Erkennen führt von Tod zu Tod. Nicht differenzierendes Erkennen kann anhand der Sruti nur von einem gut trainierten Verstand erlangt werden (siehe Katha-Upanishad, II. 4, 11).[4]
Bedeutung
Die Philosophie des Advaita gründet auf dem Postulat, dass einzig das Absolute existiert. Natur, Seelen und Gott gehen alle im Absoluten auf. Das Universum ist ein vollständiges Ganzes, innerhalb und außerhalb dessen es keine Abgetrenntheiten geben kann. Auch das Brahman ist innerhalb der Struktur des Universums überall sich selbst-ähnlich. Wissen über einen Teilbereich impliziert daher Wissen über die Gesamtheit (Brihadaranyaka-Upanishad II. 4, 6-14). Da sämtliche Ursachen sich letztlich auf das Brahman zurückführen lassen und alles andere nur Schein ist, kann gefolgert werden, dass allein das Atman existiert und sonst nichts.
Aus dem Atman sind sämtliche Elemente hervorgegangen (Taittiriya-Upanishad II. 1, 7) und alles Dasein basiert auf dem Verstand (Aitareya-Upanishad III. 3). Das vom Brahman als Absonderung geschaffene Universum expandiert und wird vom unveränderlichen Brahman schließlich wieder absorbiert (Mundaka-Upanishad I. 1, 7). Das individuelle Selbst (Jiva) unterscheidet sich daher nicht vom Höchsten Selbst (Brahman) und ist folglich auch niemals gebunden und für immer befreit. Durch Selbstbewusstwerdung wird existenzielles Wissen erlangt und Brahman realisiert.[5]
Siehe auch
Advaita
Shankara
Reinkarnation
Samsara
Atman
Brahman
Moksha
Karma
Vairagya
Vasana
Einzelnachweise
↑Maharishi Mahesh Yogi: Bhagavad Gita, a New Translation and Commentary, Kapitel 1-6. Penguin Books, 1969, S.98.
↑ abSri Candrasekhara Bharati of Srngeri: Sri Samkara’s Vivekacudamani. S.403–423.
↑Reza Shah-Kazemi: Paths to Transcendence: According to Shankara, Ibn Arabi and Meister Eckhart. World Wisdom, Inc, 2006, ISBN 0-941532-97-6, S.59–60.
↑Ramachandra Dattatreya Ranade: A constructive survey of Upanishadic philosophy. Bharatiya Vidya Bhavan, Mumbai, S.157.
↑A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada: Bhagavad-Gita As It Is. The Bhaktivedanta Book Trust, Mumbai, S.621.
Gewebter Teppich mit Hindu-Kalender des Jahres 1871/72. Die linke Spalte zeigt die zehn Avatare von Vishnu, die mittlere rechte Spalte zeigt die zwölf hinduistischen Tierkreiszeichen. Das obere mittlere Feld zeigt Ganesha mit zwei Gemahlinnen. Das zweite Feld zeigt Krishna mit zwei Gemahlinnen.
Der hinduistische Lunisolarkalender existiert in einer großen Vielfalt und regionalen Varianten. In diesem Artikel werden daher nur die Grundprinzipien dargestellt, die allen Lunisolarkalendern zugrunde liegen.
Geschichte
Die ältesten Hinweise auf Zeitrechnung auf dem indischen Subkontinent gibt es bereits in den Veden, deren älteste Teile bis etwa 1200 v. Chr. zurückreichen. Aus späterer Zeit stammt das Jyotisha Vedanga mit Abhandlungen über Astronomie und Astrologie. Griechische und babylonische Kenntnisse beeinflussten in den ersten Jahrhunderten n. Chr. die Siddhantas (astronomische Lehrbücher). Die drei wichtigsten sind der wohl älteste Surya Siddhanta, der Arya-Siddhanta des Astronomen Aryabhata I. (476 – um 550 n. Chr.) und der Brahma-Siddhanta des Brahmagupta (598 – 668)[1.1]
Bis etwa 1100 n. Chr. wurde für die Kalenderberechnung die mittlere Bewegung von Sonne und Mond zugrunde gelegt, später wurde dann auf die scheinbare Bewegung von Sonne und Mond Bezug genommen.[2.1]
Das Jahr
Das Lunisolarjahr ist ein an das siderische Sonnenjahr gebundenes Mondjahr mit zwölf oder dreizehn Monaten. Daraus ergibt sich für ein Gemeinjahr (samvatsara mana) mit zwölf Monaten eine Länge von 354 oder 355 Tagen bzw. für ein Schaltjahr (adhika samvatsara) mit dreizehn Monaten eine Länge von 383, 384 oder 385 Tagen.[1.2]
Es werden zwei Jahresformen unterschieden. Wenn – wie vor allem im Norden Indiens – die Monate von einem Vollmond bis zum nächsten Vollmond dauern, ist das Jahr ein purnimanta Jahr, wenn – wie vor allem im Süden des Landes – die Monate von einem Neumond bis zum nächsten Neumond dauern, ist das Jahr ein amanta Jahr.[1.3]
Die Jahreszählung
Die Jahre werden nach der Kali Yuga-Ära als abgelaufene Jahre gezählt, nach der Vikrama Samvat-Ära[3.1] als laufende Jahre.
Der Jahresanfang
Das Jahr beginnt fast überall in Indien mit dem letzten Neumond, bevor die Sonne in das Zeichen mesha (Widder) tritt. Ein solches Jahr wird als chaitrada bezeichnet. In Gujarat beginnt das Jahr mit dem Neumond, bevor die Sonne in das Zeichen tula (Waage) tritt. Ein solches Jahr wird als karttikadi bezeichnet. Da das Jahr stets mit Neumond beginnt, fängt ein purnimanta Jahr daher mitten in einem Monat an.
Die Genauigkeit
Da das Mondjahr an das siderische Jahr gebunden ist, ist es im Durchschnitt so lang, wie das siderische Jahr, dessen Länge der Surya Siddhanta mit 365,2587558 Tagen angibt. Die anderen Siddhantas geben einen etwas abweichenden Wert an.[1.4] Da die Länge des siderischen Jahres aber tatsächlich 365,2563042 Tage beträgt, das Surya Siddhanta Jahr also um 0,0024516 Tage länger ist, verschiebt es sich gegenüber den Fixsternen in rund 400 Jahren um 1°. Während der Bezugspunkt um das Jahr 285 n. Chr.[2.2] der Stern chaitra (Spica, αVir) war, ist es heute der Stern τVir. Wegen der Präzession der Erdachse verschiebt sich der Frühlingspunkt gegen den Fixsternhimmel, und heute steht die Sonne dem Stern τVir etwa Mitte April gegenüber. Der Jahresanfang des Lunisolarjahres fällt gegenwärtig also in die Zeit zwischen Mitte März und Mitte April.
Die folgende Tabelle gibt den Jahresanfang für die nächsten Jahre an. Wegen der vielen Varianten der Kalenderrechnung kann das tatsächliche Datum um ein oder zwei Tage abweichen.[4]
Kali Yuga
Vikrama Samvat
gregorianisch
5116
2071
31. März 2014
5117
2072
20. März 2015
5118
2073
7. April 2016
5119
2074
28. März 2017
5120
2075
17. März 2018
5121
2076
5. April 2019
5122
2077
24. März 2020
5123
2078
12. April 2021
5124
2079
2. April 2022
5125
2080
22. März 2023
Der Monat
Der bürgerliche Monat ist vom Mondmonat zu unterscheiden.
Der Mondmonat
Ein Mondmonat beginnt bei Neumond bzw. Vollmond. Wenn der Monat mit Neumond beginnt und endet, ist es ein amana masa, wenn er mit Vollmond beginnt und endet, ist es ein purnimanta masa.
Ein Mondmonat besteht aus 30 Mondtagen (s. unten), die in zwei Hälften zu je 15 Mondtagen geteilt werden: Die helle Hälfte mit zunehmendem Mond, die bei Neumond beginnt und bei Vollmond endet, heißt sukla paksha, die dunkle Hälfte mit abnehmendem Mond, die bei Vollmond beginnt und bei Neumond endet, heißt krishna paksha.
Die 15 Tage der hellen Hälfte werden von 1 bis 15 gezählt und durch ein vorangestelltes „S“ (für sukla – hell) gekennzeichnet; die 15 Tage der dunklen Hälfte werden von 1 bis 14 und der letzte Tag mit 30 gezählt und durch ein vorangestelltes „K“ (für krishna – dunkel) gekennzeichnet.
In einem amanta-Monat folgt auf die erste, helle Hälfte die dunkle, zweite Hälfte, woraus sich die Zählung K 30 für den letzten Tag des Monats erklärt.
In einem purnimanta-Monat folgt auf die erste, dunkle Hälfte die helle, zweite Hälfte. Auch hier wird der letzte Tag der dunklen Hälfte K 30 gezählt, obwohl er in die Mitte des Monats fällt.[3.2]
Manchmal werden die einzelnen Mondtage auch mit Namen bezeichnet, die von den indischen Zahlwörtern[5] abgeleitet sind:[1.5]
Nr.
Name
1
pratipadā
2
dvitīyā
3
tŗitīyā
4
chathurtī
5
panchamī
6
shasthī
7
saptamī
8
ashtamī
9
navamī
10
daśamī
11
ekādasī
12
dvādasī
13
trayodasī
14
chartudasī
15
pūrņimā
30
amāvāsyā
Der bürgerliche Monat
Der bürgerliche Monat beginnt mit Neumond bzw. Vollmond, bevor die Sonne in ein neues Sternkreiszeichen tritt (samkranti).
Die Sonne braucht im Schnitt 30,43822963 Tage, um durch ein Sternkreiszeichen zu wandern. Wegen ihrer ungleichmäßigen Bewegung schwankt die Zeit aber zwischen 29,34806481 und 31,61057407 Tagen.[1.6] Der Mond braucht im Schnitt 29,53058796 Tage von Neumond zu Neumond bzw. Vollmond zu Vollmond. Wegen seiner ungleichmäßigen Bewegung schwankt die Zeit aber zwischen 29,246 und 29,817 Tagen.[3.3]
Wegen der unterschiedlichen Dauer kommt es vor, dass ein Mondmonat zu Ende geht, ohne dass die Sonne in ein neues Sternkreiszeichen eingetreten ist. In diesem Fall wird ein zusätzlicher bürgerlicher Monat eingeschaltet und das Jahr umfasst 13 Monate.
Ein eingeschalteter Monat wird als adhika bezeichnet und geht dem eigentlichen (nija) Monat voran.
Außerdem kommt es – wenn auch selten – vor, dass die Sonne während eines Mondmonats ein Sternkreiszeichen vollständig durchwandert und in ein zweites Sternkreiszeichen tritt. In diesem Fall wird ein bürgerlicher Monat ausgeschaltet.
Ein ausgeschalteter Monat wird als kshaya bezeichnet
Allerdings umfasst ein gebundenes Mondjahr immer 12 oder 13 bürgerliche Monate, so dass zwangsläufig früher oder später mindestens ein bürgerlicher Monat eingeschaltet wird.[3.4] Der bürgerliche Monat hat eine Länge von 29 oder 30 bürgerlichen Tagen (s. unten).
Die Monatsnamen
Die Monatsnamen sind sehr alt und haben eine lange Tradition. Die einzelnen Monate des Jahres haben in einem chaitrada-Jahr folgende Namen:[1.7]
Monat
indisch
deutsch
चैत्र
Caitra
वैशाख
Vaiśākha
ज्येष्ठ
Jyeṣṭha
आषाढ
Āsādha
श्रावण
Śrāvaņa
भाद्रपद
Bhādrapada
अश्विन्
Āśvina
कार्तिक
Kārtika
अग्रहायण
Agrahāyaṇa
पौष
Pauṣa
माघ
Māgha
फाल्गुन
Phālguna
In einem karttikadi-Jahr beginnt das Jahr mit dem Monat Kârttika.
Der Tag
Der Mondtag
Ein Mondmonat ist der vollständige Umlauf des Mondes um die Erde in Bezug auf die Sonne. Bei diesem Umlauf gewinnt der Mond im Laufe eines Mondmonats 360° Abstand zur Sonne. Ein Mondtag (tithi) ist nun die Zeit, in der der Mond jeweils 12° mehr Abstand zur Sonne gewinnt. Ein Mondtag dauert im Schnitt 23,62447222 Stunden.[1.8]
Der bürgerliche Tag
Der bürgerliche Tag wird nach dem Mondtag gezählt, in den der Sonnenaufgang fällt.[3.5]
Wegen der ungleichmäßigen Bewegung des Mondes ist die Dauer eines Mondtages jedoch sehr unterschiedlich; sie schwankt zwischen 21,57333333 und 26,10666667 Stunden.[1.9] Wegen der unterschiedlichen Längen von Mondtag und bürgerlichem Tag, kommt es vor, dass ein Mondtag zu Ende geht, ohne dass ein neuer bürgerlicher Tag begonnen hat. In diesem Fall wird bei der Tageszählung ein Tag übersprungen; z. B. folgt auf Mittwoch S 3 Donnerstag S 5.
Außerdem kommt es vor, dass während eines Mondtages zwei bürgerliche Tage beginnen. In diesem Fall wird bei der Tageszählung ein Tag zweimal gezählt; z. B. folgt auf Dienstag K 3 Mittwoch K 3.
Unterteilung des Tages
Der bürgerliche Tag wird in 60 gathas Unterteilt, diese in 60 palas und diese wiederum in 60 vipalas.
In der folgenden Tabelle sind gathas und Stunden und ihre Unterteilungen einander gegenübergestellt.[6.1]
indisch
westlich
1 gathikâ = 60 pala
24 Minuten
1 pala = 60 vipalas
24 Sekunden
1 vipala
0,4 Sekunden
westlich
indisch
1 Stunde
2 1/2 gathikâ
1 Minute
2 1/2 pala
1 Sekunde
2 1/2 vipalas
Nakshatra
Die Bahn, die der Mond in einem siderischen Monat durchläuft und für die der Mond 27,32167361 Tage[1.6] benötigt, wurde schon in früher Zeit[6.2] in 27 oder 28 Mondhäuser (nakshatra) unterteilt und nach der Sternkonstellation des jeweiligen Abschnitts benannt. Heute ist eine Einteilung in 27 gleich große Abschnitte von je 13° 20’ üblich. Die Namen der Mondhäuser und ihr Anfangspunkt sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt.[1.9]
Nr.
Name
Anfang
indisch
Transkription
Grad
Minuten
1
अश्विनी
aśvinī
0°
2
भरणी
bharaņī
13°
20
3
कृत्तिका
kŗttikā
26°
40
4
रोहिणी
rohiņī
40°
5
म्रृगशीर्षा
mṛgaśīrṣā
53°
20
6
आद्रा
ārdrā
66°
40
7
पुनर्वसु
purnavasu
80°
8
पुष्य
pushya
93°
20
9
आश्ळेषा
âśhleshâ
106°
40
10
मघा
maghâ
120°
11
पूर्व फाल्गुनी
pûrvaphâlgunî
133°
20
12
उत्तर फाल्गुनी
uttaraphâlgunî
146°
40
13
हस्त
hastâ
160°
14
चित्रा
chitrâ
173°
20
15
स्वाति
svâti
186°
40
16
विशाखा
viśâkhâ
200°
17
अनुराधा
anurâdhâ
213°
20
18
ज्येष्ठा
jyeshthâ
226°
40
19
मूल/मूळ
mûlam
240°
20
पूर्वाषाढा
pûrvaashâdhâ
253°
20
21
उत्तराषाढा
uttaraashâdhâ
266°
40
22
श्रवण
śravaņa
280°
23
श्रविष्ठा
śravishţhâ
293°
20
24
शतभिषक्
śatabhishaj
306°
40
25
पूर्वभाद्रपदा
pûrvabhâdrapada
320°
26
उत्तरभाद्रपदा
uttarabhâdrapada
333°
20
27
रेवती
revatî
346°
40
Yoga
Ein yoga ist die Zeit, in der sich Sonne und Mond zusammen um insgesamt 13°20’ bewegen, also um die Länge eine Mondhauses. Entsprechend gibt es 27 yogas. Ein yoga dauert im Schnitt 22,59575 und schwankt zwischen 20,88 und 24,60667 Stunden.[6.3] Die Namen der yogas sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt:[1.8]
Nr.
Name
1
vishkambha
2
prîti
3
ayushmat
4
saubhâgya
5
śobhana
6
atigaņda
7
sukarman
8
dhŗiti
9
śūla
10
gaņda
11
vŗiddhi
12
dhruva
13
vyâghâta
14
harshaņa
15
vajra
16
siddhi
17
vyatîpâta
18
varîyas
19
parigha
20
śiva
21
siddha
22
sādhya
23
śubha
24
śukla
25
brahman
26
indra
27
vaidhŗti
Karana
Ein karana ist die Zeit, in der der Mond ein halbes Mondhaus durchwandert, also ein halbes tithi. Neben vier festen Bezeichnungen (1/1, 29/2, 30/1 und 30/2) gibt es sieben Namen, die sich mehrfach wiederholen. Die folgende Tabelle gibt die Bezeichnungen der 30 karanas und ihre Zuordnung zu den tithis an:[1.10]
tithi
1. Hälfte.
2. Hälfte.
tithi
1. Hälfte.
2. Hälfte
Nr.
indisch
Transkription
indisch
Transkription
Nr.
indisch
Transkription
indisch
Transkription
1
किंस्तुघ्न
kiṃstughna
बव
bava
16
बालव
bālava
कौलव
kaulava
2
बालव
bālava
कौलव
kaulava
17
तैतिल
taitila
गरज
gara
3
तैतिल
taitila
गरज
gara
18
वणिज
vaņij
भद्रा
viṣhţi
4
वणिज
vaņij
भद्रा
viṣhţi
19
बव
bava
बालव
bālava
5
बव
bava
बालव
bālava
20
कौलव
kaulava
तैतिल
taitila
6
कौलव
kaulava
तैतिल
taitila
21
गरज
gara
वणिज
vaņij
7
गरज
gara
वणिज
vaņij
22
भद्रा
viṣhţi
बव
bava
8
भद्रा
viṣhţi
बव
bava
23
बालव
bālava
कौलव
kaulava
9
बालव
bālava
कौलव
kaulava
24
तैतिल
taitila
गरज
gara
10
तैतिल
taitila
गरज
gara
25
वणिज
vaņij
भद्रा
viṣhţi
11
वणिज
vaņij
भद्रा
viṣhţi
26
बव
bava
बालव
bālava
12
बव
bava
बालव
bālava
27
कौलव
kaulava
तैतिल
taitila
13
कौलव
kaulava
तैतिल
taitila
28
गरज
gara
वणिज
vaņij
14
गरज
gara
वणिज
vaņij
29
भद्रा
viṣhṭi
शकुनि
śakuni
15
भद्रा
viṣhṭi
बव
bava
30
चतुष्पाद
chatuṣhpada
नाग
nâga
Die Woche
Die Woche
Die siebentägige Woche ist babylonisch-griechischen Ursprungs und ist – ebenso wie in der westlichen Kultur – den damals bekannten sieben Wandelgestirnen zugeordnet. Die Namen entsprechen indischen Gottheiten und sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt:
Ein Panchanga (wörtlich: fünf Teile), der traditionelle Hindu-Kalender, gibt für jeden Tag außer dem Wochentag für die Zeit des Sonnenaufgangs auch tithi, nakshatra, yoga und karana[6.1] an.
Siehe auch
Liste der Kalendersysteme
Indischer Nationalkalender
Literatur
Friedrich Karl Ginzel Handbuch der mathematischen und Technischen Chronologie. Bd. 1: Zeitrechnung der Babylonier, Ägypter, Mohammedaner, Perser, Inder, Südostasiaten, Chinesen, Japaner und Zentralamerikaner, Leipzig 1906 [Reprint der Originalausgabe, Universität Innsbruck, o. J.] – (online in Internet Archive)
Robert Sewell, Sankara Balkrishna Dikshit: The Indian Calendar, London 1896 (als PDF-Datei)
Edward M. Reingold, Nachum Dershowitz: Indian Calendrical Calculations – The Millennium Edition. Cambridge 2001 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 12. März 2026]).
Leow Choon Lian, Indian Calendars, National University of Singapore, 2000/2001 (als PDF-Datei) (englisch)
↑Friedrich Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie; das Zeitrechnungswesen der Völker. Band1. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1906 (archive.org [abgerufen am 12. März 2026]).
↑Edward M. Reingold, Nachum Dershowitz: Indian Calendrical Calculations – The Millennium Edition. Cambridge 2001 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 12. März 2026]).
Der identifikatorische Habitus (IH) ist eine von dem seit 1996 am Südasien-Institut Heidelberg arbeitenden Indologen Axel Michaels für den Hinduismus postulierte Denkform. Michaels sieht in dem IH eine kulturelle Kraft, mit der er versucht, das Phänomen des Hinduismus zu erklären, der in westlicher Sicht keine einheitliche Religion darstellt, sondern ein Konglomerat an unterschiedlichen Lehren und Weltanschauungen. Die Frage ist daher, warum der Hinduismus dennoch als in sich abgeschlossenes Ganzes existiert. In seiner Monographie Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart (München 1998, ISBN 3-406-44103-3) schreibt Michaels:
"Die kohäsive Kraft, die die Hindu-Religionen zusammenhält und sie gegen fremde Einflüsse widerstandsfähig macht, bezeichne ich als 'identifikatorischen Habitus'. Ich messe ihm einen herausragenden Wert zu, weil er in besonderer Weise an die Deszendenz, die Abstammung des einzelnen, gebunden ist, die selbst den in Indien entscheidenden Heilsbezug hat. Identifikatorischer Habitus, Deszendenz und Heilsbezug bzw. Unsterblichkeit sind daher Schlüsselbegriffe meines Verständnisses der Hindu-Religionen." (S. 19)
Der IH ist: "die Festlegung einer Identität durch ihre Gleichsetzung mit etwas anderem. Ein Habitus, der im philosophischen Non-Dualismus des Vedānta ebenso steckt wie in der Methode der Ersetzung bei Opferritualen oder Askese, mit denen das Kastensystem 'arbeitet' und die Vielheit der Götter gleichermaßen einleuchtet wie der Monotheismus Indiens" (S. 21). Michaels entlehnt den Begriff des Habitus dabei aus der Soziologie, wie er zuerst von Max Weber und prägnant dann von Pierre Bourdieu verwendet wird, nämlich als objektive und subjektive Konditionierung und Praxis von Angehörigen bestimmter sozialer Klassen. Michaels erklärt, "Habitus" bezeichne: "kulturell erworbene Lebenshaltungen und -einstellungen, Gewohnheiten und Veranlagungen ebenso wie bewußte, zielgerichtete Handlungen oder mythologische, theologische bzw. philosophische Arte- und Mentefakte" (loc.cit.). Bourdieu habe dabei an den Begriff der totalen sozialen Tatsache von Émile Durkheim angeknüpft. Michaels schreibt über den IH als Code hindu-religiöser Identität:
"Weil Hindu-Religionen von einem solchen identifikatorischen Gleichheitsprinzip ausgehen, 'stören' sie auch weniger Oppositionen und Dichotomien. Sie haben gewissermaßer Ausgrenzung nicht nötig, weil das Andere immer schon das Eigene ist. Da sie von der prinzipiellen Einheit ausgehen, kann für sie Trennung und Harmonie bedeuten: die Aufrechterhaltung einer Spannung, die im Grunde keine ist. Der andere Gott kann der andere Gott bleiben, weil er im Grunde auch der eigene ist." (S. 22)
Michaels Begriff ist ein Beitrag zur Diskussion darüber, was den historisch positiven Hinduismus eigentlich in seiner Eigenart auszeichnet. Als unterschiedlichste Traditionen in der indischen Religionsgeschichte prägende Denkform müssen Parallelen zu dem Begriff des Inklusivismus, hier vor allem nach der Definition des Bonner Indologen Paul Hacker, gezogen werden.