Die Detmolder Kindermumie bei der Weltmumienausstellung 2010 in den USA
Detmolder Kindermumie (englischDetmold Child) ist der Name einer Baby-Mumie, die in Peru gefunden wurde. Sie ist rund 6500[1] Jahre alt, was sie zu einer der ältesten erhaltenen Mumien weltweit macht.[2]
Herkunft und Untersuchungen
Die Mumie wurde nach dem Besitzer, dem Lippischen Landesmuseum in Detmold in Nordrhein-Westfalen, benannt.[3] Vorbesitzer war das Völkerkundliche Museum Witzenhausen, das die Mumie 1987 als private Schenkung erhalten hatte. Als die Kindermumie von Schimmel befallen wurde, schenkte das Museum sie 1987 dem Lippischen Landesmuseum, wo sie fachgerecht konserviert wurde.
Erst 2010 erkannten Wissenschaftler der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim im Rahmen ihres German Mummy Projects die kulturhistorische Bedeutung. Durch ihre Untersuchungen wurde das hohe Alter der Mumie bekannt. Bis 2014 wurde die Kindermumie drei Jahre lang in der Ausstellung „Mummies of the World“ in den USA gezeigt.[4]
Physische Charakteristika
Laut den Untersuchungen der Reiss-Engelhorn-Museen im Rahmen des German Mummy Projects starb das Detmold-Kind im Alter von 8–10 Monaten. Es hatte einen seltenen Herzfehler (Hypoplastisches Linksherz-Syndrom).[5] Zudem litt es an Vitamin-D-Mangel und weist eine abnorme Schädelform auf, die durch eine frühe Schließung der Schädelknochen verursacht ist. Das Kind litt auch an einer Infektion der Lungen, möglicherweise durch Tuberkulose oder Lungenentzündung verursacht, was zum Tode mit beigetragen haben dürfte.[6] Der Körper befindet sich in einer für die Region und die Kultur typischen Bestattungshaltung und wurde in Leinen gewickelt. Um den Hals der Mumie war ein Amulett gelegt worden, wie ein CT-Scan offenbarte.[5]
Literatur
Rogier Meyer: Von „grauen“ und „braunen“ Mumien – präkolumbianische Mumien aus dem Lippischen Landesmuseum Detmold. In: Alfried Wieczorek (Hrsg.): Mumien. Der Traum vom ewigen Leben. Philipp von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3779-3, S.353–355 (Begleitband zur Sonderausstellung „Mumien – der Traum vom Ewigen Leben“).
Die Diepholzer Mumie wurde Ende Juli 2013 bei Renovierungsarbeiten auf einem Dachboden im niedersächsischen Diepholz gefunden und löste in den folgenden Monaten ein deutschlandweites Medieninteresse aus. Während ihr Sarkophag und die Beigaben bereits kurz nach der Entdeckung als moderne, wohl um 1950 entstandene ägyptisierende Stücke identifiziert werden konnten, war zunächst unklar, ob die Mumie selbst altägyptischen Ursprungs war oder ob es sich um eine moderne Fälschung handelte. Ende September wurde die Mumie geöffnet, wobei sich der vermeintliche Leichnam als präpariertes Plastikskelett entpuppte, das allerdings mit einem echten menschlichen Schädel kombiniert war.[1]
Entdeckung
Die „Mumie“ wurde Ende Juli 2013 durch den zehnjährigen Sohn eines Diepholzer Zahnarztes im großmütterlichen Haus gefunden. Aufgrund von Reparaturarbeiten am Dach war auf dem Dachboden ein Bereich freigeräumt worden, in dem der Junge auf drei zuvor für Jahrzehnte unbeachtet gebliebene Kisten stieß. Beim Öffnen der Kisten fand sich in der größten ein hölzerner Sarkophag sowie in den beiden kleineren eine Totenmaske und ein Kanopenkrug. Im Inneren des Sarkophages lag eine 1,60 m große, bandagierte menschenähnliche Mumie mit vor der Brust gekreuzten Armen.[2]
Untersuchung
Bereits kurz nach Bekanntwerden des Fundes äußerte der damals in München tätige Ägyptologe Alexander Schütze Zweifel an der Echtheit der Mumie. Er bekräftigte die Vermutung des Finders, dass Sarkophag und Beigaben modernen Ursprungs waren. Weiterhin wies er darauf hin, dass die Armhaltung der Mumie mit gefalteten Händen für keine Epoche der altägyptischen Geschichte typisch gewesen sei. Auch die Stellung und die Proportionen der Oberarme ließen ihn zweifeln, ob sich unter den Binden tatsächlich ein menschlicher Körper befinde.[3]
Ende August kam es zu einer ersten Untersuchung durch einen mit dem Finder befreundeten Ägyptologen von der Freien Universität Berlin. Da zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Röntgen-Untersuchung möglich war, musste dieser sich auf oberflächliche Untersuchungen beschränken. Dabei wurde bestätigt, dass die Mumie im 20. Jahrhundert hergestellt worden war, da ihre Bandagen als maschinell gewebtes Leinen identifiziert werden konnten. Ein Ablösen der Bandagen erwies sich als unmöglich, ohne die Mumie dabei zu beschädigen.[4]
Weitere Erkenntnisse erbrachte eine Untersuchung mittels Computertomographie am 29. August in Diepholz. Hatte der Finder zuvor noch die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich bei der Mumie lediglich um eine Puppe handeln könnte, zeigten sich unter den Bandagen nun offenbar menschliche Knochen. Die Mumie besaß einen menschlichen Schädel mit heruntergeklapptem Unterkiefer. Um die Stirn trug sie ein metallisches Band, von dem zu diesem Zeitpunkt angenommen wurde, dass es aus Gold gefertigt sein könnte. In der linken Augenhöhle wurde eine Pfeilspitze entdeckt. Die Halswirbelsäule fehlte. Die Knochen des Brustkorbes und der Hüften schienen eng zusammengedrückt und waren auf den CT-Aufnahmen nur verschwommen zu erkennen, was darauf hindeutete, dass sie mit einem metallischen Stoff behandelt worden waren. Der Rücken der Mumie war auf einem Holzbrett fixiert, auf dem der untersuchende Radiologe eine Bemalung mit Hieroglyphen zu erkennen glaubte.[4]
Der Leiter des Instituts für Mumien an der Europäischen Akademie Bozen Albert Zink und der stellvertretende Direktor des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden Wolfgang Jahn äußerten am 11. September auf Grundlage der CT-Aufnahmen Zweifel an der ägyptischen Herkunft der Mumie. Ihnen zufolge sind der Kopfschmuck und die Metallgegenstände im Rumpfbereich untypisch für die altägyptische Mumifizierungspraxis. Ihr Hauptindiz war aber die Pfeilspitze, die sie als einen Typ identifizierten, der ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. in ganz Europa und im arabischen Raum verwendet wurde, nicht jedoch in Ägypten.[5]
Am 4. September wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Verden ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet hatte, um Alter und Todesursache der Mumie eindeutig zu klären. Die Untersuchungen sollen durch die Rechtsmedizin in Hamburg durchgeführt werden. Die Veröffentlichung von ersten Ergebnissen war zunächst für Mitte Oktober angekündigt worden,[6] jedoch wurde nach dem Öffnen der Mumienbinden bereits am 25. September ein erster Bericht abgegeben. Nach Aussage des Verdener Staatsanwaltes Lutz Gaebel habe die Entfernung der Binden gezeigt, dass lediglich der Schädel tatsächlich von einem Menschen stamme. Bei den Gegenständen im Brustbereich handelte es sich hingegen nicht um menschliche Knochen, sondern um Kunststoff-Knochen. Weiterhin enthielt die Mumie Füllmaterial wie etwa Küchenpapier. Die nach der CT-Untersuchung geäußerte Vermutung, dass die vermeintlichen Knochen im Brustbereich mit einer noch nicht identifizierten Substanz behandelt worden waren, wurde von der Staatsanwaltschaft bestätigt. Die zunächst als frühmittelalterlich angesehene Pfeilspitze entpuppte sich als Kinderspielzeug. Auch bei dem vermeintlichen Stirnband handelte es sich lediglich um metallhaltiges Klebeband. Lediglich der Schädel soll noch weiteren abschließenden Untersuchungen unterzogen werden, laut Gaebel sei es aber sehr wahrscheinlich, dass es sich um einen Präparationsschädel handle, wie er in der medizinischen Ausbildung genutzt wird.[7][8][9]
Herkunft
Der Finder vermutet, dass sein mittlerweile verstorbener Vater die Mumie auf einer Nordafrika-Reise erworben habe. Als Student besuchte er in den 1950er Jahren einen Freund in der libyschen Stadt Darna. Die genauen Details der Reise und des Erwerbs der Mumie sind jedoch unbekannt. Zumindest können für den Erwerb und Transport keine größeren Summen geflossen sein, da der Vater des Finders während seiner Studienzeit lediglich über bescheidene finanzielle Mittel verfügte.[10]
Nach einer Anfang August 2013 getätigten Äußerung der Ägyptologin Regine Schulz, Direktorin des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim, könnte diese Herkunftstheorie durchaus plausibel sein. Bis in die 1950er Jahre sei es in Ägypten gängige Praxis gewesen, altägyptische Mumien für den europäischen Markt aufzubessern und auch Teile verschiedener Mumien zu einer Ganzen zusammenzufügen.[11] Gelegentlich, so bei der Persischen Mumie, werden Fälschungen auch mit Toten aus moderner Zeit angefertigt.
Staatsanwalt Lutz Gaebel äußerte bei der Bekanntgabe der ersten Untersuchungsergebnisse der Hamburger Rechtsmedizin am 25. September 2013 eine ganz andere Vermutung: Angesichts des Schädels, der wohl als Lehrpräparat diente, hält er es für möglich, dass die Herstellung der kompletten Mumie lediglich auf einen Studentenscherz zurückzuführen ist.[12]
In einem Beitrag auf bild.de wurde am 10. Oktober 2013 die Vermutung geäußert, dass der Finder Kettler die Mumie selbst in einer direkt an seine Zahnarztpraxis angrenzenden Werkstatt hergestellt haben könnte. Der Finder bestritt diese Vorwürfe.[13]
Reaktionen
Der Kulturrat der ägyptischen Botschaft in Deutschland Mamdouh Eldamaty hielt es kurz nach Bekanntwerden des Fundes für sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem eigentlichen Leichnam tatsächlich um eine altägyptische Mumie handelte. Er ging davon aus, dass sie in den 1950ern illegal nach Deutschland gelangt sei und sprach sich für eine Rückführung nach Ägypten aus. Eldamaty hielt es weiterhin aufgrund der gefundenen Pfeilspitze und des vermutlich goldenen Stirnbands, das nur von hochgestellten Persönlichkeiten getragen wurde, für möglich, dass es sich bei dem Toten um einen ermordeten Königssohn handelte.[14]
Wenige Tage nach Veröffentlichung der CT-Untersuchungen meldete sich Prä-Astronautik-Autor Erich von Däniken zu Wort und behauptete, bei der Mumie würde es sich um ein von Außerirdischen erschaffenes Mischwesen aus Mensch und Tier handeln.[15]
Hl. Virginia Centurione Bracelli im Habit der Schwestern Unserer Lieben Frau von der Zuflucht auf dem Kalvarienberg
Virginia Centurione Bracelli NSRMC (* 2. April 1587 in Genua; † 15. Dezember 1651 in Genua) war eine Ordensgründerin und Mystikerin. Papst Johannes Paul II. sprach sie 1985 in ihrem Geburtsort selig und 2003 heilig.
Kirchengeschichtliche Umstände
Der fast unverweste Leib Sr. Virginia Centurione Bracellis
Im 16. Jahrhundert kam es zur protestantischen Reformation und parallel dazu zu einer tiefgehenden Reform der katholischen Kirche. In Italien hatten die Küstenrepubliken ihre zuvor starke Stellung im Handel mit dem Nahen und Fernen Osten, etwa bei den Gewürzen, eingebüßt. Durch die Entdeckung der Neuen Welt und weiterer Seewege verlagerten sich Handelsströme nach Spanien und Portugal. Norditalien lag im Spannungsfeld der Großmächte, der Kirchenstaat war militärisch schwach. Genua regierte über Korsika.
Leben
Die Herzogstochter musste gegen ihren Willen im Alter von 15 Jahren heiraten und gebar in der Ehe mit Gaspare Grimaldi Bracelli zwei Töchter, Lelia und Isabella. Ihre Ehe war unglücklich: Ihr Mann verspielte sein Geld und brach die versprochene Treue.[1] Fünf Jahre nach der Heirat starb er. Virginia erzog ihre Kinder im Hause der Schwiegereltern. In diesen schweren Jahren entwickelte sich ihre Berufung zur Nächstenliebe. Die junge Witwe folgte nicht dem Rat ihres Vaters, sich noch einmal standesgemäß zu verheiraten, sondern widmete sich den Armen, den Kranken und den Alten.[1] In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Genua und Savoyen in den Jahren 1624 und 1625 bot sie Verfolgten eine Heimstatt. Als die Schwiegermutter 1625 gestorben war, gründete Virginia das Zentrum des Herrn der Barmherzigkeit, des Beschützers der Armen, Jesus Christus.
Sechs Jahre später kümmerte sich Virginia in einem weiteren Anwesen um die Versorgung von Pestkranken und Hungernden. Die von ihr geleitete Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von der Zuflucht auf dem Kalvarienberg (Suore di Nostra Signora del Rifugio in Monte Calvario), auch Brignolininnen genannt, linderte die Nöte von über 300 Bedürftigen. 1641 verzichtete Sr. Virginia auf die Leitung des Armenhauses und der Ordensgemeinschaft, weil sie sich ganz der Arbeit für die Armen auf der Straße widmen wollte.[1] In Meinungsverschiedenheiten der Stände in Genua konnte sie sich oft als Vermittlerin bewähren, und sie wurde auch als Mystikerin angesehen.
Verehrung
Die Reliquien Sr. Virginia Centurione Bracellis befinden sich heute im Mutterhaus im genuesischen Stadtviertel Marassi. Ihr Heiligenfest ist am 15. Dezember.
Literatur
Ekkart Sauser: Virginia Centurione Bracelli. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 22, Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-133-2, Sp. 1484 (Artikel/Artikelanfang im Internet-Archive).
Die Chemnitzer Teermumie (gestorben 1884) ist eine mumifizierte Leiche, die im Sächsischen Industriemuseum Chemnitz seit 2003 ausgestellt wird.
Im Jahre 1884 fand man in einem Teerbehälter des Städtischen Gaswerkes Chemnitz 1 den Leichnam eines unbekannten, 1,66 m großen Mannes in Arbeitertracht. Die Todesursache konnte nicht geklärt werden. Da die Leiche keine Anzeichen für ein Gewaltverbrechen aufwies, wurde sie zur Beerdigung freigegeben. Nach 23 Jahren, im Jahre 1907, wurde der Leichnam vom Gerichtsmedizinischen Institut Leipzig exhumiert und untersucht. Dabei zeigte sich, dass die Leiche völlig mumifiziert war.
Der Körper und die Arbeitskleidung sind infolge der konservierenden Wirkung der bei der Gaserzeugung aus Kohle entstehenden Teerderivate bis heute erhalten.
Cladh Hallan ist ein archäologischer Fundplatz auf der Schottischen Insel South Uist der äußeren Hebriden. Er ist der einzige Fundplatz in Großbritannien, an dem prähistorische Mumien gefunden wurden, die gleichzeitig die ältesten Mumien Europas sind.
Ausgrabung
Cladh Hallan
Zwischen 1988 und 2002 wurden in Cladh Hallan drei bronzezeitliche Rundhäuser ausgegraben, die zu einer Siedlung mit etwa sieben Gebäuden gehörten. 2001 fanden Archäologen unter den Böden zweier Rundhäuser mehrere menschliche Skelette. Zunächst war nicht ersichtlich, dass hier ehemalige Mumien vorlagen, da die Toten augenscheinlich eine konventionelle Erdbestattung erhalten hatten und sämtliche Weichgewebe vergangen waren. Die ungewöhnlich stark kauernde Haltung der Leichen erinnerte Mike Parker Pearson von der University of Sheffield an peruanische Mumien. Ungewöhnlich war ebenfalls der relativ gute Erhaltungszustand der Skelette, die in einem anatomisch korrekten Verband lagen.
Die sterblichen Überreste sowie die übrigen archäologischen Funde aus Cladh Hallan werden in Laboren in Schottland, England und Wales untersucht. Sie sollen nach Abschluss der Untersuchungen und Veröffentlichung der Ergebnisse einem schottischen Museum überstellt werden. An der Fundstelle informieren Schautafeln über die Baubefunde und erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen. Fundort: 57° 10′ 18,5″ N, 7° 24′ 37,2″ W57.171817-7.410343Koordinaten: 57° 10′ 18,5″ N, 7° 24′ 37,2″ W[1]
Baubefunde
Die drei ausgegrabenen Häuser bildeten eine Einheit mit gemeinsamen Mauern. Die Böden der Häuser waren etwas in dem Boden eingetieft. Die Mauern bestanden aus einer inneren und äußeren Steinschicht deren Zwischenraum mit Sand aufgefüllt war. Der Bau der Häuser begann etwa 1000 vor Chr., dabei wurden die zum Teil schon mehrere hundert Jahre alten Mumien mehrerer Personen, die eines Schafes, aber auch kürzlich verstorbene Kinder unter den Fußböden der Häuser bestattet. Nach einigen Jahrzehnten wurde im nördlichen Haus die Asche einiger Kinder zusammen mit zerschlagenen Keramikgefäßen und drei zerbrochenen Mahlsteinen deponiert. Die Wände einiger Häuser wurden mit ungebrannten Keramikgefäßen angefüllt. Die Häuser wurden mehrfach abgebrochen, um nur wenige Meter versetzt wieder aufgebaut zu werden. So wurde um 900 vor Chr. im nördlichen Haus erneut ein Kind bestattet und kurz danach das Gebäude um zwei Meter versetzt. Das nördliche und mittlere Haus wurden über mehrere hundert Jahre für kultische Zwecke genutzt, in ihnen wurden Keramikgefäße, Geräte aus Knochen und Horn sowie Tierbestattungen niedergelegt. Um 700 vor Chr. wurde das nördliche Haus aufgegeben, wogegen das mittlere erst gegen 400 vor Chr. aufgegeben wurde und damit zu den am längsten genutzten Gebäuden im prähistorischen Großbritannien zählt. Die Eingänge aller Häuser, bis auf eines, wiesen nach Osten.[2] Alle Häuser wiesen eine zentrale Feuerstelle auf. Nach dem Auflassen dieses Platzes verlegten die Bewohner ihre Siedlung etwa 300–400 Meter nach Norden und Süden.
Anthropologische Befunde
Zusammensetzung der männlichen Mumie: blau: Mann um 1600 vor Chr. gelb: Mann um 1500–1400 vor Chr. rot: Mann um 1440–1360 vor Chr.
Aus den Fußböden der Häuser wurden Skelette mehrerer Menschen geborgen. Aus dem nördlichen Haus stammen die mumifizierten Skelette einer Frau, eines Mannes und eines Schafes. Insbesondere die Skelette der Frau und eines Mannes zeigten Anzeichen postmortaler Manipulationen. Die Quecksilberporosimetrische Analyse der Knochen ergab, dass diese nur schwach von den körpereigenen Bakterien aus dem Verdauungstrakt zersetzt waren, was auf eine mögliche Entfernung der inneren Organe nach dem Ableben hindeutet.[3]
Kind
Unter dem mittleren Haus wurde ein 10–14 Jahre altes Kind, vermutlich ein Mädchen gefunden, dessen sterbliche Überreste nicht mumifiziert waren.[2]
Kleinkind
Unter dem Fußboden des südlichen Hauses wurde das mumifizierte Skelett eines etwa drei Jahre alten Kindes gefunden, das etwa 1400–1300 vor Chr. verstarb.[2]
Mann
Unter dem nördlichen Haus wurde die Bestattung eines aus drei Individuen zusammengesetzten Skelettes eines etwa 20-jährigen Mannes gefunden, der etwa 1600 vor Chr. verstorben war. Dieses Skelett trug den Schädel und Halswirbel eines zweiten Mannes, der erst 1500–1400 vor Chr. verstorbenen war, sowie den Unterkiefer eines dritten Mannes. Es wird angenommen, dass die Bestattung des zusammensetzten Körpers in der Zeit um 1440–1260 vor Chr., also lange vor dem Bau der Häuser, erfolgte.[2]
Frau
Im südlichen Teil des nördlichen Hauses wurde das Skelett einer etwa 40-jährigen Frau gefunden, die ein für ihre Zeit relativ hohes Lebensalter erreichte. Die Frau lag auf ihrer linken Seite, Ihr linker Ober- und Unterschenkelknochen wurde dagegen außerhalb des Hauses in einer Bestattungsgrube beigesetzt. Nach dem Tode wurden dem Oberkiefer zwei Schneidezähne (Zahnformel 12, 22) entnommen und je einer in ihre Hände gelegt. Die Manipulationen an diesem Skelett wurden erstmals nach genaueren osteologische Untersuchungen vermutet und konnten durch DNA-Analysen von Proben aus Unterkiefer, Schädel, Arm und Beinknochen bestätigt werden. Diese ergaben, dass auch dieses Skelett aus Knochen verschiedener Individuen zusammengesetzt wurde, die nicht miteinander verwandt waren. Der Torso ist der einer adulten Frau, wohingegen Kopf und Unterkiefer osteologisch eher männliche Züge aufweisen. Die Datierung zweier Knochen aus dem Körperskelett ergaben ein gemitteltes Datum von 1370 bis 1050 vor Chr., wohingegen der Kopf in die Zeit um 1440–1260 vor Chr. datierte. Isotopenanalytische Untersuchungen des Skelettes ergaben leichte Unterschiede zwischen dem Schädel und dem Oberschenkelknochen, woraus jedoch noch nicht sicher abgeleitet werden konnte, dass auch diese von verschiedenen Individuen stammten. Mittels DNA-Analyse konnte dagegen nahezu sicher nachgewiesen werden, dass Schädel, Unterkiefer, Oberschenkelknochen und Oberarmknochen sicher von drei, möglicherweise aber auch von vier verschiedenen Individuen stammten.[2]
Deutung
Aufgrund der Baubefunde sowie der Ergebnisse der forensischen Untersuchungen wurden alle diese Körper etwa um das Jahr 1000 vor Chr. in den Erdgräbern bestattet, also 300 bis 600 Jahre nach den per Radiokohlenstoffdatierung ermittelten Sterbedaten der Individuen. Zu diesem Zeitpunkt wurden vermutlich auch die aus verschiedenen Individuen bestehenden Skelette zusammengefügt.
Die Überreste der Toten deuten an, dass sie auf künstliche Weise konserviert waren. Nach bisherigen Erkenntnissen mussten sie kurz nach ihrem Tod für etwa 6 bis 18 Monate in einem Moor gelagert worden sein. Die Verweildauer der Leichen im Moor war gerade so lang, dass ihre Weichteile durch die Moorsäure gegerbt, die Knochen dabei jedoch kaum demineralisiert wurden. Nur die äußeren zwei Millimeter der Knochenmasse wiesen eine Demineralisierung auf. Anscheinend wurden die so konservierten Moorleichen daraufhin wieder geborgen, in die häuslichen Bereiche zurückgebracht und an einem warmen und trockenen Ort aufbewahrt, so dass sie die weiteren 300 bis 600 Jahre bis zu ihrer endgültigen Beisetzung überstanden.
Die Leichen, insbesondere die der Frau, weisen eine unnatürlich enge kauernde Haltung auf, die möglicherweise durch deren Bandagierung erreicht wurde.[3]
Mögliche Hintergründe
Dieser Fundkomplex wirft zahlreiche Fragen auf, die aus dem Fundmaterial alleine nur schwer zu beantworten sind. Nach Lage der Funde wurde die Ansiedlung nicht nur zu Kult-, sondern auch zu Wohnzwecken genutzt.
Ob die besondere Behandlung der Leichen in einem rein kultischen Zusammenhang steht, oder eine regional begrenzt übliche Bestattungsform war, lässt sich nicht mehr sicher nachweisen. Ebenso wenig ist klar, warum die Körper erst Jahrhunderte später endgültig begraben wurden. Möglicherweise hatten die Verstorbenen eine hohe gesellschaftliche Rolle inne und waren Gegenstand eines Ahnenkultes.[3] In dem Austausch beziehungsweise der Ergänzung einzelner Körperteile könnte der Versuch einer Reparatur beschädigter oder verlorener Mumienteile vorliegen, wobei ein versehentlicher Verlust zweier Köpfe als eher unwahrscheinlich angesehen wird. Nach anderen Theorien könnte hinter der Ergänzung der Körperteile die Intention begründet liegen, das Aussehen der Mumien den sich ändernden Strömungen des Kultes anzupassen, oder durch deren Ergänzung weitere Verwandtschaftslinien in den Ahnenkult mit einzubeziehen.[2] Höchstwahrscheinlich wurden die Mumien in einem eigens errichteten Bau aufbewahrt. Ob den Bestatteten unter den Fußböden eine Funktion als Bauopfer zukam, ist ebenso wenig belegbar. Die Entfernung der Mumien aus dem vorherigen Bereich, durch deren Bestattung, lässt auf einen grundlegenden Wandel der religiösen Vorstellungen schließen.[3]
Siehe auch
Liste von Moorleichen
Literatur
Thomas Brock: Moorleichen Zeugen der Vergangenheit. Theiss 2016, ISBN 9783534216413
Jayd Hanna, Abigail S. Bouwman, Keri A. Brown, Mike Parker Pearson, Trence A. Brown: Ancient DNA typing shows that a Bronze Age mummy is a composite of different skeletons. In: Journal of Archaeological Science. Nr.39, 2012, ISSN 0305-4403, S.2774–2779, doi:10.1016/j.jas.2012.04.030 (englisch).
Michael Parker Pearson, Chamberlain, Collins, Cox, Craig, Craig, Hiller, Marshall, Mulville, Smith: Further evidence for mummification in Bronze Age Britain. In: Antiquity. Band81, Nr.312, September 2007, ISSN 0003-598X (englisch, antiquity.ac.uk [abgerufen am 14. Oktober 2009]).
Michael Parker Pearson, Chamberlain, Collins, Craig, Marshall, Mulville, Smith, Chenery, Cook, Craig, Evans, Hiller, Montgomery, Schwenninger, Taylor, Wess: Evidence for mummification in Bronze Age Britain. In: Antiquity. Band79, 2005, ISSN 0003-598X, S.529–546 (englisch).
Michael Parker Pearson, Niall Sharples, Jim Symonds: South Uist. Archaeology and History of a Hebridean Island. Tempus, Stroud 2004, ISBN 0-7524-2905-1.
Weblinks
Ulrich Thaler: Nackt bis auf die Knochen. Bronzezeitliche Mumien in Schottland. In: Spektrumdirekt. 13. August 2003, abgerufen am 30. November 2011.
Michael Parker Pearson, Marshall, Mulville, Smith: The Prehistoric Village at Cladh Hallan.S. University of Sheffield, abgerufen am 30. November 2011 (englisch).
krissie: Cladh Hallan Roundhouses. In: www.schottlandtrip.de. Abgerufen am 30. November 2011 (Fotos mit deutscher Beschreibung).
Eintrag zu Cladh Hallan auf trove.scot, der Datenbank von Historic Environment Scotland (englisch)
Einzelnachweise
↑Cladh Hallain Wheelhouse (Memento des Originals vom 4. November 2013 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.streetmap.co.uk auf www.streetmap.co.uk.
↑ abcdefJayd Hanna, Abigail S. Bouwman, Keri A. Brown, Mike Parker Pearson, Trence A. Brown: Ancient DNA typing shows that a Bronze Age mummy is a composite of different skeletons. In: Journal of Archaeological Science. Nr.39, 2012, ISSN 0305-4403, S.2774–2779, doi:10.1016/j.jas.2012.04.030 (englisch).
↑ abcdMichael Parker Pearson, Chamberlain, Collins, Cox, Craig, Craig, Hiller, Marshall, Mulville, Smith: Further evidence for mummification in Bronze Age Britain. In: Antiquity. Band81, Nr.312, September 2007, ISSN 0003-598X (englisch, antiquity.ac.uk [abgerufen am 14. Oktober 2009]).