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Bergentrückung

Noir24admin Sagen 22. Juni 2026
Der schlafende Kaiser Friedrich I. Barbarossa am Kyffhäuserdenkmal

Das literarisch-mythologische Motiv der Bergentrückung findet sich in unterschiedlicher Ausprägung in verschiedenen europäischen Kulturen. Gemeinsam ist allen diesen Vorstellungen, dass Personen aus der Welt der Menschen verschwinden, ohne zu sterben und sie in einer Unterwelt weiterleben; deshalb handelt es sich hier um eine besondere Form der Entrückung.

Die Verbreitung des Bergentrückungsmotivs

Im skandinavischen Kulturraum ist die Bergentrückung als bergtagning (dänisch bjaergtagning „Berg-Nehmung“) bekannt und findet sich beispielsweise schon in der Ynglingasaga. In dieser Erzählung wird der schwedische König Sveigdir von einem Zwerg in einen Stein gelockt und bleibt für immer verschwunden.[1]

Bergtagning ist eine zentrale Vorstellung im nordischen Troll-Glauben. Hierbei werden erwachsene Menschen beiderlei Geschlechts entführt, während beim verwandten Glauben an Wechselbälge Säuglinge und Kinder in die Gewalt übernatürlicher Wesen gelangen. Häufig wird ein Mensch an einem abgelegenen Ort in ein Haus gelockt, wo er Essen erhält. Wer die Gefahr rechtzeitig erkennt und das Essen ablehnt, dem kann die Flucht gelingen.[2]

In irisch-keltischen Sagen und Märchen spielen Feen eine große Rolle bei der Bergentrückung. Feen sind in dieser Vorstellungswelt keine guten Wesen, sondern wahrscheinlich Lebewesen einer den Menschen unterlegenen Art, die nun in der Unterwelt versteckt leben.[3] Diese Feenwesen nehmen nun Menschen zu sich in ihre unterirdische Welt, wobei die Ursachen dieser Entrückung dabei im irischen und skandinavischen Kulturraum sowohl selbstverschuldet als auch unverschuldet sein können und das Schicksal sowohl eine gute als auch eine schlechte Wendung für die betreffende Person nehmen kann.[4]

Bergentrückungen in der deutschen Überlieferung

Die Bergentrückung bezeichnet im deutschen Sprachraum ein Sagenmotiv, dem zufolge besonders Helden oder Herrscher nicht sterben, sondern in einen Berg entrückt werden, bis sie zurückkehren, um das Land von seinen Feinden oder vom Antichristen zu befreien.[5] Besonders der lange vorherrschende Volksglaube an die Rückkehr eines Friedenskaisers manifestiert sich in diesem Sagenmotiv. Die Entrückung stellt man sich oft als langen Schlaf vor.[6] Hintergrund ist die alte Vorstellung, wonach die Toten im Berg (außerhalb der irdischen Zeit) weiter fortleben.[7] Dass gerade Herrscher in einem Berg weiterleben, ist dabei ein speziell deutsches Motiv, im irisch/keltisch/angelsächsischen Kulturraum befinden sich Herrscher bis zu ihrer Rückkehr an anderen Orten, aber nicht in Bergen.

  • Karl der Große – im Desenberg, Donnersberg oder Odenberg, aber auch Friedrich II. oder Barbarossa ersetzend im Untersberg, Kyffhäuser oder Trifels
  • Friedrich II. – im Kyffhäuser, Untersberg oder Trifels; jeweils Karl den Großen oder Barbarossa ersetzend
  • Friedrich I. Barbarossa – Friedrich II. oder Karl den Großen ersetzend im Kyffhäuser, Untersberg oder Trifels
  • Heinrich der Vogler – Südemer Berg bei Goslar
  • Hedwig von Andechs mit ihrem schlafenden Heer in Schlesien
  • Die Kinder im Märchen vom Rattenfänger von Hameln

Speziell um die Kaiser rankt sich auch die Sage, nach der sie so lange schlafen würden, wie Raben um den Berg fliegen. Währenddessen wachse der Bart des Kaisers um einen Steintisch. Bislang reiche er zweimal herum und wenn die dritte Runde beendet sei, begänne das Ende der Welt. Wenn dann also die Raben nicht mehr um den Berggipfel fliegen, wird der Kaiser aufwachen und mit seinem Gefolge zum Birnbaum auf dem Walserfeld zum letzten Kampf zwischen Gut und Böse reiten, bei dem (hoffentlich) das Böse vernichtet und das Gute siegen wird. Doch wenn das „Böse“ gewinnt, wird es, laut der Sage, Feuer regnen, und die Reiter der Hölle werden dem Boden entsteigen und die Seelen aller sammeln.[8]

Bergentrückung als literarisches Motiv in Europa

Bekannt ist die literarische Umsetzung durch Friedrich Rückert im Gedicht Barbarossa, wo es heißt, dass Friedrich I., dessen Bart durch den Tisch gewachsen ist, wiederkehren und „des Reiches Herrlichkeit“ zurückbringen werde, wenn die Raben nicht mehr den Berg umkreisen. Ironisch wird der Gegenstand von Carl Amery (An den Feuern der Leyermark) behandelt, indem er Ludwig II. von Bayern unter dem Einfluss von Richard Wagner an Stelle der Abdankung „Kyffhäuserisieren“ lässt.

Der irischen Schriftstellerin Isabella Augusta Gregory und ihrem Buch Gods and Fighting Men zufolge soll der irische Krieger und Jäger Fionn mac Cumhaill mit weiteren Kriegern in einer Höhle irgendwo unter Irland schlafen und zurückkehren, wenn sein Jagdhorn dreimal ertönt. In dem Kinderbuch Weirdstone of Brisingamen lässt Alan Garner König Artus in Alderley Edge in Cheshire schlafen.

Die Bergentrückung bei anderen Völkern

Auch andere Völker und Kulturkreise kennen Personen und Berge, die mit schlafenden Helden verbunden sind. Zum Beispiel:

  • Bernardo Carpio, philippinischer Volksheld
  • Ein unbekannter Krieger im Berg Giewont in der polnischen Tatra
  • Königssohn Marko, ein serbischer König
  • Montezuma, ein Gottkönig der Indianer in einem Berg in Arizona
  • Wenzel von Böhmen soll der Legende nach mit seinen Kriegern im Berg Blaník schlafen.
  • Auf Sizilien gibt es die Legende, wonach Kaiser Friedrich II. im Ätna schlafe und nicht im Kyffhäuser, Trifels oder Untersberg.
  • Nach einer slowenischen Sage wartet König Matthias Corvinus im Berg Petzen mit seinen Mannen auf eine Weltschlacht.
  • Sieben Schläfer von Ephesus, Heiligenlegende im Christentum und im Islam (dort als „Gefährten der Höhle“, arabisch أصحاب الكهف, DMG aṣḥāb al-kahf)
  • Ghaiba, ein ähnliches Konzept aus dem schiitischen Islam
  • Holger Danske, eine dänische Sagengestalt

Ähnliche Erzählungen

Das Motiv der Entrückung eines Helden oder Herrschers an einen Ort fernab der Realität, von wo er zu gegebener Zeit zurückkehren würde, ist in vielen Regionen bekannt. Doch handelt es sich bei dem Ort der Entrückung nicht notwendigerweise um einen Berg. Einige Beispiele:

  • Nach einer portugiesischen Legende sei König Sebastian I. in der Schlacht von Alcácer-Quibir 1578 entrückt worden. Je nach Version befinde er sich entweder auf der Insel Incoberta oder in einem Kloster und warte dort auf seine Rückkehr als Herrscher.[9][10]
  • In der Arthussage und in den Artusromanen wird König Artus nach der legendären Schlacht von Camlann schwer verwundet zur Insel Avalon gebracht von wo er dereinst als zukünftiger König zurückkehren wird.
  • Dunmail, der letzte König von Cumbria, habe nach seinem Tod seine Krone im Grisedale Tarn versenken lassen. Einmal jährlich sollen seine Krieger die Krone aus dem See holen und Dunmail in seinem Grab im Dunmail Raise fragen, ob er bereit sei, wieder die Herrschaft zu übernehmen, was er aber stets verneine.
  • Nach einer englischen Legende würden die Töne von Francis Drakes Trommel ihn herbeirufen, wenn England in Gefahr sei.[11]
  • In der Hagia Sophia in Istanbul sei der Patriarch mit allen liturgischen Geräten in einer Wand der Kirche verschwunden, als er während des Falls Konstantinopels die Heilige Liturgie zelebrierte. Das darauf folgende Massaker an den Bürgern, die Zuflucht in der Hagia Sophia gesucht hatten, hätten wiederum nur zwei Mönche überlebt. Sie seien danach in die Galerie emporgestiegen und ebenfalls in der Wand verschwunden. Sobald die Stadt wieder christlich und die Hagia Sophia wieder eine Kirche sei, würden sie und der Patriarch zurückkehren und die Heilige Liturgie zu Ende lesen.[12]
  • Nach mehreren Verschwörungserzählungen sei während der Deutschen Antarktischen Expedition 1938/39 in Neuschwabenland ein riesiger militärischer Stützpunkt errichtet worden. Dorthin hätten sich 1945 mehrere hochrangige Nationalsozialisten und starke Truppenverbände zurückgezogen, um die Errichtung des Vierten Reichs vorzubereiten. Möglich sei dies, weil das Gebiet von heißen Quellen durchzogen sei, die für Energie und Wärme sorgten.[13][14] Dies kann als moderne Version der Legende von der Bergentrückung betrachtet werden.
  • Als es den US-Truppen während des Afghanistankriegs nicht gelang, Osama bin Ladens habhaft zu werden, spekulierten 2002 amerikanische Esoteriker, er könnte sich in die unterirdische Welt von Shambhala zurückgezogen haben, deren Eingänge an verschiedenen Orten in Afghanistan und Pakistan lokalisiert wurden.[15]

Literatur

  • Wolfgang Stammler: Bergentrückt. In: Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. (HWA), 9 Bände, 1927–1942, digitale Ausgabe des Nachdrucks von 1986. Directmedia, Berlin 2006, ISBN 3-89853-545-2, Sp. 2302–2326 (Original: HWA. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1927, Sp. 1056–1071). 

Einzelnachweise

  1. ↑ Katrin Alas: Von Schneewittchen bis zum Sohn des Pilzkönigs. Märchen- und Mythenstrukturen in den Werken Marie Hermansons. Dissertation. Universität Wien, Wien 2009, S. 77 (PDF; 1,3 MB).
  2. ↑ Elisabeth Hartmann: Die Trollvorstellungen in den Sagen und Märchen der skandinavischen Völker. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin 1936, S. 86, 101 f.
  3. ↑ C. S. Lewis: The Discarded Image: An Introduction to Medieval and Renaissance Literature. Cambridge University Press, Cambridge 1994, ISBN 0-521-47735-2, S. 122; Carole B. Silver: Strange and Secret Peoples: Fairies and Victorian Consciousness. Oxford University Press, New York 1999, ISBN 0-19-512199-6, S. 47.
  4. ↑ Katrin Alas: Von Schneewittchen bis zum Sohn des Pilzkönigs. Märchen- und Mythenstrukturen in den Werken Marie Hermansons. Dissertation. Universität Wien, Wien 2009, S. 77–79.
  5. ↑ Wolfgang Stammler: Bergentrückt. In: HWA. 2006, Sp. 2320 (= HWA. 1927. Band 1. Sp. 1068).
  6. ↑ Wolfgang Stammler: Bergentrückt. In: HWA. 2006, Sp. 2314 (= HWA. 1927. Band 1. Sp. 1064).
  7. ↑ Wolfgang Stammler: Bergentrückt. In: HWA. 2006, Sp. 2322 f. (= HWA. 1927. Band 1. Sp. 1069).
  8. ↑ Birnbaum auf dem Walser Feld, sagen.at
  9. ↑ Richard Andree: Robinsonader frȧn alla verldsdelar. Stockholm 1871, S. 30 ff.http://vorlage_digitalisat.test/1%3D%7B%7B%7B1%7D%7D%7D~GB%3DQl_QAAAAMAAJ~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3DPA30~doppelseitig%3D~LT%3DS.%2030%20ff.~PUR%3D
  10. ↑ Philipp Wolff-Windegg: Die Gekrönten. Sinn und Sinnbilder des Königtums. Ernst Klett, Stuttgart 1958, hier S. 275.
  11. ↑ John Mount. Drake’s Drum. paranormality.com.
  12. ↑ bastabalkana.com BaštaBalkana.com: Misterija Svete Sofije – šta sve u Aja Sofiji plaši Turke.
  13. ↑ Holm Hümmler: Neuschwabenland – Verschwörung, Mythos oder Ammenmärchen? In: Skeptiker. Nr. 3, 2013, S. 100–106.
  14. ↑ Summerhayes, C., & Beeching, P., (2007), Hitler’s Antarctic base: the myth and the reality, Polar Record, 43 (01), doi:10.1017/S003224740600578X
  15. ↑ Michael Barkun: A Culture of Conspiracy. Apocalyptic Visions in Contemporary America. University of California Press, Berkeley 2013, S. 167 f. Vgl. Osama in Shambhala? In: UFO Roundup 7 (1. Januar 2002), [1].



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Blondelsage

Noir24admin Sagen 22. Juni 2026
Richard Löwenherz
(aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts)

Die Blondelsage ist eine mittelalterliche Sage, die von der Suche des Troubadours Blondel nach seinem gefangenen Herrn und Freund, dem englischen König Richard Löwenherz, und von dessen Befreiung erzählt.

Historischer Hintergrund

König Richard Löwenherz soll 1191 während des Dritten Kreuzzugs bei der Eroberung von Akkon im Norden des heutigen Staates Israel zugelassen haben, dass die Fahne eines Bundesgenossen, des österreichischen Herzogs Leopold V., entehrt wurde. Daraufhin wurde er, als er sich auf der Rückreise nach England befand, am 21. Dezember 1192 bei Wien durch Truppen Leopolds gefangen genommen und für die Dauer des Winters auf der niederösterreichischen Burg Dürnstein inhaftiert. Zum Hoftag ab dem 28. März 1193 in Speyer wurde er an Heinrich VI., den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ausgeliefert, der über ihn zu Gericht saß. Mindestens vom 31. März bis zum 19. April 1193, möglicherweise auch bis zum 4. Februar 1194, wurde Richard dann auf der nahen Reichsburg Trifels festgehalten, die bei Annweiler im südlichen Pfälzerwald, dem deutschen Teil des Wasgaus, liegt. Schließlich kam Richard gegen ein hohes Lösegeld frei.

Im Artikel über Richard Löwenherz sind Einzelheiten zu den tatsächlichen Ereignissen beschrieben.

Sage

Burg Dürnstein in Niederösterreich
Reichsburg Trifels im Pfälzerwald

In ihrer frühesten Form wurde die Sage um 1260 in den sogenannten Récits d’un Ménestrel de Reims, einer sagenhaften Kreuzzugschronik, erzählt. Die mithin erst im 13. Jahrhundert entstandene Blondelsage wurde im Laufe der Zeit ausgeschmückt und entfernte sich dabei immer mehr vom tatsächlichen Geschehen, nämlich der Freilassung Richards nach diplomatischen Verhandlungen und Zahlung eines Lösegelds. Unhistorisch ist vor allem die Episode einer kämpferischen Befreiung durch Blondel, unterstützt von einer Schar Gesinnungsgenossen, wie sie bezüglich des Trifels in Umlauf kam; zeitgenössische Chronisten berichten nichts davon. In Österreich, wo die Sage in ähnlicher Form hinsichtlich der Burg Dürnstein existiert, auf welcher Richard vor seiner Gefangenschaft auf dem Trifels festgehalten wurde, ist von einer gewaltsamen Befreiung nicht die Rede.

Übereinstimmend wird in den verschiedenen Versionen der Sage berichtet, der Sänger Blondel sei auf der Suche nach Löwenherz im Heiligen Römischen Reich von Burg zu Burg gezogen und habe zur Nachtzeit vor jeder Burg sein Lied gesungen. Auf Burg Dürnstein oder auf dem Trifels habe ihm Löwenherz aus dem Kerker singend geantwortet, so dass Blondel nun den Ort der Gefangenschaft des Königs kannte. Daraufhin habe der Sänger die Befreiung des Königs veranlasst.

Der Wiener Dramatiker Johann Gabriel Seidl behandelte den Stoff in einer Ballade:

Blondels Lied[1]
Spähend nach dem Eisengitter
Bei des Mondes hellem Schein,
Steht ein Minst’rel mit der Zither
Vor dem Schlosse Dürrenstein,
Stimmt sein Spiel zu sanfter Weise
Und beginnt sein Lied dazu,
Denn ein Ahnen sagt ihm leise:
Suche treu, so findest du!
In den folgenden Strophen zitiert Seidl Blondels Lied. Dann heißt es:
Horch, da tönt es leise, leise
Aus dem Burgverlies empor,
Eine wohlbekannte Weise
Klingt an Blondels lauschend Ohr.
Wie ein Freundesruf, ein trauter,
Schallt sein eigen Lied ihm zu,
Und sein Ahnen sagt ihm lauter:
Suche treu, so findest du!
Zuletzt eilt Blondel mit der Kunde über Löwenherz’ Versteck zurück nach England und erreicht, dass der König freigekauft wird:
Rings umstaunt vom frohen Kreise,
Stürzt der Held dem Sänger zu;
Gut bewährt hat sich die Weise:
Suche treu, so findest du!

Der pfälzische Lokalhistoriker Friedrich Wilhelm Hebel beschrieb die Begebenheit in seinen literarischen Sagenbearbeitungen 1912, in einer Zeit des Historizismus, folgendermaßen:

Richard Löwenherz auf Trifels[2]
König Richard Löwenherz von England hatte auf einem Kreuzzuge auf den Wällen von Ptolemais die Fahne Leopolds von Österreich beschimpft und wurde von diesem bei seiner Rückreise gefangengenommen und nach Dürrenstein an der Donau gebracht. Doch Heinrich VI. meinte, nur ein Kaiser dürfe einen König gefangenhalten, und brachte den Löwenherz auf den Trifels, wo er zehn Monate lang der Freiheit beraubt war.
Niemand wusste den Aufenthalt des löwenmutigen Helden. Sein treuer Sänger Blondel zog singend von Schloss zu Schloss, den guten König zu suchen. Einst kam er vor die Burg Trifels und ließ sein Lied erklingen, das nur ihm und dem König bekannt war. Als die erste Strophe geendet hatte, scholl die zweite als Antwort aus dem Turme. "O Richard, o mein König!", rief Blondel dem Einsamen zu.
Er eilte rasch zu Tale und rückte bald mit fünfzig Mannen zum Trifels und stürmte ihn trotz heftiger Gegenwehr. Und wieder klang das Lied der Freunde durch die weiten Hallen und soll auch heute noch in einsamen Stunden dort gehört werden.

Deutungen

Es waren hauptsächlich englische Chronisten, die berichteten, dass Richard im dunklen Kerker schmachten musste. Andere Chronisten berichten dagegen von einer ehrenvollen Behandlung.

Die Beschreibung der strengen Haftbedingungen ist sehr übertrieben; denn König Richard war zu wertvoll, als dass der deutsche Kaiser ihn hätte schlecht behandeln können. Für Heinrich VI. war der gefangene Richard nicht nur eine Geldquelle, sondern auch ein Faustpfand gegen die welfische Fürstenopposition unter Führung Heinrichs des Löwen, des Schwagers von Richard Löwenherz. Dieser hatte Heinrich den Löwen bereits früher immer wieder aktiv gegen Heinrich VI. unterstützt. Um nicht an den ihm feindlich gesinnten König Philipp II. von Frankreich ausgeliefert zu werden, betätigte sich Richard sogar als Diplomat und arbeitete an der Aussöhnung zwischen Heinrich VI. und den aufständischen Fürsten.

Aus Richards Briefen und aus Berichten neutraler Zeitzeugen stellte der Historiker Theodor Toeche (1837–1919) im Jahre 1867 folgendes Bild zusammen:

„Er durfte sich, von deutschen Rittern gefolgt, frei bewegen. Der Verkehr mit seinen Freunden und Landsleuten, die von England herüberkamen, ihm zu huldigen oder zu raten, wurde nicht gehindert. Nur des Nachts musste er allein sein. Der Frohsinn verließ den König auch hier nicht; wer ihn sah, fand ihn launig und heiter. Die größte Belustigung gewährte ihm, mit den Wächtern sein Spiel zu treiben, sie im Ringkampf mit meisterlicher Gewandtheit zu bewältigen oder im Zechgelage sie sämtlich trunken zu machen und allein obenauf zu bleiben.“[3]

Musik

Die Sage über den Troubadour Blondel wurde im 18. Jahrhundert wiederentdeckt und später in verschiedenen Musikdisziplinen thematisiert:

  • Populär wurde die Blondelsage zunächst durch die Oper Richard Cœur-de-Lion von André-Ernest-Modeste Grétry (1784).
  • Robert Schumann vertonte die Ballade von Johann Gabriel Seidl im Oktober 1840 als Lied für eine Singstimme und Klavier.[4] Das Lied erschien zuerst 1842 in einem Supplement zum Almanach Orpheus, dann 1845 als op. 53,1 in der Sammlung Romanzen und Balladen Heft III.
  • Das 1983 uraufgeführte Musical Blondel von Tim Rice (Buch, Texte) und Stephen Oliver (Musik) basiert sehr frei auf der Sage. Nach dem Script des Musicals dienen Blondels Bemühungen, König Richard Löwenherz zu retten, in Wahrheit dem Ziel, Ruhm als Popstar zu erlangen.
  • Der pfälzische Liedermacher Ferdinand Ledwig, der in mittelalterlicher Kostümierung unter dem Namen Ferdinand der Sänger auftritt, besingt die Blondelsage in seiner CD Hans Spielmann spiele auf; er hält sich dabei recht eng an die literarischen Vorgaben.

Literatur

  • Friedrich Wilhelm Hebel: Pfälzisches Sagenbuch. Verlag Wellhöfer, Mannheim 2006, ISBN 978-3-939540-01-4 (Nachdruck der Erstausgabe von 1912). 
  • Hans Reither, Helmut Seebach: Der englische König Richard I. Löwenherz als Gefangener auf Burg Trifels (= Beiträge zur Trifelsgeschichte. Heft 1). Verlag Bachstelz, Mainz-Gonsenheim 1999, ISBN 3-924115-14-1. 
  • Récits d’un Ménestrel de Reims. Edition Natalis de Wailly, Paris 1876. 

Einzelnachweise

  1. ↑ Johann Gabriel Seidl: Blondels Lied (1840). oxfordlieder.co.uk, abgerufen am 17. August 2021. 
  2. ↑ Friedrich Wilhelm Hebel: Pfälzisches Sagenbuch. Der englische König Richard I. Löwenherz als Gefangener auf Burg Trifels. Mannheim 2006 (Nachdruck der Erstausgabe von 1912). 
  3. ↑ Theodor Toeche: Kaiser Heinrich VI. In: Jahrbücher der Deutschen Geschichte. Leipzig 1867 (Nachdruck Darmstadt 1965). 
  4. ↑ Robert Schumann: Blondels Lied. Beitrag für den Orpheus 1842. Digitalisierung: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, abgerufen am 30. Juni 2015. 



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Brotfrevel

Noir24admin Sagen 22. Juni 2026

Der Brotfrevel ist ein Begriff aus der mittelalterlichen Sage. Man begeht Brotfrevel, indem man mit dem Nahrungsmittel Brot ehrlos und verschwenderisch umgeht. Meist wird dabei die achtlose und nicht sinngemäße Verwendung oder ein unterlassenes Teilen mit Hungernden aus egoistischen oder stolzen Gründen gemeint. In Sagen und Märchen wird Brotfrevel meist durch eine übernatürliche Instanz bestraft.[1][2]

In der Sage der Stolzenburg in der Eifel wurden die Burgherren für das Verwenden von hartgebackenem Brot für Kegelspiele und für das anschließende Verfüttern dieses Brotes an ihre Nutztiere anstatt an ihre armen Untertanen vom Herrgott mitsamt ihrer Burg versenkt.[3]

Einzelnachweise

  1. ↑ Mythos Brot, Symbolik und Bräuche. In: Märkisches Landbrot GmbH. 2019, abgerufen am 22. Juli 2019. 
  2. ↑ Unser tägliches Brot. In: Katholische Pfarrei St. Mauritius & St. Elisabeth. 7. Februar 2014, abgerufen am 22. Juli 2019. 
  3. ↑ Sophie Lange: Stolzenburg auf steiler Höhe. In: Jahrbuch 1999 für den Kreis Euskirchen. Kreis Euskirchen, 1999, S. 102 f.



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Alpharts Tod

Noir24admin Sagen 22. Juni 2026
Wittich u. Heime überfallen Alphart.

Das Epos von Alpharts Tod, um 1250 entstanden, ist Teil der Dietrichepik und den in Versform überlieferten Sagen um Dietrich von Bern. In den Prosaüberlieferungen des Mittelalters (siehe Thidrekssaga) ist es nicht überliefert. Es behandelt den Tod des jungen Alphart, Neffe von Hildebrand, in einem unfairen Kampf mit Witege (= Wittich) und Heime, die ihn nur mit vereinter Kraft besiegen können.

Inhalt

Erste Seite von Alpharts Tod. Staatsbibliothek Berlin Ms. germ. fol. 856 fol. 2r.

Die folgende Inhaltsangabe folgt der Nacherzählung in Hechts „Deutsche Heldensagen“. Alphart, Neffe von Dietrichs Waffenmeister Hildebrand, zieht trotz Widerspruch und Bedenken seines älteren Bruders Wolfhart und König Dietrichs selbst aus, um die Schlachtordnung von Ermanarichs Heer auszuspähen. Ermanarich, Onkel Dietrichs, will Dietrichs Reich selber beherrschen und will Dietrich vertreiben. Hildebrand reitet Alphart in fremder Rüstung nach und versucht ihn zu besiegen, um ihn so von seinem Plan abzubringen. Doch Alphart gewinnt den Kampf und nur weil Hildebrand sich zu erkennen gibt, kann er sein Leben retten und kehrt unverrichteter Dinge heim. Alphart reitet weiter und stößt auf einen berittenen 40-köpfigen Kundschaftertrupp Ermanarichs unter Leitung von Herzog Wülfing. Er besiegt nach einem Streitgespräch, in dem er sich nicht zu erkennen gibt, Wülfing und dann fast alle übrigen aus dessen Schar im Einzelkampf; als nur noch 8 übrig sind, fliehen sie zurück zu Ermanarich. Ermanarich bietet, als kein anderer es wagt, gegen Alphart zu ziehen, Witege auf. Dieser reitet los, ihm folgt heimlich sein Konkurrent Heime. Witege findet den Kampfplatz mit den erschlagenen Recken, der dort verbliebene Alphart gibt sich wieder nicht zu erkennen und fordert ihn zum Kampf. Alphart stößt im Speerkampf Witege vom Pferd und betäubt ihn durch Schwerthiebe auf den Helm. Alphart tötet den wehrlosen Witege nicht, sondern wartet, dass er aufwacht. Heime kommt heran, um Witege zu helfen. Sein Schlichtungsversuch schlägt fehl. Witege erwacht aus der Ohnmacht und fordert Heime auf, gemeinsam mit ihm gegen Alphart zu kämpfen. Dieser lehnt das erst ab, doch angestachelt von Witege, beginnt er den Kampf mit Alphart, Witege dringt gleichzeitig auf Alphart ein, der schließlich von Heime eine tiefe Kopfwunde erhält und niedersinkt, worauf Witege ihm das Schwert in den Leib stößt.

Der Artikel zu Alphart gibt den Inhalt und Zeitpunkt (Rabenschlacht) etwas anders wieder (siehe Diskussion).

Motive

  • Der Kampf zwischen Verwandten: wie im Hildebrandslied kämpft ein älterer (hier Onkel statt Vater) gegen seinen jüngeren Verwandten. Im Unterschied zum Hildebrandslied gewinnt aber der Junge.
  • Ritterlichkeit: die Reiter des Spähtrupps, die zuerst auf Alphart treffen, kämpfen nur einzeln gegen Alphart. Dass Wittich und Heime später gemeinsam gegen Alphart kämpfen, wird als unehrlich und schimpflich dargestellt.

Literatur

  • Elisabeth Lienert u. Viola Meyer (Hrsg.): Alpharts Tod. Dietrich und Wenezlan, Textgeschichtliche Ausgabe (Gebundene Ausgabe), 1. Auflage Tübingen: Niemeyer 2007, ISBN 3-484-64503-2
  • Alpharts Tod, S. 62–73 aus: Deutsche Heldensagen, nacherzählt von Gretel und Wolfgang Hecht. Frankfurt am Main: insel taschenbuch 345, 1980, Seite 7–95 und Seite 383–387, (Ausgabe textgleich mit dem Buch gleichen Titels aus dem Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1969)

Weblinks zu Sagenstoffen

  • Alpharts Tod
  • Übersetzung Karl Simrock
Dietrichepik

Historische Dietrichepik
Dietrichs Flucht | Rabenschlacht | Alpharts Tod

Aventiurehafte Dietrichepik
Virginal | König Laurins Rosengarten | Der Rosengarten zu Worms | Das Eckenlied | Goldemar | Sigenot | Der Wunderer | Dietrich und Wenezlan

Weitere Werke mit Dietrich von Bern
Hildebrandslied | Jüngeres Hildebrandslied | Nibelungenlied | Thidrekssaga | Ermenrichs Tod




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Amys und Amylion

Noir24admin Sagen 22. Juni 2026

Die Sage von Amys und Amylion lässt sich in verschiedenen Kulturen von Indien bis zum Atlantik nachweisen. Amys und Amylion werden auch als Orestes und Pylades der mittelalterlichen Dichtung bezeichnet.

Christianisierte Fassung

In ihrer christianisierten Fassung, die von einem Kleriker vor dem 14. Jahrhundert erstellt wurde, handelt sie von zwei geschworenen Brüdern. Die Geschichte enthält mehrere Wundererzählungen, die als Beweise für die Liebe und Treue zwischen den beiden dienen. Nach ihrem Tod im Kampf für Karl den Großen werden sie zunächst getrennt bestattet. Doch im Laufe der Nacht bewegen sich ihre Leichname aufeinander zu, bis sie am nächsten Morgen nebeneinander liegend gefunden werden. Der Schilderung dieses Ereignisses gehen die Worte voraus: "So wie Gott sie im Leben durch Eintracht und Liebe verbunden hatte, so wollte er nicht, dass sie im Tode voneinander getrennt würden." (Vgl. Markus 10,9 und Matthäus 19,6.)

Literatur

  • Françoise Le Saux (Hrsg.): Amys and Amylion. Exeter 1993, ISBN 0-85989-411-8



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