• 09001234567
  • info@noir24.de
Noir24  Dein schwarzes Netzwerk Noir24  Dein schwarzes Netzwerk
  • Noir24
  • Noir24 Netzwerk
  • Noir24 Wiki
  • Noir24 Media
Sign In

Jeremy Bentham

Noir24admin Mumie 22. Juni 2026
Jeremy Bentham

Jeremy Bentham (* 4. Februar 1747jul. / 15. Februar 1748greg.[1] in Spitalfields, London; † 6. Juni 1832 ebenda) war ein englischer Jurist, Philosoph und Sozialreformer.

Bentham gilt als Begründer des klassischen Utilitarismus. Er war einer der wichtigsten Sozialreformer Englands im 19. Jahrhundert und ein Vordenker des modernen Wohlfahrtsstaats. Er forderte allgemeine Wahlen, das Frauenstimmrecht, die Abschaffung der Todesstrafe, Tierrechte, die Legalisierung jeglicher sexuellen Präferenz (Homosexualität, Päderastie, Sodomie)[2] und die Pressefreiheit. Er gilt als Vordenker des Feminismus, als Vorkämpfer der Demokratie, des Liberalismus und des Rechtsstaats. Bentham ist aber auch bekannt für seine scharfe Kritik an der französischen Menschenrechtserklärung und sein Eintreten für Wucherzinsen. Auch lieferte er Argumente für einen legitimen Einsatz der Folter und entwickelte mit dem Panoptikum ein Modell-Gefängnis, anhand dessen Michel Foucault im Zuge seiner Analyse der Disziplinarmacht moderne Techniken und Formen der Überwachung untersuchte.[3]

Biografie

Jeremy Bentham wurde 1748 als Sohn eines vermögenden Rechtsanwalts in der Nähe von London geboren. In seiner Jugend galt er als Wunderkind. Im Alter von nur zwölf Jahren begann er sein Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie in Oxford. Das Studium des undurchsichtigen common law entsprach jedoch nicht seinem geistigen Temperament. Viel eher imponierten ihm die exakten Wissenschaften. Isaac Newton, Joseph Priestley und Carl von Linné wurden zu seinen intellektuellen Vorbildern. Neben den Naturwissenschaften prägten vor allem zeitgenössische Aufklärungsphilosophen wie Voltaire, David Hume, Cesare Beccaria und insbesondere Claude Adrien Helvétius Benthams Denken.

Bentham, 1760–1762

Bentham ließ sich zwar als Anwalt ausbilden, brach aber seine praktische juristische Laufbahn sehr schnell ab und widmete sich der Wissenschaft und der politischen Reform. Anfänglich wurde er vor allem in seinem Heimatland von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Eine erste Ehrbezeichnung erhielt Bentham aus dem postrevolutionären Frankreich, wo ihm 1792 gemeinsam mit George Washington, Friedrich Schiller und Johann Heinrich Pestalozzi die französische Ehrenstaatsbürgerschaft zuerkannt wurde. In England selbst wuchs Benthams Bekanntheitsgrad erst Anfang des 19. Jahrhunderts.

Bentham war der Kopf der englischen radicals, des politischen Arms des philosophischen Utilitarismus, der die englische Innenpolitik nachhaltig beeinflusste und später in der Liberal Party aufging. Durch seine Anhänger – darunter James Mill und dessen Sohn John Stuart Mill, David Ricardo und John Austin – hatten seine Lehren großen politischen Einfluss.[4]

Gegner schuf sich Bentham vor allem in Deutschland. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand Benthams radikaler Atheismus, Materialismus und Demokratismus quer zum romantisch-idealistischen Zeitgeist. Aber auch in der idealistisch und historistisch geprägten Philosophie konnte sich Benthams utilitaristische Ethik nur sehr schwer durchsetzen. Profanes Glücksstreben und Nützlichkeitskalküle standen im Widerspruch zum Zeitgeist des Klassizismus und des Biedermeier.

Der 80-jährige Goethe beispielsweise bezeichnete den ungefähr gleichaltrigen Bentham am 17. März 1830 gegenüber Johann Peter Eckermann als „höchst radikalen Narren“ und bemerkte: „In seinem Alter so radikal zu sein, ist der Gipfel aller Tollheit.“[5] Karl Marx fand für die Lehren Benthams nur drastische Worte: In Das Kapital. Band I schreibt Marx: „Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.“[6]

Auto-Ikone

Benthams Auto-Ikone

Nach seinem Tod wurde Bentham in der Anwesenheit von Anatomiestudenten und seinen engsten Vertrauten (u. a. von seinem Freund und gleichzeitig Arzt Dr. Southwood Smith) seziert. Gemäß seinem letzten Willen wurde sein Leichnam „auto-ikonisiert“. Durch die Auto-Ikonisierung wird der Leichnam – entweder ganz oder nur der Kopf – nach den Methoden der neuseeländischen Māori mumifiziert, um ihn für die Nachwelt zu erhalten. Den Begriff der Auto-Ikone definiert Bentham als „a man who is his own image“.[7] Durch die Auto-Ikonisierung sollte jeder Mensch über seinen Tod hinaus als Auto-Ikone sein eigenes, lebensechtes Monument bilden. Benthams Skelett wurde mit seinen Kleidern angezogen, die man mit Stroh ausstopfte. Jedoch wurde sein Kopf durch die Auto-Ikonisierung dermaßen verunstaltet, dass man für die Auto-Ikone ein Wachsmodell anfertigte. Mit dem Wachskopf und seinem Spazierstock in der Hand wurde Benthams Auto-Ikone in einer Vitrine des University College London auf einem Stuhl sitzend ausgestellt. Der mumifizierte Kopf wurde zunächst zu Füßen der Auto-Ikone mit in die Vitrine gelegt; heute wird er im College-Archiv aufbewahrt.[8]

Ethik

Das Grundprinzip

Das größte Glück der größten Zahl (greatest-happiness-principle) ist das Leitprinzip von Benthams utilitaristischer Ethik. Eine Handlung bewertet sich demnach allein nach ihren sozialen Folgen: sie ist moralisch richtig, wenn sie der Allgemeinheit (bzw. der größten Zahl) nützt; sie erweist sich als moralisch falsch, wenn sie der Allgemeinheit schadet. In diesem Sinn ist die utilitaristische Ethik konsequentialistisch; d. h. innere Beweggründe spielen für die Bewertung einer Handlung keine selbstständige Rolle.

Das Prinzip des größten Glücks der größten Zahl beinhaltet die Forderung nach Gleichberechtigung, verstanden als gleiche Berücksichtigung des Glücks bei der Bewertung der Handlungsfolgen.

Tier- und Menschenrechte

Jeremy Bentham ist einer der ersten Befürworter von Tierrechten, die er aus dem Menschen gleichen Schmerzempfinden von Tieren herleitet. Die Leidensfähigkeit war für ihn maßgebend, nicht der Besitz von Vernunft oder die Fähigkeit zu denken. Sonst dürfte man ja auch viele Menschen, zum Beispiel Säuglinge und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, misshandeln.

“It may one day come to be recognised that the number of the legs, the villosity of the skin, or the termination of the os sacrum are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate. What else is it that should trace the insuperable line? Is it the faculty of reason or perhaps the faculty of discourse? But a full-grown horse or dog is beyond comparison a more rational, as well as more conversable animal, than an infant of a day or a week or even a month old. But suppose they were otherwise, what would it avail? The question is not, Can they reason?, nor Can they talk? but, Can they suffer?”

„Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindendes Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht 'Können sie denken?' oder 'Können sie reden?', sondern ‚Können sie leiden?.“

– Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation. A new edition, corrected by the author. London 1828. Chapter 17: Of the Limits of the Penal Branch of Jurisprudence. IV. Fußnote "Interest of the inferior animals improperly neglected in legislation". p. 235, 236 in der Google-Buchsuche

“Why should the law refuse its protection to any sensitive being? The time will come when humanity will extend its mantle over everything which breathes.”

„Warum sollte das Gesetz seinen Schutz irgendeinem empfindenden Wesen verweigern? Die Zeit wird kommen, da die Menschheit alles, was atmet, unter ihren Schirm und Schild nehmen wird.“

– Jeremy Bentham: Principles of Penal Law. From the French of Dumont and the MSS of Bentham. Part III. Chapter XVI Of the Cultivation of Benevolence. p. 562, in: Works, now first collected under the superintendence of John Bowring. Part II. Edinburgh-London-Dublin 1838. p. 562 in der Google-Buchsuche

Rechtslehre

Defence of usury, 1788

Bentham war der erste Vertreter eines systematischen Rechtspositivismus, der vor allem durch seinen Schüler John Austin, später aber auch durch Hans Kelsen und H. L. A. Hart großen Einfluss auf das moderne Verständnis des Rechts ausübte. Bentham entwickelte eine klare begriffliche Trennung von Moral und Recht und lehnte sowohl die Vorstellung des Naturrechts als auch die Vorstellung natürlicher Rechte vehement ab. Berühmt ist seine Einschätzung der französischen Menschenrechtserklärung als „Unsinn auf Stelzen“ (nonsense upon stilts).[9]

Bentham ging in seiner Rechtslehre von einem extrem individualistischen Menschenbild aus. Der Mensch war für Bentham ein Nutzenmaximierer, der ohne jede Rücksicht auf seine Mitmenschen seine eigenen Interessen verfolgt. Das Gesetz habe daher die gesellschaftliche Funktion, die Bürger zur Allgemeindienlichkeit zu zwingen. Den Schlüssel für das größte Glück der größten Zahl bildet eine nach rationalen Kriterien entworfene, systematische Strafgesetzgebung, die den Bürgern ihre gesetzlichen Pflichten und die drohenden Sanktionen vor Augen halten soll. Der Begriff Kodifikation ist – wie der Begriff international – eine Wortschöpfung Benthams. Einer im vorgenannten Sinne systematisch aufgebauten Kodifikation verlangt Bentham ab, dass sie dauernd hält und Anpassungen regelmäßig nur aus Gründen des Wandels der Umgangssprache erfolgen.[10]

Benthams – eng an Beccaria angelehnte – Theorie des Strafrechts ist geprägt vom Gedanken der Prävention. Wie später Paul Johann Anselm von Feuerbach glaubte Bentham, durch gesetzliche Strafdrohungen lasse sich der Bürger weitgehend von Rechtsbrüchen abhalten (sogenannte Theorie vom psychologischen Zwang). Sowohl das Strafgesetz als auch die Strafe selbst sollen abschrecken und ein höchstes Maß an gesellschaftlicher Konformität bewirken. Bentham sprach sich gegen das Schuldstrafrecht aus und befürwortete relative Strafzwecke: Die Strafe soll nicht den Ausgleich begangenen Unrechts bezwecken, sondern allein die Verhinderung künftigen Unrechts. Ein wichtiges Anliegen Benthams war auch die Reform des Strafvollzugs. In diesem Zusammenhang entwarf er – auf die in Russland erprobten Einrichtungen seines Bruders Samuel Bentham zurückgreifend – den Plan einer total überwachten Strafanstalt, das Panopticon.

Zum Panopticon baugleich sollten auch Lager für die Armen errichtet werden. In diesen sollten Arme unter Zwang so lange festgehalten werden, bis es diesen möglich war ihr persönliches „Selbstbefreiungskonto“ auszugleichen, das Leben in einer dieser privat geführten Einrichtungen sollte laut Bentham auf keinen Fall wünschenswerter sein, als das des Ärmsten im restlichen Land. Diese Einrichtung würde seiner Ansicht nach eine zivilisierende Funktion erfüllen.[11]

Verfassungslehre

In seinem Constitutional Code von 1831 entwickelt Bentham ein auf Volkssouveränität, allgemeinen Wahlen, weitestgehender Regierungstransparenz und der Meinungs- und Pressefreiheit basierendes Demokratiemodell, das gemeinsam mit den Werken von James Madison und James Mill eine der klassischen Grundlagen der heutigen liberaldemokratischen Verfassungstheorie bildet.[12] Ausgangspunkt für seine Verfassungslehre ist der Gedanke, dass jede Form von politischer Macht die Gefahr des Machtmissbrauchs und der politischen Korruption birgt. Der Zweck der Verfassung besteht daher darin, die politischen Machthaber (Minister, Parlamentarier, Richter und Verwaltungsbeamte) durch verfassungsrechtliche Kontrollmechanismen[13] konsequent an die Interessen der Bevölkerung zu binden. Im Unterschied zu der an Montesquieu anlehnenden klassischen Dreiteilung unterschied Bentham vier staatliche Gewalten: Neben der Legislative, der Exekutive und der Judikative führte er das Volk als Konstitutive als oberste Gewalt an.[14] Die englische Wahlrechtsreform von 1832 – der sogenannte Reform Act – wurde maßgeblich von Bentham und seinen Mitstreitern in die Wege geleitet.

Der Freiheitsbegriff bei Bentham

Bentham wird zusammen mit Adam Smith und John Stuart Mill „zur ersten Garde der britischen Ökonomen und Staatstheoretiker der liberalen Ära“[15] gezählt. Die liberale Haltung Benthams beschränkte sich jedoch auf die Wirtschaftspolitik. In allen anderen Bereichen der Gesellschaft wurde dem Staat eine zentrale Rolle zugewiesen. Weil für Bentham jeder Bürger jede Freiheit, die man ihm lässt, ausnützt, um sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, müsse die individuelle Freiheit vom Staat so eng gefasst werden, dass durch sie kein Schaden mehr entstehen könne.[16] Mehr als die individuelle Freiheit der Bürger interessierte Bentham deren Sicherheit. Bentham ging sogar so weit, die Sicherheit mit der Freiheit gleichzusetzen.[17] Der Mensch ist für Bentham frei, wenn er vor Übergriffen seiner Mitbürger und Machtexzessen seiner Regierung geschützt ist und sich der Unverletzlichkeit seines Lebens, seiner Gesundheit, seiner Ehre, seiner Verträge und seines Eigentums sicher sein kann.

Die weitgehenden Rechte, die die Bürger in Benthams Staatslehre genießen, werden aber erst durch einen mächtigen staatlichen Überwachungs- und Kontrollapparat ermöglicht, der die Menschen von frühester Jugend an erzieht, schult und konditioniert, ihr Verhalten permanent überwacht und jedes Fehlverhalten durch Sanktionen bestraft und korrigiert. Durch Benthams Konzept der Freiheit als Sicherheit wirken sich auch die gravierendsten Eingriffe des Staates in die persönliche Freiheit der Bürger nicht negativ auf ihre Freiheit aus. Sie bilden vielmehr die Voraussetzung der bürgerlichen Freiheit. Bentham forderte in diesem Zusammenhang nicht nur die Stärkung des Justizsystems und der Polizei, sondern auch die erkennungsdienstliche Tätowierung der Bevölkerung und den systematischen Einsatz von Spitzeln und verdeckten Ermittlern.[18]

Zitate

  • „Under a government of Laws, what is the motto of a good citizen? To obey punctually; to censure freely.“ (A Fragment on Government, S. 10).
  • „It is the greatest happiness of the greatest number that is the measure of right and wrong“ (A Fragment on Government, preface, S. 393).
  • „Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure. It is for them alone to point out what we ought to do, as well as to determine what we shall do. On the one hand the standard of right and wrong, on the other the chain of causes and effects, are fastened to their throne“ (Introduction to the Principles of Morals and Legislation, ch. I, 1, S. 11).
  • „In the breast of every sensitive being, the general predominance of self-preference is prevalent universally: for proof take the existence of the species: look, and you will see, that upon such predominance the species is absolutely dependent for its existence“ (Economy as Applied to Office, ch. III § 1, S. 27).
  • „Natural rights is simple nonsense, natural and imprescriptible rights, rhetorical nonsense, nonsense upon stilts“ (Nonsense upon Stilts, Art. 2, S. 330).
  • „I do really take it for an indisputable truth, and a truth that is one of the corner stones of political science―the more strictly we are watched, the better we behave“ (Farming Defended, S. 277).
  • „Morality (…) is but a means to an end. The end of morality is happiness: morality is valuable no otherwise than as a means to that end: if happiness were better promoted by what is called immorality, immorality would become a duty, virtue and vice would change places“ (Nonsense Upon Stilts, Appendix C, S. 429).
  • „What means liberty? What can be concluded from a proposition, one of the terms of which is so vague? What my own meaning is, I know; and I hope the reader knows it too. Security is the political blessing I have in view: security as against malefactors on one hand – security as against the instruments of the government, on the other“ (Rationale of Judicial Evidence, Book IX Part VI, ch. I, S. 522).

Wichtigste Werke

  • A Fragment on Government (1775, publiziert 1776), in: A Comment on the Commentaries and A Fragment on Government, hrsg. von J.H. Burns/H.L.A. Hart (The Collected Works of Jeremy Bentham), London 1977, S. 391–551.
  • Constitutional Code; For the Use of All Nations and All Governments Professing Liberal Opinions Vol. I (1822–30, publiziert 1830), hrsg. von Frederick Rosen/J.H. Burns (The Collected Works of Jeremy Bentham), Oxford 1983.
  • Defence of Usury; Shewing the Impolicy of the Present Legal Restraints on the terms of Pecuniary Bargains, (1786–87, publiziert 1787), in: Werner Stark (Hrsg.), Jeremy Bentham's Economic Writings, Critical Edition, based on his printed works and unprinted manuscripts, Vol. I, London 1952, S. 121–207.
    • Übersetzung: Verteidigung des Wuchers. aus dem Englischen, mit einer Vorbemerkung und Anmerkungen von Richard Seidenkranz, Verlag Senging, Saldenburg, 2013, ISBN 978-3-9810161-8-5.
  • Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1780, publiziert 1789), hrsg. von J. H. Burns/H.L.A. Hart (The Collected Works of Jeremy Bentham), London 1970, 2. Aufl. Oxford 1996,
    • deutsch auszugsweise in: Otfried Höffe, Einführung in die utilitaristische Ethik, Beck, München 1975, ISBN 3-406-06077-3.
    • Übersetzung: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung. aus dem Englischen von Irmgard Nash (I. – XVII. Kapitel) und Richard Seidenkranz (übrige Teile), Verlag Senging, Saldenburg, 2013, ISBN 978-3-9815841-0-3.
  • Of Laws in General (1782), hrsg. von H.L.A. Hart (The Collected Works of Jeremy Bentham), London 1970.
  • Panopticon, or, The Inspection-House (1787), in: The Panopticon Writings, hrsg. von Miran Božovič, London/New York 1995, S. 31–95.
    • Übersetzung: Das Panoptikum. Aus dem Englischen von Andreas Leopold Hofbauer, hrsg. von Christian Welzbacher. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013, ISBN 978-3-88221-613-4.
  • The Philosophy of Economic Science, in: Werner Stark (Hrsg.), Jeremy Bentham's Economic Writings, Vol. I, London 1952, S. 79–120.
  • Principles of the Civil Code (1786), in: The Works of Jeremy Bentham, hrsg. von John Bowring, Band I, Edinburgh 1838–43, S. 297–364, Neudruck New York 1962.
    • Übersetzung: Prinzipien der Gesetzgebung. Arend, Köln 1833 (Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf).

Gedenken

Green Plaque Jeremy Benthams am Gebäude 50 Queen Anne’s Gate in London

Zum Gedenken an Jeremy Bentham befindet sich am Gebäude 50 Queen Anne’s Gate in London eine von der City of Westminster und dem University College London angebrachte Gedenktafel. Die Inschrift lautet: Jeremy Bentham, Philosopher and Reformer, 1748–1832, lived in a house on this site. [Jeremy Bentham, Philosoph und Reformer, 1748–1832, lebte in einem Haus an dieser Stelle].[19]

Literatur

  • James E. Crimmins: Secular Utilitarianism. Social Science and the Critique of Religion in the Thought of Jeremy Bentham. Clarendon Press, Oxford 1990, ISBN 0-19-827741-5.
  • Stephen G. Engelmann: Imagining Interest in Political Thought. Origins of Economic Rationality. Duke University Press, Durham MD u. a. 2003, ISBN 0-8223-3135-7.
  • Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 251–292.
  • Elie Halévy: La formation du radicalisme philosophique. 3 Bände. Presses Universitaires de France, Paris 1995,
    • Band 1: La jeunesse de Bentham 1776–1789. ISBN 2-13-046998-1;
    • Band 2: L'évolution de la doctrine utilitaire de 1789 à 1815. ISBN 2-13-046999-X;
    • Band 3: Le radicalisme philosophique. ISBN 2-13-047000-9.
  • Ross Harrison: Bentham. Routledge & Kegan Paul, London u. a. 1983, ISBN 0-7100-9526-0.
  • H. L. A. Hart: Bentham. Lecture on a Master Mind. In: Proceedings of the British Academy. 48, 1962, ISSN 0068-1202, S. 297–320.
  • Otfried Höffe: Zur Theorie des Glücks im klassischen Utilitarismus. In: Otfried Höffe: Ethik und Politik. Grundmodelle und -probleme der praktischen Philosophie (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 266). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-07866-6, S. 120–159.
  • Wilhelm Hofmann: Politik des aufgeklärten Glücks. Jeremy Benthams philosophisch-politisches Denken (= Politische Ideen 14). Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003710-5.
  • Paul Kelly: Utilitarianism and Distributive Justice. Jeremy Bentham and the Civil Law. Clarendon Press, Oxford 1990, ISBN 0-19-825418-0 (Zugleich: London, Univ., Diss.).
  • Georg Kramer-McInnis: Der „Gesetzgeber der Welt“. Jeremy Benthams Grundlegung des klassischen Utilitarismus unter besonderer Berücksichtigung seiner Rechts- und Staatslehre (= Europäische Rechts- und Regionalgeschichte 7). Dike u. a., Zürich u. a. 2008, ISBN 978-3-03751-119-0 (Zugleich: Zürich, Univ. Diss., 2007).
  • Douglas G. Long: Bentham on Liberty. Jeremy Bentham's idea of liberty in relation to his utilitarianism. University of Toronto Press, Toronto u. a. 1977, ISBN 0-8020-5361-0.
  • Steffen Luik: Die Rezeption Jeremy Benthams in der deutschen Rechtswissenschaft (= Forschungen zur deutschen Rechtsgeschichte 20). Böhlau, Köln u. a. 2003, ISBN 3-412-09202-9 (Zugleich: Tübingen, Univ., Diss., 2001).
  • Gregor Ritschel: Jeremy Bentham und Karl Marx. Zwei Perspektiven der Demokratie. transcript Verlag, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4504-0.
  • Frederick Rosen: Jeremy Bentham and Representative Democracy. A Study of the Constitutional Code. Clarendon Press, Oxford 1983, ISBN 0-19-822656-X.
  • Philip Schofield: Utility and Democracy. The Political Thought of Jeremy Bentham. Oxford University Press, Oxford u. a. 2006, ISBN 0-19-820856-1.
  • Jens Wegener: Internationale Politik, Kolonien und Militär im Werk Jeremy Benthams (= Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag 90). Tectum, Baden-Baden 2020, ISBN 978-3-8288-4528-2.
  • Jens Wegener: Jeremy Benthams normativ-anthropologischer Ansatz. Theorie und praktische Implikationen. Band 1 (= Philosophische Schriften 102). Duncker & Humblot, Berlin 2020, ISBN 978-3-428-18108-7 (Zugleich: Neubiberg, Univ., Diss., 2019).
  • Jens Wegener: Jeremy Benthams normativ-anthropologischer Ansatz. Theorie und praktische Implikationen. Band 2 (= Philosophische Schriften 103). Duncker & Humblot, Berlin 2020, ISBN 978-3-428-18109-4.
  • Christian Welzbacher: Der radikale Narr des Kapitals. Jeremy Bentham, das »Panoptikum« und die »Auto-Ikone«. Matthes & Seitz, Berlin 2011, ISBN 978-3-88221-570-0.

Weblinks

Commons: Jeremy Bentham – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Jeremy Bentham – Zitate
Wikisource: Jeremy Bentham – Quellen und Volltexte (englisch)
  • Literatur von und über Jeremy Bentham im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Werke von und über Jeremy Bentham in der Deutschen Digitalen Bibliothek
  • The Bentham Project, University College London
  • Centre Bentham, französische online-platform, welche die Revue d’études benthamiennes herausgibt.
  • Revue d’études benthamiennes, seit 2006 halbjährlich erscheinende wissenschaftliche online-Zeitschrift, veröffentlicht vom französischen Centre Bentham (peer-reviewed).
  • William Sweet: Jeremy Bentham (1748–1832). In: James Fieser, Bradley Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy.
  • Jeremy Bentham, englischsprachiges biographisches Profil auf Utilitarianism.net.

Anmerkungen

  1. ↑ Vor 1752 wurde in England der Julianische Kalender genutzt und das neue Jahr am 25. Märzjul. begonnen, nicht am 1. Januar.
  2. ↑ James Steintrager: Bentham (Political Thinkers Volume V). London 2004, S. 12 f.
  3. ↑ Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 251–292.
  4. ↑ Vgl. William Thomas, The Philosophical Radicals. Nine Studies in Theory and Practice 1817–1841, Oxford 1979, S. 446 ff.
  5. ↑ zit. nach Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, hrsg. von Christoph Michel: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, Band 12, Frankfurt am Main 1999, S. 715; http://www.zeno.org/nid/20004867432
  6. ↑ Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie (1867), in: Karl Marx/Friedrich Engels Gesamtausgabe, Band II/5, Berlin 1983, S. 492.; I. Band: Der Produktionsprozeß des Kapitals, Fußnote 870 http://www.zeno.org/nid/20009218653
  7. ↑ Bentham, Auto-Icon; or, Farther uses of the Dead to the Living, hrsg. von James E. Crimmins in: Ders., Bentham's Auto-Icon and Related Writings, Bristol 2002, S. 2.
  8. ↑ UCL Bentham Project: Auto-Icon; Bentham's Preserved Head (Memento des Originals vom 11. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ucl.ac.uk
  9. ↑ Nonsense upon Stilts, or Pandora's Box Opened (1795), in: Rights, Representation and Reform. Nonsense Upon Stilts and Other Writings on the French Revolution, hrsg. von Philip Schofield, Catherine Pease-Watkin und Cyprian Blamires (The Collected Works of Jeremy Bentham), Oxford 2002, S. 317–434, Art. 2, S. 330.
  10. ↑ Helmut Coing: Europäisches Privatrecht 1800–1914. München 1989, ISBN 3-406-30688-8. § 1 III, S. 8.
  11. ↑ Philipp Lepenies: Armut Ursachen, Formen, Auswege. Originalausgabe Auflage. München 2017, ISBN 978-3-406-69813-2, S. 31–33. 
  12. ↑ Vgl. Held, Models of Democracy, 3. A. Cambridge/Malden 2006, S. 75 ff.
  13. ↑ Für die Bindung des Richters an die einfachen Regeln eines Gesetzes sah Bentham im Anschluss an das Gesetz einen offiziellen Kommentar vor; siehe Helmut Coing: Europäisches Privatrecht 1800–1914. München 1989, ISBN 3-406-30688-8. § 1 III, S. 9.
  14. ↑ Bentham, Constitutional Code: For the Use of All Nations and All Governments Professing Liberal Opinions Vol. I, hrsg. von Frederick Rosen / J.H. Burns (The Collected Works of Jeremy Bentham), Oxford 1983, ch. IV Art. 1, S. 26.
  15. ↑ Volker Müller, Staatstätigkeit in den Staatstheorien des 19. Jahrhunderts, Diss. Konstanz 1990, Opladen 1991, S. 21.
  16. ↑ „The liberty which the law ought to allow of, and leave in existence, leave uncoerced, unremoved, is the liberty which concerns those acts only, by which, if exercised, no damage would be done to the community upon the whole: that is, either no damage at all, or none but what promises to be compensated by at least equal benefit“ (Bentham, Nonsense Upon Stilts, Art. 4, S. 340).
  17. ↑ „That which under the name of Liberty is so much magnified, as the invaluable, the unrivalled work of Law, is not liberty, but security“; zitiert nach Long, Bentham on Liberty. Jeremy Bentham's idea of liberty in relation to his utilitarianism, Toronto/Buffalo 1977, S. 74.
  18. ↑ Vgl. Bentham, Indirect Means of Preventing Crimes, in: The Works of Jeremy Bentham, hrsg. von John Bowring Band I, Edinburgh 1838–43, S. 533–580, Neudruck New York 1962, ch. XII, S. 557.
  19. ↑ Open Plaques: Jeremy Bentham green plaque. In: openplaques.org. Abgerufen am 23. Mai 2023 (britisches Englisch). 
Normdaten (Person): GND: 118509187 (lobid, GND Explorer, OGND, AKS) | LCCN: n79040051 | NDL: 00432936 | VIAF: 59078842 | Wikipedia-Personensuche
Personendaten
NAME Bentham, Jeremy
KURZBESCHREIBUNG englischer Philosoph und Sozialreformer
GEBURTSDATUM 15. Februar 1748
GEBURTSORT Spitalfields, London
STERBEDATUM 6. Juni 1832
STERBEORT London



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Jeremy Bentham aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Anna Catharina Bischoff

Noir24admin Mumie 22. Juni 2026
Mumie der Anna Catharina Bischoff (Foto: 2019)

Anna Catharina Bischoff (* 23. März 1719 in Strassburg; beigesetzt am 30. August 1787 in Basel), auch bekannt als «Dame/Mumie aus der Barfüsserkirche», war die Gattin des Pfarrers Lucas Gernler. Bekannt wurde sie 1975, als ihre mumifizierte Leiche in einem Schacht in der Barfüsserkirche in Basel gefunden wurde.

Vorgeschichte

Im 19. Jahrhundert wurde in der Barfüsserkirche nach einem Umbau Salz französischer Herkunft gelagert. Es löste sich, sickerte in den Boden, stieg durch osmotische Prozesse in die Sandsteinsäulen auf und drohte sie zu sprengen. Weil dadurch die gesamte Statik der fast 800 Jahre alten Kirche bedroht war, wurde die Kirche 1975 umfassend saniert. Zusätzlich zur Bausanierung führte die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt eine Rettungsgrabung durch, bei der Hunderte von Bestatteten ausgegraben und dokumentiert wurden.

Der Fund

Ungefährer Fundort des Sarges (Foto: 2019)
Der Barfüsserplatz 1788

Am 20. Oktober 1975 stiessen Arbeiter vor dem Chor auf eine Grabkammer aus Backsteinen, in der übereinander zwei vollständig erhaltene Holzsärge lagen, darunter waren Knochen. Im oberen grösseren Sarg lag ein weibliches Skelett, im unteren kleineren lag der fast vollständig mumifizierte Leichnam einer Frau, die als «Dame/Mumie aus der Barfüsserkirche» bekannt werden sollte.

Erste Untersuchungen

Die Frau war in einem einfachen Sarg aus Tannenholz bestattet worden. Teile ihrer Bekleidung und Reste ihrer Haare hatten sich erhalten. Die Mumie war in einem guten Zustand, einzig Kopf und Füsse waren skelettiert. Die linke Hand umfasste den rechten Arm über dem Handgelenk. Ihre Grösse betrug 142 Zentimeter, die Frau war also auch für historische Zeiten klein. Viele Hautfalten lassen auf einen fülligen Körperbau schliessen.

  • Hände
    Hände
  • Hand
    Hand
  • Rest ihres Kleides
    Rest ihres Kleides

Eine erste Untersuchung durch den Anthropologen Bruno Kaufmann ergab 1976, dass die Verwesung durch giftiges Quecksilbersulfid verhindert worden war, das sich im ganzen Körper, vor allem aber in der Lunge nachweisen liess und für ihre vollständige Mumifizierung verantwortlich ist. Auch das Klima in Grabkammer und Sarg blockierten die Zersetzung des Körpers durch Mikroben.[1]

Neue Forschungen

Eine Behandlung mit Quecksilberdämpfen. In einer kleinen Kammer wurden die Dämpfe eingeatmet. Darstellung aus dem 17. Jahrhundert

Seit 2015 wird die Mumie mit moderner Analytik unter der Leitung von Gerhard Hotz am Naturhistorischen Museum Basel untersucht. Durch computertomographische Analysen wurde eine Atherosklerose der Bauchschlagader und eine mit Steinen gefüllte Gallenblase nachgewiesen, was auf einen hohen Konsum von fettreichem Fleisch und reichlich Kohlenhydraten schliessen lässt. Zu Lebzeiten hatte sie infolge zuckerreicher Kost und schlechter Mundhygiene alle Zähne des Oberkiefers verloren, im Unterkiefer hatten sich kariöse Vorder- und Eckzähne erhalten.

Der Nachweis von Quecksilber in der Lunge und anderen Organen brachten in den 1970er-Jahren Medizinhistoriker zum Schluss, dass sich die Frau einer Quecksilberinhalationstherapie unterzogen hatte, einer damals üblichen Behandlungsmethode, die aber nur bei gravierend an Syphilis erkrankten Patienten eingesetzt wurde. Die mit moderner Analysetechnik gemessene Quecksilberbelastung liegt aber unterhalb der Schwelle, die eine Quecksilbervergiftung anzeigen würde. Anna Catharina Bischoff hatte zwar Quecksilber im Körper, doch ist es aufgrund der aktuellen Datenlage nicht erwiesen, ob dies auch zum Tod geführt hat. Somit ist nicht eindeutig erwiesen, woran sie verstorben ist. Ob dies an den Folgen der Syphilis oder einer Kombination der Syphilis und der Quecksilberbelastung war, müssen weitere Untersuchungen zeigen.[2]

Wie sich Anna Catharina infiziert hatte, ist heute nicht mehr festzustellen. Möglichkeiten sind neben Geschlechtsverkehr eine Ansteckung beim Bader durch kontaminierte Instrumente oder im nahegelegenen Strassburger Syphilisspital, wo sie ihren Gatten bei seinen Krankenbesuchen begleitete. Dort ist auch ein «Schwitz-Stübli» nachgewiesen, wo vielleicht Inhalationen mit Quecksilberdampf durchgeführt wurden. Die Patienten sassen – ähnlich wie in einer Sauna – in einem erhitzten Raum und atmeten die giftigen Dämpfe ein. Nach einer vorübergehenden Besserung erfolgte häufig eine tödlich verlaufende Quecksilbervergiftung.

Identifikation

Die Aktennotiz des Bauleiters Blendinger

Die prominente Lage ihres Grabes – es lag nur drei Gräber von Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein entfernt – liess die Vermutung zu, dass sie der Oberschicht angehörte; diese Lage war sonst Angehörigen des Klerus oder hohen Würdenträgern vorbehalten.[3]

Dokumente des Kirchenarchivs zeigten, dass der Schacht vor dem Chor im Oktober 1843 schon einmal geöffnet worden war; damals wurde der Saal der Kirche zu einem Lagerraum für Kaufleute umgebaut. Als Arbeiter die Grabplatte mit der Nummer 11 entfernten, entdeckten sie darunter ein Grab mit drei Särgen. Den entscheidenden Text in den Aufzeichnungen des Bauleiters Blendinger entdeckten 2016 Marie-Louise Gamma und Diana Gysin, Mitarbeiterinnen des Bürgerforschungsprojekts Basel, das historische Quellen entziffert und transkribiert.

Den Text auf der Grabplatte beschrieb Blendinger wie folgt:

Grabstein N 11 ausgemauertes Grab, enthelt 3 Särge. Hier ruhet in Gott der Ehrenvest und Fürnehm Herr Isaak Byschoff, Alt Spittel Meister, starb seliglich den 2. Novembris 1709. Seines Alters 67 Jahr weniger ... Monat. Eine fröliche Auferständniß in Christo Jesu erwartend. Hier ruhet in Gott die Ehren und Tugendreiche Frau Catharina Gysendorfferin, Herrn Isaak Bischoff, Spittel Meisters gewesene Eheliche Hausfrau. Starb seliglich den 9. August ao 1697. -Ihres Alters im 41 Jahr. Eine fröliche Auferstantniß erwartend
(105)

Die Nummer 105 verwies auf das Grabsteinverzeichnis der Barfüsserkirche von 1771, in dem 110 Familiengräber und Informationen über die Bestatteten aufgeführt sind. Es wird unter der Signatur StABS Bauakten JJ 32 bis 33 im Staatsarchiv Basel-Stadt aufbewahrt. Als Position 105 ist beim Familiengrab des Spitalmeisters Bischoff notiert, dass seine Enkelin Anna Catharina Bischoff im August 1787 beigesetzt wurde.

Weiter hielt Blendinger fest:

NB.
Unter diesem Stein war ein ausgemauertes Grab, (ohne Erde) worinn sich 2 Schwarze und ein gelber Sarg, sämmtlich gut erhalten, befanden. In den beyden Schwarzen Särgen waren männliche, in dem gelben ein weiblicher kleiner Leichnam. Sie waren auch alle wohl erhalten und glichen Mumien, denn ihre Körper waren nur ausgetrocknet, ihre Kleidungen hatten noch alle Falten. Haare, Zähne und Fingernägel noch unversehrt. Nachdem man sie herausgenommen und besichtiget, wurden sie alsbald wieder in ihre Gruft gesenkt, aber mit Erde bedeckt.

Damit lag erstmals ein Name der Verstorbenen vor. Blendingers Beschreibung des «weiblichen kleine Leichnams» stimmt mit der 1975 zum zweiten Mal ausgegrabenen Mumie von Anna Catharina Bischoff überein.

Genealogie

Ein Nachfahre der Dame aus der Barfüsserkirche: Der ehemalige englische Premier Boris Johnson (Foto: 2018)

Einem Forscherteam des Instituts für Mumienforschung Eurac Research in Bozen gelang es, die mitochondriale DNA der Mumie zu isolieren und eine Variante der Haplogruppe U nachzuweisen. Damit war die Grundlage für eine wissenschaftliche Identifizierung geschaffen. Nun mussten über die weibliche Linie lebende Nachfahren der Mumie gefunden werden, um deren Speichel mit der Mumien-DNA abzugleichen. Das Team der Genealogen des Bürgerforschungsprojekts Basel übernahm diese aufwendige Arbeit und erstellte einen Stammbaum der weiblichen Linie. Die genealogischen Informationen entstammen Kirchenbüchern, Heiratsverzeichnissen und Internetforen.

Als Vorfahrin sieben Generationen in der Vergangenheit erwies sich die 1512 geborene Justina Froben, eine Tochter des Basler Buchdruckers Johann Froben. Von ihr aus gelang es Diana Gysin und Marie-Louise Gamma, eine ununterbrochene weibliche Linie über 15 Generationen zu rekonstruieren, die vom Anfang des 16. Jahrhunderts bis zu Rosemary Probst-Ryhiner in der Gegenwart führte. Da im 19. Jahrhundert eine Nachfahrin Anna Catharina Bischoffs in die USA ausgewandert war, konnte dort noch eine zweite Linie bestimmt werden.

Von beiden Familien wurden DNA-Proben analysiert. Beide ergaben eine Übereinstimmung ihrer DNA mit derjenigen der Mumie von mehr als 99,8 Prozent. Damit war bewiesen, dass am 30. August 1787 die am 23. März 1719 in Strassburg geborene Anna Catharina Bischoff beerdigt worden war.

Über Anna Catharina Bischoffs Schwiegersohn Christian Friedrich Pfeffel von Kriegelstein führt die Linie direkt zum englischen Politiker Boris Johnson; seine Urgrossmutter war Marie Luise von Pfeffel.[4][5]

Ein Team von BBC World News reiste im Januar 2018 zu der Medienveranstaltung im Naturhistorischen Museum Basel, um über die Urahnin des prominenten Politikers zu berichten.[6]

Verwandtschaft mit Boris Johnson
Heirat ⚭ 1738 ⚭ 1759 ⚭ 1808 ⚭ 1836 ⚭ 1881 ⚭ 1906 ⚭1936 ⚭ 1963
w Anna Catharina Bischoff
1719–1787
Anna Katharina Gernler
1739–1776
Carolina von Tettenborn
1789–1811
Karoline von Rothenburg
1805–1872
Hélène Arnous de Rivière
1862–1951
Marie Louise von Pfeffel
1882–1944
Yvonne Eileen Williams
1907–1987
Charlotte Fawcett
* 1942
m Lucas Gernler
1704–1781
Christian Friedrich Pfeffel von Kriegelstein
1726–1807
Christian von Pfeffel
1765–1834
Karl Max von Pfeffel
1811–1890
Hubert von Pfeffel
1843–1922
Stanley Fred Williams
1880–1955
Osman Johnson Kemal
1909–1992
Stanley Johnson
* 1940
Boris Johnson
* 1964

Vorfahren von Anna Catharina Bischoff

Eltern
Hans-Jakob Bischoff (* 12. Dezember 1683, † 1733); Augusta Margaritha Burckhardt (* 24. Januar 1697, † 28. Dezember 1735)

Grosseltern mütterlicherseits
Catharina Burckhardt-Krug (1659–1714); Johann Rudolf Burckhardt (1654–1730)

Grosseltern väterlicherseits
Catharina Bischoff-Gysendörfer (1656–1697); Isaak Bischoff (1642–1709)

Schwiegereltern
Theodorf Gernler (1670–1723), Valeria Gernler-Ortmann (1677–1746)

Nachkommen von Anna Catharina Bischoff

Theodor Gernler (* 25. November 1738 in Strassburg, † 1740 ebenda)
Anna Katharina (* 1739, † 1776 in Versailles), ⚭ mit Christian Friedrich Pfeffel von Kriegelstein (1726–1807)
Valérie Gernler (* 1741 in Strassburg, † unbekannt)
Augusta Maria Gernler (* 1744 in Strassburg, † 1804 in Basel)
Salome Gernler (* 1744 in Strassburg, † 1746 in Strassburg)
Lukas Gernler (* 1749 in Strassburg, † 1750 ebenda)
Johann Lukas Gernler (* 22. November 1751 in Strassburg, † unbekannt)[7]

Leben

Um 1835, als die Kirche als Lagerraum genutzt wurde

Anna Catharina Bischoff, eine Enkelin des Basler Spitalmeisters Isaak Bischoff, entstammte einem alten Basler Geschlecht. Sie kam am 23. März 1719 in Strassburg als ältestes von fünf Geschwistern zur Welt, von denen ausser ihr nur ihre jüngere Schwester Anna Margaretha überlebte. Ihre Eltern waren der Schweizer reformierte Pfarrer Johann Jakob Bischoff (1683–1733) und Augusta Margaretha Burckhardt (1697–1735). Die wohlhabende Familie lebte mitten in Strassburg in einem zweistöckigen Haus mit zehn Zimmern und einer Dienstmagd. Ihr Vater verstarb 1733 im Alter von 49 Jahren, als Anna Catharina knapp 14 Jahre alt war. Im selben Jahr kehrte die Witwe Augusta Margaretha Bischoff-Burckhardt mit ihren beiden minderjährigen Töchtern in ihre Herkunftsstadt Basel zurück. Vorher aber lernte Anna noch ihren zukünftigen Mann kennen, den 15 Jahre älteren Lucas Gernler (1704–1781). Er war von 1732 bis 1733 als Pfarrer Stellvertreter ihres Vaters in Wolfisheim gewesen, wo die Gottesdienste abgehalten wurden. Später wurde er sein Nachfolger.

Das Paar heiratete 1738 in Basel und zog dann nach Strassburg zurück. Anna Catharina brachte insgesamt sieben Kinder zur Welt, von denen aber nur zwei Töchter überlebten. Augusta blieb ledig, die andere, Anna Katharina Gernler (1739–1776), heiratete den deutschen Historiker und Diplomaten Christian Friedrich Pfeffel von Kriegelstein. Sie verstarb 1776 in Versailles im Alter von 37 Jahren.

1781 verstarb Lucas Gernler im Alter von 77 Jahren an einem Schlaganfall; er hinterliess zahlreiche Briefe und ein Kirchengesangbuch. Ein Jahr nach seinem Tod zog Anna Catharina, damals 62 Jahre alt, nach Basel. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod vermutlich bei ihrer jüngeren Schwester Anna Margareta Geymüller-Bischoff (1724–1804), die einen vermögenden Kaufmann geheiratet hatte.[8]

Anna Catharinas Urenkel Karl Maximilian von Pfeffel (1811–1890) heiratete später Paul von Württembergs uneheliche Tochter Karoline von Rothenburg. Die beiden sind die Urururgrosseltern von Boris Johnson, der damit in achter Generation ein Nachfahre der Dame aus der Basler Barfüsserkirche ist.

Offene Fragen

Ein vierzigköpfiges Team aus zahlreichen Bereichen wie Anthropologie, Genealogie, Forensik, Molekulargenetik, Medizingeschichte und Toxikologie schuf in zwei Jahren die Grundlagen, die zur Identifikation der Toten führten. Trotz dieser umfassenden Abklärungen bleiben noch Fragen offen:

  • Was hat es mit der auffallenden Handhaltung der Mumie auf sich?
  • Wo sind die 1843 von Blendinger erwähnten zwei männlichen Mumien geblieben?
  • Woher stammt die skelettierte Leiche, die 1975 im oberen Sarg gefunden wurde? Der Schädel stammt von einem etwa 25-jährigen Mann, das übrige Skelett von einer etwa 40-jährigen Frau. Es könnte sich um Anna Catharinas Grossmutter Catharina Gysendörffer handeln, die 1697 beerdigt worden war. Sie war 41 Jahre alt geworden. Der Schädel des Mannes konnte bisher noch nicht näher bestimmt werden.[9]
  • Gab es einen Briefwechsel zwischen Anna Catharina Bischoff und ihrer Tochter Anna Katharina Gernler (1739–1776)? Wenn ja, in welchem Archiv sind diese Briefe zu finden?
  • Gibt es ein Porträt von Anna Catharina Bischoff und ihrem Ehemann Lucas Gernler?

Wie gehen die Forschungen weiter?

Das vierzigköpfige Team forscht weiter mit dem Ziel, die offenen Fragen zu beantworten und das Leben und Wirken der Anna Catharina Bischoff in Buchform einer breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Forschungen geschehen in Kooperation mit dem Departement für Geschichte der Universität Basel. Die Forschungen werden am Naturhistorischen Museum Basel koordiniert.

Buch und Ausstellung

Vitrinen mit der Sonderausstellung zu Anna Catharina Bischoff (Foto: 2021)

Die Mumie war bis zum 13. März 2022 im Naturhistorischen Museum Basel ausgestellt.[10]

Im Herbst 2021 erschien die Publikation «Anna Catharina Bischoff. Die Mumie aus der Barfüsserkirche – Rekonstruktion einer Basler Frauenbiografie des 18. Jahrhunderts», das die umfangreiche Arbeit eines interdisziplinären Forschungsteams beschreibt und Einblicke in ein Frauenschicksal des 18. Jahrhunderts und in den Alltag im Basel und Strassburg jener Zeit gibt. Herausgeber sind Gerhard Hotz und Claudia Opitz-Belakhal.[11] Eine kleine Sonderausstellung zeigte bis zum 2. Januar 2022 neben der Mumie unter anderem Schriftstücke und Reste der Kleidung. Aufgrund des Schädels und molekulargenetischer Analysen konnte Ursula Wittwer-Backofen eine Rekonstruktion ihres Gesichts vornehmen.[12]

Weblinks

Commons: Anna Catharina Bischoff – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Naturhistorisches Museum Basel: Bilder, vollständiger Stammbaum
  • Alois Feusi in der NZZ vom 25. Januar 2018
  • Schweizer Radio und Fernsehen|SRF: Sendung «Einstein» vom 25. Januar 2018
  • Guardian vom 25. Januar 2018 (engl.)
  • Bürgerforschungsprojekt Basel
  • Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt

Literatur

  • Gerhard Hotz et al.: Der rätselhafte Mumienfund aus der Barfüsserkirche in Basel; Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung in der Schweiz; Jahrbuch 2018, Vol. 45, S. 35–64.
  • Gerhard Hotz und Claudia Opitz Belakhal (Hrsg.): Anna Catharina Bischoff. Die Mumie aus der Barfüsserkirche. Rekonstruktion einer Basler Frauenbiografie des 18. Jahrhunderts. Christoph Merian Verlag, Basel 2021, ISBN 978-3-85616-959-6.

Einzelnachweise

  1. ↑ Spektrum der Wissenschaft; Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 3/2018, S. 76ff
  2. ↑ Bericht Thomas Briellmann, forensischer Toxikologe, Universität Basel
  3. ↑ bzbasel.ch vom 25. Januar 2018
  4. ↑ www.bzbasel.ch. 25. Januar 2018
  5. ↑ Das ist die Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Oma von Boris Johnson. Spiegel Online, 25. Januar 2018
  6. ↑ www.bbc.com, 28. Januar 2018
  7. ↑ Naturhistorisches Museum Basel: vollständiger Stammbaum (Memento vom 10. August 2019 im Internet Archive)
  8. ↑ Gerhard Hotz et al.: Der rätselhafte Mumienfund aus der Barfüsserkirche in Basel; Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung in der Schweiz; Jahrbuch 2018, Vol. 45, S. 35–64
  9. ↑ Spektrum der Wissenschaft; Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 3/2018, S. 81
  10. ↑ Anna Catharina Bischoff. Die Mumie aus der Barfuesserkirche. Abgerufen am 1. November 2022. 
  11. ↑ Naturhistorisches Museum Basel. (Memento vom 2. Dezember 2021 im Internet Archive) 2. Dezember 2021
  12. ↑ Tele Basel, 20. Oktober 2021
Normdaten (Person): GND: 1244261076 (lobid, GND Explorer, OGND, AKS) | LCCN: n2022183248 | VIAF: 714163570574616620009 | Wikipedia-Personensuche
Personendaten
NAME Bischoff, Anna Catharina
KURZBESCHREIBUNG Gattin des Pfarrers Lucas Gernler (1975 als Mumie aufgefundene)
GEBURTSDATUM 23. März 1719
GEBURTSORT Strassburg
STERBEDATUM August 1787
STERBEORT Basel



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Anna Catharina Bischoff aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Blue Babe

Noir24admin Mumie 22. Juni 2026
Blue Babe, Dermoplastik im University of Alaska Museum, Fairbanks

Blue Babe ist der Name einer etwa 36.000 Jahre alten Eismumie eines männlichen Steppenbisons (Bos priscus), dessen im Eis konservierten Körper man 1979 nahe Fairbanks in Alaska (USA) fand. Der Name rührt von der Blaufärbung der Haut her, hervorgerufen durch eine chemische Reaktion mit der Luft während der Bergung des Kadavers.

Die aus dem Schlamm ragenden Hufe von Blue Babe wurden von prospektierenden Goldwäschern entdeckt. Die Bergung des Kadavers erfolgte durch Paläontologen.

Blue Babe war zum Zeitpunkt seines Todes in der nordamerikanischen Mammutsteppe etwa acht oder neun Jahre alt und befand sich in ausgezeichneter körperlicher Verfassung. Gemäß den erfolgten Rekonstruktionen fiel der Bison zwei Löwen zum Opfer, die zu dieser Zeit in Alaska verbreitet waren (genetischen Daten zufolge besiedelte damals der Höhlenlöwe (Panthera spelaea) die Region[1][2]). Nach dem Tod fraßen die Löwen vor allem das Fleisch von Rücken und Rumpf; nach einem einsetzenden Frost konnten die Raubtiere jedoch keine weiteren Fleischstücke vom Körper abreißen. Darauf deutet auch ein im Körper des Bison gefundenes Zahnfragment eines Löwen hin. Der festgefrorene Körper wurde offenbar im Frühjahr von Schlamm und Löss verschüttet. Er mumifizierte dann im Schlamm vollständig.

Eine Dermoplastik des prähistorischen Wisents befindet sich heute im Museum der University of Alaska. Dafür wurde die speziell gegerbte Haut auf ein der physischen Erscheinung entsprechendes Spezialgestell aufgezogen. Die inneren Organe, die Knochen sowie die Hörner wurden bei einer Autopsie entnommen und werden heute nicht öffentlich zugänglich gekühlt aufbewahrt.[3]

In den Populärmedien ist Blue Babe vor allem dafür bekannt, dass die Forscher bei der Autopsie 1984 etwas Muskelfleisch entnahmen, daraus einen Eintopf zubereiteten und diesen verspeisten. Das ca. 36000 Jahre alte Bisonfleisch gilt als das älteste Fleisch das je von Menschen gegessen wurde.[4][5]

Literatur

  • R. Dale Guthrie: Frozen Fauna of the Mammoth Steppe: The Story of Blue Babe. University of Chicago Press, 1990 Vorschau in der Google Buchsuche

Einzelnachweise

  1. ↑ R. Barnett, B. Shapiro, I. Barnes, S. Y. Ho, J. Burger, N. Yamaguchi, Thomas F. Higham, H. T. Wheeler, W. Rosendahl, A. V. Sher, M. Sotnikova, T. Kuznetsova, G. F. Baryshnikov, L. D. Martin, C. R. Harington, J. A. Burns, A. Cooper: Phylogeography of lions (Panthera leo ssp.) reveals three distinct taxa and a late Pleistocene reduction in genetic diversity. Molecular ecology 18 (8), 2009, S. 1668–1677, doi:10.1111/j.1365-294X.2009.04134.x
  2. ↑ Ross Barnett, Marie Lisandra Zepeda Mendoza, André Elias Rodrigues Soares, Simon Y W Ho, Grant Zazula, Nobuyuki Yamaguchi, Beth Shapiro, Irina V Kirillova, Greger Larson, M Thomas P Gilbert: Mitogenomics of the Extinct Cave Lion, Panthera spelaea (Goldfuss, 1810), Resolve its Position within the Panthera Cats. IOpen Quaternary 2, 2016, S. 4, doi:10.5334/oq.24
  3. ↑ Blue Babe | Museum | Museum of the North. Abgerufen am 10. Dezember 2024. 
  4. ↑ Paula Mejia: The Dinner Party That Served Up 50,000-Year-Old Bison Stew. 21. August 2019, abgerufen am 9. Dezember 2024 (englisch). 
  5. ↑ In 1984, Scientists Ate 50,000-Year-OId Bison In A Stew. 14. Oktober 2022, abgerufen am 9. Dezember 2024 (englisch). 

Weblinks

  • Steppe Bison. Von C.R. Harington, Canadian Museum of Nature, März 1996. Website des Yukon Beringia Interpretive Centre
  • Bild



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Blue Babe aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Schrumpfkopf

Noir24admin Mumie 22. Juni 2026
Präsentation von Schrumpfköpfen im Museum für Kunst und Geschichte in Brüssel

Ein Schrumpfkopf, eigentlich Tsantsa/Tzantza (Jivaro), ist ein aus der eingeschrumpften Kopfhaut eines toten Menschen angefertigtes Präparat. Echte Schrumpfköpfe wurden bis in das 19. Jahrhundert als Trophäen von Kopfjägern einiger indigener Völker Südamerikas angefertigt und zu kultischen Zwecken verwendet.

Hintergrund

Ein Schrumpfkopf der Shuar

Die Kopfjagd war in vielen Regionen der Erde üblich, jedoch ist der Brauch der Anfertigung von Schrumpfköpfen aus den Köpfen getöteter Feinde nur von wenigen Völkern aus den tropischen Regenwäldern des Amazonasbeckens bekannt. Im Glauben dieser Völker ging, nach erfolgreicher Kopfjagd, die Lebenskraft des Getöteten nach einer Reihe komplexer Rituale und mit Anfertigung der Kopftrophäe (tsantsa) auf den Jäger über. Neben dieser Funktion sollten die Tsantsas der eigenen Sippe zukünftige Jagderfolge, Gesundheit, Kriegsglück, Ernteerfolge und die Fruchtbarkeit der Frauen begünstigen. Die Behandlung der Köpfe galt als „Vollendung“ der Blutrache und ultimative Demütigung, was jedoch weitere Angriffe und Gegenangriffe nicht ausschließen konnte.

Tsantsas wurden nur aus Kopftrophäen von getöteten feindlichen Kriegern, jedoch niemals von Angehörigen des eigenen Stammes oder von Blutsverwandten genommen, auch wenn sie mit ihnen verfeindet waren. Die Aguaruna und Shuar in Peru und Ecuador pflegen diesen Brauch noch heute, jedoch verwenden sie jetzt für ihre Tsantsa keine menschlichen Köpfe mehr, sondern Köpfe von Faultieren.[1]

Forschungsgeschichte

Erste Berichte über Kopfjagd und Schrumpfköpfe bei den Jivaro verfasste der spanische Konquistador Miguel de Estete im Jahr 1530 aus dem Küstengebiet von Ecuador, dessen Bewohner den Konquistadoren bei mehreren erfolglosen Eroberungsversuchen mit besonderer Furchtlosigkeit und Grausamkeit entgegentraten.[2] Im Jahr 1861 wurde in London erstmals ein Schrumpfkopf in einer völkerkundlichen Ausstellung gezeigt. Der finnische Ethnologe Rafael Karsten[3][4] nutzte mehrere Aufenthalte in Südamerika in den Jahren 1916 bis 1947 für Studien über Praktiken und Rituale der Kopfjagd und der spirituellen Hintergründe zur Anfertigung und Verwendung der Schrumpfköpfe.[1]

Anfertigung

Größenvergleich eines menschlichen Schädels mit einem Schrumpfkopf

Die meist faustgroßen Trophäen wurden aus der Haut des abgetrennten Kopfes eines Gegners angefertigt. Dazu wurde der Kopf so nah wie möglich am Oberkörper abgetrennt. Der erfolgreiche Jäger trug den Kopf auf dem Rückzug oder der Flucht bei sich, und bei der ersten Gelegenheit wurde ein Ritual abgehalten, das den Rachegeist des Getöteten unter Kontrolle bringen sollte. Danach wurde die Kopfhaut auf der Rückseite unterhalb des Halswirbelansatzes aufgeschnitten und vorsichtig von Knochen und Muskelgewebe abgelöst.

Die Augenlider und der Nackenschnitt wurden von innen vernäht. Der Mund wurde vernäht oder mit Nadeln aus Bambus verschlossen, um das Ausfahren des Rachegeistes des Toten zu verhindern. Das Innere der Kopfhaut wurde anschließend mit etwas Sand gefüllt und in einem eigens angefertigten Topf mit frischem Flusswasser und Kräuterzusätzen gehängt und vorsichtig erhitzt, bis eine erste Schrumpfung des Hautsackes einsetzte. Das Wasser durfte dabei nicht kochen, da sich sonst die Kopfhaare aus der Haut lösten, die als Sitz der Seele und Lebenskraft angesehen wurden. Anschließend wurden Nasen- und Ohrenöffnungen provisorisch verschlossen und ein Lianenring an der Halsöffnung angenäht. Danach wurde der Hautsack rituell mit drei kleinen erhitzten Steinen ausgeschwenkt.

Mumifiziert und auf die endgültige Größe geschrumpft wurde der Kopf durch im Feuer erhitzten feinen Sand, der so oft in den Hautsack gefüllt und darin geschwenkt wurde, bis der Kopf schließlich die gewünschte Größe erreichte. Anschließend wurden das Innere der Kopfhaut gereinigt und die Gesichtszüge modelliert. Die Bambusnadeln des Mundverschlusses wurden mit roter Farbe bemalt, mit roten Textilfäden umwickelt oder durch eine kunstvolle Verschnürung ersetzt.

Möglicherweise folgte danach noch eine Räucherung des Schrumpfkopfes zur Konservierung und um eine dunkle Hautfarbe zu erreichen. Schließlich wurde am Haarwirbel ein Band angebracht, an dem der erfolgreiche Jäger seine Trophäe bei der Siegeszeremonie um den Hals tragen konnte. Diese Prozedur konnte sich über mehrere Tage oder Wochen erstrecken und war durch strikte Regeln zu Arbeitsabläufen, Ritualen, Handlungs- und Verhaltensweisen geprägt. Junge Jäger wurden dabei meistens von älteren, erfahrenen Kriegern und Medizinleuten unterstützt.[1] Der Schrumpfungsprozess der Kopfhaut ist Folge einer Verleimung des Kollagens der Kopfhaut während der Wärmebehandlung im heißen Wasser, wie es bei einigen Gerbverfahren angewandt wird. Die endgültige Schrumpfung entsteht durch den Wasserentzug (Volumenreduzierung) bei der abschließenden Trocknung.

Nachwirkungen

Präsentation menschlicher Präparate im KZ Buchenwald, darunter zwei Schrumpfköpfe
Schrumpfköpfe in einem Kuriositätenladen in Seattle

Im 19. und 20. Jahrhundert waren Schrumpfköpfe ein beliebtes Mitbringsel von Seeleuten und Reisenden aus Südamerika, wodurch sie zu einem begehrten Objekt völkerkundlicher Sammler und Museen Europas und Nordamerikas wurden. Die dadurch massiv gestiegene Nachfrage wurde durch die indigenen Völker und recht früh auch durch deren Nachbarn sowie verschiedene Fälschergruppen bedient. Bei diesen nicht länger rituell, sondern kommerziell motivierten Auftragsarbeiten wurde nicht mehr ausschließlich auf im Kampf besiegte Gegner zurückgegriffen, sondern auch auf gezielt zu diesem Zweck gejagte Menschen unterschiedlichster Herkunft, zu denen rasch auch Frauen und exhumierte Leichen zählten. Fritz W. up de Graff[5] berichtet im Jahr 1923 von einem Mann aus Panama, der Schrumpfköpfe und sogar ganze Schrumpfkörper herstellte, von denen sich jetzt zwei im Bestand des National Museum of the American Indian befinden.[1] Seit den 1920er Jahren werden Schrumpfkopfrepliken auch aus der Haut und den Haaren von Ziegen oder anderer Tiere hergestellt und verbreitet. Einige dieser Repliken sind auf den ersten Blick nur schwer von echten menschlichen Präparaten zu unterscheiden.[1]

Bei der Befreiung des KZs Buchenwald durch die 3. US-Armee wurden zwei Schrumpfköpfe gefunden, die ein Arzt der SS nach Angaben von Lagerinsassen aus den Köpfen zweier hingerichteter polnischer Lagerflüchtlinge angefertigt hatte[6] und die bei den Buchenwald-Prozessen im Internierungslager Dachau als Beweismittel mit vorgebracht wurden. Die Köpfe befinden sich heute im National Museum of Health and Medicine, Silver Spring/Maryland, und in der Sammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Ein weiterer, angeblicher Schrumpfkopf wurde 1985 der Gedenkstätte Buchenwald übergeben. Nachforschungen ergaben nach 2004, dass der ursprüngliche Besitzer anders als behauptet kein ehemaliger Häftling gewesen war.[7] Im Jahr 2023 wurde ein forensisches Gutachten in Auftrag gegeben, das eindeutig bestätigte, dass es sich bei dem als Schrumpfkopf bezeichneten Artefakt nicht um ein menschliches Präparat handelt. Die Analyse der DNA einer entnommenen Haarprobe ergab, dass die Haare von einer Ziege stammen. Es wird angenommen, dass das gesamte Objekt aus verschiedenen Teilen von Tieren kunstvoll zusammengenäht wurde.[8]

Im Juni 2015 wurde vom Verwaltungsgericht München gerichtlich untersucht, ob ein Schrumpfkopf nach dem Deutschen Bestattungsrecht beerdigt werden muss; das Verfahren wurde wegen örtlicher Unzuständigkeit eingestellt.[9] Die Frage dabei ist, ob Schrumpfköpfe primär als kulturhistorische Objekte wie Mumien oder Moorleichen, mit denen selbst staatliche Museen handeln, oder als menschliche Leichenteile anzusehen sind, die „durch den Inhaber des Gewahrsams“, hier das Münchener Auktionshaus Hermann Historica, „unverzüglich in schicklicher und gesundheitlich unbedenklicher Weise beseitigt werden“ müssen.[9] Die Frage kam bei einer versuchten Auktion des Auktionshauses Hermann Historica auf.

Museale Ausstellungspraxis

Schrumpfkopf, ausgestellt im Museo de América (Madrid)

Gegenwärtig wird diskutiert, ob Trophäenschädel, die bisher als Kunst und Ethnographica galten, aus den Vitrinen von Museen, Auktionshäusern und Galerien entfernt werden sollen.[10] Es gilt nunmehr als unethisch, menschliche Überreste in ihrem kulturellen Kontext vorzustellen oder gar, durch Handel eine Wertsteigerung anzustreben.[11] Der Internationale Museumsrat (ICOM) verlangt in seinen ethischen Richtlinien zur „Ausstellung sensibler Objekte“ allerdings nur, diese „mit Taktgefühl und Achtung vor den Gefühlen der Menschwürde, die alle Völker haben, zu präsentieren“.[12]

Dokumentarfilme

  • Kopfjäger Amazoniens – Der Mythos der Jivaros. 61 Min. Regie: Yves de Perreti. Frankreich 2002.[13][14]
  • Das Geheimnis der Schrumpfköpfe. (= Mysterien im Museum. Staffel 2, Folge 7). 43 Min. Moderation: Don Wildman. USA 2011.[15][16]
  • Geheimnis der Schrumpfköpfe. (= Treasures Decoded – Jäger der verlorenen Schätze. Staffel 4, Folge 6). 45 Min. Regie: Nick Hardie und Peter Crystal. Kanada/Vereinigtes Königreich 2017.[17][18]

Literatur

  • Andreas Schlothauer: Eine besondere Trophäenbehandlung – Die Schrumpfköpfe der Jivaro-Völker. In: Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hrsg.): Schädelkult – Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Schnell + Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2454-1, S. 217–223 (PDF).

Weblinks

Wiktionary: Schrumpfkopf – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Schrumpfköpfe – Sammlung von Bildern
  • Der Mythos der unbesiegbaren Kopfjäger (Memento vom 19. Dezember 2015 im Internet Archive). In: Website von Arte, 13. Februar 2006
  • Beschreibung eines Schrumpfkopfes aus dem 19. Jhd., Auktionshaus Dorotheum (Webarchiv)

Einzelnachweise

  1. ↑ a b c d e Andreas Schlothauer: Eine besondere Trophäenbehandlung – Die Schrumpfköpfe der Jivaro-Völker. In: Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hrsg.): Schädelkult – Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Schnell + Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2454-1, S. 217–223. 
  2. ↑ Der Mythos der unbesiegbaren Kopfjäger (Memento vom 2. Januar 2011 im Internet Archive). In: Arte.tv. 1. Februar 2006, abgerufen am 14. Juli 2019.
  3. ↑ Rafael Karsten: The head-hunters of Western Amazonas. The Life and Culture of the Jibaro Indians of Eastern Ecuador and Peru. Helsingfors 1935 (englisch). 
  4. ↑ Rafael Karsten: Some critical remarks on Ethnological Field-research in South America. Helsingfors 1954 (englisch). 
  5. ↑ Fritz W. up de Graff: Head Hunters of the Amazon – Seven Years of Exploration and Adventure. New York 1923 (englisch). 
  6. ↑ Foto Nr. 009.012, entstanden zwischen 11. und 15. April 1945. Fotoarchiv Buchenwald, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (französische Erläuterung, abgerufen am 15. August 2012).
  7. ↑ Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: Falsifikat Schrumpfkopf. Abgerufen am 18. November 2025. 
  8. ↑ Falsifikat: „Schrumpfkopf“. In: Gedenkstätte Buchenwald. Abgerufen am 1. Januar 2025. 
  9. ↑ a b Ekkehard Müller-Jentsch: Prozess in München: Ein Stück Mensch für 2500 Euro. In: Süddeutsche Zeitung. 18. Juni 2015, abgerufen am 20. Januar 2022. 
  10. ↑ Ingrid Thurner: Die Kopftrophäen-Debatte und der Umgang mit dem Fremden in der Gegenwart. In: Tagblatt-Wienerzeitung.at. 1. Januar 2018, abgerufen am 24. Juni 2025. 
  11. ↑ Natalie Bayer, Belinda Kazeem-Kamiński, Nora Sternfeld (Hrsg.): Kuratieren als antirassistische Praxis. De Gruyter, Berlin 2017, doi:10.1515/9783110543650.
  12. ↑ ICOM – Internationaler Museumsrat: Ethische Richtlinien für Museen von ICOM. Überarbeitete 2. Auflage der deutschen Version. Berlin 2006, S. 19 (PDF).
  13. ↑ Kopfjäger Amazoniens - Der Mythos der Jivaros (Memento vom 16. April 2015 im Internet Archive)
  14. ↑ Kopfjäger Amazoniens – Der Mythos der Jivaros. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 9. November 2021. 
  15. ↑ Shrunken Heads, Greeley Expedition, Broken Arrow. In: Internet Movie Database. Abgerufen am 9. November 2021 (englisch). 
  16. ↑ Mysterien im Museum - Das Geheimnis der Schrumpfköpfe. In: Fernsehserien.de. Abgerufen am 9. November 2021. 
  17. ↑ Shrunken Heads. In: Internet Movie Database. Abgerufen am 9. November 2021 (englisch). 
  18. ↑ Geheimnis der Schrumpfköpfe. In: Fernsehserien.de. Abgerufen am 9. November 2021. 



🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Schrumpfkopf aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

Abteikirche Thorn

Noir24admin Mumie 22. Juni 2026
Die Abteikirche St. Michael in Thorn
Das barockisierte Innere der Kirche

Die Abteikirche im niederländischen Thorn, eine gotische Kreuzbasilika im Wesentlichen aus dem vierzehnten Jahrhundert, diente bis zur Aufhebung des adeligen Damenstiftes im Jahr 1797 als Stiftskirche des Reichsstiftes Thorn und seitdem als römisch-katholische Pfarrkirche St. Michael.

Baugeschichte und Baubeschreibung

Die Abtei Thorn wurde 975 durch Bischof Ansfried als Benediktinerinnen-Kloster gegründet.

Im Unterbau des Westwerks der Kirche haben sich Teile eines romanischen Baues aus dem zwölften Jahrhundert erhalten. Der Turm wird in den unteren Geschossen von zwei runden Treppentürmen flankiert; der südliche der beiden Rundtürme ist in seinem gesamten sichtbaren Bau während der Restaurierung der Kirche in den Jahren 1860 bis 1881 unter der Leitung von Pierre Cuypers[1] neu errichtet worden, gleiches gilt für den Oberbau des Hauptturmes.

Der Zugang zur Kirche erfolgt über ein auf der Nordseite gelegenes Portal, neben dem von außen gesehen rechts aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammend sich eine Archivkammer und über einem niedrigen Gewölbe im Erdgeschoss der Kapitelsaal befindet. Im südlichen Querhaus hingegen ist in erhöhter Lage, vom Kirchenschiff aus über eine reich ausgebildete Treppe zu erreichen, der 'Fürstinnenchor' bzw. 'Damenchor' erhalten. Der Damenchor verfügt über eine Louis-seize-Ausstattung; er war in unmittelbarer Nachbarschaft zum abgebrochenen Äbtissinnenpalais neben der Kirche gelegen.

Der Chor ist als Hochchor mit darunter liegender Krypta ausgeführt. In der Krypta befindet sich in einem gläsernen Sarkophag ein mumifizierter Leichnam ('Mumie von Thorn'). Der Hochchor ist wie der Damenchor im Louis-seize-Stil dekoriert, wohingegen der übrige Innenraum über eine neoklassizistische Stuckatur verfügt.

Nach der Aufhebung der Abtei 1797 wurde die der Abteikirche benachbarte alte Pfarrkirche abgebrochen, die Abteikirche diente fortan als Pfarrkirche. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Kirche im Jahr 1944 beschädigt.

Reichsmonument

Der Abteikirche St. Michael in Thorn ist, wie vielen anderen Bauwerken in Thorn ebenfalls, der Status eines niederländischen Reichsmonuments (Rijksmonument, Nr. 35.490) verliehen.

Ausstattung

Von der sonstigen reichen Ausstattung der Kirche sind neben mehreren barocken Altären insbesondere ein Renaissancealtar von 1624 sowie der aus dem Jahr 1769 stammende Hochaltar beachtenswert, ferner ein Taufstein aus dem fünfzehnten Jahrhundert, der spätgotische Kalvarienberg und ein Epitaph für die Stiftsdame Clara Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim.

Orgel

Mittelschiff und Blick auf die Orgel

Das Orgelgehäuse stammt aus dem 18. Jahrhundert. Es wurde von Jean-François le Picard aus Luik (Belgien) erbaut. Das historische Orgelwerk (25 Register mit einem angehängten Pedal) wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Das heutige Orgelwerk wurde 1951 durch den Orgelbauer Vermeulen (Weert) erbaut. Das Instrument hat 25 Register (darunter 2 Transmissionen aus dem Hauptwerk in das Pedal) auf drei Manualen und Pedal. Die Trakturen sind elektropneumatisch.[2]

I Hauptwerk C–g3
1. Prestant 8′
2. Bourdon 8′
3. Prestant 4′
4. Fluit 4′
5. Octaaf 2′
6. Mixtuur IV
7. Trompet 8′
II Schwellwerk C–g3
8. Prestant 8′
9. Holpijp 8′
10. Salicionaal 8′
11. Blokfluit 4′
12. Nasard 2 2⁄3′
13. Nachthoorn 2′
14. Terts 1 3⁄5′
15. Flageolet 1′
16. Basson-Hobo 8′
Tremulant
III Rückpositiv C–g3
17. Roerfluit 8′
18. Prestant 4′
19. Spitsfluit 2′
20. Scherp II-III
21. Kopregaal 4′
Pedal C–f1
22. Subbas 16′
23. Gedekt (= Nr. 2) 8′
24. Octaaf 8′
25. Koraalbas (= Nr. 3) 4′
  • Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P

Fotos

  • Die Kirche im Ortsbild aus östlicher Blickrichtung
    Die Kirche im Ortsbild aus östlicher Blickrichtung
  • Das Westwerk
    Das Westwerk
  • Rechts das südliche Querschiff (Damenchor)
    Rechts das südliche Querschiff (Damenchor)
  • Nördliches Querschiff und Turm
    Nördliches Querschiff und Turm
  • Modell des ursprünglichen Zustandes vor der Aufhebung des Stifts, links die alte Pfarrkirche, rechts die Abteigebäude
    Modell des ursprünglichen Zustandes vor der Aufhebung des Stifts, links die alte Pfarrkirche, rechts die Abteigebäude

Weblinks

Commons: Abteikirche Thorn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Monumentnummer: 35490 In: Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (niederländisch)

Einzelnachweise

  1. ↑ Complete lijst van werken van Pierre Cuypers. In: P.J.H. Cuypers. Archiviert vom Original am 24. Juli 2011; abgerufen am 11. März 2023 (niederländisch). 
  2. ↑ Nähere Informationen zur Orgel (niederländisch)

51.1605555555565.8419444444444Koordinaten: 51° 9′ 38″ N, 5° 50′ 31″ O




🔮 Noir24 Archiv-Hinweis

Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Abteikirche Thorn aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International und ist frei verfügbar.

  1. Atacama-Skelett
  2. Medienliste zu Mumien
  3. Permafrostleiche

Seite 9 von 10

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

» Marlon & Zoe – Wenn die Dunkelheit Code schreibt und Legenden zum Leben erwachen. «


Startseite Impressum Datenschutz Kontakt Netiquette

© 2026 Noir24 / Demon Nights TV. Alle Rechte in der Dunkelheit reserviert.

  • Noir24
  • Noir24 Netzwerk
  • Noir24 Wiki
  • Noir24 Media