Epidemic aus dem Jahr 1987 ist ein dänischer Spielfilm von Lars von Trier und der einzige Langfilm, in dem von Trier selber in einer größeren Rolle mitspielt. Es handelt sich um den zweiten Teil der vontrierschen „Europa“-Trilogie. Der Film ist weniger von einer dramatischen Handlung als von assoziativ verbundenen Motiven gekennzeichnet, in einer düsteren Stimmung und mit harten Hell-Dunkel-Kontrasten. Die Haupthandlung ist auf grobkörnigem, schwarzweißen 16-mm-Material gedreht, die kürzeren Einschübe mit Szenen eines Films-im-Film auf 35 mm.
Handlung
Die Handlung des Films erstreckt sich über fünf Tage. Lars und Niels möchten einen Film drehen und haben vom Dänischen Filminstitut einen Vorschuss erhalten, der zur Anfertigung eines Drehbuchs genutzt werden sollte. Am ersten Tag verlieren sie das bereits fast fertiggestellte Drehbuch („Der Polizist und die Hure“). Da sie mit dem bisherigen Projekt sowieso unzufrieden waren, beginnen sie ein neues Drehbuch, das vom Ausbruch einer Epidemie handeln soll. Das Drehbuch soll in fünf Tagen vom Filmproduzenten Claes abgeholt werden. Die beiden machen sich ans Schreiben. Recherchen führen sie in eine Bibliothek, in der ihnen der Archivar Einzelheiten über die mittelalterlichen Pestepidemien mitteilt. So wurden zu Beginn der Pestausbrüche häufig sogenannte Rattenkönige gefunden, die als Vorbote der Krankheit galten. Hauptfigur des geplanten Films ist ein Arzt, Dr. Mesmer, der entgegen den Warnungen seiner Kollegen, die die neue Regierung des Landes bilden wollen, das schützende Spital verlässt, um der Landbevölkerung mit seinen Kenntnissen beizustehen. Immer wieder werden Szenen aus dem Filmprojekt eingespielt und die beiden Handlungsebenen somit verknüpft. Dies steigert sich noch als die beiden Filmmacher erfahren, dass in der Stadt ein Rattenkönig gefunden wurde.
Um weitere Anregungen für ihren Film zu finden, machen Lars und Niels eine Tour durch Deutschland und besuchen in Köln Udo Kier. Der Schauspieler berichtet, dass seine gerade verstorbene Mutter ihm vor ihrem Tod vom Leiden unter den englischen Bomberangriffen während des Kriegs erzählt hat. Danach bricht er in Tränen aus. Zurück in Dänemark, erzählt Niels von seinen Brieffreundschaften mit minderjährigen Mädchen aus den USA, über die sich beide sehr amüsieren. Die Handlung des geplanten Filmes und die tatsächlichen Geschehnisse kreuzen sich endgültig, als Lars aus Recherchegründen der Sektion einer Leiche beiwohnt: Der Verstorbene litt an einer unbekannten, offenbar ansteckenden Krankheit. Am fünften und letzten Tag trifft Claes vom Filminstitut ein, dem sie beim gemeinsamen Abendessen das Ende des Films schildern: Dr. Mesmer sorgte selbst mit kontaminierten Arztbesteck für eine weitere Verbreitung der Pest, die er eigentlich eindämmen wollte. Als sie Claes das Skript aushändigen, ist dieser enttäuscht, dass es lediglich zwölf Seiten umfasst sowie keine Gewalt und nur wenige Tote enthält. Auch das für dänische Filme untypische Fehlen von Subplots bemängelt er. Es stoßen zwei weitere Gäste zur Abendgesellschaft hinzu: Ein Mann, der eine Frau in eine Art Hypnose versetzt. Sie „steigt“ in den geplanten Film hinein und erzählt von den Schrecken der mittelalterlichen Pest, bis sie einen hysterischen Anfall erleidet und an den Symptomen der unbekannten Krankheit stirbt, nachdem sich riesige Beulen an ihrem Hals gebildet und geöffnet haben. Zeitgleich zeigt Niels Symptome der Krankheit, womit der Film endet.
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Der Friedhof Fontanelle(Cimitero delle Fontanelle) ist ein ehemaliger Friedhof und ein Ossuarium im Rione Sanità der italienischen Stadt Neapel.
Der Cimitero delle Fontanelle befindet sich in einem Höhlensystem eines Tuffgesteins, das erstmals 1656 offiziell als Begräbnisstätte benutzt wurde, als täglich bis zu 1500 Menschen an der „Großen Pest“ starben und die Friedhöfe bereits hoffnungslos überfüllt waren. Vor dem 16. Jahrhundert wurden in Neapel die Toten in den Kirchen begraben. Wenn jedoch der Platz nicht mehr ausreichte, wurden die älteren Leichname über Nacht ausgegraben und in leeren Höhlen zusammengestapelt, wie zum Beispiel in den Höhlen der Via Fontanelle. Außerdem diente diese als Massengrab für Tote aus den Armenvierteln der Stadt, und die in den zahlreichen neapolitanischen Katastrophen, wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Volksaufstände und Hungersnöte Umgekommenen.
Geschichte
Nach einem Edikt Napoleons (Edikt von Saint-Cloud), in dem Bestattungen innerhalb der Stadt verboten wurden, wurde der Friedhof nach einem Plan des neapolitanischen Architekten Carlo Praus von 1810 erweitert und eine größere Begräbnisstätte angelegt.
Der Friedhof wurde ein weiteres Mal offiziell für die Toten der Choleraepidemie von 1836/37 genutzt.[1]
Der Name delle fontanelle (it. = von den Quellen) leitet sich ab von dem Vorkommen zahlreicher, seit der Antike genutzter Wasserquellen im Rione Sanità.
Zuvor hatten die Höhlen als Steinbruch gedient. Er umfasst eine Grundfläche von mehr als 3.000 m², besteht aus drei trapezförmigen etwa 10 bis 15 m hohen Hallen, genannt navate mit anschließenden mehrere 100 m langen Korridoren.
Navata
Aedicula mit Herz-Jesu-Statue
Navata
Friedhof Fontanelle im Film
Der Cimitero delle Fontanelle ist in mehreren italienischen Filmen Spielort, u. a. in dem Mafia-Film I Guappi (1974) von Pasquale Squitieri und in der Komödie Il mistero di Bellavista (1984) von Luciano De Crescenzo.[2]
Er ist einer der Spielorte von Roberto Rosselinis Film Reise in Italien (1954) mit Ingrid Bergman.
Das Filmdrama Paranza – Der Clan der Kinder (2019) von Claudio Giovannesi zeigt, wie sich dort mafiose Jugendbanden des Rione Sanità sammeln.[3]
Literatur
Antonio Piedimonte: Il cimitero delle Fontanelle. Il culto delle anime del Purgatorio e il sottosuolo di Napoli. Napoli: Electa 2003, ISBN 88-510-0131-6.
Black Death ist ein britisch-deutscher Historienfilm mit Zügen eines Horrorfilms aus dem Jahr 2010. Regie führte Christopher Smith, das Drehbuch schrieb Dario Poloni. Die Hauptrollen spielten Sean Bean, Eddie Redmayne und Carice van Houten. Der Film lief am 9. September 2010 in den deutschen Kinos an.
Handlung
Der Film spielt im Jahr 1348 im mittelalterlichen England, das von der Pest heimgesucht wird. Osmund, ein junger Novize, drängt seine hübsche blonde Geliebte Averill zur Flucht aus der pestverseuchten Stadt in einen abgelegenen Wald. Zunächst hindert ihn sein Mönchsgelübde daran, ihr zu folgen, da ergibt sich für ihn die Gelegenheit, im Auftrag des alten Bischofs den gefürchteten Ritter Ulric mit seinem sechsköpfigen Gefolge von Söldnern zu einem entfernten Dorf zu führen, das am „großen Moor“ liegt und Gerüchten zufolge bisher von der Pest verschont wurde, weil es sich von Gott abgewandt habe und Dämonen anbete. Ulrics Aufgabe ist es, dort einen Totenbeschwörer zu jagen, der angeblich Tote zurück ins Leben holen könne.
Nach einer Reise voller Gefahren, auf der die Männer das Moor zu Fuß durchqueren, ihren Hexenkäfig zurücklassen müssen und in deren Verlauf Osmund Spuren findet, die ihn vom Tod seiner Geliebten überzeugen, findet die Truppe das von Gott abgewandte Dorf, in dem eine unheimliche Idylle herrscht und in dem es mehr Frauen als Männer gibt. Die Anführer des Dorfes sind der freundlich wirkende Hob und die unheimliche Langiva, die über erstaunliche Heilkünste verfügt und wie eine keltische Zauberin wirkt. Ihre feindliche Haltung gegenüber dem Christentum bestätigt die Vorurteile der Männer im Mittelalter, dass Frauen weniger fest im Glauben sind und als Hexen mit dem Bösen im Bund stehen. Die Männer werden zunächst freundlich empfangen – man bietet ihnen etwas zu essen und ein Bett an – und stellen fest, dass niemand im Dorf am Schwarzen Tod erkrankt ist, auch sehen sie keine Leichen brennen. Eine junge blonde Frau trägt ein Amulett mit dem Siegel des Bischofs, das sie angeblich gefunden hat – für Ulrics Männer ein Beweis, dass bereits andere Abgesandte des Bischofs zuvor in das Dorf kamen und getötet wurden. Sie bleiben, um den Totenbeschwörer ausfindig zu machen. Langiva verbindet unterdessen Osmunds Wunden und lässt ständig ihre Abneigung gegen die mörderische christliche Kirche erkennen, die ihren Mann getötet habe. Sie zeigt ihm auch die Leiche seiner Geliebten und später im Wald ein Ritual, in dessen Verlauf Langiva das Mädchen scheinbar aus dem Grab heraus wieder zum Leben erweckt. Osmund flieht entsetzt.
Bei einem abendlichen Festmahl, bei dem Langiva abfällig über das christliche Tischgebet spricht, werden Ulric und seinen Männern mit Schlafmitteln versetzte Speisen gereicht. Die Truppe wacht am nächsten Morgen gefesselt in einer kalten Wassergrube auf, über der ein Käfig steht. Ihnen wird eröffnet, dass niemand im Dorf an Gott glaube und sie durch den Zauber ihrer Anführerin Langiva vor der Pest geschützt seien. Langiva sagt den umstehenden Dorfbewohnern, dass sie mit den Christen im Käfig die Jahrhunderte der Unterdrückung und des Leids vor sich sehen, das diese Religion mit sich gebracht habe. Einer der Männer wird qualvoll hingerichtet, indem Hob ihn an ein Andreaskreuz nagelt und ersticht, nachdem er das Angebot abgelehnt hat, Gott abzuschwören und damit sein Leben zu retten. Der einzige Mann, der diesem Aufruf verzweifelt folgt, wird zunächst freundlich von Hob umarmt und dann unter falschen Versprechungen von mehreren Männern weggeführt und im Wald an einem Baum aufgehängt. Osmund wird in eine Hütte zu seiner wiedererweckten Geliebten Averill gebracht. Sie scheint aber vollkommen verwirrt – und Osmund tötet sie im Glauben, damit ihre Qual zu beenden. Als er mit der Toten aus der Hütte kommt, ist dies für Langiva ein weiterer Beweis für die Grausamkeit der Christen, die im Namen des Glaubens sogar jene töten, die sie lieben. Anschließend wird der standhafte Ulric zwischen zwei Pferde gespannt und gevierteilt. Kurz zuvor bittet er Osmund, ihm das Hemd zu öffnen. Seine Pestbeulen verraten, dass er infiziert ist und so den Tod in das ungläubige Dorf gebracht hat. Die Dorfbewohner schreien entsetzt auf, als er zerrissen wird. In der Zwischenzeit können sich Ulrics letzte beide Männer befreien und töten einige Abtrünnige. Langiva kann fliehen, und Osmund folgt ihr ins Moor. Sie berichtet, dass alles Schwindel gewesen sei und sie Osmunds Geliebte lediglich betäubt und wieder aufgeweckt habe. Als Osmund sie bittet, Averill wieder ins Leben zu holen, verspottet sie ihn und fordert ihn auf, sich an seinen Gott zu wenden. Anschließend verschwindet sie im hohen Schilfgras. Wolfstan, einer der verbleibenden Kämpfer, bringt Osmund und den gefangenen Hob, der als angeblicher Totenbeschwörer dem Bischof übergeben werden soll, zurück zum Kloster.
Wolfstan berichtet aus dem Off, dass das Dorf tatsächlich nicht durch einen Zauber von Langiva beschützt wurde, sondern zu abgelegen und isoliert lag, um mit der Pest in Kontakt zu kommen, und dass jene, die nicht von den verbliebenen Söldnern niedergemetzelt worden waren, bald an der von Ulric übertragenen Seuche zu Grunde gingen. Weiterhin berichtet er, dass Osmund aus Verzweiflung über die Geschehnisse rachsüchtig zum Schwert griff und ein gnadenloser Hexenjäger wurde. Die letzten Szenen zeigen ihn, wie er auf der Suche nach Hexen mit seinen Männern durch das Land reitet. Er klopft in einem Dorf an die Tür einer Hütte, woraufhin die vermeintliche Langiva öffnet und freundlich fragt, ob sie ihm helfen könne. Sie wird abgeführt und in einem Raum gefesselt. Sie beteuert verzweifelt ihre Unschuld, doch Osmund hört nicht auf sie und lässt sie foltern, ohne dass er das gewünschte Geständnis erhält. Danach zieht er weiter und kommt zu mehreren Frauen, die auf einem Feld ihre Arbeit verrichten. Eine von ihnen, die ebenfalls wie Langiva aussieht, wird abgeführt und verbrannt. Es stellt sich heraus, dass es sich bei keiner der Frauen tatsächlich um Langiva handelt, sondern dass Osmund in seiner Rachsucht und Verblendung unschuldige Frauen ermordet hat. Die Stimme sagt in der letzten Szene, dass er das Gute und die Liebe im Leben wiederfinden möge.
Produktion
Große Teile des Films wurden in Sachsen-Anhalt an der Teufelsmauer, auf Schloss Blankenburg in Blankenburg und Burg Querfurt in Querfurt sowie in der Nähe der Burg Arnstein bei Aschersleben als auch in dem Kloster und Stiftskirche St. Pankratius in Hamersleben[2] in der ersten Hälfte des Jahres 2009 gedreht.[3] Drehplatz des mittelalterlichen Dorfes war das Museumsdorf Ukranenland in Torgelow/Mecklenburg-Vorpommern. Gefördert wurde die Filmproduktion vom Deutschen Filmförderfonds, vom Medienboard Berlin-Brandenburg, von der Mitteldeutschen Medienförderung und von der Filmförderung Mecklenburg-Vorpommerns.
Kritiken
„Dass Black Death dennoch nicht vollständig zu überzeugen versteht, liegt wohl vor allem daran, dass Smith erneut die Synthese von Form und Inhalt nicht so ganz überzeugend gelingt. Stand in Creep oder Severance noch ganz die Form im Fokus, die sich an fremden Ideen abarbeitete, so erscheint Black Death wie ein Ideenfilm, der sich nicht immer ausreichend darum bemüht, das Interesse seines Publikums durch eine affektive Inszenierung konstant aufrechtzuerhalten. Den Spannungsbogen, den Smith etwa in der vergleichsweise leeren Stilübung Creep so virtuos zu straffen vermochte, lässt er in Black Death zunächst ein wenig fahrlässig schleifen, um dann erst im cleveren und bitter konsequenten Epilog wieder zu demonstrieren, dass er Effekt und Emotion durchaus brillant zu kombinieren imstande ist.“
„Ähnlich wie M. Night Shyamalan mit The Village oder Danny Boyle mit The Beach versucht Christopher Smith nicht nur ein machtpolitisches System basierend auf Fanatismus und Fatalismus zu dekonstruieren, er will im selben Atemzug auch die Natur des Menschen ergründen. Doch Glaube steht gegen Glaube; Schmerz wird mit Schmerzen beantwortet und der Regisseur lässt Osmund in seinen Wahnvorstellungen allein zurück auf einem blutigen Pfad. Trotz beeindruckend intensiver Kameraarbeit verbleibt Black Death in der Andeutung eines psychologischen und kulturgeschichtlichen Porträts im Schopenhauer’schen Sinne und versumpft samt einfältig hochtrabender Filmmusik in den Klischees eines wenig visionären Genrespagats.“
↑Jochen Werner: Kritik auf critic.de, abgerufen am 7. Dezember 2010.
↑Wibke Wetzger: Horror im Harz. Das Pestdrama „Black Death“ zeigt Schauerliches aus dem Herzen Deutschlands. In: Berliner Zeitung. Nr.210/2010, 9. September 2010, Kulturkalender. Film, S.2.
Die zwischen 1350 und 1681 nachweisbaren Pestepidemien in Braunschweig forderten tausende Todesopfer mit Verlustquoten von teilweise mehr als 30 % der Bevölkerung. Sie haben die politische und wirtschaftliche Geschichte der Stadt beeinflusst und während des 17. Jahrhunderts zum Verlust der städtischen Freiheit beigetragen.
Die Krankheit
Bei der Pest handelt es sich um eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht wird. Klinisch sind vier Formen zu unterscheiden: die auch als Bubonenpest bezeichnete Beulenpest, die Lungenpest, die Pestsepsis und die abortive Pest. Die Übertragung erfolgt durch Ratten- und Menschenfloh sowie im Falle der Lungenpest von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion. Die Inkubationszeit beträgt bei der Beulenpest zwei bis zehn Tage und verläuft unbehandelt zu 25 bis 50 % tödlich. Die Lungenpest weist eine Inkubationszeit von lediglich ein bis zwei Tagen auf und verläuft ohne Behandlung immer tödlich.
Der „Schwarze Tod“ 1350
Ausbreitung der Pest in Europa zwischen 1347 und 1351
Der „Schwarze Tod“, die große aus Zentralasien eingeschleppte europäische Pest-Pandemie der Jahre zwischen 1347 und 1353, erreichte in Form einer Haut-, Beulen- und Lungenpest im April/Mai 1350 die Stadt Braunschweig und dauerte bis zum Januar 1351. Es gibt für Braunschweig keine Zahlen und Schätzungen über die Sterberate. Hinweise geben die Zahlen der Todesopfer in den norddeutschen Städten Magdeburg, Hamburg und Bremen, die zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bevölkerung lagen. Die europäische Pest forderte insgesamt schätzungsweise 25 Millionen Todesopfer, was einem Drittel der damaligen Bevölkerung entspricht. Im Braunschweiger Franziskanerkloster überlebte laut dem späteren Chronisten Hermann Bote nur ein einziger Mönch. Das Verfestungs- und Neubürgerbuch der Neustadt notiert 1350, dass viele starben und viele Wundertaten geschahen. Zur Abwendung der als Strafe Gottes aufgefassten Seuche gelobte der Rat eine jährliche Prozession am Tage des Stadtheiligen Auctor, dem 20. August. Diese führte vom Dom St. Blasii zur Aegidienkirche, in der sich die Reliquien des Heiligen befanden. Eine weitere Maßnahme war der zwischen 1351 und 1358 erfolgte Bau des Hospitals St. Jodoci außerhalb der Stadtmauern vor dem Wendentor. 1358 und 1365/66 grassierte erneut die Pest in der Stadt.
15. – 17. Jahrhundert
Das Alexiusspital an der heutigen Münzstraße
Während einer neuerlichen Pestepidemie ließen sich im Jahre 1473 die Alexiusbrüder, ein seit dem 13. Jahrhundert nachweisbarer Krankenpflegeorden, am Damm nieder. Sie errichteten auf einer Okerhalbinsel das St. Alexiushospital. Weitere Ausbrüche der Pest sind für die Jahre 1565, 1582, 1597 und 1609 belegt.
In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges forderte die Pest des Jahres 1625 ungefähr 3000 Opfer in Braunschweig. Die hohe Zahl von Toten war Folge der durch Kriegsflüchtlinge bedingten Überbevölkerung der Stadt und damit verbundener schlechter hygienischer Verhältnisse.
Die Pestepidemie 1657/58
Der Braunschweiger Bürgermeister, Chronist und Zeitzeuge Christoph Gerke (1628–1714) beschreibt die große Pestepidemie von 1657/58 in seiner Stadtchronik: Im Jahre Christi 1657 suchte der All gerechte Gott diese gute Stadt mit einer schweren Pestilentz heim, darinnen viel tausend Menschen /: etliche sagen zwölfftausendt :/ weggerafft undt durch den zeitlichen todt hingerißen sindt, jedoch ist kein Bürgermeister oder Prediger daran gestorben, sondern Gott hat so wol Einen Ehrbaren Engen Rath, als das Ministerium alhier in gnaden behütet. Seiner Beschreibung nach erreichte die Seuche von Bremen kommend, wo sie 1655/56 ungefähr 1600 Todesopfer gefordert hatte, die Stadt Braunschweig im Frühjahr 1657 (umb Fasenacht). Sie brach zu Pfingsten am 27./28. Mai heftig aus und wütete bis Anfang des Jahres 1658. Nach dem Ende der Epidemie wurde am 31. Januar 1658 ein öffentlich Danckfest gehalten. Diese Pestepidemie forderte den Kirchenbüchern zufolge 5420 Todesopfer. Der Braunschweiger Stadtphysikus Lorenz Gieseler († 1684/85) veröffentlichte 1657 seine Schrift Kurtze doch nöhtige Erinnerung und Anweisung Wie ein jeder bey jtzigen verspürten Seuchen sich verhalten sol. Das Werk erfuhr in den folgenden Jahrzehnten mehrere Auflagen.
Der letzte Ausbruch einer Pestepidemie in Braunschweig ist für das Jahr 1681 belegt.[1]
Folgen und Maßnahmen
Die demographischen Auswirkungen waren durch die hohen Bevölkerungsverluste beträchtlich, wobei für die erste Pestepidemie 1350 keine Zahlen für Braunschweig vorliegen. Die wirtschaftlichen Schäden resultierten aus dem Massensterben und dem daraus folgenden Arbeitskräftemangel. Das Aufkommen von Steuern und Zinsen sank und die Unterbrechung des Handels führte vielfach zu Konkursen von Kaufleuten und Handwerkern. Zur Handelsblockade während der Pest 1657/58 schreibt Chronist Gerke: Gott bewahre uns vor solchen undt dergleichen übel in gnaden: denn was vor schaden durch diese der Stadt occludierung, in deme die aus den kleinen Städten undt andere handelsleute bey der Stadt weg fuhren, undt die nahrung anders wo sucheten, derselben sey zugefüget worden, hat man hernach erfahren.
Die kulturgeschichtlichen Folgen äußerten sich in der Suche nach einer Erklärung für die plötzlich auftretenden Epidemien. Ebenso wie in weiten Teilen des Reiches kam es auch in Norddeutschland zu Judenverfolgungen, die zu „Brunnenvergiftern“ und damit Schuldigen an der Ausbreitung der Pest erklärt wurden. Der die Menschheit strafende Gott sollte durch Buß- und Bittprozessionen, kirchliche Stiftungen und die Anrufung bestimmter Heiliger gnädig gestimmt werden. Verschiedene obrigkeitliche Abwehr- und Kontrollmaßnahmen, die in detaillierten Pestordnungen festgeschrieben wurden, führten erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts zu Erfolgen. So trugen die städtischen Ärzte Schutzkleidung, Kranke wurden in außerhalb der Stadt liegenden Pesthospitälern isoliert, gefährdete Wohnhäuser wurden gekennzeichnet und der Besitz Pestkranker oder Verstorbener wurde häufig verbrannt.
Politische Auswirkungen: In Braunschweig mündeten die Pestepidemien des 14. Jahrhunderts und die damit einhergehenden demographischen und wirtschaftlichen Folgen in den Aufstand der „Großen Schicht“ von 1374. Eine weitere Zäsur der Stadtgeschichte, die Eroberung der autonomen Stadt Braunschweig durch den welfischen Landesherrn im Jahre 1671, kann ebenfalls mit den Pestepidemien in Verbindung gebracht werden. Der Dreißigjährige Krieg und die beiden Pestepidemien von 1625 und 1657/58 hatten die Wirtschaftskraft und den Abwehrwillen der Bürger soweit geschwächt, dass das 20000 Mann zählende Belagerungsheer des Herzogs die Stadt ohne nennenswerte Kampfhandlungen einnehmen konnte.
Literatur
N. Bulst, G. Keil: Pest. in: Lexikon des Mittelalters. Bd. VI, Sp. 1915–1920, München 2003, ISBN 3-423-59057-2.
Malte de Vries: Pestepidemien im Braunschweig des 16. und 17. Jahrhunderts. Alltag in Zeiten einer „Gottesstrafe“. In: Braunschweigisches Jahrbuch. Band 101, 2020, S. 27–50.
Manfred R. W. Garzmann (Hrsg.): Teiledition der Chronik des Braunschweiger Bürgermeisters Christoph Gerke (1628-1714). Quaestiones Brunsvicenses, Bd. 11/12, Hannover 2000, ISBN 3-7752-5790-X.
Cord Meckseper (Hrsg.): Stadt im Wandel, Ausstellungskatalog Band 1. S. 652–688, Edition Cantz, Stuttgart 1985, ISBN 3-922608-37-X.
Richard Moderhack: Braunschweiger Stadtgeschichte. Braunschweig 1997, ISBN 3-87884-050-0.
Willibald Pschyrembel: Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. Bearbeitet von Helmut Hildebrandt, 258. Auflage. de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-014824-2.
Einzelnachweise
↑Johann Lechel: Adumbratio Pestis, Oder Kurtze Beschreibung der Pestilentz : Nach dero Wesen und Eigenschafften/ Uhrsprunge und Kennzeichen, Braunschweig 1681.