Yuki Onna in Sawaki Sūshis Hyakkai Zukan (1737)Yuki Onna in Toriyama Sekiens Gazu Hyakki Yagyō (1776)
Yuki-onna oder Yuki Onna (japanisch 雪女, „Schneefrau“) ist ein fiktives Wesen des japanischen Volksglaubens und wird zur Gruppe der Yōkai gezählt.[1]
Beschreibung
Der japanische Volksglaube beschreibt die Yuki-onna als zierliche, hochgewachsene Frau oder als zierliches Mädchen. Sie hat knielanges, schneeweißes (seltener pechschwarzes) Haar und trägt einen ebenso weißen, eleganten Kimono. Ihr Wesen wird zwiespältig beschrieben: So soll sie vor aufkommenden Schneestürmen warnen, aber manchmal auch verirrte Bergwanderer ins Schneegestöber locken, wo die Opfer dann jämmerlich erfrieren. Auch wird ihr nachgesagt, dass sie kleine Kinder davor warne, nachts allein draußen zu spielen. Tut ein Kind dies dennoch, wird es von der Schneefrau entführt.
Überlieferung
Eine frühe Legende um die Schneefrau stammt aus dem Werk Sōgi Shokoku Monogatari (宗祇諸国物語, „Wundersame Geschichten vom Lande“) um 1690, Edo-Zeit. Der Autor berichtet von einer Begegnung mit der Schneefrau am Rande eines Bambushains. Er beschreibt sie als um die zwanzig Jahre alt mit einer so blassen Hautfarbe, dass die Dame fast transparent schien. Ihre Körpermaße sollen 10 jō (ca. 3,30 m) betragen haben.
Eine weitere Geschichte um die Yuki-onna stammt aus der Region Oguni in der Präfektur Yamagata. Laut der lokalen Anekdote war die Schneefrau einst eine Mondprinzessin, die sich furchtbar langweilte und unbedingt wissen wollte, wie es auf der Erde zuging. Also ließ sie sich eines Winters von den Schneeflocken zur Erde hinabtragen – und saß fest. Sie hatte vergessen, eine Rückkehrmöglichkeit einzuplanen und vorzubereiten.
Eine dritte Sage erzählt von einem eifrigen Diener namens Minokichi und seinem Meister, welche in ein Schneegestöber geraten und in einer Berghütte Unterschlupf suchen. Während sie schlafen, erscheint die Schneefrau und tötet den Meister mit ihrem eiskalten Atem. Dem Diener droht sie mit dem Tode, sollte er irgendjemandem von dem Vorfall erzählen. Dann verschwindet sie. Im darauffolgenden Winter trifft der Diener in seinem Heimatdorf auf eine unglaublich schöne, junge Frau namens Yūki. Beide heiraten und sie gebiert ihm zehn schöne Kinder mit ungewöhnlich heller Haut. Eines Abends erzählt Minokichi seiner Frau, dass sie ihn an die Schneefrau erinnere, die er vor Jahren traf. Daraufhin wird Yūki wütend, verwandelt sich in die Schneefrau und wirft ihm vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. Sie lasse ihn nur wegen der Kinder am Leben, sollte ihnen aber etwas zustoßen, werde er es bitter bereuen. Dann verschwindet die Yuki-onna.
Yuki-onna in der modernen Subkultur
Die Schneefrau wird unter anderem in dem Film Kwaidan – Ghost stories von Regisseur Masaki Kobayashi aus dem Jahre 1964 thematisiert. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman Kwaidan: Stories and Studies of Strange Things von Lafcadio Hearn aus dem Jahr 1904. Sie kommt zudem auch in Manga und Anime vor, beispielsweise in Rosario + Vampire oder Secret Service. Des Weiteren existiert sie auch in dem Sammelkartenspiel Yu-Gi-Oh! als die Karte „Geistertrick Yuki-Onna“. Das Pokémon Frosdedje aus der gleichnamigen Spielreihe ist an die Yuki-onna angelehnt, wie dessen japanischer Name ユキメノコYukimenoko (dt. Schneemädchen) und Aussehen zeigen. Der deutsche Name bedeutet so viel wie „Frostmädchen“. In der Animeserie Inuyasha kommt eine Schneefrau vor, die Wanderer mit in ihr Schneedorf nimmt und ihnen dort das Leben aussaugt. In der asiatischen Serie "Falling into your Smile" gibt es eine Figur namens Yuki-Onna im dort gespielten Game, das stark an das hier bekannte League of Legends erinnert.
Literatur
Carol Mack: A Field Guide to Demons, Vampires, Fallen Angels - And Other Subversive Spirits. Skyhorse Publications, New York 2011, ISBN 9781611451009
Michaela Haustein: Mythologien der Welt: Japan, Ainu, Korea. ePubli, Berlin 2011, ISBN 3844214070
Lafcadio Hearn (Autor), Oscar Lewis (Hrsg.): Kwaidan: Ghost Stories and Strange Tales of Old Japan. Dover Publications, New York 2006 (Neuauflage), ISBN 0486450945
Bartłomiej Paszylk: The Pleasure and Pain of Cult Horror Films: An Historical Survey. McFarland, Jefferson, N.C. 2009, ISBN 0786436956.
↑Theresa Bane: Encyclopedia of Demons in World Religions and Cultures. McFarland, Jefferson, North Carolina 2012, ISBN 978-0-7864-8894-0, S.334 (englisch, Volltext in der Google-Buchsuche).
Vedmak ist ein Wesen aus der slawischen Mythologie. In der slawischen Mythologie war Vedmak ein Hexenmeister oder eine männliche Hexe, wobei das weibliche Äquivalent Vedma[1] ist, aber im Gegensatz zu letzterem kann der Vedmak auch positive Eigenschaften besitzen.
Es wird angenommen, dass sie mit dem Teufel verbunden sind und Schaden anrichten können, indem sie Krankheiten verbreiten, Vieh töten, eine Ernte verderben usw. Vedmak wurde auch als Beleidigung verwendet.[2] Ein Vedmak kann sich in jedes Tier oder jeden Gegenstand verwandeln.[2]
Etymologie
Vedmak kommt aus dem Urslawischen Wort *vědět („wissen“) und Altostslawischen вѣдь („Wissen; Hexerei“).[3]
In anderen Sprachen
Eine richtige deutsche Bezeichnung für Vedmak gibt es nicht, jedoch ist Vedmak die meist verbreitete Form, die in der deutschen Sprache verwendet wird. Der Vedmak kommt in mehreren slawischen Kulturen vor mit verschiedenen Bezeichnungen, die hier aufgelistet werden:
Unter dem Einfluss der Fantasy-Saga The Witcher von Andrzej Sapkowski wird der Begriff Vedmak im bestimmten Kontext manchmal auch als „Hexer“ bzw. „Witcher“ verwendet. In der polnischen Originalversion der Romane, ist das für „Hexer“ verwendete Wort „wiedźmin“. „Wiedźmin“ ist ein Neologismus, der vom Autor der Bücher, Andrzej Sapkowski, kreiert wurde, aus dem polnischen Wort für Vedmak; wiedźmak.[8][9]
Das Wort „wiedźmak“ wird in den Büchern nur als abfällige Bezeichnung für Hexer verwendet. „Ведьмак“ ist auch das Wort, das in der russischen ausgabe der Romane verwendet wird.[10]
Einzelnachweise
↑H. P. Blavatsky, Annie Besant: Theosophical Review Magazine. Hrsg.: Kessinger Publishing, LLC. 1902, ISBN 1-162-60058-6, S.401.
↑ abYefimova's Modern Explanatory Dictionary of the Russian language, 2000.
↑M. Fasmer: Dictionary of Russian language in 4 volumes. 2. Auflage. 1987 (englisch).
↑Слоўнік беларускай мовы (Wörterbuch der belarussischen Sprache). Minsk 2012, ISBN 978-985-08-1365-7, S.916.
↑University of Chicago Division of the Social Sciences: Aspects of Contemporary Ukraine. Human Relations Area Files, 1955, ISBN 0-598-54210-8 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2023]).
Edith Rose Woodford-Grimes (* 18. Dezember 1887 in Malton, North Yorkshire; † 1975 in Welwyn, Hertfordshire) war eine britische Wiccan, die allgemein bekannt wurde als die früheste Anhängerin des Wicca-Glaubens. Sie war Mitglied des New Forest Coven, der während der späten 1930er Jahre und der frühen 1940er Jahre Zusammenkünfte hatte. Dadurch wurde sie eine Freundin und Arbeitspartnerin von Gerald Gardner, der die Gardnerische Wicca-Tradition mit ihrer Hilfe begründete. Allgemein unter ihrem Spitznamen Dafo bekannt, war ihre Beteiligung lange Zeit ein Geheimnis geblieben. Erst in den späten 1990er Jahren wurde ihre Rolle in der Geschichte des Wicca durch Historiker untersucht und ihre wahre Identität aufgedeckt.
Der Grund für ihren Spitznamen Dafo ist unbekannt; der Forscher Philip Heselton vermutet dahinter nicht ihren Hexennamen, sondern einen Spitznamen, der ihr von Gardner gegeben wurde und vielleicht auf dessen Erfahrungen in Asien beruht, weil gewisse Buddha-Statuen so genannt wurden.[1]
Werdegang bis 1938
Woodford-Grimes wurde geboren als Edith Rose Wray in einem Haus in Malton, North Yorkshire, am 18. Dezember 1887. Ihr Vater, William Henry Wray, war ein Werkzeugmacher bei der örtlichen Hafenverwaltung, ihre Mutter war Caroline Wray, geborene Harrison.[2] Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Sie wurde Lehrerin für Englisch, Dramaturgie und Musik und war später Angestellte des London College of Music und der London Academy of Music and Dramatic Art.[3]
Am 16. Juni 1920 heiratete sie Samuel William Woodford Grimes, einen 1880 in Bangalore, Indien geborenen Engländer, der zu der Zeit als Schreiber im Kriegspensionsbüro in Southampton arbeitete. Anschließend nahm sie seinen Familiennamen Grimes an und entschied dabei, seinen dritten Vornamen mit einem Bindestrich voranzustellen (Woodford-Grimes). Forscher Philip Heselton bemerkte später: „Dies dürfte reiner Snobismus gewesen sein oder sie dürfte gefühlt haben, dass es sich eleganter und exklusiver anhört.“[4] Bald nach der Eheschließung zog das Paar in ein neu gebautes Haus in der Osborne Straße 67 in Portswood, einer Vorstadt von Southampton im südlichen England. Dann kam am 30. Juni 1921 Rosanne, ihr erstes und einziges Kind auf die Welt. Bereits 1924 nahm sie wieder eine Anstellung als Tutorin für Englisch und Dramaturgische Literatur an, die sie bis 1934 fortsetzte. Ab 1924 begann sie auch, Rhetorik und Dramaturgie auf Abendkursen der Southamptoner Unterrichtsbehörden zu lehren.[5] Schließlich hatte sich die Beziehung zwischen dem Paar auseinander gelebt, sie blieben verheiratet (zur damaligen Zeit war eine Scheidung sehr schwierig), aber sie zog 1938 nach Christchurch, Hampshire. Hier kaufte sie sich einen neu gebauten Bungalow in der Dennistoun Allee, Somerford, und begann, als private Lehrerin für Rhetorik und Dramaturgie zu arbeiten.[6] In Christchurch bekam sie Kontakt mit einer esoterischen Gruppe, dem Rosicrucian Order Crotona Fellowship (Orden der Rosenkreuzer Crotona Kameradschaft). Sie interessierte sich zunehmend für deren Philosophien und Praxis und entschied, ihren Bungalow „Theano“ zu nennen, nach dem Namen der Ehefrau des altgriechischen Philosophen Pythagoras. Sie selbst hatte auch die Rolle der Theano in einem Theaterstück um Pythagoras gespielt, das vom Leiter der Gruppe George Alexander Sullivan geschrieben worden war.[6]
Verbindungen mit Wicca ab 1939
Durch ihre Mitwirkung im Rosicrucian Order Crotona Fellowship (Orden der Rosenkreuzer Crotona Kameradschaft) bekam Edith Rose Woodford-Grimes Kontakt mit einer weiteren örtlichen esoterischen Gruppe, die sich New Forest Coven nannte, einer der ältesten Wiccan Coven, die noch existieren. Diese Mitglieder haben sich dem Erhalt und der Fortsetzung eines historischen Hexenkults verschrieben, den sie als "Alte Religion" bezeichneten; eine alte Religion, welche von der Anthropologin Margaret Murray in mehreren Büchern, herausgegeben in den 1920er Jahren und den 1930er Jahren, beschrieben worden ist. Bisherige Untersuchungen und Nachforschungen von Historikern konnten hierzu keinen Nachweis erbringen; sie vermuten deshalb, dass der New Forest Coven eine Gruppe ist, die erst in den frühen 1930er Jahren gegründet worden war.[7]
Später zogen Rosanne und ihr Ehemann in den Bungalow von Woodford-Grimes ein, während Edith Woodford-Grimes selbst noch einmal umzog nach Avenue Cottage in Walkford, ein Dorf neben Highcliffe, wo Gardner und seine Ehefrau Donna gelebt haben.[8] Gardner sagte später über die Veröffentlichung seiner zwei Bücher über Hexerei, dass er von den Hexen, die er damals kannte, die Erlaubnis für die Veröffentlichung erhalten habe. Deshalb wird allgemein angenommen, dass dies ein versteckter Hinweis auf Dafo war, welche erheblich öffentlichkeitsscheuer war als Gardner selbst. In den späten 1940er Jahren hat Gerald Gardner den Bricket Wood Coven gegründet, dem sich auch Dafo anschloss. 1952 hat sie aber diesen Coven verlassen, da sie durch die wachsende Publizität von Gardner befürchtete, enttarnt zu werden.[9]
Im Winter 1952 lud Gardner Doreen Valiente ein, ihn und Dafo in Dafos Haus zu treffen. Sie haben sich dann hier zu mehreren Gelegenheiten getroffen und im Hochsommer 1953 weihte Gardner dann Valiente in das Hexenhandwerk ein (Initiation). Anschließend brachen die drei nach Stonehenge auf, wo sie einem Ritual der Neo-Druiden beiwohnten.[10]
Ab 1954 wohnte Dafo mit ihrer streng christlichen Nichte zusammen, die Okkultismus und Hexerei missbilligte. Dafo hielt daher ihre von Hexerei geprägte Vergangenheit vor ihrer Familie strikt geheim. 1958 nahmen drei getrennte Gruppen von Hexen mit ihr Kontakt auf und baten sie, die Ansprüche von Gardner zu beglaubigen. Dafo hat auf zwei von diesen nicht geantwortet und der dritten Gruppe nur mitgeteilt, dass sie nur rein theoretisches Interesse an der Hexerei hatte und sich nie beteiligt habe.[11][12]
Der Historiker Ronald Hutton schrieb 1999 in seinem Buch The Triumph of the Moon: A History of Modern Pagan Witchcraft, dass er nie die Vergangenheit von Dafo erforscht hätte, weil sie dies abgelehnt habe, da die meisten ihrer Verwandten strenge Christen waren.
Vermächtnis
Woodford-Grimes hinterließ ein dauerndes Vermächtnis im Wiccan und der größeren neopaganen Gemeinschaft, die sie als eine der frühesten bekannten Anhängerinnen ihres Glaubens anerkennen. Weil sie zu Lebzeiten nie öffentlich bekannt wurde und auch bis zum Lebensende jeglichen Kontakt zur Hexerei abgestritten hatte, konnte ihre wahre Identität erst mehrere Jahrzehnte nach ihrem Tod aufgedeckt werden. Nichtsdestoweniger wurde später ihre Mitgliedschaft im New Forest Coven unter ihrem Pseudonym Dafo bekannt; eine der frühesten Quellen war die 1969 erschienene Biografie von June Johns von Alex Sanders, King of the Witches, in dem ihr Pseudonym irrtümlich als „Daffo“ falsch buchstabiert wurde.[13]
Seitdem ihre Identität offenbart wurde, ist sie in Wiccan-Kreisen gut bekannt, zum Beispiel hat der neopagane Barde Francis Cameron eine prosaische Interpretation ihres Lebens geschrieben: „Dafo's Tale“ („Die Erzählung von Dafo“), vorgetragen auf der Konferenz „The Charge of the Goddess conference 2010“ in der Conway Hall in London.[14]
Literatur
Heselton, Philip: Wiccan Roots: Gerald Gardner and the Modern Witchcraft Revival. Capall Bann, Chieveley, Berkshire 2000, ISBN 1-86163-110-3 (englisch).
Heselton, Philip: Gerald Gardner and the Cauldron of Inspiration: An Investigation into the Sources of Gardnerian Witchcraft. Capall Bann, Milverton, Somerset 2003, ISBN 1-86163-164-2 (englisch).
Hutton, Ronald: The Triumph of the Moon: A History of Modern Pagan Witchcraft. Oxford University Press, New York 1999, ISBN 0-19-820744-1 (englisch).
Johns, June: King of the Witches: The World of Alex Sanders. Peter Davies, 1969 (englisch).
Valiente, Doreen: The Rebirth of Witchcraft. Robert Hale, London 1989 (englisch).
Weblinks
Erwähnung von Dafo als Hohepriesterin: www.cumhachd.de (Memento vom 30. März 2016 im Internet Archive)
↑The Centre for Pagan Studies (2010). The Charge of the Goddess Conference - 2010. Celebrating the Life and Work of Gerald Brosseau Gardner event brochure. The Centre for Pagan Events. Page 18.
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Die Yamauba, wie sie in Sekiens Gazu Hyakki Yagyō von 1776 dargestellt wird.Der Künstler Ichikawa Danjūrō in der Rolle der Yamauba in einem Nō-Stück von 1775.Yamauba und Kintarō, Ukyo-e Holzdruck von Kitagawa Utamaro (ca. 1795).
Die Yamauba (japanisch 山姥; „Berghexe“, „Gipfelhexe“), auch Yama-baba (山母; „Mutter der Gipfel“) genannt, ist eine Dämonin der japanischen Folklore aus der Gruppe der Oni, Yōkai, der Yūrei und der Naturgeister. Sie wird gelegentlich mit der Schneefrau Yuki Onna verwechselt (und umgekehrt).
Der Yamauba wird ein ambivalenter Charakter nachgesagt, sie kann das Gute wie das Böse gleichermaßen verkörpern. Sie ist ein beliebter und fest etablierter Charakter im traditionellen Nō-, Bunraku- und Kabuki-Theater. Sie taucht seit dem 14. Jahrhundert in zahllosen Romanen, Haiku, Gedichten und Liedern auf, ihr Wesen hat auch in moderne Romanerzählungen, Comics, Mangas, Dramen und Horrorfilme Einzug gehalten. Sogar in Computerspielen tritt sie auf. Folkloristen und Historiker bewerten die Figur der Yamauba als eine Vermischung aus verschiedenen, mythologischen Wesen, die schon in frühchristlicher Zeit bekannt und zum Teil gefürchtet waren. Sie wird sozusagen als eine „Alleskönnerin“ präsentiert. Während die Yamauba vielerorts als mächtige Naturgöttin und Orakel verehrt wird, ist sie in manchen ländlichen Gegenden noch heute als Kinder raubende Hexe und Kannibalin gefürchtet.
Beschreibung
Die Yamauba wird für gewöhnlich als hochgewachsene, hagere und unattraktive Greisin mit mähnenhaft verwildertem Haar beschrieben. Das Haar ist meist weiß bis grau oder schmutzig-blond, seltener rötlich-grau bis anthrazit und es soll ihr bisweilen bis zu den Knöcheln reichen. Ihre Augen sind gelblich, blutunterlaufen und wirken oft glasig. Ihr Blick wird meist als durchdringend, stechend und starr beschrieben. Ihr Mund soll überproportioniert und mit spitzen, gelblichen Zähnen bestückt sein, alternativ ist ihr Mund hingegen zahnlos. Ihre Finger- und Fußnägel werden als unnatürlich lang und klauenartig beschrieben. Als begnadete Gestaltwandlerin soll sie sich in eine wunderschöne, junge Frau oder gar in ein hübsches Mädchen verwandeln können. Wieder andere Sagen behaupten, sie könne sich unsichtbar machen.[1] Seit dem 18. Jahrhundert, speziell mit Beginn der Meiji-Zeit, erfährt das Aussehen der Yamauba eine zunehmende Sexualisierung und „Aufhübschung“: nun wird sie immer häufiger als barbusige, junge Dame mit sehr langem, schwarzen Haar dargestellt, das ihr aber weiterhin wild absteht. Auch bleibt ihr strenger Blick und es heißt, wenn sie zornig werde, nehme sie wieder ihre hexenhafte Gestalt an.[2]
Auch die Beschreibungen zu Yamaubas Charakter variieren seit der frühen Literatur beträchtlich. Mal wird sie als gewalttätige, rachsüchtige und grausame Hexe mit kannibalistischen Zügen beschrieben, mal als lediglich gruselige und mürrische Herumtreiberin und Bettlerin und dann wiederum als gütige, weise und barmherzige Gönnerin und Mutter. Wieder andere Legenden beschreiben sie als Orakel und Schamanin mit telepathischen und hypnotischen Fähigkeiten, sie soll die Zukunft treffsicher vorhersagen können. Als Wetterhexe und Naturgeist soll sie das Klima und sogar die Jahreszeiten beeinflussen können.[3]
Als häufigster Aufenthaltsort der Yamauba werden schneebedeckte Berggipfel genannt, alternativ dichte und schwer zugängliche Bergwälder. Sie soll jedoch regelmäßig hinabsteigen und nachts durch die Dörfer und dunklen Gassen von Vororten streifen. Kurz vor Wintereinbruch suche sie wenig besuchte Märkte auf, um Sake zu erbetteln (oder zu kaufen) und sich anschließend in gut getarnte Höhlen nahe der Berggipfel zurückzuziehen.[4] Alternativ hause sie in gut getarnten Hütten in den Bergwäldern, in die sie ahnungslose Einzelgänger (meist verirrte Wanderer oder verloren gegangene Kinder) locke, um sie dann zu verspeisen.[5]
Ursprünge und Hintergründe
Mythologischer Ursprung
Folkloristen wie Baba Akiko, Noburo Miyata, Noriko T. Reider und Michael Dylan Foster machen darauf aufmerksam, wie schwierig es sei, einen gesicherten Ursprung der Figur der Yamauba zu ermitteln. Drei Dinge würden die Suche nach einem Ursprung behindern: Erstens, ihr Eigenname „Yamauba“ erscheint nicht vor der Muromachi-Zeit im frühen 14. Jahrhundert. In frühchristlichen Werken kursierten zwar unzählige Legenden, Anekdoten und Sagen um „Berghexen“ und „alte Frauen, die in den Bergen hausten“, doch nie lässt sich für diese Wesen ein gemeinsamer Name oder wenigstens eine gemeinsame Bezeichnung finden. Ab dem frühen 12. Jahrhundert taucht die Umschreibung als Oni-onna (鬼女; Oni-Frau, Ogerin) oder Oni-baba (鬼母; Oni-Mutter, Mutter der Oni) gehäuft auf. Als zweites Hindernis sehen Folkloristen Yamaubas Namen selbst. Ob in Kanji oder Hiragana geschrieben, ihr Name bietet dutzende verschiedener Lesungen und Transkriptionen, darunter Yamauba, Yama-Uba, Yamamba, Yamanba und Yama-baba. Auch der Übersetzung und Deutung des Namens seien wenig Grenzen gesetzt: von „Berghexe“, „Berg-Ogerin“, „Alte-vom-Berg“ über „Alte Bergfrau“ bis „Berg-Krone“ sei fast alles möglich.[6][7]
Die dritte Hürde schließlich sei die passende Klassifizierung und mythologische Zuordnung für die Yamauba. Weil sie alle nur erdenklichen guten wie schlechten, übernatürlichen Fähigkeiten und Attribute in sich vereine, sei ihr Wesen strenggenommen nicht ohne Weiteres festzulegen. Die Yamauba verkörpere von Allem etwas. Ihre Gestalt als Naturgeist und Wetterhexe, die sich kurz vor Wintereinbruch in die Berge zurückzieht, erinnert an die selten erwähnten Göttinnen des Herbstes und der Ernte, Akibimeno-kami (秋毘売神; „Göttin des Herbstes“) und Tatsumahime (竜田姫; „Prinzessin des roten Laubes“). Auch erinnert ihr bevorzugter Rückzugs- und Aufenthaltsort, nämlich hohe Berggipfel, an eine Gottheit, nämlich die Berggöttin Yamahime (山姫; „Gipfel-Prinzessin“).[8] Yamaubas langes, weißes Haar, ihre Verbindung zu Schnee und Eis und ihre Schwäche für Sake lassen Ähnlichkeiten mit der Figur der Schneefrau Yuki-onna erkennen. Mit Letzterer wird Yamauba gelegentlich verwechselt.[9] Ihre Gestalt als Übermutter und barmherzige Ziehmutter erinnere an wohltätige Götter und Göttinnen, wie zum Beispiel an Kan'non (観音; „Die den Klagen lauscht“), die Göttin der Gnade und des Mitgefühls.
Deutungen und Interpretationen
Folkloristen und Historiker wie Akiko, Miyata, Reider und Foster bewerten die Figur der Yamauba nach ihren verschiedenen Wesenszügen. Als „Ogerin“ und „Hexe“ verkörpere sie das klassische „wilde Weib“, das den gesellschaftlichen Normen widerspreche und sich diesen nicht selten widersetze. Ihre dargestellte Hässlichkeit unterstreiche die gesellschaftlichen Ablehnungen und Vorurteile („schön = gut; hässlich = schlecht/böse“). Die nachgesagte „Abnormalität“ komme auch in den verschiedenen Verhaltensweisen der Yamauba zum Tragen, die bereits in frühmodernen Gesellschaften als Tabu angesehen und entsprechend geächtet wurden, wie zum Beispiel Kannibalismus. Vorgebliche „Hexen“, „Ogerinnen“ und „Yōkai-Frauen“ waren im realen Leben meist verwitwete oder unverheiratet gebliebene, alte Frauen, die sich sehr zurückzogen und nun mehr oder weniger einsiedlerisch lebten. Nicht selten galten sie dann als Ausgestoßene und/oder Außenseiterinnen, die in den umliegenden Gemeinden gemieden oder gar gefürchtet wurden. Miyata und Reider sehen sich an die Legende des Obasute (jap. 姥捨て, „Eine alte Frau zurücklassen“) erinnert, ein angeblicher Brauch, bei dem alte Mütter (aber auch ungewollte Säuglinge) in den Bergwäldern ausgesetzt und eiskalt sich selbst überlassen wurden. Rein historisch oder gar archäologisch nachgewiesen ist der Brauch nicht.[10]
Überlieferungen
Frühe literarische Erwähnung
Eine Art von Vorläufer der späteren Yamauba lässt sich möglicherweise ab dem 12. Jahrhundert nachweisen. In dem Werk Konjaku Monogatari-shū (今昔物語集; Geschichtensammlung von Einst und Jetzt) von Toba Sōjō aus dem Jahr 1126 beispielsweise, findet sich die dramatische Geschichte Sanseru-on'na minami Yamashina ni yuki, oni ni'aite nigetaru koto (産女南山科に行き鬼に値ひて逃ぐる語; Von der Dame aus Süd-Yamashina, die fortging, ein Kind zu gebären, eine Ogerin traf und entkam). Sie erzählt von einer hochschwangeren Dame, die in einem Bergwald wandelt, als die Wehen einsetzen. Da erscheint eine alte Frau, die der Dame anbietet, das Kind in ihrer Hütte zur Welt kommen zu lassen. Die Alte stellt sich gar freundlich und erst im allerletzten Moment erkennt die erschrockene Dame, dass die Alte in Wirklichkeit ein böser Oni ist, der es auf das Baby abgesehen hatte. Nur mit letzter Müh’ und Not kann die Protagonistin entkommen. Etwa ab dem Erscheinen des Konjaku Monogatari-shū nehmen ähnliche Geschichten um heimtückische, kannibalistisch geneigte Oni-Frauen aus den Bergen zu.[11]
Eine erste literarische Direkt-Widmung ihres Namens findet sich in dem Nachschlagewerk Ainoshō des buddhistischen Mönches Gyõyo aus dem Jahr 1446. Wenig später erscheint sie in Gaun nikkenroku batsuyu (卧雲日件錄抜尤; Tägliche Aufzeichnungen der Ereignisse im Wolkenreich) des Zen-Priesters Zuikei Shūhō aus dem Jahr 1460, danach unter anderem in dem Werk Getsuan suiseiki (源直朝; Was Getsuan zu erzählen wusste) von Isshiki Tadatomo aus dem Jahr 1597. In einer zum Teil verschollenen Chronik des kaiserlichen Samurai Matsudaira Tadaaki aus dem Jahr 1604 findet sich ein interessanter Eintrag über ein angebliches Erscheinen einer Yamauba am Tōfuku-ji zu Kyōto (ein Zen-Tempel im heutigen Stadtbezirk Higashiyama). Tadaaki schreibt, sie verspeise „große Essensportionen mit nur einem Happs“ und sie sei ein „verrückter Albino aus den Bergen“.[12]
Eine in Japan bis heute beliebte Legende ist Kuwazu nyōbō (食わず女房; Das Weib das niemals isst), die sich im Sammelwerk Kokon hyaku monogatari hyōban (古今百物語評判; Hundert Geschichten aus alten und modernen Zeiten) von Yamaoka Genrin findet. Das Werk wurde etwa im Mai 1671 vollendet, aber erst im August 1685, lange nach Genrins Tod, veröffentlicht. Die Geschichte handelt von einem unerträglich geizigen Mann, der eine wunderschöne Frau heiratet, weil sie augenscheinlich niemals isst, aber den Mann vorzüglich bekocht. Er weiß nicht, dass die Frau sehr wohl isst, nämlich dann, wenn er außer Haus ist oder tief schläft. Und sie benutzt nicht ihren menschlichen Mund, sondern einen zweiten, der sich an ihrem Hinterkopf befindet. Als der Mann die Frau eines Abends erwischt, zeigt sie sich in ihrer wahren Gestalt als Yamauba, packt den Mann und rennt mit ihm in Richtung des Berges, aus dem sie einst gekommen war. Nur ganz knapp kann der Mann entkommen, als er sich in einem Dickicht aus Beifuß und Schwertlilie versteckt.[13] Diese Geschichte mag die Figur der später wohlbekannten „Zweimund-Frau“ Futakuchi-onna inspiriert haben: Im Sammelwerk Ehon Hyaku Monogatari (絵本百物語; Bilderbuch der hundert Erzählungen) von Tōka Sanjin aus dem Jahr 1841 ist die Abbildung einer Futakuchi-onna zu sehen. Der Begleittext gibt die Legende in verkürzter Form wieder und nennt die abgebildete Frau wortwörtlich Futakuchi-onna.[14]
Im Wakan Sansai Zue (和漢三才図会; Chinesisch-japanisches Nachschlagewerk) von Terajima Ryōan aus dem Jahr 1712 wird die Yamauba bizarrerweise als ein exotisches, primatenähnliches Tier beschrieben, das nur ein Bein mit drei Zehen am Fuß und je drei Finger an seinen Händen habe. Es hause in den Bergen der chinesischen Provinzen Guǎngdōng und Guǎngxī und streune nachts umher, um von Wanderern und Anwohnern der Gegend Essen zu erbetteln.[15] In diversen Bilderkatalogen der Edo- und Meiji-Zeit (18. Jahrhundert) erscheinen zahlreiche Abbildungen nebst Kurzbeschreibungen der Yamauba. So ist sie unter anderem in Suekichi Hokusais Werk Bakemono tsukushi emaki (化物尽絵巻; Bebilderte Handrolle der Ungeheuer) aus dem Jahr 1763 und in Toriyama Sekiens berühmten Werk Gazu Hyakki Yagyō (画図百鬼夜行; Bilderbuch der Nachtprozession der 100 Dämonen) aus dem Jahr 1776 abgebildet. Sekiens Zeichnung scheint von diversen Darstellungen aus bekannten Nō-Theatern inspiriert worden zu sein.[16]
Darstellung in frühen Theatern und Ritualen
Ihre Figur erschien ebenfalls schon früh in heute legendären Theaterstücken des traditionellen Nō, Bunraku und Kabuki. Die ersten (und zugleich bekanntesten) Stücke, die sich ihrem Namen widmeten, waren Yamamba von dem Nō-Künstler Kan’ami aus dem Jahr 1398 und Tōshō-ji nezumi monogatari (東勝寺ねずみ物語; Die Sage von den Mäusen im Tōshō-Tempel) von Zeami Motokiyo aus dem Jahr 1537. Ebenfalls berühmt ist das Kabuki-Stück Komochi Yamauba (嫗山姥; Ziehmutter Yamauba) von Chikamatsu Monzaemon aus dem Jahr 1712. Es stellt die Legende um Yamaubas (Zieh-)Sohn Kintarō nach.[17] Auch in zahlreichen anderen Theatern unterschiedlicher Genre tritt die Figur der Yamauba auf. Dabei scheint auch der Thematik keine Grenze gesetzt zu sein: ob als Komödie, Drama, Romanze, sogar als Oper werden Legenden und Geschichten vorgetragen. Dabei scheinen vor allem Dramen und Komödien beliebt gewesen zu sein, alle jedoch mit einer gewissen Moralpredigt oder Weisheit im Hintergrund. Der Charakter der Yamauba wechselt in den jeweiligen Stücken genauso oft und schnell, wie in der Literatur. Die traditionelle Theaterwelt hat maßgeblich zum Erhalt und zur Popularität der Figur der Yamauba beigetragen und so werden bis heute Theaterstücke mit ihrer Figur darin aufgeführt.[18]
Siehe auch
Kuchisake-onna: Weiblicher Yōkai in Gestalt einer maskierten Frau, die nachts Kindern auflauern und sie wahlweise verstümmeln oder entführen soll.
Ubume: Weiblicher Yōkai in Gestalt einer hageren Frau, die während der Schwangerschaft oder Geburt starb und nun Kinder entführt.
Literatur
Noriko T. Reider: Mountain Witches: Yamauba. Utah State University Press, Logan 2021, ISBN 9781646420551.
Noriko T. Reider: Japanese Demon Lore: Oni from Ancient Times to the Present. Utah State University Press, Logan 2010, ISBN 9780874217940, S. 83–86.
Noriko T. Reider: Seven demon stories from medieval Japan. Utah State University Press, Logan 2016, ISBN 9781607324898.
Michael Dylan Foster: The Book of Yokai: Mysterious Creatures of Japanese Folklore. California Press, Berkeley 2015, ISBN 9780520271012.
Hino Iwao: 日本妖怪変化語彙: 動物妖怪譚. Chūkō-Kōron Shinsha, Tokio 2006, ISBN 978-4-12-204792-1, S. 235–238.
Hiroko Yoda, Matt Alt: Japandemonium Illustrated: The Yokai Encyclopedias of Toriyama Sekien. Dover Publications, New York City/Mineola 2017, ISBN 9780486800356.
James T. Araki, Karen Brazell: Traditional Japanese Theater: An Anthology of Plays. Columbia University Press, New York City 1998, ISBN 9780231108737, S. 207–211.
„Hexe“ Angela Spook in einer ihrer typischen Posen (ca. 2001)Die Hexe mit ihrem Fahrrad auf dem Heimweg (2008)
Angela Spook, eigentlich Angelika Tampier (* 14. März 1954 in Enkhausen; † 20. Juli 2020), wurde durch ihre während 25 Jahren öffentliche Zurschaustellung auf der Düsseldorfer Königsallee, als lebendes Bild im Hexenkostüm, populär als die „Hexe von der Kö“.
Die Kö-Hexe
Mit dem Vorplatz des Kö-Centers hatte sich Angela Spook seit 1995 für ihren Auftritt als Hexe einen Ort ausgewählt, an dem sie wohl von den allermeisten Düsseldorf-Besuchern gesehen wurde. Bei jedem Wetter stand sie dort an derselben Stelle, manchmal stundenlang, mit ihrem pechschwarzen langen Gewand mit Hexenmütze, Besen und einem Raben aus Stoff „und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ein mystisches Wesen, an dem jeder Passant kurz innehielt, lächelnd, angenehm irritiert, manchmal auch kopfschüttelnd, worüber sich Frau Spook am meisten freute. In solchen Fällen rollte sie charmant mit den kajalgerahmten Augen.“[1][2] Markenzeichen war auch ihr, zum Schluss dreirädriges Fahrrad, mit dem sie von Flingern zur Königsallee kam. Zwei Schilder neben dem Hinterrad verkündeten „Angela Spook“.
Als Straßenkomödiantin trat sie zuerst als Clown auf, der dreiminütige Texte vortrug. „In unserer schnelllebigen Zeit ein viel zu langer Vortrag“, erzählte Angela Spook, „die Menschen bleiben eine Minute stehen, dann ist ihre Aufmerksamkeit schon wieder auf Anderes gerichtet.“ Ihr Vater hatte ihr 1994 einen langen, schwarzen Mantel geschenkt. In einem Hutladen in der Straße Am Wehrhahn entdeckte sie den spitzen Hut und fand einen Besen – „und deutete dies als Zeichen. »Meine Idee, als Clown aufzutreten, legte ich schnell ad acta«“.[3] Sie wurde für Auftritte in anderen Städten engagiert, auf Kindergeburtstagen und in Kindergärten ist sie aufgetreten. Das Geld, das sie mit ihren Auftritten verdiente, reichte für ihren bescheidenen Lebensunterhalt. Manchmal bot sie selbstgemalte Ölbildchen an. Für ihre unaufdringliche Darstellung erhielt sie kleine Spenden. Sie wurde als im Grunde schüchtern geschildert, als „eine Expertin für wahrhaftiges Understatement“. Sie selbst beschrieb ihre Darstellung als „Hexe im lieben Sinn“ oder als „Living Doll“.[4][1][3]
Im Jahr 2015 veröffentlichte sie im Selbstverlag unter ihrem Pseudonym Angela Spook das Bilderbuch für Kinder „Biggibuggi im Frühlingswald“. Eine benachbarte Geschäftsfrau erinnerte sich: „Sie war so stolz“.[1] Im Jahr 2020 wurde es als 2. Auflage, jedoch gedruckt auf Bestellung, angeboten („Books on Demand“). Biggibuggi, die sich in einen Käfer verwandeln kann, konnten die Leser als „Wendepuppe“ aus Stoff bei ihr per Post für € 39,- auf der Ackerstraße bestellen, ohne Telefonangabe oder E-Mail-Adresse.[5] 2018 trat sie in einer Fernsehausstrahlung auf, in der sie als „freischaffende Künstlerin in ihrem bescheidenen Atelier am Rande der Armutsgrenze“ einer bereits in ein reiches Elternhaus hineingeboren und seit jeher im Wohlstand lebenden Dame gegenübergestellt wurde, welche die Königsallee als Shopping-Paradies erlebt.[6]
Eine Düsseldorferin startete wenige Tage nach dem Tod von Angela Spook eine Petition, damit diese eine Statue an ihrem Stammplatz am Kö-Center erhält.[7][8]
Angelika Tampier
Eine Schwester von Angela neben dem zur Erinnerung im August 2020 in der Ackerstraße aufgestellten Fahrrad[9]
Angelika Tampier sagte über sich: „Nach dem Abi wollte ich Kunst studieren, hab die Prüfung nicht geschafft. Dann hatte ich erst eine Kneipe, hab mich als Kurierfahrerin durchgeschlagen und schließlich bei Prange geputzt“.[10]
Sie war eine gebürtige Sauerländerin. Aufgewachsen in Stemel, machte sie 1976 am Europa-Gymnasium Warstein ihr Abitur.[11] Eigentlich war sie wegen der Kunstakademie nach Düsseldorf gekommen, an die sie es dann nicht geschafft hatte. Jedoch hat sie verschiedene Kurse bei Meisterschülerinnen der Düsseldorfer Kunstakademie belegt. Seit Dezember 2007 gehörte sie zur neu gegründeten Künstlergruppe FlinArt, einer Gruppe von 15 Künstlern, die ihre Werke in einer Sommer- und Winterausstellung präsentierten.[4]
Im Jahr 1999 hatte sie sich der Zen-Meditation zugewandt und eine minimalistische Lebensweise gewählt. Sie lebte überaus bescheiden in einer ehemaligen Schreinerei im Düsseldorfer Stadtbezirk Flingern, in einem Hinterhof der Ackerstraße 191, ohne Heizung und die erste Zeit noch ohne eigenes Bad und Toilette. Sie hatte es sich jedoch gemütlich eingerichtet. Zu ihrem Tagesablauf gehörten das Aufstehen um drei Uhr früh, vier bis fünf Stunden Meditation, zwei Stunden Lesen und eine kalte Dusche.[12]
Während der Düsseldorfer Aktion Kunstpunkte – offene Ateliers konnten sich eingeladene Gäste davon überzeugen, bei „Laternenlicht im Hof, Blumen in hübschen Töpfen, Plätzchen nach eigenem Rezept und Kunsthandwerkliches, das seinen Ursprung in Alltagsgegenständen hatte – der Besucher stand vielleicht nicht im progressivsten Atelier der Stadt, ganz sicher aber wurde er nirgends herzlicher empfangen.“[1] Es hingen hier ausgestopfte Vögel und an den Wänden stapelten sich antiquarische Bücher, auch zum Thema Hexerei.[13][3][2] Sie kümmerte sich um die Baumscheiben und bastelte Aschenbecher, die sie entlang der Ackerstraße aufstellte.[14]
Sie starb unauffällig am 20. Juli 2020. Im Todesjahr hatte sie wohl ihren gewohnten Platz nicht mehr eingenommen, war zuletzt offenbar auch nicht mehr in ihrer Flingener Wohnung. Man hatte ihr zuvor angesehen, dass sie krank war, die Haare gingen ihr aus.[1] Die Urnenbeisetzung fand im Familienkreis im Baumgrab auf dem Friedhof in Sundern-Enkhausen statt.[15]
Retrospektive
„RIP † 2020 ANGELA SPOOK“ (Patrick van den Heuvel)
Am 20. Juli 2021, dem Todestag von Angelika Tampier alias Angela Spook, erschien eine ausführliche Erinnerung an Angela Spook, als der Hexe von Flingern, in der Düsseldorfer Ausgabe der Rheinischen Post. Es wird erwähnt, dass das Fahrrad noch immer unangetastet und geschmückt vor ihrer ehemaligen Wohnadresse auf der Ackerstraße 191 steht. Die Bemühungen um ein Denkmal und/oder eine Gedenkplatte waren ebenfalls noch nicht aufgegeben worden und werden vom Bezirksbürgermeister unterstützt. Eine kleine Gedenktafel mit ihrem Porträt als Hexe hängt inzwischen neben ihrem ehemaligen Wohnungseingang, ein Entwurf von Patrick van den Heuvel von der Firma „.druckbar“, dem früheren Nachbarn, der jetzt zusätzlich Angelika Tampiers Räume übernommen hat. Auch wurde die Benennung einer Straße nach ihr vorgeschlagen.[16]
Im Sperrmüll, am Straßenrand der Ackerstraße, fand sich ein unvollendetes Porträt eines älteren Mannes. Es wurde, vielleicht wenig wahrscheinlich, Angelika Tamper zugeschrieben. Es war als Teil einer Ausstellung im Café Kausal auf der Flurstraße, Thema Fundstücke, zu sehen. Das „ominöse Porträt“ wurde Teil einer Malaktion, die das ganze Jahr 2024 dauerte. Jeder Besucher der Aktion durfte Kopien des Bildes nach eigenen Vorstellungen vervollständigen. Einige Kopien wurden an bekannte Künstler des Stadtteils zum Ergänzen gegeben. Die Ergebnisse sollen bis etwas März 2025 unter dem Titel „Wer bist du?“ im Café Kausal gezeigt werden.[17]
Im Jahr 2025 berichtete die Rheinische Post, dass sich auf Betreiben eines Bürgers der Anregungs- und Beschwerdeausschuss der Stadt Düsseldorf mit dem Thema befasst hatte, eine Straße oder einen Platz nach Angela Spook zu benennen. Auch wurde daran erinnert, dass bisher erfolglos angeregt worden war, an der Stelle ihres Wirkens eine Statue zu errichten oder eine Plakette anzubringen. Ihr Fahrrad auf der Ackerstraße war inzwischen verschwunden.[18]
↑Nicole Kampf, Uwe-Jens Ruhnau: Ein Fahrrad-Denkmal für die Kö-Hexe. Familie und Freunde haben weitere Ideen, um an Angela Spook zu erinnern. Sie könnte „Säulenheilige“ werden. In: Rheinische Post,5. September 2020, S. C5.
↑Nicole Kampe, Uwe-Jens Ruhnau: Die Hexe von Flingern ist unvergessen - Angela Spook alias Angelika Tampier starb vor einem Jahr und könnte bald im Stadtteil geehrt werden. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 20. Juli 2021, S. C5.
↑Marc Ingel: Mal mich fertig! In: Rheinische Post, 24. Februar 2025, S. C5.
↑Christopher Trinks: In Gedenken an die Hexe von der Kö. In: Rheinische Post, 31. Juli 2025, S. C3.
Personendaten
NAME
Spook, Angela
ALTERNATIVNAMEN
Tampier, Angelika (wirklicher Name); Hexe von der Kö (Spitzname)