Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weiteres siehe ONI.
Statue eines Oni (in Beppu) mit der typischen Eisenkeule, einen glücklosen Schurken niederstampfendEin Oni wird durch Bohnen vertrieben. Darstellung von HokusaiOni nach Toriyama Sekien
Oni (japanisch鬼) sind Yōkai aus der japanischen Mythologie. Die Vorstellung reicht vom einfachen neutralen Geist eines Verstorbenen über grimmig-dumme Oger-ähnliche Unholde bis zu abgrundtief bösen unbarmherzigen Dämonen.[1][2]
Erscheinung
Ikonografisch gehen Oni auf die indischen Rakshasa zurück. Sie werden gewöhnlich als hässliche riesige Kreaturen mit scharfen Klauen, wildem Haar und ein bis zwei Hörnern auf ihrem Kopf dargestellt. Meistens sind sie menschenähnlich, manchmal haben sie aber auch eine ungerade Anzahl von Augen oder überzählige Finger und Zehen. Ihre Haut ist von beliebiger Farbe, gewöhnlich jedoch rot, blau oder grün. Ihr grimmiges Erscheinungsbild wird untermalt durch einen Lendenschurz aus Tigerhäuten und eine eisenbewehrte Keule (金棒, kanabō), die sie tragen.[3] Dieses Bild führte zu dem Ausdruck Oni ni Kanabō (鬼に金棒), wörtlich: „ein Oni mit Eisenkeule“, der „unbesiegbar“ bedeutet.
Ursprung und Verhalten
Während das Erscheinungsbild der Oni den indischen Rakshasa entlehnt wurde, entstammt das Schriftzeichen dem Chinesischen, wobei damit „Geister von Verstorbenen“ (chin. gui) bezeichnet wurden.[4]
Bereits in der Heian-Zeit wurden sie als Menschenfresser und allgemein als Gegenspieler der Menschen bzw. als Teufel dargestellt. Das Nihon Ryōiki nennt Vorfälle, in denen mono (ebenfalls 鬼 geschrieben) Menschen in den Wahnsinn trieben. Sie werden als Geister der Verstorbenen beschrieben, die zu Lebzeiten verbittert oder bösartig waren und nun die Lebenden verfluchen. Eifersüchtige Frauen, welche solche Oni wurden, wurden als Hannya (般若) bezeichnet. Andere der chinesischen Mythologie entnommene Beschreibungen sahen sie als Bewohner der Hölle wie die beiden Höllenwächter Gozu (牛頭‚Rinderkopf‘) und Mezu (馬頭‚Pferdekopf‘) an.[4]
Eine bekannte Erzählung von Oni als Menschenfressern findet sich in Shuten Dōji, der nahe der Hauptstadt Heian-kyō sein Unwesen trieb, bis er von Minamoto no Yorimitsu erschlagen wurde.[3]
Seit dem 10. Jahrhundert wurden Oni stark mit dem Nordosten (鬼門kimon, deutsch ‚Oni-Tor‘) assoziiert,[3] besonders in der Yin-Yang-Tradition. Tempel werden beim Bau oft danach ausgerichtet und japanische Gebäude besitzen manchmal L-förmige Einbuchtungen im Nordosten, um Oni abzuwehren; Enryaku-ji am Berg Hiei nordöstlich des Stadtzentrums von Kyōto und Kanei-ji in selbiger Richtung von der Burg Edo aus sind Beispiele dafür. Die japanische Hauptstadt selber bewegte sich im 8. Jahrhundert von Nagaoka-kyō nordostwärts nach Heian-kyō (Kyōto).
Ab dem 13. Jahrhundert finden sich aber auch Beschreibungen von eher tölpelhaften Oni. Diese Abschwächung des Boshaften setzte sich im Laufe der Zeit immer mehr fort, so dass sie auf den Ukiyo-e-Schnitten der Edo-Zeit eher schelmisch dargestellt werden.[3]
Besonders im Frühling halten einige Dörfer alljährliche Zeremonien ab, um Oni zu verscheuchen. Während des Setsubun-Festivals werfen die Menschen Sojabohnen aus ihren Häusern und rufen Oni wa soto! Fuku wa uchi! (鬼は外!福は内!, Dämonen heraus, Glück herein!). Affenstatuen werden auch als Beschützer vor Oni angesehen, da das japanische Wort für Affe Saru gleichlautend mit dem für „verlassen“ ist.
Gegensätzlich zur boshaften Natur, gibt es auch positive Darstellungen von Oni. Japanische Gebäude besitzen manchmal „oni-gesichtige Dachziegel“ (鬼瓦, onigawara), von denen ebenfalls angenommen wird, dass sie Pech fernhalten, ähnlich den Wasserspeiern im Westen.[3] Beim Hanamatsuri (Blumenfest) in Shidara treten als Oni verkleidete Tänzer (Sakaki-oni) auf, die mit ihrem Tanz Segen verteilen und böse Geister abwehren. In der Präfektur Akita gibt es wiederum einen Namahage genannten Brauch, bei dem der Besuch von Kami (raihōshin) aus den Bergen nachgeahmt wird, die unter anderem böse Geister abwehren sollen, wobei diese Kami hier in ihrem Erscheinungsbild Oni ähneln.[4]
Als Lieblingsspiel der Oni gilt das Fangen, und so wird auch in dessen japanischer Fassung der Spieler, welcher an der Reihe ist, Oni genannt (dies gilt ebenfalls für Verstecken).
Einzelnachweise
↑ Begriff „Oni (鬼 / おに)“, (englisch / japanisch): [1] auf tangorin.com, abgerufen am 20. März 2018 - Online
↑ Begriff „Oni (鬼 / おに)“, (deutsch / japanisch): [2] auf wadoku.de, abgerufen am 20. März 2018 - Online
↑ abcdeOni und kappa. In: Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Bernhard Scheid, Universität Wien, 9. April 2022, abgerufen am 9. April 2022.
↑ abcKawamura Kunimitsu: „Oni“. In: Encyclopedia of Shinto. Kokugaku-in, 13. März 2005 (englisch)
Weblinks
Commons: Oni – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Mawka (ukrainischМавка) ist eine weibliche Gestalt aus der ukrainischen Mythologie.[1]
Wortherkunft
Das Wort Mawka kommt von Naw, was auf Altslawisch „Toter“ bedeutet und ein Begriff für Geister der Sterblichen, die tragisch und zu früh gestorben waren, ist.[2][3]
Eigenschaften und Rezeption
Die unter dem Begriff Mawka bekannten Nymphen stellten die Seelen von Mädchen dar, die einen unnatürlichen Tod gestorben waren. Äußerlich werden sie als weibliche Figur, groß, mit einem runden Gesicht, langem Haar und manchmal nackt beschrieben.[3]
Man glaubte, dass sie in Gruppen in Wäldern, Berghöhlen oder Schuppen lebten, die sie mit Teppichen dekorierten. Sie stellten Fäden aus gestohlenem Flachs her und webten dünne, transparente Stoffe, aus denen sie sich Kleidung schneiderten. Sie liebten Blumen, die sie im Haar trugen. Im Frühling pflanzten sie Blumen in den Bergen, mit denen sie junge Männer anlockten, die sie zu Tode kitzelten. Zu Pfingsten (bekannt als Mawkas Ostern) veranstalteten sie Spiele, Tänze und Orgien. Ein Dämon, der eine Flöte oder Pfeife spielte, begleitete sie.[3]
Zu bekannten Werken, in denen Mawkas dargestellt werden, gehören Lessja Ukrajinkas Das Waldlied, Mychajlo Kozjubynskyjs Schatten vergessener Ahnen und der Film Mavka – Hüterin des Waldes.[3][4]
Im russisch besetzten Teil der Ukraine nennt sich eine Widerstandsbewegung von Frauen Sla Mawka.[5]
Siehe auch
Fee
Nymphe
Rusalka
Wila
Weblinks
Commons: Mawka – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Einzelnachweise
↑Мавка. In: Große Ukrainische Enzyklopädie. Abgerufen am 27. September 2024 (ukrainisch).
↑Charles Russell Coulter, Patricia Turner: Encyclopedia of Ancient Deities. Taylor & Francis, 2013, ISBN 978-1-135-96390-3, S.339.
↑ abcdMavka. In: Encyclopedia of Ukraine. Abgerufen am 27. September 2024.
Das Mino-bi (蓑火; „Strohmantel-Feuer“), auch Mino-hi gelesen, ist ein Feuerspuk der japanischen Folklore. Es gilt normalerweise als harmlos und ist anderen Feuer- und Irrlichterscheinungen ähnlich.
Beschreibung
Das Mino-bi soll in regnerischen Nächten, besonders in der Präfektur Shiga um den Biwa-See erscheinen. Wenn Regen auf einen Mino fällt, sollen kleine Lichtlein erscheinen, die an Glühwürmchen erinnern. Würde man den Mino ablegen und behutsam wälzen, würde die Erscheinung bald verschwinden und der Spuk sei vorbei. Würde man aber versuchen, das Irrlicht mit den bloßen Händen wegzuwischen, würde es sich ausbreiten und unter Umständen den Strohmantel in Brand setzen. In manchen ländlichen Regionen ist der Aberglaube verbreitet, dass es sich um die Seele eines Ertrunkenen handele, der im Biwa-See umkam. In den Präfekturen Akita, Niigata und Fukui soll das Mino-bi auch erscheinen, wo es tatsächlich als der Geist eines Glühwürmchens betrachtet wird. Wieder andere Anekdoten behaupten, das Mino-bi sei das Werk arglistiger Kawauso und Tanuki, die sich heimlich in Booten über den Biwa-See schippern ließen.
Hintergründe
Als Mino (蓑; „Umhang“) bezeichnet man einen traditionellen Regen- und Reisemantel der japanischen, chinesischen und koreanischen Kultur, der aus geflochtenem Reis- und Hanfstroh besteht.
Eine bekannte Abbildung nebst Kurzbeschreibung findet sich unter anderem in dem Werk Konjaku Hyakki Shūi (今昔百鬼拾遺; „100 Dämonen von einst und jetzt, Fortsetzung“) von Toriyama Sekien aus dem Jahr 1780. Eine weitere bekannte Überlieferung erscheint in dem Werk Tonegawa zushi (利根川図志; „Erzählungen über den Fluss Tone“) von Akamatsu Sōtan, das um 1855 während der Ansei-Zeit (安政; „Epoche der Sicherheit“) verfasst wurde.
Siehe auch
Haka-no-hi: Feuerspuk, der auf verfallenen Friedhöfen aus Gräbern entweichen soll.
Kosenjōbi: Feuerspuk, der auf alten, verlassenen Schlachtfeldern umgehen soll.
Literatur
Hiroko Yoda, Matt Alt: Japandemonium Illustrated: The Yokai Encyclopedias of Toriyama Sekien. Dover Publications, New York/Mineola 2017, ISBN 978-0-486-80035-6, S. 189.
Shigeru Mizuki: 妖鬼化 3 近畿編, Softgarage, Tokio 2004, ISBN 978-4-86133-006-3, S. 134.
Murakami Kenji: 妖怪事典. Mainichi shinbun, Tokio 2000, ISBN 978-4-620-31428-0, S. 322–323.
Verwitterte Puppe auf der Insel Verwitterte Puppe auf der Insel
Die Isla de las Muñecas (spanisch für Insel der Puppen oder Puppeninsel) ist eine Insel in Mexiko-Stadt. Auf der gesamten Insel sind Hunderte verstümmelte Spielzeugpuppen in den Bäumen aufgehängt. Sie sollten ursprünglich den Geist eines Mädchens vertreiben, das angeblich nahe der Insel ertrunken war. Heute ist die gruselige Insel eine Touristenattraktion.
Lage
Früher befand sich im Süden des Kerns der heutigen Mexiko-Stadt ein flacher endorheischer See, der Lago de Xochimilco, der die ursprüngliche Heimat des Axolotls war. Er wurde durch Entwässerungsmaßnahmen weitgehend trockengelegt. Das Gebiet ist heute ein Netz von Kanälen im Stadtbezirk Xochimilco, circa 23 Kilometer von der Stadtmitte entfernt, und die aus dem See entstandene Moorlandschaft ist ein Naturschutzgebiet.[2]
Die Landstücke zwischen den Kanälen bilden unzählige kleine Inseln, die nur durch schmale Wasseradern voneinander getrennt sind. Eine dieser Inseln, etwa in der Form eines Dreiecks von rund 150 Metern Seitenlänge, wird die Isla de las Muñecas genannt. Bis zur touristischen Erschließung seit Ende der 1990er-Jahre war sie bis auf eine Person unbewohnt.
Die Erschaffung des Puppenkultes
Nahaufnahme einiger Puppen
Einziger Bewohner der Insel war bis zu seinem Tod 2001 der Blumenzüchter und Fischer Julián Santana Barrera. Seinen Erzählungen nach ist vor dem Ufer der Insel 1951 ein kleines Mädchen ertrunken. Ihre Leiche wurde auf die Insel gespült und von Santana gefunden. Er geriet in Panik und fühlte sich ab diesem Zeitpunkt von dem Geist des Mädchens verfolgt.[3] Angeblich seien ihre Schreie und ihre Forderung nach Spielzeug ständig hörbar gewesen. Santana sammelte weggeworfene Puppen, die er in den Kanälen fand, um den Geist des Mädchens damit zu beruhigen.[4] Als diese aber nicht wie von ihm erwartet verschwanden, begann er damit, sie zu verstümmeln und als Abschreckung für den Geist in die Bäume zu hängen. Fast 1000 Puppen, teilweise ohne Augen oder Gliedmaßen, hängte er bis zu seinem Tod in die Bäume.
Julián Santana Barrera ertrank 2001 an derselben Stelle, an der er genau 50 Jahre zuvor das tote Mädchen gefunden hatte,[5] nach manchen Aussagen, weil er betrunken war, nach anderen, weil er einen Herzinfarkt erlitten hatte.[6]
Touristenattraktion
Die Insel wird häufig von den einheimischen Festlandbewohnern als Ort für Mutproben genutzt. Die meisten Puppen bewegen sich mit dem Wind in den Bäumen und suggerieren so, lebendig zu sein. Jugendliche müssen zum Beweis ihrer Unerschrockenheit eine Nacht auf der Insel verbringen. Sie erweiterten die Puppensammlung und hängten immer neue gruselige Gestalten in die Bäume.
Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde die Insel wegen der schockierenden Dekoration auch bei Touristen immer beliebter.[7] Während Santana selbst nur Geschenke und kein Geld von interessierten Touristen annahm, wurde das Gebiet nach seinem Tod touristisch erschlossen. Heute gibt es mehrmals täglich kostenpflichtige Bootsausflüge zu der Insel[8] und für das Betreten der Insel wird Eintritt verlangt. Einziger Bewohner ist heute Anastacio Santana, der Neffe des verstorbenen Julián Santana Barrera.[9]
Medienrezeption
Der Kurzfilm Muñecas von Jorge Michael Grau aus dem Episodenfilm México Bárbaro – Grausame Legenden (2014) spielt auf der Isla de las Muñecas.
Literatur
Michael deMeng: Dusty Diablos: Folklore, Iconography, Assemblage, Ole! North Light Books, 2010, ISBN 1-60061-350-0.
Jamie Frater: Listverse. Com's Ultimate Book of Bizarre Lists. Ulysses Press, 2010, ISBN 1-56975-817-4.
↑Auf der Puppeninsel (Memento des Originals vom 14. Dezember 2019 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.donaukurier.de im Donaukurier am 21. Oktober 2008
Kopfloser Reiter auf Notgeld aus Berga/Elster (1921).
Der kopflose Reiter ist ursprünglich ein untoter Wiedergänger, der in den Volkssagen des deutschsprachigen Raumes erscheint. Ähnliche Figuren existieren auch in anderen Gegenden, wie beispielsweise der Dullahan der irischen Sagenwelt.
Der kopflose Reiter in der deutschen Volkssage
Der kopflose Reiter ist in den Volkssagen Deutschlands eine gefürchtete Gestalt, deren Erscheinen für denjenigen, der ihm begegnet, oft mit dem sofortigen oder baldigen Tod verbunden ist. Das Hauptverbreitungsgebiet dieser Sagen scheint das Rheinland gewesen zu sein, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die im 19. Jahrhundert aufgezeichneten Sagen, in deren Mittelpunkt der kopflose Reiter steht, nur noch einen Restbestand widerspiegeln und diese Gestalt in früheren Jahrhunderten auch die Sagenwelt anderer Teile des deutschsprachigen Raumes bevölkerte.
Der kopflose Reiter wurde der Überlieferung nach zu nächtlicher Stunde gesichtet. In einigen Sagen ist die Rede davon, dass er wie aus dem Nichts erschien, während er in anderen Überlieferungen auf seinem Pferd aus einem Grab oder einer Gruft heraus galoppiert. Im Gegensatz zum „headless horseman“ in Tim Burtons Verfilmung Sleepy Hollow schlug der kopflose Reiter der west- und nordwestdeutschen Sagenwelt seinen Opfern nicht den Kopf ab, sondern tötete sie durch die Berührung mit der Hand. Der Volkskundler Will-Erich Peuckert gibt eine Sage aus Norddeutschland wieder, in der ein paar Jugendliche sich plötzlich einem Leichenzug gegenübersehen. Sie erkennen sofort, dass es sich um Gespenster – oder besser: Wiedergänger – handelt, denn keiner der Menschen hat einen Kopf, und sogar die Pferde vor dem Leichenwagen sind kopflos. Einer der Knaben erhält eine heftige Ohrfeige, die ihn nach wenigen Tagen sterben lässt. Allein die Berührung des Untoten lässt den Lebenden ins Grab sinken. Dahinter steht offenbar die Überzeugung, dass der direkte Kontakt mit dem Wiedergänger zum Verlust der Lebenskraft führt. Damit ist aber auch klargestellt, dass es sich um einen in voller Körperlichkeit wiederkehrenden Untoten, einen „lebenden Leichnam“, und nicht um einen materielosen Geist gehandelt haben muss.
Im Rheinland waren die kopflosen Reiter häufig Wiedergänger, die nach dem Glauben der Menschen für eine ganz bestimmte Sünde büßen mussten. Entweder waren sie Selbstmörder, deren Leichen bis ins 17. Jahrhundert vom Henker geköpft und an einer Wegkreuzung oder einer anderen ungeweihten Stelle eingegraben wurden, wobei man sie oft mit einem langen Hagedornpfahl unter der Erde festnagelte (Eselsbegräbnis). Die andere Gruppe waren Grenzsteinversetzer, die sich am Ackerland ihrer Nachbarn bereichert hatten. Bei einem uralten, wenn auch nur selten vollzogenen Hinrichtungszeremoniell durfte der Geschädigte den Betrüger bis zum Hals an der Stelle, an der sich der Grenzstein ursprünglich befunden hatte, eingraben und den Pflug so oft über den Übeltäter lenken, bis von dessen Kopf nichts mehr übrig blieb. Nach seinem Tod musste der Kopflose nach Ansicht der Menschen in der Nacht umgehen, wobei er den Lebenden nicht mehr primär Schaden zufügte, sondern sie durch seine erschreckende Erscheinung davon abhielt, ebenfalls eine Todsünde zu begehen. Dieser Bedeutungswandel vom schädigenden zum büßenden Wiedergänger ist vermutlich auf den prägenden Einfluss des christlichen Fegefeuerglaubens zurückzuführen, wie der Glaube an wiederkehrende, in voller Körperlichkeit erscheinende Tote im westeuropäischen Raum insgesamt verchristlicht und in Richtung eines Glaubens an nicht körperliche Geisterwesen umgeformt worden ist.
Da der kopflose Reiter in seiner westdeutschen Ausprägung in erster Linie ein Büßer war, konnte er erlöst werden. Oft reichte ein Gebet oder ein Gruß, in dem Gott oder Christus genannt wurde. Dann verwandelte sich der meist in schwarzer Kleidung umgehende Kopflose, zeigte sich in einem weißen Leichentuch und bedankte sich bei dem Lebenden. Doch durfte dieser keinesfalls die Hand des Wiedergängers ergreifen, sondern ihm allenfalls einen Stock hinhalten. Dieser wurde durch die Berührung des Toten morsch, was bedeutete, dass der Lebende, der den Toten berührte, trotz seiner Erlösungstat hätte sterben müssen.
Verwandt mit dem kopflosen Reiter ist der kopflose Junker, der sowohl im Gebiet zwischen Rhein und Ruhr als auch in Böhmen umging. Ihm wurde nachgesagt, dass er sich jungen Frauen oder Mädchen, die in der Nacht auf dem Heimweg waren, in den Weg stellte und sie an der Brust berührte, wobei er ihnen die Lebenskraft raubte. Nach wenigen Tagen starben die Opfer, und in ihrer Todesstunde sahen sie den Kopflosen als dämonischen Bräutigam, unsichtbar für alle anderen Anwesenden, an ihrem Bett stehen. Hier fließen offenbar verschiedene Sagentypen mit ein, so etwa das Motiv des toten Bräutigams in der Lenorensage. Die Figur des kopflosen Junkers wurde im Volksmund als ein wiederkehrender Vergewaltiger gedeutet, der zu Lebzeiten der gerechten Strafe entgangen war und nun ohne Kopf umgehen musste, als ob ihm nach seinem Tod die Strafe widerfahren wäre, die ihm aufgrund seiner Verbrechen zugestanden hätte. Hier haben wir es mit dem Motiv der „spiegelnden Strafe“ zu tun. Motivgeschichtlich ist die Nähe zum schädigenden Wiedergänger vom Typ des Vampirs nicht zu übersehen, denn beide rauben ihren Opfern die Lebenskraft. Zuweilen verschmilzt der Kopflose mit der Figur des Feuermanns, eines Wiedergängers, der von Flammen umhüllt ist – sozusagen ein wandelndes Fegefeuer, das den Lebenden als Warnung dienen soll.
Der fehlende Kopf dieses Wiedergängers wurde in jüngerer Zeit als Zeichen für die gerechte Strafe gedeutet, die der Sünder im Fegefeuer erhalten habe, wie etwa der kopflose Junker. Diese Deutung ist nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass die Enthauptung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit die am meisten bei Männern vollstreckte Hinrichtungsart war. Tatsächlich verbirgt sich aber hinter der Figur des Kopflosen die tief in die Menschheitsgeschichte zurückreichende Auffassung, dass der Kopf der Sitz der Lebenskraft oder – christlich, wenngleich nicht ganz korrekt ausgedrückt – der Seele darstellte. In der verchristlichten Sicht des Mittelalters und der frühen Neuzeit bedeutete dies: Während die Seele – und damit der Kopf – im Fegefeuer blieb, war es dem Sünder gestattet, für eine kurze Zeitspanne auf die Erde zurückzukehren, um die Lebenden zu warnen.
In der im 19. Jahrhundert kolportierten Sage vom Postmichel aus Esslingen taucht ein um 1500 zu Unrecht Hingerichteter als kopfloser Reiter regelmäßig in der St.-Michaels-Nacht wieder auf.
Siehe auch
Der He-he in Kirchschönbach, He-he-Sage in Untersambach und He-he-Sage in Rüdern
Sage aus Radewitz (Glaubitz)
Legende aus Wolmerburg
Geisterhaus Hohensyburg
Schirmbach (Striegis)
Stuttgarter Stadt-Glocke
Sage von der Reiterleskapelle
Sagen von Spießturm
Sage aus Hüselitz
Überlieferungen und Sagen der Hohen Straße zwischen Kocher und Jagst
Sagen von Rödelsee
Sagen von Remseck am Neckar
Der Hoi-Mann in Volkach und Reiter ohne Kopf-Sage (Hallburg)
Östricher Teufelstein
Junker Hahla in Nordheim am Main
Sagen um die Teufelsküche (Landsberg am Lech)
Sagen um die Klosterkirche Nordshausen
„Schimmelreiter“ – Sage aus Schwenningen (Heuberg)
Die Juffer als schädigende Wiedergängerin
Ritter vom Gillbach
Der kopflose Reiter der Weingartsmühle
Der kopflose Reiter in der Literatur
The Headless Horseman Pursuing Ichabod Crane Gemälde von John Quidor, 1858
Literarischen Ruhm erntete die Figur des kopflosen Reiters durch Washington Irvings Novelle Die Sage von der schläfrigen Schlucht (The Legend of Sleepy Hollow, 1809). In diesem frühen Werk der amerikanischen Literatur erscheint der Reiter, zu Lebzeiten ein deutscher Söldner, als eine Art Geist, der den Bewohnern des Dörfchens Sleepy Hollow allerlei Streiche spielt. Irving hatte die Gestalt des Reiters vermutlich bei einer Reise entlang des Rheins (1806) kennengelernt und – ähnlich wie beim Mönch von Heisterbach, der zu Rip Van Winkle wurde – den Schauplatz von Westdeutschland in das niederländisch geprägte Hinterland von New York verlegt.
Verfilmungen
Die Geschichte von Sleepy Hollow wurde mehrmals verfilmt, zuletzt von Tim Burton mit Johnny Depp als Ichabod Crane und Christina Ricci als Katrina Van Tassel. Allerdings gerät der „headless horseman“ in Sleepy Hollow zum dämonischen Wiedergänger, der respektablen Bürgern die Köpfe abschlägt und diese in einem Wald versteckt. Insofern hat dieser Bösewicht mehr Ähnlichkeit mit den deutschen Sagenfiguren als mit Irvings eher zum Schabernack aufgelegtem Schreckgespenst. Der Film, der bis auf die Namen des Schauplatzes und der Hauptpersonen wenig Ähnlichkeit mit der literarischen Vorlage zeigt, war in erster Linie als stimmungsvolle Hommage an die Horrorfilmklassiker der 1950er und 1960er Jahre gedacht, und so spielt Johnny Depp nicht, wie im Original, einen schrulligen Dorfschullehrer, sondern einen jungen, modern denkenden Polizeioffizier, der von einem New Yorker Friedensrichter, gespielt von Christopher Lee, ausgeschickt wird, um die erschreckende Mordserie in Sleepy Hollow aufzuklären.
Im Jahr 2007 produzierte der Sci-Fi Channel einen Horrorfilm unter dem Titel Headless Horseman.
Siehe auch
Akephalos, ein kopfloser Dämon
Dund, dämonischer Totengeist in Südasien
Kopflose Juffer, weibliche Gespenster im Rheinland
Literatur
Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Zehn Bände. de Gruyter, Berlin 1927–1942 (Unveränderter photomechanischer Nachdruck. Ebenda 2000, ISBN 3-11-011194-2).
Dieter Feucht: Grube und Pfahl. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Hinrichtungsbräuche (= Juristische Studien. Bd. 5, ISSN 0449-4369). Mohr, Tübingen 1967
Heinrich Hoffmann (Hrsg.): Zur Volkskunde des Jülicher Landes. 2 Bände. Dostall, Eschweiler 1911–1914, wichtige Sagensammlung;
Band 1: Sagen aus dem Rurgebiet.
Band 2: Sagen aus dem Indegebiet.
Peter Kremer: Wo das Grauen lauert. Erschröckliche Geschichten von Blutsaugern und kopflosen Reitern, von Werwölfen und Wiedergängern an Inde, Erft und Rur. PeKaDe-Verlag, Düren 2003, ISBN 3-929928-01-9 (Sagensammlung).
Peter Kremer: Draculas Vettern. Auf den Spuren des Vampirglaubens in Deutschland. Selbstverlag, Düren 2006.
Steenbock in: Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Kiel 1845, S. 184.
Fünfte Legende von Rübezahl in: Johann Karl August Musäus, Volksmärchen der Deutschen. München 1976, S. 250–277. Erstdruck: Gotha (Carl Wilhelm Ettinger) 1782–1786 (5 Bde.) (bei zeno.org)